Hochfest Mariä Himmelfahrt
Von der Fürbitte Mariens und von unserer Mitwirkung
Geliebte Gottes!
Es ist ein rührendes Bild innigster Freundschaft und Vertrautheit mit Jesus, welches uns das Evangelium vor Augen stellt, als der Herr bei den beiden Schwestern Martha und Maria Magdalena in Bethanien zu Gast war. Der Heiland kehrt bei den beiden ein und ihre Freude darüber ist groß, äußert sich aber in verschiedener Weise. Martha, die wahrscheinlich ältere, in jedem Fall aber tonangebende Schwester, „machte sich arg zu schaffen mit vieler Bedienung“ (Lk. 10,40); wörtlich „sie warf die Augen nach allen Seiten“, sie flog nur so umher, treppauf, treppab. Sie bemühte sich, das Beste herbeizuschaffen und zuzubereiten, was Keller und Küche hergeben. – Ganz anders ihre Schwester Maria. Sie führte den Heiland in das sorgsam vorbereitete und geschmückte Obergemach und leistete Ihm den Dienst der Fußwaschung und des Sandalenwechsels, der üblicherweise von den Sklaven geleistet wurde. Es ist anzunehmen, daß Maria Magdalena bei dieser Gelegenheit, wie schon zuvor bei ihrer Bekehrung, die Füße des Herrn mit kostbarem Öl gesalbt haben wird. Da ist es umso verständlicher, daß sie sich nach geleistetem Dienst gleich bei den abgetrockneten, mit duftendem Balsam gesalbten „Füßen des Herrn hinsetzte und auf Sein Wort lauschte“ (Lk. 10,39). Ihrer Schwester Martha gefiel das nicht. Darum meinte sie, Jesus solle die Schwester wegschicken, damit man in der Küche eine fachkundige Hilfe habe. Darin hatte ja Martha recht, daß Untätigkeit und Vernachlässigung der Pflicht nichts Gutes sind. Aber sie vergaß, daß Magdalena nicht untätig war und ihre Pflicht der aufmerksamen Nächstenliebe nicht vernachlässigte. Sie schenkte dem Heiland als gute Gastgeberin ihre volle Aufmerksamkeit, hörte Ihm genau zu und um ja nichts zu überhören, setzte sie sich ganz in Seine Nähe und lauschte gespannt auf Seine Worte. – Man ist eben nicht bloß tätig, wenn man kocht und putzt und umher eilt, sondern auch, wenn man in die Schule geht und dort konzentriert und gelehrig aufpaßt. So machte es Magdalena, und Jesus war mit ihr sehr zufrieden. Sie hat sich bei aller Sorge vor allem um das „eine Notwendige“ (Lk. 10,42) gekümmert. Das Heil der Seele, das allein Jesus zu geben vermag, steht viel höher als alle irdischen Sorgen. Mit seiner Ermahnung an Martha sagt der Herr: „Martha! Deine Schwester Magdalena, die sich von ihrem Sündenleben bekehrt hat und jetzt alles tut, um die Tugend zu erringen, handelt viel klüger, als wenn sie bloß um Meine leiblichen Bedürfnisse bemüht wäre.“
Der hl. Anselm hat sich die Frage gestellt, warum die Kirche dieses Evangelium jahrhundertelang als Evangelientext für die Messe von Mariä Himmelfahrt gelesen hat, obwohl darin weder das Festgeheimnis, ja noch nicht einmal die Gottesmutter mit auch nur einer Silbe Erwähnung findet? Und der hl. Kirchenlehrer gibt sich selbst die Antwort: „Weil die seligste Jungfrau zu ihrer größten Glorie im Himmel nur dadurch gelangt ist, weil sie das, was die beiden Schwestern Martha und Maria voneinander getrennt an sich darstellen, in sich vereinigt dargestellt hat, und zwar in der höchsten Vollkommenheit, deren ein Mensch fähig ist.“ – Die allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria hat ihr letztes Ziel erreicht. Sie trat mit Leib und Seele in den Himmel ein und herrscht dort als Gottesmutter und Himmelskönigin in alle Ewigkeit, weil sie das Beste der beiden Schwestern Martha und Magdalena, die ja beide nur ein anschauliches Bild für das äußerlich-tätige Leben und für das innerlich-kontemplative Leben der Seele sind, in sich vereint hat.
Wird die Gottesmutter aber jetzt in ihrer Herrlichkeit auf uns Sünder, die wir noch in so großer Ungewißheit leben, ob wir das eine Notwendige auch wirklich erreichen; wird die Gottesmutter da auf uns vergessen und nun untätig am Throne Gottes sitzen? Die hl. Kirche glaubt das nicht. Deshalb betet sie: „Verzeih, o Herr, die Fehltritte deiner Diener, damit wir, die wir Dir wegen unserer eigenen Handlungen nicht gefallen können, durch die Fürbitte der Mutter Deines Sohnes, unseres Herrn, noch Rettung finden.“
Es ist also vollkommen richtig, wenn wir als unwürdige Sünder unsere Zuflucht zur Gottesmutter nehmen, sie um ihre Fürbitte bei Ihrem göttlichen Sohn anrufen und von ihr vertrauensvoll erwarten, daß sie uns das zu unserem Heile Notwendige am Throne Gottes erwirken wird. – Nicht richtig wäre es jedoch, wenn wir einzig und allein auf die Fürsprache Mariens bauen, selber aber gar nichts dazutun wollten. Gewiß, Maria bittet für uns und ihre Fürbitte ist mächtig. Aber das allein kann uns noch nicht retten. Man muß auch das Seinige tun und die Gnade, die uns Maria erfleht, mit Fleiß und Eifer gebrauchen.
Das wollen wir heute zu Ehren der Himmelskönigin erwägen:
- daß nämlich unser Vertrauen auf die Hilfe Mariens voll und ganz berechtigt ist, aber
- daß wir diese Hilfe auch benutzen müssen.
Die erbarmende Hilfe Mariens
Wir dürfen die Hilfe der Gottesmutter erwarten, denn Maria hat immer geholfen, wenn man um ihre Fürsprache flehte. Eine Tatsache, an die uns das „Memorare“ des hl. Bernhard immer wieder erinnert. Besonders aber gewährt Maria ihre Hilfe den reumütigen Sündern.
a) Maria hat immer geholfen
Um diese für uns so notwendige Glaubenswahrheit zu vertiefen, setzen wir uns, wie Magdalena, zu Füßen des Heilandes und lauschen Seinen Gleichnisreden. – Wir alle kennen das schöne Gleichnis vom Hirten, der von seinen hundert Schafen eines verlor; wie er diesem in die Wüste nachging und nicht rastete und ruhte, bis er es gefunden hatte. Dann nahm er es auf seine Schultern, trug es zu seiner Herde zurück und lud voll Freude seine Freunde ein, sich mit ihm über das wiedergefundene Schäflein zu freuen. Dieses Gleichnis sollte den Jüngern zeigen, mit welch barmherziger und zugleich beharrlicher Liebe der göttliche Heiland den reumütigen Sündern zugetan ist. Unmittelbar im Anschluß erzählte der Heiland aber noch ein zweites Gleichnis. Eine Frau hatte zehn Drachmen, und als sie eine davon verlor, da zündete sie ein Licht an, kehrte das ganze Haus aus und ruhte nicht eher, bis sie die verlorene Münze gefunden hatte. Darauf rief auch sie ihre Freundinnen zusammen und sagte: „Freut euch mit mir, denn ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte.“ (Lk. 15,9). – Beide Gleichnisse erzählte der Heiland zum Trost der Sünder. Der Hirte, der dem verlorenen Schäflein nachging, ist niemand Geringerer als Er selbst. Sagt Er doch an anderer Stelle von Sich: „Ich bin der gute Hirt.“ (Joh. 11,14). Wer ist aber dann die Frau, welche die verlorene Drachme sucht und findet? Ohne Zweifel die Gottesmutter!
Beim Hirten wie bei der Frau finden wir denselben Eifer, das Verlorene wieder zurückzugewinnen. Der Hirte sagt nicht: „Ich habe noch 99 andere Schafe, was sollte mir an dem einen verlorenen liegen?“ Und auch die Frau sagt nicht: „Ich habe noch viele andere Geldmünzen von größerem Wert in meiner Schatulle. Mag diese kleine Münze verloren sein.“ Nein, der Hirte macht weite Wege, die Frau zündet ein Licht an und durchstöbert das ganze Haus. Der Hirte ruft nach dem Schäflein, die Frau aber sucht „sorgfältig“ (Lk. 15,8), wie es wörtlich im Evangelium heißt. Der Hirte ruht nicht, bis er das Schäflein gefunden hat. Gleichfalls ruht auch die Frau nicht eher, bis sie die Drachme wieder in Händen hält. Der Hirte ist voll Freude über das gefundene Schäflein. Die Frau ist glücklich wegen des gefundenen Geldes. Beide sind darüber so glücklich, daß sie auch andere einladen, um an ihrer Freude teilzunehmen. – Wenn nun Maria jene Frau ist, so ist klar, daß sie sich stets der Sünder annimmt, denn sie kann ja keine andere Gesinnung haben als ihr göttlicher Sohn, der „gekommen ist, zu suchen und zu retten, was verloren war“ (Mt. 18,11).
Das Evangelium erzählt uns freilich nichts Ausdrückliches über die Hilfe der Gottesmutter bei der Bekehrung der Sünder. Aber dennoch dürfen wir hier und dort berechtigterweise ihre Mithilfe vermuten. Bekanntlich war Maria Magdalena zuvor eine große Sünderin. Sie kam aber zu Jesus, als Er im Hause eines Pharisäers speiste, und bekehrte sich. Ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß es Magdalena nicht gewagt hätte, sich als Frau und noch dazu als stadtbekannte Sünderin direkt dem Heiland anzunähern, sondern sich – den damaligen Umgangsformen entsprechend – erst an eine Ihm nahestehende Frau, an Seine Mutter wandte? Und ist es nicht wahrscheinlich, daß Magdalena eben gerade von der Mutter Jesu dazu angehalten und ermutigt wurde, sich jetzt zu überwinden und den für sie demütigenden Weg in das Haus ausgerechnet dieses strengen Pharisäers auf sich zu nehmen, um Jesus zu treffen? Warum sollte auch sonst das Evangelium auch später so oft erwähnen, daß sich Magdalena in der Nähe der Gottesmutter aufhielt, daß sie sich mit Maria sogar unter dem Kreuz befand? Der Weg zu Jesus führt über Seiner unbefleckte Mutter vorbei. Wer den Heiland finden will, findet Ihn am leichtesten durch Seine hl. Mutter!
Auch der hl. Petrus fiel in Sünde und verleugnete den Herrn. Aber er verzweifelte nicht wie Judas Iskarioth. Das Evangelium berichtet uns, daß Petrus eine enge Freundschaft zum hl. Johannes unterhielt und daß der Lieblingsjünger in der Nähe war, als Petrus den Heiland verleugnete (vgl. Joh. 13,16). Und als der Hahn krähte und der arme Apostel hinausging und bitterlich weinte, wird da nicht der hl. Johannes, als sein wahrer Freund, zu Maria gegangen sein, um sie um ihre Fürbitte anzugehen? Und so fand auch dieses verlorene Schäflein, das später zum obersten Hirten der Herde Christi werden sollte, durch die Fürsprache Mariens zu Jesus zurück.
Schließlich berichtet uns das Johannesevangelium von der Bekehrung des rechten Schächers. Dismas erlangte in seiner letzten Stunde die Gnade der Bekehrung, die Vergebung seiner Sünden und die Gnade eines seligen Todes. Sollte da nicht auch das Gebet Mariens mitgewirkt haben, ihm diese Gnaden zu erwirken? Sie, die unter dem Kreuz ihres Sohnes stand, und hörte, wie Dismas ihren Jesus vor den beleidigenden Worten des anderen Schächers in Schutz nahm? Sollte sie sich dafür nicht dankbar erwiesen haben und für sein ewiges Heil Fürsprache eingelegt haben? Sicherlich ist auch das keine unbegründete Annahme.
b) Maria hilft im Himmel umso mehr
Wenn Maria aber schon damals, als sie noch auf Erden lebte, den Sündern half, so tut sie es noch viel mehr, seit sie mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden ist. – Während Moses auf dem Berge Sinai verweilte, um von Gott das alttestamentliche Gesetz zu empfangen, fiel das Volk Israel in Abgötterei. Die Leute fertigten ein goldenes Kalb an und beteten es an. Da kam Moses vom Berg, sah die Greueltaten, zerschlug vor Schmerz und Zorn die Gesetzestafeln und strafte die Missetäter streng. Am nächsten Tag aber siegte das Mitleid des Moses über seinen gerechten Zorn und sprach: „Ihr habt die allerschwerste Sünde begangen. Ich will aber hinaufsteigen zum Herrn und versuchen, ob ich Ihn irgendwie für eure Missetat durch Bitten versöhnen kann.“ (Ex. 32,30). – Auch wir haben gesündigt. Wir selbst, unsere Kinder, unsere Väter; unsere Zeitgenossen und die ganze Reihe unserer und ihrer Vorfahren, bis hinab in die graue Vorzeit haben gesündigt. Gott der Herr hat allen Grund, uns zu zürnen und uns für immer und ewig zu verwerfen. Aber da spricht die unbefleckte Gottesgebärerin Maria bei ihrer Himmelfahrt: „Ich will hinaufsteigen zum Herrn und weiß gewiß, daß ich Ihn versöhnen, Ihn euch gnädig stimmen und euch Seine Barmherzigkeit erlangen werde.“ Ja, gerade im Himmel ist Maria unsere beste Helferin und milde Fürsprecherin.
Im Alten Bund war der Himmel verschlossen. Da war es schwer, von Gott Gnade und Erbarmen zu erlangen. Darüber klagte der Prophet Habakuk: „Wie lange, o Herr, muß ich rufen, und Du erhörst mich nicht? Ich rufe Dich an und leide Gewalt, und Du rettest mich nicht?“ (Hab. 1,2). Wie viele Tausende klopften zur Zeit des Alten Bundes mit ihren Gebeten an die Himmelspforte und es wurde ihnen nicht aufgetan! Wie viele riefen zu Gott und wurden nicht erhört! Der Himmel war damals nicht leer an Fürsprechern. Er war bevölkert von vielen Millionen seliger Geister, die das Leid der Menschen sahen. Aber die Tür war geschlossen und die Gnaden flossen nur spärlich auf die Menschen herab. – Ganz anders aber ist es, seit Maria im Himmel wohnt! Jetzt ist dort die Mutter der Barmherzigkeit, die in ihrer Seligkeit auf uns nicht vergißt, in deren Herz mütterliche Liebe wohnt und durch deren Zunge sich deshalb das Gesetz der Milde kundtut, wie König Salomon über sie weissagte: „Ihren Mund öffnet sie zur Weisheit, und liebreiche Rede ist auf ihrer Zunge.“ (Spr. 31,26). Durch die Fürbitte Mariens können wir leicht erlangen, was uns notwendig ist – insbesondere „das eine Notwendige“! Wir dürfen aus berechtigten Gründen auf die Hilfe Mariens vertrauen. Damit sich die Fürsprache der Gottesmutter jedoch tatsächlich segensreich in unserem Leben auswirken kann, müssen wir diese Hilfe Mariens auch benützen.
Die Forderung nach unserer Mitwirkung
Nur leichtsinnige Menschen verlassen sich allein auf ihr Glück. Nur unselbständige Menschen verlassen sich allein auf die Hilfe anderer. Ein wirklich erwachsen gewordener Mensch verläßt sich nie auf das Glück allein und auch nicht allein auf die Hilfe anderer, sondern er versucht auch selber, alles zu tun, was in seiner Macht steht, um vorzusorgen und um zu erreichen, was er als gut und richtig und notwendig erkannt hat.
a) Indem wir das Notwendige tun
In irdischen Angelegenheiten wissen die Menschen genau, was zu tun ist. Wenn irgendwo Geld zu verdienen ist, wer nutzt nicht die sich bietende Gelegenheit? Im Frieden schon rüstet man sich für einen feindlichen Überfall. Zu einer Zeit, in der die Flüsse ruhig fließen, legt man Dämme an, nicht erst, wenn sie bei Hochwasser über die Ufer treten. Vor einem wichtigen Gespräch überlegt man sich vorher und in Ruhe, was gesagt werden muß und was nicht; und wie es gesagt werden sollte, um das Ziel zu erreichen. In der Zeit, da sich unsere Seele eines inneren Friedens erfreut, sollen wir uns vorbereiten auf die kommenden Versuchungen. Solange das Unkraut auf dem Feld und in den Gewohnheiten der Kinder noch klein ist, muß man es ausreißen, nicht erst, wenn es fest eingewurzelt ist. – Kurz: Wo es sich ums Zeitliche und Vergängliche handelt, da wissen kluge Menschen genau, was notwendig ist, um sich einen Vorteil zu sichern. Und wenn sie die Notwendigkeit einer Sache erkannt haben, dann lassen sie nicht unnütz Zeit verstreichen, sondern packen beherzt an.
Sollte man also für „das einzig Notwendige“ – für das, was uns nach dem Tod als einziges Gut übrigbleibt –, d. h. für den Himmel und die ewige Glückseligkeit, nicht auch so viel Aufwand treiben, um es zu erlangen, wie für die irdischen und zeitlichen Notwendigkeiten? Wäre es nicht die größte Torheit, so eifrig bei Dingen zu sein, die letztlich doch keinen Bestand haben werden, und das Heil der Seele zu vernachlässigen, woran die ganze Ewigkeit abhängt? Kann Maria nicht mit Recht zu uns sagen: „Wenn du willst, daß ich dir helfe, dann hilf dir auch selbst. Meide die Gefahren, die dich bisher immer wieder so leicht in Sünde gestürzt haben! Bemühe dich um innige Reue, bevor du im Bußgericht die Lossprechung erhoffst. Erneuere täglich deinen Vorsatz, wenn du deine schlechten Neigungen wirklich überwinden willst. Übe das Gebet, das dir den Segen des Himmels bringen kann! Ich will gerne für dich beten. Ich will dir gern helfen, wenn du bußfertige Gesinnung, wenn du guten Willen zeigst. Kurz: Wenn du das Deinige tust!“
Als Moses nach der Greueltat der Israeliten Gott den Herrn mit vielen Bitten versöhnt hatte, sagte ihm Gott: „Sprich zu den Kindern Israels: Legt ab all euren Schmuck, dann will Ich sehen, was Ich tue.“ (Ex. 33,5). Er wollte damit sagen: „Tut auch ihr das Eurige! Legt ab den Schmuck eurer Selbstgefälligkeit und Selbstgerechtigkeit. Hört auf mit euren Vergnügungen, zeigt eine bußfertige Gesinnung! Dann erst dürft ihr auf Barmherzigkeit hoffen.“ Dasselbe sagt uns auch die Königin des Himmels: „Ich bin zwar die Zuflucht der Sünder, aber nicht derer, die untätig in ihrer Bosheit verharren wollen, sondern jener Sünder, die sich aufrichtig bekehren wollen; die in ihrem Eifer, sich zu bessern, so geschäftig sind wie Martha bei der Bedienung meines Sohnes in Bethanien. Zeigt mir eure bußfertige Gesinnung, und ich will euch meine Barmherzigkeit zeigen.“
b) Indem wir es ohne Aufschub tun
Es ist aber nicht genug, daß man mit festem und aufrichtigem Entschluß irgendwann einmal das Notwendige tun will, um das Heil seiner Seele zu wirken. Man muß diesen Willen vielmehr schon heute beweisen. Man muß, was zur Rettung der Seele notwendig zu tun ist, ohne Aufschub tun. In seinem Brief an die Hebräer mahnt der Völkerapostel: „Ermahnet euch Tag für Tag, solange es heute heißt.“ (Heb. 3,13). Er will damit sagen: „Verschiebt eure Werke für das Seelenheil nicht! Heute könnt ihr euch noch von der Sünde bekehren. Morgen aber lebt ihr vielleicht nicht mehr.“
Es ist wahr: Gott der Herr hat versprochen, dem Sünder zu verzeihen, wann immer er nur umkehrt und zur Buße greift. Aber es ist ebenso wahr, daß niemand die Gewißheit hat, er werde morgen noch leben. Solange das Heute, das gegenwärtige Leben dauert, wird auch Maria für uns bitten, und ihre Bitten werden uns heute schon heilsam sein, wenn wir heute auch das Unsrige leisten. Ist aber dieses Leben erst einmal abgelaufen, dann ist es auch mit der Barmherzigkeit Gottes und mit der unser ewiges Heil erflehenden Fürbitte Mariens zu Ende. Dasselbe brachte der hl. Papst Gregor d. Gr. in seinem bekannten Ausspruch auf den Punkt: „Derjenige, welcher der Buße Verzeihung versprach, hat dem Sünder den morgigen Tag nicht versprochen.“ (hom. 12 in Ev.).
Das liebste Möbelstück des Teufels ist bekanntlich „die lange Bank“. Es ist eine alte List der Schlange, daß sie den Sünder immer wieder auf spätere Zeiten vertröstet. So machte es der böse Feind gestern; so macht er es heute; so wird er es auch morgen und übermorgen tun. So macht er es von einem Jahr zum andern, und schließlich kommt das letzte Jahr und in demselben der letzte Tag und die letzte Stunde. Und noch ehe man es vermutet, zeigt sich plötzlich, daß die ganze Lebenszeit dem Teufel gehört hat, für Gott aber nichts übriggeblieben ist. Nur wer umgehend die zum Seelenheil notwendigen Mittel ergreift, dem wird die Barmherzigkeit Gottes, dem wird die Fürbitte Mariens sicher von Nutzen sein. Wer hingegen das zu seiner Rettung Notwendige immer wieder hinausschiebt, schwebt in größter Gefahr, ewig verloren zu gehen.
c) Indem wir es mit Eifer und Beharrlichkeit tun
Den Beistand der Gottesmutter müssen wir aber nicht bloß ohne Aufschub, sondern auch mit Eifer benützen. Das Evangelium erzählt nur von drei Toten, die unser göttlicher Erlöser zum Leben erweckt hat. Alle drei waren junge Menschen: Das Töchterchen des Synagogenvorstehers Jairus, der Jüngling von Naim, und auch Lazarus zählte damals, wie der hl. Epiphanius berichtet, nur 30 Jahre. Von einem Greis, den Christus vom Tode erweckt hätte, wissen wir hingegen nichts. Warum das? Weil der Heiland will, daß man sein Heil mit Eifer wirkt. Alte Leute pflegen nicht mehr eifrig zu werden, wenn sie es nicht schon früher waren. Alte Menschen können fast nicht mehr ablegen, was sie sich durch lange Jahre angewöhnt haben. Viel leichter wird man einen jungen als einen alten Sünder bekehren.
Der hl. Johannes berichtet in seinem Evangelium von einem Mann, der schon seit 38 Jahren krank darniederlag (Joh. 5,2 ff.). Er befand sich in Jerusalem zusammen mit vielen Kranken an dem von fünf Säulenhallen umgebenen Schafsteich von Bethesda. Von Zeit zu Zeit stieg dort nämlich ein Engel nieder und brachte das Wasser in Wallung. Wer dann zuerst in den Teich hineinstieg, der wurde gesund, mit welcher Krankheit er auch behaftet sein mochte. Jesus traf diesen Menschen und hatte Mitleid mit ihm. Aber eigentümlich war es, daß dieser Kranke den göttlichen Erlöser nicht um Heilung bat. Jesus selbst mußte ihn erst fragen: „Willst du gesund werden?“ (6). „Ja“, sagte der Kranke, „das möchte ich wohl! Aber!“, so fügt er hinzu: „Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, wenn das Wasser in Wallung kommt, in den Teich brächte; denn während ich komme, steigt sein anderer vor mir hinab.“ (7). Jesus heilte ihn auf der Stelle. – Dieser Kranke ist ein gutes Bild für einen Menschen, der nur nachlässig um sein ewiges Heil besorgt ist. In 38 Jahren hätte dieser Mensch, so möchte man meinen, doch dafür sorgen können, daß ihm jemand helfe, ins heilende Bad zu gelangen. Er mußte sicherlich viel Geld aufwenden, um durch so viele Jahre leben zu können. Hätte er denn da nicht auch jemanden bezahlen können, der ihm geholfen hätte, wenigstens einmal als Erster in das aufwallende Wasser zu steigen? Der arme Mann wollte zwar gesund werden, aber sich ernstlich Mühe geben, das wollte er nicht. Stattdessen wird er sich gewiß selbst bemitleidet haben, sich vielleicht in eine Opferrolle hineingesteigert haben. Er habe ja nie Glück, immer nur die anderen. „Den anderen wird geholfen, mir aber hilft keiner. Die anderen haben es leicht, ich habe es schwer.“ Womöglich wird er sogar Gott dafür verantwortlich gemacht haben, Ihm vielleicht sogar Ungerechtigkeit vorgehalten haben, bis er sich resigniert mit seiner selbstverschuldeten Lage abgefunden hatte. So lag er Jahr um Jahr an derselben Stelle und wurde wohl alt, aber nicht gesund.
Wie vielen erging und ergeht es ebenso! Sie wollen ihr Heil. Sie wünschen, daß ihnen Maria dazu helfe, aber sich selbst zu einem ernsthaften Schritt zur Rettung ihrer Seele zu überwinden, das wollen sie nicht. Mit Recht nennt das Evangelium diesen Menschen „languidus“ (7). D. h. nicht einfach nur „krank“, sondern es schwingt in dem Wort auch die Bedeutung mit: „träge, gleichgültig, untätig“. Sich selbst bemitleiden, sich angesichts des Glücks der anderen als von Gott vernachlässigtes Opfer zu betrachten, bringt niemandem etwas, am wenigsten dem, der sich in die Opferrolle zurückzieht. Wir müssen unser Leben selber in die Hand nehmen! „Jeder ist seines Glückes Schmied“, weiß der Volksmund. Das Schmieden kann aber nur mit Mühe und mit Beharrlichkeit gelingen. Deshalb müssen wir Fleiß und Eifer an den Tag legen, wenn wir an dem heißen Eisen unserer ewigen Glückseligkeit arbeiten. Nur unter dieser Voraussetzung wird die Fürbitte und der Schutz Mariens uns wirklich helfen können.
Jetzt ist die Zeit des Heiles!
Wir wissen, daß uns Maria hilft. Sie hat es stets getan, sie tut es besonders, seit sie mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden ist. Aber wir wissen auch, daß wir dazu das Unsrige beitragen müssen. Nicht umsonst setzen wir beim „Ave Maria“ zu den Worten „Bitte für uns Sünder“ das Wort „jetzt“ und fahren erst dann fort: „und in der Stunde unseres Todes“. Wer sich jetzt nicht um Maria kümmert; wer jetzt nicht ihre Hilfe sucht, der versichert sich vergeblich, daß sie ihn im letzten Augenblick noch retten werde.
Eine solche Rettung ist zwar natürlich nicht gänzlich ausgeschlossen. Aber eine solche Rettung wäre dann schon kein geringes Wunder. Wunder sind aber nichts Alltägliches. Wunder dürfen wir nicht erwarten; besonders dann nicht, wenn wir der Gnade widerstehen, die uns „jetzt“ zum Guten ruft.
So mahnt auch der Völkerapostel im zweiten Korintherbrief: „Jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heiles.“ (2. Kor. 6,2). Jetzt! Nicht später! – Benützen wir also die Gnade, solange es Zeit ist! Machen wir uns der Hilfe unserer himmlischen Königin würdig, solange der Tag unseres Lebens dauert. Nur so können wir mit berechtigtem Vertrauen ihre Barmherzigkeit erhoffen und erwarten „jetzt und in der Stunde unseres Todes“. Amen.