Die Geschichte von Wüste und Jordan

Geliebte Gottes!

Auch am heutigen vierten Adventssonntag begegnet uns abermals Johannes der Täufer. In den vergangen Wochen sahen wir ihn einmal bereits am Ende seines Lebens im Kerker und am letzten Sonntag im Zenit seiner Schaffenskraft. Heute werden wir durch das Evangelium ganz an den Anfang seiner öffentlichen Tätigkeit geführt. 

Die genaue Zeitangabe, die uns der heilige Evangelist Lukas im heutigen Evangelium liefert, macht es möglich, das Auftreten Johannes des Täufers, des Vorläufers Christi, genau zu datieren. Als hätte der hl. Evangelist damals schon geahnt, daß einmal eine Zeit kommen würde, da Pseudo-Bibelwissenschaftler und Pseudo-Theologen die wirkliche, geschichtliche Existenz Jesu Christi in das Reich der Fabeln und Legenden verbannen würden. Einen sechsfachen Bezug stellt der hl. Lukas in seinem Bericht zu konkreten geschichtlichen Tatsachen her, welche das Auftreten Christi umrahmten. Auf diese Weise untermauert er, daß die Heilsgeschichte nachprüfbar in der Weltgeschichte verankert ist. Unser Glaube ist kein Mythos. Er beruht nicht auf irgendeiner Heldenlegende nach antikem Muster; auch wenn uns das noch so viele rationalistische Bibelkritiker weismachen wollen. Am Anfang der Evangelien steht aber kein „Es war einmal“ oder „Damals, vor langer, langer Zeit“, sondern „Im 15. Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius“ (Lk. 3, 1).

In der Geschichte verankert

An erster Stelle nennt Lukas den Kaiser Tiberius. Tiberius Julius Caesar Augustus war vom Jahr 14 bis 37 n. Chr. Imperator des römischen Weltreiches. Er war ein fähiger Kaiser und ein bedeutender Feldherr. Er hat in Armenien gekämpft und in Germanien. Er hatte zusammen mit seinem Bruder die Gegend zwischen der Donau bis zum Lago Maggiore unterworfen. Kaiser Augustus hat den Tiberius im Jahr 4 n. Chr. adoptiert und ihm kurz vor seinem Tod die Mitregentschaft übertragen. Der Friedenskaiser Augustus starb am 19. August des Jahres 14 n. Chr. Das bedeutet, daß das 15. Jahr des Tiberius, welches uns vom Evangelium als der Beginn der Predigttätigkeit des Johannes angegeben wird, geschichtlich zwischen dem 19. August des Jahres 28 und dem 18. August des Jahres 29 n. Chr. zu verorten ist. Obwohl Tiberius ein fähiger Herrscher war, kommt er bei den Chronisten seiner Zeit schlecht weg. Er sei mißtrauisch, griesgrämig, nüchtern gewesen. Er habe es im Finanzwesen sehr genau genommen und sich kein X für ein U vormachen lassen. Vielleicht gerade deshalb seine Unbeliebtheit. Mit ihm war nicht zu spaßen, und er war nicht leicht zu täuschen.

Des weiteren nennt Lukas den kaiserlichen Statthalter und konzentriert damit unser Blickfeld auf die Geschehnisse im Heiligen Land, auf jenes Land, das Gott Seinem Volk als immerwährendes Erbteil gegeben hatte. – König Herodes der Große, der Kindermörder, war der erste nicht-jüdische König. Die Juden waren nicht mehr ihre eigenen Herren. Nach dem Tod des Herodes wurde sein Königreich in vier kleinere Fürstentümer zerschlagen. Im Jahre 6 n. Chr. hatten die Römer nach der Macht über das wichtigste der vier Fürstentümer gegriffen. Sie setzten den jüdischen Herrscher Archelaus ab und machten sein Land, die Gebiete Judäa und Samaria, zu einer römischen Provinz. Fortan war Judäa direkt dem Kaiser unterstellt – einem Heiden! Der Kaiser ließ sich in seiner „Fürsorge“ jedoch vertreten durch einen Prokurator, durch einen Statthalter, auch „Landpfleger“ genannt. Der fünfte dieser Landpfleger über Judäa war Pontius Pilatus. Auch er bekommt von den Geschichtsschreibern kein gutes Zeugnis ausgestellt. Er sei von unbeugsamem Charakter gewesen, rücksichtslos und hart. Er regierte das Land mit eiserner Faust. Es werden ihm Bestechlichkeit, Gewalttaten, fortwährende Hinrichtungen ohne Urteilsspruch und unerträgliche Grausamkeit vorgeworfen. Tatsächlich wurde er später auch seines Amtes enthoben und soll in der Verbannung Selbstmord begangen haben.

Es folgen die drei übrigen Vierfürsten Palästinas. An erster Stelle wird Herodes Antipas genannt. Er ist der Sohn Herodes des Großen. Nach dem Tod seines Vaters wurde er zum Tetrachen von Galiläa und Peräa eingesetzt und war daher der Landesherr Christi, was besonders im Passionsbericht Erwähnung findet, als er dem Herrn ein weißes Spottkleid anlegen ließ. Er war ein begabter, aber leichtlebiger und religiös uninteressierter Fürst. Ein Mann des Vergnügens, der leichten Schwüre und der schönen Frauen. Er heiratete eine Tochter des Nabatäerkönigs Aretas IV. Aber er verließ sie zugunsten einer andern. Er verstieß die Königstochter und nahm sich seine Schwägerin, die gleichzeitig auch seine Nichte war, zur Frau – die Herodias. Herodias war jedoch bereits mit Philippus, dem Stiefbruder des Herodes Antipas vermählt. Herodes lebte damit in offenem Ehebruch. Und deswegen geißelte Johannes der Täufer diese Verbindung, was ihn schließlich, auf Betreiben der Herodias, den Kopf kostete.

Sein Stiefbruder Herodes Philippus war ebenfalls ein Sohn Herodes des Großen und trat deshalb nach dessen Tod die Herrschaft über mehrere Gebiete im Norden von Palästina, dem heutigen Libanon und von Trachonitis, an. Philippus war eine Ausnahme unter den Söhnen des Herodes. Er war tüchtig, gütig und gerecht. Er regierte bis 34 n. Chr. als ein milder, friedfertiger Fürst, glich aber seinem Vater in der Neigung, sich durch große Bauwerke zu verewigen. Er erbaute eine neue Stadt, namens „Caesarea“, die nach ihm benannt wurde „Caesarea Philippi“. Das ist jenes Caesarea Philippi, wo später dem hl. Petrus von Christus der päpstliche Primat verheißen wurde (vgl. Mt. 16, 13). Er war verheiratet mit Herodias, ließ sich aber von dieser, wie bereits erwähnt, Hörner aufsetzen. Lysanias wird von Lukas nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Er war weder mit Herodes verwandt, und auch sein Herrschaftsgebiet Abilene lag bei Damaskus, also schon außerhalb von Palästina. Aber auch er war Vierfürst und ist als historische Persönlichkeit nicht nur bei Lukas, sondern auch in mehreren aus dieser Zeit stammenden Inschriften bekannt. Seine Erwähnung zeugt von der historischen Genauigkeit des Lukas in seiner Berichterstattung.

Nach der Vielzahl der weltlichen Herrscher erwähnt der Evangelist auch die höchsten geistlichen Würdenträger – Annas und Kaiphas. Seit dem Fall des hasmonäischen Priestergeschlechts 37 v. Chr. war die hohepriesterliche Würde, die ursprünglich – ähnlich wie das Papstamt – lebenslänglich vergeben wurde, unter die Abhängigkeit fürstlicher Willkür geraten. Die Römer vergaben das Amt des Hohepriesters, ohne Rücksicht auf Gesetz und Tradition, alle paar Jahre neu. Nach erfolgter Absetzung behielt der scheidende Hohepriester aber nicht nur weiter einen großen Einfluß, sondern auch gleich seinen Titel bei. So kam es, daß Annas, der „emeritierte Hohepriester“ und sein Schwiegersohn Kaiphas gleichzeitig die hohepriesterliche Würde innehaben konnten. In diesem Zweiergespann hat also die Doppelspitze Ratzinger-Bergoglio, die wir heute in der Konzilskirche vorfinden, ihr vielsagendes Vorbild. Annas regierte bis zu seiner „Emeritierung“ im Zeitraum von 6 bis 15 n. Chr. Fünf seiner Söhne waren ebenfalls Hohepriester. Josephus Kaiphas war Hohepriester von 18 bis 36 n. Chr. Er war es, der den Tod Jesu verlangte. Er präsidierte auch im nächtlichen Gerichtsprozeß, wobei er heuchlerisch seine Kleider zerriß und das Todesurteil gegen Christus aussprach. Beide, Annas und Kaiphas, gehörten der rationalistischen Partei der Sadduzäer an, welche in dogmatischer Hinsicht Wahrheiten leugneten, wie etwa die leibliche Auferstehung, die Vergeltung im Jenseits und die Unsterblichkeit, sowie das Dasein von Engeln und Dämonen und die menschliche Freiheit. Alles Dinge, die auch uns bekannt vorkommen, wenn wir uns erinnern, was man nicht alles in den letzten Jahren aus Rom zu hören bekam.

All diese Angaben sind nachprüfbar. Sie sind auch nachgeprüft worden. Und sie sind für widerspruchslos und richtig befunden worden. Das tatsächliche Auftreten des Messias im Gefolge Seines Herolds ist damit geschichtlich eindeutig lokalisiert.

Die Wüste

Doch die historische Absicherung seines Berichtes ist nicht das einzige Anliegen des hl. Lukas, warum er uns den zeitgeschichtlichen Rahmen so ausführlich schildert. Hinter den vielen geschichtlichen Namen, die hier genannt wurden, verbirgt sich eine Tragödie, welche unserer Zeit sehr ähnlich ist: Die Vielheit der Herrscher und Würdenträger offenbart die Zerrissenheit und Zersplitterung des Gottesvolkes.

Politisch hatte Israel seine Selbständigkeit verloren und war zu einer römischen Provinz abgesunken. Die davidische Dynastie und sein sakrales Herrschertum war Geschichte. Anstelle eines im Namen Gottes regierenden Königs regierten in Jerusalem Ungläubige und Heiden. Die Supermacht Rom bestimmte den Takt des öffentlichen Lebens. RömischeTruppen waren auf der Burg Antonia, in der Nähe des heiligen Tempelbezirks, stationiert. Römische Soldaten bewachten Stadt und Land. Das Volk Gottes war tributpflichtige geworden. Die einstige Freiheit und Größe waren dahin. Die Einheit zersplittert. Der erwählte Weinberg Gottes war verwüstet.

Dasselbe auch auf religiösem Gebiet. Die Heiligkeit des Priestertums war geschwunden. Der Hohepriester, die geheiligte Persönlichkeit des ganzen Volkes, war in der Hand von Ungläubigen und wurde dem Meistbietenden zum Kauf feilgeboten. Alles in allem war Israel sowohl politisch als auch religiös zerrüttet und zu einer Wüste geworden. Was blieb, war die traurige Erinnerung an die vergangene Größe, eine trostlose Gegenwart und wenig hoffnungsvolle Zukunftsaussichten. In diesem Zusammenhang ist das auserwählte Volk am Vorabend des Auftretens Christi nicht nur ein Spiegelbild unserer heutigen Zeit, sondern auch eine Zusammenfassung der gesamten Historie des gefallenen Menschengeschlechtes. Die Gottesherrschaft ist durch die Sünde Adams verlorengegangen. Jeder einzelne Mensch kennt die innere Zerrissenheit, die der hl. Paulus im Römerbrief (vgl. Röm. 7, 23) auf den Punkt bringt, wenn er vom Gesetz des Geistes und dem Gesetz des Fleisches spricht, die beide im Menschen miteinander im Widerstreit liegen. Gerade die Quatembertage haben uns vielleicht wieder einmal spüren lassen, wie schwach, wie launenhaft, wie unbeherrscht und unzufrieden wir im Herzen sind. Unsere vielen Leidenschaften herrschen über uns, reißen uns hin und her. Unser guter Vorsatz geht so leicht zu Bruch. Unser religiöses Bemühen wird so schnell durch rein irdische Gedanken und Beweggründe zerstreut. Sündhafte Neigungen unterjochen uns und macht uns unfrei. Auch das Leben unserer Seele gleicht bisweilen einer Wüste – ohne Freude, ohne Hoffnung; nur der öde Alltag. Auch das sind geschichtliche Tatsachen. Sie lassen sich in der Historie der Menschheit genauso nachweisen wie in unserer persönlichen.

Gottes Wirken in der Wüste

Da erging das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias, in der Wüste“ (Lk. 3, 2). Gerade in die Verwüstung Israels hinein tritt der letzte Prophet des Alten Bundes. Ganz passend beginnt Johannes sein Wirken in der Wüste östlich des Jordan; an jenem Flußufer, das mit Heilsgeschichte geradezu aufgeladen ist. Hier war es, wo sich 1200 Jahre zuvor das Volk Gottes unter der Führung von Josue, dem Nachfolger des Moses, versammelte, um nach vierzigjähriger Wüstenwanderschaft endlich in das Gelobte Land einzutreten. An derselben Stelle ergeht erneut das Wort des Herrn. Johannes, der Herold des Messias, soll ein neues Volk versammeln. – Johannes tritt auf in der Wüste, gegenüber von der am Jordan gelegenen Stadt Jericho. Die Stadt Jericho war durch den kostbaren Balsam, der in ihren Balsambaumgärten gewonnen wurde, wohlhabend geworden. Eine Stadt des Reichtums, der Ausschweifung und des Lasters. Johannes ruft die Menschen heraus aus dem Sündenpfuhl. Er ruft sie zu sich, auf die andere Jordanseite, in die Wüste. Er bewegt die Menschen dazu, die Seiten zu wechseln. Nicht nur Seite des Flußufers, sondern die Gesinnung ihres Herzens. Dazu müssen sie aus der Betäubung der Sinnlichkeit ausbrechen, damit sie sich ihrer inneren Zerrissenheit und Wüstenei stellen und ihre Erlösungsbedürftigkeit erkennen. Damit sie die Sehnsucht nach Erlösung in ihrem Herzen erwecken.

Die Wüste ist ja gerade in der Geschichte Israels stets der Ort des Wirkens Gottes gewesen. Oftmals setzte Gottes Wirken in der Wüste ein. – Moses ist in der Wüste vom Herrn berufen, zu einem tauglichen Werkzeug geschmiedet und in Gottes Namen gesandt worden. – Das Volk Israel ist aus Ägypten heraus, in die Wüste geführt worden, um am Sinai Gottes Wort zu hören und während der Jahre seiner Wüstenwanderschaft in der Übung des Gesetzes geschult zu werden. – Elias hatte die Wüste zu durchqueren, um den Gottesberg Horeb zu erreichen und dort Gott im sanften Säuseln des Windes zu begegnen (vgl. 3. Kg. 19). – Und auch der göttliche Erlöser, Jesus Christus selbst, wird sich in der Wüste durch Sein vierzigtägiges Fasten auf die Vollendung des Ihm aufgetragenen Erlösungswerkes vorbereiten.

Die Wüste ist Sinnbild für das damalige Israel und für das Elend des sündigen Menschen, für unser Inneres. Sie ist aber auch der Raum für die Begegnung mit Gott. In der Wüste bietet sich den Sinnen kein Vergnügen und keine Abwechslung. Die Seele wird empfänglich für das Geistige, für das Übernatürliche, für das Göttliche. Ja, gerade in den Zusammenbrüchen und in den Wüsten des Lebens ist Gottes Wort oft leichter zu vernehmen. Wieviele haben sich nicht schon bekehrt, als all das, worauf sie ihre Hoffnung setzten, zu Staub zerfiel. Wenn die Quellen irdischen Trostes versiegen oder wenn der Lebenskrug splitternd geborsten ist, setzt ein heilsamer Durst ein. Ein Durst nach Erlösung, das Verlangen nach Gott. So bringen die Wüsten in unserem Leben die heilsame Sehnsucht nach Gott hervor.

Der Jordan

Doch der Täufer wirkte auch noch an einem zweiten Ort. Johannes „zog durch die Gegend am Jordan“ (Lk. 3, 3). Der Jordan ist die Lebensader Palästinas. Wie die Wüste, so hat auch der Jordan eine heilsgeschichtliche Dimension für Israel. Der alexandrinische Kirchenschriftsteller Origenes macht darauf aufmerksam, daß der Name „Jordan“, soviel bedeutet wie „der Herabsteigende“ (vgl. in hom. 2). Das Wasser, welches den Flußlauf „herabsteigt“, spendet dem Land neues Leben. Das Auserwählte Volk hat sich von der Wüste aus nicht nur unter der Führung des Josue an der Jordanfurt gesammelt, sondern den Strom unter seiner Führung auch überschritten. Durch Johannes war Israel aufgerufen, seine geistige Wüste zu verlassen und dem vom Himmel herabgestiegenen Erlöser, den der Täufer vorverkündete, nachzufolgen. Dem Messias, der in die Wasser des Jordan hineintritt, um durch Seine Taufe die unsrige zu heiligen. Um als Heerführer einem neuen Volke Gottes voranzugehen, zur Besitznahme des ewigen Landes der Verheißung, dessen erstes Anrecht bei der heiligen Taufe mitgeteilt wird. 

Der Jordan ist also ein Sinnbild für den aus den Höhen des Himmels „Herabsteigenden“, der unseren wüsten Seelen neues Leben spendet. Wie das Jordanwasser wüstes Land fruchtbar macht, so muß sich auch unsere Seele wieder vom Gnadenstrom Christi fruchtbar machen lassen. Er ist der Quell des übernatürlichen Lebens, der die Wüste unseres Lebens mit Sinn, Freude und Frieden erfüllt. – Dies setzt aber voraus, daß wir Jesus, dem geistigen Lebensstrom auch die Wege in unsere Seele bahnen. Das Flußbett der Gnade muß für Christus wieder gangbar gemacht werden. Das muß bis zu Seiner Ankunft in der Heiligen Nacht geschehen sein, damit der Quell aller Gnaden erneut wie der Tau vom Himmel herabsteigen kann. – Am Jordan war zur Zeit des Josue die Festung Jericho, welche sich dem Einzug Israels nach Palästina entgegenstellte. Durch Gottes Wundermacht wurden ihre Mauern unter Posaunenschall zum Einsturz gebracht. Nun muß das geistige Jericho, das Bollwerk Satans, welches den Zugang zum Gottesreich versperrt, durch die posaunengleiche Bußpredigt des Johannes zum Einsturz kommen.

Die Wegbereitung

Deshalb der Ruf des Täufers: „Die Stimme eines Rufenden: In der Wüste bereitet den Weg des Herrn! Macht eben Seine Straße. Jedes Tal soll ausgefüllt werden. Was krumm ist, soll gerade, unebene Wege sollen eben werden. Und alles Fleisch soll das Heil Gottes schauen“ (Lk. 3, 4-5). – Der Wegbereitung, die Johannes fordert, kommen wir vor allem in der Übung der Tugenden nach. Gegen die Tugenden fehlt der Mensch entweder durch ein Zuviel oder ein Zuwenig, entweder durch einen Mangel, oder durch eine Übertreibung. Wo wir zu wenig demütig, geduldig, liebevoll, gehorsam usw. sind, tut sich gleichsam eine gähnende Schlucht auf, ein weites Tal, das dringend ausgefüllt werden muß, damit der Gnadenstrom nicht darin versickert. Wo wir übertreiben, im Essen, im Genießen, im Ausruhen; wo wir uns im Stolz über andere erheben und voll eitlen Selbstvertrauens sind, da erhebt sich ein großer Berg, der gesprengt, ein Hügel, der abgetragen werden muß, soll nicht der Strom der Gnade davon abgehalten werden und an unserer Seele vorbeifließen. Wo wir krumme Touren verfolgen, unwahrhaftig, unaufrichtig sind, da müssen die Wege begradigt werden mit Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und Treue. Wo die natürlichen Tugenden nicht geübt werden, da können die Wasser der Gnade sie nicht zur übernatürlichen Fruchtbarkeit führen. Dabei spricht man erst von einer Tugend, sofern wir leicht und beständig, also immer und immer wieder das Gute tun. Sieben Tage lang mußten die Hebräer mit der Bundeslade um die Stadt Jericho herumziehen, ehe die Bastion einstürzte. So muß die im Verein mit Gottes helfender Gnade beständig geübte Tugend die Sündenbastion Jericho in unserer Seele zu Einsturz bringen, ehe der Zugang zum Land der Verheißung des Himmels frei wird. „Gewohnheit wird durch Gewohnheit überwunden!“ –

Schließlich kommt zum Wort das Zeichen, zur Predigt der Ritus. Zeichenhaft wird die Predigt des Johannes veranschaulicht durch die Bußtaufe. Taufe ist Waschung. Ein unreines Volk wird gereinigt. Schon der Prophet Elisäus sandte einst den aussätzigen Syrer Naaman (vgl. 4. Kg. 5), um sich in den Jordanfluten von seinem Aussatz rein zu waschen. So bietet uns auch die Kirche einerseits im Bußsakrament und auch in der sanften Buße der Adventszeit eine geistige Jordanflut, damit auch wir vom Aussatz der Sünde genesen und für das ewige Leben erstarken können.

Bereitet den Weg des Herrn!“, dieser Ruf ergeht heute noch ein letztes Mal an uns. Er ruft uns auf, die letzten Tage des Advent mit noch größerem Eifer zur Vorbereitung zu nutzen. An Weihnachten sollen wir Gottes Heil schauen. „Und alles Fleisch wird schauen das Heil“ (Lk. 3, 6). Nur durch die Wegbereitung im Geist des Johannes, können wir unsere Seele für Christus, den vom Himmel herabsteigenden lebensspendenden Jordanstrom öffnen. Nur durch aufrichtige Bekehrung und eifrige Tugendübung kann der Gnadenstrom von Weihnachten unsere innere Wüste zum erblühen bringen. Dann wird auch aus unserer Lebensgeschichte ein Stück Heilsgeschichte, indem Wirklichkeit wird, was schon der hl. Prophet Isaias geweissagt hat: „Es wird sich die öde Wüste freuen, und die Einöde wird blühen wie eine Lilie. Das dürre Land wird zum See, und der lechzende Boden zu Wasserquellen“ (Is. 35,1. 7). – „Stimme eines Rufenden: In der Wüste, bereitet den Weg des Herrn“ (Lk. 3, 4). Amen.