Die Suche nach dem Verlorenen

Geliebte Gottes!

Wer bisweilen einmal etwas verliert oder verlegt, der kennt das brennende, innere Gefühl das einen dann überkommt; den Wechsel von Traurigkeit und Unruhe, das Hin und Her von Hoffen und Bangen: „Werde ich es wiederfinden?“ – meinen Haustürschlüssel, meine Geldbörse, ein wichtiges Dokument oder vielleicht auch meinen geliebten Rosenkranz. In äußerster Not stehen uns gläubigen Menschen ja auch eine Reihe himmlische Helfer zur Seite. Der klassische Ratschlag ist, den heiligen Antonius von Padua, dessen Fest wir heute feiern, anzurufen. Aber auch die Hilfe anderer Heiligen, wie etwa die der heiligen Rita, der Patronin in angeblich aussichtlosen Fälle, sind bekannt. Die „Suche nach dem Verlorenen“, so könnte man die beiden Lesungen des heutigen dritten Sonntags nach Pfingsten betiteln. Beide Texte – Epistel und Evangelium – greifen dieses Thema auf. Freilich finden wir hier keine speziellen Ratschläge und Tricks, wie wir Verlorenes möglichst schnell und leicht wiederfinden können. Nein, eine ganz andere Suche nach Verlorenem wird uns hier in Erinnerung gerufen.

Drei Sucher – Ein Gesuchtes

Drei Suchende begegnen uns da und auch drei gesuchte Dinge, die sich aber letztlich bei genauerem Hinsehen als ein und dieselbe Sache herausstellen. Zunächst ist in der Lesung aus dem 1. Petrusbrief die Rede vom Satan, von dem es heißt, er gehe wie ein brüllender Löwe umher, suchend, wen er verschlingen könne. Worte, welche die heilige Kirche an jedem Abend in der Komplet beten läßt, um den Beter zur Achtsamkeit zu mahnen. Der erste Sucher ist also der böse Feind, der Teufel; und das Gesuchte ist sein Fraß – nämlich der Mensch, der sich von Gott abgekehrt hat, der aus der Herde derer, die im Blute Christi gerechtfertigt worden sind, ausgebrochen ist und sich in Sünde verstrickt hat.

Dann geht unser Blick weiter zum Evangelium. Dort sehen wir den Hirten, der seine 99 Schafe in der Wüste zurückläßt, um das eine Tier, welches verlorengegangen ist, zu suchen. Sucher ist hier, wie es naheliegt, der gute Hirte, unser Herr Jesus Christus. Und das gesuchte Schaf ist auch hier der durch die Sünde verlorengegangene Mensch. Aber wie anders ist doch hier das Suchen des Hirten, im Vergleich zu dem des bösen Feindes, der nur deshalb sucht, weil er verschlingen will und nicht, weil es ihm um die Rettung gehen würde. – Schließlich wird uns am Ende des Evangeliums als dritte im Bunde eine suchende Frau gezeigt, die ihr ganzes Haus erhellt, ausleuchtet und durchfegt, um die eine verlorengegangene Drachme wiederaufzufinden. Wer ist diese Frau? Ist es vielleicht die katholische Kirche, die ja sozusagen hier auf Erden den Haushalt Gottes führt? Oder ist es als Urbild und Inbegriff dieser Kirche die allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria? Die Münze steht jedenfalls wiederum für den Sünder. Wie nämlich jedem Geldstück der damaligen Zeit das Abbild des jeweils regierenden Herrschers aufgeprägt worden war, so ist auch der Seele des Menschen das Bildnis seines Eigentümers eingeprägt. Die Menschenseele ist ja nach dem Bilde und Gleichnis Gottes geschaffen. Und insbesondere die Sakramente der heiligen Taufe und Firmung prägen ihr einen bleibenden Charakter ein, das Siegelbild Gottes. Es ist das unauslöschliche Bildnis des Christkönigs, welches in alle Ewigkeit vom Ursprung und Eigentümer des Menschen Zeugnis geben wird. Verloren ist diese Münze. Also in irgendeine staubige, schmutzige Ecke gefallen, woraufhin man ihr Bild nicht mehr recht zu erkennen vermag. Und so läßt sich ganz einfach verstehen, was uns im heutigen Evangelium von der Suche des Verlorenen gesagt wird: Zwei Parteien sind auf der Suche nach uns, nach einem jeden von uns!

Der brüllende Löwe

Auf der einen Seite steht derjenige, welcher uns verschlingen möchte. Also fressen, sich einverleiben. Nach einem kühnen Gedanken des hl. Augustinus gibt es neben dem „Corpus Christi mysticum“, dem geheimnisvollen Leib Christi, der katholischen Kirche, auch so etwas wie einen „Corpus diaboli mysticum“, also einen geheimnisvollen Leib des Teufels. Dem mystischen Leib Christi wird man durch die Taufe eingegliedert, um dadurch Anteil am übernatürlichen Leben, an der Heiligkeit Gottes und auch an dem Verdienst der Erlösung Christi zu empfangen. Parallel dazu, aber ganz ins Gegenteil verkehrt, verhält es sich bei dem geheimnisvollen Leib der Verworfenen. Hier wird man einverleibt, indem man in die schwere Sünde, in die Todsünde, fällt. In diesem Leib erhält der Mensch nicht mehr Anteil am ewigen Leben, sondern am ewigen Tod; nicht mehr Anteil an der vertrauten Freundschaft mit Gott, sondern an der Verworfenheit und Gottferne; nicht mehr Anteil an der Heiligkeit Gottes, sondern an der Knechtschaft der Sünde; nicht Anteil an den Verdiensten Christi, sondern an den „Verdiensten“ der gefallen Engel, dem Fluch der ewigen Verdammnis.

Wo begegnet uns dieser brüllende, seinen Rachen aufreißende Löwe? In dem lockenden Abgrund des Glaubensabfalls und der Gottvergessenheit; im verführerischen Spiel mit alldem, was Gottes Gebot entgegen steht; in dem Schlund des Neides, des Zornes und der Rachsucht, in dem Abgrund des Hasses, der sich, gerade wenn wir angefochten sind, manchmal in uns auftun will; oder auch in den schillernden Verlockungen schlechter Vergnügungen und fleischlicher Genüsse. Wer sich auf diese stürzt, der springt sozusagen in den geöffneten Rachen des Löwen hinein und läßt sich verschlingen. Viele, ja wohl sehr viele haben diesen Sprung getan. Es steht uns überhaupt nicht zu, hier im Einzelfall zu urteilen. Aber die Realität zeigt uns eben doch sehr genau, daß eine Menge von Menschen ganz augenscheinlich für Gott, für Sein Reich, für Seine Gnade und für Seine Liebe verlorengegangen sind. 

Genau diese Menschen sind es, die von dem Hirten und von der Frau aus dem heutigen Evangelium gesucht werden. Und das ist vielleicht eine der tröstlichsten Wahrheiten unserer katholischen Religion: Gott liebt Seine Geschöpfe. Er liebt jede Seele und will, daß alle selig werden. Selbst den ärgsten Sünder gibt Er, solange dieser im Fleische wandelt, nicht auf. Deshalb macht Er Sich höchstpersönlich auf und begibt Sich auf die Suche nach dem verlorenen Menschen. Er sucht ihn voller Eifer, voller Liebe, voller Beharrlichkeit; um ihn dann zu Sich heim zu führen, bei Sich zu bergen.

Die Heimsuchung des Guten Hirten

Aber Moment! Gott sucht uns? Aber warum muß denn derjenige, welcher alles weiß und dem nichts verborgen ist, überhaupt suchen? Er kennt doch alles besser, selbst als derjenige, der da verlorengegangen ist. – Hier stoßen wir gleichsam vor in das Herz des Geheimnisses der göttlichen Liebe; einer Liebe, die sich auf den Weg macht, die Strapazen und Leiden auf sich nimmt, um den Geliebten dort anzutreffen, wo er sich in seinen Irrungen und Wirrungen verfangen und verstrickt hat. Und genau das hat Gott getan, indem Er Seinen eingeborenen Sohn Jesus Christus als Menschensohn und Erlöser in die Welt gesandt hat. Er hat sich auf die Suche nach den Verlorenen begeben, ist ihnen bis in ihr Elend nachgegangen, ja, er hat die ganze Last dieses Elendes auf sich genommen und durchgestanden. Am aller vollkommensten und am allerherrlichsten zeigt sich uns der gute Hirte in Seiner Suche dort, wo Er dem Schaf selbst in die Dornen nachsteigt, wobei Er keine Rücksicht nimmt auf Seine eigene körperliche Unversehrtheit; wo Er das verhedderte Tier aus den Dornenranken befreit, die wunden Stellen verbindet, es dann in Seinen Armen beruhigt und schützt, während Er selbst eben von diesen Dornen an Händen und Füßen; ja sogar an Seinem Herzen durchbohrt wird. Das dornenumwundene und geöffnete Herz Jesu ist der vollkommenste Ausdruck der suchenden Liebe Gottes.

Wie müssen wir uns diese Suche im Konkreten vorstellen? Sie geht dem voraus, was am treffendsten mit dem Wort „Bekehrung“ beschrieben wird. Jeder Bekehrung, d.h. jeder inneren Umkehr eines Sünders, muß nämlich notwendigerweise die Gnadeneinwirkung Gottes vorausgehen. Diesen vorauseilenden göttlichen Impuls nennt der hl. Apostel Petrus in der Epistel „Heimsuchung“ – Heimsuchung durch die Gnade. Gott sucht den Sünder, um ihn heim zu holen. Ohne diese Heim-Suchung Gottes ist eine Bekehrung unmöglich. – Das Wort „Heimsuchung“ wird in unserem Sprachgebrauch meist dazu verwendet, um ein Unglück, einen Mißerfolg, ein schweres Leid oder sonst ein Kreuz zu bezeichnen. Diese Ereignisse können den Menschen gereizt machen, so daß er gegen Gott aufbegehrt und Ihm schließlich trotzig den Rücken kehrt. Nur dann fangen derlei Heimsuchungen an, wirklich Unglück zu werden. Wenn sich also der Sünder dem Sucher verschließt und sich noch tiefer in Sünden vergräbt. Heimsuchungen können aber auch den Leichtfertigen nachdenklich, den Gottvergessenen besinnlich machen, den Verhärteten für Gottes Gnade aufbrechen, daß er die Hände wieder faltet, sich an die Brust schlägt, weil ihm mit einem Mal schmerzlich bewußt geworden, daß er ein Mensch ist, welcher der Buße bedarf. Daß er nicht, wie bisher geglaubt, zu den 99 Gerechten gehört, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Daß er vielmehr bisher zu den 99 Selbstgerechten gehört hat, die fälschlich meinten, der Buße nicht zu bedürfen. Solche Heimsuchungen sind Glück im Unglück. Gott möchte stets mit der Heimsuchung Seiner Gnade unsere Bekehrung erreichen. Er wirbt mit der Gnade in Form einer erleuchtenden, wenn auch schmerzlichen und beschämenden Selbsterkenntnis. Er wirbt mit Seiner Gnade über das mahnende Wort der Eltern oder eines Freundes. Seine Gnade ist es, die uns die rechte Deutung Seiner Heimsuchung verstehen läßt. Nicht einfach Strafe sind die dunklen Ereignisse in unserem Leben! Es sind die Rufe des Suchers, der uns heimholen will! Strafe ist es, wenn Gott uns gnadenlos ließe. Auch das geschieht. Nicht weil die Liebe Gottes sich erschöpft, sondern weil der Sünder dem Ruf der Gnade trotzig widerstanden hat und sich von Seiner Barmherzigkeit nicht finden lassen wollte. Nur dann überläßt Er den Sünder sich selbst, läßt es zu, daß er sein Herz verhärtet. Das ist die größte Strafe, mit der sich der Mensch selbst straft! Wir sollten also im Angesicht von Gottes Heimsuchungen in Form von Widerwärtigkeiten nicht selbstmitleidig fragen „Wie habe ich das verdient?“ „Warum immer ich?“. Das ist die verkehrte Fragestellung! „Was will Gott mir beibringen?“ wäre statt dessen zielführender. Die Antwort darauf gäbe die richtige Deutung.

Die Bekehrung ist jedem Menschen möglich. Jedem, der sich im Pilgerstand befindet! Solange jemand in diesem Leben verweilt, darf man nicht an seiner Bekehrung verzweifeln. Wir dürfen nie einem Menschen vollkommen abschreiben. Auch eine späte Bekehrung kommt nicht zu spät! Es ist aber gefährlich, die eigene Bekehrung aufzuschieben. Im Buch von der „Nachfolge Christi“ heißt es: „Der Augenblick wird kommen, wo du dir einen einzigen Tag oder eine einzige Stunde wünschen wirst, um dich zu bessern. Aber ich weiß nicht, ob du sie erlangen wirst.“ „Wer sagt: Von morgen ab will ich gut leben, der vergißt, daß ihm Gott zwar die Verzeihung versprochen hat, aber nicht den morgigen Tag.“ Jetzt ist die Zeit der Gnade! Jetzt ist der Tag des Heiles! Der Tod kommt ungeladen.

Wir wissen, daß wir bequem und lau sind, oder daß wir es sehr leicht werden können. Wir kennen auch die Versuchung und den Fall in die Sünde. Darum sind wir ständig aufgefordert, uns zu bekehren! Eine Bekehrung soll anhalten. Es gibt ja stets die Möglichkeit des Rückfalls. Die Bekehrung soll das ganze künftige Leben prägen. Damit sie anhält, bedarf sie der Pflege. Die Pflege fordert an erster Stelle die Vorsicht. Man muß achtsam und besonnen sein im Denken und Planen, im Reden und Handeln. Man muß sich vor Gefahren hüten, die Versuchungen meiden. Wir alle sind schwach. Also begeben wir uns doch nicht freiwillig in Situationen, in denen wir straucheln können. Die Bekehrung fordert sodann die immer wiederholte Geisteserneuerung. Man muß regelmäßig innehalten, nachdenken, sein Wollen und Handeln überprüfen, seinem Gewissen Rechenschaft geben. Man muß die Vorsätze erneuern, die man gefaßt hat. Sehr hilfreich ist auch die Erinnerung daran, aus welchem Schlamm uns der Herr schon herausgeholt hat. Die Bekehrung verlangt schließlich den Gebrauch der Mittel, die erforderlich sind, um das hohe Gut der Freundschaft mit Gott zu bewahren. Man muß im Gebet, im Flehen um die Beharrlichkeit im Guten verharren und darf es nicht vernachlässigen. Es gibt nichts Wichtigeres im Leben eines Christen als das Gebet! Darüber darf man darf aber auch die Übungen nicht unterlassen, welche zur Stärkung des Willens notwendig sind. Gemeint sind die Bußwerke und die Übungen zur Abtötung der Sinne. Sie sind der Gradmesser der Bekehrung. Sie beweisen, daß wir nicht zu den 99 Selbstgerechten gehören, die meinen, der Buße nicht zu bedürfen. Schließlich muß man zur Pflege der eigenen Bekehrung regelmäßig und gut vorbereitet das Bußsakrament empfangen. Die würdige heilige Beichte ist das wirksamste Mittel gegen Abgleiten in Lauheit und Abfall. Wer andere bekehren will, muß selbst bekehrt sein! Erst wenn uns das klar geworden ist, können wir das Gleichnis zu Ende lesen.

Der Frau beim Suchen helfen

Dort heißt es, daß mit dem Hirten auch die Frau sucht. Mit Jesus, dem Gottessohn, sucht Seine Mutter Maria. Und mit Jesus, dem Bräutigam, sucht auch Seine Braut, die heilige Kirche. Sie sucht nach der Drachme, die das Bildnis Gottes trägt, die aber irgendwo unwürdig im Schmutz der Sünde, im Staub der Sterblichkeit liegt. Sie durchfegt die ganze Wohnung, scheut keine Mühe, keinen Zeitaufwand, um diese Suche zum Erfolg zu bringen, um die Münze, die ihr so kostbar ist, wieder in ihrem Eigentum zu haben. In der Suche der Frau ist dann auch unsere persönliche Mitwirkung angesprochen, denn wir alle sind Glieder dieser Kirche. Deshalb sollen wir uns, nachdem wir selbst bekehrt sind, an ihrer Suche nach dem Verlorenen beteiligen. 

Wie aber soll unsere Beteiligung an dieser Suche konkret aussehen? Zuallererst einmal besteht sie in einem berennenden Interesse daran, daß unser Herr Jesus Christus möglichst viele, ja, möglichst alle finde! Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn sich ein Katholik nur um seine eigenen Anliegen kümmert und um sein eigenes Heil sorgt. Das ist zu wenig! 

Als Glieder des mystischen Leibes Christi haben wir uns die Sache des Heiligsten Herzens Jesu ganz zu eigenen gemacht. Wir wissen um die Absichten und Ziele des heiligsten Herzens Jesu. Der Herr will, daß alle den Weg ins himmlische Vaterhaus finden. Er will, daß die Sünder sich bekehren und in der Gnade leben. Deshalb muß es uns ein nie zu vernachlässigendes Anliegen sein, für die Bekehrung der Sünder zu beten; für diejenigen, welche uns nahestehen, aber auch für jene, die uns ferne sind. Das ist einer der Kerngedanken der monatlichen Feier der Herz-Jesu-Freitage. Weil die Sünder nicht beten und keine Opfer bringen, so wollen wir es stellvertretend für sie tun. Stellvertretend beten wir für sie und stellvertretend tun wir Buße, um ihnen die Gnade der Bekehrung zu erwirken. Manche Heilige sind Nächte lang unter Tränen auf den Knien gelegen und haben für die verlorenen Menschen gebetet. – Frage: Und Hand aufs Herz! Ist jedem von uns dieses Anliegen wenigstens einige Minuten des Gebetes wert? Welchen Platz nimmt es in unserer Frömmigkeit ein?

Sodann können wir auch ganz praktisch beim Durchsuchen und Fegen der Wohnung helfen. Denn fast jeder von uns dürfte doch Kontakt mit Menschen haben, nach denen der Hirte und die Frau noch auf der Suche sind. Vielleicht können wir dabei Dienste leisten. Etwa indem wir diesen Menschen zu verstehen geben, daß sie sich verirrt haben; daß sie in der Lage, in der sie sich augenblicklich befinden, nicht wirklich glücklich sind und daß sie in dieser Situation in der Gefahr schweben, ganz verloren zu gehen. Dann aber auch indem wir diese Menschen darauf hinweisen, daß es den Rachen dieses Löwen tatsächlich gibt, der nur das eine will, nämlich verschlingen und zerstören; nicht nur die Seele, sondern auch den Leib; nicht nur das ewige Leben, sondern auch schon das zeitliche! Es muß jedoch betont werden, daß mit derlei Hinweisen nicht viel gewonnen werden kann, wenn wir Menschen, die außerhalb unseres Glaubens stehen, derlei Wahrheiten wie einen nassen Waschlappen ins Gesicht schlagen. Nein, die Ermahnung der Sünder muß natürlich mit viel Taktgefühl, Klugheit und Einfühlungsvermögen geschehen. Nichtsdestotrotz soll sie geschehen, zählt sie doch zu den Werken der „geistigen Barmherzigkeit“, von deren ewigem Verdienst uns Ängstlichkeit und Menschenscheu nicht abhalten sollten! – Eine wirksame Hilfe zur Bekehrung anderer ist sodann das eigene Beispiel. Die Menschen brauchen Persönlichkeiten, von denen sie lernen, an die sie sich anlehnen können. Unser Beispiel ist um so wertvoller, wenn wir auf eine eigene Bekehrung hinweisen können. Es zeigt dem Gegenüber, daß es mit der Gnade Gottes tatsächlich möglich ist, sich von dem Laster zu befreien; daß es tatsächlich möglich ist, auch unter den heutigen Umständen ein katholisches Leben zu führen. Das eigene Beispiel macht immer einen starken Eindruck auf andere. Der Apostel Jakobus ermutigt uns dazu, indem er in seinem Briefe erklärt: „Wer einen Sünder von seinem Irrweg zurückführt, der rettet dessen Seele vom Tod und deckt eine Menge Sünden zu“ (Jak. 5, 20).

Wie wir uns an der Suche nach den Verlorenen beteiligen, mag ganz unterschiedliche Ausprägungen finden. Daß wir daran mitwirken sollen, ist jedoch eine christliche Selbstverständlichkeit. Denn schließlich ist jeder einzelne von uns ganz unverdienterweise von demjenigen gefunden worden, der mit so großem Eifer und mit so uneigennütziger Liebe nach uns gesucht hat. Jeder von uns ist doch auch schon irgendwann das verlorene Schaf und die irgendwo im Schmutz liegende Münze gewesen.

Mögen wir also, wenn uns irgend etwas abhanden gekommen ist, eifrig danach suchen und dabei auch den hl. Antonius oder die hl. Rita anrufen. Aber! Mögen wir noch eifriger nach denen suchen und für diejenigen beten und opfern, welche Gott durch die Sünde, gleichsam abhanden gekommen sind. Wir wollen es doch sicher alle erleben, wie dann der gute Hirte das verlorene Schaf auf Seine Schultern nimmt und jubelnd ausruft: „Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.“ Wir möchten doch gerne dabei sein, wenn uns die Frau zuruft: „Freut euch mit mir, denn ich habe die verlorene Drachme; ich habe den verlorenen Schatz Gottes, den verlorenen Sohn, die verlorene Seele, wieder gefunden.“ Selbst wenn es hier nur um einen einzigen Menschen ginge, was für ein herrliches Freudenfest können wir dann mit den Engeln und Heiligen des Himmels feiern über „das Verlorene, das wiedergefunden wurde“. Amen.