Zweiter Fastensonntag
Von den Sünden gegen die Keuschheit
Geliebte Gottes!
Nachdem wir am vergangenen Sonntag darüber belehrt wurden, mit welchen Kunstgriffen der Teufel vorgeht, um uns zu Fall zu bringen, uns ins Unglück zu stürzen, uns mit sich in den Abgrund der Hölle zu reißen, belehrt uns der hl. Paulus in der heutigen Epistel über die Absichten Gottes.
„Das ist der Wille Gottes: eure Heiligung!“
Der Völkerapostel weist darauf hin, daß das gesamte Wirken Gottes bei jedem einzelnen Menschen darauf hinzielt, ihn zu heiligen. „Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung!“
Das ganze Erlösungswerk, alle Offenbarungen des Alten und des Neuen Testaments, das Leiden und der Tod unseres Herrn und Heilandes, die Stiftung und das Wirken der hl. katholischen Kirche durch die Spendung der hl. Sakramente, durch die Verkündung der Glaubens- und Sittenlehre in der Predigt, durch die Tätigkeit des Heiligen Geistes im Verborgenen einer jeden Seele im Stande der heiligmachenden Gnade, durch alle inneren Mahnungen und Anregungen durch das Gewissen, ja selbst durch die zeitlichen Strafen, die einen jeden von uns durch Unglück, Unrecht, Krankheit oder sonstige Härten des Lebens treffen – all das zielt nach dem Willen Gottes einzig und allein darauf hin, uns zu heiligen. Alles zielt darauf hin, unsere Seele also von der ungeordneten Eigenliebe und von den sieben Hauptsünden zu läutern und zu reinigen, um uns mit übernatürlichem Leben und ewigen Verdiensten zu erfüllen.
Dabei kann sich jedoch das Bemühen um Heiligung nicht allein auf die Seele beschränken, sondern muß auch den Leib erfassen. Der Leib ist das Gefäß der Seele, ihr Wohnort. Wie die Seele rein und heilig sein soll, so muß diese Reinheit und Heiligkeit auch auf den Leib übergreifen: Seine Triebe, seine Begierden, seine Leidenschaften ordnen und beherrschen.
Der Leib des Christen ist durch die Menschheit des Heilandes geheiligt. Er ist im Wasser der Taufe reingewaschen, durch die Salbung der göttlichen Gnade geweiht, mit dem Sakrament des heiligsten Leibes und Blutes Christi genährt. – So wie wir im heutigen Evangelium den Leib unseres Herrn Jesus Christus ganz vom Licht der Verklärung ergriffen sehen, so soll auch unser Leib bei der Auferstehung des Fleisches ganz vom göttlichen Licht der Verklärung erfaßt werden. Auf dem Tabor griff die göttliche Herrlichkeit der Seele Christi auf Seinen heiligen Leib über. Die Heiligkeit Seiner göttlichen Seele durchleuchtete das Gefäß, Seinen Leib, so daß Sein Fleisch gewissermaßen durchsichtig wurde; nein, nicht durchsichtig, sondern die Eigenschaften Seiner Seele annahm.
Ferner berichtet uns das Evangelium, daß selbst die Kleider des Heilandes von dem Glanz Seiner Herrlichkeit erfaßt wurden. Der hl. Papst Gregor d. Gr. sagt dazu, daß die Gewänder Christi strahlend geworden sind, „weil Ihm auf dem Gipfel des höchsten Glanzes alle Heiligen, leuchtend im Licht der Gerechtigkeit, anhängen werden. Mit dem Ausdruck ‚Gewänder‘ sind die Gerechten bezeichnet, mit denen Er sich umgeben wird.“ (PL 76/640). Die strahlendweißen Kleider Christi, das sind also die Gläubigen der hl. Kirche. Denn die Gläubigen sind durch den Glauben mit dem menschgewordenen Sohn Gottes in Berührung, hängen Ihm an, werden selbst durch Ihn erleuchtet und verklärt. Wie die Gewänder Christi vom Licht der Verklärung durchstrahlt und umgewandelt werden, so sollen auch die Gläubigen durch das heiligende Wirken Gottes eine Umgestaltung erfahren, nämlich eine innere Umwandlung in „den neuen Menschen, der nach Gott geschaffen ist, in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit“. (Eph. 4,24).
Kurz: Gott will, daß unsere Seele und unser Leib durch Jesus Christus geheiligt werden. Dadurch sollen wir schon in diesem Leben glücklich und im nächsten Leben selig werden. Wenn wir uns also in geordneter Weise selber lieben und damit unser wahres Wohl suchen, dann können wir gar nicht anders, als unser ganzes Denken und Reden, unser ganzes Tun und Lassen ganz auf das auszurichten, was Gott zu unserer Heiligung für jeden von uns angeordnet hat.
„Enthaltet euch der Unzucht!“
Im Weiteren macht uns der hl. Paulus in der Epistel eindringlich besonders auf eine Gefahr aufmerksam, die das göttliche Wirken in unserer Seele vereitelt: „Enthaltet euch der Unzucht, daß ein jeder von euch sein Gefäß“ – nämlich seinen Leib – „in Heiligkeit und Ehre zu besitzen wisse, nicht in leidenschaftlicher Lust, wie auch die Heiden, die Gott nicht kennen.“ Die Unzucht ist gerade jenes Laster, das auf dem Boden des Heidentums wuchert, das in den heidnischen Religionen vergötzt und auch dazu im Stande ist, die Christen wieder zum Heidentum zurückzuführen: zur Gottentfremdung, zum Unglauben, zur Verblendung, zur Verstocktheit in der Sünde, zum ewigen Tod. Der große Abfall, dessen Zeugen wir in den letzten Jahrzehnten geworden sind, und insbesondere dessen rasanter Verlauf sind vor allem dem Laster der Unkeuschheit geschuldet. Ein Laster, das aus Heiligen Verworfene, aus Reinen Unreine und aus Christen Heiden macht.
Um uns davor zu hüten und um den Plan Gottes, uns Seinem geliebten Sohn ähnlich zu gestalten, nicht zu vereiteln, müssen wir der Frage nachgehen, welche Sünden gegen die Keuschheit es denn gibt. Dabei unterscheidet der Katechismus und auch der Beichtspiegel folgende Kategorien:
- freiwillige unkeusche Gedanken und Begierden.
- unkeusche Reden, Scherze und Lieder.
- wohlgefälliges Anhören oder Lesen unkeuscher Dinge.
- unkeusche Blicke und Handlungen.
Für heute wollen wir uns auf die ersten beiden Kategorien beschränken. Zum einen, weil die Gedanken- und Zungensünden oft wenig beachtet und viel unterschätzt werden, hingegen die Verwerflichkeit unkeuscher Blicke und Handlungen offensichtlich ist.
Was ist unkeusch?
Bevor wir uns den genannten Bereichen näher zuwenden, müssen wir die Frage beantworten: Was ist denn unkeusch? Wie man die Tugend der Keuschheit auch Tugend der „Reinheit“ nennt, so wird die Unkeuschheit nicht selten als „Sünde der Unreinheit“ bezeichnet. Man darf aber Unkeuschheit und Unreinheit nicht miteinander verwechseln. Wer mit schmutzigen Händen, mit ungepflegtem Gesicht, mit fettigem, strähnigem Haar, mit penetrant säuerlich riechenden oder schmutzigen Kleidern erscheint, von dem sagt man, er sei „unreinlich“. Man kann aber deswegen noch keineswegs sagen, er sei „unkeusch“. – Unkeusch ist das, was gegen die Schamhaftigkeit verstößt.
Nun, was ist Schamhaftigkeit? Sie ist ein angeborenes Gefühl, das sich bei allen nicht ganz verdorbenen Menschen regt und uns gebietet, den Leib und die Glieder des Leibes zu bedecken und bedeckt zu halten, insbesondere, wenn sich die Augen anderer auf uns richten. Das Schamgefühl ist eine Empfindung, die uns zurückhält, gewisse Worte auszusprechen; durch die wir von gewissen Reden peinlich berührt werden und die uns vielleicht erröten läßt. Es ist ein Gefühl, das die Blicke zügelt, das uns selbst unreine Vorstellungen unangenehm erscheinen läßt. – Adam und Eva merkten nach der ersten Sünde, daß sie nackt waren. Sofort erwachte das Schamgefühl, und sie bedeckten sich mit Feigenblättern.
Was gegen die Schamhaftigkeit verstößt, das richtet sich auch gegen die Keuschheit. Denn die Schamhaftigkeit ist die Begleiterin, die Wächterin, die Lehrerin und die Behüterin der Keuschheit. – Bei einem bildlichen Vergleich mit einer mittelalterlichen Burg wäre die Keuschheit der zentrale Turm, der Bergfried. Und die Schamhaftigkeit wäre die weite Ringmauer, welche den Bergfried von den heranstürmenden Feinden abschirmt.
a) Gedankensünden
Zu den Sünden gegen die Keuschheit gehören nun an erster Stelle freiwillige unkeusche Gedanken und Begierden. – Gedanken und Begierden sind nicht dasselbe, auch wenn sie oft zusammen sind oder aufeinander folgen. Ein Gedanke ist etwas Geistiges. Er hat seinen Sitz im Verstand. Eine Begierde ist ein sinnlich wahrnehmbares Gefühl der Leidenschaft. Ein unkeuscher Gedanke ist dann vorhanden, wenn der Geist sich etwas vorstellt, was gegen die Schamhaftigkeit ist. Eine unkeusche Begierde ist ein Wunsch, ein Verlangen, etwas zu sehen, zu hören, zu tun, etwas geschehen zu lassen, was unkeusch oder unschamhaft ist. An dieser Stelle müssen wir betonen, daß unkeusche Gedanken und Begierden Sünde sind, wenn sie freiwillig sind. Wann sind sie freiwillig? Wenn man sie sucht oder wenn man sie mit Wohlgefallen im Geiste unterhält, sie gewissermaßen in der Phantasie „beherbergt“, und zwar nachdem man sie bemerkt hat und einem bewußt ist, daß dieser Gedanke böse und sündhaft ist. – Ein Gastwirt wird manchen Gast aufnehmen, den er nicht kennt, vielleicht auch so manchen, der ihm etwas verdächtig vorkommt. Sobald er aber bemerkt, daß es sich bei dem Gast um einen gesuchten Verbrecher, einen Einbrecher, einen Räuber handelt, wird er ihn sofort vor die Tür setzen. Sonst würde er sich mitschuldig machen, einem Verbrecher Obdach gewährt zu haben. – Entsprechend haben wir die Pflicht, auf schlechte Gedanken zu reagieren. Sobald wir sie als böse, als sündhaft – in unserem konkreten Fall als unschamhaft und unkeusch – erkennen, müssen wir sie sofort und ohne Zögern vertreiben.
Unkeusche Gedanken und Begierden, die vollständig freiwillig sind, die also von uns mit Wissen und Willen in unserem Inneren geduldet werden, sind Sünde! Ja, sogar ohne Zweifel schwere Sünde!
Manche behaupten verhängnisvollerweise: „Solange nichts geschehen ist, solange sich der Gedanke nicht in der unkeuschen Tat äußert, liegt keine Sünde vor. Gedanken sind frei.“ – Das ist eine große Täuschung! Das mag vor dem weltlichen Gericht gelten, aber nicht vor dem göttlichen. Das Menschenauge sieht nur das Äußere; „Gott aber schaut das Herz.“ (1. Sam. 16,7). Darum verbietet das menschliche Gesetz nur äußere Handlungen und richtet und bestraft nur äußere Handlungen. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, daß das weltliche Gericht über das Innere des Menschen nicht urteilen kann, weil es keine Beweise erheben kann. Nur Gott kennt unsere Gedanken. Deshalb sagten schon die alten Römer: „Praetor de internis non judicat.“ – „Der Prätor“ – also der Richter – „urteilt nicht über das Innere.“ Insofern sich die Gedanken und die unausgesprochenen Überzeugungen und Wünsche der menschlichen Justiz entziehen, sind sie frei. Aber vor Gott, dem allheiligen und allwissenden Gesetzgeber und Richter, sind sie nicht frei. Sie sind sowohl Seinen Gesetzen als auch Seinem Gericht unterworfen. Und wenn Ihm die unkeuschen Werke schon so sehr mißfallen, daß Er sie mit einer ewigen Strafe ahndet, wird Er dann diejenigen als schuldlos oder als straflos ansehen, die in Gedanken und Begierden sich an diesen Dingen erfreuen? Christus selbst verurteilt die unkeuschen Gedanken und Begierden. Ja, sie kommen der vollzogenen Tat an Schuldhaftigkeit und Strafwürdigkeit gleich. „Wer ein Weib nur ansieht, um es zu begehren, der hat schon die Ehe mit ihr gebrochen.“ (Mt. 5,28). Das sind Worte des Heilandes. Und sie bedeuten, daß die unkeusche Begierde Sünde und geistiger Ehebruch ist. – Von wegen also, es sei bei freiwilligen unkeuschen Gedanken ja noch nichts geschehen. Gerade das Wesentliche ist schon geschehen, nämlich das bewußte Wohlgefallen und die freie Einwilligung in einer schweren Angelegenheit. Also ist nichts Geringeres als eine Todsünde geschehen!
Dazu kommt noch ein anderes. Da die freiwilligen unreinen Gedanken und Begierden rein innerlich sind, so kommt es leicht vor, daß derjenige, der diese Sünden begeht, wenig darauf achtet und sie für geringfügiger hält, als sie wirklich sind. Innere Krankheiten, z. B. Krebs, Diabetes, die Fettleber etc., sind schwerer zu erkennen, werden nicht selten spät, wenn nicht sogar zu spät, bemerkt und sind deshalb gefährlicher und verderblicher als Krankheiten, die gleich bei ihrem Ausbruch klar erkennbare äußere Symptome hervorrufen.
Und schließlich sind die freiwilligen unkeuschen Gedanken darum so bedenklich, weil sie so leicht wiederholt werden und der Zahl nach ins Ungeheure wachsen. Zu den äußeren Sünden fehlen häufig die Gelegenheit, die Zeit, der geeignete Ort, der Mut. Die Furcht vor Schande, vor Strafe, vor Zeugen hält davon ab. Aber diese inneren Sünden können bei Tag und bei Nacht, alleine oder in Gegenwart vieler Menschen, auf der Straße oder sogar in der Kirche begangen werden. Sie vermehren sich leicht, je unbedenklicher sie eingeschätzt werden. – Für manche Regionen sind die vergleichsweise kleinen Heuschrecken, die in millionenfacher Zahl über die Äcker herfallen, eine schlimmere Plage, als es giftige Schlangen und blutgierige Löwen sind.
Wie sollen wir uns vor den Gedankensünden gegen die Keuschheit schützen? Wer könnte von sich sagen, daß sein Herz von den Versuchungen zu unreinen Gedanken und Begierden ganz frei wäre? Immer wieder kommen einem „dumme Gedanken“ in den Sinn. Ungerufen. Ungewollt. Unerwartet. Anfänglich unbemerkt. – Insofern sind sie auch noch keine Sünde, sondern lediglich eine Versuchung.
Damit die ungerufenen „dummen Gedanken“ jedoch nicht zur Sünde werden, müssen wir folgende Mittel ergreifen. Und zwar einmal das Mittel der Wachsamkeit gegen die Gedanken und Begierden, die noch nicht (!) da sind. Wer im Krieg eine Festung verteidigt, muß vor allem Wachen aufstellen und aufpassen, daß er den Feind rechtzeitig bemerkt, wenn er sich zum Angriff bereitmacht, um ihm Widerstand zu leisten, ehe er die Festung überrumpelt. „Wachet und betet!“, mahnt der Herr eindringlich. „Mit aller Wachsamkeit bewahre dein Herz!“
Wenn aber Gedanken und Begierden ungerufen, unerwartet, unbemerkt in unserer Phantasie aufsteigen bzw. sich in unser Herz eingeschlichen haben und die vielleicht plötzlich unser Herz gefangen zu nehmen scheinen; wenn also die Gedanken und Begierden da sind, dann greifen wir beherzt zu dem zweiten Mittel: Leisten wir ihnen Widerstand! – „Das weiß ich wohl“, sagt einer, „aber sie sind da, ehe ich sie bemerke; sie haben sich in meinem Herzen einen Platz gesucht, ehe ich bemerkte, was für abscheuliche Sachen es waren, und auch wenn ich widerstehe, so bleiben sie. Und je länger und entschiedener ich widerstehe, umso länger bleiben sie und umso schrecklicher stürmen sie auf mein armes Gemüt ein.“
Merken wir uns gut, liebe Gläubige! Solange wir die Bösartigkeit der Gedanken und Begierden nicht bemerkt haben, solange wir ihnen widerstehen, solange wir ihnen unser Wohlgefallen verweigern, solange sie unser Mißfallen erregen, uns lästig und unangenehm sind, solange sind sie nicht freiwillig oder doch nicht ganz freiwillig. – Des Nachts steigt ein Einbrecher unbemerkt in unser Haus ein. Können wir als schlafende Eigentümer ihn hinauswerfen, wenn wir ihn nicht bemerkt haben? Nein! Nun bemerkst du ihn. Was nun? „Hinaus mit dir!“, sagen wir. Er bleibt. Wir wiederholen den Befehl. Vergeblich. Wir versuchen, ihn mit Gewalt aus dem Haus zu vertreiben. Doch der Einbrecher widersetzt sich. Wir strengen uns an. Doch er ist stärker. Wir rufen um Hilfe. Doch niemand ist da. Was jetzt? Sind wir dann schuldig, wenn er unser Haus bestiehlt? Gewiß nicht. Wehren wir uns so gut wir können! Aber wie? – Indem wir versuchen, unsere Aufmerksamkeit von dem unkeuschen Gegenstand weg auf einen reinen und heiligen Gegenstand zu lenken. Denken wir an die Gegenwart Gottes, an den Tod, an unser Grab, an die Hölle. Rufen wir den hl. Schutzengel an. Besonders wirksam ist der Gedanke an die unbefleckte Jungfrau und Gottesmutter Maria sowie die beständig wiederholte Anrufung, die auf die Wundertätige Medaille aufgeprägt ist: „O Maria, ohne Erbsünde empfangen, bitte für uns, die wir zu dir unsere Zuflucht nehmen.“ Fliehen wir zu Maria. Flüchten wir uns in die heiligen Wunden Jesu.
Weichen die abscheulichen Gedanken, so ist es ein kurzer Kampf, ein leichter Sieg. Bleiben sie weiter, so ist es ein langer Kampf und ein noch schönerer Sieg. – Lassen wir uns vom Heiland selbst belehren: Gott erlaubte dem Teufel, die Reinheit der hl. Katharina von Siena mit der größten Wut anzugreifen, derer er fähig war. Also setzte er ihrem Herzen mit jeder Art unreiner Gedanken und Gefühlsregungen zu, quälte sie mit Vorstellungen tausender unkeuscher Handlungen, begleitet von unanständigen Worten und Aufforderungen, so daß nur der oberste Gipfel ihres Willens von diesem Sturm häßlicher, fleischlicher Lüste nicht erschüttert wurde. Das dauerte lange Zeit an, bis ihr eines Tages der Herr erschien. Sie fragte ihn: „Wo warst Du, liebster Herr Jesus, als mein Herz von Finsternis und Schmutz erfüllt war?“ Und der Heiland gab ihr zur Antwort: „In deinem Herzen war Ich.“ – „Wie konntest Du denn in meinem Herzen weilen, wo so viel Abscheuliches war? Wohnst Du an einem Ort mit solcher Schändlichkeit?“ Darauf erwiderte der Herr: „Sag Mir: Verursachten diese schmutzigen Gedanken Freude oder Traurigkeit, Bitterkeit oder Lust?“ Sie antwortete: „Äußerste Bitterkeit und Traurigkeit!“ Darauf Jesus: „Wer anders senkte dir diese Bitterkeit und Traurigkeit ins Herz als Ich, der verborgen inmitten deiner Seele weilte? Glaube Mir, Meine Tochter: Wäre Ich nicht dagewesen, dann hätten diese Gedanken, die deinen Willen belagerten und nicht erobern konnten, dich gewiß überwunden, wären eingedrungen, von deinem freien Willen mit Freuden aufgenommen worden und hätten deine Seele gemordet. Weil Ich aber in dir wohnte, legte Ich diese Ablehnung und diesen Widerstand in dein Herz, so daß es die Versuchung abwies, wo es nur konnte. Und weil es das nicht so lebhaft konnte, wie es wollte, fühlte es seinen Unwillen und Haß gegen die Versuchung und gegen sich selbst wachsen. Darum waren diese Qualen ein großes Verdienst und ein großer Gewinn für dich, ließen dich an Tugenden und Festigkeit wachsen.“
Wenn wir meinen, in diesem Kampf nicht ganz ohne Wunden geblieben zu sein, so bedenken wir, daß die Narben des Soldaten zwar schmerzlich, aber ehrenvoll sind. „Wer ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden.“ (Mt. 10,22).
b) Die Zungensünden
Nach den Sünden des Herzens kommen wir zu den Sünden des Mundes. Als Sünden gegen die Keuschheit werden nämlich an zweiter Stelle „unkeusche Reden, Scherze und Lieder“ genannt.
Zuallererst wollen wir anmerken, daß nicht jedes derbe Wort, nicht jeder etwas rohe Ausdruck gleich als unkeusche Rede bezeichnet werden muß. Welche Reden aber darf und muß man als unkeusch betrachten? Solche Reden, die bei dem, der sie ausspricht, der Ausdruck unkeuscher Gedanken und Begierden sind; und die bei dem, der sie anhört, geeignet sind, dergleichen Gedanken und Begierden hervorzurufen. Die gleiche Erklärung kann man für unkeusche Witze und Liedtexte geben. Man kann nicht eindringlich genug sagen: Führen Sie keine solchen Reden! Machen Sie keine zweideutigen Bemerkungen! Machen Sie keine solchen Witze und Scherze! Hören Sie sich so etwas nicht an! Lachen Sie nicht darüber! Singen Sie nicht mit!
Warum diese Eindringlichkeit? Worte sind doch nur Wind. Ja, gerade deswegen! Sie sind schnell gesagt, schnell verklungen und können einen verheerenden Sturm auslösen. Dabei ist es eine so leichte Sache, sich solcher Reden, Scherze und Lieder zu enthalten. Wie wir gesehen haben, kommt es vor, daß sich Gedanken in die Seele einschleichen, die Seele bestürmen, in der Seele sich festsetzen, die uns gefallen, die wir kaum verjagen können, die zu bekämpfen schwer, sehr schwer ist; aber die Zunge gehorcht uns doch! Die Zunge kann nicht sprechen, was wir nicht aussprechen wollen. Sie kann nicht singen, was wir nicht singen wollen. Es ist also leicht und viel leichter, uns unkeuscher Reden zu enthalten als von unreinen Gedanken.
Damit hängt noch ein anderer Umstand zusammen, der die unkeuschen Reden und Lieder noch schwerwiegender macht. Man kann unbedenklich sagen, daß die Sünden der unkeuschen Reden, Lieder und Witze stets freiwillig sind! Kann etwa die Zunge etwas reden, was der Geist nicht gedacht hat? Kann die Zunge etwas aussprechen oder singen, was man nicht sagen oder nicht singen will? Unmöglich! „Wovon das Herz voll ist, davon fließt der Mund über“, sagt der Heiland.
Dazu kommt für uns Katholiken noch der sehr erschwerende Umstand, daß diese Sünden mit der Zunge begangen werden. Also mit jenem Körperteil, das von allen Gliedern unseres Leibes durch die Berührung des heiligsten Leibes Christi in der hl. Kommunion am meisten geheiligt ist.
Und schließlich am meisten erschwert werden die Zungensünden – übrigens nicht nur die unkeuschen, sondern auch die lieblosen Reden gegen den Nächsten und die lieblosen Reden gegen Gott! Erschwert werden die Zungensünden dadurch, daß mit ihnen immer oder fast immer die Sünde des Ärgernisses verbunden ist. – Wird denn jemand solche Reden führen, wenn niemand zuhört? Nein. Du sprichst und andere hören. Vielleicht auch viele. Vielleicht wenige. Vielleicht nur einer. Sie hören und es werden ähnliche Gedanken in ihnen erweckt. Gedanken, für welche Du verantwortlich bist. Aufgrund dieser Gedanken sündigen sie. Sie begehen Sünden, für die Du verantwortlich bist. Die Gedanken, die Du ausgesprochen hast, kommen ihnen wieder und sie sündigen von Neuem. Sie lachen über das Gehörte: Sie sündigen. Sie wiederholen die schamlosen Reden oder Witze. Sie erzählen sie weiter an andere, wer weiß wie oft, wer weiß vor wie vielen. Neue Sünden, immer neue Sünden! Wer mag sie zählen? Sünden, für welche Du verantwortlich bist! – Wie gesagt gilt das für alle Zungensünden. Sie geben Ärgernis. Und damit auch die unkeuschen Reden, Scherze und Lieder.
Was sollen nun, wenn man das alles bedenkt, die einfältigen Entschuldigungen, die solche Reden, Witze und Lieder als Bagatellen abtun? „Ich habe doch nur aufgeklärt, nur Wahres, nur Sachliches gesagt.“ Verdorbene und verderbliche Tatsachen! – „Es war ja nur ein Witz.“ Ein grausamer Witz, wodurch die Seelen, sowohl die des Sprechenden als auch die des Hörenden, verwundet wurden! – „Aber das tun doch alle.“ Wenn alle es tun, umso mehr Ursache hast Du, es nicht zu tun. Wer im Krankenhaus eine Station betritt, auf der Patienten mit einer höchst ansteckenden Krankheit behandelt werden, der hat umso mehr Grund, sich in Acht zu nehmen, daß er sich nicht anstecken läßt. – „Es waren ja keine Kinder dabei.“ Wenn es auch noch schlimmer ist, vor Kindern solche Reden zu führen, so ist und bleibt es doch auch Sünde, es vor Erwachsenen zu tun.
Nein! Für unkeusche, unsaubere und böse Reden gibt es keine Entschuldigung, da sie sich so leicht meiden lassen, da sie stets freiwillig und stets mit Ärgernis verbunden sind. Deshalb die Warnung des Apostels in der Epistel: „Der Herr ist der Rächer von allen diesen, wie wir euch vorhergesagt und bezeugt haben. Denn nicht hat uns Gott berufen zur Unlauterkeit, sondern zur Heiligkeit, in Christus Jesus, unserm Herrn.“
Niemals wollen wir deshalb unsere Zunge, die den hl. Leib des Herrn berührt, die mit Seinem kostbaren Blut gerötet wird, mit wüsten Reden entheiligen. Nein! Möge unsere Zunge lieber verdorren oder stumm werden! – Wenn ich solche Reden hören muß und mich nicht entfernen kann, dann will ich wenigstens schweigen und durch mein Schweigen zu erkennen geben, daß es nichts Elenderes und nichts Schändlicheres gibt, als in Gegenwart von anderen solche Dinge auszusprechen oder über solche Dinge Witze zu reißen. Dieses Schweigen ist dann für die anderen eine Lehre, eine Zurechtweisung, eine Beschämung, ein geistiges Werk der Barmherzigkeit.
Reinige uns von bösen Gedanken!
Gott will unsere Heiligung. Gott will, daß unser Leib und unsere Seele am Jüngsten Tage im Licht der Verklärung aufstrahlen, wie es die Apostel an unserem Herrn auf dem Tabor gesehen haben. Weil aber für die Heiligung unserer Seele und unseres Leibes so viel von der Tugend der Keuschheit abhängt und wir alle gerade auf diesem Gebiet so sehr gefährdet sind, wollen wir nach diesen Erwägungen noch einmal die Bitte der heutigen Meßoration mit umso größerer Innigkeit wiederholen: „O Gott, der Du siehst, daß uns alle Kraft mangelt, behüte uns innen und außen, damit wir dem Leibe nach vor allem Ungemach bewahrt, der Seele nach von allen bösen Gedanken gereinigt werden, durch Christus, unseren Herrn.“ Amen.