Sprich nur ein Wort“

Geliebte Gottes!

Die Kirche versetzt uns mit der heutigen Evangelienperikope ganz an den Anfang der öffentlichen Predigttätigkeit unseres Herrn Jesus Christus. Unser Herr hatte den Berg der Seligpreisungen bestiegen. Viel Volk hatte sich um Ihn versammelt, um der Bergpredigt zu lauschen. Und Er tat seinen Mund auf und lehrte sie. Am Ende Seiner langen Predigt, die den Kern des gesamten Evangeliums beinhaltet, weiß der hl. Matthäus zu berichten: „Als Jesus diese Worte beendet hatte, staunten die Volksscharen über Seine Lehre. Denn Er lehrte sie wie einer, der Macht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten“ (Mt. 7, 28 f.). – Ja, unser Herr Jesus Christus lehrte „wie einer, der Macht hat“. Aber Seine Macht erschöpft sich nicht darin, allein den Verstand zu erhellen, die Herzen zu beeindrucken und den Eifer zur guten Tat bei Seiner Zuhörerschaft zu entfachen. Die Macht Christi offenbart sich nicht nur im Wort, sondern vor allem im Werk. Jesus erbringt den Tatsachenbeweis für Seine Gottheit und damit für die Berechtigung Seines hohen Anspruches, welchen Er in Form Seiner Lehre geltend macht, durch die Wunderzeichen, die Er wirkt. Die Wunder sind die Beglaubigung Seiner Worte durch die Macht der Gottheit. Die Wunder sind außergewöhnlich und beweisen damit, daß derjenige, der sie wirkt, etwas Außergewöhnliches ist. Sie sind die Durchbrechung der gewohnten natürlichen Ordnung und des natürlichen Ablaufs der Dinge. Und deshalb beweisen sie, daß Jesus über der gewöhnlichen Naturordnung steht und als Herr über sie ihren Ablauf bestimmt. Seine Wunder fordern Macht, die über das rein Menschliche hinausgeht, und zeigen somit die übermenschliche, ja göttliche Macht des Wundertäters an. In den Wundern, die sich in der Folge ereigneten, „als Jesus vom Berge herabgestiegen war“ (Mt. 8, 1), wird der erhabene Ursprung und die Geltung Seiner Rede in feierlicher Form bestätigt. Darum folgt das sog. „Wunderkapitel“ im Matthäusevangelium auf die erste große Rede des Herrn und steht mit ihr in innerem logischen Zusammenhang. 

Der wundersame Glaubensappell an die Priesterschaft

Das erste Zeugnis wird den Führern in Israel gegeben – den Priestern: Ein Aussätziger wird durch Jesus von der Lepra geheilt. Die Lepra ist selbst heute noch eine nahezu unheilbare Krankheit, insbesondere was die Folgen der Krankheit angeht. Der Aussätzige verfault bei lebendigem Leibe. Erst recht ist der Aussatz unheilbar durch eine Berührung mit der Hand, durch ein einziges Wort oder den bloßen Willen: „Ich will, sei rein!“ Doch hier war es genau so: „Sobald der Herr die Hand ausstreckte, wich der Aussatz zurück“, sagt der hl. Hieronymus. Der Aussatz ist ein Bild für die Sünde. Wer sie berührt, wer mit ihr in direkten Kontakt kommt, der infiziert sich. Der wird krank. Nicht so der heilige Gott. Nicht so der göttliche Erlöser. Vor Ihm weicht die Sünde zurück. Seine Berührung vertreibt den Aussatz.

Es ist ein Zeichen nur für die Priester! „Zeige dich dem Priester und bringe die Gabe dar, die Moses angeordnet hat, ihnen zum Zeugnis.“ Es handelt sich nicht darum, das Volk zu begeistern. Im Gegenteil! Jesus verbietet dem Aussätzigen, über das Wunder zu sprechen. „Sieh zu, daß du es niemand sagst!“ Das Zeugnis ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Aber die verantwortlichen Führer sollen keine Ausrede haben. Wenn also die Priester, zu denen der Geheilte geschickt wird, den Fall prüfen und untersuchen werden, so müssen sie eigentlich zu dem Ergebnis gelangen, daß dieser Kranke wirklich aussätzig war und wirklich durch ein bloßes Wort, in einem Augenblick, völlig geheilt wurde. Und zwar zum Erstaunen aller so geheilt, daß halb verfaulte Glieder wieder ergänzt und gräßlich entstellte Gesichtszüge wiederhergestellt sind, ja daß der ganze Mensch in voller Gesundheit vor ihnen dasteht. Ein überwältigendes Wunderzeichen! Es wäre logisch und vernünftig gewesen, auf ein solches Zeichen hin die Glaubenszustimmung zu geben: „Wahrhaftig, dieser Mensch ist Gottes Sohn“ (vgl. Mk. 15, 39), oder wie Nathanael in seine Begeisterung ausrief: „Rabbi, Du bist der Sohn Gottes, Du bist der König von Israel!“ (Joh. 1, 49). So hätte Ihn die Priesterschaft dem auserwählten Volk vernünftigerweise verkünden müssen, dann hätten die damaligen Inhaber der levitischen Priesterwürde dem Daseinszweck ihres Amtes entsprochen.

Der Sinn des Wunders

Aber auch ein Wunder kann und will den Glauben nicht erzwingen. Wo der gute Wille fehlt, da bleibt immer eine Ausflucht offen. Die Skeptiker können entweder leugnen, daß der Geheilte wirklich aussätzig war, können die Glaubwürdigkeit dieses Mannes bezweifeln, die Zuverlässigkeit der anderen Zeugen in Frage stellen, oder können die übernatürlichen Kräfte Jesu, wie es dann ja auch später geschah, auf dämonischen Ursprung zurückführen (vgl. Lk. 11, 15). Modern formuliert, würde man sich auf Magie, okkulte Kräfte, psychologische oder parapsychologische Phänomene berufen, oder wenigstens grundsätzlich erklären, daß wir ja selbst heute nicht wissen, welche Kräfte im Menschen ruhen und was somit innerhalb der Natur alles möglich oder nicht möglich sei. Was uns wunderbar dünkt, könnten gewiß spätere Generationen naturwissenschaftlich erklären; usw. Wir sehen also, es braucht selbst angesichts eines tatsächlichen Wunders immer auch die seelische Bereitschaft, ein solches Wunder zuzulassen als unabdingbare Voraussetzung, d. h. einerseits eine geistige Unvoreingenommenheit und andererseits den Mut, aus Tatsachen auch die Konsequenzen zu ziehen. Was wären das für Konsequenzen gewesen: 1. Wenn dieser Mensch in Seinem Namen Werke tut, die nur Gott tun kann, dann folgt daraus, daß Er selbst Gott ist. Und 2. folgt das, was wir schon sagten: Wenn Gott diesen Menschen durch derart herrliche Wunderzeichen bestätigt, dann müssen wir auch Sein Wort annehmen; dann müssen wir an Ihn glauben und befolgen, was Er befiehlt.

Wie gesagt: Das Wunder beweist nicht den Glauben, denn bewiesener Glaube ist kein Glaube mehr. Das Wunder bestätigt nicht einmal direkt die Richtigkeit einer Aussage. Was es hingegen beweist und zwar unumstößlich, das ist die Glaubwürdigkeit desjenigen, der behauptet, im Namen Gottes zu reden. Werke vollbringen, die nur Gott wirken kann, weil nur Er allein der Herr über alle natürlichen Kräfte ist, ist der Ausweis für die Glaubwürdigkeit Jesu Christi. Wenn ein Mensch Gott zum Zeugen anruft und als Zeugnis Wunder wirkt, ist es Gott selbst, der den Sprechenden beglaubigt; dessen Lehre beurkundet Er mit dem Siegel göttlicher Wundermacht.

Von der Glaubwürdigkeit zum Glauben ist aber noch ein großer Schritt, den jeder höchstpersönlich machen muß. Und eben dieser Schritt wird nicht erzwungen, sondern nur als logisch und vernünftig aufgezeigt. Somit bleibt der Glaube ein freier Akt des Menschen und ist gerade dadurch Verherrlichung Gottes, die von Gott wiederum durch ein Verdienst belohnt wird. Das ist der Sinn des Wunders. Und darum ist das Wunder selten. Gott durchbricht nicht dauernd die Naturgesetze, die Er selbst gegeben hat. Wenn Christus Wunder wirkt, so tut Er es immer wieder zum Zeugnis und als Ausweis Seiner göttlichen Sendung.

Unglaube mangels Interesse

Die Reaktion der Priesterschaft auf die wundersame Heilung des Aussätzigen wird uns vom hl. Matthäus nicht ausdrücklich berichtet. Jedoch können wir diese Reaktion indirekt aus den Worten Jesu mit denen Er wenig später Seine Verwunderung über den Glauben des römischen Hauptmanns zum Ausdruck bringt, entnehmen. „Einen solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden.“ – Obwohl Israel ein Volk des Glaubens war, und die Priesterschaft die obersten Glaubenshüter waren, hat es dem Wunder nicht geglaubt. Ihr Glaube war weithin ausgeleiert und im Institutionellen veräußerlicht, im Tempel, in den Festfeiern, im Kultus, in der Routine. Den Priestern war der Glaube die äußere Existenzgrundlage und zum persönlichen Lebensunterhalt geworden. Bei den Schriftgelehrten war die göttliche Offenbarung zum Gegenstand der Wortklauberei erstarrt und zu einer Versuchung zur rechthaberischen Selbstüberhebung entartet. Das Volk war überwiegend in eine unreflektierte Abhängigkeit von den religiösen Führern geraten und ohne selbständiges Glaubensinteresse. Der Glaube war nicht mehr ein lebendiges Stehen vor dem lebendigen Gott. Kein persönliches Angerufensein durch Gott, aus dem sich dann auch nicht mehr die sofortige Antwort der Glaubenszustimmung und des Glaubensgehorsams wie von selbst ergab. Sie ignorierten die Glaubwürdigkeit unseres Herrn, traten nicht in Seine Gefolgschaft und verweigern damit Gott den Gehorsam des Glaubens.

Sprich nur ein Wort“

Ganz anders der römische Hauptmann. Er bittet um die Heilung seines gelähmten Dieners. Zuvor scheint er offenbar bei der wunderbaren Heilung des Aussätzigen entweder persönlich dabeigewesen zu sein, oder er hatte wenigstens davon gehört. Seine Worte: „Sprich nur ein Wort, und mein Knecht wird gesund“, legen dies nahe. Anhand des Aussätzigen war ihm klargeworden. Ein Wort genügt! Nur ein einziges Wort, ein einziger Willensakt! Der Hauptmann war davon überzeugt: „Wie Du zum Aussätzigen sprachst: ‚Ich will, sei rein!‘, so sprich: ‚Ich will, dein Knecht sei gesund!‘“Dadurch legte der Hauptmann einen erstaunlichen Glauben an den Tag. Denn seine Worte besagen, daß nach seiner Überzeugung unser Herr Jesus Christus die Befehlsgewalt über alle Krankheiten hat. Und zwar so, wie ein Offizier das Kommando über seine Untergebenen führt. Er braucht „nur zu sagen: Geh! und er geht; und einem anderen: Komm! und er kommt; und meinem Knecht: Tu das! und er tut es“. Wie der Offizier den Soldaten einen Marschbefehl gibt, so kann Gott als der Höchstkommandierende den Krankheiten und selbst dem Tod Befehle erteilen.

Der Heide zieht aus dem Heilungswunder am aussätzigen Juden die richtige Konsequenz. Er schlußfolgert die Gottheit unseres Herrn, aufgrund derer es auch gar nicht notwendig ist, daß Er extra den Weg an das Krankenlager des Gelähmten auf sich nehmen müßte. Gott ist allgegenwärtig. Gott ist allmächtig. „Sprich nur ein Wort.“ Das genügt. Der römische Hauptmann zieht außerdem die Konsequenz der Ehrfurcht und betrachtet sich als unwürdig, Christus als den Herrn unter sein Dach aufzunehmen. „Ich bin nicht würdig, daß Du eingehest unter mein Dach.“ Gott kommt nicht zum Menschen, um sich ihm anzupassen, wie Israel es wollte und wie es der moderne Mensch heute will. Der Mensch muß seine Behausung, sein gewohntes Leben, verlassen, um sich Gott in Ehrfurcht zu nahen, wie dieser Heide es stellvertretend für alle Christgläubigen bildhaft ausdrückt. – Jesus belohnt den Glauben des römischen Hauptmanns nicht nur durch ein weiteres Wunder, sondern Er rühmt diesen Glauben im Gegensatz zum Unglauben Israels. Das zweite Heilungswunder zeigt, daß die Wunder tatsächlich für jeden Unbefangenen und Unvoreingenommenen Beweiskraft besitzen; daß dieser Jesus von Nazareth nicht nur vom Berg der Seligkeiten herabgestiegen ist, sondern vom höchsten Thron des Himmels. In Seiner Menschwerdung ist Er uns Sündern zwar in die ärmliche Behausung dieses irdischen Jammertals entgegengekommen, doch ohne dabei gleichzeitig den Thron der Gottheit verlassen zu haben. Das muß der Mensch mit aller Ehrfurcht und Ehrerbietung anerkennen und Ihm gläubig entgegengehen.

So wird meine Seele gesund“

Der gesamte Evangelienbericht ist eine Mahnung für uns. Wir stehen im katholischen Glauben. Aber damit stehen auch wir, wie die Juden damals, in der Gefahr, daß dieser Glaube zu bloßen „Glaubenskenntnissen“, zu in der Kindheit auswendiggelernte Katechismus-Formeln, oder was noch schlimmer wäre, zur bloßen dunklen Ahnung vom katholischen Glauben verkommt; zu einem Glauben, der bestenfalls im Gedächtnis oder im Verstand sitzt, aber das Herz nicht umformt. Wir meinen, wir leben nach dem katholischen Glauben und wissen uns in ihm gesichert. Aber vielleicht leben wir dabei in einer falschen Sicherheit. Wir sprechen die Gebete, die der Glaube uns lehrt, wir empfangen „wohlvorbereitet“ die Sakramente. Aber es ist zu viel Gewohnheit dabei, zu wenig lebendige Betätigung unseres Glaubens, zu wenig Überzeugtheit, zu wenig Glut, zu wenig Glaubenseifer, zu wenig Glaubensmut und Opferbereitschaft. Wir hören die Predigt, aber die Samenkörner des Gotteswortes fallen unter das Dornengestrüpp unseres weltlichen Lebensstils und ersticken dabei. Oder die Samenkörner des Gotteswortes fallen auf die dünne Humusschicht unserer routinierten religiösen Praxis, die nur bereit ist das allernotwendigste zu tun, und können dort nicht richtig Wurzel schlagen.

Der Glaube ist eine persönliche Entscheidung, die jeder Einzelne für sich treffen muß und nur für sich treffen kann. Und dieser Glaube oder Unglaube; dieses Ja oder Nein; ja schon das bloße Ausweichen vor einem Ja oder Nein entscheidet darüber, ob ein Mensch tatsächlich zum Reich Gottes gehört oder nicht. „Wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet“ (Joh. 3, 18). Ein schreckliches Wort, das nicht nur für die Konzilspäpste gilt. „Wer an Ihn [den Gottessohn] glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes glaubt“ (Joh. 3, 18).

Was kann uns vom Aussatz unserer Lauheit heilen? Was kann uns von der Lähmung unseres religiösen Lebens aufhelfen? – Einzig ein Wunder! Ein Wunder, das uns hilft, unseren Glauben zu betätigen. Jenes Wunder etwa, das sich (sonn-)täglich auf unseren Altären erneut vollzieht. Das Wunder des heiligen Meßopfers. Hier soll sich, ja hier muß sich unser Glaube immer wieder aufs neue lebendig betätigen. Das Wunder der Transsubstantiation, also die Wesensverwandlung des Brotes in den Leib Christi und des Weines in das kostbare Blut unseres Erlösers, kann uns nicht zu glauben zwingen, aber es fordert uns. Es verlangt von uns jedes Mal die Glaubenszustimmung bei der Wandlung zu geben, das Knie zu beugen, demütig anzubeten und zu bekennen: „Herr, wenn Du willst, kannst Du mich rein machen.“ Und vor der hl. Kommunion wollen wir die schlichte Echtheit des römischen Hauptmanns nachahmen, wenn wir die Worte sprechen: „Herr, ich bin nicht würdig, daß du eingehest unter mein Dach. Aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“Sprich nur ein Wort! Nur ein einziges Wort! – Und sobald der Priester die Hostie auf unsere Zunge legt und das ewige Wort Gottes uns anrührt, da dürfen wir voll Zuversicht hoffen, daß der Herr unvernehmbar die Worte spricht: „Ich will; sei rein vom Aussatz deiner Lauheit. Ich will; erhebe dich aus der Lähmung deiner religiösen Gleichgültigkeit. Geh hin; es geschehe dir, wie du geglaubt hast.“ Amen.