Die Grade der Demut

Geliebte Gottes!

Ein jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk. 14, 11). An zwei Sonntagen im Kirchenjahr – am 10. und am heutigen 16. Sonntag nach Pfingsten – läßt uns die Kirche diesen Ausspruch des Heilandes hören, um uns die Bedeutung der Demut einzuschärfen.

Die Tugend der Demut ist nicht deshalb von so großer Bedeutung, weil sie die größte aller Tugenden wäre. Nein, der Primat unter den Tugenden kommt allein der Caritas, der Liebe, zu. Die Demut ist deshalb von so großer Bedeutung, weil sie das Fundament aller anderen Tugenden ist. Jedes Gebäude bedarf eines Fundamentes, sonst stürzt es in kurzer Zeit wieder ein. Wie das Fundament einem Bauwerk dauerhaften Bestand verleiht, so sichert die Demut die Dauerhaftigkeit aller anderen Tugenden. 

Und noch ein zweites: Je höher ein Gebäude gebaut werden soll, je weiter es in den Himmel aufragen soll, um so tiefer müssen seine Fundamente hinab reichen. Wie die Tiefe des Fundaments einen begrenzenden Faktor für die Höhe eines Gebäudes darstellt, so stellt auch die „Tiefe“, d.h. der Grad der vorhandenen Demut einen begrenzenden Faktor für die erreichbare Höhe in den übrigen Tugenden dar. Wir können uns noch so sehr um die göttlichen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und Liebe bemühen; wir können noch so sehr danach trachten klug, gerecht, starkmütig und mäßig zu sein; wir können noch so sehr um den Fortschritt in den übrigen Tugenden beten. Wenn die Demut nicht weit hinab reicht, werden wir in den übrigen Tugenden nicht besonders hoch hinauskommen. – Das ist der Grund, warum beispielsweise der hl. Benedikt in seiner Mönchsregel keine andere Tugend so ausführlich beschreibt wie die Tugend der Demut. – Die Demut ist das Fundament aller Tugenden, denn sie ist die notwendige Disposition, die unsere Seele für die Gnade Gottes empfänglich macht. Die Grade der Demut verhalten sich proportional, d.h. verhältnismäßig zu dem höchstmöglichen Grad, den wir in anderen Tugenden erreichen können.

Das Wesen und die Wurzel der Demut

Die Lehre, daß Gott den „Demütigen“, den „Niedrigen und Kleinen“, sowie den „Armen im Geiste“ Seine Gnade schenkt, ist sowohl im Alten als auch im Neuen Testament enthalten. Der hl. Jakobus schreibt in Anlehnung an einen Spruch König Salomons: „Gott widersteht den Stolzen, den Demütigen aber gibt Er Gnade“ (Jak. 4, 6; Spr. 3, 34)

Die Demut ist jene Tugend, die das ungeordnete Verlangen im Menschen nach Hohem und Großem mäßigt. Sie bändigt jenes Streben, das über die rechte Ordnung hinauswill, und dabei höheres Ansehen, größere Bevorzugung und mehr Beachtung für sich begehrt oder in Anspruch nimmt, als es den tatsächlichen Fähigkeiten, den tatsächlichen Verdiensten oder der tatsächlichen Stellung entspricht. Damit steht die Demut im Gegensatz zum Laster des Stolzes. – Während die Demut Wahrheit, Selbstkenntnis und Ehrlichkeit voraussetzt, beruht der Stolz auf Lüge, Unwahrheit und Täuschung. Der Stolze verlangt Anerkennung und Auszeichnungen aufgrund von Vorzügen, die nicht vorhanden sind. – Die Demut ist Wahrheit. Sie steht jener Ehre und Auszeichnung nicht entgegen, die der wahren Würde eines Menschen, seinem Amt oder seinen Verdiensten entsprechen. Aber sie verlangt nicht, was ihr nicht zukommt, und legt auf das, was ihr zukommt, keinen übermäßigen Wert.

Wie das Fundament einem Bauwerk erst dann Stabilität verleihen kann, wenn es die weichen, sandigen Bodenschichten durchdringt und bis auf den Felsen hinab reicht, so kann auch die Demut dem Gebäude des geistlichen Lebens erst dann dauerhaften Bestand verleihen, wenn sie den weichen Untergrund menschlicher Unbeständigkeit und Selbstüberschätzung durchdrungen hat und sich ganz auf Gott stützt. Denn Gott allein ist der einzige tragende Felsengrund für das Tugendgebäude des geistlichen Lebens.

Die Tugend der Demut beinhaltet zwei wesentlich Momente: 1. die schonungslose Erkenntnis der eigenen Mangelhaftigkeit und daraus folgend die realistische Selbsteinschätzung, daß wir aus uns selbst nichts sind und nichts vermögen. Deshalb hat die demütige Seele ein großes Mißtrauen gegen sich selbst. – 2. beinhaltet die Demut die Anerkennung der Majestät und Vorzüglichkeit Gottes, dem sie alle guten Werke, alles Können und Gelingen zu verdanken hat. Je mehr sich die demütige Seele selbst mißtraut, um so größeres Vertrauen setzt sie auf Gott und auf Gott allein. Diese Haltung eröffnet der Seele den Zugang zur unerschöpflichen Quelle der göttlichen Gnade und der Barmherzigkeit Gottes. Gott ist unendlich gut und unendlich großzügig. Das Hindernis, warum wir wenig oder gar keine Gnade von Gott empfangen, liegt nicht auf Seiten Gottes, als ob Er nicht geben wollte, sondern daran, daß größere Gnaden einen tieferen Grad der Demut erfordern! Je tiefer die Demut, desto größer ist die Fähigkeit der Seele, die Güter der göttlichen Barmherzigkeit tatsächlich zu empfangen.

Der erste Grad: „Jedes gute Werk ist Gott zuzuschreiben.“

Zahlreiche Lehrer des geistlichen Lebens haben die Tugend der Demut in verschiedene Grade eingeteilt. Hier folgen wir einer Einteilung des spanischen Dominikanertheologen Ludwig von Granada (1505-1588), den der hl. Franz von Sales als den „Fürsten der geistlichen Schriftsteller“ bezeichnet hat. Er unterscheidet sechs Grade der Demut. 

Der erste Grad besteht in der Erkenntnis, daß alles Gute allein von Gott stammt. Gott ist die Ursache alles Guten. Wie er den Menschen jeden Augenblick im Dasein erhalten muß, so muß Er auch jeden Augenblick dessen gute Anlagen, Begabungen und Talente im Dasein erhalten. Ja, mehr noch! Gott muß dem Menschen sogar jeden Augenblick die Kraft schenken, seine Fertigkeiten gebrauchen zu können. Um nur einen einzigen Gedanken zu denken, ein Wort auszusprechen oder einen Finger rühren zu können, brauche ich die tätige Hilfe Gottes. „Ohne mich könnt ihr nichts tun“ (Joh. 15, 5), sagt unser göttlicher Erlöser. Und das ist im wörtlichen Sinne zu verstehen! Und wenn schon alle natürlichen Anlagen – die Kräfte des Leibes, die Schärfe des Verstandes, die Zuverlässigkeit des Gedächtnisses, jeder Willensentschluß – ganz auf Gottes Unterstützung angewiesen sind, um wieviel mehr sind dann erst alle übernatürlichen Güter – die unzähligen Gnaden, die Gaben des Heiligen Geistes – ganz von Gott abhängig. Wenn schon niemand ohne den Beistand Gottes, der ja der erste Beweger ist, irgendein natürliches Werk tun kann, um so weniger kann der Mensch ohne Mitwirkung der göttlichen Gnade etwas übernatürlich Gutes vollbringen. All unsere Werke, sowohl die der natürlichen als auch die der übernatürlichen Ordnung, haben ihren Ursprung in Gott. Jeder gute Einfall, jede tugendhafte Absicht, jeder fromme Gedanke entspringt zuerst einer Anregung Gottes. Er will uns retten und uns dazu bewegen, gute Werke zu tun. – Der demütige Mensch kann sich nicht einfach mit diesem theoretischen Wissen seiner totalen Abhängigkeit von Gott, wie es ihn die Philosophie lehrt, begnügen. Er ist ganz von dieser Wirklichkeit überzeugt. Er ist ganz durchdrungen von der Wahrheit, die Christus einst der hl. Margareta Maria Alacoque eingeprägt hat indem Er zu ihr sprach: „Ich bin derjenige der ist. Und du bist diejenige, die nicht ist.“ – Diese Einsicht wappnet den Christen gegen die „eitle Ehre“ und gegen das „Lob der Menschen“. Denn selbst wenn die anderen Menschen sein Können bewundern und seine Werke loben, wird er sich stets so verhalten, als gälte das Lob allein Gott, dem alles Lob gebührt. Der erste Grad der Demut macht die Seele dankbar gegen Gott. Dankbar für alles, was ihr mit Gottes Hilfe gelingt, dankbar für alles, was sie mit Gottes Hilfe Gutes leisten darf.

Der zweite Grad: „Jedes gute Werk ist ein Werk der ungeschuldeten Gnade Gottes.“

Der zweite Grad der Demut geht tiefer. Er besteht in der Erkenntnis, daß alles gute Gelingen, das Gott durch einen Menschen wirkt, gänzlich unverdient ist. – Daß uns Gott zum Guten anregt und bewegt, ist nicht die Frucht unserer Anstrengung, nicht die Frucht unserer Gebete, nicht die Frucht unseres sittlichen Wandels, auch keine Belohnung für irgendein Verdienst unsererseits, sondern einzig und allein Gnade; d.h. ein ungeschuldetes Geschenk der göttlichen Barmherzigkeit. „Nicht wir haben Gott geliebt“ (1. Joh. 4, 10), daß Er uns vergelten müßte. „Nicht wir haben Gott geliebt, sondern Er hat uns zuerst geliebt.“ Manche Menschen begreifen zwar, daß Gott bei allem, was sie Gutes tun, als Erstursache wirkt. Aber im tiefsten Innern ihres Herzens sind sich doch davon überzeugt, daß sie dessen auch würdig sind. Sie glauben, aufgrund ihrer eigenen Verdienste, aufgrund ihres frommen, gottesfürchtigen Lebenswandels, aufgrund ihrer Treue Anspruch auf die göttliche Gnade zu haben. Doch das ist nicht wahr! Tatsächlich besteht der Wert unserer guten Werke ja nicht in den Werken selbst, sondern in der übernatürlichen Gnade, mit der sie getan werden. Das Almosen eines Heiligen und das gleichwertige Almosen aus der Hand eines Todsünders sind an sich betrachtet das gleiche Werk. Trotzdem ist das Almosen des Heiligen verdienstlich, weil es in der Gnade gegeben wurde, das Almosen des Todsünders hingegen wertlos für die Ewigkeit. Allein die Gnade gibt unseren guten Werken übernatürlichen Wert. Die Gnade stammt aber allein von Gott. Sie ist ein unverdientes Geschenk Gottes, das Er uns gratis gewährt. Ohne die Gnade sind unsere Werke wertlos. – Es verhält sich dabei etwa so wie beim Papiergeld. Der Geldschein selbst ist zunächst lediglich wertloses Papier. Das Papier erhält erst durch den offiziellen Aufdruck durch die Geldpresse seinen Wert. Es hätte statt zum Geldschein auch zum wertlosen Notizblock verarbeitet werden können. Worin läge also das Verdienst des Papieres, daß es den Aufdruck einer 200- oder gar einer 500-Euro-Note erhalten hat? Unser menschliches Tun ist wie das Papier. Allein die Barmherzigkeit Gottes gibt dem menschlichen Tun durch das Hinzutreten der Gnade übernatürlichen Wert. Erst dadurch wird es gut, wertvoll und für den Himmel verdienstlich gemacht. 

Der demütige Mensch muß also auf dem zweiten Grad einsehen, daß alles Gute, das er an sich erkennt, nicht nur ursächlich von Gott herstammt, sondern daß es ihm von Gott unverdienterweise geschenkt wird. Daß hingegen alles, was in seinem Leben wertlos für die Ewigkeit bleibt, allein von Menschen herstammt, weil er sich durch die Sünde dem Einfluß der göttlichen Gnade verweigert. Das einzige, was der Mensch also wirklich „aus sich selbst“ verdienen kann, ist die Hölle. Mit anderen Worten: Alles was über das Böse hinausgeht; alles an uns, was nicht Sünde ist, stammt von Gott und ist das Werk Seiner Gnade – nicht unser Werk. Wer in dieser Überzeugung gefestigt ist, hat den zweiten Grad der Demut erreicht. Doch dieser ist noch nicht hinreichend zur Vollkommenheit dieser Tugend.

Der dritte Grad: „Ich bin nur ein Sünder.“

Es gibt viele Menschen, die zwar einsehen, daß alles Gute an ihnen von Gott herstammt und daß es ihnen aus unverdienter Gnade, nicht aufgrund ihrer persönlichen Leistung zuteil wurde. Aber trotzdem gefallen sie sich selbst darin. Die Selbstgefälligkeit an den eigenen Vorzügen führt sie dazu, sich den Mitmenschen gegenüber überlegen einzuschätzen. Sie meinen, die Sonne würde nur über ihrem Garten aufgehen. Sie meinen, sie hätten mehr Licht, mehr Verständnis, mehr Tugend als andere und sind deshalb erfüllt von übermäßigem Selbstvertrauen. Eitles Selbstgefallen gebiert eitles Selbstvertrauen. Und eitles Selbstvertrauen gebiert eitle Selbstüberheblichkeit. Das ist deshalb so gefährlich, weil sich der Teufel meisterlich darauf versteht, eine derart „demütige Seele“ in ihrem Überlegenheitsgefühl zu bestärken. – Das vielleicht anschaulichste Beispiel solch „überlegener Demut“ bietet uns das Gleichnis vom Gebet des Pharisäers im Tempel. Er dankt Gott dafür, nicht so zu sein wie die anderen Menschen: „O Gott, ich danke Dir, daß ich nicht bin wie die übrigen Menschen“ (Lk. 18, 11), spricht er. In seinem Dank anerkennt der Pharisäer, daß alles Gute an ihm von Gott stammt. Darin besteht der erste Grad der Demut. Es ist nicht ausgeschlossen, daß er sogar glaubt, daß ihm all seine Vorzüge ohne sein eigenes Verdienst zuteil geworden ist. Das wäre der zweite Grad. Aber er ist davon überzeugt, gewisse Qualitäten zu besitzen, die ihn aus der Masse der übrigen Menschen herausragen und ihn allen anderen gegenüber überlegen erscheinen lassen. Er fehlte ihm der dritte Grad der Demut. Kennzeichen dieses Mangels ist neben dem Wohlgefallen an den eigenen Vorzügen vor allem das stete Vergleichen mit dem Nächsten, das bekrittelnde Urteil und die Herabsetzung des Nächsten. 

Der Mensch hingegen, der diesen Grad der Demut erreicht hat, erkennt einerseits die Tugenden, mit denen Gott seine Mitmenschen beschenkt hat, an und begegnet dem Nächsten deshalb mit Wertschätzung, während er andererseits blind ist für die eigenen Tugenden und Vorzüge. Er nimmt an, im Vergleich mit anderen weniger tugendhaft zu sein als er es tatsächlich ist. Und das wohlgemerkt nicht aufgrund einer aufgesetzten, gespielten Bescheidenheit, sondern aus ehrlicher Überzeugung seines Herzens. Ein Phänomen, das wir oft bei den Heiligen sehen, die sich als nichtswürdige Sünder betrachten, obwohl sie längst die höchsten Tugendgrade erreicht hatten. 

Während materielle Güter um so einfacher bewacht und am besten vor Diebstahl gesichert werden können, wenn man sie beständig im Blickfeld behält und sie nicht aus den Augen läßt, so lassen sich im Gegensatz dazu die geistlichen Güter – die Tugenden und übernatürlichen Verdienste – am sichersten bewahren, indem man gerade nicht auf sie schaut, wenn man gar nicht an sie denkt; wenn man darauf ganz vergißt. – Zu diesem Zweck läßt es Gott auch geschehen, daß über Seine auserwählten Diener bisweilen schwere Versuchungen kommen, von denen sie heftig gequält werden. Durch die Bedrängnis der Versuchung wird nämlich die eigene Schwäche, die eigene Fehlerhaftigkeit, das eigne Unvermögen ins Zentrum der Aufmerksamkeit der Seele gehoben, so daß sie auf ihre tatsächlichen vorhandenen Tugendwerke vergißt und auf diese Weise das eitle Wohlgefallen am eigenen Geschick und Können zerstört wird.

Der vierte Grad: „Die verborgene Eigenliebe verdirbt alles.“

Zur vollkommenen Erlangung der Demut ist jedoch die Erkenntnis der eigenen Schwäche und Armut nicht hinreichend. Die Seele muß zur Einsicht gelangen, daß jedem tugendhaften Werk, das Gott in ihr und durch sie wirkt, der Makel der Eigenliebe anhaftet. Der Demütige des vierten Grades erkennt nicht nur die Tatsache der verborgenen Eigenliebe, die sich immer wieder einschleicht, sondern er erkennt, daß die Eigenliebe praktisch omnipräsent ist, in all seinen guten Gedanken, Worten und Werken heimlich mitschwingt und auf diese Weise selbst die vollkommensten und tugendhaftesten Werke befleckt werden. Die Eigenliebe ist eine Fäulnis, die immer wieder hervorbricht in Form von unbeherrschbaren Regungen der Leidenschaften, von schlechten Neigungen, von versteckter Rücksichtnahme auf die eigene Bequemlichkeit oder in Form von verborgenem Eigennutzen. Sie haftet all unseren guten Werken an, mindert ihren Wert in den Augen Gottes und mißfällt Gott sehr. – Die Eigenliebe ist mit dem Stallgeruch zu vergleichen. Selbst ein weißes, frisches Hemd nimmt nach kürzester Zeit den Gestank des Schweinestalls in sich auf. Obwohl äußerlich rein und sauber, ist ein solches Hemd ganz vom Gestank der Schweine durchdrungen und wird im Verkehr mit anderen gewiß Anstoß und Mißbilligung erregen.

Aus eigener Anstrengung können wir nicht zu einer derart tiefen Selbsterkenntnis gelangen, die uns einsehen läßt, wie selbst unsere besten und tugendhaftesten Werke von unserer Eigenliebe verdorben werden. Wir benötigen dazu eine übernatürliche Erleuchtung Gottes. Dieses Licht vom Himmel muß die Nebelschwaden der Selbsttäuschung vertreiben, damit wir uns so erkennen können, wie wir wirklich sind. Zweifelsohne ist diese schonungslose Offenlegung unseres wahren Zustandes eine sehr schmerzhafte Selbsterkenntnis, aber gleichzeitig eine sehr heilsame und damit eine große Wohltat Gottes.

Wenn schon ein Richter in dem Urteil, das er über einen Freund zu fällen hat, nicht ganz unbefangen sein kann, um wieviel weniger der Mensch im Urteil über sich selbst. Wir kennen es aus eigener Erfahrung, wie streng wir doch andere bestraft sehen wollen, hingegen für unsere Fehler und Sünden stets Milde und Verständnis einfordern. Der Mensch ist in der eigenen Sache immer ein schlechter Richter. Deshalb müssen wir Gott um Sein Licht anflehen, so wie es der hl. Augustinus in dem schönen Gebet getan hat: „Herr, laß mich recht erkennen wer ich bin und wer Du bist.“ Denn die wahre Selbsterkenntnis kann nur durch Gott, der gleichermaßen allwissend und gerecht ist, herstammen. – Um dieses Licht zu erlangen, ist das Gebet, insbesondere das betrachtende Gebet, von großer Bedeutung, weil Gott das zur Selbsterkenntnis notwendige Gnadenlicht nur durch das Gebet gewährt.

Der fünfte Grad: „Ich bin der armseligste und undankbarste Sünder.“

Der fünfte Grad der Demut ist erreicht, wenn sich die Seele nicht nur als einen Sünder erkennt, sondern auch davon überzeugt ist, der schlimmste aller Sünder zu sein. – Es entsteht niemandem ein Schaden, wenn man sich zurückhält und sich anderen gegenüber gering einschätzt. Hingegen entsteht unter Umständen ein großer Schaden, wenn man sich vordrängelt und den Vorrang vor anderen beansprucht. Das ist genau die Lehre des heutigen Evangeliums vom Gerangel um die ersten Plätze.

Der hl. Franziskus wurde einst von einem seiner Minderbrüder gefragt, wie er ehrlich von sich behaupten könnte, daß er der armseligste Sünder sei, da ihn doch Gott mit solch großen Gnadengaben und Wundern ausgezeichnet hat. Der Poverello antwortete, daß er, wenn Gott auch nur einen Augenblick Seine schützende Hand über ihm zurückzöge, zu den größten Schandtaten und häßlichsten Verbrechen imstande wäre. Und daß jeder andere Mensch, dem die göttliche Gnade in demselben Maß geschenkt worden wäre, wie sie ihm zuteil wurde, viel größeren Nutzen daraus gezogen hätte, als er es getan hat. Der hl. Franz von Assisi erkannte, daß er so viele Gnaden in seinem Leben ungenutzt gelassen hat. Deshalb war er davon überzeugt, der elendste und undankbarste aller Sünder zu sein. Er schauderte also nicht vor einer bestimmten Sünde zurück, sondern davor, der Gnade, die ihm tagtäglich von Gott angeboten worden war, nicht gerecht geworden zu sein, nicht besser mit ihr gearbeitet zu haben.

Die fünfte Stufe der Demut geht also aus einem Vergleich hervor. Der Seele wird bewußt, daß die von Gott empfangen Gnaden in keinem Verhältnis zu dem stehen, was sie daraus tatsächlich gemacht hat. Daß durch ihr schuldbares Versäumnis, durch ihre Nachlässigkeit, Zeitvergeudung, Bequemlichkeit und Eigenliebe so viel Gutes verhindert oder wenigstens nicht in jenem Maß zustande gekommen ist, welches möglich gewesen wäre, hätte sie der angebotenen Gnade vollkommen entsprochen. Daß ein anderer Mensch, der dieselben Anregungen empfangen hätte wie sie, dieselben viel besser genutzt hätte, als sie es getan hat. – Und handelt es sich dabei nicht um eine wahre Feststellung? Wie oft haben wir schon die Gnade Gottes nicht so genutzt, wie wir sie hätten nutzen könne und müssen. Der Gedanke daran läßt die Seele auf der fünften Stufe der Demut erschauern.

Der sechste Grad: „Es ist würdig und recht, wenn ich verachtet werde.“

Der sechste und letzte Grad der Demut betrifft die äußeren Merkmale dieser Tugend. Sie gehen stets aus der innerlichen Tugend hervor. Die wahre Herzensdemut besteht nicht nur in einer tiefen Selbsterkenntnis und Selbstverachtung, sondern sie tritt auch im äußeren Verhalten in Erscheinung. Derjenige, der sich selbst erniedrigt, sich ehrlich allen Lobes und aller Ehrenbezeigung unwert erachtet, wird sich auch nach außen hin dementsprechend verhalten. Er wird mit dem letzten Platz nicht nur zufrieden, sondern glücklich sein. Er wird gerne mit den einfachsten Menschen umgeben sein; wird seine Stärken, seine Tugenden, sein Wissen, seine Schönheit zu verbergen suchen, um auf diese Weise dem Sohn Gottes, dem vollkommensten Beispiel wahrer Demut, ähnlich zu werden. Christus hat den Glanz Seiner Gottheit, Seine Weisheit, Seine Macht stets verborgen, es sei denn, es war im Gehorsam gegen den Willen Gottes notwendig, sie offen zu zeigen. Er umgab sich mit den einfachsten Menschen, ja selbst mit Sündern und verachteten Personen. Und dabei begegnete Er ihnen mit Achtung und Freundlichkeit. Er war gekommen, um zu dienen, nicht um sich bedienen zu lassen. So nahm der Sohn Gottes unter uns den letzten Platz ein.

Die äußeren Akte der Demut müssen natürlich in Übereinstimmung mit der inneren Gesinnung des Herzens stehen. Sonst sind sie Heuchelei. Außerdem müssen sie in Übereinstimmung mit der Klugheit im Hinblick auf die Würde der eigenen Person und hinsichtlich der Pflichten des Standes bzw. des Amtes sein.

Der wahrhaft demütige Menschen schreckt nicht davor zurück, verachtet oder geschmäht zu werden. Er begnügt sich nicht nur damit, demütig nach außen hin zu erscheinen, sondern die Echtheit seiner Tugend beweist sich darin, daß er auch dann noch allen mit Hochachtung begegnet, allen gehorcht und niemanden ohne gerechten Grund tadelt, wenn ihm Unrecht geschieht. Er sucht nicht seine Ehre, weder in Worten noch in Taten. – Demut ist Wahrhaftigkeit. Deshalb verabscheut der Demütige alles heuchlerische, scheinheilige Gebaren. – Er erforscht die Geheimnisse Gottes nicht aus Neugier. – Er verlangt keine Wertschätzung und Hochachtung für seine Verdienste seitens seiner Vorgesetzten und Mitmenschen. Selbst angesichts von Ungerechtigkeit, Herabsetzung und Spott gegen seine Person bleibt sein ganzes Verhalten bescheiden, gütig und wohlwollend.

Der Fortschritt in der Demut

Der hl. Bernhard von Clairvaux sagt: „Die Demütigung ist der Weg zur Demut.“ Mit anderen Worten: Wer in der Demut wachsen möchte, soll nicht nur darum beten. Er soll sich auch darauf gefaßt machen, daß sein Gebet erhört wird und Gott Demütigungen über ihn kommen lassen wird. Dann soll er nicht empfindlich und ungehalten werden. Denn es gibt keinen anderen Weg als die Demütigung, um in der Demut zu wachsen. Die Demütigung konfrontiert uns schonungslos mit der Wahrheit unserer eigenen Mangelhaftigkeit und lehrt uns den stolzen Nacken vor Gott beugen, wodurch wir die Zuneigung Gottes gewinnen. Der hl. Augustinus sagt: „Gott ist groß. Aber wenn du dich erhöhst, dann wird Er vor dir fliehen. Wenn du dich demütigst, wird Er sich dir nahen.“

O Größe und Macht der Demut! Je tiefer wir auf ihr hinabsteigen, um so höher führt sie uns empor. Sie richtet die Gefallenen auf und bereichert die Armen. Sie heilt die Kranken und erleuchtet Blinde mit dem Licht wahrer Erkenntnis. Sie schenkt dem Menschen den Himmel auf Erden und führt ihn aus dem Sumpf der Sünde heraus bis an die Pforte des Paradieses. Die Sehnsucht, Gott lieben zu dürfen, brachte einst Gott dazu, vom Himmel auf die Erde herabzukommen. Aus dem Schoß des ewigen Vaters stieg der Sohn herab in den Schoß Seiner unbefleckten Mutter. Er legte Seine Herrlichkeit ab, um Seinen heiligen Leib am Schandpfahl des Kreuzes zu opfern. Die Demut hat den Sohn Gottes zu einem Mensch werden lassen. So wird die Demut auch aus dem Menschen ein Kind Gottes machen. Amen.