Die Welt der Engel

Geliebte Gottes!

Der September ist traditionell der Verehrung der hl. Engel gewidmet. Deswegen wollen wir am ersten Sonntag dieses Monats unseren Blick auf die Welt der Engel lenken.

Die Existenz der Engel

Vom Ursprung der Engel berichtet uns der Schöpfungsbericht in seinem allerersten Vers. Dort heißt es: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (Gen. 1, 1). Der ausgesagte Gegensatz zwischen „Himmel“ und „Erde“ bezeichnet hier nicht den zwischen dem blauen Himmel über uns und den lehmigen Erdboden zu unseren Füßen, sondern den Unterschied zweier grundsätzlich verschiedener, aber nicht voneinander geschiedener Bereiche der Schöpfung. Das Wort „Erde“ ist hier als Sammelbegriff für die gesamte sichtbare, materielle, räumlich-dreidimensional ausgedehnte Schöpfung zu verstehen. Der „Himmel“ bezeichnet das unsichtbare Reich, die Welt unzähliger, reiner Geister, die Engel genannt werden. – Die irdische Welt, in der wir leben, heißt „sichtbare Welt“, weil wir sie mit den Augen sehen und mit unseren Sinnen wahrnehmen können. Sie ist für unsere leiblichen Augen sichtbar, weil sie aus körperlichen Teilen, aus stofflichen Teilchen, aus Materie besteht. Die irdische, sichtbare Welt ist die Körperwelt. Sie ist riesig groß. Denken wir nur an die riesige Ausdehnung des Weltalls. – Die Körperwelt ist erfüllt mit einer unüberschaubaren Mannigfaltigkeit körperlicher Geschöpfe: Mineralien, Pflanzen, Tiere. Sie werden in viele Tausende von Klassen, Arten und Gattungen unterschieden und eingeteilt. Alles in allem ist die sichtbare Schöpfung in einer hierarchischen Stufenordnung ausgebildet. Zuunterst stehen die unbelebten Körper. Etwa die Elemente Wasser, Erde, Feuer, Luft. Eine Stufe höher befindet sich das Pflanzenreich. Darüber das Tierreich. Und darüber wiederum die Krone der sichtbaren Schöpfung, der Mensch. Der hl. Thomas von Aquin sagt: „Je höher etwas in den Seinsstufen steht, desto mehr reicht es an die Ähnlichkeit Gottes heran. Die auf der untersten Stufe Stehenden nehmen nur ihrem Sein nach an der Gottähnlichkeit teil; so die leblosen Wesen. Andere im Sein und Leben; wie die Pflanzen. Wieder andere durch das sinnliche Empfinden, nämlich die Tiere. Der höchste Grad kommt aber den Wesen zu, die Ihm [Gott] auf Grund der Vernunft ähnlich sind“ (Comp. Theol.; cap. 75). Und der hl. Thomas erklärt weiter: Wenn die Schöpfung insgesamt die Vollkommenheit Gottes widerspiegeln soll, dann muß notwendigerweise angenommen werden, daß auch alle möglichen Seinsstufen in der Schöpfung tatsächlich verwirklicht sind. Daß es also nicht nur rein körperliche Geschöpfe wie die Steine, Pflanzen und Tiere oder geistig-körperliche wie den Menschen, sondern auch rein geistige, unkörperliche Geschöpfe geben muß. Die menschliche Seele kann nicht der Gipfel der Schöpfung sein, weil die Seele in ihrer Tätigkeit von den Sinnen des Körpers abhängig ist. In dieser Abhängigkeit von der Materie besteht die Unvollkommenheit und Beschränktheit des menschlichen Geistes. – Die Vollkommenheit der Schöpfung verlangt mit gewisser Notwendigkeit nach dem Dasein rein geistiger Geschöpfe. Sie verlangt Geschöpfe, welche die höchstmögliche Gottähnlichkeit besitzen. Geschöpfe, die wie Gott über Vernunft und freien Willen verfügen, ohne dabei an einen Körper gebunden zu sein. Geschöpfe, die wie Gott „reine Geister“ sind, wenngleich nicht unendlich vollkommen wie Er. Diese Geschöpfe sind die Engel. 

Diese philosophischen Überlegungen, basierend auf dem Prinzip der hierarchischen Seinsordnung, werden bestätigt durch die göttliche Offenbarung. Es gibt geschaffene, reine Geister tatsächlich. Wer die Existenz der Engel leugnen will, kann dies nicht tun, ohne die gesamte Heilige Schrift zu verwerfen. Denn nahezu auf jeder Seite der Heiligen Schrift begegnen uns Engel. Das Alte Testament berichtet uns beispielsweise, daß Gott Engel sandte, um Lot aus Sodom herauszuführen, ehe Gottes Strafgericht über die verruchte Stadt hereinbrach. – Drei Engel kündeten dem greisen Abraham von der bevorstehenden Geburt seines Sohnes Isaak. – Als Hagar, die Magd des Abraham, von diesem vertreiben wurde, da erschien ihr ein Engel, so schön und wunderbar, daß sie ihn für Gott selbst hielt. – Als Jakob vor seinem Bruder Esau in die Fremde flüchten mußte, da tröstete ihn Gott mit dem Traum von der Himmelsleiter, auf der die Engel des Himmels auf- und niederstiegen. – Ein Engel erschlug die Erstgeburt Ägyptens, ehe das auserwählte Volk der Hebräer unter der Führung des Moses aus der Knechtschaft des Pharaos entlassen wurde. – Als der junge Tobias im Auftrag seines greisen Vaters eine weite Reise unternehmen mußte, da war es der Erzengel Raphael, der ihn in sichtbarer Gestalt vor den Gefahren der Reise beschütze und glücklich zu seinen Eltern nach Hause zurückführte. – Als später im babylonischen Exil die drei Jünglinge wegen ihres standhaften Glaubens an den einen Gott in den glühenden Feuerofen geworfen wurden, da war es abermals ein Engel, der mitten die Flammenglut hinabstieg um die drei Jünglinge vor Schaden zu bewahren.

Noch häufiger ist im Neuen Testament von Engeln die Rede. Der Erzengel Gabriel erscheint dem frommen Priester Zacharias im Tempel und verkündet ihm die Geburt Johannes des Täufers. – Sechs Monate später wird derselbe Erzengel zur Jungfrau Maria gesandt, um ihr die Botschaft zu überbringen, daß sie zur Muttergottes auserwählt sei. – Ein Engel eröffnete dem hl. Joseph im Traum das Geheimnis von der jungfräulichen Empfängnis des Erlösers durch den Heiligen Geist. – Ein Engel verkündete den Hirten auf den Fluren von Bethlehem die Geburt des göttlichen Kindes. Und eine ganze Engelsschar fiel ein in den Gesang des „Gloria in excelsis Deo“. – Ein Engel warnte die Heilige Familie vor dem Mordanschlag des Herodes auf das Jesuskind. – Und wiederum ein Engel überbrachte der Heiligen Familie später den Auftrag, aus ihrem ägyptischen Exil in das Heilige Land zurückzukehren. – Engel eilten herbei und dienten dem Heiland in der Wüste nach Seinem hl. Fasten und nach der Versuchung durch den Satan. – Ein Engel stärkte unseren göttlichen Erlöser in Seiner Todesangst am Ölberg. – Engel verkündeten am Ostermorgen die Auferstehung Christi und am Tag Seiner Himmelfahrt Seine herrliche Wiederkunft am Ende der Welt. – Ein Engel löste die Ketten des im Gefängnis schmachtenden Apostelfürsten Petrus und führte ihn unbehelligt und mit schlafwandlerischer Sicherheit an zahlreichen Wachposten vorbei in die Freiheit. – Engel beschützen die Apostel auf ihren Missionsreisen und kündeten dem hl. Evangelisten Johannes auf Patmos die zukünftigen Geheimnisse des Gottesreiches. 

Die gesamte Heilsgeschichte legt Zeugnis für die tatsächliche Existenz reiner Geister ab, die zusammengenommen das „Reich der Himmel“ bilden. Und so erklärte das IV. Laterankonzil im Jahr 1215: „Gott … gründete im Anfang der Zeit aus dem Nichts zugleich beide Reiche, das geistige und das körperliche, das der Engel und das der [sichtbaren] Welt, und darauf das des Menschen, der – aus Körper und Geist zusammengesetzt – gewissermaßen beiden Reichen angehört.“ Der Mensch bildet somit nicht den Gipfel der Schöpfung, sondern ist die Schnittstelle zwischen „Himmel“ und „Erde“, zwischen der Körperwelt, über der sich dann noch die Weite des Reichs der geschaffenen himmlischen Geister auftut, an dessen Spitze Gott selbst, der Allerhöchste, als der ungeschaffene und unendlich vollkommene Geist thront.

Die Zahl und Ordnung der Engel

Wenn wir dies Welt der reinen Geister sehen könnten, wie wir die Körperwelt schauen, was würden wir zu sehen bekommen? – Eine Welt, die vermutlich noch größer und ausgedehnter ist als die materielle Welt; die noch glänzender, noch vielfältiger, noch artenreicher ist als die Körperwelt. „Tausendmal tausend dienten Ihm, und zehntausendmal hunderttausend standen vor Ihm“ (Dan. 7,10), berichtet uns der Prophet Daniel von der Vision, die ihm vom himmlischen Hofstaat zuteil geworden ist. Wie in der sichtbaren Körperwelt, so existiert auch im Reich der Engel eine Stufenordnung, eine Hierarchie, vom unvollkommeneren zum vollkommeneren aufsteigend. Die einen Engel sind vollkommener als die anderen. Die Heilige Schrift benennt verschiedene Arten von Engeln. Sie redet von Seraphim (vgl. Is. 6, 2); von Cherubim (vgl. Ez. 10, 5); von Thronen, Herrschaften, Mächten und Gewalten (vgl. Kol. 1, 16) und von Erzengeln (vgl. 1. Thess. 4, 15). Die mündliche Überlieferung und die späteren Kirchenlehrer nehmen neun „Chöre“ der Engel an, von denen je drei Chöre zusammengenommen eine sog. „Ordnung“ bilden. Es gibt also drei Ordnungen, wobei sich jede Ordnung aus drei Chören zusammensetzt. Was insgesamt neun Chöre ergibt. 

Die drei höchsten Chöre bilden zusammen die „erste Ordnung“. Sie haben ihre Namen von ihrem Verhältnis, in welchem sie zu Gott stehen. Zuoberst und damit der göttlichen Majestät am nächsten stehend befinden sich die Seraphim. Sie werden ob ihrer glühenden Liebe zu Gott „Brennende, Feurige“, auf hebräisch eben „Seraphim“ genannt. – Darunter steht der Chor der Cherubim. „Cherub“ bedeutet wörtlich „Ergreifer, Festhalter“ oder auch „vertrauter Diener“. Die Cherubim werden so genannt, weil sie über eine unbegreiflich tiefe Kenntnis der göttlichen Geheimnisse verfügen. Sie sind gleich Kammerdienern die Vertrauten Gottes, die Mitwisser Seiner größten Geheimnisse. Sie vermögen mit ihrem Verstand noch zu „ergreifen“ und „festzuhalten“, was das Fassungsvermögen niedrigerer Geister übersteigt. – Die Engel des dritten Chores werden „Throne“ genannt. Sie bilden gewissermaßen den Thron Gottes und sind in einem unerschütterlichen Frieden begründet.

Die „zweite Ordnung“ der himmlischen Heerscharen besteht aus dem vierten, fünften und sechsten Chor. Es sind die „Herrschaften“, die „Mächte“ und die „Gewalten“. Während die erste Ordnung Gott als Thronassistenz dient und nur für Ihn allein da ist, richtet sich der Dienst der „zweiten Ordnung“ auf den Erhalt der Schöpfung. Die „Herrschaften“ gebieten über die Engel der „dritten Ordnung“, die wir gleich sehen werden. Sie regeln, koordinieren und erhalten das Gefüge der Naturgesetze; angefangen vom Lauf der Sterne bis zum kleinen Atom. – Unter den Herrschaften stehen die Chöre der „Mächte“ und der „Gewalten“. Von ihnen schreibt der hl. Papst Gregor der Große: „‚Mächte‘ werden jene Geister genannt, durch welche häufig Zeichen und Wunder geschehen.“ Sie sind die Wundertäter, wie etwa jener Engel, der zur Zeit Jesu im Bethesda-Teich von Zeit zu Zeit das Wasser in Wallung brachte, woraufhin der erste Kranke, der ins Wasser stieg, Heilung fand, egal unter welchem Leiden er litt (vgl. Joh. 5, 4). Papst Gregor fährt fort: „‚Gewalten‘ werden diejenigen genannt, die es in ihrer Ordnung vollkommener als die anderen empfangen haben, daß ihrer Botmäßigkeit die feindlichen (dämonischen) Mächte unterworfen sind; denn durch ihre Gewalt werden diese (die Dämonen) in Schranken gehalten, damit sie sich nicht erdreisten, die Menschenherzen zu weit zu versuchen, als Gott es zulassen will“ (hom. in Evv. 34).

Die untersten drei Chöre bilden zusammen die „dritte Ordnung“. Es sind die „Fürstentümer“, die „Erzengel“ und die „Engel“. Ihre Sorge richtet sich auf die Menschen. Die Fürstentümer sind jene Geister, welche die Ratschlüsse und Befehle von Gott in Empfang nehmen und dieselben entweder an die Erzengel oder an die Engel weiterleiten. – Den Menschen Gottes Willen mitzuteilen, ist bei den verborgensten Ratschlüssen und in wichtigen Angelegenheiten Sache der Erzengel. Bzgl. der Mitteilung alltäglicher Dinge, wie zur Vollstreckung göttlicher Befehle und zum Schutz der Menschen, werden die Engel ausgesandt.

Name und Natur der Engel

Der Name „Engel“, vom griechischen „ἄγγελος“ bzw. lateinischen „angelus“ bedeutet „Bote“ und gibt, wie der hl. Augustinus sagt, nur „eine Bezeichnung der Aufgabe, nicht der Natur“ (in Ps. 103, serm. 1, n. 15) an. – Im eigentlichen Sinn, trifft die Bezeichnung „Engel“ ja lediglich auf die Vertreter der untersten Ordnung zu, weil nur die untersten drei Chöre die Botschafter zwischen Gott und den Menschen sind. Jedoch wurde der Name „Engel“ auf alle geschaffenen, reinen Geister übertragen. Im weitesten Sinne sind damit alle geschaffenen, reinen Geister gemeint, also sowohl die seligen als auch die gefallenen Engel. Doch gewöhnlich spricht man von „Engeln“ im engeren Sinne nur von den heiligen und seligen Geistern. Im Gegensatz dazu stehen zur Benennung der gefallenen, bösen Geister die Ausdrücke „Teufel“oder „Dämonen“

Alles, was aus Gottes Hand hervorgegangen, ist gut. Und so waren ursprünglich, bis zur Auflehnung Luzifers, alle Engel gut. Sie waren das Beste, was aus Gottes Schöpferhand hervorgegangen ist. Sie sind der vollkommenste Abglanz der göttlichen Natur und damit der menschlichen Natur haushoch überlegen. Sie sind so gewaltig, so mächtig, so schön, daß Menschen, denen sie erscheinen, meist vor ihnen niederfallen, um sie anzubeten, weil sie meinen, Gott selbst vor sich zu haben. – Sie verfügen über einen scharfen Verstand. Ihre Kenntnis selbst des niedrigsten Engels ist viel weiter, schärfer, schneller, klarer und tiefer als die der gelehrtesten und gebildetsten Menschen. Denn die Engel werden direkt von Gottes erleuchtet. Deshalb besitzen sie großes Wissen. Doch allwissend wie Gott sind sie nicht. 

Die Engel verfügen über einen freien Willen und über große Macht. Ihr Wille ist nicht belästigt durch Leidenschaften oder die träge Schwerfälligkeit des Fleisches. Erleuchtet von ihrer großen Erkenntnis fällt ihre Wille prompte Entschlüsse, bringt sie entschieden zur Ausführung und hält mit unverrückbarer Beharrlichkeit an der einmal getroffenen Entscheidung fest. – Wenn ein Kind mit seiner kleinen Hand eine Flaumfeder nimmt und mit all seiner Kraft durch die Luft zu schleudern versucht, so fliegt die Feder nicht weit, nicht hoch, nicht in gerader Linie. Sie flattert ein paar Augenblicke in der Luft; ein wenig hierhin, dann dorthin, bis sie schließlich kraftlos zu Boden fällt. Schon der Widerstand der Luft hemmt ihren Lauf. Wenn aber ein Geschoß, vielleicht zentnerschwer, aus einer Panzerkanone abgefeuert wird, dann fliegt die Granate mit ungeheurer Geschwindigkeit in gerader Richtung auf das Ziel zu – kilometerweit. Es durchschlägt Beton und Panzerstahl. – Unsere menschlichen Willensentschlüsse und Vorsätze – auch die besten – gleichen dem Flug einer Feder. Sie sind schwach, kommen langsam zustande, dauern häufig nur kurze Zeit und werden bei den kleinsten Hindernissen abgelenkt oder gar wieder fallengelassen. Der Wille der Engel hingegen ist prompt, entschlossen, standhaft und unwiderruflich entschieden. Wie eine Panzergranate geht er unaufhaltsam auf sein Ziel; unumkehrbar, mit durchschlagender Wirkung. Die Engel sind mächtig. Und doch, allmächtig wie Gott sind sie nicht. 

Die Engel verfügen über eine große Schnelligkeit, das heißt: sie sind nicht wie wir Menschen durch einen Körper an Raum und Zeit gebunden. Und doch, allgegenwärtig wie Gott sind sie nicht. – Bei allen Vorzügen ihrer herrlichen Natur bleiben sie doch Geschöpfe aus Gottes Hand; bleiben sie lediglich „dienende Geister“, die den Willen und die Aufträge des Allerhöchsten zur Ausführung bringen.

Der Dienst der Engel

Die Engel des Himmels haben eine hohe Bestimmung, einen erhabenen Beruf. Sie wurden erschaffen, um Gott zu verherrlichen. Sie dienen der höheren Ehre Gottes. Sie vermehren Seine Ehre, indem sie Seine Macht, Weisheit und Güte stets betrachten und anbeten und indem sie sich an Seiner unendlichen Vollkommenheit erfreuen. Der hl. Thomas von Aquin sagt: „Alle Chöre der Engel loben Gott einstimmig und doch auf verschiedene Weise; denn wie sie an Erkenntnis verschieden sind, so auch in der Art und Weise des Lobes.“ Sowohl im fortwährenden Lobgesang des „dreimal Heilig“ verherrlichen sie Gott als ihren höchsten Herrn als auch in der schnellen, pünktlichen Ausführung Seiner Befehle.

Die Engel des Himmels verherrlichen Gott ferner, indem sie den Menschen zu Hilfe eilen, ihrem Heile dienen und sie vor Gefahren schützen. Sie sind die Gesandten der göttlichen Vorsehung, von der wir am letzten Sonntag gehört haben. Sie sind der besondere Ausdruck der Fürsorge Gottes für den Menschen. Im Psalm 33 heißt es: „Der Engel des Herrn wird sich lagern um die, welche Ihn fürchten, und sie erretten“ (8). Und der 90. Psalm ruft uns in Erinnerung: „Seinen Engeln hat Er deinetwegen befohlen, dich zu behüten auf allen deinen Wegen“ (11). Zahlreiche Belege beweisen, daß die Engel dem Menschen vor allem „Schutzengel“ sind; daß sie ihm beistehen, dem Leibe nach und im Hinblick auf ihr irdisches Wohlergehen. Sie gewähren Hilfe in der Not. So der Engel, welcher den Propheten Elias auf seiner Flucht, und jener, der den Propheten Daniel in der Löwengrube gespeist hat. – Sie sind Rettung in den Gefahr des Leibes. Insbesondere aber sind sie es in den Gefahren für die Seele. In unzähligen Versuchungen und gefährlichen Gelegenheiten zur Sünde schützen sie uns. Sie mahnen und warnen uns durch unser Gewissen. Sie vertreiben die bösen Mächte. So schrieb Judith nicht bloß ihren Triumph über Holophernes, sondern besonders auch die Bewahrung ihrer Keuschheit und Unversehrtheit dem Engel Gottes zu. Und erst im Himmel werden wir sehen, an wievielen sündhaften Gefahren, an wievielen hinterhältigen Fallen des Teufels sie uns derart behutsam vorbeigelenkt haben, daß wir es nicht einmal bemerken konnten.

Gegen die Lehre von den Schutzengeln wird jedoch der Einwand erhoben: „Wenn jeder Mensch einen Schutzengel hat, woher kommt es dann, daß uns dennoch so viele Unglücksfälle zustoßen?“ – Doch dieser Einwand trifft nicht, wenn man bedenkt, daß zeitliche Unglücksfälle, Krankheiten, Katastrophen und Unfälle keineswegs immer Übel sind. Oft sind sie in Wirklichkeit Wohltaten, weil Prüfungen unsere Tugend läutern und Widrigkeiten, Anfechtungen und Bedrängnisse ein großer Ansporn zum Guten sein können. Das Leben zahlreicher Heiliger ist gerade durch Unglücksfälle auf den Weg der Gottesfreundschaft und Vollkommenheit gelenkt worden. Wäre Franz von Assisi nicht in Gefangenschaft geraten und dabei schwer erkrankt, hätte es womöglich einen Poverello und das für die Christenheit so heilsame Armutsideal des Franziskanerordens niemals gegeben. Hätte die Kanonenkugel das Knie des Ignatius von Loyola nicht zerschmettert, wäre die Stoßtruppe der katholischen Kirche, der Jesuitenorden, nie gegründet worden und das Licht des Glaubens womöglich zahlreichen Völker in den Missionsgebieten versagt geblieben. – Die heiligen Schutzengel, die vor allem unser ewiges Heil wollen, können und dürfen daher gewisse Leiden nicht von uns abwenden, sonst würde uns ihr Schutz mehr schaden als nützen. Wir kennen die Wege der göttlichen Vorsehung, deren ausführende Organe die Engel sind, viel zu wenig, als daß wir immer beurteilen könnten, was uns zum Heile dienlich ist uns was nicht. 

Die hl. Engel beschützen uns nicht nur. Sie dienen uns auch durch ihre Fürbitte. Sie unterstützen unser Gebet und tragen es zusammen mit unseren guten Werken vor Gottes Angesicht empor. So sprach der hl. Erzengel Raphael zu Tobias: „Als du und deine Schwiegertochter betetest, brachte ich euer Gebetsopfer vor den ‚Heiligen‘ (Gott) und als du die Toten begrubst, stand ich dir auch zur Seite“ (Tob. 12, 12)

Schließlich werden uns die hl. Engel auch auf dem Totenbett bei unserem Verscheiden beistehen. Deshalb ruft die Kirche in der „Commendatio animae“, also in den Sterbegebeten, die heiligen Engel zu Hilfe, daß sie, wie einst die Seele des Lazarus in Abrahams Schoß, so auch die scheidende Seele vor Gott hinbringen mögen.

Folgerungen

Am Ende unseres kurzen Ausflugs in die Welt der Engel, wollen wir drei Gedanken, drei Lehren festhalten. 1. Den Gedanken an die Größe und Majestät Gottes. Wie gewaltig und erhaben muß doch Gott sein, wenn Er so vollkommene Wesen in so unüberschaubarer Zahl geschaffen hat und diese Ihm mit all ihrem Liebeseifer prompt und bereitwillig dienen. 2. Der Gedanke an den Wert unserer Seele. Jede Menschenseele ist Gott so viel wert, daß er für jede einzelne von ihnen einen eigenen Engel abgestellt hat, der diesen Menschen behütet, umsorgt, bessert, zur Verachtung der Welt und zur Liebe Gottes aneifert, damit auch diese Seele dereinst das Angesicht Gottes schauen und sich daran erfreuen darf, wie es der hl. Engel bereits jetzt tut. 3. Der Gedanke an unsere Pflichten gegenüber unserem Schutzengel: Wir müssen vor unserem Schutzgeist große Ehrfurcht haben. Dazu mahnt uns Gott selbst mit eindringlichen Worten: „Habe acht auf deinen Engel und höre auf seine Einflüsterung. Widerstrebe ihm nicht! Denn er würde ein Vergehen von dir nicht ertragen, weil Mein Name in ihm ist“ (Ex. 23, 21). Die Ehrfurcht vor dem Schutzengel soll auf zweifache Weise ihren Ausdruck finden: Einmal natürlich im Gehorsam gegen seine Einflüsterungen und seine Anregungen, das Gute zu tun und das Böse zu meiden, ja selbst die Gelegenheit zur Sünde zu fliehen. Zum andern soll sich unsere Ehrfurcht im täglichen Gebet zum Schutzengel zeigen. Unser Tagewerk sollte nicht beginnen, ehe wir wenigstens ein kurzes, aber inniges Gebet an ihn gerichtet haben. Ein Stoßgebet in einer aktuellen Gefahr für den Leib oder die Seele sollte uns genauso vertraut sein wie der abendliche Dank für seinen fürsorglichen Dienst. 

Die hl. Schutzengel lieben uns mehr, als die bösen Geister uns hassen. Sie beten für uns. Sie kämpfen mit uns und für uns. Vertrauen wir auf ihren Dienst. Gehorchen wir ihren Weisungen, und die Angriffe des bösen Feindes werden unserer Seele nicht schaden. Stattdessen werden wir unbeirrt und sicheren Schrittes vorankommen auf dem Weg, der uns zum ewigen Leben führt. Und dort werden wir zusammen mit den Engeln des Himmels Gott in alle Ewigkeit preisen: „Heilig, Heilig, Heilig, Herr Gott der Heerscharen. Himmel und Erde sind erfüllt von Deiner Herrlichkeit. Hosanna in der Höhe!“ Amen.