Der Friede sei mit euch!

Geliebte Gottes!

Pax vobis!“ – „Der Friede sei mit euch!“ (Joh. 20, 19). So lautete der Gruß unseres Herrn an die versammelten Apostel, sowohl am Abend des Ostersonntag als auch in der Woche darauf, als der Herr erschien, um auch dem letzten Seiner Apostel Seinen Osterfrieden zu bringen. Als „Friedensfürst“ (Is. 9, 6 ff.) wurde Er bereits im Alten Bund durch den Propheten Isaias verkündet, als derjenige, der die „tranquillitas ordinis pax“, die „Ruhe der Ordnung, welche Friede ist“, wieder herstellt. – Die durch die Sünde vernichtete Ordnung wurde durch Christus am Kreuz mit dem Wort „Es ist vollbracht!“ wieder hergestellt. Die Ruhe sollte am Ostermorgen einkehren, als der Auferstandene in den nimmer endenden „Tag, den der Herr gemacht hat“ (Ps. 117, 24), in den unveränderlichen, ewigen Tag Seiner Herrlichkeit hineingeschritten war. Unverlierbar und unumstößlich war so die neue Ordnung des ewigen Lebens durch den Erlöser befestigt worden.

In der Tat: „Er ist unser Friede“ (Eph. 2, 14). Seitdem teilt Er Seinen Frieden nicht nur Seinen Aposteln und Jüngern mit, sondern durch die Jahrhunderte hindurch Seinem gesamten Friedensreich, also allen Gliedern der katholischen Kirche. Wie am ersten Weißen Sonntag geschieht das bis heute in dreifacher Hinsicht: 1. Christus bringt den Trauernden Seinen Frieden, indem Er den Tod überwand. 2. Er schafft Frieden, indem Er den Sünder mit Gott versöhnt. Und 3. schafft Er den von Zweifeln geplagten Seelen inneren Frieden.

Befriedung der Todesangst

Durch die Überwindung des Todes brachte Christus zuallererst den Frieden für Seine Apostel. Sie waren ob der Ereignisse des Karfreitags von einer tiefer Depression niedergedrückt und verzagt. Sie taten den Bericht der Frauen, die das Grab am Ostermorgen leer vorfanden und von Engelerscheinungen berichteten, als Weibergeschwätz ab und wollten ihnen keinen Glauben schenken. Maria Magdalena gelang es dann zwar, den Petrus dazu zu bewegen, zusammen mit Johannes das Grab in Augenschein zu nehmen. Tatsächlich heißt es von ihm: „Er sah und glaubte“ (Joh. 20, 8). Doch war dieser Glaube noch nicht stark genug, um die Traurigkeit zu überwinden. Petrus und Johannes kehrten vom Grab zum Abendmahlsaal zurück, ohne auch nur ein Wort davon zu berichten. Einige Ausleger meinen, daß es die blanke Todesangst war, die ihnen die Frohbotschaft im Halse steckenbleiben ließ. Durch das Verschwinden des Leichnams Jesu sahen sie zuallererst eine Bedrohung für ihr eigenes Leben. War doch klar, daß die Feinde Jesu nun auch sie des Betrugs bezichtigen und ihnen nach dem Leben trachten würden. Todesangst verfinsterte ihren Geist und bewog sie dazu, sich im Abendmahlsaal zu verbarrikadieren.

Da vernahmen sie am Osterabend den ersten Friedensgruß. „Der Friede sei mit euch!“ (Joh. 20, 19). Unverkennbar war es die vertraute Stimme ihres geliebten Meisters, der nun plötzlich in ihrer Mitte steht. Der Auferstandene durchschaut sofort ihre Angst und ihre zweifelnden Gedanken. Er beruhigt sie, zeigt ihnen Seine Hände und Füße. Er verlangt nach Speise. Nicht als ob Er solcher bedurft hätte, sondern um ihnen zu beweisen, daß Er kein Gespenst war, für das sie Ihn hielten. Ein Geist kann nicht essen. Sein verklärter Auferstehungsleib sehr wohl. Behutsam befreite der Gute Hirte Seine Apostel aus dem Dornengestrüpp ihrer Furchtsamkeit und Trauer, indem Er ihnen den Sinn der Schrift über Sein Leiden, Seinen Tod und Seine Auferstehung erschloß. So geschah es, daß „sie sich freuten, daß sie den Herrn sahen“ (Joh. 20, 20). Alle Traurigkeit und Todesangst war wie weggeblasen. Der Friede Christi, des Siegers über den Tod, erfüllte ihre Herzen.

Der Glaube an die Auferstehung unseres Herrn bringt auch in unseren Herzen Trost und Friede hervor. Unser eigener Tod verliert in seinem Licht des verklärten Herrn die fratzenhaften Züge und erscheint uns als Freund, der uns in den Schoß des himmlischen Vaters, in die ewige Heimat hinüberführt. Denn „verschlungen ist der Tod im Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ (1. Kor. 15, 54 f.). Durch den gläubigen Blick auf den Auferstandenen Christus können wir kühn mit dem hl. Paulus ausrufen: „Christus ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn“ (Phil. 1, 21)!

Das Glaubenslicht, das unseren eigenen Tod verklärt, dehnt seinen Lichtkreis jedoch noch weiter aus. Was für uns gilt, das gilt auch für unsere lieben Verstorbenen, um die wir trauern. Der Glaube an die Auferstehung lehrt uns, daß uns der Tod nicht für immer von geliebten Menschen trennt. Auch wenn die Trennung augenblicklich schmerzt, sie wird nur von vergleichsweise kurzer Dauer sein. Das Wiedersehen ist gewiß! Jesus sprach einst zu Martha, die um ihren verstorbenen Bruder Lazarus trauerte: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist“ (Joh. 11, 25). Diese Zusicherung brachte Martha den Herzensfrieden in die von Trauer zerquälte Seele. Einen Frieden, der sie in aller Ruhe gläubig bekennen ließ: „Ja Herr, ich glaube, daß Du Christus bist, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Joh. 11, 27).

Befriedung der Sündenschuld

Doch der auferstandene Friedensfürst bringt nicht nur den furchtsamen und trauernden Herzen Seine österliche Gabe. Nein, Er bringt den Frieden vor allem für die Sünder. Durch Sein Sühnopfer am Kreuz sind wir wieder mit dem göttlichen Vater versöhnt.

Die Sünde ist der Hauptfaktor innerer Rast- und Ruhelosigkeit, denn sie entzweit uns mit Gott. Sie schneidet uns von Gott ab, der doch der einzige Ruhepol des Menschenherzens ist, wie das bekannte Augustinus-Wort so treffend ausdrückt: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir, mein Gott.“ Nirgends als allein in Gott kann das Menschenherz Frieden finden. Die Sünde trennt von Gott. „Eure Missetaten scheiden euch von eurem Gott, und eure Sünden verbergen sein Antlitz vor euch“ (Is. 59, 2). Wird die Sündenschuld nicht aus dem Weg geräumt, bleibt die Seele zu immerwährender Friedlosigkeit verdammt. „Die Gottlosen haben keinen Frieden“ (Is. 48, 22). „Wer widersetzt sich Ihm und hätte doch Frieden?“ (Job. 9, 4). Die Sünde entzweit uns demnach nicht nur mit Gott, sondern auch mit uns selbst, da unsere Seele doch nach nichts anderem größeres Verlangen hat als zur Ruhe zu kommen und Frieden zu finden. Da stellt sich doch die Frage: „Wer aber kann Sünden vergeben, als Gott allein?“ (Lk. 5, 21).

In diese Ungewißheit hinein erklingt das zweite Friedenswort Jesu, das Er am Osterabend an seine Apostel richtete. Es enthält die Erlösung von den Sünden: „Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. … Welchen ihr die Sünden nachlaßt, denen sind sie nachgelassen.“ (Joh. 20, 21. 23). Wie wir am Karfreitag gesehen hatte, bestand der erste Zweck für das Kommen des Erlösers in die Welt nicht darin, Kranke zu heilen und Tote ins Leben zurückzurufen. Dazu wurde er in die Welt gesandt, um aus Sündern Geheiligte zu machen; aus Ungerechten Gerechte; aus Kindern des Zornes Kinder Gottes. „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und zu selig zu machen, was verloren war“ (Lk. 19, 10). Um die Sünden der Welt hinwegzunehmen, ist Er das „Lamm Gottes“ geworden, welches geschlachtet werden mußte, damit die Seelen durch Sein am Kreuzesholz vergossenes Blut dem Würgengel der Hölle entrissen würden. „Dieser ist die Versöhnung für unsere Sünden; doch nicht allein für die unsrigen, sondern auch für die Sünden der ganzen Welt“ (1. Joh. 2, 2). Nicht weil wir in den Augen Gottes so liebenswert erschienen wären, ist das geschehen. Im Gegenteil! Gott hat „uns zuvor geliebt und seinen Sohn gesandt zur Versöhnung für unsere Sünden“ (1. Joh. 4, 10), damit unsere Gewissen gereinigt würden „von toten Werken, damit wir dem lebendigen Gott dienen“ (Heb 9, 14).

Die Apostel und ihre Nachfolger sollen die erlösende Sendung Christi bis ans Ende der Zeiten fortsetzen. Jedes unruhige Gewissen soll von den Lippen der Priester Seine friedensstiftenden Worte hören: „Ich spreche dich los von deinen Sünden.“ Jeder von uns durfte gewiß die befreiende und erleichternde Macht dieser Worte nach einer guten Beichte erfahren. Welch ein Trost, welch ein Friede erfüllt in solch einem Augenblick die Seele! – Wie sehr betrügen sich doch jene um den Osterfrieden, die sich einreden, sie hätten keine Sünden – oder wenigstens keine schweren – zu beichten. Von ihnen sagte schon der Prophet im Alten Bund: „Sie sprachen: Friede, Friede! wo doch kein Friede war“ (Jer. 8, 11). – An uns ist es nun, den um Christi teures Blut erkauften Frieden mit Gott zu bewahren, indem wir uns um ein tadelloses christliches Leben mühen, d.h. die Gelegenheit zur Sünde meiden, Gottes Gebot aus Liebe zu Ihm erfüllen und uns durch die Gnadenmittel dazu Gottes übernatürlichen Beistand zu sichern. Auch von uns muß gelten, was der hl. Paulus über Christus schreibt: „Christus, nachdem er von den Toten auferstanden ist, stirbt nicht mehr, der Tod hat keine Macht mehr über ihn. … Also sollt auch ihr dafür halten, daß ihr zwar der Sünde abgestorben seid, für Gott aber lebt in Christus Jesus, unserm Herrn. Laßt die Sünde darum nicht herrschen in eurem sterblichen Leib“ (Röm. 6, 9 ff.) Nur so wird der Herzensfrieden hier auf Erden dauerhaft sein können und in den ewigen Frieden bei Gott übergehen können.

Befriedung des Glaubenszweifels

Schließlich berichtet uns die heutige Evangelienperikope von einem dritten Friedenswort aus dem Mund unseres Herrn: „Sei nicht ungläubig, sondern gläubig“ (Joh. 20, 27). Christus hat auch den Zweifelnden Seinen Frieden gebracht, indem Er die Glaubenszweifel gelöst und durch Seine glorreiche Auferstehung die Wahrheit Seiner Lehre bestätigt hat. – Zweifel und Unglaube rauben den inneren Frieden, verwirren den Geist und lassen die Seele gequält umherirren. Der Apostel Thomas ist hierfür exemplarisch. Er war bei der ersten Erscheinung Jesu am Ostersonntag nicht zugegen. Er hatte sich von Petrus und der Gemeinschaft der Apostel getrennt und war eigene Wege gegangen. Dabei war es doch nicht verwunderlich, daß Christus, „der Stein, den die Bauleute verwarfen“, sich gerade bei Seinem zukünftigen Stellvertreter, dem Petrus, offenbaren würde, daß Er nun durch seine glorreiche Auferstehung „zum Eckstein geworden“ (Ps. 117, 22) war. Schon am Ostersonntag deutete sich damit an, was bis ans Ende der Welt Geltung haben wird: Die göttliche Wahrheit findet sich immer bei Petrus und nur bei Petrus. Wer sich von ihm trennt, der irrt wie Thomas in Glaubenszweifeln, lediglich von naturalistischem und materialistischem Denken beseelt, durchs Leben. Solange man fern vom Lehramt Petri seine eigenen Wege beschreitet, wird man unweigerlich mit sich die Qual und Trostlosigkeit seiner Zweifel umhertragen. Auf viele der wichtigsten Fragen unseres Lebens findet der schwache Menschengeist keine Antwort und damit auch keinen Frieden.

Jesus heilt den Zweifel des Thomas indem er ihm zunächst entgegenkommt. Er zeigt ihm die Wundmale, läßt sich von ihm betasten und untersuchen. Und doch bleibt dem Thomas der eigentliche Glaubensakt nicht erspart. „Sei nicht ungläubig, sondern gläubig“ (Joh. 20, 27), bekommt er zu hören. Thomas sieht und glaubt. Doch sieht er keineswegs, was er glaubt. Er sieht einen Menschen. Er berührt die Wunden eines Menschen – er betastet einen nach wie vor tödlich verwundeten Menschen. Einen Menschen mit durchbohrtem Herzen; einen tot geglaubten, und doch wieder auferstandenen Menschen. Er geht in die Knie. Und was hören wir voller Erstaunen aus seinem Mund? – „Mein Herr und mein Gott!“ Er sieht einen Menschen und bekennt Gott. Er glaubt an die Gottheit, die nicht gesehen, nicht betastet und nicht empirisch wahrgenommen werden kann. In dieser gnadenhaften Glaubensgewißheit findet schließlich auch Thomas seinen Osterfrieden und seine Osterfreude.

Jesus ist auch unser Friede, indem Er durch die Stimme des kirchlichen Lehramtes alle Zweifel von unserem Geist hinwegnimmt, so wie die Sonne den Nebel auflöst. Die Kirche ist dank Seines göttlichen Beistandes die „Säule und Grundfeste der Wahrheit“ (1. Tim. 3, 15). Wer auf sie blickt, findet dort das strahlende Licht der göttlichen Wahrheit. – Doch auch umgekehrt gilt: Wo stattdessen der trübe Nebel des Irrtums und des Zweifels verbreitet wird, kann nicht die katholische Kirche sein. Dort lehrt nicht Christus durch Petrus und die Apostel. Wenn Bergoglio alias „Papst Franziskus“ behauptet, daß denjenigen, die keine Glaubenszweifel hätten, eine wesentlich menschliche Erfahrung fehle, daß also zum wahren Menschsein der Glaubenszweifel wesentlich dazugehöre, so ist dies sehr aufschlußreich. Nein, Christus ist nicht von den Toten auferstanden, um uns im Zweifel zu belassen, sondern glasklar Licht von Finsternis zu scheiden, Wahrheit von Irrtum, das Gute vom Bösen. Er ist gekommen, um den von Zweifeln gequälten Herzen den Frieden unfehlbarer Gewißheit zu geben. Aus der Glaubensgewißheit erwächst dem Menschen nämlich dann die Ruhe und der Frieden, ja sogar ewige Seligkeit, die Christus verheißt: „Selig, die nicht sehen und doch glauben!“ (Joh. 20, 29).

Um dieser Seligkeit teilhaft zu werden, wollen auch wir zusammen mit dem hl. Apostel Thomas bekennen: „Mein Herr und mein Gott!“, und mit der „Nachfolge Christi“ hinzufügen: „Du bist in Wahrheit mein Friedensfürst, in dem der höchste Friede und die wahre Ruhe zu finden ist, ohne den aber nur Mühe, Schmerz und Elend ohne Ende ist.“ Bleiben wir in Seinem Frieden! Amen.