Erster Fastensonntag
Von der Unterscheidung der Geister
Geliebte Gottes!
Wir sind am Aschermittwoch in die vierzigtägige Übung des heiligen Fastens eingetreten. Jeder hat hoffentlich wirkkräftige Vorsätze gefaßt, damit er dem Herrn seine Liebe und auch den Ernst seiner Bemühungen beweisen kann. Wir wollen uns während dieser „Zeit der Gnade“, wie die Quadragesima im Sinne der hl. Kirche soeben in der Epistel durch den Mund des Völkerapostels genannt wurde, von den geschaffenen Dingen lösen und unseren Geist zu den ewigen Gütern erheben.
Vierzig – die heilige Zahl der irdischen Vollkommenheit
Vierzig Tage wollen wir durch Gebet, Abbruch und Werke der Nächstenliebe unser Herz reinigen. Vierzig Tage, das ist ein ganzer „Welt-Tag“ lang.
Denn die Zahl vier ist bekanntlich in der christlichen Zahlensymbolik die Zahl für die geschaffene Welt. Sie steht für all das, was geworden ist. Denn am Anfang war nur die Dreizahl: Vater, Sohn und Heiliger Geist, der dreifaltig-eine Gott. Erst als Er die Welt erschuf, trat die Schöpfung hinzu: drei plus eins. Die Vier-Zahl ist die Zahl für die geschaffene Welt. Deshalb findet sie sich auch allenthalben in ihr: vier Himmelsrichtungen, vier Elemente, vier Ströme im Paradiesesgarten, vier Jahreszeiten, vier Temperamente, vier Kardinaltugenden.
Die Zahl zehn ist die Zahl der irdischen Vollkommenheit. Diese Bedeutung leitet der hl. Kirchenlehrer Beda Venerabilis von den Zehn Geboten her. Der Dekalog trägt die Vollendung der irdischen Ordnung in sich. In seinen zehn Gesetzen ist der vollkommene Plan des Schöpfers vorgezeichnet, weil darin das Verhältnis der vernünftigen Geschöpfe zu Gott und zu den geschaffenen Dingen zusammengefaßt ist.
Vier mal zehn ergibt nun die heilige Zahl vierzig. Sie ist die Steigerung der Vier, die Erhebung der Vier in die vollkommene Ordnung Gottes: Vierzig Tage hatte Moses auf dem Sinai gefastet, um die Gesetzestafeln – das vollkommene natürliche Sittengesetz – von Gott zu empfangen. Vierzig Jahre zog das auserwählte Volk Israel durch die Wüste, bis es gereinigt und so weit vervollkommnet war, bis es in das gelobte Land einziehen konnte. Vierzig Tage hatte auch Elias gefastet, bis er den Gottesberg Horeb erreicht hatte, um dort Gott selbst zu begegnen. – Die heilige Zahl vierzig will also das Irdische zur Vollendung führen. Sie umfaßt einen Zeitraum, in dem das unvollkommene Geschöpf geläutert und zur göttlichen Ordnung gebracht werden soll.
Hinsichtlich unseres Fastens ist damit ausgedrückt, daß unser Fasten unsere ganze Seele und unser ganzes Leben vollkommen durchwirken soll. Ein hochherziger, freudiger Anfang ist hierzu vonnöten. Hoffentlich hat jeder von uns diesen Beginn in der nötigen Großmut und Großzügigkeit, in einer hochstehenden, opferfreudigen Gesinnung der Gottesliebe setzen können.
Vom guten Geist getrieben
Heute wollen wir dem Beispiel unseres Herrn und Heilandes folgen. Im Markusevangelium heißt es, daß sich unser göttlicher Erlöser gleich nach Seiner Taufe im Jordan auf Antrieb des Hl. Geistes in die Wüste begab, um dort vierzig Tage und Nächte zu fasten: „Alsbald trieb Ihn der Geist hinaus in die Wüste. Und Er war in der Wüste vierzig Tage und vierzig Nächte. Und Er ward von dem Satan versucht.“(Mk. 1,12.13). Wir wollen gleichsam mit unserem Herrn in die Wüste gehen, uns in der weltabgewandten Einsamkeit über das Sinnliche und das Begehren unseres Fleisches erheben, um frei zu werden für das Geistige, das Übernatürliche, das Göttliche.
Der Einfluß des Heiligen Geistes führte Christus weg von der Bequemlichkeit der Welt, weg von der Weichlichkeit ihrer Bewohner. Genauso führt Er auch den getauften Christen weg vom Vergänglichen hin zum Unvergänglichen, weg vom Geschaffenen hin zum Ungeschaffenen, weg vom Ungeordneten hin zur göttlichen Ordnung, weg von sich selbst und weg vom selbstsüchtigen Eigensinn hin zu Gott und zum Dienst am heiligen Willen Gottes. Der Heilige Geist führt uns während der vierzig Tage zum Wesentlichen, zum Bleibenden, zum Ewigen. Und das ist ja der eigentliche Sinn des Fastens: hin zum Wesentlichen, hin zum Bleibenden, hin zum Ewigen!
Das ist das Wirken des guten Geistes auf die Seele und ihre geistigen Kräfte; die Art und Weise, wie der Geist Gottes auf unseren Verstand, auf unseren Willen und auf unser Gemüt einwirkt. Durch das Fasten führt Er uns in den Kampf gegen alle Unordnung in unserem Leben. Gott will, daß wir kämpfen, daß wir uns im hochherzigen Fasten bewähren, daß wir uns in heiligem Eifer der notwendigen Läuterung an uns selbst unterziehen, welche uns von der vom Glauben erleuchteten Vernunft aufgezeigt wird, und wir auf diesem Wege zur Vollkommenheit gelangen.
Die Handschrift des bösen Geistes
Eines aber ist gewiß: Wenn wir angefangen haben, in rechter Weise zu fasten, dann wird der Feind schnell auf uns aufmerksam werden, wie er damals auf den Heiland aufmerksam wurde. Dann müssen auch wir mit dem Teufel rechnen, der uns sozusagen einen Strich durch die Rechnung machen möchte. Der böse Geist wird mit Sicherheit versuchen, uns von unserem heiligen Vorhaben wieder abzubringen. Dabei versteht er es meisterhaft, sich in jeden einzelnen von uns hineinzudenken und unsere Fehler und Schwächen auszunutzen. Was gilt es also zu beachten, wenn wir dem Widersacher zum Kampf entgegentreten?
Einmal: Der Teufel ist nicht irgendeine unpersönliche Macht. Nicht schlichtweg „das Böse“. Er ist eine Person. Er hat mehrere Namen: „Diabolus“, „Satan“, „Luzifer“, „Widersacher“, „der böse Feind“. Unterschiedliche Namen für ein unheimliches Wesen. Wir wissen, daß der Satan ein gefallener Engel ist, der uns von seinen natürlichen Anlagen her haushoch überlegen ist.
Meist rechnen wir nicht genügend mit ihm. Oder vielleicht noch öfter: Wir rechnen in falscher Weise mit ihm! Damit soll gesagt sein: Wir meinen, den Teufel nicht selten dort zu sehen, wo er in Wirklichkeit gar nicht ist. Hingegen übersehen wir ihn oft dort, wo er wirklich, wenn auch heimlich, am Werke ist. Der Teufel ist ein Verwandlungskünstler, ein Schauspieler erster Güte, ein listiger Betrüger, ein raffinierter Lügner. Als gefallener Engel verbindet er eine hohe Intelligenz mit seinem dämonischen Haß. Mit einem Wort: Der Teufel ist sehr gefährlich! Der größte Fehler, den wir machen könnten, wäre, ihn zu unterschätzen, nicht mit ihm zu rechnen. Andererseits dürfen wir uns aber auch nicht von der Angst lähmen lassen oder gar in kopflose Panik verfallen.
Woran erkennt man sein Wirken? Der Teufel ist der Engel der Traurigkeit. Er selber ist traurig über seine gescheiterte Existenz. Daher versucht er, alles mit sich ins Unglück zu reißen. Er trachtet danach, Traurigkeit, Bedrücktheit, Unzufriedenheit, Argwohn, Streit und Furcht zu verbreiten. An diesen Eigenschaften erkennen wir seine Handschrift.
Unterscheidung der Geister
Nichtsdestotrotz dürfen wir keine Angst vor ihm haben. Christus hat den Satan überwunden – in der Wüste und am Kreuz! Solange wir Christus die Treue halten, vermag der böse Feind nichts wider uns. Solange wir uns im Gnadenstand befinden, stehen wir immer unter dem Schutz Gottes. Die Seele im Stand der heiligmachenden Gnade ist ein Tempel des Heiligen Geistes, ein Heiligtum Gottes. Und wo Gott ist, dort sind immer Friede, Ruhe und Zuversicht; selbst in der Anfechtung durch Versuchungen und Widerwärtigkeiten. Der innere Herzensfrieden, der Frieden des guten Gewissens, bleibt erhalten.
Damit haben wir schon eine erste fundamentale Unterscheidung der Geister angesprochen: Gott verbreitet immer Licht und Frieden. Der Teufel verbreitet immer Verwirrung und Unfrieden. Gott schenkt immer Hoffnung und Zuversicht. Der Teufel dagegen beschwört Traurigkeit, Angst und Verzweiflung herauf. – Auf diese Erkennungszeichen sollten wir achten! Denn damit haben wir schon sehr viel gewonnen, in unserem Umgang mit diesem so schwer faßbaren, unheimlichen Gegner.
„Seid nüchtern und wachsam!“
Jeder von uns weiß, daß wir in einer besonders schweren Zeit leben und daß wir uns in einer abgefallenen Gesellschaft zurechtfinden müssen. Das alte Heidentum ist zurückgekehrt. Die Dämonen haben die Herrschaft zurückerobert. Wobei es sozusagen „moderne“, der heutigen Zeit angepaßte Dämonen sind. Das vergessen die meisten Menschen. Der Teufel ist modern geworden. Er gibt sich nicht mehr so, wie er sich im alten Heidentum gezeigt hat. – Deshalb gelten die Worte des hl. Petrus umso mehr für unsere Zeit: „Seid nüchtern und wachsam. Denn der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Widersteht ihm standhaft im Glauben.“
Nüchternheit und Wachsamkeit sind im geistlichen Kampf gefragt! Kein naiver Optimismus, der die Gefahr einfach nicht sehen will; frei nach dem Motto „Alles ist heiter, alles ist gut“. Nein, zwanghaft „positives Denken“ ist gefährlich! Genauso aber auch der schwarzseherische Pessimismus, der überall Bedenken anmeldet und allenthalben den Teufel am Werk sieht. Nein, weder Optimismus noch Pessimismus sind hier gefragt, sondern eben Realismus! Der Realismus sieht, was ist. Er nimmt die Welt so wahr und beurteilt die Dinge so, wie sie sind. Er übertreibt nicht. Weder dramatisiert er einen Sachverhalt noch verharmlost er ihn. – Sich einen nüchternen Realismus anzueignen, das ist eine der wichtigsten Aufgaben der Selbsterziehung. Erst derjenige ist geistig erwachsen geworden, der nüchtern und wachsam dem Teufel entgegentreten kann. Und zwar in allen Lebenslagen. Nur der ist wirklich erwachsen, der nüchtern und wachsam in der Wirklichkeit lebt und die Dinge und Ereignisse um sich herum nüchtern – also weder optimistisch noch pessimistisch – sehen und beurteilen kann. Nur der wird dem Teufel nicht auf den Leim gehen, weil nur der Realist den Teufel dort sieht, wo er wirklich ist.
Die Macht des bösen Geistes
Damit wir einen realistischen Blick zur Unterscheidung der Geister gewinnen können, müssen wir zu Beginn jeder Fastenzeit in die Schule des Herrn gehen. Wir müssen uns anhand der Versuchung Christi darüber belehren lassen, was der Teufel kann und was er nicht kann. Denn dieses Wissen ist entscheidend, damit wir eine realistische, nüchterne Einschätzung von unserem dämonischen Gegner gewinnen können.
Der Teufel kann nicht wissen, was ich denke. Das ist Gott allein vorbehalten. Gott kennt jeden unserer Gedanken; jeden Entschluß; jede Regung unseres Herzens und die Absicht, die hinter allem steht. Darum wird Er uns auch einst ein gerechter Richter sein. Weiß Gott doch alles zu berücksichtigen, was zu einem gerechten Urteil notwendig ist. – Der Teufel kennt unsere Gedanken nicht. Er kann sie vielleicht erraten. Denn als scharfsinniger Beobachter und erfahrener Menschenkenner kann er natürlich anhand unserer sichtbaren Reaktionen sehr präzise Rückschlüsse auf unsere Gedanken ziehen. Jedoch bleiben ihm die Geheimnisse unseres Herzens verborgen.
Nun aber: Was kann der Teufel? Sehr wichtig: Er kann unsere Stimmungen, unsere Gefühle und unser Gemüt, also den niederen, sinnlichen Teil unserer Seele, beeinflussen. Der Teufel kann in unserer Seele Lust und Unlust erzeugen.
Viele Menschen sind heute stimmungsabhängig. Sie lassen sich von ihrer Stimmung, von ihrem Gefühl leiten! D. h., sie sind weder in der Lage noch erkennen sie die Notwendigkeit, ihre Stimmungen zu beherrschen. Sie werden von ihren Emotionen getrieben wie das Herbstlaub vom Wind. – Wenn man weiß, daß der Teufel unsere Stimmung beeinflussen kann. Wenn man weiß, daß der Teufel uns Traurigkeit oder auch sinnliche Freude einflößen kann. Wenn man weiß, daß er Sympathie und Antipathie im Herzen zu wecken versteht; daß er Mißtrauen oder Zutraulichkeit; Zuversicht oder Verzagtheit; Euphorie und Niedergeschlagenheit hervorrufen kann, dann wird man seinen eigenen Stimmungen gegenüber wachsam und vorsichtig sein. Man wird lernen, die eigene Stimmung zu hinterfragen: „Ja, warum bin ich eigentlich mißmutig, traurig, gereizt, mitleidig, freudig?“ „Warum bin ich so begeistert, optimistisch, fröhlich?“ „Warum ist mir diese Person eigentlich so unsympathisch?“ „Warum überhaupt?“ Und wenn wir uns aufmerksam beobachten, werden wir vielleicht erstaunt feststellen, daß es oft gar keinen vernünftigen Grund dafür gibt. Wohlgemerkt keinen vernünftigen (!) Grund. Denn natürlich gibt es Emotionen, die eine verhältnismäßige (!) Ursache haben. Es gibt eine vernünftige Traurigkeit. Diese hat ein wirkliches (!) Übel zur Ursache und wird sich noch der Größe dieses anwesenden Übels bemessen. Unsere Gefühlswelt ist also dann mit der Wirklichkeit im Einklang, wenn sie ein verhältnismäßiges Echo zu einem tatsächlich gegebenen Sachverhalt darstellt. Eine bestimmte Tatsache ruft eine verhältnismäßige Reaktion unserer Emotionen hervor. Der Tod der Nachbarskatze stimmt uns nicht in der gleichen Weise traurig wie der Tod unseres engsten Freundes oder eines unserer Elternteile.
Der Einfluß des Teufels verrät sich dadurch, daß unsere Emotion entweder keinen vernünftigen oder keinen verhältnismäßigen Grund hat, also keine der Realität entsprechende Ursache. Man ist mißmutig und weiß nicht, warum. Man mag eine Person nicht und kann keine vernünftigen oder verhältnismäßigen Gründe dafür angeben. So haßten die Pharisäer den Heiland, obwohl Er jedem Gutes getan hat. Und nur so ist es zu erklären, daß der Jubel des Palmsonntags so plötzlich in das „Kreuzige Ihn!“ des Karfreitags umschlug. Aus grundlosem Haß!
Ein Mensch, der nüchtern und wachsam in seinem Gefühlsleben unvernünftige, unverhältnismäßige, also ungeordnete Emotionen wahrnimmt, der wird sofort erkennen: „Jetzt muß ich aufpassen. Da ist der Teufel am Werk!“ Völlig grundlose Stimmungen sind eigentlich stets ein Zeichen, daß der böse Geist gerade unsere Seele beeinflußt und versucht, uns über diese Stimmungen zu lenken und zu beherrschen. Er erzeugt die Stimmungen eben mit einer Absicht. Er erzeugt sie zu einem bestimmten Zweck. Letztlich will er uns natürlich zur Sünde bewegen.
Was erreicht der böse Geist mit seiner Stimmungsmache? Er will unseren Verstand verdunkeln, damit sich unser freier Wille nicht mehr von der an den realen Gegebenheiten maßnehmenden, nüchtern urteilenden Vernunft leiten läßt. Wenn aber dieser Fall eintritt, dann läßt sich unser Wille von den erzeugten Gefühlen und Emotionen leicht mitreißen. Wir sehen also, wie gefährdet ein Mensch ist, wenn er sich von seinem Bauchgefühl leiten läßt. Er wird sehr schnell und sehr leicht zur Sünde verführbar. Und wenn wir uns umschauen, so haben wir jede Menge Anschauungsbeispiele davon, wie leicht es der Teufel doch heutzutage hat. In den meisten modernen Dramen und Filmen wird die unterschwellige Botschaft vermittelt: „Folge deinem Herzen!“ „Folge nicht der Vernunft, sondern deinem Gefühl!“ „Höre auf dein Bauchgefühl!“ Wenn sich der Mensch aber seinem Gefühl überläßt, wird es für den Teufel einfach. Er gibt einfach einem Ehemann oder einer Ehefrau das Gefühl des Verliebtseins in eine andere Frau bzw. in einen anderen Mann ein. Und wenn sich die Person dann einfach diesem Gefühl überläßt, dann wird der Satan dieses Gefühl unmerklich nähren, so weit, bis es sich zu brennendem Verlangen gesteigert hat und der Wille endlich seine Einwilligung in das sündhafte Begehren gibt. So gelingt es dem Widersacher, die Unvorsichtigen und die Unwissenden zu Fall zu bringen. – „Überlasse dich deinen Gefühlen!“, heißt so viel wie: „Überlasse dich dem Teufel!“
Wir Katholiken wissen hoffentlich, daß wir unseren Gefühlen durchaus nicht trauen können. Denn mein Gefühl ist keine Vernunftinstanz! Das Gefühl ist irrational. Es kann nicht zwischen richtig und falsch, zwischen gut und böse unterscheiden, sondern nur zwischen angenehm und unangenehm. Und wie wir wissen, ist nicht alles, was uns angenehm vorkommt, nicht immer sittlich gut. Auch ist nicht alles, was unserem Empfinden zuwider ist, eben dadurch schlecht und verwerflich.
Darum müssen wir unbedingt lernen, mit unserer Vernunft das Gefühl zu leiten! Wir müssen lernen, das rechte (!) Gefühl zu haben. Das rechte Gefühl ist das, was einer vernünftigen Erkenntnis, einem vernünftigen Urteil in verhältnismäßiger Weise nachfolgt. Das rechte Gefühl ist immer die Folge eines auf der Wirklichkeit beruhenden Werturteils. Eine Reaktion auf eine als gut oder schlecht erkannte Sache. So müssen wir uns freuen an der Wahrheit. Hingegen müssen wir uns über die Unwahrheit betrüben.
Werden wir hingegen ungeordneter Gefühle gewahr; stellen wir an uns fest, daß der böse Geist unsere Seele beeinflußt, so müssen wir nach den Regeln des hl. Ignatius von Loyola immer genau das Gegenteil von dem tun, wohin uns die ungeordnete Neigung ziehen will. Spüre ich eine unbegründete Euphorie, so muß ich mich zu vorsichtiger Geduld, zum nüchternen Abwägen zwingen. Spüre ich eine unbegründete Angst, so muß ich im Vertrauen auf Gott zuversichtlich meine Pflicht tun und anpacken. Spüre ich eine unbegründete Antipathie gegen einen bestimmten Mitmenschen, so muß ich willentlich Akte des Wohlwollens gegen diese Person setzen. Wir müssen uns überwinden! Wir müssen unsere ungeordneten Gefühle überwinden durch die entgegengesetzten Willensakte und sie nach der Norm des Glaubens ordnen. Wir müssen standhaft widerstehen im Glauben!
Das Beispiel Christi
Werfen wir mit diesen gewonnenen Einsichten noch einen Blick auf das heutige Evangelium. – Der Herr war vierzig Tage in der Wüste und hat dort gefastet. Der hl. Evangelist sagt: „Nach den vierzig Tagen hungerte Ihn.“
a) in der Beherrschung des Hungergefühls
Das ist ganz und gar verständlich. Der Teufel weiß als Kenner der menschlichen Bedürfnisse, daß es diesen Jesus von Nazareth nach vierzig Tagen hungern muß. Das kann gar nicht anders sein. Und natürlich knüpft er nun an diesem Gefühl des Hungers an: „Wenn Du der Sohn Gottes bist, dann stille doch Dein Hungergefühl, indem Du zu diesen Steinen sagst, daß sie Brot werden sollen.“ Man könnte vielleicht sogar darin einen vernünftigen Vorschlag sehen. Wäre es für den Sohn Gottes nicht ein angemessener Lösungsweg? Nach dem langanhaltenden, freiwilligen Fasten; nach dieser asketischen Höchstleistung muß man sich doch belohnen, nicht wahr? Erst recht, wenn man es kann, wie der allmächtige Gottessohn. – Aber nein! Das Gefühl des Hungers rechtfertigt kein Wunder. Hingegen liegt die Lösung im Willen des Vaters und nicht im eigenen Willen und schon gar nicht im Willen des Teufels.
Darum die nüchterne Antwort unseres Herrn: „Es steht geschrieben.“ Dieses objektive Wort „Es steht geschrieben“ raubt dem subjektiven Hungergefühl gleichsam die Macht. „Es steht geschrieben: ‚Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt.‘“ Eine nüchterne Tatsache. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt.“ Während der vor uns liegenden Fasttage wird sich bisweilen auch in uns das Hungergefühl aufbäumen, um uns mitzuteilen: „Du mußt jetzt etwas essen, sonst hältst du es nicht mehr aus.“ „Die Kirche verlangt einfach zu viel mit ihrem Fastengebot.“ „Heute mache ich eine Ausnahme davon.“ Halten wir dem Hungergefühl dieses Wort des Heilandes entgegen: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt.“ Sagen wir es uns immer wieder. Und wir werden feststellen, daß sich der drängende Hunger beruhigt. Mit diesem einen Wort wird das Hungergefühl in den Willen Gottes eingebettet. Nicht der Hunger soll meinen Willen bewegen, sondern Gott! Sein Wort soll meinen Willen bewegen. Lieber möchte ich hungers sterben, als gegen den Willen Gottes sündigen, selbst wenn ich dabei satt würde. Das ist die rechte Ordnung.
b) in der Beherrschung des Ehrgefühls
In seinem zweiten Versuch erweist sich der Teufel als lernfähig und flexibel. Er gibt sich nicht geschlagen, sondern ändert seine Taktik. Er weiß, wie viel dem Menschen an seinem guten Ruf gelegen ist. Wer will nicht, daß die anderen gut von einem denken? Das Gefühl der Ehre – wenn man von der breiten Öffentlichkeit gekannt und bewundert wird, wenn sich die Leute nach einem umdrehen – das ist ebenfalls ein zutiefst im Menschen verwurzeltes Bedürfnis. Das gute Gefühl, beachtet zu werden, mit Aufmerksamkeit und Wertschätzung beschenkt zu sein. Wie viele Menschen hat der Satan nicht schon auf diese Weise zu Fall gebracht? Zweifelsohne hat er auch erkannt, daß dieser Jesus von Nazareth kein durchschnittlicher Mensch ist. Nein, er ist der geborene „Star“. Er hat sogar das Zeug zum „Superstar“. Er ist sympathisch, gutaussehend und hat das gewisse Etwas, wodurch er aus der Masse heraussticht. Und wie jeder Mensch, der seine überdurchschnittliche Begabung erkennt, wird auch dieser Jesus etwas Großes sein wollen, denkt der Teufel. Dabei will er Ihm „helfen“. Dazu führt er Ihn auf die Zinne des Tempels und sagt: „Stürze Dich hinab. Denn es steht geschrieben: ‚Seinen Engeln hat Er befohlen, daß sie Dich auf ihren Händen tragen, damit Dein Fuß nicht an einen Stein anstoße.‘“ „Zeig den frommen Menschen der heiligen Stadt Jerusalem deine Wundermacht, damit sie dich als Gottheit, die vom Himmel herabgestiegen ist, bestaunen, bejubeln und dir nachlaufen wie einem Superstar.“ Dieser Auftritt im religiösen Herzen Israels hätte Jesus mit einem Schlag alle Ehre, größtes Ansehen, nicht nur einfach Bewunderung, sondern religiöse Verehrung beschert. Seine göttliche Sendung hätte von niemandem bestritten werden könnten. Seine Autorität als himmlischer Gesandter Gottes wäre unzweifelhaft erwiesen gewesen. Zweifelsohne spielt der Teufel bei dieser zweiten Versuchung mit dem Ehrgefühl.
Der Herr aber steht, ganz anders als wir, himmelweit über diesem zweiten, schon mit größerer Raffinesse aufgezogenen Fallstrick. Nüchtern antwortet Er: „Es steht auch geschrieben: ‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.‘“ Mit diesem entgegensprechenden Wort zerbricht Christus das Gespinst der Scheinwelt, mit welchem der Teufel Ihn zu blenden versucht hat. Er enttarnt den „Engel des Lichtes“, der gerade auf den heutigen Menschen durch unzählige Lichtbilder auf Bildschirmen und Leinwänden aller Art eine dämonische Scheinwelt erzeugt, der vor allem die junge „Smart-Phone-Generation“ wehrlos ausgeliefert ist. KI-generierte Bilder, Zuckerbergs „Metaversum“, Videospiele, Hollywood-Liebesfilme und Actionstreifen usw. – all das sind Lichtillusionen, nicht Wirklichkeit! Jesus zerreißt diesen Lichtnebel vom Traum des „Superstars“, der Illusion vom „Helden“ der sich aller rechtmäßigen und unrechtmäßigen Mittel bedienen darf, um zu Zielen zu gelangen, weil er ja „der Gute“ ist. Er zerreißt dieses satanische Gespinst, weil diese irreale Einbildung vor Gott nichts zählt. Der kurze Scheinerfolg des Augenblicks ist im Reiche Gottes nichtig. Nein! Lieber verachtet und geschmäht am Kreuz sterben als Gott durch das Gefühl der Ehrsucht und des Geltungsdrangs beleidigen.
c) in der Beherrschung des Verlangens nach Unabhängigkeit
Der Teufel denkt: „Also gut. Diese einmalige Bewunderung durch dieses eine Volk Israel ist diesem Jesus von Nazareth offenbar zu wenig.“ Also erhöht der Teufel den Einsatz. Er liefert einen noch mitreißenderen Anreiz. – Es gibt Menschen, die sich zum Weltherrscher geboren sehen. Ob nun wirklich oder in ihrem Wahn, das spielt keine Rolle. Auch dieses menschliche Gefühl kennt der Teufel. Reich sein, Macht ausüben, ja eine „Allmacht“ ausüben über die sichtbare Welt; danach hat er schon viele Menschen trachten sehen. Diesem Trachten liegt das Gefühl des Freiheitsdranges, das Verlangen nach Unabhängigkeit zugrunde. Unabhängig sein von materiellen Bedürfnissen: Das kann nur durch den Reichtum erlangt werden. Unabhängig sein von den Sympathien der anderen: Das läßt sich auf Dauer nur durch weltliche Machtmittel realisieren. – Unabhängig, total selbstbestimmt sein! Sich von niemandem etwas sagen lassen müssen! Sich von niemandem dreinreden lassen müssen! Diese Emotion schlummert zutiefst in jedem Menschen! Aber nur für einen Weltherrscher ist sie Wirklichkeit. Die Macht zu besitzen, alle Menschen so zu beherrschen oder zu manipulieren, daß sie das tun müssen, was ich ihnen sage – diese Gedanken sind dem Teufel geläufig. Hat doch er selbst sein wollen wie Gott: gänzlich unabhängig, an niemandes Willen gebunden. Nach dieser höchsten Form der Unabhängigkeit strebte Luzifer; selbst um den Preis der himmlischen Glückseligkeit. Der Teufel erkennt: „Diesem Jesus muß man die Welt anbieten.“ Und so sagt er: „Schau sie Dir an, diese Welt, deren Fürst ich bin. Diese wunderbaren Reichtümer, die unermeßlichen Bodenschätze, die großen Städte und herrlichen Paläste; diese großen kultivierten Länder und stolzen Völker; und hier die bereitstehenden militärischen Machtmittel, sie zu beherrschen. All das soll Dein sein. Du sollst vollkommen unabhängig und selbstherrlich sein. Ich mache Dich zum Herrn der Welt!“ Was für ein Angebot! Welch einzigartiger Reiz auf das Gefühl der Macht! Die Geschichtsbücher sind voll von Namen, die diesem Gefühl erlegen sind, die sich selbst erst zu Kaisern und dann zu Göttern aufgeschwungen haben. – Doch der Teufel gibt niemals alles aus der Hand. Er macht eine Bedingung: „Wenn Du niederfällst und mich anbetest.“ Nur eine kleine Sache. Eine Kniebeuge. Eine kurze Bewegung. Nur wenige Zentimeter nach unten. Schnell wäre sie ausgeführt. Schnell wäre sie wieder vorbei. Welch geringer Preis für die dauerhafte Weltherrschaft! Nur ein kleiner Schönheitsfehler, den gar keiner mitbekommen würde.
Und auch hier die absolute Souveränität des göttlichen Lehrmeisters: „Weiche, Satan, denn es steht geschrieben: ‚Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und Ihm allein dienen.‘“ Anbeten sollen wir Gott. D. h. so viel wie unsere Abhängigkeit von Gott anerkennen und offen bekennen. Er ist unser Schöpfer. Er hat uns gemacht. Er erhält uns im Dasein. Wir sind nicht unabhängig, sondern zutiefst abhängig von Gott, von der Schöpfungsordnung, von Seinem Willen, vom Willen Seiner Stellvertreter. Gott allein müssen wir dienen! – Bestaunen wir noch einmal die Nüchternheit, mit welcher der Heiland diese dritte Versuchung überwindet. Wie Er dem Teufel stets das Gegenteil entgegenhält. Er entlarvt die Lügen des Satans, mit dem er danach trachtet, die Emotionen des Menschen zu manipulieren. Er durchschaut für uns das teuflische Spiel, mit dem er die Menschen zur Überheblichkeit, zur Eigenwilligkeit und zur Herrschsucht manipuliert. Das Verlangen nach Macht und Unabhängigkeit ist ja die Quelle des Ungehorsams und der Streitigkeiten.
Es ist leider wahr: Der Satan versteht es teuflisch gut, mit Wahn und Illusion zu spielen. Heute steht ihm ein ganzes Heer von Fachleuten zur Verfügung. Die ganze Medienwelt, die Entwicklung der IT und KI – der „intelligenten Technologie“ und der „künstlichen Intelligenz“ – sind von ihm bzw. von seinen Handlangern gekapert. Damit schmiedet er sich die notwendigen Instrumente, um eines Tages eben doch noch den Weltherrscher zu installieren, den er in Jesus Christus nicht gewinnen konnte. Dabei spielt der Teufel mit den Gefühlen und Emotionen der Massen. Denken wir nur zurück an die Corona-Zeit. Welche Emotionen vermochte er nicht durch Politik und Medien überall auf der Welt, in der öffentlichen Gesellschaft, in unseren Arbeitskollegen, in unseren Bekannten, Freunden und Familienangehörigen zu erzeugen? Er hat die Möglichkeit, Kunstwelten entstehen zu lassen, welche die Menschen betören. Und zwar deswegen, weil es diesen Menschen unbekannt ist, ihre Gefühle beurteilen und beherrschen zu können. Wie leicht hat es der Teufel, den modernen Menschen nach seiner Pfeife tanzen zu lassen. Ja, auf nicht wenigen spielt der Teufel wie auf einem Dudelsack. Was für eine Macht übt der Satan nicht über den modernen Menschen aus? Und das nur, weil der moderne Mensch in seinem Drang nach liberaler Selbstbestimmung und Emanzipation das Knie vor dem rebellischen Engel gebeugt hat.
Standhafter Widerstand im Glauben
Jesus steht himmelweit über diesen teuflischen Betrügereien. Er hat sich für uns diesen Versuchungen ausgesetzt, damit wir lernen, das teuflische Spiel zu durchschauen und dem bösen Geist standhaft zu „widerstehen im Glauben“. Mißtrauen wir unseren Gefühlen und prüfen wir sie im Lichte der vom Glauben erleuchteten Vernunft! Bemühen wir uns, unter der Leitung des Glaubens das Rechte zu erkennen, das als gut und richtig Erkannte zur Ehre Gottes zu tun und allem dem göttlichen Willen entgegenstehenden Reizen und Gefühlen zu widerstehen. Natürlich stets im Vertrauen auf die göttliche Gnade, die uns niemals fehlt, solange wir uns selbst mißtrauen und ganz auf Gott vertrauen.
Möge uns die Fastenzeit lehren, die Geister, die unsere Seele beeinflussen, nüchtern und wachsam zu unterscheiden, den brüllenden Löwen, der danach trachtet, uns zu verschlingen, frühzeitig auszumachen und die ungeordneten Emotionen zu überwinden, indem wir die ihnen entgegengesetzten Akte in uns erwecken. Bitten wir unseren göttlichen Lehrmeister, daß Er uns als gelehrige Schüler in Seine Nachfolge nehme, damit wir nach bestandenem Kampf in dieser unserer irdischen „Weltzeit“, die ihren symbolischen Ausdruck in den vierzig Tagen der Quadragesima hat, das Ziel erreichen: nämlich die Verwirklichung der göttlichen Ordnung in unserem Leben und endlich die Vollendung im gelobten Land der jenseitigen Welt; im himmlischen Jerusalem, in der ewigen Herrlichkeit und Glückseligkeit des Reiches Gottes. Amen.