Von der Liebe zum verborgenen Leben

Geliebte Gottes!

Das Leben des hl. Joseph spielte sich – abgesehen von dem ägyptischen Exil, das laut der Überlieferung sieben Jahre gedauert haben soll – überwiegend in Nazareth ab. Aus Randnotizen des Evangeliums erfahren wir, daß er ein Handwerker war. Aber aus der Sicht seiner Zeitgenossen und selbst der Evangelisten scheint er nichts vollbracht zu haben, was wichtig genug gewesen wäre, um es uns zu berichten. Seine Tage flossen scheinbar friedlich dahin; ausgefüllt durch Gebet, Arbeit, stilles Familienleben und verschiedene unvermeidliche Geschäfte mit der Außenwelt.

„Der Gerechte aber, was hat er getan?“

Muß man nun hieraus schließen, daß es nichts Erbauliches in diesem stillen Leben des nach der allerseligsten Jungfrau Maria am meisten privilegierten Menschen gegeben haben soll? Immerhin durfte er als Nähr- und gesetzlicher Vater des Messias wie kein anderer Zeit in engstem und vertrautestem Umgang mit dem Sohne Gottes verbringen!

Nein, im Gegenteil! Alles an der Gestalt des hl. Joseph war erbaulich – besonders sein Schweigen, seine Demut, seine Liebe für das verborgene Leben. Denn wenn der menschliche Erfolg und die damit einhergehende Wertschätzung seitens der Menschen aus herausragenden Leistungen und glänzenden Taten hervorgehen, so besteht vor Gott das wahre Verdienst darin, bereitwillig Seinen heiligen Willen zu erfüllen.

Gewöhnlich macht das Leben der Sünder mehr Lärm als das der Gerechten, weil ja Selbstsucht, Eigennutz und Leidenschaft die Triebfeder sind, um nach außen sichtbar tätig zu werden, damit man gesehen wird. Auch bleiben der Welt die niederen, selbstsüchtigen, teilweise sogar bösen Absichten, welche den Sünder zu so mancher scheinbar „guten Tat“ antreiben, den menschlichen Augen verborgen.

Joseph aber war ein Gerechter (vgl. Mt. 1,19). Also dürfen wir nicht unter Berücksichtigung der Kategorien der Welt nach dem fragen, was der hl. Joseph in seiner Verborgenheit Großes vollbracht hat. Darauf können wir keine Antwort finden. Wir müssen die Frage des Psalmisten stellen: „Der Gerechte aber, was hat er getan?“ (Ps. 10,4). Und die schlichte Antwort lautet: Nichts! – Tatsächlich: Der hl. Joseph – der sehr gerechte Joseph („Joseph justissime“) – hat nichts getan in den Augen der Menschen, weil er alles für Gott getan hat. So lebte der heilige Joseph „weil er gerecht war“. Er hat alles für Gott getan. Und weil er alles für Gott getan hat, hat er nichts für die Welt getan.

Joseph sah Jesus, den Sohn Gottes im Fleische – seinen Ziehsohn – und er schwieg. Er empfand die größten Freuden im vertrauten Umgang mit Jesus, dem Kind, dem Knaben, dem heranwachsenden Mann. Aber Joseph sprach mit niemandem davon. Er begnügte sich mit Gott allein, ohne bei den Menschen Ehre oder Aufmerksamkeit zu suchen. Alle seine Handlungen scheinen alltäglich. Aber sein Gehorsam und sein Glaube verliehen seinem unauffälligen Tun und Lassen vor Gott einen unermeßlichen Wert. Seine niedrige gesellschaftliche Stellung erregte vielleicht den Spott der Vornehmen, war er doch in ihren Augen als Nachkomme Davids ein bemitleidenswerter, verarmter Königssohn. Statt des äußeren Glanzes des königlichen Hauses fanden sich lediglich Schwielen an den Händen „des Handwerkers“. Und doch hat sich ein Gott diese einfachen, ärmlichen Verhältnisse erwählt und eben diese allen anderen Lebensverhältnissen vorgezogen. Folglich muß dieses verborgene Leben Tugenden und Verdienste aufweisen; es muß eine Größe und einen Ruhm besitzen, die dem menschlichen Auge entgehen.

Beim letzten Gericht, wenn unser göttlicher Erlöser einst in Seiner Herrlichkeit erscheinen wird, werden diese Geheimnisse des verborgenen Lebens zum Triumph der Gerechten offenbar werden. Dann wird die ganze versammelte Menschheit sehen, worüber wir jetzt nichts sagen können. Wir werden erfahren, was der hl. Joseph während so vieler Jahre geleistet hat und wie ruhmreich es ist, sich mit Jesus zu verbergen. Ja, der hl. Joseph gehört nicht zu jenen Menschen, die auf dieser Welt „ihren Lohn schon empfangen haben.“ (Mt. 6,2). Darum wird der „erlauchte Sproß Davids“ am Jüngsten Tag alle Blicke auf sich ziehen, gerade weil er auf Erden unbeachtet geblieben ist. Der hl. Joseph wird glänzen, weil er hienieden unscheinbar gewesen war. Gott wird ihn für sein zurückgezogenes Leben vor allen Engeln und Auserwählten belohnen, und sein Ruhm wird umso größer sein, weil dieser Ruhm in der Zeit verborgen, für die Ewigkeit aufbewahrt ist. Das Schönste, das Vollkommenste hat sich Gott selbst vorbehalten. Es ist ihm so teuer, daß Er es nicht vor den neugierigen Blicken der Menschen ausbreitet, sondern erst in der Ewigkeit und nur mit Seinen wahren Freunden teilen will. Zu diesem Schönsten und Vollkommensten gehört nach dem Innenleben des Heilandes und Seiner unbefleckten Mutter offenbar auch das Seines Nährvaters.

Der verborgene Weg zur Heiligkeit

Die Welt ist dieser Kenntnis unwürdig. Sie liebt nur das, was glänzt, weil sie voll Eitelkeit und sehr oberflächlich in ihren Urteilen ist. Aber wenn man nur ein wenig im Licht des Glaubens nachdenkt, so erkennt man, daß das, was äußere Aufmerksamkeit und Bewunderung bei den Menschen erregt, zu dem inneren Wert einer Handlung nichts beiträgt; daß die erhabensten Tugendwerke von den Menschen unbeachtet bleiben, nicht selten auch verkehrt beurteilt, ja sogar schlechten Beweggründen zugeschrieben werden können. Das, was in die Augen fällt, macht nicht den sittlichen Wert einer Handlung aus! Die größte Heiligkeit kann unter der bescheidensten Hülle verborgen sein, und sie ist es auch gewöhnlich. Gott, „der in das Verborgene sieht“ (Mt. 6,5), achtet auf den Beweggrund, auf die innere Absicht, die uns zu einem guten Werk antreibt, nicht auf den Erfolg und die darauf folgende Wertschätzung durch die Menschen. Er sucht die Tugend im tiefen Grund unseres Herzens, nicht das auffällige äußere Werk.

Darum besteht die Vollkommenheit darin, alle Regungen des Herzens so zu beherrschen, daß unsere Gedanken, Empfindungen und Wünsche Gott wohlgefällig sind und daß alle Handlungen in reinster Absicht verrichtet werden, nicht um uns selbst und auch nicht dem Nächsten, sondern Gott allein zu gefallen. Nichts für die Welt, sondern alles für Gott tun. Diejenigen Menschen, die nur die Anerkennung und nur die Achtung von Seinen der Menschen erwerben wollen, bewegen sich nicht auf dem Pfad zur Heiligkeit. Denn der Weg zur Heiligkeit besteht in dem fortschreitenden Verlangen, in der Gottesliebe zu wachsen, was – wie der hl. Augustinus lehrt – in Wechselwirkung mit der zunehmenden Verachtung seiner selbst einhergeht. Hingegen ist die Aufmerksamkeit heischende Gefallsucht ein spezifisches Merkmal der Eigenliebe, die sich nach der Lehre desselben Kirchenvaters in ihrer Vollendung bis zur Verachtung Gottes steigert.

Gott macht unsere ewige Seligkeit nicht von glänzenden Werken abhängig. Er verlangt nicht, daß wir uns durch Intelligenz und Gelehrsamkeit auszeichnen; noch weniger, daß wir Wunder wirken. Und hierfür müssen wir Ihm sehr dankbar sein. Denn wenn es zur Seligkeit erforderlich wäre, die Welt durch Beredsamkeit und Wissenschaft, durch überdurchschnittliche Taten und Wunderwerke in Staunen zu versetzen, so müßten wohl fast alle von uns daran verzweifeln, in den Himmel zu kommen. Müßten wir den Ungläubigen das Evangelium predigen und die Sünder bekehren, wie es die Apostel getan haben, oder müßten wir uns wie die Wüstenväter Ägyptens in die Einsamkeit und Härte der Wüste zurückziehen, um dort Kasteiungen zu üben, wie sie es getan haben, so würden alle, die durch ihre mindere Begabung, ihren Stand, ihren Beruf oder ihre Gesundheit eben daran gehindert sind, jegliche Hoffnung auf das ewige Heil verlieren.

Glücklicherweise sind die Wege zum Himmel nicht für alle Menschen dieselben. Und obwohl man die großen Heiligengestalten, die von Gott zu außergewöhnlichen Dingen berufen worden sind, ehren und beglückwünschen soll und muß, so ist es nicht weniger tröstlich und wahr, daß andere Heilige, wie der hl. Joseph und die allerseligste Jungfrau Maria, zum höchsten Grad der Vollkommenheit und der Herrlichkeit des Himmels gelangt sind, ohne durch auffällige Werke die Aufmerksamkeit ihrer Zeitgenossen auf sich gezogen zu haben. Das Evangelium berichtet uns weder von einem Wunder, das der hl. Joseph gewirkt hätte, noch weiß man etwas davon, ob die allerseligste Jungfrau und Gottesmutter je während ihres irdischen Lebens ein auffallendes Wunderzeichen vollbracht hat. Alles Wunderbare im Leben Mariens und im Leben ihres reinsten Bräutigams blieb den Augen der Welt verborgen.

Die große Kunst, heilig zu werden, besteht also darin, sich dem Willen Gottes ohne Vorbehalt zu unterwerfen. „Siehe, ich bin die Magd des Herrn“ (Lk. 1,38), sprach die allerseligste Jungfrau. Und gleiches gilt für den hl. Joseph. Bei drei Gelegenheiten leuchtet der prompte Gehorsam dieses „Dieners des Herrn“ kurz auf. Gott gab ihm im Traum die Weisung, Maria zu ehelichen, und sofort „nahm er sein Weib zu sich.“ (Mt. 1,24). Später befahl ihm Gott, nach Ägypten zu fliehen und nach Jahren wieder ins gelobte Land zurückzukehren. Beide Male „stand er auf, nahm das Kind und Seine Mutter und zog hin“ (Mt. 2,14.21). Joseph unterwarf sich dem göttlichen Willen mit der größten Sorgfalt und Treue. Genauso müssen auch wir die Pflichten unseres jeweiligen Standes erfüllen. Der Arbeiter, die Sekretärin, die Hausfrau, der Vater, die Mutter, der Rentner, der Priester – sie alle müssen die Pflichten, nicht irgendeines anderen Standes, sondern die Pflichten ihres Standes in Treue erfüllen und die damit vereinbaren Werke der Frömmigkeit üben. Die Hausfrau und Mutter kann nicht so viel beten wie der Priester. Und wenn sie es täte, würde sie Gott damit gewiß mißfallen, weil sie damit notgedrungen die Pflichten ihres Standes – die Sorge um ihren Mann, um die Versorgung und Erziehung der Kinder etc. – vernachlässigen müßte. Also: Um heilig zu werden, müssen wir die Pflichten unseres eigenen Standes in der reinen Absicht üben, dabei allein das Wohlgefallen Gottes zu suchen, sowie alle mit diesen Pflichten vereinbaren Werke der Frömmigkeit – Gebet, Opfer, Nächstenliebe – üben. Das ist alles, was Gott von uns verlangt.

Denken wir also nicht, wir müßten viele schwierige Dinge vollbringen. Versuchen wir, die kleinsten und gewöhnlichsten Dinge mit einem auf Gott gerichteten Herzen zu tun, so, als ob eben in der gotthingegebenen Erledigung der alltäglichsten Dinge der ganze Zweck unseres Daseins bestünde. Wir werden dann tun, was alle anderen Menschen auch tun, ausgenommen die Sünde. Wir werden ein guter Mitmensch sein: höflich, aufmerksam, hilfsbereit, liebenswürdig. Wir werden bescheiden sein bei Tisch und überall; bescheiden im Sprechen, bescheiden im Urteil, bescheiden im Auftreten, bescheiden in Einmischungen in die Verhältnisse anderer, bescheiden in der Erholung, bescheiden in unseren Zielsetzungen und Ansprüchen. Diese Bescheidenheit in allen, selbst in den besten Dingen, aus Liebe zu Gott, zeichnet sich durch eine liebenswürdige Einfachheit des Umgangs aus. Man ist nicht aufgeregt, nicht mürrisch, nicht ängstlich; sondern man trägt eine Liebe in sich, welche die Herzen der Mitmenschen erweitert und alles angenehm macht; eine Liebe, die ohne Unruhe einzuflößen, doch in zarter Scheu davor zurückschreckt, Gott zu mißfallen. Eine heilige Scheu, die warnt und zurückhält, wenn man im Begriff ist, die Grenze des Erlaubten zu überschreiten.

In dieser Verfassung des Herzens leidet man, was auch die anderen Menschen erleiden: Ermüdung, Zweifel und Verlegenheit, Widerwärtigkeiten, Unlust, körperliches Unbehagen, Schwierigkeiten mit sich selbst und mit anderen, Versuchungen, Widerwille und Entmutigung. All das bleibt bei Seelen, die Gott lieben, nicht aus. Aber wenn auch die Leiden dieselben sind, welche auch ungläubige oder weltlich gesinnte Menschen zu tragen haben, so ist die Art und Weise, sie zu ertragen, eine gänzlich andere. Die gottliebende Seele erkennt, von Jesus belehrt, den Wert und die Kraft des Kreuzes. Das Kreuz läutert und erneuert uns und macht uns von allen Anhänglichkeiten an weltliche, irdische Güter frei. Wir lernen, in allem Gott zu sehen, der keine Fehler macht. Dabei sehen wir Ihn nie so deutlich wie in Leiden und Demütigungen. Das Kreuz ist die Kraft Gottes. Je schwerer es die Menschen drückt, desto mehr fördert es das neue, übernatürliche Leben in Jesus Christus, um den nach Gott geschaffenen neuen Menschen auf den Trümmern unseres alten Adam erstehen zu lassen.

„Lernet von Mir, denn Ich bin sanft und demütig von Herzen“

Das ist die Grundlage des christlichen Lebens. In diesem Punkt kommen alle Heiligen – die berühmten wie die unbekannten – miteinander überein. Wobei die äußeren Leistungen jener staunenswerter Heiligengestalten weniger kostbar sind als die verborgenen Tugenden, die sie allein vor dem allsehenden Auge Gottes im tiefen Grund ihres Herzens geübt haben.

Daher hebt der hl. Augustinus so anschaulich hervor, daß gerade die Demut es ist, welche der Heiland Seinen Jüngern zuerst lehren wollte. Der hl. Bischof von Hippo schreibt: „‚Lernet von Mir‘, sprach Jesus zu ihnen. Was denn? Etwa wie man Welten erschafft, wie man die sichtbaren und unsichtbaren Dinge hervorbringt, wie man Wunder wirkt,“ – wie man die Brote vermehrt, Wasser in Wein verwandelt, über das Wasser geht, die Kranken heilt, die Dämonen austreibt – „wie man Tote erweckt? Nein, ‚lernet von Mir, der Ich sanftmütig und demütig von Herzen bin‘, damit auch ihr es werdet. Denn nichts ist kostbarer! Wollt ihr groß werden, so beginnt damit, eine feste Grundlage zu legen, und legt das Fundament eures Gebäudes recht tief; denn es muß umso sicherer und tiefer ruhen, je höher ihr den Bau darüber nach oben emporführen wollt. Das Fundament aber des geistigen Gebäudes ist die Demut.“

Liebe zum verborgenen Leben

Der hl. Joseph war einer jener Männer, die von Herzen demütig, sanft und gut waren; die ihrem göttlichen Meister in Bescheidenheit, Sanftmut und Güte ähnlich zu werden versuchten und dabei den Augen eines oberflächlichen Beobachters nichts Bemerkenswertes darboten. Aber alles, was der hl. Joseph getan hat, das hat er im Geiste des Glaubens getan, beseelt von den reinsten Absichten, allein Gott zu gefallen, und von innigster Liebe zu Ihm. Darum war seine Arbeit reich an übernatürlichen Verdiensten. Vielleicht hätte der hl. Joseph gern mehr und Größeres getan. Vielleicht hätte er gern wie später die hll. Apostelfürsten Petrus und Paulus die Welt durcheilt, um in aller Lehrweisheit und Wundermacht die Völker zum Glauben an den fleischgewordenen Gottessohn zu bewegen. Aber dazu war er nicht berufen. Das sah er ein und unterwarf sich völlig dem Willen Gottes, in ein bescheidenes, unauffälliges, alltägliches Leben, von dem der Nachwelt nichts Nennenswertes zu überliefern sein würde. Sein demütiger Gehorsam und seine liebevolle Hingabe waren so vollkommen, daß sie höchste Bewunderung verdienen. Gerade die vollkommene Verleugnung seiner selbst in Übereinstimmung mit dem Willen des himmlischen Vaters ist das Geheimnis seiner überragenden Heiligkeit.

Zweifelsohne verdankte der hl. Joseph diese seltene Herzensverfassung seinem göttlichen Pflegesohn. Aber mit welcher Treue und mit welchem Edelmut mußte der hl. Joseph nicht auch den empfangenen Gnaden entsprochen haben! Wenn wir wie er jenen Glauben, der alles heiligt, in uns trügen, dann hätten wir den „Stein der Weisen“ gefunden. Unsere einfachsten Handlungen, selbst die allergewöhnlichsten, würden sich in reinstes Gold verwandeln und jenen himmlischen Schatz bilden, den weder Rost noch Motten zerfressen noch einbrechende Diebe rauben können (vgl. Mt. 6,20); der uns aber aufgespart bleibt für alle Ewigkeit, wenn uns einst der Tod von allem Irdischen geschieden haben wird.

Lieben und üben wir daher jenes gottergebene, verborgene Leben inmitten einer blinden und ungläubigen Welt, wie es auch der hl. Joseph zusammen mit Jesus und Maria geführt hat. Amen.

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