„Er stand vom Mahle auf, legte die Oberkleider ab, nahm ein Linnentuch und umgürtete sich damit.“ (Joh. 13, 4)

Geliebte Gottes!

Es kommt uns vielleicht seltsam vor, wenn die Kirche für die Liturgie des Abendmahlsamtes ausgerechnet den Evangelienabschnitt von der Fußwaschung ausgewählt hat. Würden wir uns für den Hohen Donnerstag, also die jährliche Gedächtnisfeier von der Einsetzung des Allerheiligsten Altarsakramentes und des hl. Meßopfers sowie von der Stiftung des neutestamentlichen Priestertums, nicht wünschen, ja sogar zurecht erwarten, daß der Evangelientext genau einen dieser erhabenen Gegenstände näher beleuchtet? 

Ein peinlicher Zwischenfall

Stattdessen hören wir ausgerechnet von der Fußwaschung. Von einem scheinbaren Randereignis beim Letzten Abendmahl, welches nur deshalb überhaupt stattfand, weil die Apostel die Bedeutung der hohen Stunde verkannt hatten und im Streit aneinander geraten waren. Gegenstand der Streitigkeiten war die Frage der Rangordnung (vgl. Lk. 22, 24). Ein Thema, das den Jüngern schon zuvor immer wieder Anlaß zu bösen Worten gab. Dieses Mal geschah es vermutlich, als die Apostel nach dem Paschamahl, das stehend und in Eile eingenommen werden mußte, ihre Sitzplätze bei Tisch aufsuchten. Wer hat den Vorrang? Wer bekommt den vornehmsten Platz dem Heiland zunächst? Natürlich der Größte, der Würdigste. – Jesus begegnet dem Kampf um die ersten Plätze mit dem Beispiel der Selbsterniedrigung und der dienenden Liebe. Schon früher hatte Er die Jünger ermahnt: „Wer von euch der Größte sein will, soll euer Diener sein“ (Mt. 11, 23). Die Entgleisung der Apostel nötigte Ihn, sich zu wiederholen: „Der Größte unter euch werde wie der Geringste, und der Vorsteher wie der Diener“ (Lk. 22, 26). Doch warum lenkt die Kirche unsere Aufmerksamkeit heute ausgerechnet auf diesen peinlichen Zwischenfall?

Ist damit nicht das Thema des heutigen Hohen Donnerstag ganz ordentlich verfehlt? Vorbei am wesentlichen? Vorbei an den erhabensten Geheimnisse der christlichen Religion? Oder hat die Szene der Fußwaschung etwa doch irgend etwas damit zu tun?

Die Sendung des Erlösers

Versuchen wir uns gemeinsam auf die Suche nach einer tieferen Bedeutung der Fußwaschungsszene zu machen. Einen Schlüssel hierfür liefert uns eine Stelle, die wir bereit am Palmsonntag gehört haben. Der hl. Apostel Paulus beschreibt den Philippern die Gesinnung unseres göttlichen Erlösers mit den Worten: „Er, der in Gottesgestalt war, erachtete das Gottgleichsein nicht als einen Raub; sondern Er entäußerte Sich Selbst, nahm Knechtsgestalt an und wurde den Menschen gleich. In Seiner äußeren Erscheinung als ein Mensch erfunden erniedrigte Er Sich Selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuze“ (Phil 2, 6-8). – Die Fußwaschungsszene bringt die nämliche Gesinnung unseres Heilandes in Form Seines äußeren Handelns zum Ausdruck. Mit anderen Worten: In der Fußwaschung erschließt uns Jesus die Bedeutung Seiner Sendung als Erlöser sowie die Wirkungen Seines Erlösungsopfers, welches ja auf geheimnisvolle Weise bei jeder hl. Messe vergegenwärtigt wird. Um das Gemeinte besser zu verstehen, wollen wir die Schilderung der Fußwaschung etwas eingehender betrachten. 

Der Lauf des Erlösers

Was auffällt ist, daß der hl. Evangelist Johannes auf den scheinbaren „Zwischenfall“ mit ganz anderen Augen blickt. Die einleitenden Worte seines Berichtes heben das „Randereignis“ jenes Abends auf eine viel höhere, überzeitliche Ebene:„Er [Christus] wußte wohl, … daß Er von Gott ausgegangen sei und zu Gott zurückkehre“ (Joh. 13, 3). Es ist die Rede vom Ausgang und von der Rückkehr Christi. Der Lieblingsjünger sieht mit stechendem Adlerblick die Handlungen Jesu bei der Fußwaschung damit in Zusammenhang stehen. Genauer: Er sieht in der Fußwaschung den genauen Ablauf der Sendung Jesu; von Seinem Ausgehen vom Vater bis zu Seiner Rückkehr, nachdem Er das Erlösungswerk vollbracht hatte. Der Ausgang Christi vom Vater ist bei der Fußwaschung im Abendmahlssaal angedeutet durch das Sicherheben des Herrn vom Tisch. Die Rückkehr durch das erneute Sichsetzen nach der Waschung. 

Fußwaschung und Erlösung

Wir wissen: Unser Herr Jesus Christus ist der eingeborene Sohn des Vaters. Gott von Gott. Licht vom Licht. Wahrer Gott vom wahren Gott. Er ist vor aller Zeit. Gott von Ewigkeit! Aufgrund Seiner Gottheit steht Er in unendlicher Majestät über der gesamten Schöpfung. Von Ewigkeit genießt er eine unermeßliche Herrlichkeit und Seligkeit im Schoß des Vaters, in der Einheit des Heiligen Geistes. Von Ewigkeit trägt Er den Glanz Seiner Gottheit wie jenes strahlend weiße Obergewand, welches Er an jenem Abend zur Feier des Pascha getragen hatte. – Doch der Sohn Gottes hielt nicht eifersüchtig an Seiner göttlichen Herrlichkeit fest. Er klammerte sich nicht an Seine unermeßliche Würde. Nein, Er entäußerte Sich Selbst. Er nahm Knechtsgestalt an. Er wurde Mensch. Im Augenblick Seiner Menschwerdung erhob Sich der Sohn gleichsam vom Liebesmahl der Allerheiligsten Dreifaltigkeit und legte dabei bereitwillig den Glanz und die Herrlichkeit Seiner Gottheit ab, so wie Er in der Nacht vor Seinem Leiden Sich vom Mahle erhob und das festliche Obergewand ablegte. – Bei der Menschwerdung im Schoß der allerseligsten Jungfrau Maria „nahm Er Knechtsgestalt an“, d.h. Er bekleidete Sich mit einer menschlichen Natur aus Fleisch und Blut. Im Abendmahlssaal sehen wir, wie sich Jesus mit einer Schürze, mit dem Gewand des Sklaven, des Dieners umgürtete. Der hl. Johannes bemerkt sehr aufmerksam, daß diese Schürze aus Leinen gewirkt war. Das Leinen kann als ein Sinnbild für die Beschaffenheit der menschlichen Natur Christi gedeutet werden. Denn Leinen wird aus Flachs hergestellt. Dabei muß der Flachs zuvor solange geschlagen werden, bis er weich und geschmeidig ist, ehe er zu Leinen weiterverarbeitet werden kann. Der Flachs muß leiden. Er muß „gegeißelt“ werden. Er muß eine Passion durchleiden, ehe er dem Menschen dienlich sein kann. So ist das Leinen um die Hüften des Herrn ein Bild für Seine leidensfähige Menschennatur, welche Er aus der makellosen Jungfrau Maria angenommen hatte. Eine Menschennatur, die geschlagen und gegeißelt werden mußte, um als Erlösungsopfer „dienlich“ zu sein. Und wie dienlich? – Christus band sich die Schürze um die Hüften, um den Sklavendienst zu verrichten. Den Gästen eines orientalischen Festmahles die Füße zu waschen, war damals Sache der Sklaven. Jesus erniedrigt sich in Seiner Knechtsgestalt. Er macht sich für Seine Jüngern zum Sklaven: „Der Menschensohn ist nicht gekommen um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen“ (Mt. 20, 28). Dazu gießt Er Wasser in eine Schale und beginnt, allen, die es zulassen, die schmutzigen Füße zu waschen. Er löst den Schmutz mit Wasser und nimmt ihn mit dem Leinentuch auf. So, wie Er durch Sein kostbares Blut den Schmutz der Sünde von den Seelen der Menschen loslöst und ihn mit dem Linnen Seiner menschlichen Natur aufnimmt. In Form der Striemen und Wunden Seiner Passion werden Ihm unsere Sünden ins Fleisch geschrieben, damit unsere Schuld an Ihm haftet und wir davon gereinigt sind und heil würden. „Durch Seine Wunden sind wir geheilt“ (Is. 52, 13). Er macht sich zur Sünde, nimmt die Strafe auf sich. Wir sind davon erlöst. So wäscht Christus die Kinder Adams rein von ihren Sünden. Nicht nur die Apostel, sondern allen Menschen, „die eines guten Willens sind“ (Lk. 2, 14). Nicht allein mit bloßem Wasser, sondern mit kostbaren Lösepreis Seines Blutes. Nicht gezwungenermaßen, sondern aus Liebe; aus Liebe bis an Ende: „Da Er die Seinen liebt, liebte er sie bis ans Ende.“ (Joh. 13, 1). „Er erniedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz“ (Phil. 2, 8). Durch Seinen Tod wird Christus uns „dienstbar“. Durch Sein Leiden, durch Sein Blutvergießen am Kreuzesstamm reinigt Er alle Seine Jünger vom Sündenschmutz. Nicht alle Menschen! Sondern nur „die Seinen“! Deshalb sprach der Herr nicht davon, als würde Er Sein Blut „für alle“vergießen. Er tut es lediglich „für die Vielen“! Nicht weil er für die anderen nicht wollte. Doch die nicht zu den Seinen zählen, verwehren es Ihm. Nur jenen kann Er „dienlich“ sein, welche den Dienst Seiner Niedrigkeit im Glauben zulassen und durch Reue und Vorsatz annehmen. – Es gibt keine Allerlösung! Jedem Menschen müssen die Verdienste Christi aus der Schale des Erlösungsopfers einzeln zugewandt werden. Das geschieht insbesondere durch das hl. Meßopfer und durch die hll. Sakramente – vor allem durch das Bad der hl. Taufe und die Reinigung im Bußsakrament. In der Heilsökonomie gibt es keinen Automatismus. Wer sich vor dieser Reinigung verschließt oder dem Wirken Christi Hindernisse in den Weg legt, dem kann nicht geholfen werden. Zu demjenigen, der die hll. Sakramente nicht empfangen will, sagt Christus genauso wie damals zu Petrus, der sich anfänglich sträubte: „Wenn Ich dich nicht wasche, hast du keine Gemeinschaft mit Mir“ (Joh. 13 ,8). Ein anderer, der die hl. Sakramente zwar rein äußerlich empfangen will, sich aber nicht innerlich zum würdigen Empfang disponiert, der muß sich von den Worten getroffen fühlen: „Auch ihr seid rein. Aber nicht alle! Er kannte nämlich Seinen Verräter. Darum sagte Er: Nicht alle seid ihr rein“ (Joh. 13, 11). Für den einen wie den anderen gilt: „Du hast keinen Gemeinschaft mit mir.“ Du hast keinen Anteil an Meinem Blut; keinen Anteil an Meinem Opfer, keinen Anteil an den Verdiensten Meines Erlösungswerkes. Wenn Ich dich nicht wasche, dann bleibt der Sündenschmutz an dir haften und du wirst darin elendiglich zugrunde gehen. Du wirst verhaftet bleiben im rein Irdischen, Triebhaften, Niederen und bleibst für immer ohne Rechtfertigung und damit unwürdig an der ewigen Tischgemeinschaft der Allerheiligsten Dreifaltigkeit teilzunehmen. 

Schließlich wird unser Herr jedoch nicht im Zustand der Erniedrigung bleiben. Wie Er von der Fußwaschung aufstand und Sein Obergewand anlegte und Sich wieder zu Tische legte, so wird Er Sich nach Seinem Erlösungsopfer im verklärten Kleid Seines Auferstehungsleibes vom Tode erheben und Sich am Tag Seiner triumphalen Himmelfahrt wieder an den Platz setzen, von dem Er ausgegangen war – zur Rechten Gottes, des Vaters. So wird durch Christus bereits im Abendmahlssaal zeichenhaft – man könnte sagen, auf zeremonielle, liturgische Art und Weise – angedeutet, was bei Seiner heiligen Menschwerdung geschehen ist; was bei Seinem Kreuzesopfer, bei Seiner glorreichen Auferstehung und Himmelfahrt geschehen wird.

Fußwaschung und Meßopfer

Der Zusammenhang zwischen der Fußwaschung und dem Opfer des Neuen Bundes, das Christus beim letzten Abendmahl eingesetzt hat, ist jetzt nicht mehr schwer zu verstehen. Das, was uns Jesus sichtbar in der Zeremonie der Fußwaschung andeutet, ist nichts anderes als was sich fortan, unseren natürlichen Augen verborgen, bei jeder heiligen Messe vollzieht. Nur der Glaube kann es sehen: Jesus legt Seine Herrlichkeit, wie Er sie jetzt im Himmel genießt, ab. Er verzichtet auf die „Gloria Dei“ und „umgürtet“ sich mit der Knechtsgestalt des Brotes. Er entäußert Sich und erniedrigt Sich bei der Wandlung in der Vergegenwärtigung der Stunde Seiner größten Schmach am Kreuz. Er wird uns „dienlich“, indem Er Sich für uns zur Speise macht. Wie die irdische Speise dem Menschen dient, damit er leben kann, so dient uns Christus in der Gestalt des Brotes, daß unsere Seele das Leben der übernatürlichen Gnade in sich bewahren kann. In der hl. Kommunion, ob geistig oder sakramental, wäscht Christus „die Seinen“(!) rein vom Staub der läßlichen Sünde, mit dem sie sich täglich aus Schwäche, Nachlässigkeit oder Bosheit beflecken. Nicht anders lehrt es die Kirche: Durch jede andächtige und reuevolle hl. Kommunion werden die läßlichen Sünden getilgt. Bei jeder hl. Messe und in jeder hl. Kommunion vollzieht sich somit die Fußwaschung geheimnisvollerweise von neuem. Darin erkennen wir warum es sehr sinnvoll ist jährlich am Hohen Donnerstag davon beim Abendmahlsamt zu hören. 

Ein Beispiel habe Ich euch gegeben.“

Schließlich sagt Christus: „Versteht ihr, was Ich euch getan habe? Ihr nennt Mich Meister und Herr, und mit Recht, denn Ich bin es. Wenn nun Ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so müßt auch ihr einander die Füße waschen. Ein Beispiel habe Ich euch gegeben, damit auch ihr tut, wie Ich euch getan habe“ (Joh. 13, 12-15). Diese Worte sind selbstverständlich im übertragenen Sinn zu verstehen. Doch wie sollen wir dieser Forderung konkret nachkommen und „einander die Füße waschen“? Es erscheint naheliegend, aus den Worten Jesu einen Appell zur Übung der Demut herauszuhören. Indem wir etwa hilfsbereit dem Nächsten zur Seite stehen. Indem wir Besserwisserei, den falschen Ehrgeiz, die Überheblichkeit anderen gegenüber ablegen und schneller bereit sind, den Mitmenschen zu dienen als zu befehlen; das Unbeachtet- und Kleinsein der äußeren Größe und Bekanntheit vorziehen. Das ist der eine, ganz offensichtliche Aspekt, wie wir Jesus in Seiner Erniedrigung nachahmen sollen.

Eine zweite und tiefere Bedeutung der Forderung Christi, einander die Füße zu waschen, könnten wir uns aus dem engen Zusammenhang der Fußwaschung mit dem Erlösungsopfer am Kreuz bzw. in der hl. Messe erschließen. Bekanntlich besteht die wesentliche Teilnahme an der hl. Messe nicht in der Kommunion, sondern im „Mitopfern“. Wir sollen uns durch Christus und mit Ihm und in Ihm zu einer gottwohlgefälligen Opfergabe machen. Das kann nur gelingen, wenn wir die Gesinnungen Christi in unserer Seele annehmen. Nicht nur während der dreiviertel Stunde zu Füßen des Altares, sondern unentwegt. – Von mehreren Heiligen ist bekannt, daß sie den innigen Wunsch hatten, für Jesus wie eine zweite Menschheit zu sein; wie ein Leinentuch, mit dem Er sich erneut umgürten kann, um damit den Schmutz der Sünde eines anderen aufnehmen, damit dieser rein werde. Auch wir sollen unsere Menschennatur, unseren Leib und unsere Seele gleichsam als Leintuch für den Dienst des Erlösers an den Seelen der Sünder zur Verfügung stellen, indem wir bereits sind stellvertretend für die anderen zu sühnen. Wir sollen unseren Alltag, unsere täglichen Mühsale, Mißgeschicke, Mißerfolge, Krankheiten, Sorgen und Ängste aufopfern und Ihm gleichsam erneut das zur Fußwaschung nötige Wasser schenken. So leisten wir einander, dem Beispiel Christi folgend, den Sklavendienst der Liebe – zur Entsühnung der Welt. Wir sind dazu aufgerufen „Miterlöser“ zu sein; einem Sünder die Gnade der Bekehrung, der Besserung, der Heiligung „mitzuverdienen“. „Ein Beispiel habe Ich euch gegeben, damit auch ihr tut, wie Ich euch getan habe.“ „Er erniedrigt Sich Selbst und wurde gehorsam bis zum Tode, ja, bis zum Tod am Kreuze.“ Amen.