Von den Wegen zur Vollkommenheit

Geliebte Gottes!

Die Epistel aus dem 1. Korintherbrief erinnert uns daran, daß wir zwar verschiedene Glieder sind, aber als solche doch ein und demselben Leib angehören – dem geheimnisvollen Leibe Christi – und deshalb trotz aller Unterschiede hinsichtlich des Standes, der Berufsaufgaben und der Gnadengaben doch gemeinsam ein und dasselbe Ziel haben: die christliche Vollkommenheit. Der Völkerapostel fordert uns auf, nach den „höheren Gnadengaben“ zu streben. Darunter versteht er insbesondere die übernatürlichen Liebe, wie an dem schönen „Hohenlied der Liebe“, das wir alle kennen, deutlich wird, das der hl. Paulus unmittelbar an die Verse der heutigen Lesung angeschlossen hat.

Die christliche Vollkommenheit besteht wesentlich darin, daß wir Gott lieben. Genauer: Daß wir Gott über alles und alles in Gott lieben. Gott selbst müssen wir über alle anderen Geschöpfe lieben, gleichsam ohne jedes Maß; alles andere außer Gott müssen wir so lieben wie Gott es haben will. Das ist damit gemeint, wenn wir sagen wir müssen alles in Gott lieben. Der wird also alles andere in dem Maße lieben, wie Gott es haben will; der wird alles andere in der angemessenen Art und Weise lieben, wie Gott es will; und der wird alles andere vor allem darum lieben, weil Gott es haben will.

Der Heiland fordert von uns: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ (Mt. 5,48). Und der hl. Apostel Johannes sagt uns, worin die wesenhafte Vollkommenheit Gottes besteht, wenn er in seinem ersten Brief schreibt: „Gott ist die Liebe.“ (1. Joh. 4,16).

Weil der Mensch der Vollkommenheit Gottes nachstreben soll, lautet auch das wichtigste Gebot: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben, aus deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, aus allen deinen Kräften und mit deinem ganzen Gemüt. Das ist das größte und erste Gebot. Ein zweites aber ist diesem ähnlich. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Mt. 22,37–40). Daran knüpft wiederum der Völkerapostel an, wenn er den Christen von Rom liebevoll erklärte: „Die Fülle des Gesetzes ist die Liebe“ (Röm. 13,10), d. h., wer Gott über alles liebt, der hat auch alle sonstigen Gesetzesvorschriften vollkommen erfüllt. Wer hingegen die göttlichen Gebote übertritt, dessen Liebe ist unvollkommen. In diesem Sinne ermahnte der hl. Paulus auch die Christen von Kolossä: „Vor allem aber habet die Liebe, welche ist das Band der Vollkommenheit.“ (Kol. 3,14). Liebe, Erfüllung der Gebote und Vollkommenheit sind auf das Innigste verbunden.

Aus den Worten des Heilandes „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ erhellt ferner, daß es sich hierbei nicht nur um einen Rat handelt, sondern daß wir verpflichtet sind, nach Vollkommenheit zu streben. „Seid vollkommen!“ Das ist ein Befehl! – Niemand glaube also, sich mit der Ausrede entschuldigen zu können: „Die Vollkommenheit ist ja eine schöne Sache: für die Gottgeweihten, also für die Ordensleute, die der Welt Lebewohl gesagt und sich in die Beschaulichkeit der Klöster oder der Einsiedelei zurückgezogen haben; oder für die Priester, die von so vielen irdischen Sorgen frei sind; oder für die Rentner, die sich in ihrer vielen Freizeit den „Luxus“ frommer Lektüre und beschaulicher Gottinnigkeit leisten können; oder für die Frauen, die von ihrem Naturell her eher zur Frömmigkeit geneigt sind; oder für die Kinder, die noch nicht wissen, was die Welt alles an Reizen zu bieten hat. Aber für uns, die wir in der Welt, in ihren Sorgen, Geschäften und Gefahren, in ihrem Treiben leben wollen oder leben müssen, für uns ist die Vollkommenheit unmöglich zu leisten. Was aber einer nicht leisten kann, dazu ist er auch nicht verpflichtet.“ – So zu denken ist ein großer, schwerer, aber leider weitverbreiteter Irrtum, auch wenn er von praktizierenden Katholiken vielleicht nicht so deutlich ausgesprochen wird. Nein, nach Vollkommenheit zu streben, ist die Pflicht aller Christen: der Priester genauso wie der Laien; der Angehörigen des Ordensstandes genauso wie derer des Ehestandes oder der Unverheirateten; der Jugend genauso wie des Alters. Ein Gott, ein Himmel, ein Christus, ein Gebot. Das Ziel ist dasselbe. Die Vollkommenheit ist dieselbe. Gott lieben über alles. Ohne diese Vollkommenheit wird niemand selig.

Der einzige Unterschied besteht darin, daß der Weg zur Vollkommenheit nicht für alle gleich ist. Die verschiedenen Stände müssen verschiedene Mittel gebrauchen, um das allen gemeinsame Ziel zu erreichen.

Das heutige Evangelium zeigt uns, daß Christus die Glieder seiner Kirche im Wesentlichen in zwei Gruppen geschieden hat: in die Jünger aus denen Er die Apostel berufen hat. Das geschah nicht zufällig auf einem Berg. Der Berg ist immer das Sinnbild der Nähe zu Gott, der Verbindung und Liebe zu Ihm. Um zum Gipfel der Vollkommenheit zu gelangen, muß der Mensch sich vom Irdischen lösen, mit seiner Seele aus den Tiefen des Zeitlichen und der Sünde emporsteigen, sich erheben und aufschwingen zu Gott. – Wiederholt offenbart sich Gott den Menschen auf dem Gipfel eines Berges. So wurde Moses auf dem Sinai gewürdigt, den Abglanz Gottes zu schauen und die zehn Gebote zu empfangen. Dem Elias begegnete Gott auf dem Karmel im Säuseln des Windes und Christus offenbarte den drei Aposteln Seine verklärte Herrlichkeit auf dem Gipfel des Tabor. – Auf den Gipfel der Gottesvereinigung führen zwei Wege. Der allgemeine Weg der Jünger und der besondere Weg der Berufenen. Die Mittel oder Werkzeuge, die zur Erlangung der Vollkommenheit gebraucht werden müssen, zerfallen deshalb auch in zwei Klassen:

  1. solche, die von allen Christen ohne Ausnahme gebraucht werden müssen; und
  2. solche, welche nur von bestimmten Personen angewendet werden müssen.

Gehen wir anhand des Katechismus auf diese beiden Mittel und Wege genauer ein.

Der allgemeine Weg zur Vollkommenheit

Da wird die Frage aufgeworfen: „Welche Mittel muß jeder Christ anwenden, um zur Vollkommenheit zu gelangen?“ – Antwort: „Um zur Vollkommenheit zu gelangen, muß jeder Christ: 1. gerne beten, fleißig das Wort Gottes anhören und öfters die hl. Sakramente empfangen; 2. standhaft sich selbst verleugnen und abtöten; 3. seine täglichen Handlungen im Stande der Gnade und auf eine gottgefällige Weise verrichten.“

Das sind die Mittel, welche alle anwenden müssen, die Christus auf den Berg der Vollkommenheit nachfolgen wollen, ob sie nun zum Kreis der Jünger – also aller getauften Christgläubigen – oder zum Kreis der Apostel – also der Gottgeweihten – berufen sind.

Denken wir uns einen Reisenden, der in der Schweiz ankommt, um dort einen hohen Berggipfel zu besteigen. Welche Ausrüstung wird man einem solchen Bergsteiger anempfehlen? – Man wird ihm sagen, er müsse sich zunächst einen geeigneten Wanderstock, der zum Bergsteigen geeignet ist, besorgen. Also einen Stab, der wie ein Skistecken aussieht und unten mit einer scharfen Spitze versehen ist. Er dient zum Stützen auf dem langen Marsch. Er dient dazu, die Festigkeit und Tragfähigkeit des Bodens zu probieren; er gibt auf der Eisfläche der alpinen Gletscher einigen Halt für die gleitenden Füße. Der Stab ist also notwendig.

Aber das ist noch nicht genug? Wenn es sich um einen hohen Gipfel handelt, der schwer zu besteigen ist, dann wird man dem Wanderer auch sagen, er solle sich auf alle Fälle einen kundigen Führer mitnehmen, der die Wege kennt, der das Wetter einschätzen kann; der den Wanderer auf die Gefahren aufmerksam macht, der weiß, wann und wo man im Notfall eine Zuflucht findet.

Aber auch damit ist die Ausrüstung noch nicht beendet. Da der Weg weit ist und stets bergan führt und vor allem in den höheren Regionen weder Herbergen noch bewohnte Ortschaften anzutreffen sind, ist es auch nötig, daß der Bergsteiger einige Vorräte mitnimmt: Speisen und Getränken; klugerweise auch einige Medikamente und Verbandszeug zur Wundversorgung.

a) Gebet, Belehrung, Sakramente

Was nun der Bergsteiger notwendig hat, um zu seinem Ziel zu gelangen, das haben in ihrer Art alle Katholiken nötig, um das hohe Ziel der christlichen Vollkommenheit zu erreichen. Sie müssen den Stab des Gebetes zur Hand nehmen, des täglichen, andächtigen Gebetes. Ohne Gebet keine Vollkommenheit. Ohne Gebet rutscht man notwendigerweise ab, fällt zurück in alte Fehler und schlechte Gewohnheiten, bis zum Absturz in die Todsünde. – Deshalb gibt uns der Heiland im heutigen Evangelium das Beispiel des Gebetes. Jesus betet vor der Apostelwahl. Er betet dabei nicht für sich, sondern für die Apostel. So sollen auch wir nicht nur für uns selber, sondern füreinander beten. „Betet füreinander, damit ihr das Heil erlanget“, sagt der hl. Jakobus (Jak. 5,16). Beim Beten ist vor allem darauf zu achten, daß es tatsächlich eine Erhebung unserer Seele zu Gott ist und kein leeres Reden des Mundes. „Sursum corda“ – „Empor die Herzen“, ruft uns der Priester bei jeder hl. Messe zu. Würden wir diesen Aufruf nicht auch in unseren Gebeten beherzigen, so gälten auch von uns die Worte Christi: „Dieses Volk ehrt Mich mit den Lippen; aber ihr Herz ist weit von Mir.“ (Mt. 15,8). – Ferner mahnt uns der hl. Ambrosius, anknüpfend an das Nachtgebet des Heilandes auf dem Berg, zum beharrlichen Gebet: „Was solltest du nicht für dein Heil unternehmen, da dein Heiland eine ganze Nacht für dich im Gebete zugebracht hat?“ Und so ist ja tatsächlich die Nacht oder die frühe Morgenstunde – da alle äußeren Geschäfte und Tätigkeiten und Verpflichtungen ruhen – die beste Zeit, um sich ungestört zum Gebet zu sammeln. – Der Heiland betet sodann nicht nach, sondern vor der Apostelwahl. Das tut Er, um uns zu belehren, daß wir vor jeder Tätigkeit, die etwas zu bedeuten hat, bei Gott Rat und Hilfe suchen sollen. Insbesondere müssen wir Gott recht eifrig bitten, damit Er Seiner Kirche gute Lehrer, gute Priester und Seelsorger schicken soll.

Denn um zum Gipfel der Vollkommenheit zu gelangen, müssen sich auch die Christen einen Bergführer nehmen. Dieser Führer ist zunächst einmal das „Wort Gottes“, das sie eifrig hören sollen, sei es in der Predigt, sei es in der Lesung geistlicher Schriften; insbesondere in den von der Kirche allgemein empfohlenen Büchern frommer Autoren, unter denen die Schriften aus der Feder der Heiligen ganz besonders hervorragen. Was die Heiligen geschrieben haben, ist nicht nur während ihres Kanonisationsprozesses von der Kirche auf ihre Rechtgläubigkeit geprüft worden. Nein, die Heiligen können, wie nur wenige, aus eigener Erfahrung davon sprechen, wie man den Gipfel der Vollkommenheit erklimmen muß. Sie wissen aus Erfahrung, welche Stufen der Reinigung zu durchlaufen sind und welche Gefahren dabei lauern. Außerdem müssen wir uns in der konkreten Anwendung des Wortes Gottes auf unsere ganz einzigartige Lebenssituation von einem im geistlichen Leben erfahrenen Menschen, also in der Regel von einem klugen Priester und einer erfahrenen Ordensperson, beraten lassen. – Wir wären töricht; ja, vermessene, verwegene Toren wären wir, wenn wir ein so hohes Ziel wie die christliche Vollkommenheit ohne zuverlässige Führer erreichen wollten.

Schließlich müssen auch die Seelen auf dem Weg zum Gipfel der Gottesliebe einiges an Proviant und Medizin mitführen. Sie bedürfen nämlich der geistigen Nahrung in Form des häufigen Genusses des „Brotes des Lebens“ in der hl. Kommunion sowie der heilenden Reinigung im Sakrament der Buße. Sonst wird sie der Staub der täglichen Alltagssünden bedecken, die Wunden freiwilliger läßlicher Sünden werden sie schwächen und zu Boden ziehen, die Ermüdung wird ihre Schritte, ihren Eifer, ihre Freude lähmen und schließlich werden sie auf dem weiten, entbehrungsreichen Weg erliegen und aufgeben.

Am Ende des heutigen Evangeliums sehen wir, wie der Heiland vom Berg in die Ebene herabstieg. Dort traf Er die Kranken und die durch Sünden verwundeten Seelen. Sie können sich nicht zum Gipfel aufschwingen, weil sie von ihren Anhänglichkeiten und lasterhaften Gewohnheiten daran gehindert werden. Jesus ließ sich in Seiner Güte und Freundlichkeit zu den Kranken herab. Und da heißt es: „Alles Volk suchte, Ihn anzurühren; denn es ging eine Kraft von Ihm aus und heilte alle.“ (Lk. 6,19). So müssen auch wir suchen, mit Ihm „in Berührung zu kommen“, durch eine tiefgläubige Verehrung und den andächtigen Empfang des Allerheiligsten Altarssakraments. Auch wir müssen Ihn zu „berühren“ suchen in beharrlicher Lesung und Betrachtung Seines Evangeliums, bis sich Geist und Geist dabei begegnen und der Funke der Gottesliebe in uns aufsprüht und wir „ein Geist werden mit dem Herrn“. (1. Kor. 6,17).

b) Werke der Losschälung

An zweiter Stelle sagte uns der Katechismus, daß alle Christen, die zur Vollkommenheit gelangen wollten, sich standhaft verleugnen und abtöten müßten. Was heißt das, sich selbst verleugnen? – Schauen wir dazu auf den hl. Petrus. Was tat er, als er den Heiland verleugnete? Er sagte, er kenne Ihn nicht, und kannte Ihn doch. Denn früher hatte er ja bekannt: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ (Mt. 16,16). In der Nacht des Gründonnerstags sagte er: „Ich kenne den Menschen nicht.“ (Mt. 26,74). Er hatte den Heiland verleugnet. – Was müssen also wir tun, wenn wir uns selbst verleugnen wollen? Wir müssen uns selbst so behandeln, als wenn wir uns selber nicht kennten. Beleidigungen so ansehen, als wenn sie uns nichts angingen, das eigene Lob, das uns andere sprechen, so anhören, als wenn es uns nicht beträfe. Arbeiten, Anstrengung, Entbehrung so tragen und auf uns nehmen, als wenn nicht wir, sondern ein anderer sie tragen müßte. Vor allem aber, daß wir unsere Wünsche und Erwartungen an dieses Leben, an die Mitmenschen, an die Freuden und Güter dieser Welt und das leidenschaftliche Streben nach Besitz, Genuß und Geltung so behandeln, als handelte es sich dabei nicht um unsere Wünsche, Interessen und Erwartungen, nicht um unser leidenschaftliches Verlangen und Drängen; als seien sie uns völlig unbekannt. Auf diese Weise müssen wir uns nach und nach von aller Anhänglichkeit an die geschaffenen Dinge losschälen und wenigstens im Geiste alles verlassen. „Wer Mein Jünger sein will“, sagt der Herr, „der verleugne sich selbst.“ (Mt. 16,24).

Als Beispiel kann uns gerade jener der zwölf von Christus berufenen Apostel dienen, dessen Fest wir heute feiern, der hl. Apostel Barholomäus. Sein eigentlicher Name war Nathanael; Nathanael aus Kana in Galiläa (vgl. Joh. 1,45–51). Er war der Sohn des Tholmai und wurde deshalb „Bar Tolmai“ genannt, so wie Simon Petrus „Bar Jona“, also Sohn des Jona, bezeichnet wurde. Aus „Bar Tolmai“ wurde dann der griechisch-lateinische Name „Bartholomäus“ gebildet. Der hl. Apostel Bartholomäus gelangte nach der Herabkunft des Heiligen Geistes an Pfingsten in seiner Predigttätigkeit bis ins Grenzgebiet von Indien. Seine hauptsächlichsten Wirkungsgebiete waren Persien und Armenien. Weil der Apostel aus der Tochter des Königs von Großarmenien einen Dämon ausgetrieben hatte, woraufhin sich der König mit seinem ganzen Hof zum Christentum bekehrte, erregte er die Eifersucht des Bruders des Königs, der gleichzeitig oberster Götzenpriester war. Dieser ließ den hl. Bartholomäus ergreifen, ihm bei lebendigem Leibe die Haut abziehen und ihn dann enthaupten. Durch sein Martyrium ist er uns ein besonders drastisches Beispiel der Selbstverleugnung und Losschälung von dieser Welt. Denn für ihn war seine eigene Haut, trotz aller damit verbundenen Qualen, aus Liebe zu Gott so, als wäre sie nicht die seine. Auch wir müssen den „alten Menschen“ ausziehen (Kol. 3,9), damit wir der „neue Mensch, der nach Gott geschaffen ist, in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit“ (Eph. 4,24), werden können. Das tut weh.

c) Vollkommene Erfüllung der Standespflichten

Das dritte Mittel zur Erlangung der Vollkommenheit besteht darin, daß wir unsere täglichen Handlungen, vor allem jene, zu denen wir durch unseren Berufs- und Lebensstand verpflichtet sind, im Stande der heiligmachenden Gnade und auf gottgefällige Weise verrichten. – Das ist ein sehr naheliegendes Mittel. Denn was liegt uns näher als unsere täglichen Standespflichten, sei es im Haushalt, im Familienkreis, in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Werkstatt, im Geschäft, auf dem Amt oder im Dienst? Was liegt uns näher als die Handlungen, die wir immer, Tag für Tag, verrichten müssen? – Um vollkommen zu werden, brauchen wir unseren Stand, unseren Beruf, unser Amt, unser Gewerbe, unser Geschäft, unsere Arbeit nicht zu verlassen. Wir müssen bloß dafür sorgen, daß wir unsere Arbeit auf gottgefällige Weise verrichten.

Und was gehört dazu, um dieselbe auf eine gottgefällige Weise zu verrichten? Dazu gehört einmal, daß wir dieselbe im Stande der heiligmachenden Gnade verrichten. Nur dann werden sie verdienstlich vor Gott. Ferner gehört dazu, daß wir sie verrichten, so gut, so sorgfältig, so aufmerksam und so unverdrossen bei Ermüdung und Schwierigkeiten wie nur möglich. – Auch Gottes Werke sind vollkommen. Das kleinste Grashälmchen, das wir keines Blickes würdigen, ist so vollkommen in seiner Gestalt, in seinen Teilen, in seiner Einrichtung wie die unübersehbare Zeder auf dem Libanon, wie die Rose, die unser Auge erfreut. Sollen unsere Werke gottgefällig sein, so müssen wir auch das Gewöhnliche, das Kleine, das Alltägliche, das, was alle anderen übersehen, so gut verrichten, wie wir nur können. Der hl. Augustinus sagt: „Kleines ist klein, aber im Kleinen getreu sein, das ist etwas Großes.“

Schließlich müssen unsere Werke, damit sie bei Gott Wohlgefallen finden können, besonders ein Merkmal an sich tragen: Sie müssen in einer wahrhaft guten Meinung verrichtet werden. Und zwar in der Meinung „Gott zuliebe“, „Gott zur höheren Ehre“, um „Ihm zu dienen“. In dieser Meinung wird jede Bewegung der Hand, jeder Schritt unserer Füße, jeder Schweißtropfen auf unserer Stirn, jedes Wort unserer Zunge, jeder Gedanke des Herzens ein Schritt, der uns dem Ziele der Vollkommenheit näher bringt.

Die besonderen Mittel zur Vollkommenheit

Außer den Mitteln, die von allen Christen angewendet werden müssen, wenn sie zur Vollkommenheit gelangen wollen, gibt es noch andere, welche zwar nicht vorgeschrieben, aber doch von unserem göttlichen Erlöser angeraten sind.

Welches sind diese Mittel? Der Katechismus gibt die Antwort: „Besondere Mittel sind die sogenannten drei evangelischen Räte, nämlich: 1. die freiwillige Armut, 2. die beständige Keuschheit, 3. der vollkommene Gehorsam unter einem geistlichen Oberen.“

a) Die evangelischen Räte

Sie heißen „Räte“, weil ihre Befolgung nicht vorgeschrieben, sondern angeraten ist. – So schreibt der Arzt etwa eine Arznei vor, die der Patient unbedingt nehmen muß, wenn er gesund werden soll. Außerdem gibt er ihm vielleicht den Rat, wenn er Zeit und Geld und Lust dazu hat, eine besondere Sportart zu praktizieren, einen Kurort aufzusuchen usw. Die Arznei ist unbedingt notwendig; sie ist vorgeschrieben. Der Sport, die Kur sind angeraten.

Die drei Räte werden sodann „evangelische Räte“ genannt. Das hat natürlich nichts mit den Protestanten zu tun, die für diese Räte in der Regel nur Hohn und Spott übrig haben, sondern weist darauf hin, daß sie im Evangelium, ja durch den Heiland selbst, angeraten worden sind. Ist das wahr? – Gewiß! Die freiwillige Armut hat der Heiland dem reichen Jüngling angeraten. „Guter Meister“, so fragte Ihn eines Tages ein Jüngling, „was muß ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?“ Der Heiland erwiderte: „Willst du zum Leben eingehen, so halte die Gebote.“ Das ist der allgemeine Weg zur Vollkommenheit, der Weg der Gebote. Der Jüngling sagte, das habe er von Jugend auf getan. Was fehlt ihm noch? Da heißt es, daß der Heiland den Jüngling liebevoll anblickte und ihm den Rat erteilte: „Wenn du vollkommen sein willst, so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen. Und dann komm und folge Mir nach.“ (Mt. 19,16–21). Jesus riet ihm also, freiwillig arm zu werden, dann würde er einen Schatz im Himmel haben. Er gab ihm aber noch einen weiteren Rat: Er solle kommen und Ihm folgen, d. h. sich ganz Seiner Leitung anvertrauen: „Dann komm und folge Mir nach.“ Da haben wir also an ein und derselben Stelle die beiden evangelischen Räte der freiwilligen Armut und des vollkommenen Gehorsams unter einem geistlichen Oberen.

Bei einer anderen Gelegenheit kam der Herr in einer Unterredung mit den Aposteln über die Ehe auch auf die ehelose und beständige freiwillige Keuschheit – „um des Himmelreiches willen“ –, also aus Liebe zu Gott zu sprechen. Was sagte der Heiland bei dieser Gelegenheit über die beständige Keuschheit? Er sagte die denkwürdigen Worte: „Wer es fassen kann, der fasse es.“ D. h., es ist eine schöne und erhabene Sache, aus Liebe zu Gott – nicht aus Bequemlichkeit, welche die Sorge um den Ehegatten und die Kinder als „größeres Übel“ einschätzt und deshalb davor flieht –; es ist eine schöne und erhabene Sache, aus Liebe zu Gott in vollkommener geschlechtlicher Enthaltsamkeit zu leben. Es ist vollkommener als die Ehe! Aber es ist keine Vorschrift, die befohlen, sondern ein Rat, der freigestellt ist. „Wer es fassen kann, der fasse es.“ (Mt. 19,12).

b) Die Berufung zum Ordensstand

Gerade diese letzten Worte des Heilandes machen auch deutlich, daß zur Befolgung der drei evangelischen Räte auch eine Befähigung vorausgesetzt und folglich eine Berufung dazu notwendig ist. Die Berufung zum Leben nach den evangelischen Räten ist, wie die der Apostel, Sache einer besonderen Erwählung durch den Herrn und – wenn sie zum Ordensleben führt – durch die Kirche. „Nicht ihr habt Mich erwählt, sondern Ich habe euch erwählt und euch bestellt, daß ihr hingeht und Frucht bringt.“ (Joh. 15,16). Keiner kann sich selbst nehmen, was nur Gott geben kann (vgl. Heb. 5,4).

Nicht jeder kann aus Liebe zu Gott enthaltsam leben. Vielen mangelt es an der Voraussetzung zum Befolgen des Rates der vollkommenen Keuschheit und damit offensichtlich auch an der Berufung zu dieser Lebensweise. – Anderen mangelt es an der Willensanlage oder an dem notwendigen Glaubensgeist, in einem fehlerbeladenen Menschen den Stellvertreter Gottes zu erblicken und sich dessen Weisungen vollkommen zu unterwerfen. Einem solchen Menschen fehlt die Befähigung zum vollkommenen Gehorsam unter einen geistlichen Oberen und folglich auch die Berufung zu dieser Lebensweise. – Schließlich gibt es auch solche, die aufgrund ihrer Anlage oder ihrer familiären Verpflichtungen weder auf ihren Besitz verzichten wollen oder verzichten können, noch der Verfügungsgewalt über jegliches Gut gänzlich zu entsagen vermögen. Da die Befähigung zur vollkommenen Armut fehlt, fehlt auch der Ruf des Herrn, auf diesem Weg zum Gipfel der Vollkommenheit zu gelangen. Deshalb: „Wer es fassen kann, der fasse es.“

Auch das finden wir im heutigen Evangelium angedeutet. Denn der Herr hat nicht alle Seine Jünger zu Aposteln und damit auf den besonderen Weg Seiner unmittelbare Nachfolge berufen, sondern nur die zwölf Männer, die namentlich genannt wurden und die fortan durch die Bezeichnung „Apostel“ von den Jüngern unterschieden waren. – Zwölf Apostel wählte der Herr aus, weil aus ihrer Glaubensverkündigung das neutestamentliche Volk Gottes gezeugt werden sollte, wie aus den zwölf Söhnen Jakobs das alttestamentliche Bundesvolk Israel hervorgegangen war. Auf die Frage, warum der Heiland diese zwölf berief, antwortet ein Ausleger: „Ich weiß nicht, soll ich sagen. Waren sie die Tauglichsten? Oder waren sie die Untauglichsten? Sagt doch der Völkerapostel: ‚Was vor der Welt töricht ist, hat Gott erwählt, um die Weisen zu beschämen; und das Schwache vor der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zu beschämen; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete und das, was nichts ist, hat Gott erwählt, um das, was etwas ist, zunichte zu machen, damit kein Mensch sich vor Ihm rühme.‘“ (1. Kor. 1,27–29). So ist die Berufung Auszeichnung und Demütigung zugleich.

Daß aber die Befolgung der evangelischen Räte ein sicheres Mittel ist, um zur Vollkommenheit zu gelangen, bedarf keines Beweises. Der Heiland hat diese Räte gegeben. Wer wollte behaupten, daß Er ungeeignete, unwirksame und falsche Ratschläge erteilt hätte? Diese Räte sind auch, solange die katholische Kirche besteht, von der Kirche empfohlen und von zahllosen Christen befolgt worden. Wer könnte jene aufzählen, die durch die treue Befolgung der evangelischen Räte zu einer hohen Stufe des geistlichen Lebens, zur vollkommenen Vereinigung mit Gott und letztlich in den Himmel gelangt sind?

Manche haben nur den einen oder den anderen dieser drei Räte oder alle zusammen still für sich befolgt. Andere haben sich zusammengefunden, um in einem gemeinschaftlichen Leben durch die Befolgung der evangelischen Räte zur Vollkommenheit zu gelangen. – So war es bei der Entstehung der zahlreichen religiösen Orden der katholischen Kirche. Schon zur Zeit der Christenverfolgungen begaben sich viele Christen in die Wüste, um in Armut, Einsamkeit und freiwilliger Entbehrung Gott durch Arbeit und Gebet zu dienen. Es waren die Wüstenväter, auch „Mönchsväter“ genannt. – Bald sammelten sie sich zu Gemeinschaften und folgten der Leitung eines, der die übrigen an Tugend überragte. Es entstanden Regelwerke, die den Tagesablauf, das Gemeinschaftsleben und den Gottesdienst ordneten. Im Morgenland wurde das Klosterleben durch den hl. Basilius den Großen geordnet, im lateinischen Abendland durch den hl. Augustinus, später und in höherem Grade durch den hl. Benedikt. Im Mittelalter entstanden dann die beiden großen Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner, deren hl. Stifter zur gleichen Zeit lebten und in enger Freundschaft verbunden waren – der hl. Dominikus und der hl. Franz von Assisi. Im Anfang der neueren Zeit – nach dem Ausbruch der großen lutherischen Kirchenspaltung – entstand dann der Orden der Jesuiten, der „Gesellschaft Jesu“; gestiftet vom hl. Ignatius von Loyola. Die weiblichen Orden – kontemplative wie caritative – sind fast ohne Zahl.

Allen Mitgliedern der religiösen Orden ist nun gemeinsam, daß sie sich durch ein Gelübde verpflichten, die drei evangelischen Räte zu beobachten, was ihre Bindung an Gott noch vollkommener und ihre Werke noch verdienstlicher macht. Die klösterliche Lebensform eröffnet nicht eine besondere Nähe zu Gott, in welcher dessen Wort eindringlicher vernommen, tiefer durchdacht und durchbetet werden kann. Sie macht die Seele frei von vielen Sorgen und Versuchungen und ermöglicht es den Ordensleuten, ohne Rücksicht auf das Wohlgefallen der Menschen ungeteilt darauf bedacht zu sein, wie sie dem Herrn gefallen (vgl. 1. Kor. 7,32). Als Glieder einer geistlichen Familie werden sie getragen vom Gebet der Mitbrüder bzw. Mitschwestern, leben aus dem gemeinsamen Gottesdienst und erhalten durch das Gemeinschaftsleben zahllose Gelegenheiten, die brüderliche Liebe zu üben.

„Auf dem Wege Deiner Gebote will ich laufen“

Auch wenn von uns die Wenigsten zur klösterlichen Lebensform, die dem Leben im Himmel am ähnlichsten ist, befähigt und berufen sind, so müssen doch auch wir die drei evangelischen Räte ernst nehmen und uns wenigstens an deren Geist orientieren. D. h., wir sollen versuchen, soweit es unser Stand und unsere Verpflichtungen erlauben, dem Ideal der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams so gut als möglich nachzustreben.

Jeder gehe also seinen Weg, wenn es nur der Weg der Vollkommenheit ist. Wenn wir den Weg der evangelischen Räte nicht gehen können oder wollen, so gehen wir mit umso größerem Eifer den Weg der Gebote. Sprechen wir dabei mit dem Psalmisten: „Auf dem Wege Deiner Gebote will ich laufen, wenn Du meinem Herzen Raum gemacht“ (Ps. 118,32), d. h. wenn Du, o Herr, mein Herz einsichtig gemacht hast.

Der Mensch neigt bekanntlich dazu mit großem Eifer zu beginnen und dann im Laufe der Zeit nachzulassen. Als Seelen, die nach Vollkommenheit streben, müssen wir uns deshalb die Mahnung des hl. Thomas von Aquin zu Herzen nehmen. Er sagt, daß wir fortan nicht allein den Abstieg vermeiden müssen, sondern auch den weiteren Aufstieg nicht verlangsamen dürfen. Ja, es wäre sogar entsprechend, daß wir immer schneller vorangingen. Wie nämlich der Stein umso schneller fällt, je mehr er sich der Erde mit ihrer Anziehungskraft nähert, so müßten eigentlich auch wir umso schneller zu Gott eilen, je mehr wir uns Ihm nähern und je mehr Er uns anzieht (Kommentar zu Heb. 10,25). Mögen wir also den Weg der Gebote oder der Weg der Gebote zusammen mit den Räten gehen, auf jeden Fall ist uns gesagt: „Das Himmelreich leidet Gewalt, und die Gewalt brauchen, reißen es an sich.“ (Mt. 11,12).

Deshalb wollen wir schließen mit der Bitte: „Weite, o Herr, auf die Fürbitte des unbefleckten Herzens Mariä unsere Herzen durch hochherzige Vorsätze, durch ein starkes, glühendes Verlangen, Dich vollkommen zu lieben, und wir werden wandeln, eilen, laufen auf dem Weg Deiner Gebote hinauf zum Gipfel der Vereinigung mit Dir.“ Amen.

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