Weihrauch muß rein sein

Geliebte Gottes!

Sakrale Düfte sind derzeit wieder in Mode. Duftlaternen, Räucherstäbchen und Weihrauch sorgen an vielen Stätten – in Geschäften, in Clubs, ja auch in Privathäusern – für eine besondere, „spirituelle Atmosphäre“. – An den Orten allerdings, wo man sie ehedem hauptsächlich antraf, sind diese Düfte nur noch selten zu finden. Man meinte im Zuge der sogenannten „Liturgiereform“ bekanntlich, den Gottesdienst von „überflüssigen Zutaten“ befreien zu müssen. Vor allem von solchen, die angeblich gar nicht christlichen Ursprungs seien, sondern aus völlig profanen oder sogar heidnisch-götzendienerischen Zusammenhängen entstammten. Und hierzu gehöre angeblich auch der Weihrauch. So behaupten die Superliturgisten der „konziliaren Kirche“.

Der vielseitige Gebrauch des Weihrauchs im Altertum

Dazu zwei Tatsachen: Weihrauch war zunächst eine ganz profane Einrichtung. Man benutzte ihn zur Säuberung der Luft gegen Insekten, schlechte Gerüche und ansteckende Krankheitsherde. Durch die orientalischen Städte zogen Rauchfaßträger, die von den Händlern, den Metzgern und auch den Gaststättenbesitzern dafür bezahlt wurden, daß sie in ihre Räume traten und dort ausräucherten.

Außerdem fand der Weihrauch im alten römischen, also heidnischen Götzenkult Verwendung. Und als der Kaiser selbst göttlichen Rang erlangte, da wurde Weihrauch auch im Kaiserkult vor seinem Standbild aufgelegt. Den Christen wurde oft die Frage gestellt: Seid ihr bereit, wenigstens ein Weihrauchkörnchen für die heidnische Gottheit oder vor dem Kaiser zu streuen? Die bekenntnistreuen Christen damals sagten: „Nein!“ Und mußten für dieses Nein mit dem Leben bezahlen.

Weihrauch ist also angeblich eine Angelegenheit dubioser Herkunft. Und trotzdem finden wir ihn in kirchlich-liturgischer Verwendung. Läßt sich darin nicht eher Widersinn denn Sinn erblicken?

Allerdings hat es sich die katholische Kirche noch nie nehmen lassen, auf Elemente gänzlich zu verzichten, nur weil sie von falschen Religionen mißbraucht wurden und werden. Sehr viele Symbole, die auch in profanen, ja, götzendienerischen Bereichen Gebrauch fanden, wurden nämlich schon im Alten Testament explizit von Gott als fester Bestandteil des von Ihm gewünschten Tempelkultes in Jerusalem vorgeschrieben!

So verhält es sich auch mit dem Weihrauch. Und dabei sind beide ursprünglichen Bedeutungen, die hygienische und die kultische, in einer großartigen Weise unserer katholischen Religion entsprechend. – Den tiefsten Grund für die Verwendung des Weihrauchs nennt uns aber die Liturgie des heutigen Sonntags durch einen wichtigen Hinweis, von dem gleich zu sprechen sein wird.

Kultische Bedeutung des Weihrauchs

Zunächst wurde die kultische Bedeutung aus dem Alten Testament in das Geheimnis des neutestamentlichen Glaubens übertragen. Bei der Beräucherung des Altares zur Opferung betet der Priester: „Dirigatur, Domine, oratio mea sicut incensum in conspectu tuo: Mein Gebet, Herr, möge wie ein Weihrauchopfer emporsteigen vor Deinem Angesicht“, und zitiert damit den 2. Vers des alttestamentlichen Psalms 140. – Damit ist der Vergleich ausgesprochen: Gebet und Weihrauchopfer. – Und tatsächlich, was könnte ein passenderes Zeichen für ein reines, heiliges, zum Himmel emporsteigendes und zugleich die Umgebung mit seinem Wohlgeruch erfüllendes Gebet sein, als eben der aufsteigende Duft des Weihrauchs?

In der Apokalypse des Johannes ist davon die Rede. In der dort zu findenden Beschreibung der himmlischen Liturgie lesen wir: „Dann kam ein anderer Engel und trat mit einem goldenen Rauchfaß vor den Altar. Ihm wurde viel Räucherwerk gegeben, damit er es mit den Gebeten aller Heiligen auf den goldenen Altar vor dem Thron lege. Der Duft des Räucherwerks stieg mit den Gebeten der Heiligen aus der Hand des Engels zu Gott empor.“ – Schon diese Bedeutung des Weihrauchs rechtfertigt seinen Gebrauch vollkommen. Nicht vor einem Götzen, sondern vor dem allein wahren Gott wird hier in der Kirche geopfert! Das irdische Rauchopfer ist ein Bild des Wohlgeruchs der Gebete, die vor den himmlischen Thron Gottes emporsteigen. Somit ist die heidnische Bedeutung des Weihrauchs gänzlich überwunden.

Hygienische Bedeutung des Weihrauchs

Aber auch der rein profane Gebrauch von Räucherwerk als Mittel der Hygiene geht in die kirchliche Deutung ein. Ein Gefängnisseelsorger erzählte einmal von einem katholischen Sträfling, der sehr darunter litt, daß sein Zellengenosse oft entsetzliche Wutanfälle hatte und dabei unentwegt schreckliche Flüche ausstieß. Als er dies dem Priester berichtete, kam dieser in Abwesenheit jenes Gefangenen und durchräucherte die Zelle. Als der Tobsüchtige zurückkehrte, verhielt er sich auffällig anders als sonst, war geradezu eingeschüchtert und ging in sich. Auch das ist eine Wirkkraft des Weihrauchs: die exorzisierende Wirkkraft!

Das heutige Evangelium stellt uns Jesus als den Stärkeren vor, der den Starken, den Widersacher und seinen Anhang vertreibt. Was liegt näher, als im Weihrauch, der im Altertum zur Vertreibung von Insekten und pestilenzartigen Gerüchen benutzt wurde, ein Mittel zur Vertreibung der Mächte des Bösen zu erblicken?

Im Jüdischen gibt es für den Satan den Namen „Beelzebub“, auch „Baal-zebub“, der als „Fliegen-Baal“, als „Herr (oder Gott) der Fliegen“ gedeutet werden kann. – Ja, wie widerliches Ungeziefer machen der Teufel und sein Anhang sich über alles Reine und Heilige her, um es mit ihren Krankheitserregern zu infizieren, mit ihrem Gestank zu erfüllen und schlußendlich gänzlich zu verderben und zunichte zu machen. Diesem destruktiven Wirken stellt sich die Kirche mit aller Kraft entgegen, und die Verwendung des geweihten Weihrauchs ist ein wirkmächtiges Zeichen dafür.

Deshalb wird ja auch vor dem heiligen Opfer der Altar, wird der Priester und werden die Gläubigen beräuchert: nicht nur aus Verehrung vor Jesus Christus, den der Altar darstellt, der im Priester und in der versammelten Gemeinde in jeweils unterschiedlicher Weise gegenwärtig ist, sondern auch, damit das Opfer, der Priester und die teilnehmenden Gläubigen von den Angriffen des Satans und seines Anhangs, der voller Haß auf dieses heiligste Ereignis blickt, bewahrt bleiben.

Die Kraft des Weihrauchs

Woher aber bezieht der Weihrauch seine Kraft? – Hier stoßen wir auf ein gewichtiges Wort in der heutigen Lesung: Sie sagt von Christus, daß Er uns geliebt und sich für uns als Opfergabe hingegeben hat, Gott zu lieblichem Wohlgeruch. Der heilige Paulus benutzt hier einen schon im Alten Testament oft im Zusammenhang mit dem Opfer vorkommenden Ausdruck: „In odorem suavitatis, zu lieblichem Wohlgeruch steigt es zum Himmel empor.“ – Dieser Duft aber geht aus dem Vorgang einer Verbrennung hervor. Würde das Weihrauchkörnchen nicht auf die glühende Kohle gelegt und dort in der Hitze zerschmelzen, dann könnte es nicht als Rauch emporsteigen. So hat sich unser Herr in der Gluthitze Seines Leidens bis in den Tod hinein verzehren lassen, um eine vollkommene Verherrlichung des Vaters zu bewirken und Seinen Wohlgeruch sowohl im Himmel als auch hier auf Erden zu verbreiten! Das Kreuzesopfer Christi also ist der Ausgangspunkt des reinsten, vollkommensten Gebetes und zugleich auch die Quelle der gebieterischen Macht des Weihrauchs, der die feindlichen Mächte vertreibt.

Weihrauch muß rein sein

„Sei von dem gesegnet, zu dessen Ehre Du nun verbrennst.“ So betet der Priester, wenn er das Weihrauchkorn auf die brennende Kohle legt. Damit sind auch wir aufgerufen. Wir sollen uns gleichsam ebenfalls mit Jesus in dieses Opfer begeben, uns mit Ihm verzehren lassen, um so – wie wiederum der heilige Paulus sagt – den Wohlgeruch Christi zu verströmen.

Das ist die Sprache des Weihrauchs im christlichen Gebrauch. Es geht um mehr als „ein wenig spirituelle Atmosphäre“, um mehr als ein Mittel, den Gottesdienst festlicher zu gestalten. – Der Weihrauch ruft uns auf, unser Gebet ganz rein mit dem vollkommenen Gebet des Opfers Christi zum Himmel emporsteigen zu lassen. Ja, mehr noch! – Er ruft uns dazu auf, unser ganzes Leben zu einem Rauchopfer zu machen, das zu lieblichem Wohlgeruch gen Himmel aufsteigt, vor das Angesicht des himmlischen Vaters. Er mahnt uns, selbst diesen Wohlgeruch anzunehmen, selbst Wohlgeruch zu sein, in der Kraft des Kreuzes, in der Kraft des sich selbst verzehrenden Opfers. – Wie das Weihrauchkorn hierfür der Kohle bedarf, damit es in Form des Rauches aufsteigen kann, so bedarf unser Lebensopfer der selbstlosesten Liebesflamme, die es gibt; es bedarf des Kreuzes Christi, um tatsächlich Wohlgefallen vor Gott zu finden. Es bedarf der Hingabe unseres Lebens durch Christus, mit Christus und in Christus, wie wir am Ende des Kanons beten.

Wohlgeruch Christi werden

Wohlgeruch ist aber beim Weihrauch wie in unserem Leben nicht möglich, wenn fremde Elemente beigemischt sind. – Die Ministranten unter uns wissen es: Wenn etwa der Weihrauch auf den Fußboden verschüttet, dann mit einem Handfeger aufgenommen und wieder zurück ins Weihrauchschiffchen gegeben wird; dann sind auch fremde Elemente, Staub, Haare und Flusen, zwischen die Weihrauchkörner gemengt worden. Wird nun solcher Weihrauch aufgelegt, so entsteht statt des erhofften Wohlgeruchs um den Altar eine übelriechende, stinkende Wolke. Ähnliches geschieht im übertragenen Sinne mit dem Weihrauch unserer Gebete und Opfer, wenn sie mit sündhaften Neigungen in unseren Herzen vermengt werden. Mit dem Egoismus, der Habsucht, der Unkeuschheit, dem Neid, der Faulheit, der Überheblichkeit, der Unbeherrschtheit, mit jeglicher Form der Bosheit, die uns zu eigen ist. Mit solcherlei Dingen vermengt kann bzgl. unserer geistlichen Opfergaben für Gott keineswegs von lieblichem Wohlgeruch die Rede sein. Weihrauch muß rein sein! Er muß reinbewahrt werden. – Dazu ist uns diese Fastenzeit gegeben. In der Kreuzesnachfolge Christi wollen wir den reinen, unvermengten Weihrauch unseres Gebets, unseres Fastens und unserer Liebesalmosen auf der Kohle unserer selbstlos glühenden Gottesliebe gen Himmel aufsteigen lassen. Dazu müssen wir alles Schmutzige, Üble, geistliche Fäulnis Erregende konsequent meiden, unsere schlechten Gedanken wie Ungeziefer am Kreuz Christi zerschmettern. So beschaffen vertreibt unser geistiges Weihrauchopfer dann auch wiederum die bösen Geister, die sich immer wieder über das Heilige und Heiligste herzumachen versuchen. Weihrauch muß rein sein!

Der Weihrauch ist also Zeichen des reinen Gebetes, des Kampfes wider die feindlichen Mächte und des Sieges über sie durch das Opfer Jesu und unser Opfer in Ihm. Lassen wir uns in dieser hl. Messe von diesem starken Wohlgeruch des Herrn umgeben und durchdringen, und werden wir selbst dem ähnlich, ja gehen wir in Ihn ein, der sich selbst hingegeben hat, zu „lieblichem Wohlgeruch, in odorem suavitatis“. Amen.

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