Die geistlichen Tröstungen

Geliebte Gottes!

Seht, wir ziehen hinauf nach Jerusalem, dort wird alles in Erfüllung gehen, was die Propheten über den Menschensohn geschrieben haben. Er wird den Heiden ausgeliefert, verspottet, mißhandelt und angespien werden; man wird Ihn geißeln und töten; aber am dritten Tage wird Er wieder auferstehen“ (Lk. 18, 31-33), so haben wir unseren Herrn Jesus Christus am Sonntag Quinquagesima zu Seinen Aposteln sagen hören. Diese konnten mit den Leidensankündigungen jedoch nichts anfangen. „Allein sie verstanden nichts davon; diese Rede war für sie dunkel, und sie begriffen nicht, was damit gemeint war“ (Lk. 18, 34). Gleich mit dreifacher Wiederholung (Repetitio) beschrieb der hl. Evangelist Lukas in diesem einen Satz die Verwirrung und das Unverständnis der Zwölf, um uns mit gesteigerter Eindringlichkeit die verstörende Wirkung der Rede Jesu auf die Apostel mitzuteilen. – Seitdem hatte Jesus Seine Jünger im Glauben zu festigen versucht, damit sie nicht an Ihm irre würden, wenn die Stunde Seiner Passion gekommen war. Er unterwies sie durch Vortrag der Lehre und durch Wunderzeichen, daß Christus als der eingeborene ewige Gottessohn und ebenso als leidensfähiger Menschensohn anerkannt werden muß. Das eine ohne das andere zu glauben nütze nichts für das Heil. Er sagte ihnen auch, daß der wahre Geist Seiner Jünger darin bestehen müsse, Ihm bereitwillig auf Seinem „Gang nach Jerusalem“ nachzufolgen: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Lk. 9, 23).

Damit die Jünger von den Härten dieses dornigen Weges jedoch nicht abgeschreckt würden, gewährte Er jenen drei Aposteln, die Ihn später in Trostlosigkeit auf dem Ölberg Blut schwitzen sehen würden, die Tröstung der Verklärung auf dem Berg Tabor. Damit die Apostel die Herrlichkeit der Verklärung als das Ziel der bevorstehenden Passion Christi ausmachen und auch als den Zweck für ihre eigenen Versuchungen und Leiden, welche sie in Seiner Nachfolge erwarteten, wenigstens ein kleinwenig erahnen zu konnten, durften sie Zeugen Schauspiels auf dem Berge Tabor sein. Der hl. Thomas von Aquin sagt: „Um den geraden Weg einzuhalten, muß man einigermaßen sein Ziel kennen; so wie ein Pfeilschütze nur dann den Pfeil richtig abschießen wird, wenn er zuvor den Punkt erspäht hat, auf den er schießen will. Das ist besonders dann erforderliche, wenn der Weg schwierig und steil ist und die Wanderung mühselig, das Ziel aber wonnevoll ist“ (S.th. III, q. 45, a. 1).

Die Tröstung der Taborstunden

Um die Mühsal zu lindern, um durch einen kleinen Vorgeschmack zum fortwährenden Kampf anzuspornen, schenkt der Herr sogenannte „Tröstungen“. Den drei Aposteln damals schenkte Er sie auf dem Berg der Verklärung. Und auch uns schenkt Er sie bisweilen, wenn auch nicht gleich in der Form einer Vision Seiner Herrlichkeit. – Tröstungen gehören zum geistlichen Leben, wie die Versuchung, die wir am letzten Sonntag genauer betrachtet haben. Was versteht man also darunter? Tröstungen sind entweder sinnlicher oder geistiger Natur. Die sinnlichen Tröstungen sind sanfte Regungen, die das Gefühl des Menschen ergreifen und tiefempfundene geistige Freude auslösen. Sie läßt uns mit Petrus ausrufen: „Herr, hier ist gut sein für uns“ (Mt. 17, 4). Es ist das Gefühl der Geborgenheit in Gott und des spürbaren Getragen-seins durch Seine Gnade. – Die geistigen Tröstungen sind höherer Art. Sie wirken entweder durch Erleuchtung auf den Verstand, d.h. durch plötzliche Einsicht in die Dinge des übernatürlichen Glaubens; oder sie wirken auf den Willen ein, der sich angetrieben sieht, sich vollkommener Gott hinzugeben. Er will für Gott tätig werden im Gebet, im Tugendstreben, im äußeren Tun für Gottes Verherrlichung. Meist treten sinnliche und geistige Tröstungen zusammen auf. D.h. daß beispielsweise eine tiefe geistige Einsicht in eine religiöse Frage oder ein aufflammender Eifer von einer fühlbaren Ergriffenheit begleitet wird. So war es auch bei den Aposteln. Der wonnevolle Augenblick ihrer Taborstunde gründete auf einer tiefen übernatürlichen Einsicht in das Geheimnis unsers Herrn Jesus Christus. Im Licht der Verklärung erkannten sie, wie innig Seine menschliche Natur mit der Person des göttlichen Wortes verbunden war. So innig, daß sich die Herrlichkeit Gottes über die menschliche Seele Christi auf Seinen Leib ergoß, so daß „Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und Seine Kleider weiß wurden wie Schnee“ (Mt. 17, 2). Seine leidensfähige Menschheit ist ganz und gar von der Gottheit durchflutet. Auch wurde den Aposteln durch das Erscheinen der beiden Propheten Moses und Elias ein tieferes Verständnis der messianischen Sendung Christi zuteil, daß Er dazu in die Welt gekommen war, um in Jerusalem zu leiden, zu sterben und wiederaufzuerstehen. Das konnten die Jünger aus dem Gespräch heraushören, das Jesus mit Moses und Elias führte. Der hl. Evangelist Lukas berichtet uns darüber folgendes: „Es waren Moses und Elias, die in Herrlichkeit erscheinen und von Seinem Ausgang redeten, den Er in Jerusalem vollenden sollte“ (Lk. 9, 30). Hierbei gebraucht er das griechische Wort „έξοδος“ „Exodos“ – „Ausgang“, „Auszug“, das in einem frommen Juden sofort den Exodus, den Auszugs des Gottesvolkes aus Ägypten, wachruft. Jenen Gedanken an die Erlösung aus der Gewalt und Sklaverei des Pharaos, die ja nur ein Schatten für die Knechtschaft des Satans über die gesamte Menschheit ist. Der Auszug Israels aus Ägypten war nur der vorbildliche Schatten, den jener bevorstehende Exodus Christi in Jerusalem in der Geschichte über Jahrtausende hinweg vorausgeworfen hatte. Den Aposteln wurde vielleicht für einen Augenblick klar, daß der bisher unverstandene Gang nach Jerusalem das entscheidendste Stück des Lebensweges ihres Herrn ist – die Erfüllung dessen, was die Nacht des Exodus aus Ägypten vorbildete. Er ist das Lamm, das geschlachtet werden muß, damit durch dessen makelloses Blut der todbringende Satansengel abgeschreckt werde. „Seht, das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt!“ (Joh. 1, 30). So wurden die Apostel ganz am Anfang durch Johannes den Täufer mit Christus bekannt gemacht (vgl. Joh. 1, 36). Christi „Ausgang“, Sein Heraustreten aus diesem Leben, Sein Hindurchgehen durch das Rote Meer der Passion und Sein Hinübergehen in das verheißene Land verklärter Herrlichkeit; darin besteht der Kern Seiner messianischen Sendung. Die Apostel erkannten ihren Meister als den neuen, den eigentlichen Moses, der, selbst bei Seiner Taufe aus dem Wasser des Jordan gezogen, der ganzen Menschheit einen Weg durch die unüberwindlichen Fluten der Sündenschuld bahnen werde. Mit Seinem Stab, nämlich mit dem hl. Kreuzstab, würde Er die Fluten der Schuld spalten und jenen, die Ihm treu nachfolgen, einen Weg der Erlösung bahnen. Hingegen werde Er die Nachstellungen der Sünde und die Verfolgungen der höllischen Mächte in den Strömen Seines Blutes ertränken. Von derlei und vielleicht noch tieferen Einsichten wurde der Verstand der Apostel erfüllt. Und ihr Herz wurde von einer derartig freudigen Verzückung erfaßt, daß sie diesen Augenblick als „gut für uns“ empfanden und für immer festhalten wollten. Auch der Wille der Apostel wurde zum Eifer für die Ehre Gottes entflammt. Sie wollten etwas für Gott tun. Sie wollten zu Seiner höheren Ehre ein Denkmal setzen: „Wenn Du willst, so werden wir hier drei Hütten bauen: Dir eine, dem Moses eine und dem Elias eine“ (Mt. 17, 4). Am Beispiel der Apostel sehen wir die Wirkungen der Tröstungen exemplarisch versammelt. – Die Tröstungen haben für das geistliche Leben einen gewissen Nutzen. Sie bergen aber auch Gefahren in sich. Deshalb ist es notwendig, über sie Bescheid zu wissen, um sich in den Tröstungen richtig zu verhalten.

Ursachen der Tröstungen

Das erste, was man wissen muß, ist, daß Tröstungen aus drei ganz unterschiedlichen Quellen herstammen können. Es gibt Tröstungen und Tröstungen. Einmal können sie natürlich von Gott geschenkt werden. Er verfährt dabei mit uns wie eine Mutter mit ihrem Kind. Er belohnt uns für einen Dienst mit geistigen Süßigkeiten, um den Dienst Gottes für uns anziehend und freudig zu machen, um uns leichter von den falschen Freuden der Welt loszulösen. – Doch außer Gott kann auch der Teufel Tröstungen in der Seele wecken; und zwar vor allem Tröstungen sinnlicher Art; also solche, die aus fühlbaren Empfindungen bestehen. Der Teufel hat es seit dem Sündenfall leicht, auf die Phantasie, auf die Emotionen und Leidenschaften des Menschen einzuwirken. Er kann fühlbare Rührung hervorrufen. Das tut er meist zu dem Zweck, uns in den mit dem Geistesstolz verbundenen Lastern zu bestärken. Etwa in unkluger Strenge, in Eitelkeit oder Vermessenheit. Der im 12. Jahrhundert lebende, berühmte Pariser Theologe Richard von St. Victor sagt: „Der Satan will damit der Seele ein stolzes Wohlgefallen einflößen, damit sie sich selbst für vollkommen halte und deswegen alle Sorge ablegte, auf dem Tugendweg fortzuschreiten oder die täglichen Fehler zu verbessern.“ Und der hl. Cyprian fügt hinzu: „Wenn der Satan eine Seele dem Stolze, dem Eigensinn, der Liebe zum Abenteuer etc. ergeben sieht, da beeilt er sich gleich, entsprechende Gefühle zu erregen, um sie noch tiefer in Abwege zu verstricken, denn er greift uns immer dort an, wo wir am schwächsten sind.“ Die Pharisäer beispielsweise fühlten sich um so besser, je weiter sie auf einen Sünder herabblicken konnten. Sie wähnten sich als Heilige und übersahen völlig ihren eigenen tiefen Fall. Es ist nicht die Gnade, sondern der verhängnisvolle Genuß an der tatsächlichen oder vermeidlichen eigenen Vorzüglichkeit und Überlegenheit anderen gegenüber, der die Seele „trägt“ und „bestärkt“. – Die dritte Quelle der Tröstungen kann schließlich unsere eigene Gefühlswelt sein. Es gibt Menschen, deren Temperament von Natur aus optimistisch, begeisterungsfähig und euphorisch gestimmt ist. Sie sind entweder schnell für eine Sache Feuer und Flamme oder einfach sentimental und rührselig veranlagt. „Nahe am Wasser gebaut“, halten sie zu jeder Gelegenheit ein „Tränchen“ bereit. Doch sind es eher Launen und Gefühlsschauer, die teils in übertriebener Heftigkeit aufflammen und, wie ein Strohfeuer, genauso schnell wieder verpuffen. Wie gerührt war doch König Saul, der seinen treuen Diener David aus Eifersucht jagte und ihm nach dem Leben trachtete, als David das Leben des mißgünstigen Königs edelmütig schonte und diesen nicht im Schlaf tötete? Welch heilige Versprechen machte der König hierauf dem David? Und doch trachtete er ihm wenig später erneut nach dem Leben (vgl. 1.Kg. 24, 17 ff.).

Der Wert und Nutzen der Tröstungen

Die Woge der Tröstung, wie sie gewiß jedem von uns – etwa beim betrachtenden Gebet, oder bei der Lesung eines geistlichen Buches, beim Beten der hl. Messe oder des Rosenkranzes – erfaßt und emporgehoben hat, hat, an sich betrachtet, keinen sittlichen Wert. Sie ist weder gut noch schlecht. Sie ist weder geboten noch verboten. Sie kommt ungerufen und ungewollt über uns. Sie liegt nicht in der Macht unseres Willens. Wie wir gesehen haben, ist sie vereinbar mit dem Guten wie mit dem Bösen. Je nachdem können die Tröstungen somit, so sie von Gott stammen, für die Seele von gewissem Nutzen sein, sofern sie jedoch aus den anderen beiden Quellen hervorgehen, Gefahren in sich bergen.

Nützlich sind uns die Tröstungen, sofern sie die Seele erstens gegen die ihr natürliche Schwäche und Unlust an geistlicher Betätigung stärken. Sie machen den Kampf gegen die Versuchungen leichter, vermehren den Abscheu vor der Sünde und bewahren vor Rückfall. In ihrer leichtfüßigen Beschwingtheit vermag sich die Seele im Trost leichter tugendhafte Gewohnheiten anzueignen. Die dafür erforderliche tägliche Wiederholung der Tugendwerke – die innere Sammlung, das Gebet, der Gehorsam und alle anderen Werke der Gottesliebe – fällt leicht, so daß sie leicht und gut in der Seele Wurzeln schlagen und befestigt werden. – Der zweite Nutzen besteht darin, daß die Tröstungen das Leben des Frommen auch nach außen gleichsam verklären, da durch die beigemischte innere Freude die Tugend auch anderen Menschen anziehend und nachahmenswert erscheint. Gerade die Heiligen strahlten eine innere Freude aus, welche andere Menschen anspornte, ihrem Beispiel, ein strenges, abgetötetes Leben zu führen, Folge zu leisten und so werden zu wollen, wie sie. – Der dritte Nutzen wurde bereits erwähnt: Die Tröstungen geben einen kleinen Vorgeschmack auf die ewigen Freuden und locken dadurch zu noch größerer Hingabe, zu höchster Entschiedenheit und Opferwilligkeit. Oft gehen Tröstungen einer schweren Prüfungen unmittelbar voraus. Sie kündigen das Kreuz, das Leiden, die Versuchung an. Sie werden von Gott um der Prüfung willen gegeben. Daß wir sie tragen können, daß wir, durch sie erfrischt, mutig in den Kampf ziehen. So ermutigt Gott seine Kämpfer, gleichwie Hannibal und seine Krieger durch den Ausblick von den Höhen der unwirtlichen Alpen herab auf die Gefilde Italiens alle Beschwerden und Strapazen vergaßen und zur Eroberung angespornt wurden.

Gefahren der Tröstungen

Sofern die Tröstungen jedoch entweder nicht Gott herstammen oder von der Seele um ihrer selbst willen gesucht werden, stellen sie eine Gefahr für das geistliche Leben dar. Sie können eine gefährliche Sucht, eine Art geistliche Naschhaftigkeit erregen, so daß man mehr an den Tröstungen Gottes als am Gott allen Trostes hängt. Das zeigt sich stets dann, wenn die Tröstung vorüber ist. Ist sie vergangen und man beginnt wieder nachlässig zu werden – in den geistlichen Übungen und in der Erfüllung der Standespflichten – so war es die Süßigkeit, für die wir uns begeisterten, nicht Gott, der Geber der Freude. Die Anhänglichkeit an die Tröstung hält uns verhängnisvoller Weise in einer geistlichen Infantilität gefangen. Die Mutter gibt dem kleinen Kind Süßes, um es ihm leichter zu machen, seine Pflichten zu erfüllen. Wird das Kind größer und reifer, so beginnt es einzusehen, daß der Dienst in der Familie zu seinen Pflichten gehört, der erledigt werden muß, auch wenn es dafür keine Belohnung mehr gibt. Diese Einsicht will Gottes Güte auch bei uns bezwecken, indem Er am Beginn des geistlichen Lebens, etwa nach einer Bekehrung, viel süße Freuden am Gebet, an der Lesung, an der Tugendübung gibt, später diese Tröstungen jedoch zurückhält. Es ist kein Anzeichen der Lauheit oder des Mißfallens Gottes, sondern ganz normal, wenn die Tröstungen, insbesondere die sinnlichen, weniger werden oder eine Zeitlang ganz verschwinden. Denn als zum „Vollalter Christi“ (Eph. 4, 13) Heranwachsende sollen wir Gott um Seiner selbst willen dienen und nicht wie ein kleines Kind, damit es Süßigkeiten bekommt. Es ist traurig, daß nicht wenige Katholiken ihr Leben lang in geistlichen Strampelhöschen bleiben. Daß wir im geistlichen Leben über den Laufstall noch nicht hinausgekommen sind, würde dadurch offenbar, daß wir über das Leiden Christi Tränen vergießen, Ihm aber doch das Opfer einer weltlichen Freude, einen notwendigen Verzicht oder eine Abtötung verweigern. Echte Tugend kann nur da sein, wo die Liebe zu Gott vorhanden ist. Und dabei ist nicht, wie viele sich täuschen, das Vorhandensein oder die Intensität der Tröstungen ein Gradmesser für die Gottesliebe! Wie schon öfters gesagt, besteht die Liebe in der Vereinigung der Willen! Dasselbe wollen und dasselbe nicht wollen wie der Geliebte. Die Liebe zu Gott läßt uns unseren Willen an den Seinigen anpassen. Wenn wir Gott lieben, machen wir uns Seinem Willen gleichförmig. D.h. wir geben den unseren auf! Wir opfern ihn hin! Deswegen beweist sich die Wahrhaftigkeit der Liebe stets im Opfer – nicht in den Tröstungen. Der hl. Franz von Sales sagt: „Viele Seelen haben derartig zarte Gefühle und Tröstungen. Nichtsdestoweniger hören sie nicht auf sehr lasterhaft[d.h. gewohnheitsmäßig läßlich oder schwer zu sündigen] zu sein. Folglich haben sie keine wahre Liebe zu Gott und noch viel weniger wahre Frömmigkeit.“ – Die zweite Gefahr, zu der die Tröstung im geistlichen Leben werden kann, ist am Beispiel der Pharisäer bereits angeklungen; es ist der Hochmut; und zwar in dreifacher Ausprägung. Erstens kann er sich äußern in eitlem Wohlgefallen an sich selbst. Empfindet man Trost, fällt das beten leicht, so hält man sich gern für heilig, oder wenigstens doch für einen Fortgeschrittenen und wähnt sich des Heiles, wenn nicht gewiß, so doch sicher zu sein. Die Selbstgefälligkeit liegt den folgenden beiden Ausprägungen des Hochmuts zugrunde. – Zweitens zeigt er sich im Vergleich mit anderen. Der selbstgefällige Hochmut bildet einen mehr oder weniger starken Dünkel aus. Man möchte mit anderen über geistliche Themen sprechen, um sich hervorzutun; um mit seinem Wissen über derlei Dinge zu glänzen und anhand der eigenen „tiefen Gebetserfahrungen“ anzugeben und „gute Ratschläge“ zu erteilen. – Die dritte Form des Hochmuts, die aus dem geistlichen Trost erwachsen kann, ist die feste Überzeugung, unbesiegbar zu sein. Man fühlt sich stark und glaubt, allen Versuchungen gewachsen zu sein, und setzt sich entweder leichtfertig der Gelegenheit zur Sünde aus oder man beginnt in den Ruhemodus zu schalten, gerade wenn man eigentlich seine Wachsamkeit und die sittliche Anstrengung verdoppeln müßte, um weiter Fortschritte zu machen.

Christus sagt: „Man erkennt den Baum an seinen Früchten“ (Mt. 12, 33). Alle Tröstungen und deren Gebrauch sind gut, wenn sie gottwohlgefällige Wirkungen an uns hervorbringen; wenn man durch sie demütiger, geduldiger, gehorsamer, bußfertiger wird. Hingegen sind sie schlecht oder werden falsch gebraucht, wenn sie diese Wirkungen nicht zeitigen oder gar das Gegenteil von ihnen heraufbeschworen wird; wenn man also überheblicher, gereizter, eigenwilliger und selbstgefälliger wird.

Verhalten im Troste

Um letzteres zu verhindern gibt uns der hl. Franz von Sales einige nützliche Hinweise, wie wir uns bei geistlichen Tröstungen verhalten sollen, daß sie ihre segensreichen Wirkungen in unserer Seele entfalten können.

Wir sollen sie in Demut und Dankbarkeit annehmen und bedenken, daß sie übernatürliche Gaben sind, die wir nicht verdienen, ja derer wir eigentlich im Grund unwürdig sind. Gott gibt und nimmt sie, wie es Ihm gefällt. Diese Erfahrung schildert uns König David im Psalm 29: „Ich sprach in meinem Überfluß [in der Tröstung]: Ich wanke nicht in Ewigkeit … Aber Du wandtest ab von mir Dein Angesicht [entzogst mir den Trost], da ward ich verwirrt“ (Ps. 29, 7 f.). Deshalb müssen wir uns im Trost unserer Schwäche bewußt bleiben und uns vor Gott demütigen. Sagen wir in der Liebesglut der Tröstung also nie: „O wie fromm bin ist doch! Wie heilig! Wie gut muß es um mich stehen. Das ist gewiß ein Zeichen, daß ich auf dem rechten Weg bin.“ Sondern statt dessen: „Wie gut ist Gott! Und wie schwach muß ich doch sein, daß Gott mir Zucker in den Mund legt, damit ich nicht wieder nachlässig und rückfällig werde.“ Gott spricht durch die Tröstung zu uns wie der hl. Paulus: „Als Unmündige in Christo gab ich euch Milch zu trinken, nicht Speise; denn ihr wart noch nicht stark genug. Ja, auch jetzt seid ihr es noch nicht, denn noch seid ihr fleischlich gesinnt“ (1. Kor. 3, 1 f.). Der Gedanke, daß die Tröstungen vor allem zu dem Zweck gegeben werden, um uns für bevorstehende Prüfungen zu stärken, sollte uns ebenfalls in der Demut befestigen, damit wir sanft gegen den Nächsten werden und voll wahrer Liebe zu Gott.

Des weiteren rät der hl. Franz von Sales, die Tröstungen mit Vorsicht zu bewahren. Was Gott im Verborgenen gegeben hat, um uns in süßer Vertraulichkeit an sich zu ziehen, soll anderen verborgen bleiben. Die Gottesmutter redete mit niemanden über die Botschaft Gabriels. Und der hl. Erzengel Raphael mahnte schon im Alten Bund: „Das Geheimnis eines Königs verbergen, ist gut“ (Tob. 12, 7). So forderte auch Jesus die drei Apostel nach der Verklärung dazu auf: „Saget niemand etwas von der Erscheinung“ (Mt. 17, 9). – Wenn wir die uns zuteil werdenden Tröstungen vor anderen Menschen verbergen sollen, so sollen wir sie doch dem Beichtvater oder Seelenführer offenbaren, um Ratschläge und Anweisungen einzuholen, damit wir zu unserem Nutzen von ihnen Gebrauch machen und nicht gefährlichen Täuschungen erliegen.

Abstieg vom Tabor

Schließlich und endlich muß man davon überzeugt sein, daß es uns genauso ergehen muß wie den Aposteln auf dem Berge Tabor. Die freudvollen Augenblicke der Tröstung und die lichten Stunden der fühlbaren Gottesnähe werden nicht für immer dauern. „Als sie aber ihre Augen erhoben, sahen sie niemand mehr als Jesus allein“ (Mt. 17, 8). Sie sahen Jesus, wie sie ihn kannten. Keine Spur mehr vom Glanz Seines Angesichtes. Sein Gewand hatte zu leuchten aufgehört. „Steht auf! Fürchtet euch nicht!“ (Mt. 17, 7). Die auf den Trost folgende Trockenheit verlangt wieder mühsame Selbstüberwindung, jeden Tag erneut seine Pflicht zu tun. Auch altbekannte Ängste kehren vielleicht zurück. „Steht auf! Fürchtet euch nicht!“ (Mt. 17, 7). Deshalb müssen wir Gott in der Tröstung bitten, daß wir Ihm in der Trockenheit, in der Prüfung, in der Versuchung zu Seinem Wohlgefallen dienen können. Die Taborstunden sind kein Selbstzweck. Nicht für den Herrn, nicht für die Apostel und auch nicht für uns. Die Taborstunden stärken und bereiten uns vor auf die Ölbergstunden. Wir sollen uns also nicht durch Geistesanstrengungen an den Tröstungen festklammern; nicht, gleich einer Zitronenpresse, künstliche Gefühle aus unserm Innern herauspressen, sondern die Tröstungen, so bereitwillig wie wir sie angenommen haben, auch wieder loslassen. Genauso wie Petrus, Jakobus und Johannes dem Herrn bereitwillig gefolgt sind, als Er sie dazu aufgefordert hatte, mit Ihm zusammen wieder vom Berg der Verklärung ins Tal der Tränen hinabzusteigen; um wieder gestärkt, mutig und tapfer den „Gang nach Jerusalem“, den königlichen Weg des heiligen Kreuzes, fortzusetzen. Die Erinnerungen an die verklärten Taborstunden bleiben! Ihr Licht läßt uns den unendlichen Wert des vorher unverstandenen Kreuzes ein klein wenig deutlicher erkennen und in diesen Tagen der hl. Fastenzeit Ihm, dem wahren Moses, in Seinem Exodus nachfolgen, wenn Er uns zuruft: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Amen.