Von den Glaubensquellen – Die mündliche Überlieferung

Geliebte Gottes!

Gott ist die unfehlbare Wahrheit. Er weiß alles und kann sich nicht irren. Sodann ist Gott auch in unendlichem Maße heilig. Er kann uns nicht täuschen und betrügen. Die Allwissenheit und die Heiligkeit Gottes bilden den Beweggrund, warum wir alles, was Er uns geoffenbart hat, für wahr halten müssen.

Zuletzt haben wir uns gefragt, wo wir denn die geoffenbarten Wahrheiten finden, die wir glauben müssen. Und wir haben dabei die Heilige Schrift als eine Glaubensquelle ausgemacht. Sie ist eine Mehrzahl verschiedenster Bücher, die aber in zwei Merkmalen miteinander übereinkommen. Diese Bücher sind unter der Inspiration des Heiligen Geistes geschrieben. Das ist der eine Punkt. Und sie sind vom Lehramt der katholischen Kirche als geschriebenes Wort Gottes bezeugt und anerkannt. Das ist der zweite Punkt.

Weil Gott die menschlichen Verfasser zum Schreiben angetrieben, ihnen genau eingegeben hat, was sie aufschreiben sollen, und sie dabei vor jedem Fehler oder Irrtum bewahrt hat, deshalb ist es keine Frage, daß wir alles mit unerschütterlicher Festigkeit glauben müssen, was die Heilige Schrift enthält. Sie enthält Gottes Wort! Es stellt sich aber sehr wohl die Frage, ob das genug ist, wenn wir alles glauben, was in der Heiligen Schrift steht.

Seit dem 16. Jahrhundert, als mit Martin Luther die ersten Protestanten auftraten, behauptet das nämlich eine große Anzahl von Menschen. „Sola scriptura“, rufen sie uns zu! D. h., allein was in der Schrift steht, ist von Gott geoffenbart und muß geglaubt werden. Alles, was nicht in der Heiligen Schrift steht, sei reines Menschenwerk, also nicht von Gott geoffenbart, und müsse folglich nicht nur nicht geglaubt, sondern sogar verworfen werden, um zum „reinen Evangelium“ zu gelangen. Deshalb nennen sie sich auch „evangelische Christen“, weil sie vermeintlich nach dem reinen Evangelium leben.

Ist die Heilige Schrift die einzige Quelle der Offenbarung?

Die Falschheit dieser Behauptung, daß die Heilige Schrift die einzige Quelle der göttlichen Offenbarung und damit ihr Inhalt der einzige Gegenstand unseres Glaubens sei, läßt sich leicht beweisen.

Zum einen aus der Kirchengeschichte. Denn wann wurde die Kirche Jesu Christi gegründet? Man könnte sagen, als der Heiland die Apostel berief, oder als Er den hl. Petrus nach Seiner Auferstehung zum Oberhirten einsetzte, als Er zu ihm sprach: „Weide Meine Lämmer. Weide Meine Schafe.“ (Joh. 21,15). Spätestens aber nahm die Kirche Christi ihren Anfang, als der hl. Petrus am Pfingsttag predigte und sich daraufhin 3.000 Menschen bekehrten und taufen ließen. Da haben wir schon eine ganze und vollständige Gemeinde, die erste christliche Gemeinde von Jerusalem. Hatten sie den wahren übernatürlichen Glauben? Ohne Zweifel! Denn wo soll der wahre übernatürliche Glaube sein, wenn schon die erste, vom hl. Petrus gegründete, christliche Gemeinde den wahren Glauben nicht gehabt hätte? – Was aber glaubten jene Christen von Jerusalem? Bloß das, was in der Heiligen Schrift steht? – Bedenken wir die Antwort auf diese Frage genau! Damals war von den Büchern des Neuen Testamentes, von den vier Evangelien, von den Briefen der Apostel noch kein einziger Buchstabe geschrieben! Es gab nur das Alte Testament. Der hl. Petrus predigte ihnen aber, daß sich in Jesus von Nazareth die Vorhersagen der Propheten erfüllt hätten. Er predigte ihnen die Auferstehung Jesu von den Toten und Seine glorreiche Himmelfahrt sowie die Ausgießung des Heiligen Geistes (vgl. Apg. 2,32 ff.). Er predigte ihnen, daß Jesus der Sohn Gottes und der verheißene Messias sei und daß jeder, der das übernatürliche Gnadenleben durch die Eingießung des Heiligen Geistes empfangen wolle, sich mit bußfertigem Herzen im Namen Jesu taufen lassen müsse (38). Von alledem stand aber nichts im Alten Testament. Diejenigen, die sich daraufhin taufen ließen und so zu den ersten Christen wurden, glaubten also mehr als das, was in der Heiligen Schrift geschrieben stand. Sie glaubten auch alles, was die hl. Apostel ihnen mündlich gepredigt hatten. Und wieviele Völker waren nicht schon bekehrt, wieviele Gemeinden nicht schon gegründet und wie herrlich blühte nicht schon überall der christliche Glaube auf, noch ehe das ganze Neue Testament geschrieben war!

Den zweiten Beweis gegen die protestantische „Sola-scriptura“-Lehre liefern uns Christus und die Apostel selbst. Denn wenn der Christ nur das glauben sollte, was in der Heiligen Schrift steht, welchen Auftrag hätte Christus den Aposteln spätestens bei Seiner Himmelfahrt geben müssen? Er hätte zu ihnen sagen müssen: „Schreibet! Setzt euch hin und schreibt alles auf, was ihr von Mir gesehen und gehört habt. Schreibt es ab und schreibt es hundertmal ab und verbreitet eure Schriften unter allen Völkern der Erde. Denn alles, was ihr schreibt, sollen sie glauben als Mein Wort. Was ihr aber bloß sprecht, das ist Menschenwort und in den Wind gesprochen.“ Hat der Herr so geredet? Keine Silbe davon. Was aber hat Er gesagt? „Gehet hin in alle Welt und predigt [!] das Evangelium allen Geschöpfen!“ (Mk. 16,15). „Lehret [!] alle Völker und taufet sie … lehret [!] sie alles halten, was Ich euch geboten habe!“ (Mt. 28,19 f.). Die Apostel sollten lehren, und das geschah und geschieht zunächst und zumeist durch das mündliche Wort. So haben es die hl. Apostel auch verstanden. Sie sind alle hinausgegangen. Sie haben alle gepredigt! Das war die Aufgabe, die ihnen der Heiland gestellt hatte. Diese Aufgabe hatten sie erfüllt. Und zwar hatten alle diese Aufgabe erfüllt. – Wenn sie die Aufgabe gehabt hätten, zu schreiben, dann hätten sechs von den hl. zwölf Aposteln ihre Aufgabe gar nicht erst in Angriff genommen. Von jenen findet sich kein einziger Buchstabe in der Heiligen Schrift. Von den sechs übrigen hätten sodann einige ihre Aufgabe sehr mangelhaft erfüllt: Vom hl. Judas Thaddäus findet sich in der Heiligen Schrift nur so wenig, daß es auf ein einziges engbeschriebenes Blatt passen würde. Der hl. Petrus hat zur Heiligen Schrift lediglich zwei Briefe beigesteuert. Der hl. Jakobus nur einen. Einzig der hl. Matthäus und der hl. Johannes leisteten mit ihren beiden Evangelien einen größeren und bedeutenderen Beitrag. Aber erst wie spät! Der hl. Matthäus schrieb als Erster um das Jahr 60, also erst 30 Jahre nach der Himmelfahrt! Und der hl. Johannes noch viel später, kurz vor seinem Tod, ungefähr 70 Jahre nach der Himmelfahrt Christi. Alles in allem also eine spärliche schriftstellerische Leistung, die sie auch träge und behäbig lange Zeit vor sich hergeschoben hätten, nicht wahr? Wäre das genug, wenn ihre Lebensaufgabe darin bestanden hätte, zu schreiben? Hätte ihr spärliches Lebenswerk nicht den strengen Richterspruch fürchten müssen – „Du schlechter und fauler Knecht!“ (Mt. 25,26) –, den Jesus im Gleichnis denjenigen androhte, die das Talent, mit dem sie ihre Lebensaufgabe erfüllen sollten, vergraben und weitestgehend ungenutzt lassen?

Wir sehen also an diesen beiden Beispielen: Die mündliche Predigt ging der Heiligen Schrift voraus. Denn zuerst wurden die von Gott geoffenbarten Wahrheiten nur mündlich gepredigt, ehe man anfing, sie auch niederzuschreiben. Im Römerbrief schreibt der hl. Apostel Paulus: „Der Glaube kommt vom Hören.“ (Röm. 10,17). Vom Hören kommt der Glaube, nicht vom Lesen! – An sich wäre eine Niederschrift der Offenbarung nicht unbedingt nötig gewesen. Das Christentum hätte wahrscheinlich auch durch die mündliche Predigt allein weitergegeben und ausgebreitet werden können. Ohnehin waren die Menschen, die des Lesens mächtig waren, lange Zeit in der Minderzahl. Hingegen konnte und kann jeder gesunde Mensch hören, was man ihm predigt. Und durch den unfehlbaren Beistand des Heiligen Geistes waren und sind die Lehrer der katholischen Kirche – allen voran der Papst und die mit ihm lehrenden Bischöfe – beständig in der wahren Verkündigung, Erklärung und Verteidigung der göttlichen Offenbarung befestigt. Die Heilige Schrift ist demnach also weder die zeitlich erste noch die einzige noch überhaupt eine unbedingt notwendige Quelle der Offenbarung Gottes.

Aber auch die Heilige Schrift selbst straft die Protestanten Lügen. Denn wäre die protestantische Lehre wahr, allein was in der Schrift stünde, müsse geglaubt werden – nichts weniger, aber auch nichts mehr –, dann müßte in der Heiligen Schrift doch wenigstens ein Satz stehen wie dieser: „Ihr sollt alles glauben, was die Schrift sagt, weiter aber nichts.“ Findet sich ein solcher Satz in der Heiligen Schrift? Nirgendwo. Das Gegenteil davon steht geschrieben! Der Völkerapostel schreibt im zweiten Brief an die Thessalonicher: „So haltet denn fest, Brüder, an den Überlieferungen, die ihr erlernt habt, sei es durch unser Wort oder durch einen Brief von uns.“ (2. Thess. 2,14). Was befiehlt ihnen der hl. Paulus? „Haltet fest!“ D. h. haltet mit Festigkeit für wahr. Glaubt fest! – Und was? „Was ihr erlernt habt.“ – Woher hatten sie gelernt? Sie hatten Briefe vom hl. Paulus bekommen. Gewiß. Er hatte aber auch bei ihnen gepredigt. Beides sollten sie glauben: das mündliche Wort ebenso wie das geschriebene.

Aber wir sind immer noch nicht fertig. Wer behauptet, man müsse allein glauben, was in der Heiligen Schrift steht, hingegen könne man getrost jede mündliche Überlieferung als Menschenwerk verwerfen, der kann in aller Ruhe auch die Heilige Schrift beiseitelegen. Denn welche Antwort wird ein Protestant auf folgende Fragen geben, die wir ihm stellen wollen: „Wer sagt dir denn, daß es überhaupt eine Heilige Schrift gibt?“ Die Schrift sagt es dir nicht, wohl aber die Überlieferung. „Wer sagt dir, welche und wie viele Bücher zur Heiligen Schrift gehören?“ Die Schrift sagt es nicht, wohl aber die Überlieferung. „Wer verbürgt dir, daß die Bücher der Heiligen Schrift ohne Veränderung, ohne Verfälschung, ohne Verkürzung, ohne Zusätze durch die Stürme der Jahrhunderte, durch so viele Hände der Menschen bis auf uns gekommen sind?“ Die Schrift bürgt nicht dafür, wohl aber die Überlieferung. Und schließlich: „Wer legt dir die Heilige Schrift aus?“ Kein Buch erklärt sich selbst. – Was ist also die Heilige Schrift ohne die mündliche Überlieferung? Ein Buch, das nicht sagen kann, was es ist, woher es ist, wie alt es ist, welchen Sinn es hat. Ein Buch, dessen Blätter sozusagen im Wind der Beliebigkeit flattern. Ein Buch, das sich nicht beglaubigen, das sich nicht verteidigen, das sich nicht erklären und sich nicht selbst vor Verfälschung bewahren könnte. Kurz: Die Heilige Schrift ist auf das Zeugnis und auf die Erklärung durch die Überlieferung angewiesen! Ansonsten ist sie bloß toter Buchstabe!

Aus alledem folgt der Schluß: Es muß außer der Heiligen Schrift noch eine andere Offenbarungsquelle geben, durch die Gott zu uns gesprochen hat und der wir folglich glauben müssen, nämlich die sog. „mündliche Überlieferung“. Das haben wir bewiesen aus der Entstehungsgeschichte der Kirche, aus dem Missionsbefehl des Heilandes an die hl. Apostel und sowohl aus dem Inhalt als auch aus der äußeren Beschaffenheit der Heiligen Schrift selbst.

Begriff und Wesen der Überlieferung

Wenden wir uns also der Frage zu, was man genau unter der „Überlieferung“ bzw. unter dem gleichbedeutenden lateinischen Wort „Tradition“ versteht. Viele Menschen führen ja heute das Wort „katholische Tradition“ im Munde, nennen sich sogar „Traditionalisten“, scheinen dabei aber gar nicht recht zu wissen, wovon sie reden, weil sie keinen klaren Begriff davon haben, was damit gemeint ist.

Der Wortbedeutung nach besagt der Ausdruck „überliefern“, „tradieren“ ganz allgemein den lebendigen Vorgang der Weitergabe von Wissen, einer Lehre oder Einrichtung von Generation zu Generation. Der Ausdruck „Überlieferung“ besagt dabei vor allem den Gegenstand, der aus der Vergangenheit an die kommende Generation weitergegeben wird, also „das, was überliefert wird“.

So betrachtet ist also auch die Heilige Schrift ein Gegenstand der Überlieferung, weil sie als göttliche Einrichtung von der katholischen Kirche unversehrt von einer Generation an die nächste weitergegeben wird.

a) Der Gegenstand der mündlichen Überlieferung

Wenn wir aber präzise von der „mündlichen Überlieferung“ sprechen, dann meinen wir die Summe all jener Offenbarungswahrheiten, welche die katholische Kirche durch die mündliche Lehre Christi und die Predigt der hl. Apostel empfangen hat und immerfort unter dem Schutz des Heiligen Geistes unversehrt und unverfälscht bis ans Ende der Welt weitergibt.

Auch die mündliche Überlieferung ist Wort Gottes! Aber es wurde uns im Gegensatz zur Heiligen Schrift nicht schriftlich, sondern mündlich überliefert. Auch diese mündlich überlieferten Lehren müssen wir unter Androhung der ewigen Verdammnis mit göttlichem Glauben für wahr halten (vgl. Mk. 16,16).

Grundgelegt wurde die mündliche Überlieferung der göttlichen Offenbarung durch die Predigt des Heilandes und der Apostel. Deshalb wird sie göttlich-apostolische Tradition genannt. Außer der „göttlich-apostolischen Tradition“ gibt es auch eine rein „apostolisch-menschliche Tradition“, die nicht auf eine göttliche Offenbarung oder Anordnung Christi zurückgeht, sondern allein auf die Apostel als bloße Menschen (vgl. 1. Kor. 7,12 ff.). Ferner wird auch noch eine rein „kirchliche Tradition“ von der göttlichen Überlieferung unterschieden. Sie beinhaltet Wahrheiten oder Einrichtungen, die nicht geoffenbart und nicht von Christus angeordnet wurden, sondern nur menschlichen Ursprungs sind. So etwa die Einsetzung und die Anzahl der Niederen Weihen oder die Festsetzung der verschiedenen Fest- und Fasttage. Rein apostolische und kirchliche Traditionen sind u. U. auch zeitlichen und örtlichen Änderungen bzw. Abschaffungen unterworfen. So wurde etwa die anfängliche Gütergemeinschaft der ersten Christen von Jerusalem oder das Speisegebot des Apostelkonzils mit der Zeit abgeschafft. Ähnliches gilt für die Taufspendung durch Untertauchen, die Kommunionspendung auf die Hand oder unter beiderlei Gestalten usw. Die Lehren und Einsetzungen der göttlich-apostolischen Tradition hingegen sind von andauernder Beständigkeit und in jeder katholischen Teilkirche, sowohl im Morgenland wie im Abendland, gänzlich unveränderlich.

Wenn wir nun hier von der „mündlichen Überlieferung“ im strengen Sinne als der zweiten Quelle unseres Glaubens neben der Heiligen Schrift sprechen, so ist darunter allein die göttlich-apostolische Tradition gemeint. Allein die Wahrheiten der göttlich-apostolischen Tradition sind das mündlich geoffenbarte Wort Gottes!

b) Die Träger der Überlieferung

Wie schon die Heilige Schrift, so wurde auch der Schatz der mündlichen Offenbarungslehren Gottes nicht jedermann, sondern allein der katholischen Kirche – genauer: den Trägern des katholischen Lehr- und Hirtenamtes – zur Bewahrung und Weitergabe anvertraut. Der Papst und die mit ihm vereinten Bischöfe sind die Träger der mündlichen Überlieferung. Ihnen gilt das Wort des Gottessohnes: „Wer euch aufnimmt, nimmt Mich auf; und wer Mich aufnimmt, nimmt denjenigen auf, welcher Mich gesandt hat.“ (Mt. 10,40). „Wer euch hört, der hört Mich. Wer euch verachtet, der verachtet Mich.“ (Lk. 10,16). Nur das kirchliche Lehramt ist Träger der mündlichen Überlieferung.

Es verhalten sich dabei die mündlichen Offenbarungswahrheiten zum Lehramt der Kirche wie das Wasser zum Aquädukt. Das fließende Wasser sind die von Gott geoffenbarten, von Christus und den Aposteln in mündlicher Form ergangenen Lehren und Einrichtungen. Die Wasserleitung des Aquädukts stellt die unbeschadete Übertragung von Generation zu Generation sicher. So wie die Rinne eines Aquädukts stets abgedeckt war, sodaß das kostbare Wasser weder verdunsten noch durch Beimengung von Schmutz oder schädlichen Substanzen verunreinigt oder gar vergiftet werden konnte, genauso ist auch die lehrende Kirche – also der Papst und die mit ihm vereinten Bischöfe –, die allein von Christus mit der unversehrten Weitergabe des mündlichen Gotteswortes beauftragt ist, mit einem übernatürlichen Beistand ausgestattet, der verhindert, daß bei der Weitergabe des mündlich geoffenbarten Gotteswortes manche Wahrheiten vergessen oder aufgelöst werden bzw. Verunreinigungen oder gar das Gift von Irrtümern in den Strom der mündlichen Überlieferung geraten könnten.

Diesen Beistand hat Christus, als Er von der Erde schied, ausdrücklich den Lehrern der Kirche zugesichert. Er sprach: „Mir ist alle Gewalt gegeben … Gehet hin und lehret alle Völker … lehrt sie, alles halten, was Ich euch geboten habe; und siehe, Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt. 28,18). Christus befahl Seinen Aposteln, wie wir schon gesehen haben, die Lehre Seines Evangeliums mündlich an alle Völker weiterzugeben. Es handelt sich also um „mündliche Überlieferung“ genau in unserem Sinn. Es handelt sich ferner um ein Weitergeben der christlichen Offenbarung unter dem ständigen Beistand des Heiligen Geistes und nicht bloß um rein menschliche, natürliche Sorgfalt. Denn ausdrücklich versprach der Heiland: „Ich bin bei euch“, während ihr die Völker lehrt. D. h., Ich werde dafür sorgen, daß ihr ihnen wirklich Meine Lehre bringt! Und das nicht nur bis zu eurem Tod, sondern „bis zum Ende der Welt“! Also an jedem Tag; ohne eine Ausnahme! Ohne daß auch nur vorübergehend, in irgendeinem Jahrhundert – etwa von der Mitte des 20. bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts – vom Papst und den einmütig mit ihm und unter seiner Führung lehrenden Bischöfen der Welt einmal etwas Falsches (z. B. der Ökumenismus, die Religionsfreiheit, der religiöse Indifferentismus, die Unmoral etc.) gelehrt oder toleriert und zur gläubigen Annahme vorgestellt würde.

c) Unzertrennliche Verbindung von Tradition und Lehramt

Die lehrende Kirche – also der Papst und die Bischöfe im Verein mit dem Papst – sind als Träger der mündlichen Überlieferung mit dem mündlich geoffenbarten Gotteswort untrennbar verbunden! Wie frisches Quellwasser, das in weiter Entfernung entspringt, unmöglich von uns getrunken werden kann, ohne ein Aquädukt, welches das Wasser zu uns trägt, so kann auch keine Überlieferung der mündlich ergangenen göttlichen Wahrheit stattfinden, ohne die von Gott bestellten Lehrer als zuverlässige Träger derselben.

Das ist gerade der Punkt, den viele Menschen heute nicht begreifen können oder verstehen wollen, besonders ausgerechnet jene, die sich „Traditionalisten“ nennen und sich selber zu den „Hütern der Tradition“ aufschwingen. Sie meinen fälschlich, es sei möglich, daß es einen Widerspruch zwischen der mündlichen Überlieferung und der Lehre des Papstes und der mit ihm im Verein lehrenden Bischöfe auf einem Konzil geben könne und auch tatsächlich gegeben habe. Deshalb müssen sie sich den berechtigten Vorwurf gefallen lassen, einen falschen Begriff von der Tradition zu haben. Diese irrige Auffassung macht nämlich aus der ganzen göttlich-apostolischen Tradition Hackfleisch, genauso wie die Behauptung, die Bibel könne einen Irrtum enthalten, die gesamte Heilige Schrift gleichsam schreddern würde. Beides ist häretisch! Wenn nämlich der Träger der Überlieferung nicht absolut zuverlässig ist, dann ist auch das, was er überliefert, zweifelhaft und entwertet, denn wir hätten gar keine Sicherheit mehr, ob das, was uns die Kirche zu glauben vorlegt, überhaupt von Gott geoffenbart ist.

Gewiß, die mündliche Überlieferung darf nicht mit dem kirchlichen Lehramt identifiziert werden. Das kirchliche Lehramt ist nicht die Tradition! Der angeblich von Papst Pius IX. getätigte Ausspruch: „Die Tradition bin ich.“, darf nicht im wörtlichen Sinne verstanden werden. Nicht das Lehramt ist die Quelle des göttlichen Wortes, sondern es ist der zuverlässige Übermittler, der Träger desselben. Genauso wenig ist das Aquädukt identisch mit dem auf ihm fließenden Wasser. Aber das Wasser kommt eben nur auf dem Aquädukt zu uns. Gerade deshalb dürfen Lehramt und Tradition nicht voneinander losgerissen werden, wie es heute die Traditionalisten machen. Beide stehen immer in einem unzertrennlichen, organischen und lebendigen Zusammenhang. Sie wirken stets zusammen in dem einen Prozeß des Überlieferns. Der Papst und die mit ihm im Verein lehrenden Bischöfe sind das göttliche Instrument, das Werkzeug des Heiligen Geistes, das Aquädukt, durch welches das Wasser der göttlichen Lehre von Jahrhundert zu Jahrhundert weitergeleitet wird. Das geoffenbarte Gotteswort ist das Überlieferte (passive Element) und das kirchliche Lehramt das Überliefernde (aktive Element). Alle anderen sind lediglich Empfänger der mündlichen Überlieferung – oder deren Verächter, wie der Herr sagt: „Wer euch hört, der hört Mich. Wer euch verachtet, der verachtet Mich.“ – Der göttliche Beistand verleiht den kirchlichen Lehrern Anteil an der Glaubwürdigkeit Gottes. Allein die Tatsache, daß uns eine Lehre vom kirchlichen Lehramt als geoffenbart verkündet wird – egal, ob es in der feierlichen oder in der allgemein-ordentlichen Lehrverkündigung geschieht –, verbürgt uns den göttlichen Ursprung und die unfehlbare Wahrhaftigkeit dieser Lehre. Christus ist bei Seinen Stellvertretern alle Tage bis ans Ende der Welt. Deshalb kann aus dem Aquädukt des kirchlichen Lehrkörpers stets nur das unseren Glauben befruchtende Naß der reinen, vollständigen und richtig erklärten Lehre Jesu Christi fließen. – Wir brauchen nicht weiter darauf einzugehen, sondern weisen lediglich darauf hin, daß aus dem untrennbaren Zusammenhang zwischen göttlichem Beistand und der amtlichen Lehrverkündigung der Kirche klar ersichtlich ist, daß die „konziliare Kirche“ oder die „synodale Kirche“, wie sie sich seit neuestem nennt, unter ihrem heutigen Oberhaupt „Leo XIV.“ unmöglich die Trägerin der göttlich-apostolischen Tradition ist. Dieses „Lehramt“ ist verunreinigt durch das Gift der Häresie und durch den Schlamm der Unsittlichkeit. Hier liegen auch die sog. „Traditionalisten“ richtig. Aber die „Tradis“ wollen zu ihrem eigenen Schaden leider nicht anerkennen, was daraus folgt. Nämlich, daß die „konziliar-synodale Kirche“ und ihre „Päpste“ und die mit ihnen vereinten „Bischöfe“ nicht die katholische Kirche, sondern eine falsche, von Menschen gemachte Kirche sind, genau wie die unzähligen Sekten, die im Laufe der Jahrhunderte von der katholischen Kirche abgefallen sind.

Der Niederschlag der mündlichen Überlieferung

Weil das lebendige Lehramt der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes steht, genügte es vor der allgemeinen Sedisvakanz, um zu wissen, was zu glauben ist, einfach auf den Pfarrer zu hören. Denn dieser wurde ausgebildet und stand unter der Aufsicht seines Bischofs. Und die über die Welt zerstreuten Bischöfe standen unter der Oberaufsicht des Papstes, der durch den göttlichen Beistand in der geoffenbarten Wahrheit gesichert war. Der Katholik brauchte nicht lesen zu können. Er brauchte nur aufzuhorchen, was ihm die Hirten der Kirche als zu glauben verkünden. So hat die Kirche zu allen Zeiten die Offenbarungslehre mündlich verkündet, ohne zu irren.

Der Theologe freilich – also derjenige, der in wissenschaftlicher Weise feststellt, welche Wahrheiten von Gott geoffenbart sind und welche Folgerungen sich daraus ergeben –, der Theologe konnte und kann sich in seiner Beweisführung und insbesondere bei seiner Verteidigung des katholischen Glaubens gegen die Irrlehrer nicht allein auf die mündliche Glaubensverkündigung stützen, die ihm gegenwärtig in der Pfarrkirche vorgetragen wird. Als Wissenschaftler besteht ja seine Aufgabe u. a. darin, sowohl den Gläubigen als auch den Ungläubigen zu beweisen, daß das, was die Kirche heute lehrt und glaubt, schon in früheren Jahrhunderten schon so gelehrt und geglaubt wurde, weil Christus und die Apostel es so gepredigt haben.

Worte sind wie der Wind. Worte sind flüchtig wie der Wasserdunst. Auch die Worte Jesu Christi und der Apostel sind verklungen. Und auch die Stimmen der früheren Päpste und Bischöfe sind längst verhallt.

Hier stoßen wir auf eine gewisse Schwäche der „mündlichen Überlieferung“ im Vergleich mit der Heiligen Schrift. Wie wir eingangs schon gesehen haben, hat die mündliche Überlieferung in mancherlei Hinsicht einen gewissen Vorrang vor der Heiligen Schrift. Die mündliche Überlieferung geht der Heiligen Schrift zeitlich voran. Die Heilige Schrift ist in ihrer Bezeugung als Gotteswort auf die mündliche Überlieferung angewiesen. Und auch an Vollständigkeit wird die Heilige Schrift von der Tradition übertroffen. Aber dennoch besitzt die Heilige Schrift gegenüber der mündlichen Überlieferung einen gewaltigen Vorzug. Die Heilige Schrift ist das Wort Gottes! Gewiß, auch die Predigt Christi und der Apostel ist das Wort Gottes. Aber das mündliche Wort Gottes kommt zu uns allein durch die Vermittlung des kirchlichen Lehramtes, dessen Glaubensverkündigung nicht das Wort Gottes ist, sondern es lediglich enthält. Das Wort Gottes ist in der Heiligen Schrift für uns heute also viel klarer und greifbarer. Eine von Gott offenbarte Lehre allein aus der mündlichen Überlieferung zu beweisen, ist sehr viel schwerer, weil sie nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form vorhanden ist, wie sie aus dem Munde Christi und der Apostel hervorging.

Wie will der Theologe also beweisen, daß eine heute von der Kirche als zu glauben vorgelegte Lehre, die aber nicht deutlich in der Heiligen Schrift enthalten ist, schon früher geglaubt und konstant überliefert worden ist? Wo findet er darüber Aufschluß, da doch die Worte Christi und der Apostel und der ihnen nachfolgenden Päpste und Bischöfe längst vergangen sind? – Er findet die mündliche Überlieferung dort, wo sich das gesprochene Gotteswort schriftlich niedergeschlagen hat, wo es in anderer Form gewissermaßen auskondensiert ist.

Der Begriff „mündliche Überlieferung“ schließt eine schriftliche Aufzeichnung derselben keineswegs aus. Und wie es unter gebildeten Menschen ganz natürlich ist, daß sie Dinge von großer Wichtigkeit, die ihnen zu Ohren gekommen sind, schriftlich fixieren, so war auch für die nachapostolische Zeit ein tief empfundenes Bedürfnis vorhanden, die mündlich empfangene Lehre schriftlich festzuhalten.

a) Die Akte des Lehramtes

Besonders das kirchliche Lehramt suchte die flüchtigen Worte seiner Lehrentscheidungen für Gegenwart und Zukunft durch schriftliche Urkunden zu sichern. Auf diese Weise hat die mündliche Überlieferung ihren unmittelbaren Niederschlag in den amtlichen Urkunden des kirchlichen Lehramtes gefunden. Konkret: in den Glaubensbekenntnissen und den offiziellen Glaubensentscheidungen der Päpste und Konzilien früherer Zeiten. Diese schriftlichen Urkunden sind aufgrund des Waltens des göttlichen Beistandes unfehlbare Glaubenszeugnisse, die von uns übernatürlichen Glauben fordern. Viele Heilige verehrten deshalb die Lehrdokumente der allgemeinen Konzilien in gleicher Weise wie die Heilige Schrift. Gewiß mit dem Unterschied – wie wir schon sagten: Die Heilige Schrift ist das Wort Gottes aufgrund der Inspiration. Die Glaubensbekenntnisse und die von den Päpsten und den allgemeinen Konzilien gegebenen Lehrentscheidungen enthalten das Wort Gottes aufgrund des Beistandes des Heiligen Geistes. Aber beide sind in gleicher Weise unfehlbar wahr und fordern unsere Glaubenszustimmung, weil uns Gott so lehrt.

b) Die Lehre der Kirchenväter

Ein weiteres Kondensat der mündlichen Überlieferung findet sich sodann mittelbar in jenen schriftlichen Aufzeichnungen früherer Zeiten, die nicht vom kirchlichen Lehramt selbst stammen, wohl aber von Männern, die demselben sehr nahestanden. Gemeint sind die Schriften der hl. Kirchenväter und der angesehenen Theologen. Die hl. Väter und Theologen sind die bestqualifizierten Zeugen dessen, was die Kirche zu ihrer Zeit gelehrt hat, und was daher auch heute noch von uns zu glauben ist.

Zu den Kirchenvätern zählen die heiligen und rechtgläubigen Theologen bis in das 8. Jahrhundert hinein. Sie genießen aufgrund ihrer Nähe zu den Zeiten der hl. Apostel besonderes Ansehen. Nicht zuletzt, weil fast alle nicht bloß gelehrte und heilige Männer, sondern auch Bischöfe und somit selber Träger des kirchlichen Lehramtes waren; und zwar so hervorragende, daß sich nach ihrem Beispiel die übrigen Bischöfe der Kirche richteten. Wenn nun die hl. Väter einstimmig (wenigstens moralisch) eine Lehre als von Gott geoffenbart vertreten, dann steht für uns die Glaubensgewißheit fest. Der sog. „Konsens der Kirchenväter“ ist auch dann vorhanden, wenn z. B. mehrere Väter in verschiedenen Jahrhunderten und in verschiedenen Teilen der Kirche in einer Sache übereinstimmen, die übrigen aber nicht dagegen auftreten. Außerdem muß sich die Übereinstimmung der Väter auch darauf beziehen, daß die Lehre geoffenbart ist. Wenn die Väter einhellig eine Lehre als eng mit der Offenbarung verbunden ansehen, dann ist es ein Beweis, daß diese Lehre wenigstens theologisch sicher ist, was von uns den Akt einer festen inneren Zustimmung fordert.

Ein einzelner Kirchenvater hat in Glaubenssachen nur dann eine entscheidende Autorität, wenn er ausdrücklich von der Kirche in diesem speziellen Fall anerkannt wurde, wie z. B. der hl. Augustinus in dem Bereich der Gnadenlehre. Sonst kann ein einzelner Kirchenvater auch in theologischen Dingen durchaus irren. Der einzelne als solcher ist nicht unfehlbar. Unfehlbare Zeugen sind sie nur, wenn sie einstimmig eine Offenbarungslehre bezeugen, so daß sie die gesamte Kirche, die nicht unisono einen Irrtum verkünden kann, vertreten.

c) Die Lehre der Theologen

Nach der Lehre der Kirchenväter haben die Schriften der Theologen einen besonderen Zeugencharakter für die mündliche Überlieferung. Der Grund liegt auch hier in der engen Verknüpfung der Theologen mit den amtlichen Lehrern der Kirche, wie Papst Pius IX. in seinem Brief „Tuas libenter“ lehrte.

Die Theologen werden als Professoren der Theologie von den Bischöfen bestellt und lehren unter ihrer Aufsicht. Die von ihnen verfaßten und herausgegebenen Lehrbücher müssen die bischöfliche Approbation (d. h. die amtliche Gutheißung) tragen. Der Klerus trägt dem Volk das vor, was er aus ihren Vorträgen, Schriften und insbesondere aus ihren Lehrbüchern während des Studiums gelernt hat. Auf dem tridentinischen und vatikanischen Konzil dienten die Theologen als enge Berater der Bischöfe. Hingegen wurden unorthodox lehrende Theologen von den Bischöfen oder der römischen Oberbehörde ihres Amtes enthoben und ihre Schriften verboten. Durch die enge Verbindung mit dem vom göttlichen Beistand gesicherten kirchlichen Lehrkörper (Papst und Bischöfe) kommt insbesondere den bei eben diesem Lehrkörper angesehensten und empfohlenen Theologen ein entsprechender Zeugencharakter für die mündliche Überlieferung zu.

Wenn deshalb alle Theologen (wenigstens moralisch) in verschiedenen Teilen der Kirche durch Jahrhunderte hindurch etwas als von Gott geoffenbarte Wahrheit hinstellen, so muß das von selbst mit dem, was das unfehlbare kirchliche Lehramt allgemein lehrt, zusammenfallen, ansonsten wäre es dagegen eingeschritten. Wenn alle Theologen übereinstimmend behaupten, eine Lehre sei zwar nicht geoffenbart, aber doch eng mit der Offenbarung verbunden und deshalb festzuhalten, so ist das ein Beweis, daß diese Lehre theologisch sicher ist, was wiederum von uns den Akt einer festen inneren Zustimmung fordert.

Wie unter den Kirchenvätern der hl. Augustinus so nimmt unter den Theologen der hl. Thomas von Aquin eine besonders autoritative Stellung ein. Seit dem 14. Jahrhundert bis Papst Pius XII. ist der hl. Thomas von den verschiedensten Päpsten immer wieder als sicherer Führer in der Theologie empfohlen worden. Auf dem Konzil von Trient war die „Summa theologiae“ des Aquinaten, gewissermaßen als Repräsentant der Tradition, neben der Heiligen Schrift auf dem Altar aufgeschlagen. Gewiß muß eingeräumt werden, daß die päpstlichen Empfehlungen nicht so zu verstehen sind, als sei die Lehre des hl. Thomas in allen Einzelheiten (auch er hat nicht in allem die richtige Ansicht vertreten), wohl aber im Großen und Ganzen anzunehmen. Alles in allem kommt gerade wegen dieser hohen Auszeichnung der Lehre des hl. Thomas von Aquin eine gewichtige Zeugenschaft für die mündliche Überlieferung zu.

d) Kirchliche Anordnungen in Kult und Disziplin

Als letzte, wenngleich mit großer Vorsicht zu behandelnde Quelle, in der sich die mündliche Überlieferung niedergeschlagen hat, ist schließlich die kirchliche Praxis zu nennen; also die Liturgie und die kirchliche Disziplin. Insbesondere vom Gottesdienst und von der Sakramentenspendung gilt: Was man damals betete, zeigt uns heute, was man damals glaubte.

Daneben ist aber auch die juristische Verkörperung der Kirche in ihrer äußerlich sichtbaren Struktur und Organisation sowie ihr Rechtswesen ein Zeugnis der mündlichen Überlieferung.

Alles in allem darf heute davon ausgegangen werden, daß es nach der vielhundertjährigen, intensiven theologischen Arbeit, insbesondere der großen Theologenschulen, wenn überhaupt, so doch nur noch wenige rein mündlich überlieferte Offenbarungswahrheiten geben dürfte, die nicht in irgendeiner der genannten Formen auskondensiert sind.

Die lebendige Entfaltung der göttlichen Offenbarungswahrheit

Oft wird der katholischen Kirche von ihren Gegnern vorgeworfen, sie hätte im Laufe der Jahrhunderte ihre Dogmen vermehrt und stelle heute Dinge zu glauben vor, die keineswegs von Christus und den Aposteln – wenn auch nur mündlich – so gelehrt worden seien. Solches wurde etwa von dem im Jahr 1854 von Papst Pius IX. verkündeten Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Mariens behauptet.

Um von solchen Einwänden nicht mitgerissen zu werden, muß man sich vor der statischen Vorstellung hüten, als hätten Christus und die Apostel von Anbeginn eine feste Anzahl fertiger Lehrsätze in den Überlieferungsstrom hineingeworfen, die dann jederzeit mühelos einfach daraus herausgefischt werden könnten. Auch hierin unterscheidet sich die mündliche Überlieferung von der Heiligen Schrift. Die Heilige Schrift ist, seit der hl. Apostel Johannes auf Patmos die Feder beiseitegelegt hat, ein statischer Textkörper, zu dem kein Satz und kein Wort mehr hinzukommt oder weggelassen wird.

Die mündliche Überlieferung hingegen ist keine mechanische Sammlung von hier und dort zerstreuten Lehrsätzen, die dann Theologen nach und nach zusammengetragen werden, sondern ein einheitliches, geschlossenes und organisches Wahrheitsganzes. Es ist eher einer Pflanze vergleichbar, die mit der Zeit alle in ihrem Keim von Anfang an angelegten Anlagen immer mehr entfaltet und erst nach und nach zur Ausbildung und zur vollen Reife gelangt. So wenig man die künftige Gestalt einer in der Entfaltung begriffenen Knospe oder Blüte im Voraus mit den Fingern greifen kann, ebensowenig läßt sich die entwickelte Form aller keimhaft im göttlichen Wort der Predigt Christi und der Apostel angelegten Offenbarungswahrheiten im Voraus erfassen. Vielmehr gilt das Wort des hl. Vinzenz von Lerin († ca. 450): „So ist es auch für die Lehre der christlichen Religion angemessen, diesen Gesetzen des Fortschrittes zu folgen, daß sie nämlich mit den Jahren gefestigt, mit der Zeit erweitert und mit dem Alter verfeinert wird, aber dennoch unzerstört und unversehrt bleibt und im gesamten Umfang ihrer Teile, sozusagen an allen ihr zugehörigen Gliedern und Sinnen vollständig und vollkommen ist, daß sie außerdem keine Veränderung zuläßt, keinen Verlust ihrer Eigenart und keine Abweichung von ihrer Wesensbestimmung erträgt. … Was also in dieser Kirche, der ‚Pflanzung Gottes‘ (1. Kor. 3,9), durch den Glauben der Väter ausgesät worden ist, genau das muß durch den Fleiß der Nachfahren gepflegt und gehegt werden, genau das muß blühen und reifen, genau das muß wachsen und zur Vollendung kommen. Denn es ist rechtmäßig, jene altehrwürdigen Lehrsätze der himmlischen Weisheit im Verlauf der Zeit weiter auszugestalten, auszufeilen und glattzupolieren, doch ist es Unrecht, sie zu verändern, ist es Unrecht, sie zu verunstalten und zu verstümmeln. Sie sollen Einsichtigkeit, Klarheit und Deutlichkeit erlangen, aber sie müssen ihre Vollständigkeit, ihre Unversehrtheit und ihre Eigenart behalten. … Die Kirche Christi aber, die eifrige und behutsame Wächterin der ihr anvertrauten Glaubenslehre, verändert nie etwas an ihnen [den geoffenbarten Wahrheiten], nimmt nichts weg, sie setzt nicht Überflüssiges hinzu; sie gibt nicht das Eigene auf, sie eignet sich nichts Fremdes an. Sondern sie bemüht sich mit aller Energie nur darum, das Alte treu und weise zu verwalten, und wenn etwas davon seit alter Zeit unausgebildet und unfertig ist, es auszugestalten und glattzufeilen [z. B. die Lehre von der Bewahrung Mariens von aller Sünde, einschließlich der Erbsünde], wenn etwas bereits deutlich ausgeprägt und entfaltet ist, es zu festigen und zu sichern, und wenn etwas bereits bekräftigt und festgelegt ist, es zu bewahren. Was hat sie denn auch je anderes durch die Beschlüsse der Konzilien angestrebt, als daß das, was früher einfach geglaubt wurde, später genauer geglaubt wurde, was früher ruhiger verkündigt wurde, später eindringlicher verkündet wurde, was vorher unbekümmert verehrt wurde, später eifriger verehrt wurde? Das und nichts anderes sonst, sage ich, hat die katholische Kirche immer, veranlaßt durch die Neuerungen der Häretiker, mit ihren Konzilsbeschlüssen erreicht: nämlich das, was sie früher von den Vorfahren nur durch mündliche Überlieferung empfangen hatte, später den Nachkommen auch in schriftlichen Dokumenten zu verbürgen, indem sie eine große Anzahl von Wahrheiten in wenigen Worten zusammengefaßt und oft zum Zwecke des klareren Verständnisses einen keineswegs neuen Glaubensinhalt mit einem adäquaten neuen Ausdruck [z. B. ‚Unbefleckte Empfängnis‘] bezeichnet hat.“ (Common. 23).

Unser Glaube ruht auf zwei Offenbarungsquellen

Zum Schluß halten wir drei Dinge unbedingt fest: 1. Die mündliche Überlieferung deckt sich genau mit der Lehre, die in der Heiligen Schrift enthalten ist. D. h. sie bestätigt die in der Heiligen Schrift enthaltenen Lehren; so etwa die Lehre von der Gegenwart Christi im Allerheiligsten Sakrament. – 2. Ferner führt die mündliche Überlieferung näher aus, was in der Bibel bloß keimhaft und andeutungsweise vorliegt; z. B. die Lehre vom unauslöschlichen Charakter, den die Sakramente der hl. Taufe, der hl. Firmung und der hl. Priesterweihe der Seele des Empfängers einprägen. – 3. Bisweilen führt die mündliche Überlieferung jedoch über die Glaubens- und Sittenlehre der Heiligen Schrift hinaus. So beispielsweise im Falle der Lehre von der Kindertaufe, vom Ablaß oder vom Umfang der Heiligen Schrift etc. Das alles wissen wir allein aus der mündlichen Überlieferung.

Wir müssen also neben der Heiligen Schrift ebenso die mündliche Überlieferung als Gottes ewig wahres Wort schätzen. Beide zusammen – Schrift und Überlieferung – enthalten den ganzen Schatz der göttlichen Offenbarung, das ganze Wort Gottes. Eingegeben vom Heiligen Geist, gelegt in die Hand der vom Heiligen Geist geleiteten Kirche, von ihrer Hand bewahrt, bewacht, verteidigt; durch den Mund ihrer Lehrer erklärt. Heilige Schrift und mündliche Überlieferung gehören zueinander. Was in der einen Quelle fehlt, das findet sich in der anderen. Was in der einen dunkel ist, das wird in der anderen aufgehellt. Sie erklären sich gegenseitig, bestätigen sich gegenseitig und bezeugen einander.

Das ist es also, was wir glauben müssen: Alles, was Gott geoffenbart hat – das geschriebene Wort Gottes und das mündlich überlieferte Wort Gottes –, und zwar genau in dem Sinn, wie es uns das Lehramt der hl. katholischen Kirche zu glauben vorstellt. Amen.

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