Falsche Weichenstellung

Geliebte Gottes!

Wenn auf einem Schienenstrang eine Weiche falsch gestellt ist, so braucht an dieser Stelle kein Zugunglück zu passieren. Wahrscheinlich sogar wird der ankommende ICE-Expreßzug glatt über die Weiche hinweggleiten und in voller Geschwindigkeit weitersausen – jetzt aber auf falschem Geleis. Je länger er so in vollkommener Arglosigkeit weiterfährt, desto größer wird die Gefahr, bis er irgendwo ganz unverhofft und plötzlich auf ein Hindernis aufprallt; und sowohl der Schaden als auch der Jammer werden riesig groß sein. Wie gesagt, das katastrophale Zugunglück kann weit weg passieren; aber die Entscheidung fiel an der falsch gestellten Weiche.

Jerusalems Schicksal

Das Unglück kam über die Stadt Jerusalem, als die römischen Legionen unter Titus und Vespasian es im Jahr 70 n. Chr. belagerten und die Bewohner sich mit blinder Wut bis zum Äußersten wehrten. Selbst als die Lage längst aussichtslos war, wollten und konnten sie den Widerstand nicht aufgeben, weil sie auf ein Eingreifen Gottes warteten. Sie meinten, Gott könne die heilige Stadt Davids nicht untergehen lassen. Der Allmächtige müsse eingreifen, da diese ihre Stadt „auserwählt“ war, der „Thron und Herrschaftssitz Seines Gesandten“, der „Thron des Messiaskönigs“ zu sein. Ihre Hoffnung war vergebens. Unter schauerlichen Greueltaten zerfleischten sich die in der Stadt eingeschlossenen Juden zunächst gegenseitig, um schließlich unter den Schwertern der Römer in einem grausamen Blutbad zugrunde zu gehen. Auch Frauen, Kinder und Alte wurden nicht geschont. Die Juden hatten vergebens gehofft, weil der, auf den sie warteten, der, um dessen willen Gott hätte eingreifen müssen, schon längst dagewesen und wieder zu Seinem Vater in den Himmel aufgefahren war. Das Massaker in Jerusalems Straßen und Gassen, der Brand und die Schleifung des Tempels war die Stunde des größten Unglücks – die Katastrophe für das Judentum – bis heute. Aber die Entscheidung war schon vierzig Jahre früher gefallen, als Israels Denken eine falsche Weichenstellung aufwies.

Jerusalems Weichenstellung

Die Szene des heutigen Evangeliums führt uns in diese Entscheidungsstunde. Es führt uns in die Stunde der Heimsuchung Gottes. Sie ereignete sich am Palmsonntag. Christus wurde jubelnd in Jerusalem willkommen geheißen. Doch Er weinte. Der Gottessohn weint! Gott weint! Er sah die falsche Weichenstellung in ihren Herzen. Er war gekommen, um Buße zu predigen und mit gutem Beispiel den Kreuzweg seines Sühneleidens voranzugehen. Sein Volk aber pries ihn nur mit Hosanna-Rufen, weil es von Weltherrschaft träumte. Sie hielten an ihren Träumen fest, überhörten die Predigt vom Kreuz, daß Sünde wiedergutgemacht werden müßte, und so verachteten sie auch das demütige Beispiel des Gekreuzigten. „Hinfort, hinfort! Kreuzige ihn!“ würden sie in wenigen Tagen vor dem Prätorium des Pontius Pilatus im Chor skandierten. An dem Tag schlugen sie die falsche Richtung ein. Die Richtung, welche sie ins Verderben, in die Katastrophe führte. Mit voller Geschwindigkeit rasten sie dahin und haben es nicht bemerkt. Der Herr bestätigt es unter Tränen: „Wenn doch auch du es erkannt hättest, an diesem deinem Tage, was dir zum Frieden dient! Nun aber ist es vor deinen Augen verborgen. … Weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast“ (Lk. 19, 42-44).

Die Zeit der Heimsuchung

„Weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast.“ Vielleicht hätte Er sich noch deutlicher bemerkbar machen müssen? Er hätte noch größere Wunder, noch schönere Predigten, noch schärferes Abrechnen mit seinen Gegnern halten können. – Ja, vielleicht. Was wissen wir schon von Gottes Möglichkeiten. Aber es ist nicht Gottes Stil, sich den Menschen aufzudrängen und sie einfach auf Seinen Weg zu zwingen. Er erwartet von jedem Menschen eine gewisse Wachsamkeit, ein Ausschauhalten nach Gott und nach den Winken Seiner göttlichen Vorsehung. Er erwartet eine Gelehrigkeit des menschlichen Herzens, die sich angesprochen fühlt, wenn Gott spricht. Wo dieses Wachsein, dieses Ausschauhalten nach Gottes Wille fehlt, läßt Er sich übersehen und hält das Unglück nicht auf. – Vielleicht sogar aus Gnade! – Vielleicht hätte Jerusalem einen deutlicheren Wink auch noch ignoriert und wäre damit nur noch schuldiger geworden, und was dann dem Strafgericht über die Stadt in der Ewigkeit gefolgt wäre, läßt sich nicht mehr überblicken. Die Tränen des auf dem Palmesel sitzenden göttlichen Heilandes waren die letzte Warnung – und die deutlichste! Weiter ging der Herr nicht; wer weiß, vielleicht aus Barmherzigkeit.

Uns zur Warnung geschrieben

Nicht nur das Schicksal Israels in der Wüste, sondern auch das Schicksal Jerusalems ist uns, wie der hl. Paulus in der heutigen Epistel sagt „zur Warnung geschrieben“ (1. Kor. 10, 11). Es wurde uns „zur Warnung geschrieben“. Die Heilige Schrift ist nicht zum Lob oder Tadel geschrieben, sondern zur Belehrung, zur Warnung oder zur Ermunterung, je nachdem. Jerusalems Schicksal kann sich wiederholen, und es scheint sich zu wiederholen – an den Völkern und an jedem Einzelschicksal. Gott will das Heil aller Menschen. Jeder ist in gewisser Hinsicht ein „Auserwählter“ und muß sich im „auserwählten Volk“ Gottes vorgebildet bzw. widergespiegelt sehen. Jeder muß seinem Leben in den Stunden der Heimsuchung durch die göttliche Gnade eine Richtung geben. Es gibt dabei der Grundsatz: Die Entscheidung fällt in der Stunde der göttlichen Heimsuchung. Wann sich das Schicksal erfüllt und die Folgen der in der Heimsuchungsstunde getroffenen Entscheidung sich zeigen, kann man nicht im voraus sagen. Bei Jerusalem hat es vierzig Jahre gedauert. Längst war die Kreuzigung dieses Jesus von Nazareth aus dem Gedächtnis der Jerusalemer Bevölkerung gewichen. Vierzig Jahre plätscherte das Leben vergnügt dahin. Die wirtschaftliche Lage und das Wohlleben in der Stadt hatten sich kontinuierlich verbessert. Die Pracht ihrer Bauwerke, vor allem die Herrlichkeit des gerade wiederhergestellten Tempels mit seinem vergoldeten Dach, in dem sich die Sonne spiegelte, war sinnbildlich für den weithin sichtbaren Glanz Jerusalems. Auch das soll uns eine Warnung sein: Sorgloser Wohlstand, Gesundheit und irdisches Wohlergehen sind kein Indiz dafür, daß wir auf den Wegen Gottes wandeln! Denn eines Tages traf die stolze, unbußfertige Stadt ihr Los, und ihr Schicksal wurde besiegelt. Vierzig Jahre nach der verhängnisvollen Weichenstellung.

Deine Wege zeige mir, Herr, und deine Pfade lehre mich!

Die Frage, die sich für uns alle stellt, ist die: Kann man verhindern, daß man auf ein falsches Geleis gerät und dann blindlings einer Katastrophe entgegenrast? Kann man verhindern, daß man das unaufdringliche Werben der Gnade Gottes übersieht? – Hier muß man mit einem entschiedenen „Ja“ antworten. Allerdings muß einem dann wirklich daran gelegen sein, daß man den Willen Gottes nicht nur erkennen, sondern ihn auch erfüllen will. Wer sich zu diesem Standpunkt durchgerungen hat: Gottes Wille und Sein Wille allein ist die entscheidende Norm für mein Leben. Alle meine Wünsche und Neigungen müssen mit Seinem Gesetz in Einklang gebracht werden, müssen sich Seinem Gebot unterordnen – in allen Lebensbereichen, ohne Ausnahme – so jemand ist nicht so leicht in Gefahr, eine Entscheidungsstunde zu verpassen. Außerdem ist das demütige Gebet erforderlich. Wer aufrichtigen Herzens wie der Psalmist betet: „Deine Wege zeige mir, Herr, und deine Pfade lehre mich!“ (Ps. 24, 4), der darf das Vertrauen haben, daß Gott Seinen Willen deutlich genug kundgibt, sodaß auch wir schwerfälligen Menschen es verstehen können. Wer so „eingestellt“ ist, der beherzigt genau das, was der hl. Paulus fordert: „Wer zu stehen glaubt, sehe zu daß er nicht falle“ (1. Kor. 10, 11), der hält wachsam Ausschau nach den Stunden der Heimsuchungen durch die göttliche Gnade.

Vermeidung von falschen Weichenstellungen

Dabei ist es jedoch wichtig, daß erzieherisch schon beim jungen Menschen eine bestimmte Grund-„Einstellung“ zum Leben geweckt und gefestigt wird; nämlich die: daß unser Leben nicht unser Eigentum ist. Es wäre falsch zu fragen: „Wie mache ich mir ein schönes Leben? Wie will ich mein Leben gestalten?“ Statt dessen müssen wir wie ein Verwalter im Interesse des Herrn und Eigentümers fragen: „Was will Er mit meinem Leben? Welche Absichten hat wohl Gott mit mir?“

Wir wissen, daß wir alle in Gefahr sind uns blenden zu lassen vom Glanz dieser Welt, selbstherrlich und selbstgefällig zu werden. Der weinende Christus mahnt uns zur Wachsamkeit, damit nicht über uns einmal gesagt werden muß: „Nun aber ist es verborgen vor deinen Augen“ (Lk. 19, 43). Und es ist heute genau so, als säße unser Herr und Heiland weinend da, während Er Seinen Blick auf unsere Städte richtet. Er weint über die zahllosen Verirrten, die den Weg des Heils verloren haben; die Ihn als Ihren Hirten verschmähen, Ihm nicht folgen wollen; die im Ungehorsam verstockt sind. Er weint über jene, die das Taufgelöbnis zertreten und das milde Joch Seiner Gesetzes abgeschüttelt haben. Er weint über die Schmähungen, die gegen Ihn und die Heiligen ausgestoßen werden. Er weint über den sittlicher Schmutz, der durch die verdorbene Doppelgänger-Kirche des „2. Vatikanums“ über Seine von Ihm gestiftete wahre katholische Kirche, Seine makellose Braut ausgegossen wird. Er weint über die Schande, die dem Amt Seines unfehlbaren Stellvertreters und damit Ihm selbst zugefügt wird, indem das kirchliche Lehramt durch Scheinpäpste zu einer Karikatur herabgewürdigt und vor aller Welt derart unglaubwürdig, ja zum Gespött, gemacht wurde, so daß heute die wenigsten „Katholiken“ an die Unfehlbarkeit der Kirche, an die Makellosigkeit und Heiligkeit ihres Sittengesetzes glauben wollen. Er weint über die öffentliche Schuld der Völker, welche die Rechte und das Lehramt der von ihm gestifteten Kirche längst verworfen haben.

Vernehmen wir die Botschaft des weinenden Christus! Verstehen wir, daß Seine Tränen uns zur Bekehrung drängen! Wir sind aufgerufen eine Tempelreinigung in unserem Herzen durchzuführen. Wie unser Herr am Palmsonntag, so müssen wir heute, solange uns noch Zeit bleibt, alles aus dem Heiligtum unseres Herzens hinausgeschafft werden, was diesen Tempel des Heiligen Geistes entweiht und ihn einer Räuberhöhle gleich macht. Hinaus damit! Erkennen wir, was Er von uns will in dieser, vielleicht in dieser letzten Stunde!

Flehen wir in dieser hl. Messe besonders um die Gnade der Wachsamkeit und Hellhörigkeit dem göttlichen Willen gegenüber, so wie er sich tagtäglich in den Geboten Gottes und der Kirche offenbart und wie wir ihm in der Erfüllung unserer Standespflichten nachkommen. Nehmen wir uns diejenige zum Vorbild, die in keinem Augenblick ihres Lebens den hl. Willen ihres Gottes aus dem Blick verloren hat. Die „Einstellung“ ihres unbefleckten Herzens war stets darauf gerichtet. Deshalb sind sie fest und ist niemals gefallen (1. Kor. 10, 11). Stets hat sie, die Jungfrau und zugleich Mutter war, in treuer Pflichterfüllung ihr einmal gegebenes „Fiat“ stets erneuert und treu durchgehalten. „Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach deinem Wort“ (Lk. 1, 38). Das war die Weichenstellung im Leben der allerseligsten Jungfrau Maria. Wohin sie diese Weichenstellung getragen hat, das dürfen wir in diesem Monat am Fest Mariä Himmelfahrt feiern. Bitten wir Maria, daß auch wir in den für unser ewiges Heil entscheidenden Augenblicken, wie sie sprechen dürfen: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach deinem Wort.“ Amen.