Die guten Hirten

Geliebte Gottes!

Das Bild vom Hirten und von den Schafen wird schon im Alten Testament häufig gebraucht, um die Beziehung von Gott zum Seinem auserwählten Volk zu beschreiben. Aber auch die König, Fürsten und die Priesterschaft der orientalischen Kulturen sahen sich im Bild des Hirten, der seine Herde weidet. Daran knüpft unser Herr Jesus Christus in Seiner Hirten-Rede an. Diese ist bei weitem umfangreicher als das heutige Evangelium, das uns nur einen kurzer Auszug daraus wiedergibt. Viele Einzelheiten des Umgangs eines Hirten mit seinen Schafen lassen sich nämlich übertragen auf das Verhältnis insbesondere des Seelsorgers zu seiner Gemeinde und auch des Familienoberhauptes, des Vaters, zur Familie. 

Die Hirten haben die Verantwortung für die Schafe. Sie müssen besorgt sein für ihr Wohlergehen und ihren Schutz. Wenn sie sich verletzt oder ein Glied gebrochen haben, so müssen die Hirten es verbinden. Wenn sich ein Schaf verlaufen hat, müssen sie es suchen. Wenn die Tiere unbekümmert auf den Abgrund zusteuern, müssen die Hirten sie davor zurückhalten. – Die Hirten kennen ihre Herde. Sie führen die Schafe auf die Weide, dort finden sie Nahrung. Wenn dann der Abend hereinbricht, dann treibt sie der Hirt in den Pferch. Dort finden die Schafe Schutz vor Dieben und räuberischen Tieren, während die Hirten des Nachts abwechselnd Wache halten. 

Die Diebe

Bevor unser Herr Jesus Christus in Seiner Rede über den guten Hirten spricht, kommt Er zuvor auf die schlechten zu sprechen: Er nennt sie Diebe und Räuber. Darunter sind all jene zu verstehen, die neben Christus auftreten und in Konkurrenz zu Ihm um die Gunst der Seelen buhlen. Sie geben vor, um das Wohl der Schafe besorgt zu sein, ihnen Gutes zu tun, ihnen „Heil“ zu bringen. Doch tatsächlich sind sie falsche, verderbliche Hirten, welche die Einheit der Herde spalten, indem sie Zwietracht säen, die Schafe auseinandertreiben, zerstreuen und verderben. Die Propheten des Alten Testament haben wiederholt vor den schlechten Hirten und ihren selbstsüchtigen Motiven gewarnt. Beim Propheten Jeremias heißt es etwa: „Wehe den Hirten, die die Schafe meiner Weide sich verirren und sich zerstreuen lassen!“ (Jer. 23, 1). Und beim Propheten Ezechiel lesen wir: „Wehe den Hirten, welche sich selber weiden!“ (Ez. 34, 2). Das Wort, daß die konkurrierenden Hirten Diebe und Räuber sind, hat grundsätzlichen Sinn. Alle, die nicht mit der Stimme Christi sprechen, d.h. die ihre Schutzbefohlenen nicht nach den Grundsätzen der katholischen Glaubens- und Sittenlehre führen, sondern dieselben umdeuten und verfälschen, sind falsche Hirten und Verführer der Seelen. Auf kirchlichem Gebiet sind darunter die Schismatiker zu verstehen, die ohne kirchlichen Auftrag die Seelen von der Einheit der Kirche Christi, welche allein die katholische Kirche ist, zu lösen versuchen. Sie sind Irrlichter, sind falsche, sind nicht von Gott berufene Hirten. Unrechtmäßig bemächtigen sie sich der Seelen und werden deshalb von Christus zurecht Diebe genannt. Sie rauben, was Gott gehört. Sie stehlen aus dem einen Schafstall Christi, was unser göttliche Erlöser durch Sein kostbares Blut teuer erkauft hat.

Die Tür zum Schafstall

In Gegensatz zu den Dieben und Räubern stellt Christus Sich Selbst. Er nennt sich „die Tür“; die Tür zum Schafstall. – Was ist damit gemeint? Unser Herr Jesus Christus ist die Tür zu den Schafen. D.h. wer zu den Schafen gehen will und ihr Heil befördern will, der muß durch diese Tür hindurchgehen. „Wer nicht durch die Türe in den Schafstall hineingeht, sondern anderswoher einsteigt, der ist ein Dieb und Räuber. Wer aber durch die Tür hineingeht, der ist der Hirt der Schafe“ (Joh. 10, 1-2)„Ich bin die Tür zu den Schafen“ (Joh. 10, 7). D.h. jeder, der berechtigter Weise die Seelen weiden will, braucht die Befugnis dazu. Er muß durch Christus „hindurchgehen“. Er muß zuerst die Schule Christi durchlaufen haben. Er muß sich die standesgemäße Kenntnis der Lehre Christi aneignen, damit er in der Lage ist, mit der Stimme Christi den wahren Glauben weiterzugeben. Der Seelsorger muß durch Christus „hindurchgehen“, indem er durch den gültigen Empfang des Weihesakraments in einen „zweiten Christus“ umgestaltet wird. Schließlich muß der rechtmäßige Hirte durch Christus, „die Tür“, den Schafstall, die katholischen Kirche, betreten indem er von Petrus, dem Türhüter des Himmelreiches, oder durch dessen Stellvertreter – den Bischof – den Auftrag erhält, die Herde Christi zu weiden. „Diesem macht der Türhüter auf, und die Schafe hören auf seine Stimme“ (Joh. 10, 3). Wer ohne Kenntnisse, ohne Weihe, ohne kirchlichen Auftrag weidet, der ist kein Hirt, sondern ein Dieb, durch dessen Hand die Seelen zugrunde gehen. „Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu morden und zu verderben“ (Joh. 10, 10). Christus ist die Tür. Das hat nicht nur eine Bedeutung für die Hirten, sondern auch für die Schafe! „Ich bin die Tür. Wenn einer durch Mich eingeht, wird er gerettet werden. Er wird eingehen und ausgehen und Weide finden“ (Joh. 10, 9). Es gibt keinen anderen Zugang zum sicheren Schafstall der katholischen Kirche und zur Weide der ewigen Glückseligkeit. Nur innerhalb der Kirche ist die Seele unter der Obhut der rechtmäßigen Hirten sicher vor den Angriffen der Wölfe und Räuber. Der Weg durch die Tür, welche Christus ist, ist der einzige Weg zum Heil. Jeder einzelne muß durch die Annahme des katholischen Glaubens durch Christus „hindurchgehen“, in die Kirche eintreten, um dort die ewige Gemeinschaft mit Gott zu finden, wie Jesus an anderer Stelle ausdrücklich gesagt hat: „Niemand kommt zum Vater, außer durch mich“ (Joh. 14, 16). Das meint die Kirche mit dem Dogma: Außerhalb der Kirche kein Heil! Wer zum ewigen Heil Eingang finden will, kann das allein durch den wahren Glauben an Jesus Christus tun. Nur dann ist er eines „Seiner“ Schafe! Nur Seine Schafe kennen den Hirten am Klang der Stimme.

Wenn der Hirt seine Schafe herausgeführt hat, geht er ihnen voran und sie folgen ihm (vgl. Joh. 10, 4). – Warum folgen sie ihm? Weil sie seine Stimme kennen, weil sie ihm gehören, weil sie mit ihm vertraut sind, weil er der einzige rechtmäßige Besitzer ist, ihr Herr. Deswegen folgen sie ihm. Die echten Schafe Christi sind geschult. Sie haben ein gut gebildetes Glaubensgehör. Sie kennen die Stimme ihres Hirten, d.h. die Lehre Christi. Niemals werden die Schafe deshalb einem fremden Hirten nachlaufen (vgl. Joh. 10, 5). Sie werden vielmehr vor seinen Lockrufen flüchten, weil ihnen seine Stimme unbekannt ist. Ihr Glaubenswissen befähigt sie genau heraushören, ob da Christus spricht, oder ob da irgend etwas nicht ganz stimmt. Deshalb werden diejenigen Seelen, die aufgrund von Erwählung zu Christus gehören, nie und nimmer ihrem Hirten davonlaufen, um auf die falschen Heilsprediger, auf fremde Hirten zu hören. Mit sicherem Glaubensinstinkt, erworben durch aufmerksame Gelehrigkeit und eifrige religiöse Praxis, werden sie vor solchen Gestalten Reißaus nehmen, deren Stimme sie nicht kennen. 

Der Gute Hirt

Erst jetzt, nach dieser Vorbereitung, kommt Jesus zu der entscheidenden Aussage über sich selbst, die im heutigen Evangelium vorgelegt wird: „Ich bin der gute Hirt“ (Joh. 10, 11). – Worin besteht das Wesen des Gutseins? Der Herr beantwortet die Frage unmittelbar indem er hinzufügt: „Der gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe“ (ebd.). Das Gutsein zeigt sich in der Gefahr. Es zeigt sich dann, wenn der Wolf kommt. Der gute Hirt verläßt seine Herde nicht. Er setzt vielmehr sein Leben ein, damit die Schafe dem sicheren Tod entkommen. Er stirbt an ihrer statt. Sie sind ihm teurer als sein eigenes Leben! Unser Herr hat in Seinem Leiden und Sterben am Kreuz gezeigt, daß Er ein Hirte aus solch gutem Holze ist. Er hat den Wolf der Sünde, welcher das Leben der Schafe bedrohte, auf Sich gelenkt. Er hat sich an unserer statt vom Wolf zerreißen lassen. „Er trug unsere Sünden an Seinem Leibe auf das Kreuzesholz hinauf, damit wir … leben“ (1. Petr. 2, 24). Jesus liebte die Seinen mehr als Sein eigenes Leben. Damit hat Er Sein Gut-Sein, Sein Guter-Hirt-Sein unter Beweis gestellt. Er ist der Gute Hirt schlechthin. – In Seinem Tod hat Er gemäß der Prophetie des Zacharias dafür gesorgt, daß die Schafe davonkommen: „Schlage den Hirten, daß die Schafe sich zerstreuen!“ (Zach. 13, 7); damit sie ihr Leben retten können. Durch Sein Opfer erfüllt der Gute Hirt Sein Heils-Wort: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh. 10, 10). Zwischen dem Guten Hirten und Seinen Schafen besteht eine sehr enge Beziehung – nämlich Hingabe, Vertrauen und Liebe. Diese betrifft sowohl den Einzelnen als auch die Gesamtheit. Den Einzelnen: Der Hirt ruft die Schafe bei ihrem Namen. Jedes Schaf hat seinen eigenen unverwechselbaren Namen. Jesus sorgt sich um jede einzelne Seele, als gäbe es nur diese eine. Genauso bekümmert ist Er um die Gemeinschaft: Alle folgen dem Hirten auf die Weide des Lebens. Alle die Seinen hat Christus auserwählt. Seine gesamte Herde empfängt Leben und Heil von Ihm. Diese Vertrautheit und Nähe zwischen dem Hirten und den Schafen gründet auf deren Erwählung durch Christus und auf Seinem Lebensopfer für sie. 

Der Mietling

Der Gegensatz zum guten Hirten erscheint der Mietling. Der Mietling ist der Tagelöhner, der für Bezahlung die Schafe weidet, aber dem die Schafe nicht gehören. Er ist nicht Hirt, die Schafe sind nicht sein eigen. Der Mietling ist Tagelöhner. Er hütet die Schafe eines Fremden, ohne eine persönliche Beziehung zu ihnen zu entwickeln. Das zeigt sich, wenn der Wolf kommt. Der Wolf ist das charakteristische Tier, das für die Gefährdung der wehrlosen Lämmer und Schafe im Allgemeinen steht. Der Mietling ergreift die Flucht. Er geht nicht auf den Wolf zu, er wehrt ihn nicht ab, er überläßt die Herde dem räuberischen Eindringling. Der Wolf fällt über die Herde her, jagt und reißt die Schafe. Der hl. Papst Gregor sagt: „Mietling nämlich ist der, welcher das Hirtenamt besetzt, aber um das Heil der Seelen nicht besorgt ist, sondern nur zeitlichen Vorteilen nachjagt.“ Wie könnte man besser die „Hirten“ der „konziliaren Kirche“ beschreiben? Sie halten das Hirtenamt besetzt. Durch ihren Ökumenismus jagen sie dem zeitlichen Applaus der Welt hinterher und überlassen die Seelen dem Wolf der Häresie, der Sünde, der ewigen Verdammnis. – Der Mietling ist der bezahlte Schafhüter. Er arbeitet nicht für den übernatürlichen, ewigen, sondern für einen natürlichen zeitlichen Gewinn – Geld, materielles Abgesichert-Sein, Ruhe und Lebensgenuß. Er findet sich nicht nur im Klerus, sondern auch in zahllosen Familien. – Der Vorwurf, der insbesondere dem „konservativen Mietling“ gemacht wird, ist – ob nun im Kleriker- oder Laienstand, ist einerlei – daß er dem Kampf mit den Irrlehrern aus dem Wege geht; daß er den Wolf „Papst“ nennt; daß er schweigt, wo er reden müßte; daß er nicht handelt, wo es dringend seines Eingreifens bedürfte; daß er die schlechten Gewohnheiten der ihm Anvertrauten und deren schlechten Umgang durch sein Schweigen gutheißt; daß er die eigene Ruhe und Behaglichkeit dem notwendigen Opfer der Pflicht konfliktscheu vorzieht und die ihm anvertrauten Seelen auf diese Weise dem Verderben anheimfallen läßt.

Der Wolf

Der Wolf im Leben des Hirten ist das Raubtier, welches die Schafe anfällt und reißt. Übertragen auf das Gebiet der Religion ist der Wolf ein Bild für die Irrlehrer, für die Häretiker, vor denen der Herr schon in der Bergpredigt gewarnt hat. Christus spricht dort von den „falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, in Wirklichkeit aber reißende Wölfe sind“ (Mt. 7, 15). Als der hl. Apostel Paulus in Milet von seiner Gemeinde Abschied nahm, da ließ er die Bischöfe und Priester zu sich kommen und hielt ihnen eine Ansprache: „Ich weiß, nach meinem Weggang werden reißende Wölfe bei euch eindringen und die Herde nicht schonen.“ Der Wolf steht also für die tödliche Gefahr, die sich einschleicht und das Seelenheil bedroht. Den Wölfen in Menschengestalt ist es eigen, ihre eigene Natur zu verbergen. Sie geben sich harmlos, ja wohltätig. Man blicke nur auf die weißgekleideten Menschenfreunde in Rom. Wir kennen sie. Sie und ihr Rudel suchen das Evangelium zu entkräften, zu entschärfen und die Gnade zu verbilligen. Das gefällt vielen Menschen natürlich. Sie reden den Menschen ein, keine Sünde zu haben, der Beichte nicht zu bedürfen. Glaube, religiöse Praxis und Kirchenzugehörigkeit spielten keine Rolle. Sie versprechen den Menschen den Himmel auch ohne Anstrengung, ohne Besserung der Sitten, ohne Streben nach Reinheit und Heiligkeit. 

Priesterliche Hirtensorge

Es ist klar, daß dem Evangelium daran gelegen ist, an dem Bild vom Hirten und von seiner Herde zuallererst das Verhältnis von Priester und Volk zu erläutern. Der Herr selbst hat die Begriffe von Hirt und Herde auf die christlichen Gemeinden und ihre Seelsorger übertragen. Als Jesus den hl. Apostel Petrus zu Seinem Statthalter auf Erden einsetzt, da spricht Er von ihm als dem Hirten der Kirche- „Weide meine Lämmer! Weide meine Schafe!“ sprach Er, und das dreimal. Den Priestern ist die Sorge für die einzelne Gemeinde anvertraut, und dem rechtmäßigen Papst die Leitung der gesamten Kirche. Er ist „der Hirt und Bischof eurer Seelen“ (1. Petr. 2, 25). Der große Papst Pius XI. ruft in der bedeutenden Enzyklika „Ad catholici sacerdotii“ vom 20. Dezember 1935 in Erinnerung, daß der Priester ein „zweiter Christus“ ist. Ein zweiter Christus ist er deswegen, weil er durch den unauslöschlichen Weihecharakter in seiner Seele dem ewigen Hohenpriester Jesus Christus ähnlich gestaltet wurde und so das Amt Christi fortführt und gegenwärtig macht. „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh. 20, 21). Der Priester ist somit Werkzeug und Diener des Hirten Jesus Christus. Er macht das Hirtenamt Christi gegenwärtig und wirksam. Der Gute Hirt Jesus Christus übt Sein Amt seit Seiner Himmelfahrt durch den geweihten und von der Kirche bestellten Priester aus. Der Priester muß aber auch die Eigenschaften erwerben, die Christus von einem Hirten erwartet. Also der Eifer für die Ehre Gottes und für das Heil der Seelen muß ihn verzehren. Dieser Eifer muß ihn dahin bringen, sich selbst und alle irdischen Interessen zu vergessen. Wenn der Priester die Klage des Guten Hirten hört: „Noch andere Schafe habe ich, die nicht aus diesem Schafstall sind. Auch sie muß ich heimführen“ (Joh. 10, 16), dann muß in ihm die Sehnsucht entbrennen, solche Seelen zum guten Hirten zu führen. Er muß sich Christus als unermüdlichen Arbeiter anzubieten. Er darf sich nicht scheuen das geistige Schlachtfeld zu betreten, um dort den Kampf der Wahrheit gegen den Irrtum, des Lichtes gegen die Finsternis, des Reiches Christi gegen das Reich des Satans zu führen. Es ist offensichtlich, daß Jesus Christus vom hl. Petrus und Seinen Aposteln, ebenso aber auch von deren Nachfolgern, also den Päpsten, Bischöfen und Priestern, den Einsatz ihres Lebens für das Zeugnis der Wahrheit verlangte, d.h. Er verpflichtet sie zum Heroismus. 

Das Hirtenopfer

Das Priestertum verlangt außerordentliche Opfer, darunter jenes besondere und vollständige Erstlingsopfer der liebenden Selbsthingabe an Christus durch den Zölibat. Wohlgemerkt! Der Zölibat ist kein Gesetz, das die Kirche dem Priester aufzwingt, sondern er ist eine freie Entschließung, die der Priesteramtskandidat selbst faßt. Lediglich will die Kirche keine Diener in ihre Reihen aufnehmen, welche einer solchen Aufopferung ihrer selbst nicht fähig sind. Ein Hirte nach dem Vorbild Jesu Christi muß aber dazu in der Lage sein, sein Leben hinzugeben. Die Kirche will deshalb nur Diener haben, deren Streben ungeteilt auf Gott ausgerichtet ist. Sie will Hirten haben, die großmütig genug sind, wenn es erforderlich ist, sogar ihr Leben für ihre Schafe hinzugeben. Wie könnte sie dies von denjenigen erwarten, die nicht einmal ein natürliches Verlangen opfern können oder wollen? – Viele Priester haben am Ende des Zweiten Weltkrieges, als die Rote Armee immer weiter vorrückte, diesen Zusammenhang nicht nur verstanden, sondern im Leben wie im Sterben bewährt. Der Priester Johannes Frank betreute seit 1942 die Gemeinde in Flamberg in Ostpreußen. Bei einer Zusammenkunft mit seinen Gemeindemitgliedern wurde er 1944 gefragt: „Herr Pfarrer, wenn die Russen auch nach Flamberg kommen, werden Sie uns wohl verlassen?“ Der Priester antwortete: „Ich bleibe bei Euch, und wenn wir alle von den Russen erschossen werden.“ Er blieb. Die eindringenden Russen ergriffen und deportierten ihn; und er ist an einem unbekannten Ort zugrunde gegangen. „Der gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe.“ – Der damalige Pfarrer Bruno Weichsel von Saalfeld (Ostpreußen) sah die russischen Truppen im Januar 1945 heranrücken. Man riet ihm zur Flucht. Er aber gab zur Antwort: „Solange noch ein Mitglied meiner Gemeinde hier ist, gehe ich nicht von meinem Platz.“ Die Russen besetzten den Ort. Er befand sich in der Kapelle. Ein Soldat zerschmetterte ihm mit dem Gewehrkolben den Kopf. Sein Blut spritzte an die Wand. „Der gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe.“ – Der Priester Norbert Sobel betreute eine Schwesterngemeinschaft in Naumburg in Schlesien. Als die Rote Armee anrückte, schrieb er in seinem letzten Brief vom 18. Februar 1945: „Es ist notwendig, daß ich als Hirt bei meiner Herde bleibe, die noch etwa dreißig an der Zahl mißt. Es wird zwar mein irdisches Leben kosten, aber ich hoffe auf das himmlische.“ Am 2. März 1945 wurde er erschossen. „Der gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe.“

Es ist an der Zeit, sich auf das Gleichnis und die Wirklichkeit von Hirt und Herde zu besinnen und um gläubige, fromme, opferbereite Priester und Familienväter zu beten. Wir wissen, wie solche Priester und Väter aussehen müssen: Wie der gute Hirt! Es sollen gute Hirten sein, die ihre Herde kennen, die sich für ihre Herde aufopfern, die dem Wolf, sowohl in Form schlechter Menschen, schlechter Vorbilder und Freunde als auch in unsichtbarer Gestalt, schlechter Ideen, Überzeugungen und Lebensgewohnheiten entgegentreten und ihn abwehren. Die Schäfchen sollen sich als willige Gemeinschaft um ihren Hirten versammelten. Sie sollen Gläubige oder Familienmitglieder sein, die ihrem Vater vertrauen, die ihm folgen und die für ihn eintreten. „Christus hat für uns gelitten und euch ein Beispiel hinterlassen, damit auch ihr in Seine Fußstapfen tretet“ (1. Petr. 2, 21). Amen.