Bist du es, der da kommen soll?“

Geliebte Gottes!

Seit nun schon weit mehr als hundert Jahren machen sich Psychologen darüber Gedanken, was denn den Menschen seelisch in Unordnung bringt; wo die Ursache für so viele seelische Tragödien zu finden sei. Die einen versuchen, sie im Triebleben des Menschen auszumachen – Frustrationen im Bereich der Geschlechtlichkeit. Die anderen meinen ansetzen zu müssen beim Machtstreben, das der Mensch in sich habe, und wenn dieses nicht befriedigt werde, dann gerate er eben außer Rand und Band. – Aber eine viel einfachere und einleuchtendere Antwort ist doch die folgende: Der Mensch verliert dann seinen Halt, wenn er keinen Sinn mehr sieht. Wenn er nichts mehr hat, wofür es sich lohnt zu leben und zu streben, wofür es sich lohnt zu kämpfen und auch zu leiden. Schon so oft hat es sich bewahrheitet, daß Menschen, die ein großes Ziel vor Augen haben, die eine wunderbare Erfüllung erwarten, schwere und schwerste Situationen durchstehen konnten, ohne daß sie dadurch zerbrochen und niedergemäht worden wären. Und auch das Gegenteil ist wahr: Nämlich, daß Menschen, die keine Hoffnung mehr hatten, schon am Kleinsten zerbrochen sind. 

Der Hoffnungslose Vorläufer?

Wenn wir im Lichte dieser Vorüberlegungen den heutigen Evangelientext zur Hand nehmen, scheinen wir mit dem im Kerker schmachtenden Johannes dem Täufer genau so eine zerbrochene, gescheiterte Person vor Augen gestellt zu bekommen. Einen desillusionierten, deprimierten Mann, der am Sinn seines Lebens, am Zweck seiner Sendung und seiner Predigt verzweifelt zu sein scheint. „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ (Mt. 11, 3), läßt er Jesus durch zwei seiner Jünger fragen. „Bist du es?“ – „Bist du es wirklich, oder habe ich mich in dir getäuscht?“ hören wir da aus dieser Frage heraus. Auch einige Ausleger dieser Stelle werfen die Frage auf, ob Johannes am Ende seines Lebens an der Messianität Jesu zweifelte oder gar zu verzweifeln drohte. Und irgendwie scheint der Zweifel des Johannes, der sich in seiner Frage Bahn zu brechen scheint, ja durchaus verständlich. Israel hatte gewartet. Hatte mehrere tausend Jahre gewartet. Die Propheten hatten immer wieder auf die glorreiche Zukunft hingewiesen. Die Psalmen besingen eine kommende Messiasherrschaft, der sich alle Reiche der Welt beugen müssen. Opfer- und Tempelkult waren voll geheimnisvoller Andeutungen des großen Königs und Erlösers. Johannes der Täufer hatte Ihn, Jesus aus Nazareth, als den verheißenen Erlöser verkündet: „Sehet das Lamm Gottes“ (Joh. 1, 29; Joh. 1, 36) – „Er ist es, von dem ich sagte: Nach mir kommt einer, der größer ist als ich“ (Mt. 3, 11). Mit seinem hageren Zeigefinger wies er beständig auf diesen schlichten Jesus hin: „Ich muß abnehmen, damit Er zunehmen kann“ (Joh. 3, 30). – Doch was ist zu sehen? Statt Herrlichkeit Gewöhnliches. Ist dieser Jesus wirklich die Erfüllung aller Hoffnungen? Ist Er das, was man erwartet hat? Warum sagt Er dann Seiner Anhängerschaft Niederlagen, Verfolgungen und den Tod voraus? Warum treibt Er Seine Gegner nicht vor sich her? Warum ist Er nicht der Sturmwind, der alles mitreißt? Donnernde Brandung, der nichts widerstehen kann? Loderndes Feuer, das alles verzehrt? Warum kann es gegen Ihn Widerstand geben, und dann auch noch Widerstand, der sich behaupten, ja sogar durchsetzen kann? Ist das wirklich der König der Könige? Der Weltenrichter? Der Friedensfürst? – „Bist du es wirklich, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ – Wenn der Täufer angesichts des herannahenden Todes im Kerker des Herodes tatsächlich so gedacht hätte, dann wäre er gewiß nicht allein gewesen. Auch zahlreiche Zeitgenossen des Johannes, darunter auch viele seiner eigenen Schüler, blieben diesem sanften Wanderprediger aus Nazareth gegenüber äußerst skeptisch eingestellt.

Der Hintergrund der Frage

Doch die Kirchenväter, allen voran der hl. Hilarius von Poitiers (com. in Matth. 11), verbieten es uns, in diese Richtung weiterzudenken. Nein, wenn auch alle anderen die Messianität Jesu in Frage stellten, so konnte unmöglich der Täufer daran zweifeln! Denn: Johannes wußte, wer Jesus war. Er wußte, daß dieser es war, der ihn bereits als ungeborenes Kind, im Schoß seiner Mutter Elisabeth, geheiligt hatte. Auch die Ereignisse bei der Taufe Jesu ließen keinen Zweifel zu, wie der Täufer selbst erklärte: „Der mich gesandt hat mit Wasser zu taufen sagte zu mir: Auf wen du den Geist herniederkommen und auf ihm bleiben siehst, der ist es“ (Joh. 1, 33). – „Und Johannes bezeugte: Ich sah den Geist wie eine Taube vom Himmel herniederkommen, und er blieb auf ihm“ (Joh. 1, 32). Für Johannes konnte es keinen Zweifel geben. Jesus ist der Messias! – Wenn sich aber der Täufer mit der Frage „Bist du es, der da kommen soll?“ nicht selbst Gewißheit verschaffen wollte, was beabsichtigte er dann damit?

Um diesen einigermaßen verwickelten Sachverhalt aufzuklären, müssen wir ein klein wenig das Umfeld des Täufers beleuchten. Johannes war in großer Sorge um seine Schüler. Diese waren ihm absolut ergeben, ja fast fanatisch auf seine Person eingeschworen, ohne daß er es wollte. Sie waren beeindruckt von der strengen Askese des Täufers und seiner ehrfurchtgebietenden Botschaft von Buße und Gericht, so daß sie ihn regelrecht vergötterten. Viel von ihnen waren fest überzeugt, daß er, Johannes, der wahre Messias sei. Von dem Tage an, da Jesus am Jordan auftauchte, spätestens aber als auch Jesus dort zu taufen und zu predigen begann, nahmen nicht wenige der Schüler des Johannes eine ablehnende, ja sogar eine feindselige Haltung gegen den Mann aus Nazareth ein. Sie sahen in Christus einen Konkurrenten zu ihrem hochverehrten Meister Johannes. Sie attestieren unserem Herrn mangelnde Bußstrenge, indem sie Ihm eines Tages die Frage an den Kopf warfen: „Warum fasten wir und die Pharisäer so viel? Deine Jünger aber fasten nicht?“ (Mt. 9, 14).Im heutigen Sprachgebrauch hätten sie Jesus vorgeworfen, Er sei Laxist. In der Folge versuchten die Johannesjünger sogar, den Täufer selbst gegen Jesus aufzuhetzen, indem sie sprachen: „Meister, der jenseits des Jordan bei dir war, dem du Zeugnis gegeben hast, siehe der tauft, und alles läuft ihm nach“ (Joh. 3, 25). Schreite ein! Er nimmt dir alle Leute weg. Aus Ärger darüber wollten sie Jesus nicht nachfolgen und öffneten stattdessen der zersetzenden Kritik der Pharisäer ihr Ohr. Das mußte Johannes sehr beunruhigen. Solange der Täufer bei seinen Jüngern war, konnte er noch selbst auf sie einwirken und versuchen, seinen Anhängern klar zu machen, daß er, Johannes, nur der Brautführer, nicht aber der Bräutigam sei; daß seine Aufgabe nur darin bestand, das Volk zu sammeln und Jesus zuzuführen. Da er aber nun im Verlies des Herodes sein Ende herannahen sah, fürchtete er, daß seine Jünger nach seinem Tod in eine tiefe Depression, ja in Verzweiflung fallen würden, da sie zu sehr an ihm, an Johannes, hingen und nicht an dem, der ihrem Leben allein Sinn geben konnte.

„Hätte Johannes aber zu ihnen gesagt: Begebt euch zu Ihm, denn Er ist über mir, so hätte er seine Jünger nicht dazu bewegen vermocht. Man hätte stattdessen nur geglaubt, Johannes würde aus Demut so von sich reden“, wie der hl. Johannes Chrysostomus bemerkt (hom. 37). Die Johannesjünger hätten ihren Meister ob solch heroischer Selbstverleugnung, Demut und Bescheidenheit nur noch frenetischer verehrt. – Man kann den Glauben nicht gebieterisch erzwingen. Der Glaube ist ein persönlicher Schritt. Jeder der zum Heil gelangen will muß ihn tun, das ist keine Frage. „Wer nicht glaubt, wird verdammt“ (Mk. 16, 16). Aber jeder muß diesen Schritt aus eigenem Antrieb, aus eigener Glaubensüberzeugung tun. 

Der Zweck der Frage

Deshalb griff er vom Gefängnis aus zu einem letzen Mittel. Seine Jünger mußten sich selbst überzeugen. Er sandte zwei seiner Schüler zu Christus. Vielleicht die mit den größten Vorbehalten gegen Jesus, oder zwei, die bei den anderen in hohem Ansehen standen, so daß zu hoffen war, daß deren Wort auch bei den übrigen Jüngern Aufnahme finden würde. Johannes wollte sich also nicht selbst Gewißheit verschaffen, sondern seinen Jüngern. Deshalb sandte er sie zu Jesus. Beide Jünger sollten sich selbst, mit eigenen Augen von den Wundern Jesu überzeugen und dadurch für die anderen zu Zeugen für dessen Messianität werden. Darum sandte Johannes zwei von ihnen, denn das übereinstimmende Zeugnis zweier Männer war gemäß dem jüdischen Gesetz zur Bekräftigung einer Aussage ausreichend. Um aber ihrem Zeugnis noch breitere Anerkennung zu verschaffen, sollten sie nicht in ihrem Namen, sondern im Namen Johannes des Täufers die Frage stellen. Lukas ist es, der uns ausdrücklich davon berichtet: „Die Männer kamen zu ihm und sprachen: Johannes der Täufer hat uns zu dir gesandt“ (Lk. 7, 20).

Die Antwort Jesu

So stellten die Jünger des Johannes also in Gegenwart des ganzen Volkes die entscheidende Frage: „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Eine wahre Adventfrage, welche die Bedeutung des ganzen Alten Bundes mit all seinen Verheißungen und Vorbildern umfaßt und die sehnsuchtsvolle Erwartung aller Völker ausspricht.

Eigentlich möchte man erwarten, daß Jesus klipp und klar mit „Ja“ oder „Nein“ antwortet. „Ja, ich bin es“, oder „Nein, ich bin es nicht“. – Unser Herr, der die Absicht des Täufers kannte, antwortete nicht so. Auch Er wußte, daß eine solche Antwort die skeptischen Jünger nicht zufriedengestellt hätte. Sie hätten ihm womöglich ein übersteigertes Selbstbewußtsein, selbstgefällige Überheblichkeit oder Arroganz vorgeworfen. Die verschlossenen Skeptiker mußten aus ihrem Zweifel zum Glauben geführt werden. Aber was halfen da bloße Worte? Was halfen heilige Zusicherungen? Dieselben hatte ihnen doch Johannes schon vergebens gegeben. Deshalb gab Jesus nur eine indirekte Antwort. Er verweist nur auf seine Taten. „An den Früchten erkennt man den Baum“ (vgl. Mt. 12, 33 f.). Er versucht den Zweiflern zu helfen, ihren eigenen Verstand richtig zu gebrauchen. „Geht und kündet dem Johannes, was ihr gehört und gesehen habt.“ – Was gab es zu hören? Was gab es zu sehen? Vom Evangelienbericht des hl. Lukas wissen wir, daß Jesus „eben in dieser Stunde viele von Krankheiten und Plagen und bösen Geistern heilte und vielen Blinden das Augenlicht schenkte“ (Lk. 7, 21). Wenige Tage zuvor hatte Jesus den Jüngling von Naim von den Toten auferweckt. Das sind Seine Taten:„Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein. Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird das Evangelium gepredigt“ (Mt. 11, 5). Mit diesen Worten verweist Christus die Fragenden, die durchaus in der Heiligen Schriften bewandert waren, auf ein Wort des Propheten Isaias. Gott hatte nämlich durch den Propheten Isaias 700 Jahre zuvor, über den Messias folgendes vorhersagen lassen: „Seid getrost und fürchtet euch nicht. Schon kommt euer Gott und hilft euch“ (Is. 35, 4). Woran wird man aber den göttlichen Gesandten erkennen? Auch darüber gibt Isaias Auskunft: „Dann werden geöffnet die Augen der Blinden, die Ohren der Tauben tun sich auf, dann springt wie ein Hirsch der Lahme und es jauchzt die Zunge des Stummen“ (ebd.). Jesus erinnert an das Prophetenwort, verweist auf Seine Taten und läßt die Jünger des Johannes selbst die Schlußfolgerung ziehen. Eigentlich hätten sie notwendigerweise erkennen müssen, daß die Isaias-Prophetie Wort für Wort vor ihren Augen in Erfüllung gegangen ist. Wenn sie guten Willens waren, so konnte für sie nun kein Zweifel mehr bestehen, daß in Jesus von Nazareth leibhaftig der verheißene Messias vor ihnen stand; freilich nicht als gewaltiger Heerführer oder gestrenger Weltenrichter, wie sie Ihn sich erwartet und vielleicht erhofft hätten. – Hieraus wird etwas sehr bedeutendes ersichtlich: Man muß die Wahrheit erkennen wollen! Deshalb fügt Jesus den mahnenden Satz hinzu: „Selig, wer an mir keinen Anstoß nimmt“ (Mt. 11, 6). Damit will Er sagen: Man kann nur zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen, wenn man alle persönlichen Vorurteile und Erwartungen, jede durch Sympathie oder Antipathie bedingte Voreingenommenheit nach Kräften neutralisiert und ausschaltet. Wenn dies nicht gelingt, ist der Mensch befangen. Er ist nicht frei und offen für die Wahrheit und wird letztlich nur erkennen, was er erkennen will; das was der Augenlust nützlich erscheint, der Fleischeslust zusagt oder vom Stolz als „zulässig“ gelten gelassen wird. Ein befangener Mensch wird nur sehen, was er sehen will. Deshalb ermahnt Christus die Johannesjünger und in ihnen auch uns, alle menschlichen Maßstäbe und Erwartungen zurückschrauben und uns ganz auf die Wahrheit einzulassen, so wie sie ist. – Ob diese sanfte Lektion bei den Skeptikern damals gefruchtet hat? Wir wissen es nicht. Das Evangelium schweigt sich darüber aus.

Göttliche Verheißung & Tatsachen: „Wer euch hört, der hört mich.“

Gerade in dem offenen Ausgang der Szene liegt ihre überzeitliche Dynamik, die uns sozusagen in das Ereignis von damals mit einbezieht. Johannes der Täufer ist ja nicht nur der Wegbereiter Christi für seine Jünger damals. Die Sendung des Täufers, die Wege des Herrn zu bereiten, reicht hinauf bis zu uns. Er schickt uns heute zu Jesus. Und auch wir sollen in seinem Namen die religiösen Fragen, welche uns dieser Tage bewegen, stellen. Auch wir müssen uns selbst davon überzeugen. Auch wir müssen unseren Verstand in den brennenden Glaubensfragen der heutigen Zeit richtig gebrauchen.

Die Kirche ist der durch die Jahrhunderte fortlebende geheimnisvolle Leib Christi. Wie aber sollen wir die wahre Kirche Christi, die katholische Kirche erkennen, wenn nun heute so viele unterschiedliche Parteien auftreten und uns zurufen: „Hier ist Christus!“ (Mt. 24, 23), und andere hingegen scharf widersprechen: „Nein, bei uns ist Christus“, wir sind im Besitz der katholischen Wahrheit. Wir haben das richtige Verständnis davon. Die anderen sind falsch. Wie werden wir da den falschen Christus vom richtigen unterscheiden? – Genauso wie die Jünger des Täufers es tun sollten. Wir brauchen nur das Wort Gottes den konkreten Tatsachen von heute gegenüberstellen. – Da ist die Verheißung Christi an uns, daß wir Seine göttliche Lehre stets aus dem Mund Seiner amtlichen Stellvertreter hören werden. Er sprach zu den Aposteln: „Wer euch hört, der hört mich. Wer euch verachtet, der verachtet mich“ (Lk. 10, 16). Wie aufgrund des Beistandes des Heiligen Geistes aus dem Mund des hl. Petrus und der hl. Apostel die Lehre Christi zu vernehmen war, so kann auch heute aus dem Mund eines wahren Papstes, der ja in gleicher Weise den göttlichen Beistand besitzt, und aus dem der wahren Bischöfe nichts anderes als die Lehre Jesu Christi zu vernehmen sein. „Wer euch hört der hört mich.“ Das galt damals. Das gilt heute. Das gilt bis ans Ende der Welt (Mt. 28, 20). Wo aber hören wir heute die Lehre Christi? Aus dem Mund Bergoglios? Aus dem Munde Ratzingers? Aus dem Mund Wojtylas, Montinis oder Roncallis? Aus dem Mund von Reinhard Marx, Gebhard Fürst, oder Georg Bätzing? – Wenn es so wäre, dann müßten wir hier schleunigst unsere Kapelle schließen und gehorsam in die Novus-Ordo-Messe gehen. Ansonsten würden wir durch unseren Ungehorsam gegen die rechtmäßigen Stellvertreter Christi Christus selbst und Seinen himmlischen Vater verachten! Sagt Er doch: „Wer euch verachtet der verachtet mich. Wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat“ (ebd.) – Aber so verhält es sich eben nicht. Diejenigen, welche heute den Papstthron erobert und die Bischofsstühle überall in der Welt besetzt halten, verkünden uns nicht die Lehre Christi. Sie verkünden uns die Lehre des 2. Vatikanums. Alle, die „das Konzil“ anerkennen, bekennen sich dadurch zum Ökumenismus. Auch die Konservativen und Traditionalisten unter ihnen! Sie bekennten sich damit zu der Lehre, die besagt, daß die Glaubensunterschiede zwischen den einzelnen Religionen für das Seelenheil keine maßgebliche Rolle spielen, solange man nur ein guter Mensch ist. Aus ihrem Mund hören wir Lehren, die von Christus durch den Mund früherer Päpste als Irrlehren gebrandmarkt und verdammt worden sind. Wir hören aus dem Mund der heutigen „Amtsträger“ nicht Christus. Was aber bedeutet das? Der hl. Apostel Johannes erläutert es uns: „Jeder, der abweicht und nicht in der Lehre Christi bleibt, hat Gott nicht!“ (2. Joh. 9). Ein starkes Wort! Noch einmal: „Jeder, der abweicht und nicht in der Lehre Christi bleibt, hat Gott nicht!“ Und es geht noch weiter: „Wenn jemand zu euch kommt und diese Lehre (die Lehre Christi) nicht mitbringt, so nehmt ihn nicht ins Haus auf“ (2. Joh. 10). Anerkennt ihn nicht! Schließt euch ihm nicht an! Habt keine Gemeinschaft mit einem, der von der Lehre Christi abweicht. „Nehmt ihn nicht ins Haus auf.“ Nicht in das Haus eures Herzens. Nicht in das Haus eures Geistes. Nicht in das Gebäude eures Glaubens, sonst wird es zu eurem Verderben einstürzen. – „Wer euch hört, der hört mich.“ Wo aber hören wir heute noch die Lehre Christi? – Nicht vom Papstthron. Und auch von keinem der Bischofsstühle. Folglich sind diese Lehrstühle der göttlichen Wahrheit derzeit vakant, d.h. unbesetzt. Diejenigen, die sich darauf breit gemacht haben, haben ihre Ämter nicht wirklich inne. Die Stühle sind in Wirklichkeit leer. Es herrscht Sedisvakanz. Dieser Tatsache muß man sich einfach unvoreingenommen stellen. Und selbst dieser Tatbestand ist die Erfüllung einer Vorhersage des hl. Paulus im 2. Thessalonicherbrief (vgl. 2. Thess. 2, 7). Der Völkerapostel spricht davon, daß das lebendige Lehramt, das die Mächte der Finsternis und des Irrtums stets aufgehalten hat, einst beiseite geschafft wird, um einen großen Glaubensabfall heraufzubeschwören, der schließlich dem Antichrist die Wege bereiten wird.

Bedeutung des Katechismus

Was bedeutet das für uns? – Wir befinden uns heute in einem Zustand, der dem Karsamstag ähnelt. Der Leichnam Jesu lag damals tot im Grab. Seine Lehre wurde von seinen Feinden erfolgreich zum Schweigen gebracht. Das Wort Gottes war nicht mehr lebendig zu vernehmen. – Heute ist das lebendige kirchliche Lehramt nicht mehr vorhanden, also gleichsam tot. Es gibt derzeit niemand, der uns in der Vollmacht Christi lehrt. Das bedeutet jedoch nicht, daß wir resignieren müßten, als ob wir die Lehre Christi nirgendwo mehr finden könnten. Wie damals am Karsamstag dauerten die Worte Jesu im Herzen der Schmerzensmutter und im Gedächtnis Seiner Jünger fort. Und so lebt die Lehre Christi derzeit fort in den katholischen Katechismen, im kirchlichen Gesetzbuch, in den Lehrschreiben der Päpste und Konzilien, die uns die Heilige Schrift und die mündliche Überlieferung unfehlbar erklären. Der Katechismus ist gleichsam das Gedächtnis der katholischen Kirche; der Ort, wo wir die Lehre und das Gesetz Christi immer finden können, damit wir sie auch heute im Glauben und in unseren Werken festhalten. Jene Lehre, die im Laufe der Kirchengeschichte durch so viele Wunderzeichen bezeugt wurden.

Notwendigkeit der Glaubensvertiefung

Nehmen wir also den Katechismus zur Hand. Jeder katholische Haushalt sollte einen solchen unbedingt besitzen (d.h. den „Römischen Katechismus“, das „Kompendium der christlichen Lehre“ des hl. Pius X., den „Spirago“, etc.). Ein Blick in den Katechismus, und wir finden die Antworten auf alle unsere Glaubensfragen. Dort werden unsere Unsicherheiten und Zweifel aufgeklärt. Dort finden wir die Stärkung und Vertiefung unseres Glaubens, derer wir bedürfen. Der Katechismus ist, solange wir des lebendigen Lehramtes der Kirche ermangeln, unsere Glaubensnorm, die wir kennen müssen, die wir verinnerlichen müssen, an die wir uns im alttäglichen Leben halten müssen. Fassen wir den Vorsatz für diese zweite Adventswoche und darüber hinaus, unsere Kenntnisse in der katholischen Glaubenslehre wieder aufzufrischen. Lassen Sie uns gerade die Stille des diesjährigen Advent dazu gebrauchen, unseren Glauben zu vertiefen durch Lesung, Studium und Gebet. Wir müssen uns im Glauben weiterbilden, damit wir die Fährnisse unserer Zeit im Licht des Glauben richtig einordnen können und uns ihnen gegenüber im Einklang mit dem katholischen Glauben und der katholischen Moral verhalten können. Es ist erstaunlich zu hören, daß jüngst ein Verleger, der sein Lebenswerk der Verbreitung von Schriften gewidmet hat, um Menschen über die Tatsache der heutigen Sedisvakanz aufzuklären, sich von einem abgedroschenen Einwand unserer Gegner zum öffentlichen Widerruf hat verleiten lassen: „Wir haben einen rechtmäßigen Papst.“ Wenn dieses Einknicken nicht an der Vernachlässigung der persönlichen Weiterbildung im Glauben wurzelt! Davor ist niemand von uns gefeit. Deshalb müssen wir uns wappnen. Jedoch nicht nur um unseretwillen. Wie die Johannesjünger für ihre Mitbrüder damals, so sollen wir heute auch anderen Menschen, die unvoreingenommen auf der Suche nach der Wahrheit sind, den Weg zu Christus, zum katholischen Glauben und zur katholischen Kirche bahnen helfen. Das ist jedoch nur möglich, wenn wir auch erklären können, warum wir tun, was wir tun.

Mit der Vertiefung unseres Glaubens eifern wir schließlich auch dem Vorbild der Gottesmutter nach. Von Maria heißt es mehrfach im Evangelium, daß sie alle Ereignisse und Worte bewahrte und in ihrem Herzen erwog (Lk. 2, 19.52). Wenn wir Maria nachahmen, so werden sich Glaubensüberzeugungen in uns bilden, die dazu imstande sind auch schwere und schwerste Herausforderungen, die das heutige Leben für uns Katholiken bereithält, zu meistern und siegreich bleiben. So ruft es uns der heilige Evangelist Johannes aufmunternd zu: „Das ist der Sieg der die Welt überwindet – unser Glaube“ (1. Joh. 5, 4). Dafür lohnt es sich zu leben. Dafür lohnt es sich zu streiten. Dafür lohnt es sich zu leiden. Und dafür lohnt es sich auch zu sterben. Amen.