Was haben wir hier zu suchen?

Geliebte Gottes!

„Was haben Sie denn hier zu suchen?“ So sagt man, etwa zu einer Person, die sich im Faschingskostüm in eine Kirche begibt oder sich im Trainingsanzug aufs Tanzparkett beim Wiener Opernball wagt. – „Was haben Sie denn hier zu suchen?“ So sagt man zu einem Schnüffler, den man dabei erwischt, wie er unsere persönlichen Sachen durchwühlt, zu einem Dieb, den man im fremden Haus überrascht, oder dem Gesunden, der ins Krankenhaus eingewiesen wurde, dem Unschuldigen im Gefängnis, jedenfalls einem, der nicht dort ist, wo er hingehört, der an seinem augenblicklichen Platz „nichts zu suchen“ hat.

Ähnlich begegnet der Engel am leeren Grab den Frauen: „Was habt Ihr denn hier zu suchen?“ „Ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier“ (Mk. 16, 6). Es gibt hier für euch nichts zu finden. Aber: Es gibt hier für euch eigentlich auch nichts zu suchen! Ihr sucht an der falschen Stelle. Oder meint ihr, Christus, der Eure Sünden mit dem Griffel der Nägel in sein Fleisch eingeschrieben ans Kreuz trug, würde jemals wieder in dieses, alte, irdische Leben zurückkehren? – Ja, vielleicht rief der Engel den Frauen dieselben Worte entgegen, die der hl. Paulus heute Nacht in der Epistel an uns richtete: „Suchet, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Was droben ist, habt im Sinn, nicht was auf Erden“ (Kol. 3, 1). „Christus ist von den Toten auferstanden und stirbt nicht mehr“ (Röm. 6, 9). Nicht bei den Toten, deren Gebeine zu Staub zerfallen, soll ihr Ihn suchen, sondern bei den Lebenden! Nicht im alten Leben der Sünde und des Todes, sondern im neuen Leben, droben bei Gott.

„Sucht was droben ist“

Was den Frauen widerfahren ist, das ist uns zum Vorbild gegeben. Als Getaufte haben wir hier auf Erden „nichts zu suchen“! Auch wenn es so aussieht, als gehörten wir hierher. Wir können hier nichts mehr finden, was endgültigen Wert für uns hätte. Warum? Weil wir bereits gestorben sind! Gestorben sind wir und wiederauferstanden zu einem neuen, übernatürlichen Leben. Wir sind anders geworden, beinahe möchte man sagen: jemand anders! Das Sakrament der hl. Taufe ist ein geheimnisvoller Vorgang, den uns nur der Glaube erschließen kann. Und was uns der Glaube lehrt, das ist, sofern wir es uns zu Bewußtsein bringen, aufregend, bestürzend und überwältigend zugleich: Bei unserer Taufe sind wir im Untertauchen gestorben und im Wasser zusammen mit Christus gleichsam begraben worden. Als man uns dann aber aus dem Taufbrunnen heraufhob, da sind wir auferstanden. Wir sind mit Christus aus dem Grab auferstanden zum Leben der heiligmachenden Gnade.

Wenn dieser Glaubenssatz an das gewaltige Geschehen von Tod und Auferstehung in der hl. Taufe von den natürlichen Sinnen des Menschen auch nicht wahrgenommen werden kann – rein äußerlich betrachtet scheint ja keine wesentliche Veränderung an einem Täufling vor sich gegangen zu sein – so klärt uns der hl. Paulus im Kolosserbrief darüber auf, warum das so ist: Unser neues Leben „ist verborgen mit Christus in Gott“ (Kol. 3, 3). Christus hat sich nach Seiner Auferstehung nicht vor aller Welt geoffenbart, sondern nur vor einigen Auserwählten. Unser Herr selbst wartet auf Seine letzte Verherrlichung bei Seiner Wiederkunft „mit großer Macht und Herrlichkeit“, bei Seinem Erscheinen zum Gericht über die Welt. Bis dahin lebt der auferstandene Christus zwar in der verklärten Herrlichkeit seiner ewigen Heimat. Aber für die Erdenbewohner ist Er nicht sichtbar – eben: „verborgen in Gott“. Wenn sie wollen, können die Menschen über Ihn lachen und Seine Existenz in Zweifel ziehen wie die Narren. Er läßt es zu. Sein Leben ist verborgen in Gott. – Solange dieser Zustand dauert, darf auch der Christ, dürfen auch wir nicht erwarten, daß etwas vom neuen Leben aus der Taufe an uns äußerlich sichtbar wird und uns in irgendeiner Weise besonders in den Augen der Welt auszeichnet. Auch unsere Herrlichkeit ist mit Christus verborgen! – Aber mit der Wiederkunft Christi wird auch die Herrlichkeit aller Gotteskinder offenkundig werden, ihnen selbst zur überwältigenden Freude, den andern zum großen Erschrecken und zur Beschämung.

Der Sünde gestorben bleiben

Es gehört zu unseren Grundverpflichtungen, diesen Glauben ernstzunehmen und lebendig zu erhalten, wenn es uns nicht schlimmer ergehen soll als den Frauen, die am Ostermorgen am falschen Ort suchten. Denn darin besteht gewissermaßen die „Gefahr“ des Osterfestes! Die Fastenzeit ist vorüber und mit ihr oft auch der Ernst der guten Vorsätze, das Leben auf Gott ausgerichtet zu halten. Die strenge Bußzeit ist zu Ende. Jetzt kann man wieder leben wie vor der Fastenzeit. Jetzt ist wieder alles erlaubt. Solches Denken birgt die Gefahr in sich zum Grab des „alten Leben“ zurückzukehren; jenes Leben, für das Christus in Seiner Passion Sein kostbares Blut vergoß und den Tod auf sich nahm; jenes „alte Leben“, für das wir in der hl. Taufe eigentlich ein für alle Mal gestorben sind. Wir dürfen nicht zum Grab zurückkehren, nicht ins „alte Leben“ zurückfallen! In die alten, sündhaften Gewohnheiten, die Jesus durch Sein Leiden und Sterben am Kreuz eigentlich zu Grabe getragen hat; und welche nun aber für jene, welche diese sündhaften Dinge doch erneut wieder oder weiterhin tun, das „ewige Grab“ bedeuten! Hüten wir uns, daß nicht nach unseren aufrichtigen Bemühungen in der hinter uns liegenden Bußzeit womöglich an uns das Sprichwort wahr werde: „Der Hund kehrt zu seinem Auswurf zurück; und: Das Schwein wälzt sich nach der Schwemme wieder im Schlamm“ (2. Pt. 2, 20ff.).

Dazu brauchen wir einen anderen Blick auf das Leben als vom Ostergeheimnis erfüllte Menschen. Einen solchen Ansatz liefert uns der hl. Paulus: „Was droben ist, habt im Sinn, nicht was auf Erden ist!“ (Kol. 3, 2). – Wenn der Glaube uns nur düstere Wahrheiten lehren würde, dann wäre es nur zu begreiflich und auch verständlich, daß der Mensch versuchte, möglichst wenig daran zu denken, obwohl das an der Wirklichkeit nichts ändern würde. – Nun aber sagt uns der katholische Glaube das Herrlichste, was sich ausdenken läßt, daß wir weit mehr sind als Kinder eines sündigen Geschlechtes, daß wir eine Herrlichkeit bereits jetzt verborgen in uns tragen, wie sie ganz flüchtig einmal hier auf Erden aufleuchtete, als unser Herr Jesus Christus strahlend und verklärt aus dem Grabe stieg. – Warum kümmern wir uns nur so wenig um diese Tatsache? Warum suchen wir so oft wieder das Grab der Sünde auf? Warum betrügen wir uns um unser Glück?

Das Leben ernst nehmen

Für Katholiken, welche die Wort des Völkerapostels und damit ihren Glauben ernst nehmen und auf die kommende Herrlichkeit warten, gibt es auf dieser Welt nichts zu suchen. Nicht als ob wir die Welt nicht ernst nehmen und uns in ein abgeschiedenes Kloster oder in eine Einsiedelei verkriechen müßten, um dort auf den Tod zu warten. Nein, wir sollen die Erde und dieses irdische Leben als das nehmen, was es ist: Ort und Zeit der Bewährung, nicht der Vollendung. – Vom Ostergeheimnis erfüllte Menschen nehmen das Leben als das, was es sein soll: Weg zur Vollendung, nicht flüchtiger Karneval, den man genießt, weil er vorübergeht! – Seltsam unbeschwert und doch einmalig ernst steht der Katholik, der sich die österliche Botschaft des Glaubens im Bewußtsein hält, dem Leben gegenüber. Er erwartet nicht, daß es ihm alle Wünsche erfüllt. Er nimmt es auch nicht allzu tragisch, wenn es ihn bisweilen vielleicht hart anfaßt, wenn es ihn den Kreuzweg gehen läßt. Er teilt nicht die Gier derer, die nur die Jahre zwischen Geburt und Tod zählen. Nein, sein Geschmack ist anders. Das „Ewige“, „das, was droben ist“ bei seinem auferstandenen Herrn und Gott ist die einzige und entscheidende Richtschnur seines Lebens. – Andererseits geht er mit dem Ernst der Pflichttreue an alle irdischen Aufgaben heran, weil er in ihnen mehr sucht, als Einkommen, Ehre, Erfolg und Genuß. – In ihnen sieht er Stationen auf dem Weg zur Ewigkeit; Stationen, die man passieren muß, will man das Ziel nicht verfehlen. Und so passen die gläubigen Katholiken doch wieder in diese Welt, und zwar viel besser als die Ungläubigen, die hier im Irdischen ihre Heimat sehen. – Warum? Weil der gläubige Christ die Welt richtig zu deuten weiß. Er versteht sie als das, was sie sein soll, Acker mit keimender Saat, die Frucht bringt für das Leben in der Ewigkeit. Wir müssen also das Herz bei unserem Herrn im Himmel haben und doch gleichzeitig mit beiden Füßen fest auf dem Boden der zeitlichen Wirklichkeit stehen. So wären wir das „Salz der Erde“ (Mt. 5, 13), nicht schal gewordenes Salz, das, weil es seine Kraft verloren hat, zu nichts mehr taugt und deshalb von den Menschen zertreten wird. Ja selbst wenn der Haß der Welt den gläubigen Menschen trifft und niedertritt, so gelten von ihm die Worte des hl. Augustinus: „Zertreten werden kann nur der, welcher am Boden liegt. Der aber liegt nicht am Boden, der, wenn er auch körperlich viel auf der Erde aushalten muß, dennoch mit dem Herzen im Himmel verhaftest ist.“

Blicken wir schließlich noch auf die allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria. Die Unbefleckte ist uns ein großes Vorbild darin, was es heißt, österliche Menschen zu sein. Sie ging nicht hinaus zum Grab. Die Unbefleckte suchte nicht am falschen Ort. Ja, sie konnte es gar nicht, weil ihr das „alte Leben“ durch und durch fremd war. Sie wartete stattdessen in ihrer gläubigen und zugleich hoffnungsvollen Trauer, bis ihr auferstandener Sohn Jesus Christus – das neue, ewige, verklärte Leben selbst – zu ihr komme, ihr Seine verklärte Herrlichkeit offenbare und ihr unbeflecktes Herz mit der Freude Seines Triumphes über das Grab – nämlich über Sünde, Tod und Teufel – erfülle. Amen.