Erhabenheit des hl. Meßopfers

Geliebte Gottes!

Zuletzt sagten wird, daß das einmalige unüberbietbare Opfer des Neuen Bundes, das Kreuzesopfer unseres göttlichen Erlösers, als unblutiges Opfer in Gestalt der hl. Messe fortbestehen und von Mal zu Mal aufs Neue vergegenwärtigt werden sollte. Wir haben bewiesen, daß dieser Glaubenssatz von den Verheißungen des Alten Bundes, von den Worten Jesu Christus beim letzten Abendmahl und auch von der Praxis der katholischen Kirche durch alle Jahrhunderte hindurch eindeutig bezeugt wird.

Mit den Worten „Tut dies zu Meinem Andenken“ (Lk. 22, 19), hat Christus befohlen, immer wieder, kraft der Wandlungsworte, Seinen heiliger Leib unter der Gestalt des Brotes sowie Sein kostbares Blut unter der Gestalt des Weines getrennt voneinander dem himmlischen Vater aufzuopfern. Die heilige Messe ist damit „das immerwährende Opfer des Neuen Bundes.“

Hieraus folgen weitere Gedanken, die wir heute eingehender beleuchten wollen. Zum einen stellt sich die Frage nach der Würde des hl. Meßopfers. Steht höher als das Kreuzesopfer? Oder ist es verglichen mit dem Kreuzesopfer geringer einzuschätzen? In welchem Zusammenhang steht das einmalige Kreuzesopfer mit dem fortwährenden Meßopfer genau? Worin stimmt das Meßopfer mit dem Kreuzesopfer überein? Wodurch unterscheiden es sich davon? – Sobald wir Würde und Wert der hl. Messe erfaßt haben, müssen wir uns dann natürlich fragen, welche Verpflichtungen für uns aus diesem Zusammenhang mit dem Kreuzesopfer erwachsen.

Übereinstimmung: Kreuzesopfer – Meßopfer 

Die ganze Würde und die volle Erhabenheit des hl. Meßopfers kann nicht kürzer ausgedrückt werden als in dem Satz: Das hl. Meßopfer ist wesentlich dasselbe Opfer wie das Opfer am Kreuz. Das ist die einfache Wahrheit. Denn worauf kommt es bei einem Opfer an? Wir haben es schon öfters gesagt und wiederholen es gern, weil es so wichtig ist: Zuerst die sichtbare Gabe. – Was für eine Opfergabe wurde am Kreuz geopfert? Der Leib Christi; sein blutiger, zerschlagener, gekreuzigter Leib. – Des weiteren das kostbare Blut des göttlichen Erlösers, welches aus Seinen zahllosen Wunden hervortrat. – Sodann wurde geopfert: Sein Leben, Seine Seele. „Vater, in Deine Hände befehle Ich meinen Geist!“ (Lk. 23, 46). – Wenn wir sodann auf die hl. Messe blicken, was wird dort geopfert? Nichts Größeres als am Kreuz; aber auch nichts Geringeres! Der Leib Christi in der Gestalt des Brotes, das Blut Christi unter der Gestalt des Weines, der ganze Christus. Also dieselbe Opfergabe wie beim Kreuzesopfer.

Das zweite Wesensmerkmal jedes Opfers besteht darin, daß die Gabe Gott dargebracht wird. Diese Darbringung hat durch einen Priester zu geschehen. – Vergleichen wir also. Wer war der Priester, der das Opfer am Kreuz darbrachte? Wir haben es uns bereits an den letzten Sonntagen erarbeitet. Jesus Christus, der heilige, der unschuldige, der unbefleckte Hohepriester des Neuen Bunde, der ausgesondert von den Sündern und erhabener ist als der Himmel. Das ist der Priester am Kreuz. – Wer ist aber der Priester, der das hl. Meßopfer darbringt? Lassen wir uns nicht täuschen, wenn wir einen bloßen Menschen in seiner ganzen Armseligkeit die Stufen des Altares hinaufsteigen sehen! Der geweihte Priester handelt beim hl. Meßopfer nicht im eigenen Namen, sondern im Namen Jesu Christi, dessen Stelle er am Altar vertritt. – Das zeigen uns die liturgischen Gewändern, die der Priester vor Beginn der Messe anlegt. Durch diese Gewänder wird der Priester mit Christus bekleidet. Ja, er verwandelt sich sozusagen in den einen und einzigen Hohenpriester des Neuen Bundes. Darum trägt er die Albe, das weiße Gewand, weil er dasteht, spricht und handelt im Namen des heiligen, unbefleckten und makellosen Hohepriesters Jesus Christus. Darum trägt er das Zingulum um die Hüften geschnürt, weil er opfert an Stelle des ehelosen und keuschen Hohenpriesters des Neuen Bundes. Darum trägt er das Manipel am linken Unterarm, zur Erinnerung an die Fesseln des göttlichen Willens, mit denen sich das Lamm Gottes an den Opferaltar des Kreuzes führen ließ und dabei Seinen Mund nicht auftat, um zu klagen und zu jammern. Darum trägt er das Bild des Kreuzes auf dem Meßgewand, weil er Stellvertreter des Hohenpriesters ist, der am Kreuz angenagelt Sein Blut darbrachte. Darum trägt die Stola auf den Schultern, weil er Denjenigen repräsentiert, Der die Sündenlast der ganzen Welt auf sich genommen und getragen hat. – Das Anlegen der heiligen Gewänder durch den Priester darf jedoch nicht mit der Kostümierung eines Schauspielers, der nur rein äußerlich in die Rolle eines anderen schlüpft, verwechselt werden. Durch die heiligen Gewänder wird lediglich das nach außen sichtbar gemacht, was in der Seele des Priesters, seit dem Augenblick seiner Priesterweihe, unsichtbare Wirklichkeit ist. Durch die Handauflegung des Bischofs ist der Seele des Priesters der bis in alle Ewigkeit unauslöschliche Weihecharakter eingeprägt worden. D.h. seine Seele ist dabei dem ewigen Hohenpriester Jesus Christus verähnlicht worden. Er handelt seither nicht mehr in seiner eigenen Person, sondern in „persona Christi“; er ist zu einem zu einem „alter Christus“, zu einem „zweiten Christus“ geworden. Mit einem Wort: Nicht der menschliche Priester ist derjenige, der das hl. Meßopfer vollzieht. Sondern Jesus Christus Selbst handelt durch den geweihten Priester hindurch. Der Priester am Altar ist nur das Werkzeug, durch welches der eine und einzige Hohepriester des Neuen Bundes wirkt. Besonders deutlich wird das gerade im Augenblick der hl. Wandlung. Der Priester spricht nicht die Worte: „Das ist der Leib Christi.“ – „Das ist der Kelch des Blutes Christi.“ Nein. Der geweihte Stellvertreter spricht bei der hl. Wandlung die Worte der Konsekration so, als wenn er selbst Jesus Christus wäre: „Das ist MEIN Leib“ – „Das ist der Kelch MEINES Blutes.“ Und dabei werden nicht Leib und Blut des Zelebranten, sondern der Leib und das Blut Christi gegenwärtig. Das hl. Meßopfer wird also tatsächlich von Jesus Christus Selbst dargebracht, der sich dabei der Hände, der Zunge, der Worte und der Person des menschlichen Priesters bedient. Christus selbst wirkt im Priester und durch den Priester. – Wir müssen also feststellen: Wir haben beim hl. Meßopfer nicht nur ein und dieselbe Gabe, die geopfert wird, sondern wir haben auch ein und denselben Priester wie beim Kreuzesopfer.

Nachdem wir diese Übereinstimmung gesehen haben, ist es offensichtlich, daß das Kreuzesopfer und das Meßopfer natürlich auch in dem dritten Wesensmerkmal eines wahren Opfers absolut deckungsgleich sind; nämlich darin, daß Gott und Gott allein dadurch die höchste Verherrlichung erwiesen und angebetet werden soll. Das ergibt sich von selbst. Wenn es derselbe Opferpriester ist, dann stimmt auch die Absicht, in der Christus opfert, bei beiden überein. – Halten wir fest: Beim Kreuzesopfer und beim hl. Meßopfer werden dieselben Gaben durch denselben Priester in derselben Meinung Gott dargebracht. Es ist also ein und dasselbe Opfer! – Durch das Meßopfer wird das Kreuzesopfer, jenes Ereignis, um das sich die ganze Menschheitsgeschichte dreht, in den gegenwärtigen Augenblick versetzt. Mit seiner ganzen Heiligkeit, Macht und Größe! Welch ein erhabenes Schauspiel vollzieht sich da ganz unscheinbar vor uns auf dem Altar! Es ist also keine Übertreibung zu sagen: Wenn wir dem hl. Meßopfer beiwohnen, befinden wir uns auf Golgotha, zusammen mit der allerseligsten Jungfrau Maria, so wie der Lieblingsjünger, der hl. Apostel Johannes, unter dem Kreuz, während der ewige Hohepriester höchstpersönlich Seines erhabenen Amtes als Mittler zwischen Gott und den Menschen waltet. Das hl. Meßopfer steht also in keiner Weise hinter dem Opfer, welches nur ein einziges Mal am Kreuz dargebracht wurde, sondern beinhaltet es geheimnisvoll: „Mysterium fidei“ – „Geheimnis des Glaubens“.

Unterschiede: Kreuzesopfer – Meßopfer 

Aber gibt es nicht doch auch Unterschiede? Ja, Kreuzesopfer und Meßopfer unterscheiden sich auch voneinander. Aber diese Unterschiede betreffen nicht das Wesen des Opfers, sondern nur akzidentelle, also nebensächliche Dinge. – Am Kreuz opfert sich Christus in Seiner eigenen menschlichen Gestalt. Man sah Seine ausgespannten Arme, man sah das fließende Blut, das Verbluten, den Todeskampf des Opfers. – In der hl. Messe opfert Er sich, wenn man so sagen darf, unter den fremden Gestalten des Brotes und des Weines. Gewiß, das ist ein Unterschied. Aber kein Unterschied, der das Wesen des Opfers berührt. – Ein ehrliches Herz ist ebensoviel wert unter dem schäbigen Gewand eines Bettlers, wie unter dem prunkvollen Mantel eines Königs. Eine Goldmünze behält denselben Wert, wenn sie in ein Papierstück eingewickelt ist, oder wenn sie vor aller Augen offen auf dem Tisch liegt. – Ist etwa der Leib Christi weniger heilig, oder ist Sein heiliges Blut weniger kostbar, weil beide in der hl. Messe unter den unscheinbaren Gestalten des Brotes und des Weines geopfert werden? Keineswegs! Oder wird der himmlische Vater etwa nicht wissen, was unter jenen Gestalten zugegen ist? Natürlich weiß Er es. – Wir glauben es. Gott weiß es.

Es ist aber noch ein zweiter Unterschied vorhanden: Das Kreuzesopfer war blutig. Es fing an, als unserem Herrn die heiligen Wunden geschlagen wurden. Es wurde fortgesetzt, solange das hochheilige Blut floß. Es war begleitet von unsäglichen Schmerzen. Es war vollendet, als der letzte Tropfen des hl. Blutes geflossen war. Beim Kreuzesopfer waren Schmerz, Wunden, Blut und Tod, wohin man sehen konnte. – Beim hl. Meßopfer nichts dergleichen. Es ist unblutig. Warum? Weil Christus, von den Toten auferstanden und verklärt, nicht mehr stirbt. Er kann nicht mehr verwundet werden. Er kann nicht mehr leiden. Er kann nicht mehr sterben. Ja, aber ändert das nicht etwas an dem Wesen des Opfers? – Überhaupt nicht! Was ist schöner und kostbarer: ein sterbender Leib, ein gestorbener Leib oder der auferstandene Leib, der verklärte Leib, strahlend wie die Sonne, reiner als Schnee, bestaunt vom ganzen Himmel? Gott weiß es! Fest steht: der sterbende Heiland und der verklärte Heiland sind in den Augen Gottes eine gleich wohlgefällige Opfergabe.

Dann noch ein dritter Unterschied: Das Opfer am Kreuz ist, wie schon öfters erwähnt wurde, nur ein einziges Maldargebracht worden. – Das hl. Meßopfer wird hingegen täglich, an wer weiß wie vielen Orten, durch wer weiß wie viele Priester, und wer weiß wievielmal dargebracht. Das ist richtig. – Aber auch das ist richtig, daß das hl. Meßopfer eben die unblutige Erneuerung des einmaligen Kreuzesopferst ist. Es wird durch die erneute Vergegenwärtigung kein wesentlich anderes Opfer. – Liegt nun darin etwa ein Grund, das hl. Meßopfer geringer zu schätzen als das Kreuzesopfer? Durchaus nicht. – Bedauerlicherweise sind wir Menschen so, daß wir das wenig achten und geringer einschätzen, was sich täglich wiederholt. Ein Sprichwort sagt: „Das Alltäglich wird gering geschätzt.“ – Jeden Morgen geht die Sonne auf. So viele Jahre und Jahrhunderte ohne Unterbrechung. Wir erleben es alle Tage, und weil es täglich geschieht, achten wir kaum noch darauf. Und doch, was wäre die Erde ohne ihr Licht, ohne ihre Wärme? Eine Eiswüste, ohne Pflanzen, ohne Blumen, ohne Wachstum, ohne Leben. Sie würde bald erstarren in unerträglicher Kälte. Was würde geschehen, wenn sie nur einige Tage ausbliebe? Wie würde man sie erwarten! Wie ängstlich würden sich alle Blicke nach Osten richten und Ausschau nach ihr halten. Mit welchem Jubel würde man ihr Wiederkehren begrüßen. Und doch würde die neuaufgehende Sonne nichts anderes und nichts Besseres sein und bringen, als was sie früher gewesen und früher alle Tage gebracht hat. – Ist also deswegen das hl. Meßopfer geringer, weil es im wahrsten Sinne des Wortes alltäglich ist? Padre Pio von Pietrelcina sagte zurecht das bekannte Wort: „Eher könnte die Welt ohne Sonne bestehen, als ohne das heilige Meßopfer.“

Unsere Pflichten hinsichtlich des hl. Meßopfers

Vergessen wir das nie, wenn man auf das Wesen der Sache blickt, so ist das hl. Meßopfer dasselbe Opfer wie das Opfer am Kreuz. Aus dieser Erhabenheit des hl. Meßopfers ergeben sich aber nun für uns sehr deutliche und bestimmte Verpflichtungen.

1. Wenn das hl. Meßopfer dasselbe Opfer ist wie das Opfer am Kreuz, dann ist der Altar, auf dem das hl. Meßopfer dargebracht wird, nicht weniger heilig als jenes Holz des Kreuzes, welches als Altar für das Kreuzesopfer diente. Bedenken wir, mit welchem Einsatz man jenes Holz des Kreuzes gesucht hat, mit welcher Freude man es fand, mit welcher Sorgfalt es bis auf den heutigen Tag aufbewahrt, mit welcher Ehrfurcht es behandelt und mit welcher Vorsicht es in Reliquienkapseln aufbewahrt wird. – Mit welchem Eifer sollten also auch wir den Altar aufsuchen, mit welcher Ehrfurcht vor dem Altar knien, auf dem das Kreuzesopfer unblutig erneuert wird. – Die Verwüstung der „Liturgiereform“ des sog. 2. Vatikanums hat das heilige Meßopfer fast zum Verschwinden gebracht. Heute wird es nur noch an wenigen Orten erlaubterweise, gültig und unverstümmelt dargebracht. In der Generation, welche es miterleben mußte, wie mit der „Neuen Messe“ der Greuel der Verwüstung in die heimatliche Pfarrkirche eingezogen ist, wurde wieder eine große Wertschätzung für das hl. Meßopfer geweckt. Der Meßbesuch war mit einem Mal eben doch nicht mehr ganz so alltäglich und leicht möglich, wie damals in den „guten alten Zeiten“ vor „dem Konzil“. Möge auch die jüngere Generation zu derselben hohen Wertschätzung des hl. Meßopfers gelangen wie ihre Eltern und Großeltern. Sobald ihnen die Erhabenheit der hl. Messe vermittelt wurde und sie erfaßt haben, was es bedeutet an ihr teilnehmen zu dürfen (!), werden auch sie jenen Eifer an den Tag legen und die mit dem Meßbesuch in Verbindung stehen Mühen und Schwierigkeiten gerne auf sich nehmen.

Weil das Opfer am Kreuz, jenes Ereignis, um das sich die gesamte Menschheitsgeschichte dreht, täglich im hl. Meßopfer erneuert wird, so sollten wir täglich Gott dafür danken, so oft wir können daran teilnehmen und uns doch wenigstens täglich in die hl. Messe einschließen, wenn wir aufgrund der weiten Entfernung oder aufgrund unserer Standespflichten verhindert sind, persönlich dem hl. Opfer beizuwohnen. Sowohl das bekannte Schutzengelgebet stellt eine Möglichkeit hierzu dar, als auch eine große Zahl anderer schöner Gebete, durch die man sich in die hl. Messen, die andernorts gefeiert werden, empfehlen kann.

2. Wenn das hl. Meßopfer wesentlich dasselbe Opfer ist wie das Opfer am Kreuz, dann ist der Ort, an dem die hl. Messe gefeiert wird, nicht weniger heilig als Golgotha. Nun ist der Kalvarienhügel den Christen früher so heilig gewesen, daß sie mit den wenig komfortablen Verkehrsmitteln ihrer Zeit aus allen Länder der christlichen Welt nach Jerusalem pilgerten, daß sie an diesem Ort niederfielen und den Boden geküßt haben. Daß hunderttausende Männer die Waffen ergriffen und ihr Blut und Leben riskierten, um diesen Ort vor mordbrennenden Ungläubigen zu verteidigen und den christlichen Pilgern offen zu halten. – Wäre es da zuviel verlangt, wenn man sagt, wir Katholiken sollten den Ort, an welchem das Kreuzesopfer unblutig erneuert wird, wenigstens insoweit ehren, daß wir uns ehrerbietig an diesem Ort verhalten? Daß wir einander durch ehrfürchtiges Benehmen erbauen und unseren Kinder ein gutes Beispiel zur Nachahmung geben? – Die Ehrfurcht vor dem heiligen Ort zeigt sich schon in der Kleidung, mit der wir die hl. Messe besuchen. Jeder kennt die Kleiderordnung, welche die katholische Kirche schon allein für das Betreten einer Kapelle oder Kirche wünscht. – Daß wir ferner den hl. Ort nicht durch Lachen, durch Schwätzen, oder durch sonstige Unehrerbietigkeiten profanieren und entehren dürfen, bedarf keiner eingehenderen Erklärung. – Man kann nicht weniger als das verlangen! 

3. Wenn das hl. Meßopfer dasselbe Opfer ist wie das Opfer am Kreuz, dann folgt daraus auch, daß wir das hl. Meßopfer mit solcher Aufmerksamkeit und Andacht mitfeiern müssen, als wären wir damals auf dem Berg Golgotha mit dabeigewesen. – Wenn wir dabeigewesen wären, als Christus dort todmüde ankam, dort entkleidet, dort angenagelt und am Kreuzesstamm erhöht wurde; als Er litt und starb – was hätten wir getan? Hätten wir wie die Henkersknechte die Zeit unter dem Kreuz abgesessen, bis es endlich vorbei ist? Hätten wir uns die Zeit vertreiben mit Würfelspielen oder sonstigen Zerstreuungen? Hätten wir angesichts der geöffneten Wunden Jesu wie das Volk gelacht, geschwätzt oder sonstwie gestört? Wohl kaum! – Wie wir uns in angemessener Weise angesichts des erschütternden Opfers unseres Herrn verhalten sollen, zeigen uns die heiligen Personen, die wir unter dem Kreuz Christi finden: Da ist der römische Hauptmann, der sich an die Brust schlägt und die Gottheit Christi bekannt. Laut vernehmbar bekennt er seinen Glauben: „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn!“ (Mk. 15, 39). Da ist der reumütige Schächer Dismas, der sein eigenes Kreuz und seinen Tod als gerechte Strafe für seine Sünden anerkennt und Jesus um Erbarmen anfleht: „Gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst“ (Lk. 23, 42). Wir sehen dort die hl. Maria Magdalena, wie sie das Kreuz voll Mitleid, voll Dankbarkeit und voller Liebe umfaßt und von innerster Ergriffenheit übermannt gar nicht auf das achtet, was um sie herum geschieht. Sie ist ganz von dem Gedanken beherrschen: „Der, den meine Seele liebt, Er leidet! Er leidet für mich! Was tue ich für Ihn? Was will ich für Ihn tun?“ – Wir sehen dort den Lieblingsjünger, wie er aufmerksam und andächtig das blutige Erlösungsopfer mit dem scharfen Blick des Adlers betrachtet und seinem Herzen einprägt; wie seine Gedanken immer und immer wieder meditierend um die Bedeutung dieses Ereignisses kreisen; wie sein Herz beflügelt wird von der Erkenntnis der unendlichen Liebe Gottes, die vor dem Opfer des eingeborenen Sohnes nicht zurückschreckt, um den sündigen Menschen zu retten; das aber auch gleichzeitig zermalmt wird von der erschreckenden Einsicht, wie schlimm doch jede einzelne Sünde sein muß, wenn sie nur durch ein so grausames Opfer aus der Welt geschafft werden konnte. – Schließlich sehen wir dort die Allerseligste Jungfrau Maria, wie sie sich ganz mit ihrem göttlichen Sohn vereint; wie sie mit Ihm zu einer Opfergabe wird. Wie sie ihren menschlichen Willen ganz in Übereinstimmung mit dem göttlichen Willen bringt und ihr einmal gegebenes „fiat“ zur höchsten Vollendung bringt. Wie sie alles Unrecht und allen Schmerz, den Gott zuläßt, willig annimmt und zur Verherrlichung Seiner göttlichen Majestät aufopfert. Ihr unbeflecktes Herz war bei diesem Opfer vereint mit dem heiligsten Herzen Jesu. Maria litt mit Ihm und hat dort ihr mystisches Martyrium erlitten. Sie hat sich mit Ihm geopfert und wird deshalb zurecht als „Königin der Martyrer“ verehrt. – So wie diese großen Heiligen müßten auch wir die hl. Messe mitfeiern. 

Wir müßten des weiteren tun, was die Erde tat: Sie bebte. Was der Himmel tat: Er verfinsterte sich und trauerte. Wir müßten tun, was die Engelwelt tat. – Was tat diese? In der Geheimen Offenbarung schildert es der hl. Apostel Johannes, was im Himmel geschehen ist, als das Lamm Gottes die sieben Siegel mit denen das geheimnisvolle Buch des Lebens verschlossen war, gelöst hatte. „Da wurde es still im Himmel, wohl eine halbe Stunde lang“ (Offb. 8, 1). – Wer ist das Lamm? Christus. Was sind die sieben Siegel? Das Werk der Erlösung. Wann wurde das letzte Siegel gelöst und das Buch des Lebens geöffnet? Damals, als sich das Lamm Gottes am Kreuz opferte. – Und was geschah damals im Himmel? Da verstummten die Lobgesänge der Heerscharen Gottes, die seit Erschaffung der Welt immerfort das Dreimalheilig singt. Es verstummt eine halbe Stunde lang. Der ganze Himmel war in Erstaunen, in Entsetzen, in Verwunderung, in Anbetung, in Stillschweigen versunken angesichts des hl. Opfers am Kreuz. 

Übung macht den Meister!“

Noch einmal: Die hl. Messe ist dasselbe Opfer wie das Opfer am Kreuz. Wenn bei dem hl. Opfer am Kreuz die Cherubim und Seraphim in Schweigen und Andacht versinken, was kann dann der gebrechliche Mensch beim hl. Meßopfer anderes tun, als seine Andacht durch die größtmögliche Ehrerbietung des Leibes und die äußerste Aufmerksamkeit des Geistes bezeigen? Das geschieht, wenn wir dem hl. Meßopfer beiwohnen, wie der römische Hauptmann, wie der reumütige Schächer, wie Maria Magdalena, der Apostel Johannes und wie die schmerzhafte Gottesmutter Maria, so wie Himmel und Erde dem Kreuzesopfer beigewohnt haben. Weil es dabei aber wohl noch keiner von uns zur Vollkommenheit gebracht hat, müssen wir uns üben. Wir müssen uns immer und immer wieder üben und von ihrem Beispiel lernen. Jede hl. Messe, an der wir teilnehmen, ist eine neue Gelegenheit, um dem Opfer von Golgotha noch andächtiger, noch hingegebener, mit noch größerem Glauben, mit noch größerer Liebe, mit noch größerer Reue und Opferbereitschaft beizuwohnen als es bisher geschehen ist. Wenn wir uns darum bemühen, so werden auch dementsprechend Anteil an den übernatürlichen Früchte dieses hl. Opfers erlangen. – „Tut dies zu Meinem Andenken.“Amen.