Die Bedeutung der Beschneidung Christi

Geliebte Gottes!

Mit der ersten Sünde der Stammeltern waren dem Menschengeschlecht alle Aussichten auf eine glückliche Zukunft verbaut worden. Das Heil war dahin. Nichts Gutes war zu erwarten. Einzig die Ankunft des verheißenen Erlösers konnte das Schicksal des Menschen wenden, konnte eine bessere Zeit heraufführen. So wurde Christus bereits im Alten Testament vom Propheten Isaias als „Vater der Zukunft“ (Is. 9, 6) vorherverkündet. Ja, die Geburt Christi hat eine Zeitenwende heraufgeführt. Mit der Menschwerdung des Gottessohnes hat eine neue Ära begonnen; die Zeit der Erlösung, die Zeit des Heiles. Die Zeitrechnung der gesamten Geschichte wird seit der Heiligen Nacht in „vor Christi Geburt“ und „nach Christi Geburt“ eingeteilt. Das kommt nicht von ungefähr. Die Krippe ist sozusagen die Wasserscheide der Weltzeit. Sie ist es im großen, also im Bezug auf die Menschheitsgeschichte insgesamt und sie ist es im kleinen, „alle Jahre wieder“. Denn am Fuß der Krippe wendet sich jedes Jahr die Zeit. Ein neues Jahr öffnet uns seine Pforten. Eine neue Zukunft beginnt, die uns der neugeborene Welterlöser aufschließt.

Das jüdische Beschneidungsritual

Die Liturgie der Kirche übergeht den Beginn des bürgerlichen Jahres völlig. Das heutige Festgeheimnis konzentriert sich auf die Beschneidung unseres Herrn, die dem jüdischen Gesetz gemäß am achten Tag nach der Geburt eines Jungen vorgenommen werden mußte (vgl. Lev. 12, 2). Dies hatte der Sitte gemäß durch den Vater oder durch einen vom Vater beauftragten Mohel, den Beschneider, zu geschehen und zwar in Gegenwart von mindestens zehn Personen. Der Mohel sprach dabei: „Gepriesen sei der Herr unser Gott, der Seinen Geliebten geheiligt vom Mutterleib an, der ihm Sein Gesetz ins Fleisch gedrückt hat und seine Sehnen bezeichnet mit dem Zeichen Seines heiligen Bundes, zur Aufnahme in den Segen Abrahams unseres Vaters.“ Darauf rezitieren die umstehenden Zeugen den Psalm 64, worin es heißt: „Selig ist der, den Du erwählst und annimmst. Er wird wohnen in Deinen Vorhöfen. Wir werden satt werden von den Gütern Deines Hauses“ (Ps. 64, 5). Zugleich wurde dem Vorläufer des Messias, welchen man bei der Zeremonie unsichtbar gegenwärtig dachte, ein Ehrenstuhl aufgestellt mit den Worten: „Dies ist der Stuhl des Propheten Elias.“ Auf die rituelle Handlung folgte ein festliches Freudenmahl, bei welchem über einem Becher Wein der Name des Kindes verkündet wurde. – Auf diese Weise wurde der neugeborene Junge in den Bund aufgenommen, den Gott mit Abraham schloß. Er wurde der Gemeinschaft der Söhne Abrahams beigesellt, denen Gott die Heiligung verheißen hatte. Menschliche Bindungen und Verträge werden gelöst oder gebrochen. Doch der Bund mit Gott ist unauslöschlich in das Fleisch des Juden eingraviert. Der damit verbundene Schmerz sollte eine Buße sein für die ererbte Schuld. – Soviel zum Ritus und zur Bedeutung der Beschneidungszeremonie.

Beschneidung Christi?

Für uns mag sich dabei jedoch die Frage aufdrängen: Warum hat sich Christus dieser Gesetzesvorschrift unterworfen? Seine Menschheit war durch bereits durch die Person des göttlichen Wortes mit der Gottheit in einer einzigartigen und unüberbietbaren Weise verbunden. Er mußte also nicht erst in den Bund mit Gott aufgenommen werden. Warum unterwarf Er sich dieser demütigenden und schmerzhaften Gesetzesvorschrift, wenn sie Ihn doch gar nichts anging?

Daß sie Ihn nichts anging, ist zweifellos wahr. Denn Er, der in ewiger Wesensgemeinschaft mit dem Vater stand und auch darin verblieb, als Er die menschliche Natur annahm; Er, der Allzeitheilige, bedurfte für sich weder der Aufnahme in das Bündnis und den Segen Abrahams, noch eines äußeren Merkmals zur Erinnerung, noch einer besonderen Heiligung. Die Beschneidung hatte für Ihn etwas erniedrigendes. Denn sie stellte den Allerreinsten in die Reihe der Unreinen. Sie vermengte die Urquelle der Gnade mit dem Elend der Sünder, welche der Begnadigung bedürftig waren. Sie ließ den Sohn Gottes als ein ganz gewöhnliches schuldbares und strafwürdiges Menschenkind erscheinen. Welchen Sinn sollte also die Beschneidung unseres Herrn haben? – Obwohl das göttliche Wort auch acht Tage nach seiner Geburt noch nicht zu uns spricht, so hält Es und dennoch eine beredte Predigt über die Demut. Obwohl das göttliche Kind über dem Gesetz steht, unterwirft sich Christus freiwillig. Obwohl es keine Verpflichtung für Ihn gibt, erfüllt Er, was verlangt wird. Mögen auch wir daran denken, wenn uns bisweilen Dinge im Alltag abverlangt werden, zu denen wir strenggenommen nicht verpflichtet sind und uns, sobald jemand derlei einzufordern wagt, in uns sofort der Stolz oder unser falsches Ehrgefühl hochfährt und dagegen protestieren will. Christus hat sich unterworfen. Nicht weil Er mußte. Mit freiwilliger Bereitwilligkeit hat Er es getan, um uns ein Beispiel zu geben.

Verschiedene Beweggründe

Bei eingehender Betrachtung des Sachverhaltes gelangen wir jedoch zu der Erkenntnis, daß die Beschneidung unseres göttlichen Erlösers, abgesehen von Seinem Demutsbeispiel, auch für Ihn selbst keineswegs eine leere und unsinnige Zeremonie gewesen ist. Sie hatte sogar eine große und tiefe Bedeutung, wenn auch eine ganz andere als für alle anderen jüdischen Jungen zuvor. Die heiligen Väter und Kirchenlehrer geben mehrere Beweggründe dafür an, warum unserer Herr sich der Beschneidung unterwarf. Folgende sechs Motive finden sich bei ihnen. Erstens: Die Beschneidung des Gottmenschen geschah, um uns ein Beispiel zu geben. Nicht bloß das Beispiel der Demut, sondern eines, aus dem wir Ehrfurcht und Gehorsam gegen die göttlichen Satzungen lernen sollen. Das ist gerade für uns Katholiken in der papstlosen Zeit von heute eine wichtiges Beispiel. Die kirchlichen Gebote und alle Vorschriften bzgl. des göttlichen Kultes und der kirchlichen Disziplin sollen nicht wiederwillig, schlampig oder willkürlich, sondern mit Ehrfurcht beobachtet werden, auch wenn keine über uns stehende Autorität über deren Einhaltung wacht. – Einen zweiten Beweggrund dafür, daß unser Herr sich beschneiden ließ, finden wir darin, daß Er den Juden keinerlei Veranlassung geben wollte, Ihn und Seine Lehre später zu verwerfen. Hätte sich Christus dem Gesetz nicht gefügt, so würden Ihn selbst die Besten Seines Volkes als einen, der keinen Anteil an Gott hat, mit Haß und Verachtung von sich gestoßen haben. Taktvolle Schonung fremder Schwachheiten, beschränkter Anschauungen, eigentümlicher Gebräuche, sofern sie mit der göttlichen Offenbarung nicht im Widerspruch stehen und der katholischen Sittenlehre nicht widerstreiten, ist auch Pflicht jedes Katholiken. – Drittens ließ sich der Herr beschneiden, um in weiser Vorausschau auf zukünftige Häresien jeden Zweifel an Seiner wahren und wirklichen Menschheit unmöglich zu machen. Das unveränderliche göttliche Wort ist tatsächlich Fleisch geworden. Der ewige Sohn Gottes hat in Wirklichkeit einen menschlichen, leidensfähigen Leib angenommen. Es handelte sich um keinen Scheinleib, wie später die Sekten der Manichäer, Apollinaristen und alle sonstigen Doketen behaupten würden. Christus hat wirklich im Fleisch gelitten. – Viertens geschah die Beschneidung Jesu, um die Beschneidung der Väter zu heiligen. Diese bezog ihren quasi-sakramentalen Wert im Voraus ebenso von der Beschneidung des Erlösers, wie der gesamte alttestamentliche Opferkult seine genugtuende, reinigende, versöhnende Kraft vom großen Kreuzesopfer auf Golgotha antizipierte. – Fünftens, so lehrt u.a. der hl. Thomas von Aquin, geschah die Beschneidung des Jesusknaben, um das mosaische Zeremonialgesetz außer Kraft zu setzen, wie der hl. Paulus den Galatern erklärte: „Als aber die Fülle der Zeit kam, sandte Gott Seinen Sohn, gebildet aus einem Weibe, untertänig dem Gesetz, damit Er die, welche unter dem Gesetze standen, erlöste“ (Gal. 4, 4 f.). Und schließlich noch einsechster Beweggrund: Damit Christus durch die Beschneidung, welche ja für die sündigen Menschensöhne von Gott angeordnet worden war, deren Sünde auf Sich nehmen und dieselbe an Seinem Leib büßen konnte.

Nicht nur Christus, sondern auch Jesus

Gerade dieses letzte Motiv gibt der Beschneidung Christi einen sehr tiefen Sinn, der einer eingehenderen Betrachtung wert ist. – Unleugbar steht die Beschneidung Jesu in engem Bezug zu Seinem Erlösungswerk. Dadurch wurde Er sozusagen erst qualifiziert und in die Lage versetzt, um das Sühneopfer für die Sünden der gesamten Menschheit sein zu können. – Einerseits ist es absolut gewiß, daß allein ein persönlich Schuldloser, ein Gerechter, dazu befähigt sein konnte, der durch die Sünde verletzten göttlichen Majestät, Ordnung und Gerechtigkeit hinreichend Genugtuung zu leisten. Andererseits war es aber genauso notwendig, daß sich dieser Gerechte in einem Zustand befände, so daß ihn der rächende Fluch der Sünde, nämlich das Leiden und der Tod, auch berechtigterweise (!) erreichen konnte. Der Erlöser mußte unschuldig und zugleich schuldbar, gerecht und zugleich strafwürdig sein. Er mußte ein Mittelding zwischen Heiligkeit und Sünde an sich tragen, welches nach der Erklärung des hl. Augustinus „das äußere Kennzeichen der Sünde, der Schein der Sünde war“. Diesen Anschein der Sünde dokumentiert die Beschneidung, die ja um der Sünde willen eingesetzt worden war. Durch die Beschneidung hat Gott „den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht“ (2. Kor. 5, 21). Auf diese Weise „ist Er zum Fluche für uns geworden …, damit über die Völker der Segen Abrahams käme“ (Gal. 3, 13 f.). – Aufgrund Seiner jungfräulichen Empfängnis und Geburt aus Maria der unbefleckten, makellos reinen Jungfrau stand der Gottmensch bisher als durch und durch gerecht und heilig da. Ihn konnte somit der Zorn Gottes, mit dem Sein Vater die Sünde straft, unmöglich treffen. Es wäre ungerecht und damit Gottes unwürdig gewesen, ohne Grund zu strafen. Wäre es dabei geblieben, hätte Christus kein Leid treffen dürfen. Damit würde aber auch die Sünde nicht gesühnt werden. – Als die unbefleckte Gottesgebärerin in der Heiligen Nacht das göttliche Kind in die Krippe legte, da war Er zweifelsohne „Christus“, d.h. der mit der Gottheit gesalbte Mensch. Aber er war noch nicht „Jesus“, d.h. Er war noch nicht Heiland, noch nicht Erlöser von den Sünden (vgl. Mt. 1, 21). Im Augenblick der Beschneidung jedoch, die wie gesagt nur für Sünder angeordnet worden war, erscheint der Herr nach den Worten des hl. Bernhard von Clairvaux als ein Sünder vor Gottes Auge. Er läßt sich die Sünde ins Fleisch einschreiben. Sein Leib wird wie ein Schuldschein, auf dem die Sünde der Menschheit eingeschrieben steht, und wird so vom Blick des göttlichen Zornes getroffen. Der hl. Augustinus sagt, es besteht zwischen Gott und dem Bösen ein solcher Gegensatz, daß selbst der Anschein der Sünde, d.h. ihr Wahrzeichen in Form des Beschneidungsmales am Leib, genügt, um den unendlich Heiligen und Gerechten zum Todesurteil über Seinen eingeborenen Sohn zu bewegen.

Durch Seine wunderbare Empfängnis und Geburt, durch die von der hypostatischen Vereinigung geforderte absolute Sündlosigkeit stellte der Heiland bisher einen Menschen ganz eigener Art dar. Er hatte wohl dieselbe Natur wie andere Menschen, aber bislang fehlte Ihm die Verbindung mit der Erbsünde, die bei Maria durch das Wunder der Unbefleckten Empfängnis im Hinblick auf den kommenden Erlöser unwirksam gemacht worden war. Bislang war Christus also in keiner Weise ein Mitglied der schuldbeladenen Menschheit. Erst durch das Zeichen der Beschneidung wurde diese Verbindung hergestellt. Durch die Beschneidung nahm Er freiwillig die Zugehörigkeit zum Samen Abrahams an, der wie alle Menschen Träger der Erbsünde war.

So war nun alles für einen Erlöser Notwendige in Ihm vereint. Er war unendlich heilig, ja aufgrund Seiner göttlichen Person die Heiligkeit selbst. Damit war er fähig, Gott eine hinreichende, würdige und in jeder Hinsicht vollkommene Sühne zu leisten. Durch das Beschneidungsmal stand Er juridisch vor Gott und den Menschen als Glied der strafwürdigen, erlösungsbedürftigen und sich nach Erlösung sehnenden Menschheit da. Auf diese Weise wurde Er eigentlich der Mittelpunkt und die Krönung des Alten Bundes und zugleich Begründer des Neuen. So wurde Er der neue Adam, der die Geschicke der ganzen Menschheitsgeschichte wendet. – So betrachtet wird uns einsichtig, daß die Beschneidung unseres Herrn am achten Tag eine herausragende Bedeutung für Ihn und für uns hatte; und daß wir allen Grund haben, dem göttlichen Kind dafür in aufrichtiger, dankbarer Liebe zugetan zu sein. Denn im Geheimnis des heutigen Festes tritt uns aufs neue Seine göttliche Liebe in Form Seiner gütigen Herablassung entgegen, in der sich der Gottessohn nicht scheute, auch das demütigende, letzte Erfordernis, das zur Erlösung nötig war zu erfüllen, nämlich sich zu unserem sündhaften Geschlecht zurechnen zu lassen und sich so gleichsam als Erlöser vollkommen zu habilitieren. – In diesem Sinn versteht man auch, warum jedes neue „Jahr des Herrn“ mit diesem Tag beginnt.

Der Wert der Seele

Bei der Beschneidung floß erstmals das kostbare Blut des Erlösers, wodurch gleichsam der Beginn Seines Erlösungsopfers markiert wird. Im Hebräerbrief erklärt der Völkerapostel: „Mit Blut wird ja fast alles gereinigt nach dem Gesetz, und ohne Blutvergießen gibt es keine Vergebung“ (Heb. 9, 22). Da nun das Agnus Dei, das göttliche Opferlamm, unter dem Messer des Beschneidenden blutete, erfüllt Er die bezeichnete Bedingung zur Vergebung, Reinigung und Heiligung, weshalb sich die Worte des Moses in dem Blutvergießen des Jesuskindes seinen Vollsinn erlangen: „Das ist das Blut des Bunde, den der Herr mit euch geschlossen“ (Ex. 24, 8). Doch ist mit den ersten Blutstropfen nur der schmerzliche Auftakt Seines Opfers markiert, welches von Ihm dreiunddreißig Jahre hindurch bis zur Vollendung am Kreuz getreulich bis ans Ende zu führen sein wird. So ist das Leben Jesu von Seinem kostbaren Erlöserblut eingerahmt.

Der hl. Augustinus ruft uns zu: „Siehe, wie teuer Er deine Seele erkauft hat, und du wirst zur Einsicht kommen, was sie für ein Gut ist.“ Für eine geringfügige Sache hat der Gottmensch Sein kostbares Blut nicht vergossen. Das wäre Seiner nicht würdig. Da Er aber für das Heil unserer Seele Sein Blut wirklich vergossen hat, müssen wir trotz unserer Armseligkeit daraus folgern und auch davon überzeugt sein, daß unsere Seele im Maßstab Gottes einen immensen Wert besitzt. Wenn aber Gott unsere Seele derart hochschätzt, dann müssen auch wir selbst sie in derselben Weise wertschätzen und dafür sorgen, daß wir sie nicht leichtfertig mit dem Schmutz der Sünde beflecken. Ansonsten versündigen wir uns nicht nur gegen unsere Seele, die uns Gott anvertraut hat und für die Er von uns Rechenschaft einfordern wird, sondern wir versündigten uns auch am Blute Jesu Christi, das für die Erlösung unserer Seele geflossen ist. In derselben Weise ermahnt uns auch der hl. Petrus: „Führt einen gottesfürchtigen Wandel in der Zeit eurer Pilgerschaft! Ihr wißt ja, daß ihr nicht mit vergänglichen Gütern, mit Silber und Gold, von euren törichten, von den Ahnen überkommenen Wandel losgekauft wurdet, sondern durch das kostbare Blut Christi, dieses makellosen und fleckenlosen Lammes“ (1. Petr. 1, 17-19).

Beschneidung des Herzens

Die Zeit unserer Pilgerschaft wurde verlängert. Ein neues Jahr beginnt. Wie notwendig ist es schon vom ersten Tag an die Wertmaßstäbe in unserem Leben wieder zu kalibrieren und mit denen Gottes in Übereinstimmung zu bringen. Wenn schon der göttliche Erlöser nicht vor dem Opfer der Beschneidung zurückschreckte und uns so von der Beschneidung unseres Fleisch entbunden hat, so sind wir doch alle, auch über die Grenzen der Geschlechter hinweg verpflichtet zur „Bescheidung der Herzen“, wie es der hl. Paulus nennt. Diese Verpflichtung wird nur zu sehr vernachlässigt, so daß die Mehrzahl derer, die sich Christen nennen, „Unbeschnittene am Herzen“ (Apg. 7, 51) sind. Was ist damit gemeint? Der hl. Paulus erklärt, daß diese Beschneidung vorzunehmen ist „nicht äußerlich am Fleische … sondern … im Innern und die Beschneidung des Herzens, nämlich dem Geiste und nicht dem Buchstaben nach“ (Röm. 2, 28 f.); nicht wie eine, „die mit der Hand geschehen durch Hinwegnahme des Fleisches am Leib“ (Kol. 2, 11), sondern deren Wesen die Entsagung der Begierlichkeit des Fleisches, überhaupt der Abtötung des verderbten Eigenwillens bildet. Eine solche geistige Beschneidung, deren Typus eben die der Juden war, macht uns Jesus zur strengen Pflicht! Eindringlich fordert Er: „Wenn einer mir nachfolgen will, so verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt. 16, 24). Und an anderer Stelle sagt Er: „Jeder wird mit Feuer gesalzen, und jedes Opfer wird mit Salz gesalzen“ (Mk. 9, 48). Und der hl. Paulus fügt hinzu: „Die aber, welche Christi sind, haben ihr Fleisch gekreuzigt samt den Lastern und Gelüsten“ (Gal. 5, 24). Das ist unser Jahresprogramm. Wir müssen zum Messer des Eifers greifen und alles von unserem Herzen wegschneiden, was im Herzen eines Gotteskindes keinen Platz haben kann. Das geschieht, wenn wir den Eigenwillen überwinden durch Gehorsam. Den Eigennutz und die Selbstsucht durch vollständige Hingabe an Gottes höhere Ehre und Seinen göttlichen Willen, wie Er sich im Gebot äußert, unter Hintansetzung unserer eigenen Interessen und Wünsche. Den Hochmut durch freiwillige Erniedrigung. Die Sinneslust durch das geduldige Ertragen des Schmerzes. Um uns die dazu notwendige übernatürliche Gnade zu verdienen, damit wir die Beschneidung unserer Herzen überhaupt vermögen, ließ unser Herr die schmerzliche Handlung an seinem heiligsten Leib vornehmen. Sein damals vergossenes Blut soll uns Balsam sein für die brennenden Wunden, aus denen unser Herz infolge der geistigen Beschneidung blutet! Die Tränen, die Er damals weinte, sollten uns wie ein starker Wein mutig machen, damit wir schonungslos gegen unsere schlechten Neigungen zur Tat schreiten, und sie sollen uns gleichzeitig tapfer machen im Ertragen das damit verbundene Weh. In den wiegenden Armen der Gottesmutter fand das Jesuskind in Seinem Schmerz Geborgenheit und Trost. So dürfen auch wir uns zu Maria flüchten. Sie wird uns in allem Leid trösten und aufrichten.

Ein Blick auf die Schar der Heiligen aus allen Ständen, Lebensaltern und Geschlechtern sollte uns überzeugen. Die Erstlinge des Blutes Jesu Christi sind nicht vergeblich geflossen. Freudig haben sie alle die Herzensbeschneidung an sich vollzogen. Jedem Menschen, der guten Willens ist, wurde schon am heutigen Tag von unserem göttlichen Heiland die Gnade verdient, die er braucht, um ein wahrheitsliebendes, demütiges, von der Welt losgelöstes, keusches und nur auf das was Gottes ist, hingerichtetes Herz zu empfangen. Lassen wir das Geheimnis der Beschneidung auf unser Herzen wirken. Erkennen wir daraus, welche Liebe wir Jesus schuldig sind und was sie von uns fordert: Die Beschneidung des Herzens. Mit dieser wollen wir das neue „Jahr des Heiles“, welches uns der „Vater der Zukunft“ heute aufgestoßen hat, beginnen. Wir wollen sie das Jahr über fortsetzen und – wenn es Gottes Wille sein sollte – in diesem Jahr glücklich vollenden. Amen.