Das innerliche Gebet

Geliebte Gottes!

Christus ist in den Himmel aufgefahren. Der Herr ist den Augen der Jünger entschwunden. Sie können den Herrn in Seinem menschlichen Leib nicht mehr berühren und Ihn mit ihren Augen nicht mehr schauen. Obwohl er nun entrückt zur Rechten des Vaters thront, ist Er den Seinen doch nahe. Er ist uns nahe in seiner Allgegenwart. Er bleibt bei uns verborgen im Sakrament des Altares. Und Er wohnt in unserer Seele durch die heiligmachende Gnade. Auch wenn Er unseren Sinnen entzogen ist, so bleibt Er für unsere Seele stets zugänglich. Wir können unsere Seele aufschwingen zu Ihm, mit Ihm förmlich verkehren durch unser mündliches Gebet. Wir können und sollen aber auch mit Ihm ganz ungezwungen Umgang pflegen, wie der Freund zum Freund redet; von Herz zu Herz. Das geschieht durch das innerliche Gebet.

Ohne innerliches Beten wird das mündliche Gebet all zu leicht zu einem Leib ohne Seele, zu einer pharisäische Zeremonie oder zu bloßem Geplapper, an dem Gott kein Wohlgefallen hat (vgl. Is. 29, 13 ff.). Um das zu verhindern, ist die Pflege des inneren Gebetes dringend notwendig. Doch leider ist diese Gebetsform vielen Katholiken unbekannt. Mache wissen, daß Priester, Mönche und Ordensschwestern das betrachtende Gebet pflegen. Als Laie aber kommt man damit zumeist nur bei Exerzitien damit in Berührung. Das sollte eigentlich nicht so sein.

Das innerliche Gebet

Das innerliche Gebet ist ein Aufschwung der Seele zu Gott, eine persönliche Unterhaltung des Herzens mit dem Allerhöchsten, ohne dabei seine Gedanken äußerlich mit Worten auszusprechen. – Diese Gebetsform wird oft auch „Betrachtung“ oder „Meditation“ genannt. Das dieser Bezeichnung zugrundeliegende lateinische Wort „meditari“ gibt uns den Kern der Sache an, um den es geht. Es bedeutet übersetzt „nachsinnen“. In der lateinischen Bibel ist sehr oft davon die Rede, daß der fromme, gottesfürchtige Mensch über das Gesetz des Herrn nachsinnt. Es ist ein Eingehen in das Göttliche, ja eine Versunkenheit in dasselbe. Wie ein Adler am Himmel kreist, so kreist der betrachtende Geist um einen Gegenstand unseres Glaubens. Er beschäftigt sich inwendig und auswendig damit und verinnerlicht ihn auf diese Weise, indem er ihn von allen Seiten betrachtet und in seinem ganzen Umfang durchdenkt, ihn in sein Inneres aufnimmt, ihn gleichsam verspeist – wie etwa der Prophet Ezechiel (Ez. 3, 1) oder der hl. Evangelist Johannes auf Patmos (Offb. 10, 8 ff.) die Buchrolle – und beherzigt.

Sehen und Betrachten

Es besteht ein Unterschied, ob man etwas sieht oder ob man etwas betrachtet. Wenn man die Stuttgarter Staatsgalerie besucht, so bekommt man dort jede Menge Gemälde zu sehen. Wenn man die zahlreichen Räume durcheilt, so hat man am Ende zwar vielleicht alle Exponate gesehen – aber nicht betrachtet. Wenn wir aber vor einem dieser Gemälde stehen bleiben, und es aufmerksam betrachten, so werden uns dabei zahlreiche Details auffallen, die wir im Vorbeigehen gar nicht wahrgenommen hätten. Das betrachtende Auge kreist über dem Gemälde. Der Blick geht hierhin und dorthin, dann wieder zurück auf ein Detail, das uns besonders anspricht. Unser Geist versucht die Aussage des Bildes, das, was der Künstler damit sagen wollte herauszulesen und damit fängt das leblose Gemälde an seine Geschichte zu erzählen. Schön ist es auch, gemeinsam – also mit einem Führer oder einem kunstverständigen Freund – in einem Museum die einzelnen Kunstwerke in Augenschein zu nehmen. Der Begleiter wird uns auf die eine oder andere rätselhafte Besonderheit hinweisen und uns vielleicht zu einem tieferen Verständnis des Dargestellten verhelfen.

Dasselbe geschieht beim innerlichen Gebet. Die Geheimnisse unsere Glaubens, die Szenen des Evangeliums sind ja großen, geheimnisvollen Gemälden vergleichbar. Wenn wir uns in die Szenen des Evangeliums versenken, sie auf uns wirken lassen, um innerlich darüber mit Gott zu sprechen, werden wir davon geprägt, wird unser Geist erfrischt und angespornt zur Gottesliebe und zur Übung jener Tugenden, die wir an den Personen der jeweiligen Evangelien-Szenerie betrachtet haben. Wir betrachten die Glaubensgeheimnisse zusammen mit Gott. Er ist unser kunstverständige Freund, der uns auf bestimmte Einzelheiten, die für unser Verständnis wichtig sind aufmerksam machen wird. Freilich nicht mit Worten oder Einsprechungen, sondern in Form von innerlichem Licht oder in Form von Anregungen unsers Willens zu guten Entschlüssen und Vorsätzen.

Das innerliche Gebet in der Praxis

Wie macht man nun eine Betrachtung? – Die Vorbereitungen: Man muß in seinem Tagesablauf dafür eine Zeit festsetzen. So wie man sich mit einem Freund zu einem Treffen verabredet. Am besten eignen sich hierfür 15 bis 20 Minuten am Morgen. Da ist der Tag noch ein unbeschriebenes Blatt, und unsere Aufmerksamkeit ist noch nicht, oder wenigstens noch nicht so stark, von den Berufs- und Standespflichten beeinträchtigt. Man wähle sich auch vorab einen bestimmten Betrachtungsgegenstand aus. Also den Gesprächsstoff, worüber man sich mit Gott innerlich austauschen wird. Es eignet sich dazu vor allem natürlich das Leben Jesu, wie es die Evangelien berichten, oder auch die Eigenschaften Gottes, wie sie der Katechismus erklärt. Sehr geeignet sind auch die Frage nach dem Sinn des Lebens, meine Berufung, die letzten Dinge – Tod, Gericht, Himmel und Hölle. Wenn uns nicht Spezielles einfällt, sagt der hl. Alphons, so sollen wir über die Passion Christi betrachten. Sie ist so reichhaltig, daß wir sie im Leben nicht ausschöpfen können.

Zu Beginn setzt man einen Akt der Demut. Wir bekennen also vor Gott, daß wir aus uns selbst nichts vermögen und aus uns nichts verstehen, sondern Seiner gnadenhaften Führung und Erleuchtung bedürfen. Ja, wir sind sogar nicht nur unfähig, sondern darüber hinaus aufgrund unserer vielen Sünden ganz und gar unwürdig und bedürfen deshalb einer besonderen Herablassung des Erbarmens Gottes. In der Anerkennung dieser Tatsachen setzen wir einen Akt der Demut. Wir müssen zuerst vor Gott im Geist der Demut hintreten und so wieder Zöllner im Tempel betete: „O Gott, sei mir armen Sünder gnädig.“ Wenn wir das vergessen oder übergehen, gleichen wir sonst dem Pharisäer der sich selbstbewußt und stolz vor Gott aufpflanzt, als stünde er auf Augenhöhe mit Ihm.

Akt des Glaubens

Das nun beginnende innere Gespräch, die eigentliche Betrachtung, kann man einfach einteilen in die Betätigung der drei göttlichen Tugenden. Zuerst müssen wir einen Akt des Glaubens setzen indem wir im Glaubenslicht den jeweiligen Gegenstand der Betrachtung anschauen. Beispielsweise die Himmelfahrt unseres Herrn. Wie einen Film lassen wir die Personen, ihre Worte, ihre Handlungen vor unserem geistigen Auge ablaufen. Ganz langsam, um die Szene auf uns wirken zu lassen. Wir halten immer dann an oder spulen zurück, wenn uns etwas besonders anspricht. Das nun einsetzende geistige Erkennen, kreisende Durchdringen und Nachsinnen des Verstandes ist die Grundlage des inneren Gebetes. Darin besteht die Aufnahme in das Herz des Beters. Das Betrachtete wird erwogen. Worum geht es? Was ist gesagt? Warum? Welche Bedeutung hat das? Was bedeutet das für mich? Der Verstand durchleuchtet die Szene im Glauben und versucht dabei alles, was ihn anspricht zu erwägen. Beispielsweise die bedeutungsschweren Worte: „Wer glaubt und sich taufen läßt, der wird gerettet. Wer nicht glaubt, der wird verdammt werden“ (Mk. 16, 16). Wir erwägen die Worte. Wer sagt das? – Jesus Christus, die ewige Wahrheit. Was will Christus damit sagen? – Daß der Glaube und die Taufe heilsnotwendig sind. Meint Christus damit aber etwa nur, daß es mit dem Empfang der Taufe schon getan ist? Oder besteht nicht auch die Gefahr, daß der Getaufte „nicht glaubt“, weil sein Glaube keine guten Werke zeitigt und das – obwohl er die Wahrheit alle katholischen Glaubensdogma bekennt.

In diesen Überlegungen und Erwägungen besteht jedoch noch nicht das eigentliche Gebet, sondern lediglich die notwendige Vorarbeit. Beten heißt: Sprechen mit Gott! Unsere Seele muß also nun zu dem, was sie betrachtet hat, persönlich Stellung nehmen, sich mit Gott darüber austauschen. Die geistlichen Lehrer sprechen davon, daß man das, was man durch Gottes Hilfe erkennen durfte, Ihm nun betend darbringe und dabei, ganz wie es aus dem Herzen hervorquillt, Akte der Anbetung, der Liebe, der Reue, der Bewunderung, des Hasses gegen die Sünde, etc. zu setzen. Wir dürfen und sollen Gott bei Rätselhaftem, Unverstandenem um Erleuchtung bitten.

Das innerliche Gebet soll in einem ruhigen, beschaulichen Verweilen im Licht des Betrachteten nachklingen. Man gehe also nicht zu schnell zum nächsten Punkt über, sondern vergesse nicht das „fühlen und kosten der Dinge von innen her“ (Ex. Nr. 2), wie der hl. Ignatius von Loyola seine Exerzitanten belehrt. Und der hl. Franz von Sales sagt, man solle sich die Bienen zum Vorbild nehmen. Diese verweilen solange an einer Blüte, bis sie keinen Nektar mehr gibt. Erst dann fliegen sie zur nächsten weiter. Ist die Szene ausgekostet, so wird erneut die geistige „Pausetaste“ gedrückt und die Betrachtung der „Filmsequenz“ fortgesetzt. Und immer so fort. Man kann sich zur Unterstützung auch die Worte der hl. Schrift vor Augen halten oder ein Betrachtungsbuch gebrauchen, welches diese Szene schon ein wenig ausgewertet und aufbereitet hat.

Akt der Hoffnung

Das Gespräch mit Gott sollte stets einen Akt der übernatürlichen Hoffnung beinhalten. D.h. die Bitte, um eine übernatürliche Gnade, die ich in meinen Erwägungen als notwendig erkannt habe. Daß wir die im Glauben betrachtete Lehre in unserm persönlichen Leben umsetzen und verwerten können. Für unser heutige Christi-Himmelfahrt-Betrachtung wäre das die Bitte, den heilsnotwendigen Glauben bewahren zu können; die Gnade der Beharrlichkeit bis ans Ende geschenkt zu bekommen, um unsere Seele retten zu können; die Gnade der Bekehrung für die Sünder, für die Un- und Irrgläubigen, damit sie der ewigen Verdammnis entgehen, usw. Die Bitte um das Heil ist unser wichtigstes Anliegen. Alles Gold der Welt, die beste Gesundheit und allseitige Ehrungen können uns das ewige Leben nicht erwerben.

Akt der Liebe

Die Hoffnung wird uns schließlich fast automatisch zu Akten der Liebe führen. Die Akte der Liebe stellen das Herz der Betrachtung dar. Die Liebe eint den Liebenden mit dem Geliebten. Die Akte der Liebe vereinigen uns mit Gott, machen uns Ihm gleichförmig. Sie bestehen darin, daß wir Gott sagen, daß wir Ihn lieben; daß wir Ihn mehr lieben wollen als wir es mit unserem kleinen Herzen können. Sprechen wir: „Hilf mir, daß ich in Zukunft nicht mehr lüge, wenn ich zu Dir sage: ‚Ich liebe Dich!‘“ Wie oft sagen wir, daß wir Gott lieben, und doch sündigen wir so viel. Am Ende der Betrachtung sollen solche Ausrufe der Sehnsucht und der Liebe zu Gott stehen. Wie ein Kind ganz natürlich zu seinem Vater sagt: „Ich lieb dich.“ Es soll ganz ungezwungen, ganz natürlich sein. Wovon unser Herz überfließt, das sollen wir Gott sagen. An dieser Stelle sollte weniger der Verstand, auch nicht das Gefühl sondern vor allem unser Wille tätig sein. Wir lieben nicht mit dem Gefühl, sondern mit dem Willen. „Der ist es der mich lieb“, sagt unser Herr Jesus Christus „der den Willen meines Vaters tut.“ Deshalb bitten wir: „Ich bitte Dich, meinen Willen an Deinen göttlichen Willen anzugleichen. Dein Wille geschehe! Ich will alles ausmerzen, was mich aufgrund meines Eigenwillens zum Sklaven der Sünde macht. Ich will alles überwinden, was in meiner Seele Unordnung verursacht: meinen Stolz, meine Selbstsucht, meine Sinnlichkeit. Laß mich immer mehr zunehmen in dem göttlichen Leben der Gnade. Vermehr in mir Deine Liebe.“ Das sind Beispiele dafür, wie wir während und vor allem am Ende der Betrachtung Akte der Gottesliebe setzen können.

Schließlich soll man nach den spontanen Akten zum Abschluß des innerlichen Gebetes andächtig ein mündliches Gebet sprechen, etwa ein Vater unser und ein Ave Maria.

Meister des innerlichen Gebetes

So ist das innerliche Gebet eine ganz einfache und natürliche Betätigung der drei göttlichen Tugenden: unseres Glaubens, unserer Hoffnung und unserer Liebe. Viele Katholiken haben durch diese Weise des Betens ihre Liebe zu Gott beflügelt und zugleich das Wort Gottes in seiner Fülle in sich wohnen lassen wie der hl. Paulus mahnt (vgl. Kol. 3, 16). Gestalten wie die der heiligen Kirchenlehrer Bernhard von Clairvaux oder Antonius von Padua geben uns durch ihre schriftgesättigten Predigten bis heute Anteil an den Früchten ihres innerlichen Gebetes.

Um die Kunst des innerlichen Gebets zu lernen, sollten wir auch nicht vergessen, uns an die Gottesmutter zu wenden, und sie um ihre Fürbitte anzurufen. Wiederholt berichtet der hl. Lukas von Maria, daß sie alles in ihrem Herzen bewahrte und innerlich in ihrem unbefleckten Herzen erwog. Wie sollte sie, die Meisterin des innerlichen Gebetes, uns ihre Hilfe verweigern können, die wir bestrebt sind ihr nachzufolgen? Machen wir es also wie die Apostel, nachdem unser Herr Jesus Christus in den Himmel aufgefahren war. Es heißt von ihnen: Hierauf kehrten sie vom Ölberg, wieder nach Jerusalem zurück. Sie stiegen in das Obergemach hinauf und verharrten dort einmütig im Gebet, versammelt um Maria, der Mutter Jesu. Amen.