Die Kirche betet am Fest des heiligen Joseph in der zweiten Nachtstunde im Brevier eine Predigt des heiligen Bernhard. Es heißt darin: „Wer und was für ein Mann der heilige Joseph war, kann man aus seiner Benennung erkennen, durch die er, wenn auch nur im Sinne einer Stellvertretung, derartig geehrt wurde, daß er als Vater Gottes bezeichnet und auch angesehen wurde…“

In der Tat berichtet die Heilige Schrift: „Und Jesus war, als er anfing, ungefähr dreißig Jahre al und wurde für einen Sohn Josephs gehalten“ (Lk 3, 23). An einer anderen Stelle fragt sich das Volk erstaunt: „Ist dieser nicht der Sohn Josephs?“ (Lk 4, 22), „Ist dieser nicht der Sohn Josephs, dessen Vater und Mutter wir kennen?“ (Joh 6, 42). Der spätere Apostel Philippus spricht zu Nathanael: „Wir haben den gefunden, von welchem Moses im Gesetze und die Propheten geschrieben haben, Jesus, den Sohn Josephs von Nazareth“ (Joh 1, 45). Als der zwölfjährige Jesusknabe im Tempel lehrte und Seine Eltern Ihn dort wiederfanden, sagt die allerseligste Jungfrau: „Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht“ (Lk 3, 48). Maria nennt den heiligen Joseph schlicht „dein Vater“, obwohl niemand besser wußte als sie, wer Sein wahrer Vater war.

Der heilige Bernhard verknüpft in seiner Predigt den heiligen Joseph, den Nährvater Christi, mit der Erinnerung „an jenen großen und einst verkauften Patriarchen in Ägypten“, jenen Sohn Jakobs also, der von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft worden war. Dieser, so der heilige Bernhard, habe nicht nur den Namen des heiligen Joseph erhalten, „sondern auch dessen Sittenreinheit bekommen und dessen Unschuld und sein gefälliges Wesen erlangt“. Die Kirche wendet deshalb vieles, was in der Heiligen Schrift vom ägyptischen Joseph gesagt ist, auf den heiligen Joseph, Nährvater Christi, an. Am Ende der Josephslitanei beten wir in der Versikel: „Constituit eum dominum domus suae. Et principem omnis possessionis suae.“ Deutsch: „Er hat ihn gemacht zum Herrn seines Hauses, und zum Verwalter seines ganzen Besitzes.“ Diese Worte sind entnommen dem Psalm 104, Vers 21, und beziehen sich dort auf den ägyptischen Joseph, und zwar auf jene Begebenheit, die uns im Buche Genesis berichtet wird.

Wir lesen dort: „Als nun Joseph nach Ägypten weggeführt war, kaufte ihn Putiphar, ein Kämmerer Pharaos, der Oberste der Leibwache, ein Ägypter, aus der Hand der Ismaeliter, welche ihn dorthin gebracht hatten. Und der Herr war mit ihm, und er war ein Mann, dem alles, was er begann, glücklich vonstatten ging, und er wohnte im Hause seines Gebieters, der sehr wohl wußte, daß der Herr mit ihm war und alles gelingen ließ, was er unternahm. Und Joseph fand Gnade bei seinem Herrn und ward sein Diener, und sein Herr setzte ihn über alles, und er leitete das Haus, das ihm anvertraut, und alles, was ihm übergeben war“ (Gen 39, 1-4). Die Frau des Putiphar aber versuchte, Joseph zu verführen, und als dieser sich nicht verführen ließ, brachte sie ihn aus Rache durch Verleumdung ins Gefängnis. Dort werden seine Fähigkeiten als Traumdeuter bekannt, und als der Pharao später einen Traumdeuter sucht, gelangt Joseph vor ihn. Als Joseph nicht nur den Traum des Pharao richtig deutet, sondern auch klugen Rat dazu zu geben weiß, macht ihn der Pharao zu seinem Vize-König mit den Worten: „Du sollst über mein Haus gesetzt sein, und dem Befehle deines Mundes soll das gesamte Volk gehorchen; nur durch den Königsthron allein werde ich höher sein als du“ (Gen 41, 40).

„Und wiederum sprach Pharao zu Joseph: Siehe, ich setze dich über das ganze Land Ägypten. Und er zog den Ring von seiner Hand und steckte ihn an Josephs Hand und ließ ihn mit einem Kleide von feinstem Linnen bekleiden und legte eine goldene Kette um seinen Hals. Alsdann ließ er ihn seinen zweiten Wagen besteigen und durch einen Herold vor ihm her rufen, daß alle vor ihm ihre Knie beugen und wissen sollen, daß er über das ganze Land Ägypten gesetzt sei. Auch sprach der König zu Joseph: Ich bin Pharao; ohne deinen Willen soll niemand im ganzen Lande Ägypten Hand und Fuß regen“ (Gen 41, 41-44). So wurde dem Joseph die höchste Macht in Ägypten gegeben, gleich dem Pharao, und über sich hatte er nur den Pharao.

Dies ist vorbildlich geschehen. Denn so wie der Pharao den ägyptischen Joseph, so hat Gott den heiligen Joseph zu Seinem Stellvertreter gemacht, zum Haupt der heiligen Familie und damit zum Herrn Seines ganzen Hauses, des Reiches Gottes. Kein geringerer als der göttliche Heiland hat uns das geoffenbart, denn er nannte den heiligen Joseph „Vater“, ein Titel, der doch nur Seinem himmlischen Vater zukam, und Er war dem heiligen Joseph gehorsam, so wie Er Seinem himmlischen Vater gehorsam war. Denn es heißt, nachdem der zwölfjährige Jesusknabe im Tempel von Seinen Eltern wiedergefunden worden war: „Und er zog mit ihnen hinab und kam nach Nazareth, und war ihnen untertan“ (Lk 2, 51).

Wie wir wissen, hat Gott über Sein Reich auf Erden, die Kirche, ebenfalls einen Stellvertreter gesetzt: den Papst. So wie der Heiland nicht anstand, den Stellvertreter Seines Vaters „Vater“ zu nennen, so stehen die Christen nicht an, den Papst „Heiliger Vater“ zu nennen. Ein modernistischer Theologe nannte diese Bezeichnung einmal „Blasphemie“, weil sie nur Gott zustehe; Christus nenne Seinen himmlischen Vater „heiliger Vater“, und daher dürfe man den Papst nicht so nennen. Und doch hat ihn die Kirche so genannt, nicht weil sie den Papst für Gott hält, aber weil sie in ihm den Stellvertreter Gottes erblickt, „gleichsam den Gott auf Erden“, wie es im Mittelalter hieß, und deshalb in ihm Gott ehrt. Die Kirche hält es deshalb für notwendig, den Anordnungen des Papstes zu folgen, wie wenn es die Anordnungen Gottes wären. „Der Wille des Papstes ist der Wille Gottes“, wie es ein Heiliger einmal formulierte.

Wäre der Heiland wohl je auf die Idee gekommen, die Anordnungen des heiligen Joseph zu überprüfen und je und je zu entscheiden, ob er diesen folgen wolle oder nicht, da es ja „nur“ Sein Nährvater sei und nicht Sein eigentlicher, himmlischer Vater? Nein, er folgte den Anweisungen des heiligen Joseph gerade so, als ob sie die Anordnungen Seines himmlischen Vaters wären, ja er sah in ihnen mit übernatürlichem Blick die Anweisungen Seines himmlischen Vaters. So folgt auch der Katholik den Anordnungen des Papstes, wie wenn diese die Anordnungen Gottes wären, ja er sieht in ihnen mit übernatürlichem Blick die Anweisungen Gottes. Und er käme nicht auf die Idee, sich davon je und je zu dispensieren, weil der Papst ja „nur“ der Stellvertreter ist und nicht Christus selbst.

Lernen wir vom heiligen Joseph besser verstehen, was der Papst ist, und lernen wir vom Heiland verstehen, wie wir den Papst zu verehren haben. Möge die allerseligste Jungfrau uns wieder die Augen öffnen und uns zeigen, daß der Papst unser „Heiliger Vater“ ist. Dann werden wir einsehen, daß ein „Papst“, der uns in die Irre führen will, nicht der „Heilige Vater“ sein kann, daß wir aber einem Papst, der wirklich der „Heilige Vater“ ist, nicht ungehorsam sein dürfen.