Der Verlust, die Suche und das Finden Jesu

Geliebte Gottes!

Wenn es auch nur eine fromme Überlieferung sein soll, daß der hl. Evangelist Lukas sich neben der Kunst des Heilens auch auf die Kunst des Malens verstanden habe und mehrere Ikonen Jesu und Mariens gemalt haben soll, so ist es vollkommen gewiß, daß er mit Tinte und Feder gestochen scharfe Bilder über die Kindheit und Jugend des göttlichen Erlösers in seinem Evangelium verfertigt hat: die Botschaft des Erzengels an die Jungfrau Maria, die Heimsuchung bei der Base Elisabeth, die wunderbare Geburt in Bethlehem und die Beschneidung und die Darstellung Jesu im Tempel. Das letzte vom Heiligen Geist inspirierte Meisterwerke, das uns einen Einblick in das verborgene Leben des Erlösers gewährt, wird uns im heutigen Evangelium enthüllt. – Wir finden den inzwischen zwölfjährigen Jesusknaben im Tempel zusammen mit seinen heiligen und frommen Eltern. Mit der Vollendung des zwölften Lebensjahres war jeder männliche Israelit zum Halten des Gesetzes verpflichtet. Neben den Geboten bzgl. des Fastens und der rituellen Reinigungsvorschriften waren fortan auch die dreimaligen Wallfahrten nach Jerusalem zu den höchsten Festen des Jahres einzuhalten. Wir wissen nicht, ob Jesus seit Seiner Rückkehr aus dem ägyptischen Exil schon öfters zuvor, etwa auf den Schultern des hl. Joseph sitzend, nach Jerusalem gewallfahrtet war oder ob uns der hl. Lukas von Seinem ersten Besuch im Tempel seit Seiner Darstellung als neugeborenes Kind berichtet. Das zu wissen ist, von geringer Bedeutung. Was jedoch unser Nachdenken in Anspruch nehmen sollte ist, wie es geschehen konnte, daß Jesu Eltern Ihn verloren haben. Wie konnte das geschehen? Und was sollte dieser Verlust bedeuten?

Der Verlust 

Wie es dazu kommen konnte, daß Maria und Joseph das Jesuskind aus den Augen verloren haben, läßt sich dadurch erklären, daß sich zu den drei Hochfesten in den engen Gassen von Jerusalem ungeheure Menschenmengen bewegten, so daß es schon schwierig war zusammen zu bleiben, selbst wenn man sich an den Händen hielt. Eine Wallfahrtskarawane, von denen sich in diesen Tagen sehr viele in der Stadt aufhielten, bestand aus mehreren hundert Personen. Außerdem war es üblich, daß die Männer und Frauen einer Wallfahrtsgruppe getrennt voneinander zogen. Wohl ging Maria davon aus, daß Jesus zusammen mit dem hl. Joseph bei den Männern sei, während der hl. Joseph davon ausging, der Heiland wäre bei Seiner Mutter, wie es für Kinder in Seinem Alter durchaus noch schicklich war. So ist es verständlich, daß Maria und Joseph erst am Abend des ersten Rückreisetages bemerken konnten, daß Jesus irgendwo in Jerusalem zurückgeblieben sein mußte.

Der Verlust des Jesusknaben ist ein Bild für den geistigen Verlust eines Menschen, der Jesus verliert. Jesus verliert man durch den Verlust des Glaubens an Seine göttliche Natur, an Seine Lehre und Seine Erlösung. Man verliert Jesus durch den Verlust des Glaubens an die Notwendigkeit der Gnade, die wir durch den Empfang der hll. Sakramente vermittelt bekommen und derer wir bedürfen, um wohlgefällig vor Gott leben zu können. Dem Verlust des Jesusknaben gleich kommt auch der „tote Glaube“, der in der Sünde erschlaffte Glaube, welcher keine Werke der Gottes- und Nächstenliebe hervorbringt. Das geschieht, wenn der Mensch damit aufhört, seinen Willen, aller Versuchungen und Anfechtungen zu Trotz, mit dem göttlichen Willen verbunden zu halten. Wenn der Mensch auf den geschäftigen Straßen des Lebens Gottes Hand im Gedränge des Alltags losläßt. Die Geschäftigkeit unseres Lebens ähnelt ja dem Gewusel auf Jerusalems Straßen. Um darin nicht die Orientierung zu verlieren, muß man wenigstens seinen Blick auf Vorbilder wie die Gottesmutter oder den hl. Joseph gerichtet halten, damit man nicht einfach von der Masse in eine Richtung mitgerissen wird, in die man anfänglich eigentlich gar nicht wollte. Das Abkommen vom Weg der Gebote, welcher uns zurück zum Himmel führt, ereignet sich anfänglich ja schleichend und ist meistens zuerst mit der Unaufmerksamkeit verbunden. Fest müssen wir unsere Augen auf Jesus gerichtet halten, fest Seine Hand, die er uns in Form des katholischen Glaubens entgegenhält ergreifen und Ihm in Liebe nachfolgen. 

Die Größe des Verlustes

Jesus zu verlieren bedeutet für einen Menschen den größten Verlust. Ihn verlieren ist das Schrecklichste, was jedem Einzelnen von uns und auch jeder Familie insgesamt widerfahren kann. Warum das so ist, ergibt sich aus dem, was unser göttlicher Erlöser von Sich erklärt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh. 14, 6). Erwägen wir kurz, was Sein Verlust bedeutet. Mit Jesus verloren wird „der Weg“. Der Weg zum Frieden und zum Glück hier auf Erden und im Leben nach dem Tod. Was bleibt von alledem, was dem Menschen Anlaß gibt, „den Weg“ zu verlassen? Was bleibt von dem, wovon sich der Mensch auf Abwege locken, ziehen, schieben oder stoßen läßt? – Es bleiben Staub und Asche! Unserem Leib bleibt ein Grab. Im Gedächtnis der Menschen bleibt uns die Vergessenheit. Unserer Seele bleibt ein schlechtes Gewissen, anhand dem wir in der Todesstunde gerichtet werden. Was bleibt, ist ein Urteil, das einmündet in eine Ewigkeit die keinen „Aus-Weg“ kennt! Wenn wir uns hingegen Jesus anschließen, mit Ihm „dem Weg“ im Glauben, im Bekenntnis und durch den Gnadenstand verbunden bleiben, was könnte uns dann Freude und Frieden rauben?

Wer Jesus verliert, dem geht nicht nur der rechte Weg verloren, sondern auch „die Wahrheit“. Wir brauchen uns nur umzuschauen, welche neuheidnischen Greueltaten sich in unseren Tagen ereignen. Die Sexualisierung von Kindesbeinen an. Voreheliche und außereheliche Unzucht. Ehebruch. Widernatürliche Unzucht und „Genderismus“. Wie sehr werden doch Kinder und Jugendliche, aber auch die älteren Semester angelogen, als sei dies alles „ganz normal“. Das sind die neuen Lügendogmen, welche inzwischen das religiöse Vakuum unserer Zeitgenossen ausgefüllt haben. Etwa die barbarischen Verbrechen an ungeborenen Kindern. Ein ungeborenes Kind sei ja noch gar kein Mensch, sagt man. Doch das ist eine Lüge! Eine Lüge, die den armen ungeborenen Kindern die Möglichkeit verwehrt, mittels der Taufe in das ewige Leben einzugehen. Hier tritt offen zutage, in welche Abgründe der Verlust „der Wahrheit“ führen kann. – Man käme an kein Ende, wollten wir alle Lügen und Irrlichter aufzählen. Ihre gewaltige Masse und der Stellenwert, den die Lügen in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft eingenommen hat, zeigt nur an, wie reißend der Strom des Zeitgeistes, der sog. „Mainstream“, inzwischen geworden ist. Er zerrt mit seiner meinungsdiktierenden Kraft auch an uns, um uns von „der Wahrheit“, die Christus ist, loszureißen. Obwohl die faulen Früchte der „freizügigen Gesellschaft“ ohne Gott und ohne Moral immer offensichtlicher werden, ist doch keine Besserung in Sicht und auch keine Besserung zu erwarten. Warum? Weil mit der Zurückweisung der Wahrheit auch die Möglichkeit der Einsicht und damit zur Besserung verlorengegangen ist. Der hl. Paulus belehrt uns im 2. Thessalonicherbrief, daß der große Abfall am Ende der Zeiten an einer Ursache festzumachen sein wird: „Weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, um gerettet zu werden. Deshalb wird Gott den Trug auf sie wirken lassen, daß sie der Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, welche der Wahrheit nicht geglaubt, sondern der Ungerechtigkeit Beifall geschenkt haben“ (2. Thess. 2, 10-12). In dem Maß als in der Welt die Liebe zur Wahrheit schwindet, wird das Elend, nicht nur das seelische, geistige und geistliche, sondern auch das materielle Elend zunehmen.

Ganz klar ergibt sich aus dem Verlust „des Wegs“ und „der Wahrheit“ auch der Verlust Jesu, der „das Leben“ des Menschen ist. Unser Herr ist der Gottmensch. In Ihm findest sich die Unermeßlichkeit des göttlichen Lebens (Joh. 1, 4). Daher ist Er die Quelle der Gnade und des Lebens. Ohne Ihn, ohne den die Seelen belebenden Schöpferhauch Seiner Gnade tritt sittliche Fäulnis und der Tod der Seele ein, welcher notwendigerweise in den ewigen Tod der Verdammnis ausmündet. Diese Erwägungen verdeutlichen uns, was es bedeutet, Jesus im Getriebe dieser Welt zu verlieren. Jesus verloren, alles verloren! Denn Er ist „der Weg, die Wahrheit und das Leben.“

Die Suche 

Um Jesus zu finden, muß man Ihn suchen. Anhand des Beispiels der Suche nach dem zwölfjährigen Jesusknaben durch die Gottesmutter und den hl. Joseph wird uns gezeigt, daß diese Suche dem Menschen – selbst den heiligsten – große Entbehrungen abverlangt. Selbst innerhalb der Heiligen Familie, selbst zwischen den unschuldigsten Seelen gab es Situationen, die nicht geklärt werden konnten. „Doch sie verstanden das Wort nicht, das Er zu ihnen sagte“ (Lk. 2, 50). Auch die Heiligsten haben aneinander Schmerzhaftes zu ertragen. Mißverständnisse und Unverstandenes bereiten der Seele großen Schmerz. Die Gottesmutter hatte es offen ausgesprochen: „Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht“ (Lk. 2, 48).

Man muß nicht erst selbst den Verlust eines Kindes erlebt haben, um zu wissen, daß das heilige Paar schreckliche und angstvolle Stunden der Suche durchgemacht hatten. Alle vorherigen Opfer, die der Heiligen Familie in keiner geringen Zahl abverlangt wurden, etwa die Reise nach Bethlehem, die Geburt im kalten Stall, die Flucht nach Ägypten; all diese Widerwärtigkeiten waren leichter für das heilige Paar zu tragen, als dieses dreitägige Opfer des Verlustes. Denn bei all den vorherigen hatte sie ihr Kind, ihren Jesusihren Gott bei sich. Spätestens seit der Weissagung des greisen Simeon mußte es die Gottesmutter stets im Hinterkopf haben, daß sie eines Tages ihr Kind an den Tod verlieren würde. „Auch deine eigene Seele wird ein Schwert durchdringen“ (Lk. 2, 35). Ist es jetzt schon soweit? Werden sie Ihn jetzt schon töten? Welch schreckliche Ängste müssen das unbefleckte Herz in diesen Tagen umfangen haben. – Wir selbst wissen, wie lang eine Stunde bangen Wartens oder angstvoller Suche sein kann. Wie unvorstellbar lang müssen diese drei Tage für die Gottesmutter und den hl. Joseph gewesen sein? Die Prüfung der Gottverlassenheit, wie sie sich ja auch im geistlichen Leben in der „Nacht der Sinne“ und in „der Nacht des Geistes“ ereignet, ist gerade für gottverbundene Seelen der größte Schmerz. „Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht“ (Lk. 2, 48).

Auch die Menschen suchen unermüdlich. Auch sie suchen mit Schmerzen. Doch leider suchen sie das Heil dort, wo es nicht zu finden ist. Statt zur sprudelnden Quelle des Heiles zu gehen, graben sie sich Zisternen, die das Wasser nicht halten können. Sie suchen nach Reichtümern. Wenn auch nicht alle ausziehen, um einen großen Goldschatz zu gewinnen, so verlangt doch jeden nach einem gesicherten Wohlstand, nach einer zunehmenden Verbesserung der Verhältnisse in Wohnen, Kleidung, Auto und Urlaub. Die Arbeit, der Fleiß und der persönliche Einsatz gehören sehr wohl zu den Pflichten eines jeden Christen. Und sich am Lohn der Arbeit zu erfreuen ist nichts Verwerfliches. Aber sich darum ängstlich Sorgen zu machen, die Furcht vor dem Verlust dieser Güter gebiert den Schmerz, welchen die dornige Suche nach den materiellen Gütern mit sich bringt. – Auch die Suche nach Ruhm, Ehre und Anerkennung ist reich an Schmerzen. Nie zufrieden, ist dem Ehrgeizigen allein der Gipfel gut genug. Nur von dort kann man alle anderen überragen. Also: „Steil hinauf und stets nach vorne!“ Oder wenigstens nach dem Motto leben: „Wo wir sind, ist vorne!“ – Auch diese Suche gebiert den Schmerz. Den Schmerz des ständigen Vergleichens mit anderen Menschen, der in jedem einen Konkurrenten sehen läßt und das eigene Herz stets rast- und ruhelos sein läßt. Den inneren Zwang, den anderen immer eine Nasenlänge voraus sein zu müssen. – Die dritte Zisterne einer fehlgeleiteten Suche nach Glück und Heil ist die Sinnlichkeit. Auch der Rausch der Sinne trägt in sich den Stachel des Schmerzes. Das Vergnügen wird schal. Es muß immer weiter gesteigert werden. Es erregt Überdruck, zerstört die Selbstachtung und nicht selten die Gesundheit. Auch die leichtlebigen Menschen im Sinnestaumel suchen „mit Schmerzen“. Denn auch sie kommen zur Ernüchterung, wie einst König Salomon und müssen mit ihm bekennen: „O Eitelkeit der Eitelkeiten. Alles ist eitel!“ (Pred. 1, 1). „Nichts von dem, was meine Augen verlangten, versagte ich ihnen; und ich wehrte meinem Herzen nichts, jede Lust zu genießen und sich zu freuen an dem was ich herbeigeschafft hatte ... Als ich aber alle Werke überschaute, ... sah ich in allen Eitelkeit und Geistesplage, und daß nichts von Dauer sei unter der Sonne“ (Pred. 2, 10 f.).

Die erklärte Gottlosigkeit ist schließlich die vierte Zisterne. Tief ist sie und staubtrocken. Der Sturz in dieselbe zerreißt das Herz des Menschen. Jene großen Geister, welche in ihrer glaubenslosen Philosophie meinen, endlich den Weg zur Welterklärung gefunden zu haben, um die lästigen „Fesseln der Religion“ abstreifen zu können, suchen mit unsäglichen Schmerze. Gottlose Philosophen und Wissenschaftler sind allesamt gequälte Seelen. Voll luziferischem Haß gegen Gott und die Kirche, sich absolute Freiheit anmaßend, stürzen sie doch in den Schmerz der Leere. Hochmütig blicken sie zur Sonne auf und werden geblendet. Sie scheinen um die Wahrheit zu ringen und finden doch nie festen Halt. So haben auch sie Schmerzen, wie sie König Salomon beschreibt: „Da wandte ich meinen Blick darauf, Weisheit, Irrtum und Torheit zu betrachten. ... Und so sprach ich in meinem Herzen: Wenn mein und des Toren Endgeschick gleich ist, was nützt es mir da, größere Mühe auf die Weisheit zu verwenden? ... Es stirbt der Weise wie der Tor dahin. Darum ward ich des Lebens überdrüssig, da ich sah, daß alles unter der Sonne unvollkommen, und alles Eitelkeit und Geistesplage sei“ (Pred. 2, 15.16). Immerfort findet der Mensch den Schmerz in dieser Welt, bis er bereit ist im Licht des Glaubens einzusehen: Allein in Christus ist wahres, d.h. erfüllendes, beständiges und unverlierbares Heil zu suchen, weil es nur in Ihm zu finden ist.

In Christus findet der Mensch das Heil für seinen menschlichen Verstand. Er findet die Wahrheit. Sie ist ihm verbürgt durch Gottes Heiligkeit und Gottes Allwissenheit. Gott weiß alles. Er kann sich nicht irren und uns nicht in die Irre führen. Christus offenbart uns die Wahrheit Gottes in einem Maß, die den geschaffenen Verstand, obwohl sie ihn unendlich übersteigt, doch erfüllt und zufriedenstellt. Sie macht Ursache, Sinn und Zweck der Welt, dieses Lebens und der übernatürlichen Gnadenwelt soweit als möglich und vor allem ohne Widersprüche verständlich. Die ewigen Wahrheiten spenden Trost, weil sie die Kraft haben, uns über jeden materiellen Verlust hinweghelfen zu können, indem sie unseren Blick auf eine ewige Glückseligkeit erheben, wo alle Tränen getrocknet sein werden, wo es keinen Tod, keinen Jammer und keinen Schmerz mehr geben wird. Christus schenkt uns wahren Reichtum, nämlich die geistigen Güter der Gnade, der eingegossenen Tugenden, der Gaben des Heiligen Geistes und Seine begehrenswerten Früchte, die da sind: Liebe, Friede, Freude, Langmut, Geduld, Güte, Freundlichkeit, Sanftmut, Treue, Bescheidenheit, Mäßigkeit, Keuschheit. Aus dem Besitz dieser übernatürlichen Güter erwächst unfehlbar die unvergängliche Ehre der Heiligen, deren Gedächtnis in Ewigkeit besteht. Unfehlbar erwächst daraus auch der Genuß der ewigen Glückseligkeit, die nicht nur alle sinnlichen Freuden in unendlichem Maße übertrifft, sondern vor allem das Verlangen unseres unruhiges Herz stillt und in Gott zur Ruhe kommt.

Freilich bleibt auch auf dieser Suche niemandem der Schmerz erspart. Den Eigenwillen und die Eigenliebe zu überwinden, ja manchmal auch zu unterdrücken; nicht nur einmal, sondern immer, ist ein mühevolles Geschäft. Der Lebensernst, die Abtötung und Bußübungen werden, selbst wenn man ihre Notwendigkeit erkannt hat, nie ein Vergnügen sein. Doch all das ist ein vergleichsweise geringer Preis für den Lohn der mühevollen Suche. 

Das Finden

Bleibt noch die Frage, wo wir Jesus finden können. Wir finden Ihn dort, wo Ihn auch Maria und Joseph gefunden haben. „Und sie fanden Ihn nach drei Tagen im Tempel“ (Lk. 2, 46). Wir finden Ihn in der römisch-katholischen Kirche, deren Vorbild der Tempel war. Sie ist durch die Zeit hinweg der Aufenthaltsort und der Wirkungsort Jesu geblieben.

Dort finden wir Ihn heute so, wie einst – mit Seinem Evangelium. Dort finden wir Ihn mit Seinen Gnaden und Segnungen, die Er demjenigen, der von Ihm Heil verlangt, in den Sakramentalien der Kirche zukommen läßt. Vor allem finden wir Ihn in den heiligen Sakramenten, welche Er selbst durch Seine Priester in der katholischen Kirche spendet. Unter diesen sieben Gnadenkanälen sticht natürlich insbesondere das Altarsakrament hervor, welches Jesus Christus selbst unter der Gestalt des Brotes, mit Fleisch und Blut, mit Leib und Seele, mit Gottheit und Menschheit enthält. Im Tabernakel ist Er Tag und Nacht zugegen, um jeden eintretenden Anbeter zu jeder Zeit in Audienz zu empfangen, dessen Lob, Danksagung, Bitten und dessen Herzensreue entgegenzunehmen, sich mit ihm zu freuen in den Momenten seines Glücks und ihn zu trösten im Schmerz dieses Jammertales. Ja, wer Jesus in der römisch-katholischen Kirche gefunden hat, der findet Ihn nicht nur in den wenigen verbleibenden Tabernakeln, sondern auch in seinem Herzen. Durch die heiligmachende Gnade wohnt Jesus in unserer Seele. Er spornt uns innerlich an Seinem Vorbild und Seinem Evangelium gemäß zu leben. Jenen, die mit Seiner Gnade treu mitwirken schenkt Er schon in diesem Leben Seine liebende Vertrautheit, die dann einst in der Stunde des Todes ganz natürlich in die beglückende Schau Seiner Schönheit und Liebenswürdigkeit übergehen soll.

Durch Sein Verhalten inmitten der Schriftgelehrten gibt uns Jesus ein Vorbild, auf welche Art und Weise wir Ihn in der katholischen Kirche finden können. Es ist dazu der Geist des Kindes notwendig! Durch die heiligmachende Gnade wird der Mensch ein Kind Gottes, doch muß er sich ein Leben lang bemühen, sich auch die innere Haltung eines Gotteskindes anzueignen. Was genau ist damit gemeint? Der Jugend ist es eigen, begeisterungsfähig zu sein. Wir sehen es am zwölfjährigen Jesus im Tempel. Drei Tage hängt Er mit voller Aufmerksamkeit am Mund der Lehrer. Er zeigt ein außerordentliches Interesse an der verkündigten Glaubenslehre. Dieses Interesses bedürfen auch wir in unseren Familien. Insbesondere das Interesse unserer Kinder an den Lehre des Evangeliums muß gefördert werden. Das geschieht in Form des selbstverständlichen und gemeinschaftlichen Familiengebetes. Das geschieht, indem man sich etwa bei Tisch über religiöse Themen unterhält. Das geschieht, indem die Feste des Kirchenjahres nicht nur in der Kirche, sondern auch innerhalb der Familie begangen werden. Indem man die religiösen Fragen der Kinder ernstnimmt und sie beantwortet. Indem man die Jugendlichen mahnt; und zwar nicht nur mit Worten, sondern vor allem durch das eigene Vorbild. Der Jesusknabe lehrt uns den kindlichen Eifer. Zum anderen gibt er uns ein Beispiel kindlicher Bescheidenheit: Obwohl Er, der die ewige Weisheit Gottes ist, alles wußte, so wollte Er doch, Seinem Alter gemäß, noch nicht als großer Lehrer auftreten. Kinder müssen lernen, viel lernen. Es ist nicht ihre Aufgabe zu lehren und über alles Bescheid zu wissen. So ist es auch bei den Kindern Gottes. Den Gotteskindern kommt zu, zuzuhören und Fragen zu stellen, sich willig belehren zu lassen und nicht in bornierter Besserwisserei und Kritiksucht das große Wort zu führen. Mit diesen beiden Eigenschaften – mit dem religiösen Eifer und kindlicher Belehrbarkeit – wird es jedem gelingen, Jesus, die Quelle des Heiles, in der katholischen Kirche zu finden.

Dann wird Jesus auch aus unseren Familien ein kleines Nazareth werden lassen. Und es wird geschehen, daß Er in jedem Familienmitglied zunehmen wird „an Weisheit und Alter und Gnade vor Gott und den Menschen“ (Lk. 2, 52). Es wird geschehen, daß wir mit dem hl. Paulus berechtigterweise auch von uns sagen dürfen: „Ich lebe, doch nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal. 2, 20). Amen.

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