Spiegel der Geduld

Geliebte Gottes!

Das alle Zeiten überragende Beispiel der Geduld ist zweifelsohne der gekreuzigte Erlöser, unser Herr Jesus Christus. Das Kreuz ist ja die Lehrkanzel aller Tugenden; insbesondere der Geduld. Trotz der vielfältigen, entsetzlichsten Qualen leidet der Gekreuzigte ohne dabei in Verwirrung zu geraten und ohne zu murren. – Wenn die Tugend der Geduld auch nicht die höchste unter allen Tugenden ist, so ist sie doch zur Erlangung des ewigen Heiles unbedingt notwendig. Der Herr sagt nämlich: „Durch eure Geduld werdet ihr eure Seelen gewinnen“ (Lk. 21, 19). Und auch im Gleichnis vom Sämann charakterisiert der Heiland jene Seelen, die, wie das gute Erdreich, hundertfältige Frucht bringen, gerade durch diese Tugend: „Was aber auf gute Erde fiel, das sind jene, die das Wort hören, es in gutem, in sehr gutem Herzen bewahren und Frucht bringen in Geduld“ (Lk. 8, 15).

Obwohl wir in den vier Evangelien nicht viel über den hl. Joseph erfahren, so leuchtet doch insbesondere die Tugend der Geduld aus dem Wenigen hervor, das uns in ihnen vom Nährvater Christi überliefert worden ist. Man kann sagen: Der hl. Joseph trug sein Kreuz gewissermaßen seinem göttlichen Pflegesohn voraus und reihte sich, eben dadurch in die Kreuzesnachfolge Jesu ein. Und obwohl Joseph selbst, weder eines der göttlichen Wunderzeichen Jesu noch dessen ergebenes Leiden am Kreuz sehen durfte, so ist die Tugend der Geduld durch den hl. Joseph so vollkommen geübt worden und für ihn so charakteristisch, daß er in der ihm geweihten Litanei als „Spiegel der Geduld“ angerufen wird. Die Geduld des hl. Joseph ist gleichsam ein Vorausleuchten des Tugendbeispiels des gekreuzigten Erlösers.

Der Spiegel

Der Spiegel ist im Sprachgebrauch der Heiligen Schrift vielfach negativ besetzt. Er gilt als Werkzeug der Eitelkeit, als ein Instrument der Sünde. Der Prophet Isaias beklagt sich: „Hoffärtig sind Sions Töchter. Sie gehen einher mit gerecktem Hals und werfen lüsterne Blicke. Sie trippeln tänzelnd dahin mit klirrenden Fußspangen. Drum wird der Allmächtige kahl machen den Scheitel der Töchter Sions, Schmach und Schande wird der Herr über sie bringen. An jenem Tage wird der Allmächtige abreißen den Schmuck: die Fußspangen, Stirnbänder und Halbmonde, die Ohrgehänge, Armketten und Schleier, den Kopfputz, die Schrittkettchen und Prachtgürtel, die Riechfläschchen und Amulette, die Fingerringe und Nasenringe, die Feierkleider und Mäntel, die Umschlagtücher und Täschchen, die Spiegel, die feinen Hemdchen, die Stirnbinden und Schleier. Dann gibt es statt des Haargekräusels den Kahlkopf, statt der Festtagskleider das Bußgewand, statt Schönheit ein Schandmal“ (Is. 3, 16-24). Furchtbar ist dieser alttestamentliche „Spiegel der Gerechtigkeit“ Gottes.

Während Gott die Spiegel der sinnlosen Eitelkeit verabscheut, benutzt der Allerhöchste seit dem ersten Schöpfungstag die Welt als eine Reflexionsfläche Seiner unendlichen Vollkommenheiten. So ist gleichsam die Schöpfung ein Spiegel, an der sich die göttliche Herrlichkeit offenbart und damit zum Sinnbild göttlicher Weisheit und Größe wird. – Das vollkommenste Spiegelbild Gottes ist jedoch die ewige Weisheit, wie uns das gleichnamige alttestamentliche Buch belehrt: „Sie [die ewige Weisheit] ist des ewigen Lichtes Abglanz, von Gottes Wirksamkeit ein makelloser Spiegel und Seiner Güte Abbild“ (Weis. 7, 26). Die ewige Weisheit ist niemand anderes als der Sohn Gottes. Er ist ein makelloses Spiegelbild des Vaters. „Wer mich sieht, der sieht den Vater“ (Joh. 14, 9). Christus ist das „Licht der Welt“, der „Glanz des ewigen Lichtes“ und die „Sonne der Gerechtigkeit“. Doch Gott wohnt im unzugänglichen Licht. Deshalb beschreibt der hl. Paulus die Unzulänglichkeit unserer jetzigen Gotteserkenntnis durch den Glauben im Vergleich zur vollkommenen Einsicht in der Ewigkeit mit den Worten: „Jetzt schauen wir im Spiegel, nur unklar, dereinst aber von Angesicht zu Angesicht“ (1. Kor. 13, 12). – Weil der Mensch, einerseits dazu berufen ist „vollkommen zu sein wie der Vater, der im Himmel ist“, andererseits in diesem Leben die Vollkommenheit Gottes nur unklar erkennen kann, ist der „Abglanz des Vaters“ Fleisch geworden. Die heilige Menschheit Christi ist gleichsam der Spiegel in der sich der Glanz der göttlichen Vollkommenheit dergestalt bricht, daß sie für unser sterbliches Auge sichtbar wird. Wenn sich der Mensch an das anschauliche Beispiel des Sohnes Gottes hält und es nachahmt, dann wird aus ihm ein Abbild des Sohnes, und damit ein Kind Gottes. Der hl. Apostel Jakobus warnt uns aber davor, Christus zwar im Glauben zu schauen, Sein Vorbild aber nicht im eigenen Leben nachzuahmen: *„Denn wer bloß Hörer des Wortes ist und nicht Befolger, der gleicht einem Manne, der sein natürliches Aussehen im Spiegel beschaut, dann aber, wenn er es betrachtet hat, weggeht und sogleich vergißt, wie er ausgesehen hat“ (Jak. 1, 23). So darf es nicht sein! Vielmehr sollen wir dem Beispiel der großen Heiligen folgen, die selbst zum Spiegel für die göttliche Vollkommenheit geworden sind. – Maria wird ja mit dem Titel „Spiegel der Gerechtigkeit“ angerufen, weil sich in ihr die Fülle der Gnade und Herrlichkeit Gottes in einmaliger, makelloser und unbefleckter Schönheit widerspiegelt. Der hl. Joseph wird als „Spiegel der Geduld“ gepriesen, weil in seinem Leben und Tun die echte Tugend der Geduld aufleuchtet und uns als Muster und Vorbild aufscheint.

Die Tugend der Geduld

Geduld ist jene Tugend, kraft derer wir aus Liebe zu Gott und in Vereinigung mit dem leidenden Christus tapfer und gleichmütig die Widerwärtigkeiten dieses Erdenlebens ertragen. Viele leiden nur unter Murren und Klagen, ja sogar mit Flüchen gegen Gott auf den Lippen. Viele beten um die Wegnahme ihrer Leiden, aber nicht, um die Kraft zur geduldigen Annahme derselben. Die Tugend der Geduld besteht in der vertrauensvollen Unterwerfung unter die weise Vorsehung Gottes, die keine Fehler macht; in der Ergebung in den Willen Gottes, der es nur gut meinen kann, selbst wenn das widerfahrene Leid rätselhaft und unverstanden bleibt. Wer diese Tugend vollkommen besitzt, der kann zusammen mit dem Dulder Job angesichts der Trümmer des eigenen Lebenswerkes und der ruinierten Gesundheit, in all seinen Schmerzen beten: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen. Gepriesen sei der Name des Herrn!“ (Job 1, 21). Das ist die Haltung der Geduld. Sie läßt sich nicht von übermäßiger Traurigkeit übermannen. Sie erträgt die Verluste und Widerwärtigkeiten des Lebens tapfer und bewahrt sich den inneren Seelenfrieden. Die Geduld verlangt große Kraft. Deshalb zählt sie zu den Töchtern der Tugend des Starkmutes. Sie wächst nur in starken Herzen, denn Stärke beweist sich nicht nur in der Kraft anzupacken und Großes zu leisten; nicht nur in der Macht große Hindernisse mittels äußerster Kraftanstrengung aus dem Weg zu räumen, sondern mehr noch darin, die unumgänglichen Widerwärtigkeiten tapfer auszuhalten und beharrlich zu ertragen. – Insbesondere die heiligen Märtyrer sind uns in ihren geduldig ertragenen Qualen leuchtende Beispiele, wahrer Stärke und Kraft.

Der Spiegel der Geduld

Der hl. Joseph zählt nicht zu den Märtyrern, wohl aber zu den Helden der Geduld. Wie lange ließ Gott ihn warten, ehe Er das Geheimnis hinsichtlich der wunderbaren Mutterschaft seiner jungfräulichen Braut lüftete. Schlaflose Nächte, quälende Tage, zermürbende Wochen, ja sogar Monate waren das für den hl. Joseph. Doch Joseph blieb geduldig. – Später wanderte er gehorsam den weiten Weg nach Bethlehem; von da durch die mörderische Wüste nach Ägypten und wieder zurück. Wie wurde doch seine Geduld dabei auf die Probe gestellt, da er jedes Mal, kaum daß er sich wieder eine kleine Existenz aufgebaut hatte, abermals alles hinter sich lassen und in der Fremde erneut bei Null anfangen mußte. Wie wurde gerade in Ägypten seine Geduld auf die Probe gestellt? Geduld heißt etwas aushalten können. Geduld heißt auch warten können. „Und er blieb daselbst bis zum Tod des Herodes“ (Mt. 2, 14). Wie lange dauerte das? – Nicht nur ein paar Nächte. Nicht nur einige Tage, Wochen und Monate. Man nimmt an, daß die Heilige Familie etwa sechs bis sieben Jahre in Ägypten zubrachte. Das war eine lange Geduldsprobe. Joseph hat sie bestanden.

Einmalige Geduldsproben kann man noch leicht bestehen. Aber langjährige, anhaltende wie in Ägypten und dann später in Nazareth bis zu seinem Tod, sind ein ganz anderes Kaliber. Drei Tage lang Jesus „mit Schmerzen“ (Lk. 2, 52) suchen, das war bereits eine Geduldsübung. Aber die langen Jahre in Nazareth! – Was aber sollte schon in Nazareth die Geduld des hl. Joseph gefordert haben? Waren es nicht tröstliche Jahre für ihn? Gewiß wußte der heilige Nährvater, daß eines Tages die Zeit des Triumphes für seinen Pflegesohn anbrechen mußte, daß er sich nicht umsonst plagte und abmühte. Doch schauen und miterleben durfte Joseph diesen Triumph hier auf Erden nicht. Es ging ihm wie einst Moses, dem „sanftmütigsten aller Menschen“. Moses durfte vom Berg Nebo das Heilige Land schauen, aber hineinkommen durfte er nicht, weil er einmal am Felsen gezweifelt hatte, als er dem widerspenstigen Volk Wasser spenden sollte. – Joseph hatte nie gezweifelt. Und doch sollte er die wunderbaren Tage des Messias nur von ferne sehen. Ja selbst im Paradies noch mußte seine Seele warten, bis sein Pflegesohn kam und den Gerechten des Alten Bundes in der Vorhölle den Tag der Erlösung ankündigte, bis sich ihm erst am Tag der Himmelfahrt Christi die Tore des Himmels öffneten. Selbst über den Tod hinaus mußte der hl. Joseph Geduld beweisen.

Aber wie war wohl sein Alltag in Nazareth? Wo mußte er da schon Geduld zeigen? Jeden Tag dasselbe. Tag ein Tag aus. Jahr ein Jahr aus. Bald brauchten die Leute Zimmermannsarbeiten an einem Haus, bald an einem Möbelstück oder an einem Wagen. Oft genug kamen sie plötzlich an und wollten natürlich sofort bedient sein. Die Deichsel am Wagen oder am Pflug war gerissen. Sie brauchten das Gerät sofort. – Ein Gartenzaun war von Tieren oder übermütigen Jungen zerstört worden. Es eilte, denn der Garten war doch so schutzlos. Wer Geduld üben mußte, war der hl. Joseph. – Oder er wurde mit einer Holzlieferung im Stich gelassen. Oder der Dorfschmied, dem er sein Werkzeug zum schärfen übergab, behielt es kleine Ewigkeiten. Das sind alles Geduldsproben aus dem Alltagsleben, die auch uns in ähnlicher Weise vertraut sein dürften. Sie wollen bestanden sein und sind oft schwieriger als einmalige schwere Prüfungen dieser Tugend.

Besonders schneidend werden die Geduldsproben dann, wenn sie mit Ungerechtigkeiten in Verbindung stehen. Es war gewiß keine der kleinsten Prüfungen, als der hl. Joseph in Bethlehem am Heiligen Abend von Haus zu Haus ging, um eine Bleibe für die hochschwangere Gottesmutter zu suchen und dabei von all seinen Verwandten abgewiesen wurde. Weil er arm war, versagte man ihm die notwendige Hilfe. Selbst seine Brüder, seine Verwandten, seine Angehörigen, die dazu als erstes verpflichtet gewesen wären, ihm im gemeinsamen Vaterhaus ein Plätzchen einzuräumen! Dieses Unrecht, diese Lieblosigkeit von Seiten der eigenen Familie tat gewiß besonders weh. Doch Joseph war keiner von denen, die sich ihr Recht mit den Ellenbogen verschafften. Er war bescheiden und demütig, gelassen und geduldig. Wie konnte er das selbst in diesen Situationen bleiben? – Weil er auf Gott vertraute, nicht auf die Menschen, nicht auf menschliche Mittel, erst recht nicht auf Machtmittel. Auch war er nicht eigensinnig darauf bedacht, daß alles genau nach seinen Vorstellungen laufen müsse. Denn wie sollte sich Gott verherrlichen, wenn Er alles so fügen würde, wie es von den Menschen erwartet würde? Wie sollte sich Gott als Retter beweisen, ohne die Not? Das wußte der hl. Joseph und er überließ sich den göttlichen Fügungen. Deshalb wird er heute zu Recht „Spiegel der Geduld“ genannt. Ein reiner, klarer Spiegel, in dem sich – weil er nur auf Gott ausgerichtet war – das „Licht der Welt“, der „Glanz des ewigen Lichtes“ und die „Sonne der Gerechtigkeit“ ruhig spiegeln konnte.

Schau in den Spiegel!

Wie können nun wir diese Tugend erlangen? Wie jede Tugend, so hat auch die Geduld verschiedene Grade. Um es darin zur Vollkommenheit zu bringen, muß man sich zunächst die Grundlagen aneignen. Anfangs gilt es vor allem darauf zu achten das Leiden als von Gott kommend, ohne Murren und ohne innere Auflehnung anzunehmen, da wir auf himmlische Güter hoffen. – Man denke an die begangenen Fehler, die auf diese Weise wiedergutgemacht werden können. Man denke daran, daß Gott damit unser Herz reinigt, besonders von der ungeordneten Neigung, uns selbst und unsere Bedürfnisse als den Mittelpunkt der Welt zu betrachten, um den sich alles andere drehen muß. Dazu helfen können uns folgende Erwägungen über das eigene Nichts des Menschen. Die erste Frage, die wir uns stellen sollten, sobald sich Murren oder Auflehnung in uns regt, lautet: „Wer bin ich im Vergleich zu Gott?“ Mein Verstand ist ein Schatten Seiner göttlichen Weisheit und darum unfähig, Ihm dreinzureden. Gott weiß was Er tut. Gott macht keine Fehler. Gott ist die Liebe. Gott kann nur mein Bestes wollen. – Mein Herz ist mit zahllosen Sünden befleckt, darum unberechtigt Gott vorzuschreiben, wie Er mit mir verfährt; vielmehr verpflichtet alle Schläge von Gott anzunehmen und solange vertrauensvoll auszuharren, bis sich Seine Barmherzigkeit zu mir herabläßt. – Die zweite Frage, die wir uns in Widrigkeiten stellen müssen, ist die Umkehrung der ersten: „Wer ist Gott im Vergleich zu mir?“ Seine Erhabenheit ist unermeßlich; Seine Ratschlüsse unerreichbar weise; Seine Macht unfehlbar präzise; Seine Liebe, auch wenn er züchtigt, unendlich wohlwollend. „Wen Gott liebt, den züchtigt Er“ (Heb. 12, 6), schreibt der hl. Paulus. Und Christus selbst sagt, daß Sein himmlischer Vater gerade jene Weinreben schneidet, von denen Er sich noch reichere Frucht erhofft. „Jeden Rebzweig … der Frucht trägt, reinigt Er, damit er noch mehr Frucht trage“ (Joh. 15, 2). Deshalb diese Geduldsprobe: Damit ich noch mehr Frucht bringe.

Bloße Überlegungen allein werden natürlich nicht genügen. Tugenden erlangt man nur durch die Übung derselben. Also müssen wir uns nach dem Vorbild, das wir im Spiegel der Geduld erblicken, in der Ergebung in den Willen Gottes üben. Dazu müssen wir uns überwinden, da ja keine Tugend ohne Selbstverleugnung erreicht werden kann.

Es mag einer den Einwand erheben: „Das schaffe ich nicht! Das ist zuviel! Das übersteigt meine Kräfte!“ Darauf antwortet der hl. Augustinus: „Tue, was du kannst, und bete um das, was du nicht kannst, so wird Gott dir geben, daß du es kannst.“ Denn: „Gott ist getreu, Er wird euch nicht über eure Kräfte versuchen lassen“ (1. Kor. 10, 13). – Statt zu murren und zu klagen, wollen wir also niederknien, insbesondere den hl. Joseph um seine Fürbitte anrufen und so gleichsam in den „Spiegel der Geduld“ schauen. Im Bild des hl. Joseph sehen wir, wie wir sein sollen. Wenn wir dem Beispiel des hl. Joseph nacheifern, wird auch unser Leben anfangen eine klare Fläche zu werden, auf der sich das gekreuzigte „Licht der Welt“, der „Abglanz des ewigen Vaters“, die „Sonne der Gerechtigkeit“ ein klein wenig reflektiert. So werden auch wir selbst gleichsam zu einem „Spiegel der Geduld“ werden. Amen.

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