Jetzt ist unser Heil näher“ (Röm. 13, 11).

Geliebte Gottes!

Die Stunde ist schon da, um vom Schlafe aufzustehen“ (Röm. 13, 11), so sagt der hl. Paulus in der heutigen Epistel. „Jetzt ist unser Heil näher.“ Advent ist die Zeit des Aufstehens, des Wachens und des Erwartens. Jedoch wissen wir aus Erfahrung: Aufstehen kann so schwer sein! Gerade jetzt in der kalten, finsteren Jahreszeit kostet es den ein oder anderen schon Überwindung sofort, wenn der Wecker klingelt, aufzustehen und sich für den neuen Tag bereit zu machen. Beim Aufstehen muß man erst einmal die Schläfrigkeit vertreiben. Manche sind „Diesel“, andere „Benziner“. Die einen brauchen eine mehr oder weniger lange Vorglühzeit, während die anderen sofort klar bei Sinnen sind. – Was wir aus dem alltäglichen Leben kennen, das gilt auch für das Leben der Seele. Es geht um das Heil. Es ist näher gerückt. Deshalb müssen wir bereitet sein. Und sollten wir nicht bereit sein, müssen wir uns bereiten.

Die Stunde ist schon da, um vom Schlafe aufzustehen.“ Wenn uns das „ist schon da“ nach 2000 Jahren weniger einleuchtet als zur Zeit des hl. Paulus, dann ist das eine Ermüdungserscheinung in der Christenheit. Langes Warten läßt die Aufmerksamkeit verschleißen. Weil es aber zu den Aufgaben des Christen gehört, ein Wachender und gleichzeitig auch ein Wartender zu sein, reserviert die Kirche jedes Jahr vier Wochen für die besondere Pflege des Wachens und des Wartens – den Advent. Mögen Kinder ihr Warten auf den Heiligen Abend fixieren, für den Erwachsenen geht es um viel mehr. Für den Erwachsenen ist das alljährliche Weihnachtsfest Sinnbild und Vorfreude auf die Vollendung. Der 25. Dezember ist ihm lediglich ein Platzhalter für den Tag, den uns das heutige Evangelium beschrieben hat. Für den Tag, wenn Er, der einst als zartes Kind in die Welt kam, wiederkommt „auf den Wolken des Himmels, mit großer Macht und Herrlichkeit“ (Lk. 21, 27). Wenn sich endlich erfüllt, was in Bethlehem ganz unscheinbar begonnen hat.

Das herannahende Ende

Was würden wir sagen, wenn man von einem Neugeborenen am zweiten Tag seines Lebens behauptete: Nun bist du dem Tod einen Tag näher gekommen? Das kann zwar niemand leugnen, aber man mißt doch unwillkürlich die Zeit an der normalen und erhofften Lebenserwartung und spricht bei einem Säugling noch lange nicht von einem „dem Tode näher kommen“. Bei alten Menschen ist das schon selbstverständlicher, obwohl auch diese gewöhnlich nicht ihre Tage zählen, sondern sich immer noch ein paar Jährchen erhoffen. Der hl. Paulus spricht in seinem Brief, den er in den Kindertagen der Kirche verfaßt hatte, also in der Zeit, wo man gerade erst vor ein paar Jahren zu taufen begonnen hatte, sehr wohl davon, daß man nun dem Ende bereits „näher“ gekommen sei.

Das ist übrigens die einzige gültige Aussage, die man über den Zeitpunkt des Eintretens der Wiederkunft Christi und damit über den Zeitpunkt des Ende all unseres Wartens machen kann. Für den Menschen gibt es eine gewisse Lebenserwartung. Hingegen gibt es keine Norm für die Lebenserwartung der Kirche. Freilich, sie wird Bestand haben, bis Er wiederkommt. Wie lange es bis dahin noch ist, weiß keiner. Genauso wie die Weltgeschichte keinen Anhaltspunkt bot, die Geburt Christi vorauszuberechnen, so bietet sich uns auch kein Anhaltspunkt, anhand dessen sich die Wiederkunft Christi präzise berechnen ließe. Viele Besserwisser haben es natürlich trotzdem immer wieder versucht und haben sich damit blamiert. Dabei weiß doch, seitdem die Apostel den Herrn danach gefragt haben (vgl. Apg. 1, 6 f.), ein jeder, daß die festgesetzte Stunde allein dem Vater (Mk. 13, 32) bekannt ist. Für eine Vorhersage helfen selbst die „Vorzeichen“, von denen das Evangelium spricht, nicht weiter. Es sind Zeichen, die uns immer begleiten. Schon die Kirchenväter verstanden sie zu ihrer Zeit als vorhanden und irrten sich nicht. Es sind Zeichen zum Wachbleiben, nicht zum Rechnen. Alles in allem können wir nur sagen: Ein neues Kirchenjahr beginnt. Es ist wieder Advent. „Jetzt ist das Heil näher, als damals, da wir zum Glauben kamen“ (Röm. 13, 11).

Der Schritt der Hoffnung

Dabei unterscheidet sich der Advent wesentlich von Allerseelenstimmung des November, wenigstens für denjenigen, der im Frieden mit Gott lebt. Allerseelen mahnt, ans Sterben zu denken, an die Vergänglichkeit alles Irdischen und auch an all das Schreckliche, das den unvorbereitet Sterbenden erwartet. Der Advent führt uns über Todesangst und Weltschmerz hinaus. Er ruft uns gerade in der zunehmenden Finsternis der Weltzeit zu: „Erhebet eure Häupter, denn es naht eure Erlösung“ (Lk. 21, 28). Der Advent richtet all unsere Aufmerksamkeit nicht hinab auf die Vergänglichkeit unsers irdischen Daseins, sondern empor auf das ewige Leben. – Der Unterschied besteht nur in einer Akzentverschiebung. Es ist nur ein Schritt. Ein Schritt über das rein natürliche Denken und Empfinden hinaus. Es ist ein wesentlicher Schritt, den nur der gläubige Mensch in seinem Herzen tun kann. – Es ist der Schritt der Hoffnung. Der Advent ermuntert uns zur Hoffnung auf die nahe Erlösung, trotz oder gerade wegen der zunehmenden Finsternis, gerade wegen der Zunahme der Enttäuschungen und Verluste, mit denen wir uns hier auf Erden immer wieder konfrontiert sehen. – Der Ungläubige sagt: „Der Abend rückt näher.“ Bald ist es vorbei. Die Zeit läuft ihm davon. Der Lebensabend senkt sich herab, der Untergang jener Welt wie sie der Ungläubige kennt und liebt. – Der Gläubige hingegen sagt nicht „Der Abend rückt näher“, sondern mit dem hl. Paulus „Der Tag bricht an“ (Röm. 13, 12). Der von der übernatürlichen Hoffnung erhobener Blick sieht weiter. Je finsterer die Nacht dieses Lebens wird, um so weiter ist sie schon vorgerückt, um so näher ist das Morgengrauen, der Anbruch des ewigen Tages, dem der gläubige Mensch entgegenharrt. – Im Advent sollen wir uns darauf besinnen, daß unser Leben im Grunde, selbst in seinen glücklichen Stunden, „Nacht“ ist, gemessen an dem „Tag des ewigen Lebens“, den wir erwarten.

Kinder können über Kleinigkeiten eine Stunde lang restlos glücklich sein, weil sie noch nicht überschauen können, daß es nur unwichtige Kleinigkeiten sind und es Wichtigeres gibt. Viele Menschen bleiben zeitlebens infantil. – Der Katholik muß durch seinen Glauben ein Erwachsener sein, der alles, was ein Erdendasein ausmacht, in seiner Nebensächlichkeit durchschaut und sich auf das Wesentliche freut, das es in dieser Weltzeit noch nicht zu finden gibt. Dieses „noch nicht“ ist das Charakteristikum der christlichen Tugend der Hoffnung. Jene Erwartung, daß das Eigentliche „noch nicht“ erreicht ist, sondern erst noch kommt; auf dessen Empfang man sich vorbereiten muß. Für das es sich lohnt, jetzt Opfer und Verzicht auf sich zu nehmen. Nämlich für das, was die Heilige Schrift als „Heil“ bezeichnet.

Man kann einen Menschen vielleicht mit dem Gedanken an den Tod eine Zeitlang zum Nachdenken bringen. Solange er von der Unausweichlichkeit des Todes und seiner schwerwiegenden Folgen beeindruckt ist, wird er sich zusammenreißen und seinen früheren Leichtsinn bleibenlassen. Aber das hält meist nicht lange, dann blendet das Leben erneut und die Sünde übt wieder ihre Anziehungskraft aus. Nein, ob jemand „reif“ und „erwachsen“ in seinem christlichen Denken ist, das entscheidet sich daran, ob auch die Vorfreude auf das ewige Heil imstande ist, ihn vor dem Leichtsinn der Sünde und vor der Oberflächlichkeit eines Alltags ohne Gott zu bewahren. Wenn das der Fall ist, dann ist die Wirkung nachhaltiger! Hoffnung und Vorfreude auf das Heil spornen an und können auch beibehalten werden, während die Furcht vor Tod und Hölle allein die Seele lähmen und einschnüren. Wohlgemerkt: Die Furcht ist durchaus nützlich. Aber eine heilsame Furcht wird sie erst, wenn mit ihr die hoffnungsvolle Freude auf das ewige Heil einhergeht, welches uns verheißen ist und mittels Reue und Buße erlangt werden kann.

Lebensqualität als Lebensinhalt?

Im Advent soll das Leben im Angesicht der Ewigkeit wieder eingeübt werden, eine Aufgabe, die heute umso dringlicher ist, weil auch unter denjenigen, die sich in der Frage des katholischen Glaubens, der katholischen Messe und über die Tatsache der Vakanz des päpstlichen Stuhles nicht täuschen lassen; weil auch unter uns die „Konzentration auf das Diesseits“ gelebt wird.

Man spricht heute gern von „Lebensqualität“. Obwohl dieses Wort unbedenklich gebraucht wird, so beschreibt es doch genau das Ziel aller Bemühungen des modernen Menschen. Der moderne Menschen ist gottlos. Ihm bleibt nur dieses Leben, und daher ist es verständlich, daß er ständig darum bemüht ist, die Qualität seines Lebensstiles zu steigern. In Wirklichkeit ist die Sorge um die „Lebensqualität“ nichts anderes als Neuheidentum. Praktisch versteht man unter „Lebensqualität“ besser essen, sich teurer kleiden, sich häufiger amüsieren, komfortabler wohnen, ein schwereres Auto fahren und mehr Urlaubstage beanspruchen. All diese Dinge seien den Menschen gegönnt. Wenn diese Dinge aber die „Qualität des Lebens“ ausmachen sollten, dann haben wir die Dekadenz der Spätantike, gegen die der hl. Paulus Stellung nimmt, zum Lebensinhalt gemacht: „Schwelgereien und Trinkgelage“, „Unzucht und Ausschweifung“, „Zank und Eifersucht“ (Röm. 13, 13) – alles in allem „Werke der Finsternis“ (Röm. 13, 12). Daß ein Familienvater oder ein einfacher Arbeiter seine Existenz zu verbessern sucht, ist berechtigt. Wenn wir aber die Notwendigkeit von Einschränkung und Selbstbescheidung in unserem Leben gar nicht mehr vor Augen haben, dann hat uns die Gier nach den Werken der Finsternis insgeheim bereits erfaßt. Wenn um Gewinn- und Genußmaximierung gekämpft wird, als nage man am Hungertuch; wenn die Notwendigkeit, gediegene Arbeit zu leisten, schon als „Ausbeutung“ bezeichnet wird, dann befinden wir uns bereits mitten in den „Werken der Finsternis“. Ein Leben, das „noch nicht“ den vollen Genuß bieten kann, ein Leben als Vorbereitung und Weg zum ewigen Heil, wäre dann auf jeden Fall aus unserem Bewußtsein geschwunden.

Advent muß sein!

Höchste Zeit, daß es Advent wird. Höchste Zeit, sich wieder bewußt zu machen, daß wir dem Tag der Ewigkeit nähergekommen sind. „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag bricht an.“ Der Herr ist nahe! Wer so die Adventszeit erlebt; besinnlich, mit dem hoffnungsfrohen Blick auf den nahenden Herrn, dem man nicht ausweichen kann, dem jeder begegnen muß. Und dem wir doch auch begegnen wollen! Wer im Bewußtsein dieses Augenblicks lebt, den keiner selbst auswählen kann und der nur allzubald eintreffen wird, der wird ein anderer Mensch. Der wird Christ! Der wird ein wachender und wachsamer Mensch sein. Einer der aufsteht, nicht nur wenn morgens der Wecker klingelt, sondern der sich seelisch erhebt. Der sich erheben vom Todesschlaf der Sünde durch eine gut vorbereitete hl. Beichte. Der sich aufschwingen im Gebet, wie wir im Introitus gebetet haben: „Ad te levavi animam meam, Deus meus.“ – „Zu dir erhebe ich meine Seele, mein Gott“ (Ps. 24, 1). Der sich in jugendlicher Frische aufschwingt, alles das, was ihn zurückhält in den anbrechenden Tag zu starten, hinter sich läßt, und mag es noch so mollig warm und angenehm sein. – Wie der Kranke eine Kur und der im Streß Erschlaffte den Urlaub braucht, so braucht der Christ in der Welt den besinnlichen Advent, um Christ zu bleiben, ein Wachender, ein Wartender. Wehe dem, der diese Kur verpaßt! In ihm könnte die Gier nach den „Werken der Finsternis“ chronisch werden – d.h. unheilbar. Wie oft hat man es in unseren Familien, an unseren Kindern, Enkeln, Nichten und Neffen, an Bekannten und Freunden schon erlebt und bitter, bitter beweint. Obwohl in katholischem Umfeld groß geworden, waren sie als Kind zu verspielt, als Jugendliche zu berauscht vom Leben, als Erwachsener zu beschäftigt, als Greis zu müde, um ein im Wachen und Warten ausharrender Katholik zu sein; bis der Grabstein über dem Sarg ein Denkmal für ein verfehltes Leben ist. Gott, Christus, die in Ihm nahende Erlösung, spielen in ihrem Leben keine Rolle.

Es lohnt sich zu leben!

Wer sich hingegen dem Advent überläßt und andere zum Hoffen auf das Heil anleitet, dessen Warten auf den Erlöser wird alles Bangen und jede Drohung verlieren. Es lohnt sich zu leben! Es lohnt sich zu leben, ganz unabhängig von Covid-19, Lockdown-Regelungen, dem allgegenwärtigen politischen Unrecht und Chaos; ganz unabhängig von dem Auf und Ab der persönlichen Schicksale. Es lohnt sich zu leben, denn „Der Herr ist nahe“ (Jak. 5, 8) und unser Heil ist näher gerückt. Das allein zählt! – Wir haben alle eine gewaltige Zukunft vor uns! Wir haben eine Ewigkeit vor uns! Nur wer sich darauf besonnen hat, kann geduldig ausharren in der finsteren, kalten Weltzeit. Der läßt sich nicht irre machen, wenn das Leben uns seine Härten spüren läßt und vielleicht nur wenig von der wärmenden Liebe und Güte der göttlichen Vorsehung oder vom Lohn für Gottesfurcht, Ehrlichkeit, Treue und Verzicht spürbar wird. Die Verlagerung des Lebensschwerpunktes in das kommende, ewige Leben und die Begegnung mit dem kommenden Herrn nimmt dem Leid das Bestürzende, der Verführung das Faszinierende und macht den Menschen gleichmütig und gelassen. Nichts überzeugt so sehr, als die Kraft zur geduldigen Gelassenheit eines Menschen, der noch weiß, daß er eine Zukunft hat.

Nur mit der starken Orientierung aufs Jenseits, aufs ewige Leben, bleibt christliche Frömmigkeit echt. Nur wenn gesteigerte Lebensqualität mit größerer Innerlichkeit und tieferem Glauben an das ewige Heil gleichsetzt wird.

Beten wir dieser Tage ganz bewußt den dreimaligen „Engel des Herrn“ und greifen wir oft zum Rosenkranz. Maria ist die adventliche Seele, die ihren Blick stets erhoben hielt auf die herannahende Erlösung. Sie ist in hoffnungsfroher Erwartung. Wie sie ihrem göttlichen Sohn durch ihre leibliche Mutterschaft den Weg in diese Welt gebahnt hat, so wird sie es auch kraft ihrer geistigen Mutterschaft in unseren Seelen tun. Sie wird unsere Seele aufrütteln aus der Schläfrigkeit unserer Träumereien von behaglicher Bequemlichkeit. Sie wird uns aufwecken aus dem Albtraum der Verzweiflung und Depression angesichts der Ereignisse um uns herum. Sie wird uns aufmuntern, die warme Bettdecke unserer saumseligen Opferscheu abzustreifen, um uns froh für den anbrechenden Tag der Ewigkeit bereit zu machen. „Brüder! Ihr wißt, die Stunde ist da, vom Schlafe aufzustehen, denn jetzt ist unser Heil näher.“ Amen.