Sonntag Sexagesima
Die Saat der Berufung
Geliebte Gottes!
Der hl. Papst Gregor d. Gr. sagt: Das Gleichnis vom Sämann bedürfe, eben weil der Herr Selbst seine Bedeutung erklärt hat, keiner weiteren Auslegung. Denn was sollte der gebrechliche Menschenverstand der Darlegung des göttlichen Wortes noch hinzufügen? Stattdessen bedürfe dieses Gleichnis der Ermahnung. Die geistige Lehre nämlich, die Christus in der Parabel vom Sämann darlegt, findet sich im gesamten Evangelium anschaulich bestätigt. Christus ist der Sämann. Der Same ist das Wort Gottes. Der Same ist die Berufung, die an die Menschen ergeht. Der Boden ist die Seele, welche den Samen der Berufung ganz unterschiedlich aufnimmt.
Von Christus, dem ewigen Wort Gottes, sind Berufungen ausgegangen. Er hat zu Seiner Nachfolge aufgerufen, denn das war der Zweck Seines Kommens. Er hat Sein Volk berufen, die Führer des Volkes, einzelne Menschen, Männer und Frauen. Wir wollen sehen, wozu Er sie berufen hat und wie sie den Samen Seines Rufes aufgenommen haben.
Die Berufungen sind verschieden. Die Angehörigen Seines Volkes hat Er nur berufen, damit sie Ihn erkennen, an Ihn glauben, auf Seine Evangelium eingehen. Er begnügt sich damit, daß sie von Ihm und mit Ihm das Reich Gottes erwarten, nicht ein politisches Reich, sondern ein Reich innerer Gesinnung, ein Reich der Herzensumwandlung, in dem sie Gott dienen, in dem Gott herrscht. – Einzelne aus dem Volk hat Christus berufen zu einer näheren Nachfolge. Sie sollten als Seine Jünger mit Ihm gehen und mit Ihm leben, alles mit Ihm teilen. Durch ihre innere Gesinnung, ihren Charakter und ihre Tätigkeit sollten sie etwas Besonderes bilden. – Nur ganz wenige hat Er zu einer allernächsten Gemeinschaft, einer innigen Freundschaft mit Ihm, zu einer Nachfolge des Apostolates berufen. Manche Berufungen bleiben erfolglos, andere waren erfolgreich.
Die fruchtlosen Berufungen
Erfolglos waren Jesu Berufungen beim jüdischen Volk im Ganzen. Wie immer und überall ist das Volk zu Seiner Zeit gewesen: lebendig, beweglich, empfänglich, vor allem für Neues, Sensationelles, leicht begeistert. Aber die Begeisterung flaut außerordentlich rasch wieder ab. Tritt etwas Neues in den Gesichtskreis des Volkes, so fesselt das Neue seinen Sinn. Was gerade kommt, begeistert oder schreckt es. Es ist etwas Triebhaftes im Volk, wenig durchgearbeitet von den Kräften des Geistes und der Sittlichkeit. So ist es nicht zu verwundern, daß das Volk im Ganzen nicht dauerhaft für Christus gewonnen werden konnte. Es fehlt dem Volk an Nüchternheit. Sie wollten Wunder haben, Schauwunder, Sensationswunder. Nicht das Evangelium Jesu an sich hat sie gefesselt, sondern das Neuartige, Aufsehenerregende, Unerhörte.
Dann fehlt es dem Volk an geistigem Sinn. Die Persönlichkeit Jesu und Seine Lehre stellten hohe Anforderungen an die Masse der Menschen, setzten geistiges Interesse, geistige Neigungen und geistiges Verständnis voraus. Doch das Volk ist beschäftigt mit dem aufreibenden Kampf ums Dasein, mit der ständigen Mühe und Plage, mit der Sorge für das tägliche Brot. Was nicht unmittelbar Nutzen bringt, weckt nicht auf Dauer sein Interesse. Die Masse als Ganzes ist für Geistiges, für Übernatürliches nicht dauerhaft zu haben.
Es fehlte dem Volk auch an Opferwilligkeit. Als die Nachfolge Jesu ernst und gefährlich wurde, fielen sie ab; auch die bis dahin noch zu Ihm gehalten hatten, zogen sich zurück. Sie wollten es sich mit den Mächtigen, mit den Herrschenden nicht verderben. Sie hatten doch Rücksicht zu nehmen, Rücksichten auch geschäftlicher Art: Sie waren abhängig von vielen Menschen, die sich nicht für Jesus erklärten; so fielen sie ab. Das läßt sich leicht begreifen. Jesus hat sich darüber nicht gewundert; Er ließ das Volk gehen, als es gehen wollte. – Auch die Opferscheu ist etwas, was jedem Menschen anhaftet. Die Masse und auch der Einzelne können sich nur schwer zu den Opfern aufschwingen, welche die Nachfolge Christi verlangt. Und sie verlangt Opfer, die alltäglichen, widerwärtigen Opfer. So ist es immer geblieben, so wird es immer sein. Es fehlt der großen Masse meist an Nüchternheit. Darum muß sie geführt werden; sonst verläuft sie sich wie eine Herde, die hin und her schwankt, zwischen Begierden und Ängsten. Auch die mangelnde Geistigkeit ist ein allgemeines Merkmal der Volksmassen. Das ist heute nicht anders als damals. Selbst einzelne Menschen, soweit sie einer solchen Masse anhangen, teilen diese Schwäche. Selbst im religiösen Leben gibt es eine Sensationslust. Man möchte das Wunder sehen, das Außer ordentliche, das Seltsame, das Erlebnis, die Ekstase, das Berauschende, Begeisternde. Die trockene Arbeit des Alltags, das gleichmäßige Vorantappen, das mühselige Sichhocharbeiten, das ist sehr schwer. Müdigkeit, Mutlosigkeit, Mattigkeit ist eingetreten.
Erfolglos berufen waren auch die „Eliten“, die Führer des Volkes, die Pharisäer, die Schriftgelehrten, die Hohenpriester. Auch sie sind Jesus nicht gefolgt. Warum nicht? Weil sie von anderem erfüllt waren. Sie waren die Herrschenden, die Tonangebenden. Das Volk richtete sich nach ihnen; sie hatten die Massen vollkommen in ihrer Hand. Das hätten sie aufgeben müssen; dann wäre Jesus der Führer des Volkes geworden. Sie hätten zu Seinen Füßen sitzen müssen, Ihn anhören, Sein Königtum annehmen müssen; sie hätten ihre gewohnte Denkweise aufgeben müssen. Ihre Schulstreitigkeiten der verschiedenen Gesetzesauslegung wären gegenstandslos geworden; kein Mensch hätte sich noch um ihren Buchstabendienst gekümmert. So wären sie geistig brotlos geworden, abgesetzt von ihrer Herrschaft im geistigen Sinne. Deshalb mußten sie Gründe haben, Jesus abzulehnen. Da zeigte es sich, daß ein Menschenherz, das schon von etwas voll ist, nichts Neues aufnehmen kann, auch nicht das Beste. Wenn ein Mensch von Leidenschaften, vom Geist der Kritik, von einer innerlichen Abneigung, von einem auf Abneigung beruhenden Vorbehalt beherrscht ist, ist es unmöglich, ihm etwas beizubringen, solange er nicht Platz schafft.
Als Beispiel von Einzelnen, die erfolglos berufen wurden, steht im Evangelium der reiche Jüngling. Er zeichnete sich durch viele gute Eigenschaften aus. Er war ein vorzüglicher junger Mann. Er hatte wirklich die Gebote Gottes gehalten. Er war beseelt von einem hohen Idealismus, war ohne Zweifel sachlich und geistig interessiert. Er war wie geschaffen für die engere Nachfolge Jesu. Und trotzdem konnte er nicht folgen und folgte nicht. Es war ein Hindernis in ihm. Er war ein reicher Mann. Vermutlich hatte er eine Villa, ein großes Landgut, ein schönes Heim, er war gebildet, hatte viel gelesen, war ein kultiviertes Leben gewöhnt. So war er, und das liebte er. Nun ist das keine Sünde. Gott hat nirgends verboten, feinere Kultur des Lebens zu pflegen. Aber der junge Herr liebte diesen Lebensstil. Auch das ist noch nicht schlecht. Aber es hat seiner Seele den großen, heroischen Schwung genommen. Er war kein mutiger Mensch, und große Wagnisse waren ihm fremd. Er war mit seiner hohen Kultur und mit seiner materiellen Abgesichertheit einigermaßen verweichlicht. Das weiß Jesus; darum sagt Er zu ihm: „Wenn du vollkommen sein willst, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen. So wirst du einen Schatz im Himmel haben. Dann komm und folge mir nach.“ Das war zu viel für den jungen Mann. So mit einem Mal alles hinzugeben, sich in ein solches Risiko zu stürzen, ins Leere zu fallen. Dazu war er nicht fähig. Es war diese Schwäche, die ihn hinderte. Alles auf einmal hingeben, das konnte er nicht. Es fehlte ihm das, was zu einem heldenhaften Menschen gehört. Das hat ihn gehindert, auf seine Höhe zu kommen und seine Berufung zu erreichen. Jesus wurde traurig, als Er das sah: diese Tragik, diese Unmöglichkeit, dieses Steckenbleiben in den Anfängen eines Lebens.
Die fruchtbaren Berufungen
Unter den Menschen, die Jesus nachfolgten, sind zwei Typen deutlich zu unterscheiden, zwei Arten von Menschen und zwei Arten von Nachfolge.
a) Berufung der Unschuldigen
Eine Gruppe von Menschen folgt Jesus einfachhin nach, weil Er sie ruft, weil Er sagt: „Folge Mir nach!“ Das tun sie mit der Selbstverständlichkeit ihrer unbefangenen, reinen Seele. Wo ihnen das Große begegnet, nehmen sie es, erkennen es, würdigen es. Es sind empfängliche, bereitwillige Naturen. Gott braucht sie nur an der Hand zu nehmen, und sie gehen mit, ohne sich zu sträuben.
Wir sehen es an den ersten Jüngern, deren Berufungen der hl. Johannes in seinem Evangelium erzählt. Eines Tages stand der hl. Johannes der Täufer mit seinen Jüngern am Jordan, und Jesus ging vorüber. Der Täufer sah Ihn und sprach: „Seht, das Lamm Gottes!“ Da gingen dem Heiland zwei Jünger nach, ganz schüchtern. Jesus hörte ihr Geflüster und fragte: „Was sucht ihr?“ Sie waren etwas verlegen und fragten: „Meister, wo wohnst du?“ Immerhin schon etwas, das zu wissen. Jesus sagt: „Kommt und seht!“ Und sie gingen mit und waren den ganzen Tag bei Ihm. Das war der entscheidende Tag ihres Lebens. Der eine von ihnen war Johannes, der Evangelist. Als er nach Jahrzehnten diese Erinnerung niederschrieb, bemerkte er: „Es war die zehnte Stunde.“ Eine unvergeßliche Stunde, wohl die größte Stunde seines Lebens. Das ist das Entscheidende: Sie brauchten Jesus nur kennenzulernen, dann waren sie schon gewonnen. Kein Wunder, keine Weissagung war nötig. Ihre Seele war so empfänglich, so bereitwillig, so hingegeben. Wo einer großmütigen Seele das Große begegnet, da nimmt sie es an. – Am nächsten Tag traf Jesus den Philippus. Das war eine einfache, kindlich fromme Seele, voller Bereitwilligkeit, gutmütig. Jesus sieht ihn und sagt: „Folge mir nach!“ Da ging er mit. Mehr braucht es nicht; es leuchtet ihm sofort ein, wer ihn beruft. – Nathanael, sein Freund, war anderer Art. Ein kritischer Geist, vorsichtig mißtrauisch und spöttisch; vielleicht hatte er etwas Überlegenes in seinem Wesen. Philippus sagt zu ihm: „Wir haben den gefunden, der in den Büchern der Heiligen Schrift als Messias verheißen ist.“ Nathanael entgegnet: „Das ist schön, das freut mich. Woher ist Er denn?“ „Aus Nazareth.“ „Ach so, aus Nazareth. Da kann doch nichts Gutes herkommen.“ „Nun komm halt mit, sieh selbst.“ Philippus weiß, das ist die beste Art der Widerlegung. Nathanael ging mit Philippus. Jesus sah ihn kommen und sagte: „Seht, ein wahrer Israelit, am dem kein Falsch ist.“ Nathanael ist erstaunt. „Woher kennst du mich?“ Das Lob kommt ihm verdächtig vor. Kritisch und mißtrauisch läßt er sich nicht so leicht einfangen. Da sagt Jesus sehr ernst: „Ich habe dich unter dem Feigenbaum gesehen, noch ehe dich Philippus rief.“ Da ist Nathanael verblüfft, hingerissen und gewonnen. Er war überzeugt, daß Gott allein dieses Erlebnis unter dem Feigenbaum kannte, und nun weiß es Jesus. Da bricht es aus ihm heraus: „Wahrhaftig, Du bist der Sohn Gottes, du bist der König von Israel!“
Wir sehen an diesen Berufungen, daß diese Jünger außerordentlich aufrichtige, ehrliche Menschen waren. Es kam ihnen auf die Sache an: auf den Messias. Was der Anschluß an Ihn an Konsequenzen für ihr Leben haben würde, das wird sich von selbst ergeben. Sie waren auch demütig, bereit, das Große anzuerkennen. Was groß ist, das soll man auch groß nennen und anerkennen, sich ihm beugen und unterwerfen. Solcher Art sind die Menschen, die in der Gefolgschaft Jesu gute Jünger werden, treue Arbeiter und Helfer, brauchbare Werkzeuge, mit denen das Reich Gottes aufgebaut wird, Bausteine und Säulen der Kirche.
b) Berufung der Sünder
Es gibt noch eine andere Gruppe von Menschen, die in abweichender Weise dem Herrn folgen: die beiden Zöllner, der Schächer am Kreuz und Maria Magdalena.
Die beiden Zöllner: Levi war ein Zöllner und saß in seinem Zollhäuschen an der Straße, und alle Karawanen und Handelszüge, die vorüber kamen, mußten ihren Zoll entrichten. Er hatte den Zoll gepachtet, mußte dafür eine beträchtliche Summe an die Behörde abführen und sehen, wie er das Geld wieder hereinbekam. Das war sein Lebenserwerb. Die Zöllner waren als Sünder verschrien, weil sie mit der Behörde, mit der Obrigkeit in Verbindung standen und die Handelsleute bedrückten. Sie waren verdächtig und verachtet. Levi war einer von ihnen und hat wohl viel unter dem Verdacht und der Verachtung gelitten. Aber was wollte er machen? Er hatte diesen Beruf, konnte nichts anderes finden, wurde von den Volksgenossen gehaßt und ausgegrenzt. In seinem Herzen aber lebte eine Sehnsucht nach Geistigem, Göttlichem, nach dem Reiche Gottes, dessen er sich doch vollkommen unwürdig fühlte. Er war so einer wie der Zöllner, von dem Jesus im Gleichnis sprach, der hinten im Tempel stand, sich kaum seine Augen zu erheben traute, vielmehr tief gebeugt stand und sagte: „Herr, sei mir armen Sünder gnädig.“ So saß Levi, dessen griechischer Name Matthäus lautete, in seinem Häuschen und schaute hinaus. Da ging Jesus mit den Jüngern vorüber. Matthäus hat vielleicht brennend gewünscht, mit Ihm reden zu dürfen, aber er war ein Zöllner, das durfte er nicht, er mußte in der Ferne bleiben. Sehnsüchtig schaute er hinaus, und siehe, als Jesus vor seinem Zolltisch angekommen war, sagte Er: „Folge mir!“ Da sprang Matthäus auf, ließ alles zurück, seinen Zoll, seine Rechnungen, sein Geschäft, sein ganzes Vermögen. Er wurde Apostel und der erste Evangelist. Das war der Tag, den er ersehnt, aber nie für möglich gehalten hatte.
Ähnlich ging es dem Zachäus in Jericho. Auch er ein Gedrückter, ein Verachteter. Trotzdem trug er in seiner Seele eine Hoffnung, eine Sehnsucht außerordentlicher Art. Da kam Jesus in die Gegend von Jericho, und Zachäus hörte es. Es erwachte in ihm der glühende Wunsch, Jesus zu sehen. Er hielt sich nicht für würdig, mit Jesus zu reden, aber sehen wollte er Ihn. Aber da bestand eine Schwierigkeit. Zachäus war körperlich klein; er fürchtete, man werde ihn nirgends vorlassen, man werde ihn zurückstoßen. Was soll er tun? Nun war da ein wilder Feigenbaum, den Zachäus gut kennt, den man mit etlicher Mühe ersteigen kann. Das versucht er zum großen Mißvergnügen der Gassenjungen. Jetzt kommt auch noch der Zachäus herauf. Vermutlich hat er allerhand üble Bemerkungen einstecken müssen; es war ziemlich blamabel für den erwachsenen Mann, in seiner Stellung, hinaufzuklettern. Aber er tat es, um Jesus zu sehen. Jesus kommt inmitten einer Volksschar. Und siehe, gerade unter dem Baum bleibt Er stehen. Dem Zachäus droht das Herz zu stocken. Gerade da muß Jesus hinauf schauen und sieht den Zachäus. Was wird Er tun? Zachäus sieht die Augen der Menge auf sich gerichtet. Wird Jesus sagen: „Du alter Wucherer, du ungerechter Zöllner! Du gehörst nicht zum Reiche Gottes! Geh weg, du gehörst nicht zu den Söhnen des Hauses Israel!“ Wird Jesus das sagen? Zachäus traut seinen Ohren nicht, als Jesus sagt: „Zachäus, steig schnell herab, denn heute muß Ich in deinem Hause weilen.“ Was er nie für möglich gehalten hätte, daß Jesus ihn sieht, daß Er ihn kennt, daß Er ihn anredet, daß Er sich sogar in sein Haus einlädt. Dieses Wunder ist geschehen.
Matthäus und Zachäus, die beiden Zöllner. Ihre Ausgestoßenheit im Volke war das große Leid ihres Lebens. Daher ihr Durst nach Teilnahme am Reiche Gottes, ihre Demut, ihre Anspruchslosigkeit, in der sie sich selbst für unwürdig hielten, obwohl sie ein so großes Verlangen trugen. Sie waren sich gewiß, daß ihre Sehnsucht für immer ungestillt bleiben müsse, und darunter litten sie schwer. Aber gerade dieses Leiden hat sie bereit gemacht, hat sie empfänglich gemacht, hat in ihnen die Sehnsucht erzeugt, die sie Jesus entgegentrieb. Sie hätten das Unmögliche getan, um Ihn nur zu sehen und gar Ihm folgen zu dürfen.
Unter den Berufenen, die gesegnet wurden, war auch jener rechte Schächer am Kreuz, den wir als hl. Dismas verehren. Ein armer Mensch, ein Verbrecher. Man kann ahnen, wie sein Leben verlaufen war. Weiß Gott, woher er stammte, aus welcher Verbrecherfamilie. Vielleicht kannte er seinen Vater nie, vielleicht war seine Mutter eine schlechte Frau. So gab es in seiner Jugend nichts, was ihn hätte freuen können, nichts zu essen, keine Liebe, keine Geborgenheit, herumgestoßen und getreten von allen, darum gewitzigt und mit allen Wassern gewaschen, tüchtig, die Leute zu betrügen, ein rechter Verbrecherjunge. So ging es dann weiter in späteren Jahren. Die Verbrechen wurden größer, er kam in schlechte Gesellschaft. So fiel er schließlich herein, wurde verhaftet, zum Tode verurteilt. Er hatte von Anfang an nichts vom Leben gehabt, keine Freude, keine Liebe, keine Heimat, keine Achtung. Dennoch war in dieser Seele etwas geblieben. Etwas Göttliches. Nämlich ein Gerechtigkeitssinn! Er selbst empfand sein Schicksal als gerecht, wie er zu dem anderen Schächer sagt: „Hast du denn keine Furcht vor Gott, obwohl du doch die gleiche Strafe erleidest? Wir freilich mit Recht, denn wir empfangen die gerechte Strafe für unsere Taten. Dieser aber hat nichts Böses getan.“ Der Gerechtigkeitssinn läßt ihn sein Schicksal als etwas Gebührendes hinnehmen; er läßt ihn sogar das Unrecht erkennen und verabscheuen, das einem anderen geschieht. Der Mitgekreuzigte Jesus von Nazareth ist so still. Der Schächer ist ein Erfahrener, ein Menschenkenner. Er sieht auf den ersten Blick: Der Mann in der Mitte ist nicht wie ich und Er ist unschuldig und wird unschuldig gehaßt und verfolgt. Das empört ihn, das erfüllt ihn mit Zuneigung, mit Liebe zu diesem Unschuldigen. Wir sehen aus diesem Gerechtigkeitssinn, der in ihm geblieben ist, daß trotz allem Schlimmen ein Idealismus in ihm wohnt. Das wäre nicht möglich, wenn nicht in seiner Seele all die Jahre hindurch ein Verlangen nach Licht, Freiheit und Liebe geblieben wäre. Vielleicht hat er versucht, aus seinem schlechten Leben herauszukommen, und hat es nicht geschafft. Sein Leben lang hat er sich die Hände blutig gerissen an den Kerkermauern seiner Sünden und Laster, in die er sich eingeschlossen hatte, aber er ist nicht herausgekommen. Was mag er gelitten haben unter all diesen Zuständen, unter dieser Gedrücktheit und Armseligkeit! Und dabei hatte er dieses große Ideal von Gerechtigkeit, von Freiheit und Liebe in seiner Seele. Es gibt wohl zuweilen auch unter Verbrechern Menschen mit dürstenden Seelen, denen niemand es ansieht, daß in ihnen eine heimliche Güte wacht, die nicht erfüllt wird. Nun kann er es nicht mehr ansehen, nicht mehr hören, daß der Mitschächer Gesmas den gekreuzigten Heiland lästert. Schließlich wagt er es, sich an Jesus zu wenden: „Herr, gedenke meiner, wenn Du in Deine Königsherrlichkeit kommst.“ Nur ein Gedenken will er, nicht mehr; auch nicht, daß er aufgenommen wird in dieses Reich. Gedenke meiner, sagt er. „Ich komme in die Hölle, das ist klar; aber wenn ich unter den Verdammten bin, soll wenigstens ein guter Mensch meiner gedenken.“ Auch das ist etwas Großes, was er verlangt: daß man im Himmel seiner gedenkt. Aber er weiß nicht, ob es groß oder klein ist; er hat nur den einen Wunsch, daß ein Herz ihm einmal gut ist. Da wird ihm das Reich Gottes zuteil. „Heute noch wirst du bei Mir im Paradiese sein.“ Wir sehen bei diesem Mann: Da ist das große Leid seines Lebens, der furchtbare Schmutz der Verwahrlosung, die Verachtung, das Ausgestoßensein. Aber alles, was er durchgemacht hat, hat nicht das Göttliche in seinem Herzen bis zum letzten auslöschen können. Das ist der Funke der Liebe zur Gerechtigkeit, der Wahrhaftigkeit, ein Rest von Idealismus. So hat er gleichsam nach der Hand Jesu gegriffen wie ein Versinkender, hat sich mit der ganzen Leidenschaft seiner gedrückten, mißhandelten Seele zu Jesus geschlagen und ist gerettet worden.
Dann war da ein Mädchen, eine junge Frau, Maria Magdalena. Sie hatte in ihrer Seele ein großes, leidenschaftliches Verlangen von Jugend auf. Sie war sinnierend veranlagt, hatte nicht viel Sinn für äußere Dinge, aber war erfüllt vom Gefühl eines großen Ungenügens. Alles, was sie umgab, konnte ihre Seele nicht sättigen. Sie wartete auf etwas ganz Großes, wofür es der Mühe wert wäre, zu leben. Doch sie suchte das Große zunächst an einer ganz falschen Stelle, nämlich in der sinnlichen Lust in den Armen vieler Männer. Maria von Magdala war eine öffentliche Sünderin. Die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas berichten, daß der Herr sie von sieben Geistern befreit hatte. Das waren nicht etwa die sieben Hauptsünden, sondern Dämonen, die der Heiland aus ihr ausgetrieben hatte. Die Kirche erkennt in ihr jene stadtbekannte Dirne, die bei dem Gastmahl, zu welchem Jesus von dem Pharisäer Simon geladen war, von hinten an Jesus herantrat und mit ihren Reuetränen Seine Füße benetzte, sie mit ihren Haaren, mit denen sie unzählige Männer verführt hatte, abtrocknete und sie mit kostbarem Nardenöl salbte. Ihr Tun ist ganz von der zerknirschten Liebe und von liebender Zerknirschung geprägt, das der Heiland belohnt in dem Er ihr vor den skandalisierten Gästen und dem gedemütigten Gastgeber öffentlich versicherte; ihr seien viele Sünden vergeben, weil sie viel geliebt hat. Seitdem gehört sie Ihm mit ganzer Kraft und Glut ihrer Seele. Sie diente Ihm und war Ihm restlos ergeben, mit jeder Faser ihres Herzens, zu jedem Opfer bereit. Sie folgt dem Heiland bis unter das Kreuz und darf als Lohn für ihre Treue als erstes von den Jüngern des Herrn den Auferstandenen am Ostermorgen sehen, wenngleich ihre ungestüme, zu sinnenhafte Liebe, die den Herrn festhalten will, von Ihm in die Schranken gewiesen werden muß. So ist Maria Magdalena die große Frau der Urkirche geworden.
Der Durst nach der Gerechtigkeit vor Gott
Die beiden Zöllner, der Schächer und Maria Magdalena, sie sind Menschen, die aus einem großen Leid aufsteigen. Mit der ganzen Kraft ihrer gedrückten Sehnsucht, ihrer aufgestauten Liebe stürzen sie zu Jesus hin. Es sind die Menschen, die zum Größten fähig und bereit sind, die Helden, die großen Opfernden, die sich verbluten für Jesus und mit Freuden alles für Ihn hingeben; die sich nicht genug tun können, die immer und auf jeden Fall verdursten: zuerst verdursten sie, weil sie Jesus, ihr Ideal, nicht haben; und dann verdursten sie, weil sie ihrer Liebe nicht genug tun können, sie, die großen Leidenden und Leidtragenden. Aber Jesus sagt: „Selig die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden.“ Beten wir in dieser hl. Messe für die bevorstehende Fastenzeit besonders um einen großen innerlichen Durst nach der Gerechtigkeit vor Gott, damit wir die Saat der Berufung, die Jesus auch auf den Acker unserer Seele ausgebracht hat, in einem guten, in einem sehr guten Herzen aufnehmen und Frucht bringen in Geduld: dreißigfach, sechzigfach, hundertfach. Amen.