Vierter Fastensonntag

Laetare trotz Corona

Geliebte Gottes!

Der vierte Fastensonntag ruft uns mitten in der Fastenzeit zur Freude auf; zur Freude, weil wir zum Hause des Herrn pilgern dürfen (Introitus). Davon kann aufgrund der Corona-Gesetzgebung untersagten gottesdienstlicher Versammlungen schon gar keine Rede sein. Angesichts der allgemeinen Panik scheint es derzeit keinerlei Anlaß zur Freude zu geben: Liebloses Gerangel um Desinfektionsmittel und Toilettenpapier bei den Kunden im Supermarkt. Ständig neue Hiobs-Botschaften über steigende Zahl der Infizierten und Todesopfer. Die beängstigenden Bilder aus den Spitälern Italiens. Nachrichten über den bevorstehenden Wirtschaftskollaps. All das läßt keine Freude aufkommen. Im Gegenteil. Es wird einem richtig unheimlich. Jetzt ausgerechnet sind wir auch noch von den tröstenden Heilsgütern abgeschnitten, von der hl. Messe, von den hl. Sakramenten und vom Himmelsbrot, das im heutigen Evangelium anklingt. Worüber soll man sich da, bitte schön, noch freuen können?

Freude und Glaube

Szenenwechsel: Hätten wir noch nie in unserem Leben eine gotische Kathedrale betreten und nur Bilder der Außenansicht dieser gewaltigen Glaubenszeugen vergangener Jahrhunderte gesehen, so bliebe es uns ein Rätsel, wie man behaupten könnte, die Fenster dieser Bauwerke seien großartige Kunstwerke. Von außen betrachtet erblickt man nur schwarze Gläser und unregelmäßige Figuren. – Tritt man jedoch ins Kircheninnere und betrachtet die Fenster, wenn das Sonnenlicht sie durchflutet, so geben sie ihr Geheimnis preis und erfreuen das Auge und das Herz. Wirklich Kunstwerke!

Auch wenn wir uns um ein christliches Leben bemühen, so geschieht es doch immer wieder, daß unser Urteil zu äußerlich, zu menschlich, zu natürlich ist. Es besteht auch für uns die Gefahr in Angst und Panik zu verfallen, wie die Menschen, die Gott nicht kennen. Es geht uns oft so wie den Aposteln im heutigen Evangelium. Eine gewaltige Menschenmenge von 5000 Männern – Frauen und Kinder nicht mitgezählt – war Jesus in die Einöde gefolgt. Der Herr konfrontierte die Apostel mit einer Schwierigkeit: „Woher sollen wir Brot kaufen, damit diese essen?“ Philippus erkennt völlig richtig, „Brot für zweihundert Denare reicht nicht aus für sie, damit jeder auch nur ein wenig bekomme“. Menschlich gesprochen ist die Sache aussichtslos und außerordentlich unerfreulich. Ist doch zu befürchten, daß ein Großteil der Menschen entweder durch Entkräftung Schaden leidet oder sich Szenen der Unruhen, des Gerangels, ja vielleicht sogar der Gewalttaten im Streit um das wenige Eßbare abspielen werden, das der eine oder andere – wie etwa der Junge mit den fünf Broten und zwei Fischen – mitgebracht hat. Mußte er es soweit kommen lassen? Hätte sich der Meister in seiner Predigt nicht kürzer fassen können? Hätte er sie nicht schon viel früher heimschicken können? – Natürlich. Sowohl das eine als auch das andere hätte er tun können. Doch er hat es nicht getan. Warum? „Er wußte, was er tun wollte“ (Joh. 6, 6). Dieser Satz des Evangelisten ist für uns von zentraler Bedeutung. Gott weiß, was er will. Er weiß, was er tut. Und zwar schon dann, wenn wir es noch nicht wissen. Die Geschicke der gesamten Welt sind in seiner allmächtigen und allgütigen Hand. „Was Gott tut, das ist wohlgetan“, singt das Kirchenlied. Und Jesus beweist es mit dem Wunder der Brotvermehrung, daß es so ist. Angesichts des Wunders ist freilich das Staunen und die Freude groß. Doch hätten die Apostel diese Freude nicht auch schon vorher in ihrem Herzen tragen können, ja, vielleicht sogar müssen? Sie wußten doch um die göttliche Macht Jesu. Sie konnten sich schon oft davon überzeugen. Sie hätten es eigentlich wissen müssen: Gott macht keine Fehler. Niemals. Auch jetzt nicht. Er hat einen Plan, der durch nichts und von niemandem vereitelt werden kann.

Doch die Apostel sind, wie wir, Menschen, die außen an einer gotischen Kathedrale vorbei gehen. Für das rein äußerliche Licht unserer menschlichen Vernunft bleiben die Geheimnisse der göttlichen Vorsehung unkenntlich. Erst der Glaube läßt uns in das „Er-wußte,-was-er-tun-wollte“ eintreten. Erst das Sonnenlicht des übernatürlichen Glaubens erleuchtet und erschließt uns die Irrungen und Wirrungen dieser turbulenten Zeit. Gott macht keine Fehler. Alles ist in seiner Hand. In allen Lagen darf ich mich in Seiner Hand geborgen wissen. Das ist ein Grund zur wahren Freude. Diese Freude ließ die Heiligen selbst in den schwersten äußeren Prüfungen und Schmerzen nicht verzagen, sondern war ihnen eine geistige Nahrung und Stärkung zur vollkommenen Hingabe an den göttlichen Willen.

Die wahre Freude

Wie ist diese wahre, vom Glaubenslicht durchflutete Freude beschaffen? Zuallererst: Die wahre Freude richtet sich allein auf Gutes. Darin besteht der Hauptunterschied zur natürlichen, sinnlichen Freude. Die natürliche Freude ergötzt sich lediglich am Angenehmen und wird von unangenehmen Dingen verscheucht. Nicht alles was angenehm ist, ist gleichzeitig gut. Nicht alles was unangenehm ist, was Überwindung und Opfergeist kostet, ist automatisch schlecht. Nur über das, was gut ist kann man sich wahrhaft erfreuen.

Was ist gut? Nichts, und: „Niemand ist gut als Gott allein“ (Lk. 18,19). Somit muß vor allem und über allem Gott selbst der Gegenstand unserer Freude sein – auch fernab der Gotteshäuser und des göttlichen Kultes. Wahrhaft ist unsere Freude an Gott, wenn wir unabhängig von unserer Befindlichkeit über seine unermeßliche Vollkommenheit staunen und Ihn anbeten können. Sein Macht, Weisheit und Milde, Seine Schönheit, Heiligkeit, Barmherzigkeit. Es gibt nichts Gutes, was sich nicht zuerst und in vollkommenem Maß in Ihm fände. Und wenn etwas gut ist, ist es gut durch Ihn. Somit ist auch der göttliche Wille ein Gegenstand der wahren Freude. Und umgekehrt muß alles, was diesem Willen entgegengesetzt ist oder ihm widerspricht Anlaß zu großer Traurigkeit sein. Der göttliche Wille äußert sich jedoch nicht allein in den Willensdekreten der Gebote, sondern eben auch in den konkreten Situationen in die wir durch die göttlichen Vorsehung hineingeführt werden. Alles was Gott tut und zuläßt stellt ein Gut dar. Das Licht des Glaubens kann es uns und erschließen und uns erkennen lassen, wie wir uns daran erfreuen sollen.

Eine zweite Eigenschaft der wahren Freude ist ihre Uneigennützigkeit. Wie sich eine Mutter über die Beförderung ihres geliebten Sohnes freut, obwohl sie selbst daraus keinerlei Nutzen ziehen kann, so sollen auch wir uns uneigennützig an der Verherrlichung Gottes erfreuen und an derselben ohne auf unseren Gewinn zu achten arbeiten. Die Uneigennützigkeit der Freude befähigt das menschliche Herz erst durch so manches Unangenehme, menschlich gesprochen Unerfreuliche, „hindurchzusehen“ und darin die größere Ehre Gottes und die Verherrlichung Seines allheiligen Willens zu erkennen. Zu dieser Uneigennützigkeit führt uns Gott eben gerade dadurch, daß er uns das mit dem Guten oft einhergehende Angenehme oder Nützliche vorenthält, so daß wir nur im Glauben sagen können: Was Gott tut, das ist wohlgetan. Gott macht keine Fehler. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen. Gepriesen sei der Name des Herrn.

Die wahre Freude in der Prüfung

„Das sagte Er aber, um ihn auf die Probe zu stellen“ (Joh. 6, 6). Jesus prüft nicht nur bei Philippus, sondern eben auch bei uns wie es um die wahre innere Freude bestellt ist. Man unterscheide wohl zwischen Versuchen und Prüfen. Versuchen heißt „einen Versuch machen, um zum Bösen zu bewegen“. Das mag auf den Satan, die Welt und das Fleisch zutreffen, nicht aber auf Gott. Gott der Allwissende, macht keine Versuche. Gott der Allheilige kann uns nicht zum Bösen reizen. „Niemand sage, wenn er versucht wird, daß er von Gott versucht werde“ (Jak. 1, 13). Gott prüft! D.h. er gibt eine Gelegenheit, unsere Treue, unser Gottvertrauen zu bewähren. Gott sucht selbst die heiligsten Menschen durch Prüfungen heim, damit sie – so Er einen harten Verzicht auferlegt – die Echtheit ihrer Gottesliebe unter Beweis stellen können. Damit sie zeigen können, daß ihre Liebe zu Gott über die Eigenliebe steht und über jede andere noch so zarte und berechtigte Liebe einem Geschöpfen hinausragt. Gott prüft, damit Er die Ihm erwiesene Treue und das Vertrauen mit um so reicherem ewigen Lohn vergelten kann. Gott prüft, damit die im Glauben Schwachen durch das Vorbild der gelassenen Ergebung in den gütigen Willen Gottes gestärkt werden.

Corona und der Staatslaizismus des 2. Vatikanums

Gott prüft uns dieser Tage, indem unsere laizistischen Regierungen nicht erkennen, daß es, wie zu früheren Zeiten bei Pest und anderen Seuchen, gerade jetzt notwendig wäre, den Himmel beim heiligen Meßopfer und bei öffentlichen Prozessionen zu bestürmen; daß die heiligen Sakramente nicht nur eine Medizin für die Seele darstellen, sondern auch für den Leib; daß die öffentliche Buße im Interesse des Staates und der Gesellschaft stünde. Vor dem sog. 2. Vatikanum wären all diese Dinge in katholischen Ländern per Gesetz verordnet worden. Die katholischen Bischöfe hätten sich damals für die Umsetzung des öffentlichen Gottesdienstes eingesetzt, weil es der katholische Glaube lehrt, daß Religion auch Staatspflicht ist – erst recht in Zeiten der Not. Statt dessen verbieten die konziliaren „Bischöfe“ heute jeglichen Gottesdienst. Warum? Seit dem revolutionären Umsturz auf dem sog. 2. Vatikanum ist Religion zur Privatangelegenheit degradiert worden. Somit ist es kein Wunder, daß die inzwischen auf Betreiben der konziliaren Kirche laizisierten Staaten die Ausübung der Religion lediglich als privates Interesse eintaxieren. Privatinteressen haben sich dann aber natürlich im Ernstfall dem Staatsinteresse unterzuordnen. Die konziliaren „Bischöfe“ sehen das genauso und handeln damit in völliger Übereinstimmung mit der Konzilsideologie. Selbst die Corona-Krise fördert es also offen zu Tage, daß die Hierarchie der Novus-Ordo-Religion nicht die katholische sein kann.

Freude im Lichte des Glaubens

Trotz dieser betrüblichen Lage lehrt uns der Glaube an die göttliche Vorsehung, daß Gott selbst aus dem Übel Gutes zu ziehen weiß. Er weiß, was er tut. Gottes Vorsehung macht keine Fehler. Somit muß sich für uns in der aktuellen Lage doch auch ein Gut und damit ein Grund zur wahren Freude finden. Ein Sprichwort sagt: „Es gibt nichts Schlechtes, das nicht auch etwas Gutes brächte.“ Welches Gut können wir aber aus der jetzigen Lage ziehen?

Das erste Gut betrifft eher unser Umfeld. Es wird zweifelsohne ruhiger um uns herum werden. Weniger Verkehr. Weniger E-Mails. Weniger weltliche Termine und Verpflichtungen. Wenn wir durch Versammlungsverbote und Ausgangssperren gleichsam in die Einsiedelei geschickt werden, so könnte darin ein großes Gut liegen. Nicht nur für uns, sondern auch für die anderen. Sie wären auf mit sich selbst konfrontiert, ohne die zahllosen Ablenkungen des Alltags. Die Leute bleiben zu Hause. Sie hätten Gelegenheit zu „reflektieren“. Ist das nur schlecht? Wenn sie sich sammeln? Wenn sie ein Buch lesen? Wenn sie sich in ihrer Angst und Panik vielleicht doch wieder veranlaßt fühlen ein Gebete zum Himmel zu richten? Die Epidemie könnte als Strafgericht Gottes erkannt und Gelegenheit zur Buße sein. Ist das nicht gut?

Aber noch etwas: Mit dem Verbot der Gottesdienste werden weniger sakrilegische „Messen“ gefeiert und Sakramente simuliert. Also, weniger Betrug an den Seelen, weniger Lästerungen durch die Verkündigung einer falschen Gefühls-Religion. Auch die heidnischen Kulte sind durch das Versammlungsverbot betroffen. Die Moscheen sind zu. Auch das ist ein Gut.

Aber die „Einsiedelei“ kann auch zur fruchtbaren Quelle für uns werden. Von der hl. Messe abgeschnitten zu sein ist für diejenigen, denen sie wöchentlich zugänglich ist, ein großer Verzicht. Ein Opfer, das anderen, die zu weit entfernt wohnen, vertraut ist. Oft ist es ja so, daß wir das, was allzeit verfügbar ist, weniger hoch schätzen. Wenn uns Gott also ein „Fasten“ auf diesem Gebiet auferlegt, so wird zweifelsohne unsere Wertschätzung für die Gnade, einer einzigen hl. Messe beiwohnen zu dürfen, dadurch wachsen können. – Andererseits birgt die „Abstinenz“ vom gemeinsamen Gottesdienst die Gefahr, im geistlichen Leben zu erschlaffen. Die gemeinsame religiöse Praxis zieht einen für gewöhnlich mit und macht es einfacher, den guten Eifer zu bewahren. In der „Einsiedelei“ sind wir auf uns selbst gestellt. Doch sollen wir besonders in dieser Situation daran denken, daß Gott immer auf uns blickt – nicht nur vom Tabernakel aus. Daß wir Ihm wohlgefallen, wenn wir auch alleine die Messe im Schott beten, die Predigt nachlesen, den täglichen Rosenkranz, den Kreuzweg oder sonst eine Andacht beten. – Vielleicht will uns Gott bereits sanft an Zustände gewöhnen, mit denen wir als Katholiken in der papstlosen Zeit, der wohl das Auftreten des Antichrist folgen wird (vgl. 2. Thess. 2, 7), unter noch gefährlicheren Bedingungen zurechtkommen werden müssen. Bleiben wir treu und diszipliniert. Haben wir vor allem ein großes Vertrauen auf Seinen Gnadenbeistand. Er wird uns niemals mangeln. Die Treue in der religiösen Praxis ist nichts anderes als ein Beweis unserer Gottesliebe. Erst recht wenn wir darin mit demselben oder vielleicht sogar mit noch größerem Eifer als bisher fortfahren. Auch wenn wir die Absichten Gottes (noch) nicht vollends bestaunen dürfen, so können wir doch von dem Gesamtkunstwerk seiner Vorsehung durch das Licht des Glaubens erkennen: „Er sagte das, um ihn zu prüfen, denn Er wußte, was Er tun wollte“ (Joh. 6, 6).

Möge uns die Gottesmutter als Mittlerin aller Gnaden, selbst wenn wir heute nicht freudenvoll zum Hause des Herrn pilgern dürfen, doch den inneren Frieden der Seele und den Überfluß der Freude im Herzen vermitteln. Damit es doch „Laetare“ wird – trotz Corona. Amen.