Von der entfernten und von der nächsten Glaubensregel

Geliebte Gottes!

Im 18. Jahr­hun­dert lebte der Schrift­stel­ler Gott­hold Ephraim Les­sing († 1791). Er war einer der sog. „Aufklä­rer“. Von Les­sing stammt das Wort: „Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: ‚Wähle!‘ Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: ‚Vater, gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein.‘“ (Eine Duplik).

Die­sen inhaltschweren Satz haben Les­sing viele nach­ge­spro­chen. Die reine Wahr­heit sei nur für Gott, uns Men­schen sei nur der Trieb nach Wahr­heit überlassen, der aber immer nur zum Irr­tum führe. Was für eine trost­lose Welt­an­schau­ung! Dazu verurteilt zu sein, die ersehnte Wahrheit nie zu erreichen, stattdessen aber stets ihr Gegenteil zu erhalten. Eine Suche nach Wahr­heit, die stets zum Irr­tum führt, ist kein Anlaß zur Hoff­nung, son­dern zur Ver­zweif­lung. Eine Suche nach Wahr­heit, die immer in den Irr­tum führt, ist sinn­los. Man braucht sie über­haupt nicht zu begin­nen. Ohne das Fin­den der Wahr­heit ist eine Suche nach Wahr­heit zweck­los. Diese „aufgeklärte Weltanschauung“ hat neben ihrer Trostlosigkeit aber noch einen entscheidenden Makel: Sie ist falsch!

Gott, der die ewige Wahrheit ist, ist nicht grausam, sondern gütig. Er senkt in das Herz des Menschen kein Verlangen ein, das prinzipiell unerfüllbar bleibt. Er hält Seine Güter nicht zurück, sondern teilt sie großzügig mit – auch die geistigen Güter. Er will, daß die Menschen zur Wahrheit gelangen, ja sogar zur höchsten Wahrheit! Die Menschen sollen zu jener Wahrheit gelangen, die so unendlich groß ist, daß sie der kleine menschliche Verstand gar nicht fassen kann. Und der Weg, den Gott dem Menschen zur göttlichen Wahrheitserkenntnis gebahnt hat, das ist der Weg des übernatürlichen Glaubens an das, was Gott geoffenbart hat.

Wir haben zuletzt gesehen, daß alle Wahrheiten, die Gott den Menschen geoffenbart hat und die von uns geglaubt werden müssen, in Form zweier Offenbarungsquellen zu uns gelangt sind: durch die Heilige Schrift und durch die mündliche Überlieferung. Wie sind sie zu uns gelangt? Durch die Hand des vom Heiligen Geist geleiteten unfehlbaren Lehramtes der katholischen Kirche. Die Heilige Schrift und die mündliche Überlieferung sind die unverfälschten Quellen unseres Glaubens. Dabei ist die Heilige Schrift das geschriebene Wort Gottes. Und die Tradition beinhaltet das mündlich ergangene Wort Gottes. Was in der einen Quelle fehlt, das findet sich in der anderen. Was in der einen dunkel ist, das wird in der anderen aufgehellt. Sie erklären sich gegenseitig, bestätigen sich gegenseitig und bezeugen einander. Nichts von dem, was sie beinhalten, ist im Laufe der Zeit vermehrt oder vermindert oder verfälscht worden. Die Heilige Schrift und die mündliche Überlieferung gehören zusammen. Zusammen beinhalten sie den gesamten Schatz der göttlichen Wahrheit.

Vermögen die beiden Glaubensquellen in uns den übernatürlichen Glauben zu erzeugen?

Genügt nun allein schon die Tatsache, daß uns der Offenbarungsschatz von der katholischen Kirche zuverlässig überliefert wurde, um in uns den wahren Glauben zu erzeugen? Und nicht allein den wahren Glauben, sondern einen übernatürlichen Glauben? – Keineswegs genügt das!

Lassen wir für einen Augenblick die mündliche Überlieferung beiseite und nehmen wir nur die Heilige Schrift zur Hand. Denn in der Heiligen Schrift ist das Wort Gottes im Gegensatz zur mündlichen Überlieferung viel klarer und greifbarer enthalten. Folglich ist es für uns leichter, der Heiligen Schrift zu entnehmen, was Gott genau geoffenbart hat, als der mündlichen Überlieferung.

Entnehmen aber nun alle, welche die Heilige Schrift lesen, dem geschriebenen Wort Gottes exakt dieselben Wahrheiten? Glauben alle, welche die Heilige Schrift lesen, dasselbe? – Offensichtlich nicht. Stattdessen ist wahr, was der hl. Vinzenz von Lerin († 450) schon im 5. Jahrhundert schrieb: „Wegen ihrer Tiefgründigkeit fassen nicht alle die Heilige Schrift in ein und demselben Sinn auf, sondern die verschiedenen Menschen verstehen sie in verschiedener Weise, sodaß es den Anschein hat, es könnten aus ihr fast so viele Meinungen entnommen werden, wie es Menschen gibt.“ (Common. 2). – Auf die Schwierigkeit, das geschriebene Gotteswort im richtigen Sinn zu verstehen, weist sogar die Heilige Schrift selbst hin. So schreibt der hl. Apostel Petrus über den Inhalt der Briefe des hl. Paulus: „In ihnen ist manches schwer zu verstehen, was ungebildete und ungefestigte Leute, wie auch bei den übrigen Schriften [der Heiligen Schrift], zu ihrem eigenen Verderben verdrehen.“ (2. Petr. 3,16).

Der Protestantismus liefert das anschaulichste Beispiel für das Verdrehen der in der Heiligen Schrift enthaltenen Wahrheit. Alle Reformatoren glaubten ja fest, daß das, was in der Heiligen Schrift steht, das Wort Gottes ist. Nun enthält die Heilige Schrift bekanntlich den Satz, den unser göttlicher Erlöser beim letzten Abendmahl über das Brot gesprochen hat: „Das ist Mein Leib.“ (Mt. 26,26). – Was bedeutet dieser Satz? Welche Glaubenswahrheit ist in ihm ausgesagt? – Wir kennen die Bedeutung dieser Worte, welche die Christenheit von Anfang an festgehalten hat, nämlich daß durch diese Worte Christi das Brot wesenhaft in Seinen hl. Leib verwandelt wurde und nichts von der Substanz des Brotes zurückbleibt, sondern lediglich die äußere Erscheinung des Brotes. – Luther hingegen liest aus demselben Wort des Heilandes eine ganz andere Bedeutung heraus und behauptet: „Das Brot ent­hält den Leib Christi.“ Zu glauben sei also: Das Brot bleibt da, aber durch den Glauben an diese Worte verbinde sich der Leib Christi mit dem Brote. Es müsse also an die „Brotwerdung des Leibes Christi“ geglaubt werden. – Cal­vin widerspricht Luther scharf, denn er versteht es so, daß durch diese Worte des Heilandes lediglich die Kraft des Leibes Christi auf das Brot übergehen würde. Man müsse also glauben „Das ist Mein Leib“, bedeute „Das ist Kraft von mei­nem Leib“. Zwingli widerspricht sowohl Luther als auch Calvin und entnimmt denselben Worten der Heiligen Schrift wieder einen anderen Sinn. Er behauptet, die Worte des Heilandes seien nur im symbolischen Sinne richtig zu verstehen. Das Brot verändere sich in Wirklichkeit rein gar nicht. Weder werde der Leib Christi zu Brot, noch gehe die Kraft des Leibes Christi auf das Brot über. Es bliebe ganz gewöhnliches Brot. Einzig die Bedeutung des Brotes in unserem Denken (!) ändere sich. Denn jetzt bedeutete dieses Brot für uns den Leib Christi. Dieses Beispiel bestätigt das Wort des hl. Vinzenz: „Die verschiedenen Menschen verstehen sie [die Heilige Schrift] in verschiedener Weise, sodaß es den Anschein hat, es könnten aus ihr fast so viele Meinungen entnommen werden, wie es Menschen gibt.“

Das bedeutet aber, daß die Heilige Schrift aus sich selbst nicht die hinreichende Kraft hat, um den Glauben des einzelnen eindeutig zu bestimmen. Wenn nun aber die Glaubenswahrheit von der Wesensverwandlung des Brotes in den Leib Christi, die doch schwarz auf weiß in der Heiligen Schrift geschrieben steht, schon nicht von jedermann eindeutig erfaßt werden kann, um wieviel weniger wird das der Fall sein bei jenen Wahrheiten, die noch viel weniger deutlich in der mündlichen Überlieferung greifbar sind! Kurz: Weder die Heilige Schrift und noch viel weniger die Tradition haben aus sich selbst die Kraft, den Glauben des Einzelnen konkret zu bestimmen.

Aber selbst wenn jeder Mensch aus der Heiligen Schrift dieselben Wahrheiten herauslesen würde und selbst wenn alle sich darüber einig wären, welche Lehren von Christus und den Aposteln bloß mündlich ergangen sind, so wäre ein solcher Glaube doch noch kein übernatürlicher Glaube. Warum? Weil jeder Mensch die in den Glaubensquellen enthaltenen Wahrheiten nur für wahr halten könnte, weil es ihm selber so dünkt. Sie könnten die in der Heiligen Schrift und in der mündlichen Überlieferung enthaltenen Wahrheiten nur für wahr halten, weil es ihnen ihr eigener Verstand, weil es ihnen die Autorität ihres privaten Urteils so sagt. Der Glaube würde nur vom eigenen Verstand erzeugt, hätte eine rein natürliche Ursache und bliebe damit ein rein natürlicher Glaube. – Das ist es ja, was alle Protestanten und überhaupt alle Irrlehrer gemeinsam haben: Sie halten eine Lehre für wahr – auch Lehren, die mit dem katholischen Bekenntnis vollkommen übereinstimmen –, aber sie halten sie nur für wahr aufgrund der Autorität eines rein menschlichen Privaturteils.

Für einen übernatürlichen Glaubensakt ist es aber erforderlich, daß wir eine Lehre für wahr halten, weil Gott es so gesagt hat! Unser Glaube muß von außen und von einer übernatürlichen Autorität bestimmt werden. Zu den in der Heiligen Schrift und in der mündlichen Überlieferung enthaltenen Offenbarungswahrheiten muß also noch ein wesentliches Element hinzutreten, um in uns den übernatürlichen Glauben zu erzeugen. Und dieses Element ist die Autorität Gottes selbst, die uns dazu veranlaßt, das in der Heiligen Schrift und in der mündlichen Überlieferung enthaltene Wort Gottes in einem bestimmten, von Gott vorgegebenen Sinn für wahr zu halten.

Gewiß, sowohl der Heiligen Schrift als auch der mündlichen Überlieferung wohnt bereits göttliche Autorität inne. Sie beinhalten alle von uns zu glaubenden Wahrheiten. Aber die in ihnen enthaltene Prägekraft reicht, wie wir am Beispiel der Wandlungsworte gesehen haben, nicht aus, um unseren Glauben eindeutig zu bestimmen. Jeder, der seinen Glauben unmittelbar aus den beiden Glaubensquellen schöpfen wollte, könnte das nur in der Kraft seiner natürlichen Vernunft, nur kraft seines privaten Urteils tun. Deshalb wäre dieser Glaube dann – wie gesagt – auch nur rein menschlich und natürlich; aber kein übernatürlicher Glaube.

Wir halten also fest: Beide Offenbarungsquellen sind durchaus eine Norm für unseren Glauben, aber – aufgrund ihrer Mehrdeutigkeit und Unbestimmtheit – sind sie doch nur die entfernte Norm, die entfernte Glaubensregel. Die in den Glaubensquellen enthaltenen Wahrheiten bedürfen einer noch genaueren Bestimmung.

Das kirchliche Lehramt als nächste Glaubensregel

Gott selbst hat nun dafür Sorge getragen, daß Sein an die Menschheit ergangenes Wort nicht dem Wind der Beliebigkeit und dem privaten Urteil des Einzelnen überlassen bleibt. Dazu hat Er in dem Lehramt der katholischen Kirche eine Instanz eingesetzt, die nicht bloß dazu autorisiert und befähigt ist, uns den gesamten Offenbarungsschatz in Form der Heiligen Schrift und der mündlichen Überlieferung unverfälscht zu überliefern. Nein, Gott hat dem Lehramt der katholischen Kirche auch die Vollmacht übertragen, uns die in den beiden Offenbarungsquellen enthaltenen Wahrheiten in jenem konkreten Sinn vorzustellen und zu glauben vorzuschreiben, in welchem Gott es wünscht, daß wir sie glauben sollen.

a) Die Ausstattung des kirchlichen Lehramtes: göttliche Autorität & Unfehlbarkeit

Christus sprach zu den Aposteln, bevor Er diese Erde verließ: „Gehet hin in die ganze Welt und predigt das Evangelium allen Geschöpfen. Wer glaubt und sich taufen läßt, der wird gerettet werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt.“ (Mk. 16,15 f.).

Mit diesen Worten hat der Herr ein lebendiges Lehramt eingesetzt und die Apostel zu kirchlichen Lehrern bestimmt, wobei ihre Lehrvorlage einen zwingenden Gesetzescharakter erhalten hat. Denn die gehorsame Annahme ihrer Lehre wird belohnt – „der wird gerettet werden“ –, während die Verachtung derselben schwere Strafen nach sich zieht – „der wird verdammt“. – Weil das Evangelium, d. h. die göttliche Glaubens- und Sittenlehre, aber „bis ans Ende der Welt“ (Mt. 28,20) gepredigt werden muß, so hat Christus mit diesen Worten auch bestimmt, daß göttliche Autorität des apostolischen Lehramtes – „Wer euch hört, der hört mich“ (Lk. 10,16) – auch auf die Nachfolger der Apostel – d. h. auf den regierenden Papst und die sich mit ihm im Verein befindlichen Bischöfe – übergehen. Die Lehrverkündigung der Apostel und ihrer Nachfolger ist also nicht bloß eine Bekanntmachung der göttlichen Offenbarung, sondern gleichzeitig auch ein andauernder, gebieterischer Anspruch im Namen Gottes, der unsere Glaubenszustimmung unter Androhung der ewigen Verdammnis einfordert.

Weil das ewige Heil des Einzelnen mit der Annahme dieser Predigt unmittelbar verbunden ist, muß die Autorität des kirchlichen Lehramtes auch eine mit der Gabe der Unfehlbarkeit ausgestattete sein. Denn Christus kann unmöglich die Menschen unter Androhung der ewigen Verdammnis dazu verpflichten wollen, eine womöglich falsche oder zweifelhafte Lehre zu glauben. Deshalb hat Christus den Aposteln und ihren Nachfolgern als Lehrern der Kirche den Beistand des Heiligen Geistes versprochen: „Ich will den Vater bitten, und Er wird euch einen anderen Tröster geben, damit Er in Ewigkeit [!] bei euch bleibe, den Geist der Wahrheit … Wenn aber jener Geist der Wahrheit kommt, so wird Er euch alle Wahrheit lehren.“ (Joh. 14,16 f.; 16,13).

Die Gabe der Unfehlbarkeit, mit der das kirchliche Lehramt ausgestattet ist, vermehrt nochmals seine Autorität, weil durch den göttlichen Beistand, den der Lehrkörper der katholischen Kirche genießt, „in Ewigkeit“ jeder vernünftige Zweifel ausgeschlossen ist, es könne von diesem Lehramt ein Irrtum oder etwas Sündhaftes zur Annahme auferlegt werden. Weil die Autorität des kirchlichen Lehramtes unfehlbar ist, wird die Kirche schon vom hl. Paulus „die Säule und Grundfeste der Wahrheit“ (1. Tim. 3,15) genannt.

b) Die Träger des kirchlichen Lehramtes: der Papst und die mit ihm vereinten Bischöfe

Die Träger dieses unfehlbaren Lehramtes sind – wir wiederholen es der Vollständigkeit halber – der Papst alleine, wenn er als oberster Lehrer und Gesetzgeber der Kirche spricht; sodann die Gesamtheit der Bischöfe im Verein mit dem Papst, mögen sie auf einem Konzil als Lehrer und Richter des Glaubens versammelt oder in ihren Diözesen über den Erdkreis zerstreut, einmütig eine Lehre des Glaubens oder der Sitten verkünden. Die Ausübung des unfehlbaren Lehramtes geschieht entweder auf feierliche Weise durch die Verkündigung eines Dogmas oder durch die allgemeine Ausübung des ordentlichen Predigtamtes.

Die Unfehlbarkeit der in feierlicher Weise verkündeten Lehren ist dadurch zu erkennen, daß unter Aufbietung der höchsten apostolischen Autorität für alle Katholiken eine Lehre verbindlich zu glauben bzw. ein Irrtum zu verwerfen vorgeschrieben wird. Hingegen ist die Unfehlbarkeit jener Lehren, die lediglich durch das ordentliche Lehramt vorgetragen werden, durch die Allgemeinheit des Vortrags einer Lehre gegeben; also durch den allgemeinen Lehrkonsens des Papstes und der sich mit ihm im Verein befindlichen Bischöfe auf der ganzen Welt in ihrer tagtäglichen Predigttätigkeit. So war etwa die Lehre von der leiblichen Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel schon vor der feierlichen Dogmatisierung 1950 ein unfehlbarer Glaubenssatz, weil er schon zuvor überall auf der Welt vom Papst und allen katholischen Bischöfen gelehrt wurde. Gleiches trifft auf die Lehre von den Schutzengeln zu. Diese wurde noch von keinem Papst oder Konzil feierlich definiert. Nichtsdestotrotz ist sie Dogma, weil sie in jedem katholischen Katechismus, dem universalen bzw. lokalen Lehrbuch für die tagtägliche Predigttätigkeit der Kirche, enthalten ist.

Denn wenn alle Bischöfe des Erdkreises zusammen mit dem Papst in ihrer tagtäglichen Predigttätigkeit etwas als geoffenbarte Lehre hinstellen könnten, was in Wirklichkeit ein Irrtum ist, dann wäre die Unfehlbarkeit des gesamten kirchlichen Lehramtes genauso kompromittiert wie wenn der Papst einen Irrtum dogmatisieren würde. Beides ist ausgeschlossen! Wenn es also ausgeschlossen ist, daß der Papst einen Irrtum dogmatisieren kann, dann ist es auch ausgeschlossen, daß alle Bischöfe der Welt gleichzeitig und im Einvernehmen, unter stillschweigender Duldung des Papstes oder sogar im Verein mit ihm, etwas Häretisches oder Irriges lehren oder etwas zu tun empfehlen oder erlauben, das in Wirklichkeit Sünde ist. Denn beides würde die Unfehlbarkeit des gesamten kirchlichen Lehrkörpers kompromittieren.

Genau aus dieser Tatsache ist im Übrigen klar ersichtlich, daß das Lehramt jener „Päpste“ und der mit ihnen im Verein lehrenden „Bischöfe“ der „konziliaren Kirche“ nicht die Träger des Lehramtes der katholischen Kirche sind und sein können. Man sagt ja immer, um die Irrlehren des 2. Vatikanums zu entschuldigen, es handle sich dabei ja nicht um Dogmen. – Wir müssen aber zur Kenntnis nehmen, daß heute überall auf der Welt die Lehren des 2. Vatikanums – z. B. die Irrlehren des Ökumenismus, der Religionsfreiheit etc. inklusive – sowohl vom „Papst“ als auch von jedem „Diözesanbischof“ der Konzilskirche vertreten werden. Damit wäre jedoch auch für die Häresien des Ökumenismus (verworfen durch Papst Pius XI.) und der Religionsfreiheit (verworfen durch Papst Pius IX.) etc. das Kriterium des allgemeinen Lehrkonsenses des kirchlichen Lehrkörpers gegeben und damit deren unfehlbare Irrtumslosigkeit garantiert. Weil das konziliare Lehramt überall auf der Welt einvernehmlich wenigstens zwei Häresien vertritt, ist dessen Unfehlbarkeit offensichtlich kompromittiert. Weil das aber durch die göttliche Verfassung des unfehlbaren katholischen Lehramtes ausgeschlossen ist, ist allein schon durch diese Tatsache bewiesen, daß das „Lehramt“ der „konziliaren Kirche“ nicht das Lehramt der katholischen Kirche ist, und folglich auch der Glaube der „konziliaren Kirche“ nicht der katholische Glaube sein kann!

Gegen die Unfehlbarkeit der lehrenden Kirche wendet man oft ein, der Papst und die Bischöfe seien ja bloße Menschen; und alle Menschen könnten irren. Wir antworten: Gewiß können alle Menschen an sich irren. Aber Gott kann auch Menschen vor Irrtum bewahren. Und Er kann das, wann und wie Er will. Gott hält auch, was Er verspricht. Weil Er aber versprochen hat, die Lehrer der katholischen Kirche vor Irrtum zu bewahren, deshalb tut Er es auch.

c) Der Gegenstand des unfehlbaren Lehramtes

Auf welchen Gegenstand erstreckt sich diese Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes? Zuerst und primär auf alle geoffenbarten Glaubens- und Sittenlehren. Darüber hinaus erstreckt sich die Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes aber auch auf alles, was zur Offenbarungslehre in enger Beziehung steht; also auf alles, was zur Bewahrung, zur Erklärung, zur Verteidigung derselben vorausgesetzt und notwendig ist bzw. was für die Sicherstellung des Heiles der Seelen erforderlich ist.

Im Einzelnen kann die Kirche über folgende Gegenstände unfehlbar urteilen: Erstens über die unmittelbar in der Heiligen Schrift und in der mündlichen Überlieferung geoffenbarten Wahrheiten selbst, die eben durch die Entscheidung der Kirche zu unabänderlichen Dogmen werden. – Dann zweitens über alle mittelbar geoffenbarten Wahrheiten. Das sind jene Dogmen, die nicht ausdrücklich in den Offenbarungsquellen ausgesagt sind, sich aber durch theologische Schlußfolgerung aus einzelnen geoffenbarten Wahrheiten ergeben. So schließt die Kirche beispielsweise aus der geoffenbarten Tatsache, daß Jesus Christus nur Männer zu Aposteln auserwählt hat, daß ausschließlich Männer das hl. Weihesakrament gültig empfangen können. – Drittens urteilt das kirchliche Lehramt unfehlbar über die sog. „dogmatischen Tatsachen“. Darunter versteht man Tatsachen, die nicht geoffenbart sind, aber so eng mit dem Dogma in Verbindung stehen, daß dieses nicht zweifellos festgehalten und wirksam verteidigt werden könnte, wenn nicht bestimmte Tatsachen als Voraussetzung feststünden. Darunter fällt etwa die Rechtmäßigkeit eines bestimmten Papstes. Wenn beispielsweise nicht sicher feststünde, daß Pius IX. tatsächlich Papst gewesen ist, dann wäre damit auch das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Mariens in Zweifel gezogen. Ferner fallen darunter auch die Urteile des Lehramtes, ob in einem bestimmten Buch häretische Lehren enthalten sind, unabhängig davon, ob der Autor das dementiert. – Viertens ist das katholische Lehramt unfehlbar in der Festsetzung theologischer Gewißheitsgrade und Zensuren.  – Fünftens urteilt die Kirche unfehlbar auch über bloße natürliche Vernunftwahrheiten (die kirchliche Unfehlbarkeit erstreckt sich also auch auf Teile der Philosophie), die mit Glaubenswahrheiten eng zusammenhängen, selbst aber nicht geoffenbart sind. So müssen etwa die Grundsätze des Seins, der menschlichen Wahrheitserkenntnis und die Prinzipien der Logik als Voraussetzung für jede theologische Wahrheitserkenntnis unfehlbar gesichert sein. – Sechstens erstreckt sich die Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes auf die Einsetzung der liturgischen Riten. Die Kirche kann also keine in sich schlechten, sündhaften, nur zweifelhaft gültigen oder gar sicher ungültigen Riten für die hl. Messe und für die Sakramentenspendung vorschreiben. – Siebtens ist das kirchliche Lehramt unfehlbar in seinen Urteilen bei Heiligsprechungen. Es würde nämlich die Heiligkeit der Kirche, ihrer Sittenlehre und ihres Gottesdienstes kompromittieren, wenn es möglich wäre, daß in Wirklichkeit ein heuchlerisch oder offen unsittlich lebender Mensch, der vielleicht sogar von Gott verdammt wurde, zur Ehre der Altäre erhoben werden könnte. Es muß unfehlbar sichergestellt sein, daß die Heiligen wirklich ehrenwerte Freunde Gottes und Vorbilder des christlichen Lebens sind, deren Nachahmung unfehlbar in den Himmel führt (was übrigens bei etlichen unheiligen „Heiligen“ der Konzilskirche offensichtlich nicht der Fall ist). – Achtens ist die kirchliche Unfehlbarkeit aufgerufen bei der Approbation der Ordensregeln. Damit wird sichergestellt, daß die jeweilige Ordensregel nichts mit der göttlichen Offenbarung im Widerspruch Stehendes enthält oder fordert, sowie daß die Beobachtung derselben geeignet ist, um zur christlichen Vollkommenheit und letztlich in den Himmel zu gelangen. – Schließlich ist die Kirche – neuntens – auch unfehlbar in ihren für die Allgemeinheit der Katholiken erlassenen gesetzlichen Vorschriften und Anordnungen. Diese an sich wandelbaren Vorschriften der kirchlichen Disziplin können nichts Sündhaftes oder dem Seelenheil Abträgliches fordern oder gestatten.

Schließlich sei noch hinzugefügt, daß auch jenen Entscheidungen, Verkündigungen und Anordnungen des kirchlichen Lehramtes, die keine Unfehlbarkeit für sich beanspruchen, sofern es sich dabei um kirchliche Angelegenheiten handelt, zwar keinen übernatürlichen Glauben, aber doch eine wahre innere Zustimmung einfordern, die über das bloße Stillschweigen – also über die Zurückhaltung der Kritik allein im Inneren – hinausgeht. Der Katholik muß sich auch innerlich diesen Lehren angleichen, gemäß der Sentenz: „Roma locuta, causa finita.“ – „Rom hat gesprochen. Also ist die Angelegenheit entschieden.“

Für uns sind im Folgenden lediglich die Gegenstände relevant, welche die geoffenbarte Glaubens- und Sittenlehre betreffen.

d) Der Zweck des unfehlbaren kirchlichen Lehramtes: die Erzeugung des übernatürlichen Glaubens

Durch die Autorität des so ausgestatteten kirchlichen Lehramtes konnten durch alle Jahrhunderte hindurch die in der Heiligen Schrift und der Tradition ausdrücklich und einschlußweise enthaltenen göttlichen Wahrheiten in ihrer ganzen Reinheit und Fülle als klares Glaubensgesetz geltend gemacht werden, sodaß alle Glieder der katholischen Kirche zum einträchtigen Festhalten derselben in eben dem vom kirchlichen Lehramt eindeutig festgesetzten Sinn verpflichtet sind.

So ist die autoritative Vorlage der göttlichen Wahrheit durch die lehrende Kirche die nächste und unmittelbare Glaubensnorm für alle Katholiken. Durch die Autorität des Lehramtes erhält die in der Heiligen Schrift und der mündlichen Überlieferung vorliegende entfernte Glaubensregel, die jedoch aufgrund ihrer Mehrdeutigkeit und Interpretationsbedürftigkeit zu unbestimmt ist, ihre eindeutige unmittelbare Prägekraft, die imstande ist, alle Katholiken im Glauben und Denken so zu einen, daß das Wort des Völkerapostels reale Wirklichkeit wird: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alles und in uns allen.“ (Eph. 4,5 f.). „Ein Herr!“ D. h. eine Autorität, die im Namen Gottes spricht und der alle im Gehorsam unterworfen sind und folglich die Glaubenseinheit herstellt: „Ein Glaube!“

Sodann ist dieser, durch die autoritative Vorlage der Glaubenswahrheiten durch das unfehlbare Lehramt der katholischen Kirche erzeugte Glaube auch wirklich ein übernatürlicher Glaube! – Zunächst erkennen wir die Kirche freilich erst einmal nur als geschichtliche, von Jesus Christus, dem Gottmenschen, gestiftete Einrichtung. Das ist noch kein Glaubensakt, sondern eine rein natürliche Erkenntnis. Dann erkennen wir – wiederum rein geschichtlich –, daß Christus, der Gottmensch, der katholischen Kirche die Unfehlbarkeit gegeben und ihr speziell auch die Gabe verliehen hat, immer mit Sicherheit zu entscheiden, ob eine Wahrheit offenbart ist oder nicht. Dieser Glaube an die Unfehlbarkeit der Kirche ist nun ein Akt göttlichen Glaubens; denn wir halten die Unfehlbarkeit der Kirche für wahr, weil Christus als Gott sie geoffenbart hat! Von diesem Punkt aus ist uns dann der fundamentale Glaubenssatz von der Unfehlbarkeit der Kirche der Schlüssel für die sichere Erkenntnis aller anderen Glaubenswahrheiten.

Wir sehen also, wie wichtig der Glaube an die Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes für unseren Glauben ist. Zum einen garantiert uns die Unfehlbarkeit des katholischen Lehramtes im Namen Gottes die Zuverlässigkeit der Glaubensquellen. Also daß alle vom Heiligen Geist inspirierten Bücher und nur diese in der Heiligen Schrift enthalten sind und alle von Gott bloß mündlich ergangenen Lehren vollständig und unverfälscht bis in unsere heutige Zeit gelangt sind. Zum anderen garantiert es uns, im Namen Gottes, das richtige Verständnis und den wahren Sinn der in den Glaubensquellen enthaltenen Wahrheiten und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Ohne den Glauben an das unfehlbare Lehramt der katholischen Kirche wäre unser Glaube ein rein natürlicher Glaube, der in der Bestimmung sowohl der Glaubensquellen als auch der in ihnen enthaltenen Lehren und deren konkretem Sinn seinem privaten Urteil überlassen bliebe; ganz ohne Gehorsam und damit außerstande, ein ewiges Verdienst zu begründen. In diesem Sinne gilt das Wort des hl. Cyprian: „Niemand kann Gott zum Vater haben, der die Kirche nicht zur Mutter hat.“ (de cath. Eccl. unit., cap. 6).

In der gegenwärtigen von Gott – dem Vater – festgesetzten Ordnung ist das Lehramt der katholischen Kirche – der Mutter aller Gläubigen – das ordentliche Mittel, um den übernatürlichen Glauben in den Menschen zu erzeugen. In der autoritativen Glaubensverkündigung der Kirche schallt das Wort Gottes durch alle Jahrhunderte weiter. Durch den Anschluß an die von Mutterkirche erlassene „nächste Glaubensregel“ wird unser Glaube zum kindlichen Gehorsam gegen Gott und so zu einem verdienstlichen Werk für die Ewigkeit.

e) Der Irrweg der Protestanten und der heutigen Traditionalisten

Die Protestanten im Gefolge Luthers weichen zu ihrem eigenen Verderben von dieser Glaubensregel ab. Sie erheben die Heilige Schrift zu der einzigen Norm ihres Glaubens und führen die Heilige Schrift in ihrer privaten Deutung als Waffe gegen das katholische Lehramt an, um ihm angebliche Abweichungen vom Evangelium und Untreue gegen das „ursprüngliche Christentum“ vorzuhalten. Gleiches tun die Lefebvristen und Traditionalisten mit der anderen Offenbarungsquelle – der Tradition –, die sie nach ihrem privaten Urteil als Maßstab verwenden wollen, um die autoritative Lehrvorlage des katholischen Lehramtes auf deren Rechtgläubigkeit zu prüfen und ggf. zu verwerfen, wenn nach ihrer privaten Meinung ein „Bruch mit der Tradition“ gegeben ist. Beides ist häretisch!

Der hl. Papst Pius X. belehrt sowohl die Protestanten wie die Traditionalisten: „Das erste und bedeutsamste Kriterium des Glaubens, die oberste und unerschütterliche Richtschnur der Rechtgläubigkeit, ist der Gehorsam gegenüber dem immerzu lebendigen und unfehlbaren Lehramt der Kirche, die von Christus als ‚Säule und Grundfeste der Wahrheit’ eingerichtet wurde.“

Die Heilige Schrift und die Tradition wurden von Gott nicht dem Einzelnen übergeben, sondern der Kirche – konkret: den kirchlichen Lehrern – anvertraut, damit sie ihren Sinn dem gläubigen Volk erschließen. Die Lehrer der katholischen Kirche allein sind also die „Hüter der Heiligen Schrift“ und die „Hüter der Tradition“ (custodes traditionis). Beide Offenbarungsquellen sind dem kirchlichen Lehramt unterworfen und hängen von ihm in ihrer Autorität ab.

Um also zu wissen, was Gott geoffenbart hat, muß zunächst das lebendige Lehramt der katholischen Kirche befragt werden – nicht die Heilige Schrift und nicht die Tradition. Dieses allein ist die nächste, unmittelbare Glaubensnorm, die allen, auch dem Ungebildeten, leicht zugänglich ist, während das Forschen in der Heiligen Schrift und in der Tradition eine gewisse theologische Schulung und Bildung voraussetzt, die den meisten Menschen fehlt bzw. verschlossen bleibt.

Die Glaubensregel in der hirtenlosen Kirche

Seit dem Tod Papst Pius’ XII. vor nun schon 68 Jahren hat die katholische Kirche keinen regierenden Papst mehr. Und seit die katholischen Bischöfe spätestens am Ende des 2. Vatikanums durch die Annahme der häretischen Konzilsbeschlüsse praktisch ausnahmslos in die just gegründete „konziliare Kirche“ übergelaufen und von der katholischen Kirche abgefallen sind, leben die Katholiken seither in einer hirtenlosen Kirche und damit ohne ein lebendiges Lehramt.

Ja, aber es gibt doch noch katholische Bischöfe, die „sedisvakantistischen Bischöfe“, oder? Das ist zwar richtig, aber diese haben bei ihrer Bischofsweihe lediglich die bischöfliche Weihegewalt, nicht aber das Hirtenamt empfangen. Denn das Hirtenamt wird nicht durch die Bischofsweihe übertragen, sondern durch den Papst. Weil die „sedisvakantistischen“ Bischöfe aber keine Hirten der Kirche sind, so sind sie auch keine Lehrer der katholischen Kirche, denn das ordentliche Lehramt ist an das Hirtenamt geknüpft. Ein Bischof wird erst durch die Berufung auf den Bischofsstuhl einer Diözese durch den Papst zu einem Teil des kirchlichen Lehrkörpers. Das konnte jedoch seit dem Tod Pius XII. nicht mehr geschehen.

Kurz: Derzeit gibt es kein lebendiges Lehramt. Erst der nächste Papst kann die vakanten Bischofsstühle wieder besetzen und damit die lehrende Kirche wieder vollumfänglich lebendig machen.

Solange sind wir in einer für unseren Glauben sehr schwierigen und gefährlichen Lage! Insbesondere weil eine solche Situation in diesem Ausmaß noch nie dagewesen ist. Die Frage, die es zu beantworten gilt, lautet also: Wo finden wir heute, ohne das lebendige Lehramt der Kirche, die nächste Norm für unseren Glauben?

Jeder Katholik war und ist vor dieses Problem gestellt. Und leider haben sich viele bei ihrer Problemlösung auf den Holzweg eines „Ersatzlehramtes“ begeben und lassen ihren Glauben von einer Norm bestimmen, die weder die Autorität noch die Unfehlbarkeit von Gott besitzt. Es seien nur schlaglichtartig einige Gruppen grob skizziert.

a) Der Fallstrick der ungeprüften Privatoffenbarungen

Da ist zuerst die Gruppe der „Apparitionisten“. Darunter versteht man jene meist sehr frommen Menschen, die nach dem Ausfall des lebendigen Lehramtes eher instinktiv als überlegt ihren Glauben an die vielen vom katholischen Lehramt ungeprüften oder sogar verworfenen Privatoffenbarungen ausgerichtet haben.

Diese Menschen meinen, der Seher stehe ja unmittelbar mit Gott in Kontakt. Gott spreche zu der Person des Sehers. Ja, Gott spreche durch diese begnadete Person zu uns. Deshalb müssen wir glauben und befolgen, was diese Person uns sagt. Für sie sind die von „Maria Divine Mercy“ im sog. „Buch der Wahrheit“ zusammengefaßten „Botschaften“, die Aussagen der „Seher von Medjugorje“, der sog. „Göttinger Sühneseele“ Anne Mewis, des sog. „Schwertbischofs“ Niklaus Schneider oder sonst irgendeines Sehers die scheinbar unfehlbare Glaubensnorm, weil diese ja einen direkten Draht zu Gott haben. Doch das ist ein Trugschluß!

Die Kirche lehrt uns nämlich das, was die Praxis schon oft bewiesen hat: Begnadete Seelen können sehr wohl irren und können, gerade wenn sie von sich selbst eingenommen sind und zum Selbstdarstellertum neigen, andere in die Irre führen. Deswegen ermahnte der hl. Paulus im Römerbrief diejenigen, denen die Gnadengabe der Weissagung zuteilgeworden ist: „Ist es die Gabe der Weissagung, so werde sie gebraucht nach der Richtschnur des Glaubens.“ (Röm. 12,6). Die Weissagung ist also nicht schon aus sich selbst unfehlbar, sondern muß stets in Übereinstimmung mit der Richtschnur des katholischen Lehramtes interpretiert werden. D. h. aber auch, daß diejenigen, denen sich Gott offenbart, ihre Gabe auch gegen die Richtschnur des Glaubens gebrauchen können. Und viele tun es auch! Der Heiland selbst sagt: „Viele werden an jenem Tage [des Weltgerichtes] zu Mir sagen: ‚Herr, Herr! Haben wir nicht in deinem Namen geweissagt und in deinem Namen Teufel ausgetrieben und in deinem Namen viele Wunder getan?’ Alsdann werde Ich ihnen kundtun: ‚Niemals habe Ich euch gekannt! Weichet von Mir hinweg, ihr Übeltäter!’“ (Mt. 7,22 f.).

Wir können ohne die Prüfung und das Urteil des allein zuständigen kirchlichen Lehramtes nicht sicher sagen, ob eine Privatoffenbarung von Gott stammt oder ob es sich um eine dämonische Täuschung oder um einen menschlichen Betrug handelt. Das kann erst die Prüfung durch den zuständigen Ortsbischof bzw. durch den Papst sichergestellt werden. Eines können wir aber mit Sicherheit über die vorhin genannten Personen sagen, nämlich daß sie ihre vorgetäuschte oder echte Weissagungsgabe entgegen der Richtschnur des Glaubens gebrauchen! Denn bei allen von ihnen finden sich häretische Lehren und abwegige Praktiken sowie eine starke Tendenz zum Sektierertum. Wer den Lehren dieser Personen folgt, der folgt ihnen in den Abgrund des Unglaubens. Vergessen wir nicht: Keiner ist vor Irrtum gefeit, nicht einmal eine noch so heilige und begnadete Person, sondern nur das unfehlbare Lehramt der Kirche!

b) Der Fallstrick des Personenkultes

Eine andere Gruppe verfällt zwar nicht dem Glauben an zweifelhafte Erscheinungen und Botschaften, aber sie verfällt durch die Anhänglichkeit an eine bestimmte Bewegung, an einen bestimmten Bischof, an einen bestimmten Priester oder an einen bestimmten Theologen dem Personenkult.

Manche Menschen sind auf der Suche nach kirchlichen Ersatzstrukturen. Sie suchen nach einem Führer, der sie sicher leitet, der ihnen zuverlässig Auskunft über Glaubensfragen gibt. Dabei gehen sie aber bisweilen so weit, daß sie nur noch das annehmen, was diese bestimmte Gemeinschaft vertritt, was dieser bestimmte Bischof, dieser bestimmte Priester oder Theologe sagt, und eben deren Wort zu ihrer nächsten Glaubensnorm machen. Blinde Glaubensgefolgschaft kann, wie am deutlichsten das Beispiel der armen Lefebvristen zeigt, zu Schisma und Sektierertum führen, letztlich sogar zum Verlust des übernatürlichen Glaubens und zur Zerstörung jeder kirchlichen Gesinnung. In jedem Falle aber führt der Personenkult zu Grüppchenbildung und Parteiungen unter denen, die an sich Katholiken sein wollen. Und wenn dann noch Meinungsverschiedenheiten dazukommen, dann führt der Personenkult zu Parteikämpfen und Spaltungen, wie es der hl. Paulus schon den Korinthern vorwarf, indem er schrieb: „Es ist mir nämlich über euch … zu Ohren gekommen, daß Streitigkeiten unter euch sind. Ich meine aber dies, daß ein jeder von euch sagt: ‚Ich gehöre zu Paulus’, ‚Ich zu Apollo’, ‚Ich hinwieder zu Kephas’, ‚Ich aber bin Christi’. Ist Christus denn geteilt?“ (1. Kor. 1,11 f.). Und als verderbliche Ursache dieser spalterischen Zwistigkeiten und Parteikämpfe benennt der hl. Paulus die rein menschliche Anhänglichkeit und ihre fleischliche Gesinnung der Korinther: „Da unter euch Eifersucht herrscht und Streit, seid ihr da nicht fleischlich und wandelt nach menschlicher Weise [d. h. nach dem Urteil rein menschlicher Maßstäbe]? Denn wenn einer sagt: ‚Ich bin des Paulus’, der andere aber: ‚Ich des Apollo’, seid ihr da nicht Menschen? Was ist denn Apollo? Oder was ist Paulus? Diener dessen, an den ihr gläubig geworden seid [d. h. dem Amte nach gleich], und jeder so, wie es der Herr ihm gegeben hat. Ich habe gepflanzt, Apollo hat begossen, aber Gott hat das Gedeihen gegeben. Daher ist weder der etwas, welcher pflanzt, noch der, welcher begießt, sondern der das Gedeihen gibt, Gott.“ (1. Kor. 3,3 ff.). Würden doch auch wir diese Worte beherzigen. Dann würden wir einträchtiger im katholischen Bekenntnis verharren, als uns aufgrund von übertriebener Anhänglichkeit an bestimmte Personen zu zerstreiten. Dann würden die Gemeinschaften untereinander trotz aller legitimen Meinungsverschiedenheiten einander nicht „ihre Gläubigen“ streitig machen und von „unseren Gläubigen“ sprechen, als wären sie eine gottunmittelbare „Ersatzkirche“. Dann würde der Bischof, der Priester oder Theologe zu verhindern suchen, daß sich die Gläubigen mehr an seine Person statt an die von ihm in Übereinstimmung mit dem katholischen Lehramt vorgetragene Lehre klammern. Er würde sich auf keine Eigenheiten im Gottesdienst und erst recht nicht auf Vertraulichkeiten einlassen. Und dann würden auch die Gläubigen nicht vergessen: Ich darf nicht dem Personenkult verfallen. Denn keiner ist vor Irrtum gefeit, auch nicht die weltweit personenstärkste Gemeinschaft, nicht der gelehrteste Theologe, nicht der gebildetste Priester und auch nicht der heiligmäßigste Bischof. Allein das kirchliche Lehramt ist unfehlbar, sonst niemand.

c) Der Fallstrick der stolzen Eigenmächtigkeit und Anmaßung

Eine letzte Gruppe baut weder auf übernatürliche Phänomene noch auf herausragende Einzelpersonen und deren Gemeinschaft, sondern auf den eigenen Verstand. Die Erkenntnis der hirtenlosen Kirche treibt sie an, selber die Ärmel hochzukrempeln, frei nach dem Motto: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“

Als theologische Laien greifen sie ganz selbstbewußt zu den Lehrbüchern der Theologie oder zum Kirchenrechtsbuch, erstellen „theologische“ Traktate, fachsimpeln mit Menschen ihres Schlages über kontroverse und schwierigste Themen, als könne jeder, der lesen kann, in diesen Angelegenheiten schon eine sichere Meinung vertreten. Sie verstricken sich auf Internetforen in heftige Diskussionen, um sich wie in einem Wettstreit auf dem Sportplatz vor den anderen zu behaupten; und reagieren höchst ungehalten, wenn man ihnen die Kompetenz abspricht, in diesen Angelegenheiten mitzureden. Hier geht es nicht mehr um die Liebe zur Wahrheit, sondern um die Eigenliebe, die sich profilieren will. Es geht vorrangig um das eigene Ego. – Wieder andere versuchen, ihr aus den Lehrbüchern der Theologie und dem Kirchenrechtsbuch angelesenes Halbwissen dazu einzusetzen, um die wenigen verbliebenen Priester auf die Probe zu stellen, als seien sie Mitglied des Prüfungsausschusses eines Priesterseminars. Wer ihre Prüfung nicht besteht, dessen Ausbildung ist in ihren Augen als defizitär erwiesen, weshalb sie sich dazu berufen fühlen, andere Gläubige vor der vermeintlichen Inkompetenz dieser Priester warnen zu müssen. So wird durch üble Nachrede, die wohl kaum auch von Verleumdungen gänzlich frei sein wird, das Ansehen und das Vertrauen in die Zuverlässigkeit dieser Priester bei den anderen Gläubigen erfolgreich zerstört. Das alles vermögen diese selbsternannten Hobbytheologen im Nebenberuf selbstverständlich ganz ohne je einen Tag in einem Priesterseminar verbracht, geschweige denn jemals eine theologische Ausbildung empfangen zu haben. Was für Priester unerläßlich ist, das brauchen sie keineswegs. – Auch hier ist nicht die Liebe zur Wahrheit am Werk, sondern eine besonders abscheuliche Gesinnung der Anmaßung, die auch noch das Wenige zersetzt und zerstört, was noch von dem Ansehen und dem Vertrauen in die Priester übriggeblieben ist. Bedauerlicherweise ist es so, wie ein inzwischen verstorbener Pfarrer sagte: „Heute will jeder sein eigener Theologe, sein eigener Kirchenlehrer, sein eigner Papst sein.“ Und wir fügen hinzu: „seine eigene Glaubensnorm.“

Es ist gewiß nichts gegen eine Glaubensbildung einzuwenden, die über das Katechismuswissen hinausgeht. Wer die Zeit und eine wirkliche – keine eingebildete – Eignung dazu hat, der soll das tun. Gebildete Laien sind eine Zierde für die katholische Kirche! Nicht in überheblicher Eigenregie und gegen den Klerus. Sondern mit Demut und unter kompetenter Anleitung, bitteschön! Nicht zu dem Zweck, um die Priester zu belehren, um sich vor anderen als Gelehrter aufzuspielen oder um schlicht die eigene Sondermeinung zu behaupten, sondern mit dem Ziel der eigenen Vertiefung und Festigung im Glauben. Die Theologie ist eine heilige Wissenschaft! Heiliges muß mit höchster Ehrfurcht behandelt werden. Der Mensch darf es nicht selbstherrlich an sich reißen und dadurch profanieren. Eine solche Herangehensweise wird immer unfruchtbar bleiben. Wer hingegen demütig in den Quellen der Offenbarung, ohne damit einen selbstsüchtigen Zweck zu verfolgen, nach der göttlichen Wahrheit forscht und weiß, daß er nichts weiß, den wird Gott gewiß auch zu einer tieferen Durchdringung der Glaubens- und Sittenlehre führen. Wer die heilige Wissenschaft hingegen zur Bestätigung seines Egos in eigensinniger Rotzlöffel- bzw. Protestgören-Manier mißbraucht, vor dem wird sich Gott zurückziehen. – Das Sprichwort warnt: „Hochmut kommt vor dem Fall.“ Genauso mahnt auch das Buch der Sprüche: „Der Stolz eines Menschen führt zum Fall, wer aber bescheiden ist, der bekommt Ehre.“ (Spr. 29,3). Daher ruft der hl. Petrus auch die heutigen Hobbytheologen nicht zum ehrgeizigen Wettstreit gegeneinander, sondern zu gegenseitiger Demut: „Alle aber laßt euch von der Demut gegeneinander durchdringen, denn Gott widersteht den Hoffärtigen, den Demütigen aber gibt Er Gnade.“ (1. Petr. 5,5). Die größte Gefahr des Stolzes besteht darin, daß er blind macht. Und für den Verblendeten ist der Sturz in die Grube des Irrtums, der Häresie und letztlich des Unglaubens eine reale Gefahr. Irgendwann schreckt er auch nicht mehr davor zurück, die Entscheidungen des Papstes oder der Bischöfe, die in seinen Augen nicht unbezweifelbar Dogma sind, in Zweifel zu ziehen, zu kritisieren und sich dagegen aufzulehnen. Noch schlimmer wird es, wenn sich von einem im Stolz verblendeten Menschen wiederum andere beeinflussen oder führen lassen. So stürzt dieser nicht nur alleine, sondern reißt auch noch die anderen mit sich ins Verderben. Denn wie der Herr sagt: „Wenn der Blinde [bzw. der Verblendete] einen Blinden führt, so fallen beide in die Grube.“ (Lk. 6,39).

Wer also dazu neigt, sich vor anderen zu behaupten, besondere Meinungen zu vertreten oder sein Privaturteil zu wichtig zu nehmen und selbst nicht davor zurückschreckt, die nicht-unfehlbaren Entscheidungen des Lehramtes zu kritisieren, der sollte umso weniger vergessen: 1. Wer sein eigenes Privaturteil für sich zur Glaubensnorm erhebt, der wird eben dadurch zum Protestanten. Und 2.: Keiner ist vor Irrtum gefeit, am allerwenigsten wir selber. Allein das kirchliche Lehramt ist unfehlbar, sonst niemand. Und 3. was das Kritisieren päpstlicher Entscheide angeht, die keine Unfehlbarkeit für sich beanspruchen: Auch hier sollte das Sprichwort eines inzwischen verstorbenen Geistlichen Beherzigung finden: „Lieber mit dem Papste ‚irren’ als gegen ihn irren!“ Denn selbst wenn wir zusammen mit dem Papst „irren“ würden, so stünden wir doch auf der sicheren Seite des wahren Glaubens. Wenn wir hingegen gegen sein Urteil irren, sind wir vor Gott unentschuldbar.

d) Der schlichte Katechismus

Die vorhin aufgeworfene Frage ist aber immer noch unbeantwortet: Wo findet man in unserer elenden Lage, in der wir heute als Katholiken in einer hirtenlosen Kirche leben müssen, die nächste und sichere Norm für unseren Glauben? Nicht beim lebendigen Lehramt. Das wird erst mit dem nächsten Papst wieder auferstehen. Auch nicht bei einem „sedisvakantistischen Ersatzlehramt“. Sondern in den amtlichen Urkunden, welche das lebendige Lehramt früherer Zeiten hinterlassen hat. Und als eine leicht zugängliche und leicht verständliche Urkunde dieses Lehramtes ist vor allem unser schlichter Katechismus zu nennen.

Die Katechismen sind Erzeugnisse der lehrenden Kirche und zwar gerade zu dem Zweck, um in Männern und Frauen, in Kindern und Greisen, in Gebildeten wie Einfältigen den übernatürlichen Glauben zu erzeugen und zu festigen. Entweder wurden sie vom Papst für die Gesamtkirche, vom Bischof für seine jeweilige Diözese herausgegeben oder von apostolisch gesinnten Priestern und Heiligen erstellt und vom Lehramt gutgeheißen.

In gewisser Hinsicht ist der Katechismus für den Katholiken sogar vorzüglicher als die Heilige Schrift. Denn jeder katholische Katechismus enthält die gesamte Glaubenslehre, mehr oder weniger ausführlich dargestellt. Darin werden die von Gott geoffenbarten Wahrheiten, wie sie sich in der Heiligen Schrift und in der mündlichen Überlieferung finden, genau in dem Sinn erklärt, wie sie uns die Kirche vorlegt und wie wir sie glauben müssen.

Dabei ragen unter den Katechismen vor allem der sog. „Römische Katechismus“, den der hl. Papst Pius V. im Anschluß an das Konzil von Trient für die Pfarrer herausgegeben hat, sowie das „Kompendium der christlichen Lehre“ des hl. Papstes Pius X. heraus, weil sie auch den Status eines lehramtlichen Dokuments genießen. Aber jeder von der Kirche gutgeheißene vorkonziliare Katechismus erfüllt denselben Zweck: Er erklärt die Glaubenswahrheiten im Sinne des katholischen Lehramtes. Besonders gelungen und empfehlenswert ist unter diesen der sog. „Volkskatechismus“ von Franz Spirago. Da jedoch von der Piusbruderschaft neuerdings eine verfälschte Neuauflage in Umlauf gebracht wurde, ist beim Erwerb des „Spiragos“ dringend darauf zu achten, ob es sich wirklich um einen unveränderten Nachdruck aus der Zeit vor dem 2. Vatikanum handelt. – Neben dem Katechismus und einer katholischen Bibel oder wenigstens einer biblischen Geschichte sind ferner auch Erbauungsbücher – wie etwa der sog. Goffine – zum richtigen Verständnis der Lesungen und Evangelien des Meßbuchs und des Kirchenjahres zu empfehlen. Gewiß, all diese Bücher tragen nicht den Charakter der Unfehlbarkeit an sich. Aber sie dienten dem lebendigen Lehramt früherer Zeiten bei der Glaubensverkündigung, um an die Gläubigen heranzutreten und ihren Glauben eindeutig zu bestimmen. Sie bilden für uns unter den heutigen Umständen eine sichere Norm für unseren Glauben. Denn wenn wir ihren Inhalt für wahr halten, dann glauben wir wirklich dem unfehlbaren Lehramt der katholischen Kirche als nächster Glaubensregel und damit Gott selbst, der ewigen, unfehlbaren Wahrheit. Amen.

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