Die letzte Wallfahrt zur Schmerzhaften Mutter

Die alte Marianne saß in einem Altenheim auf ihrem Zimmer und betete den Rosenkranz. Erst seit einigen Wochen hatte das alte Mütterchen dieses Zimmer für sich alleine. Ihre Mitbewohnerin war gestorben. Heller, freundlicher Sonnenschein blickte durch das kleine Fensterchen in die niedere Stube herein. Tiefe Stille lag in dem Raum, nur dann und wann war ein leises Klirren des alten, großen Rosenkranzes in der zitternden Hand des alten Mütterchens zu hören. Als sie das Gebet beendet hatte, blickte sie zu dem Bild der Schmerzhaften Muttergottes auf, das unter dem Kruzifix in der Ecke des Stübchens seinen Platz hatte.Wieder faltete sie die Hände, den Blick fest und andächtig auf das einfache Bild gerichtet, welches Maria mit dem Leichnam des Heilands auf dem Schoß darstellte. Mit zitternder Stimme begann sie zu singen: „Christi Mutter stand mit Schmerzen, bei dem Kreuz und weint von Herzen, als ihr lieber Sohn da hing…“ Auswendig sang sie das ganze Lied, es kam wahrlich von Herzen. Sie hörte nicht, wie auf dem Gang ein paar Bewohner des Altenheims angefangen hatten zu lachen und zueinander sagten: „Die alte Marianne singt wieder einmal.“ Eine Schwester, die diese Worte gehört hatte, wies die Beieinanderstehenden darauf hin, daß dieses Lied noch lange nicht so viel Lärm machen würde, als wenn man auf dem Gang und in den Zimmern überlaut sprechen oder sogar Händel haben würde. Marianne war inzwischen bei der letzten Strophe des Liedes angekommen: „Gib, daß mich sein Kreuz bewache, daß sein Tod mich lebend mache, mich erwärm’ sein Gnadenlicht; daß die Seele frei mög’ fahren, zu den sel’gen Himmelsscharen, wenn mein Aug‘ im Tode bricht!“

So endete das Lied, das einst der große Büßer im fernen Italien in flammender Liebe verfaßt hatte. „O, liebe Schmerzhafte Muttergottes, hilf doch“, sagte die alte Marianne zu dem Bild, „daß der Joseph wieder zum Glauben kommt!“ Das war ihr stetes Gebet, ihre immerwährende Sorge: der Joseph, ihr einziges Enkelkind. Sie hatte nur einen Sohn gehabt. Er war in die Stadt gegangen, hatte dort bald eine Stelle als Hausmeister in einer Kanzlei erhalten und hatte zuletzt eine „gute“ Heirat gemacht. Seine alte Mutter sah er nur noch selten. Er schämte sich ihrer, aber noch mehr schämte sich seine Frau, eine Dame aus der Stadt, die den Kopf gar nicht hoch genug tragen konnte und viel mit „Bildung“ um sich warf. Die beiden hatten ein Kind, den Joseph, das Sorgenkind der alten Marianne. Seine Eltern waren inzwischen gestorben, zuerst die Mutter, dann, als Joseph etwa sechzehn Jahre alt war, auch der Vater. Als den Vater sein Leiden bereits ans Bett fesselte, war Marianne zu ihm in die Stadt gegangen und hatte sich dabei auch um Joseph angenommen. Gerne schloß sich der Junge seiner alten Großmutter an, plauderte mit ihr und betete mit ihr den Rosenkranz. Nach dem Tod des Vaters, kam er an eine Studienanstalt und später auf die Universität. Er wurde ein angesehener Arzt und zuletzt sogar Professor an der Hochschule, wo er die jungen Studenten zu unterrichten hatte. Sein Großmütterchen sah er nur noch höchst selten, und während der spärlichen Besuche war die frühere Vertrautheit nicht mehr vorhanden. Sein Inneres hatte sich verändert. Wie so viele vorzügliche und fromme Studenten hatte er sein Studium begonnen und ist schließlich verdorben und glaubenslos aus demselben in die Welt hinausgetreten. Wiederholt hatte er bei seiner Großmutter über den Glauben und das Beten gespottet. Sie mußte erkennen, daß ihrem Enkel nur ein Wunder helfen konnte, damit es mit ihm wieder besser wird. Sie betete, und sie verstand zu beten. Ganz besonders wendete sie sich an die allerseligste Jungfrau, die Schmerzensmutter.

Die Tür zu ihrem Zimmer öffnete sich, und die Schwester betrat mit einem Brief in der Hand die Stube. „Der Postbote hat diesen Brief eben abgegeben“, sprach sie freundlich, „warten Sie nur ab, Sie machen noch eine Erbschaft.“ Die alte Marianne lachte und meinte zu der Schwester: „Dafür bin ich zu alt. Ach, Schwester, könnten Sie mir bitte den Brief vorlesen. Ich bringe die Buchstaben nicht mehr zusammen, besonders die handgeschriebenen. Von wem ist denn der Brief?“ Die Schwester öffnete den Umschlag und schaute nach der Unterschrift, dann meinte sie: „Unterschrieben ist der Brief mit: Deine tiefbetrübte Base Hildegard.“ Die alte Marianne seufzte: „Ach, die Hildegard. Ja, die ist ein weitäufiges Bäschen von mir. Sie war im Dienst und hat dann geheiratet. Jetzt wohnt sie im Hessischen. Ich habe seit vielen Jahren nichts mehr von ihr gehört. Nun wird sie wohl in Not sein. Leute denken immer an einen, wenn sie in Not sind. Schade, daß ich ihr nichts geben kann. Wie geht’s ihr denn?“ Die Schwester las den ganzen Brief vor. Hildegard berichtete, daß sie nun sechs kleine Kinder zu versorgen hätte; ihr Mann würde nicht genug verdienen, auch würde er manchmal etwas mehr brauchen, als eigentlich nötig wäre; sie könnte aber ansonsten schon zufrieden sein; ihr Mann hätte sie noch nie geschlagen und würde auch sehr an den Kindern hängen. Nun könnte sie aber, die Hildegard, selbst einen guten Verdienst erhalten, denn sie hätte eine Arbeitstelle gefunden. In der Woche würde sie acht bis zehn Mark verdienen, und nebenbei könnte vielleicht auch ein abgelegtes Kleid oder auch etwas für die Kinder dabei herauskommen. Aber sie sollte halt jemanden haben, der bei den Kindern bleiben und für sie kochen würde. Nach dieser Einleitung folgte Hildegards Bitte: Die Base Marianne möge doch dieses gute Werk tun, zu ihnen zu kommen und bei ihnen zu bleiben. Gewiß würde sie gut aufgenommen werden, die Kinder seien ordentlich und die Arbeit werde nicht zu viel sein.

„Das wäre eine weite Reise“, meinte die alte Marianne, „und ich bin doch nicht mehr so rüstig. Aber ich sollte es doch tun.“ Die Schwester schaute besorgt das alte Mütterchen an. „Großmutter“, meinte sie, „Sie sind siebzig Jahre alt. Es wird Ihnen zu viel zugemutet. Hier haben Sie ihr kleines Stübchen, um nichts brauchen Sie sich kümmern, Sie brauchen nichts arbeiten und den ganzen Tag können Sie beten und singen. Wir alle haben Sie sehr gern. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, ich würde hier bleiben. Sie wissen nicht, wie es Ihnen bei den jungen Verwandten ergehen mag. Am Anfang wird man Sie schon gerne aufnehmen und auch dankbar sein, aber wenn Sie einmal recht schwach und krank werden, und nichts mehr tun können, was dann? Großmutter, Sie haben doch schon genug gearbeitet in Ihrem Leben. Bleiben Sie bei uns!“

Die alte Marianne blickte ernst zum Bild des Gekreuzigten. Dann sprach sie: „Schwester, Sie meinen es gar zu gut mit mir. Aber wenn ich auf der Welt noch etwas Gutes tun kann, warum soll ich dann hier in diesem Stübchen sitzen bleiben und mich pflegen lassen? Die paar Jahre, die mir der liebe Gott vielleicht noch gibt, werden bald vorbei sein, ob ich es besser habe oder schlechter, und dann kann ich ausruhen, lange genug. Der gekreuzigte Heiland hat auch keine Ruhe gewollt auf dieser Erde. Die armen kleinen sechs Kinder! Was kann ich ihnen noch tun, was ihnen alles sagen! Und wenn die Verwandten unter der Woche so viel verdienen können, wenn ich bei ihnen bin, wäre es da nicht eine Sünde, wenn ich hier sitzen bleiben und nicht helfen würde? Der liebe Gott würde es mir gewiß schwer übel nehmen. Krank bin ich ja nicht, und wenn es auch langsam geht, ich werde schon fertig werden. Ich will gehen in Gottes Namen.“

„Vergeltsgott, Großmutter, für die gute Lehre, die Sie mir gegeben haben“, sagte fast ein bißchen beschämt die Schwester, „und für das gute Beispiel. Sie kommen gewiß einmal recht hoch in den Himmel hinauf.“

Etwa zehn Tage später begab sich Großmutter Marianne wirklich auf die Reise zu ihren Verwandten. Sie hatte vor der Abreise noch ein paar Tage das Bett hüten müssen. Bald aber fühlte sie sich kräftig genug und erklärte, nun gehen zu wollen. Nur eines erbat sie sich aus in der neuen Heimat, daß sie, wie sie es Zeit ihres Lebens getan hatte, auch künftig jedes Jahr einen oder einige Tage auf Wallfahrt an einen Gnadenort der Schmerzhaften Muttergottes gehen darf. Das wurde ihr zugesagt. So reiste sie ab und kam glücklich an.

Fast ein Jahr ist seitdem vergangen. Heute ist der Sieben-Schmerzen- Freitag, ein wundervoller Frühlingstag. Scharenweise zieht das Volk dem Berg entgegen, auf dem die Wallfahrtskirche zur Schmerzhaften Muttergottes steht. Heute ist das Hauptfest. Ordensleute hören die Beichten der Pilger, predigen und halten das festliche Hochamt. Langsam ziehen die Gruppen der dunkelgekleideten Wallfahrer den Berg hinauf, manche beten laut und zusammen, andere leise für sich. Auch das Großmütterchen ist dabei. Unbeachtet von den Leuten, die ihr in diesem Land alle fremd sind, ist sie langsam und mit großer Mühe den Berg hinaufgestiegen. Beim Eintreten in die Wallfahrtskirche wollten ihr fast die Tränen in die Augen steigen. Sie mußte daran denken, daß jetzt in ihrer Heimat, daheim auf dem „Bussen“ und in Steinbach, wohin sie sonst zur Wallfahrt gegangen war, auch schöne Feste gefeiert werden. Und hier, hier war sie alleine und verlassen. Als ihr Blick auf das Gnadenbild fiel, durfte sie doch einen kleinen Trost erfahren: dasselbe Gnadenbild wie in ihrer Heimat. Sie betete und empfing demütig und andächtig die heiligen Sakramente. Während des festlichen Hochamtes meinte sie, im Himmel zu sein. Als die Zeremonie beendet war und die Pilger die Kirche bereits verlassen hatten, kniete die alte Marianne immer noch in ihrer Bank und betete. Der lieben Gottesmutter vertraute sie all ihr Leid an. Sie hatte wohl zu klagen. Nicht alles war so eingetroffen, wie es ihr die Base versprochen hatte. Die Kinder waren teilweise recht unartig und unfolgsam, der Mann jähzornig, besonders, weil das alte Mütterchen nicht mehr so flink war, wie er es wollte. Manchmal empfand sie so recht, daß sie im Hause eine Last war. Es war ein Fegefeuer, das sie in diesem Haus umfangen hatte. All ihr Leid klagte die alte Marianne ihrer himmlischen Mutter und bat für sich um Geduld und Beharrlichkeit. „Nicht mein Wille, sondern der deine geschehe!“ sprach sie starkmütig die Worte des Heilandes nach, „solange du willst, will ich auch; hilf mir, das Kreuz zu tragen, bis mein Tagwerk vollendet ist … und, um was ich alleine noch bitte, schenk mir einen guten, seligen Tod.“ Im Voraus opferte sie alles auf, was sie noch Gutes und Gottgefälliges tun konnte, samt ihrem Sterben und dessen Schmerzen, für ihren unglücklichen und glaubenslosen Enkel, den Joseph, den Professor, auf daß er doch die Gnade des Glaubens wieder erhalten möge.

Spät am Nachmittag verließ die alte Marianne den Gnadenort und ging den Berg hinunter. Immer wieder schaute sie sich um, zurück auf die Kirche, die von der Nachmittagssonne umglänzt auf der Höhe stand. Fast war sie unten angekommen, da griff sie auf einmal nach ihrem Kopf und taumelte. Ein jäher Schwindel hatte sie erfaßt. Sie mußte sich an einen Felsblock lehnen. Der Schweiß rann ihr über das Gesicht, das von Blässe überzogen war. Langsam sank Marianne an dem Felsstück nieder. Niemand bemerkte sie. Die meisten Pilger waren bereits fortgegangen. Noch einmal fiel ihr Blick auf die Wallfahrtskirche, die hinter dem Abhang in der Abendsonne glänzte, als ob sie nochmals grüßen und segnen wollte. Langsam hob sie die kraftlosen, zitternden Hände empor zum letzten Gruß an die Muttergottes. Der alte Rosenkranz, den sie seit ihrer Kindheit benutzte, war fest um ihre rechte Hand geschlungen. Aus ihrem Mund kamen leise die Worte: „Jesus … dir leb‘ ich! Jesus, dir … sterb‘ … ich! Süßes Herz … Mariä, durchbohrt von … sieben … Schmerzen, … sei meine Rettung! … Jesu …“ Langsam sank ihr Haupt seitwärts, die Augen schlossen sich, die Hände klammerten sich zusammen, ein tiefer Atemzug, dann war es still. Die alte Marianne hatte ihre letzte Wallfahrt auf Erden zur Schmerzhaften Muttergottes gemacht. Nun war auch ihre irdische Wallfahrt zu Ende. Sanft und selig war sie gestorben; arm, verlassen, einsam … und doch in tiefem Frieden.

Am späten Abend fand man den Leichnam. Der Körper war bereits kalt und starr. Niemand kannte die fremde alte Dame. Man brachte sie in das kleine Dorf am Fuße des Berges und legte sie in eine Scheune. Die Behörden befragten die Einwohner des Dorfes, ob die Tote jemandem bekannt sei, doch kein Mensch konnte Auskunft geben.

In der nahegelegenen Universitätsstadt befindet sich am Ortsrand ein großes Gebäude, in dessen Sälen die Medizinstudenten ihre Vorlesungen hören. Dort wird der menschliche Leib zergliedert, seine Einrichtung, sein Bau, sein inneres Leben, alle seine Teile und Organe werden erklärt und gezeigt. Nebenan, in einem schönen Haus, wohnte der junge Professor Joseph, der an dieser Universität zu unterrichten hatte. Gerade war er in seiner Junggesellenwohnung, die prachtvoll eingerichtet war, mit einer schriftlichen Arbeit beschäftigt, als ihm der Diener der Anatomie eine Nachricht eines Studenten überbrachte. Gerade mit der Präparation eines Leichnams beschäftigt, stieß dieser Student auf eine Schwierigkeit, und bat nun den Professor um seine Hilfe. Mit einem derben Ausdruck über die Dummheit des Studenten, sprang der Professor auf und ging in das Universitätsgebäude hinüber. Als er die Anatomie betrat, kam ihm der Student bereits entgegen: „Herr Professor, die Leiche, die heute angekommen ist, hat die Hände so fest verschlungen, daß man sie, ohne sie zu brechen, nicht auseinander bringt. Mir ist es wenigstens nicht gelungen.“ „Ach was,“ rief Joseph verärgert aus, „zeigen Sie her!“ Joseph trat an den Seziertisch, während der Student die Hülle von der Leiche entfernte. Ein Ausruf des Schreckens kam aus seinem Mund. Vor ihm lag sein armes Großmütterchen, die alte Marianne. Sie trug noch die Kleider, in welchen sie die letzte Wallfahrt angetreten hatte. Die Hände waren fest, fast kampfhaft ineinander verschlungen. Das Angesicht aber, das war das Wunderbarste. Tiefer, seliger, süßer Friede lagen auf ihm; der Widerschein einer anderen Welt, der ewigen Seligkeit. Eine Schönheit spiegelte sich in diesem sonst so alten Gesicht, die sich nicht beschreiben läßt. Das arme, alte Mütterlein, das vor ihm lag, war jetzt im Himmel. Sie war dort eine Selige, genoß die Anschauung Gottes und hatte nun in ewiger Freude und Ehre den Lohn für ihr armes, verborgenes Leben im Glauben an Gott gefunden. Keine Entstellung war zu erkennen, kein Grauen. Die Hände … wie fest sie den Rosenkranz hielten! Der Rosenkranz mit seinen großen Perlen, dem Kreuz und der großen Medaille mit dem Bild der Schmerzhaften Muttergottes; wie oft hatte Joseph als Junge diesen Rosenkranz gesehen, in der Hand gehalten und gemeinsam mit der Großmutter gebetet! Er wußte nicht, wie lange er so dagestanden war, als ihn der Student schüchtern fragte, ob er die Hände vielleicht brechen solle.

„Nie! Zurück!“ rief Joseph entsetzt und stellte sich schützend vor den Leichnam. Erschrocken über sich selbst sprach er weiter: „Lassen sie das! Wenn ich mich nicht täusche, liegt ein ganz besonderer Fall vor. Ich kenne die Verstorbene. Ihren Angehörigen ist sicherlich nicht bekannt, daß sie auf der Anatomie eingeliefert wurde. Diese Leiche kommt nicht auf den Seziertisch!“ Sanft deckte er das Gesicht seines toten Großmütterchen mit einem Tuch ab. Die armselige Bahre ließ er vorerst verschließen. Dann begab er sich zum Rektor der Universität, tätigte einige Anrufe und nach wenigen Stunden lag die Leiche im allgemeinen Leichenhaus, in einen schönen, mit Blumen geschmückten Sarg gebettet. Die Beerdigung fand am nächsten Tag statt.

In dieser Nacht schlief Jospeh nur sehr wenig. Er war erschüttert. Ihm war bewußt, daß es sich hierbei um keinen Zufall handeln konnte. Die Großmutter, die ihn so innig liebte, war auf außerordentliche Weise als Tote zu ihm gekommen. Der liebe Gott hatte ihr wohl gewährt, daß sie an ihn, den Anatomen, vom Seziertisch aus noch eine letzte mütterliche Mahnung richten durfte: „Kehre zurück zum lieben Gott, zum Glauben, zur Wahrheit!“ Diese Mahnung wirkte auf ihn mehr als alle Worte.

Als älterer Herr erzählte er in einem vertrauten Kreis darüber folgendes: „Bewegt verließ ich die Anatomie. In meinem Zimmer angekommen warf ich mich auf die Knie, laut weinend, wie ein Kind, Gebete murmelnd, die ich längst vergessen glaubte. Noch am gleichen Abend erleichterte ich mein schuldbeladenes Gewissen durch eine Generalbeichte und betete mit innigster Andacht den Rosenkranz, bevor ich mich zu Bett begab. Am anderen Morgen fand ich mich nach langer Zeit wieder am Tisch des Herrn ein. Dort traf ich einen alten Schulkameraden, einen ehemaligen Studenten der Theologie. Auf seine Anregung hin ließ ich mich in die Rosenkranzbruderschaft aufnehmen und bestellte mir den Marienpsalter. Diese Zeitschrift belehrte mich über den Wert und die tiefe Bedeutung des vielgeschmähten Rosenkranzes, dem nicht nur schlichte Bauern und die Heiligen der Kirche zugetan sind, sondern auch große Männer aller Stände, wie Christoph Kolumbus, der Entdecker der neuen Welt, oder O‘Connell, der berühmte Befreier Irlands. Täglich beteten diese Männer ihren Rosenkranz. Auch ich wage keine schwierige Operation mehr, ohne vorher das ‚Heil der Kranken‘ durch einen demütigen Rosenkranz angerufen zu haben.“

Das Großmütterchen ruht nun auf dem Friedhof dieser Stadt. Ihr Grab wird oft besucht und liebevoll geschmückt. Eine Fotografie der Verstorbenen, die Joseph, ehe der Sarg geschlossen wurde, aufnehmen ließ, hängt in einem schwarzen, reich verzierten Rahmen über seinem Schreibtisch.

Die Verwandten, bei welchen die alte Marianne während des vergangenen Jahres untergebracht war, kümmerten sich nicht mehr um sie. Oft unternimmt Joseph mit seiner Familie eine Wallfahrt zur Schmerzhaften Muttergottes. Gemeinsam verweilen sie an der Stelle, wo das Großmütterchen selig gestorben war. Ein Bildstöcklein ziert diesen Platz an der Felswand, von wilden Blumen umrankt. Vor allem dankt Joseph dem lieben Gott, daß die Behörden den Leichnam des ihnen fremden Mütterchens in die Anatomie überführen ließen, und dadurch sein eigenes Heil gewirkt wurde, für Zeit und Ewigkeit.

Quelle: Pater Konrad Kümmel | Stuttgart