Selig die Armen im Geiste

Geliebte Gottes!

Christus lehrt unter freiem Himmel, am Hang eines Berges, auf dem Lehrstuhl des Felsens sitzend. Um Ihn der engere Kreis Seiner Jünger und der weitere Kreis der Volksscharen. Ob Christus durch den allwissenden Blick Seiner Gottheit wohl in der um Ihn versammelten Volksschar auch schon die unüberschaubare Menge der Heiligen des Himmels, die sich um den Thron Gottes sammelt, vorausgeschaut hatte; so wie sie uns die Geheime Offenbarung des hl. Johannes gerade in der Epistel beschrieben hat? Wir wissen es nicht. Er öffnete jedenfalls Seinen Mund und lehrte die Menschen das „Neue Gesetz“; das Gesetz des Neuen Bundes; nicht unter Blitz und Donner wie die Hebräer am Sinai, sondern in sanften und doch zugleich mächtigen Worten.

Grundriß der Heiligkeit

Mit den acht Seligpreisungen, die wir soeben gehört haben eröffnet unser Herr Seine Bergpredigt. In den acht Seligpreisungen, die Er an den Anfang dieser langen Rede stellte, die sich in den Evangelien über mehrere Kapitel hinzieht, faßt Christus dieselbe in ihrer Essenz zusammen und skizziert auf diese Weise in den acht kurzen Sätzen den „neuen Menschen, der nach Gott geschaffen ist“ (Eph. 4, 24), den Bürger des anbrechenden Gottesreiches, den Bürger des Himmels – den Heiligen eben. Es ist kein Zufall, daß uns die Kirche gerade am heutigen Festtag Allerheiligen die acht Seligkeiten verkündet. In ihnen sehen wir die Wesensmerkmale der Heiligkeit zusammengefaßt. Jeder Heilige im Himmel hat diese Seligpreisungen in seinem Leben auf seine eigene und einzigartige Art und Weise verwirklicht. Und auch an uns ist es, liebe Gläubige, es ihnen nachzumachen. Die Seligpreisungen der Bergpredigt liefern uns eine kurze Zusammenschau dessen, was die Heiligkeit ausmacht, um was es sich im christlichen Leben dreht, wonach der Christ streben muß. Man kann die acht Seligkeiten auch mit einer Himmelsleiter vergleichen, die uns auf ihren acht Sprossen zur Vollkommenheit führen soll.

Armut im Geiste

Wir wollen nur eine einzige der acht Seligpreisungen herausgreifen und näher betrachten; nämlich gleich die erste: „Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich“ (Mt. 5, 3) Sie ist deshalb die erste, weil sie von grundlegender Bedeutung ist. Sie ist die unterste Stufe auf der Leiter der Vollkommenheit, von der aus man erst die nächsthöhere erreichen kann. Die Armut im Geiste ist die Grundlage unseres Lebens als Christen. Deshalb müssen wir uns in unserem täglichen Leben besonders um diese bemühen. Sie verlangt die Grundentscheidung: entweder Gott oder die Welt.

Der Geist der Welt begreift diese Seligpreisung nicht. Gerade die Gier nach Besitz ist eines der charakteristischen Merkmale unserer modernen, gottfernen Gesellschaft. Es geht in erster Linie darum, zu erwerben, zu besitzen, zu haben; zu zahlen und dafür etwas geboten zu bekommen. Unsere Zeit kennt nicht mehr den Adel der Tugend oder Adel der Abstammung, sondern allein den Adel des Geldes. „Geld regiert die Welt“, so lautet das Sprichwort. Die große Sorge um die Weltwirtschaft, die Konjunktur und das Wirtschaftswachstum, gerade in Zeiten von „Corona“, bestätigen das nur. – Unser Herr Jesus Christus kam in die Welt, um die Erwerbsgier zu vernichten. „Selig die Armen im Geist.“ Damit es jedoch zu keinen Mißverständnissen kommt, sei gleich ausdrücklich betont, daß unter den „Armen im Geist“ nicht unbedingt die in „Armut lebenden“, die Bedürftigen, die Notleidenden oder sonstwie benachteiligte Menschen zu verstehen sind. Nein, mit der „Armut im Geiste“ ist die innere Loslösung von den Gütern dieser Welt gemeint. Sie bezeichnet die Losschälung des Herzens von den irdischen Dingen. Infolgedessen zählen auch manche Menschen, die sehr reich an irdischen Gütern sind, zu den „Armen im Geiste“. Auch reiche Menschen können im Herzen von der Anhänglichkeit an ihren Besitz losgelöst sein. Sie können besitzen als besäßen sie nicht (vgl. 1. Kor. 7, 29 f.). Etwas nicht genießen, obwohl man es könnte; etwas nicht zu haben, obwohl man es sich leisten könnte; die Aufmerksamkeit und Anerkennung anderer nicht zu suchen, obwohl man es könnte und obwohl man sie auch finden würde, das ist gewiß möglich und auch verdienstlicher, als die Entbehrung jener Dinge, die ohnehin außerhalb der eigenen Möglichkeiten liegen. Mit anderen Worten: Selig, die sich nicht von ihrer Habe besitzen lassen. Selig, die ihrer inneren Gesinnung nach nicht an irdischen Güter hängen. Erst diese innere Gesinnung gibt auch der äußeren Armut ihren den Adel. Die äußere Armut allein ist nicht seligzupreisen. Die Not selbst ist keine Seligkeit. Und auch der Notleidende, der in Armut lebende Mensch kann sein Herz sehr wohl an die Reichtümer dieser Welt gekettet haben. Auch der Bedürftige kann habgierig sein und voll Neid auf jene Blicken, die in seinen Augen versorgt, wohlhabend oder gar reich sind. 

Das Beispiel Christi – die Armut an Gütern

Was Christus genau mit der Armut im Geiste gemeint hat, wird am besten verständlich, wenn wir auf Sein Leben blicken. Denn unser Herr predigte die Armut im Geiste nicht nur, Er lebt sie auch vor. Und genau darin überwand Er den Stolz des Reichtums in drei seiner Erscheinungsformen: den Stolz auf das was man hat, d.h. den wirtschaftlichen Reichtum. Den Stolz auf das, was man in den Augen der anderen gilt, d.h. den sozialen Reichtum und schließlich den Stolz auf das, was man in seinen eigen Augen ist, d.h. den Reichtum der Selbstgefälligkeit. – Um den Stolz des materiellen Besitzes zu entthronen wurde Christus, der Sohn Gottes, arm an Gütern. Er wollte in eine verarmte Familie hineingeboren werden, die nicht einmal in der Lage war, ein Lamm für das vorgeschriebene Reinigungsopfer Seiner Mutter aufzubringen, sondern stattdessen lediglich zwei Turteltauben, „das Opfer der Armen“ (vgl. Lev. 12, 8). Sein Pflegevater war ein armer Dorfhandwerker. Er der König der Welt, dem die gesamte Schöpfung zu eigen ist, wollte in einem armen, kalten und muffigen Stall geboren werden, in der Not eines Armen. – Auch in Seinem öffentlichen Leben war Er arm. Selbst sagt Er es: „Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels haben Nester. Aber der Menschensohn hat nichts, wohin er sein Haupt legen kann“ (Mt. 8, 20). Vor den Regierenden war Er arm, so daß Simon Petrus für Ihn die Steuermünze entrichten mußte, weil Er selbst es nicht konnte. – Schließlich war Er auch arm in Seinem Tod. Man zog Ihm die Kleider aus, das letzte, was Ihm an irdischem Besitz geblieben war. An einem Kreuz, das auf Staatskosten aufgestellt wurde, richtete man Ihn hin und legte Ihn in das Grab eines Fremden, des Johannes von Arimathäa. So sühnte Christus für jene, die stolz sind auf das was sie haben, indem Er nichts hatte. Und Er lehrt uns, unser Herz nicht an die irdischen Güter, an den Genuß und an den Besitz zu hängen. Nicht an den Besitz, den wir schon haben; und auch nicht an den, nach dem unser an Habgier krankendes Herz beständig verlangt; nach Mehr, nach dem Neuen, nach dem Besten, nach dem in jeglicher Hinsicht Abgesichert-Sein.

Die soziale Armut

Unser göttlicher Lehrmeister ist aber auch gekommen, um den gesellschaftlichen Stolz, den Snobismus zu sühnen. Die Welt war damals wie heute voll von Menschen, die sich aus irgendwelchen Umständen für besser hielten, als ihre Mitmenschen und sich bisweilen auch ihrer Extravaganz rühmen. Ob aufgrund ihrer Bildung, ihrer Intelligenz, ihrer Abstammung, ihrer Schönheit, ihrer Beziehungen oder ihres öffentlichen Ansehens – in unseren Kreisen eventuell auch aufgrund ihrer überdurchschnittlichen Frömmigkeit, ihrer vermeintlichen Tugendhaftigkeit, ihrer überlegenen Sittenreinheit oder vorbildlichen Kindererziehung. All dies und noch viel mehr können Gründe für ein elitäres, überhebliches Gebaren sein, das auf andere Menschen geringschätzig herabblickt. Auch für solche, die nach Anerkennung und Wertschätzung gieren; die vor anderen als die die Musterknaben, die Besten, die Fähigsten, die Intelligentesten, die Coolsten, die mit den feinsten Manieren und dem ausgefallensten Geschmack dastehen wollen; die sich ängstlich um den Besitz ihres Ansehen bei den andern sorgen; auch für solche büßte Christus, indem Er Seine eigentliche Herrlichkeit und die wahre Größe Seiner Gottheit in Seiner einfachen Menschengestalt verbarg. Er sühnte, da Er, dem die neun Chöre der Engel huldigen, die Verachtung der Gesellschaft und vor allem der Hochgestellten freiwillig auf sich nahm. „Er kam in sein Eigentum, aber die seinigen nahmen ihn nicht auf“ (Joh. 1, 11). In Betlehem verweigerte man Ihm die Herberge. In Nazareth, wo Er aufwuchs, vertrieb man Ihn aus den Mauern und wollte Ihn von der Klippe in den Tod stürzen. Jerusalem kreuzigt Ihn als einen Schwerverbrecher. Die Menschen verließen Ihn, als ihnen Seine Lehre zu unbequem wurde: „Hart ist uns diese Rede, wer kann sie ertragen?“ (Joh. 6, 61) raunten sie einander ins Ohr. Und der Evangelist fügt hinzu: „Von der Zeit an traten viele von seinen Jüngern zurück, und wandelten nicht mehr mit ihm“ (Joh. 6, 67). Die angesehenen Gesetzeslehrer blickten auf Ihn herab weil er keine akademische Laufbahn vorzuweisen hatte. Ob Seiner Zugänglichkeit für gescheiterte Existenzen beschimpften Sie Ihn als einen „Fresser und Weinsäufer, einen Freund der Zöllner und Sünder“ (Mt. 11, 19). Ja selbst von Seinen Freunden, den Aposteln, wurde Er verlassen. Judas verriet Ihn um den Besitz von 30 Silberlingen. Petrus verleugnet Ihn um seinen „Platz in der Gesellschaft“, um seinen in eisiger Nacht am wärmenden Feuer ergatterten Platz unter gottlosen Gesellen nicht zu verlieren. Die Worte „Ich kenne den Menschen nicht“ (Mt. 26, 72) ging ihm dreimal ganz leicht über die Lippen, um den Besitz seines Ehre, in den Augen einer Magd nicht zu verlieren. Schon zuvor im Ölgarten war Jesus in Seiner schweren Todesangst von Petrus, Jakobus und dem geliebten Johannes verlassen worden, um den Besitz ein paar Stunden Schlafes wegen. Schließlich verließen ihn alle seine Jünger bei Seiner Gefangennahme. Sie flohen aus Angst den Besitz ihres eigenen Lebens wegen Ihm verlieren zu können. So wurde Er, der König der Könige und Herr der Herren, ein sozial Armer, ein Ausgestoßener, ein Vereinsamter. Er nahm die Ablehnung und Ausgrenzung auf sich, damit wir von Ihm lernen, unser Herz nicht an den Reichtum des Ansehens, der Freunde, der sozialen Stellung oder des persönlichen Wohlergehens zu hängen. In wie weit wir es als Seine gelehrigen Schüler in dieser Kunst bereits gebracht haben beweist sich stets daran, in welchem Maß uns die Menschenfurcht und der Gruppenzwang noch beherrschen; in welchem Maß uns die Sorge, um unseren Platz am wärmenden Feuer unserer gottlosen Gesellschaft dazu verführt Christus totzuschweigen und zu verleugnen. Wahrlich! „Selig die Armen im Geiste.“

Die Armut von sich selbst

Schließlich büßte Christus als Drittes, den Geistesstolz. Es ist der Reichtum der Selbstgefälligkeit und Selbstzufriedenheit des Menschen. Dabei handelt es sich um den Besitz, der uns am teuersten ist, der uns am meisten bedeutet und auf den zu verzichten, uns am schwersten fällt. Es ist die Gier unseres nimmersatten Eigenwillens nach unabhängiger Selbstbestimmung. – In der Nacht des Todeskampfes im Garten Getsemani nennt Er Seine Seele „betrübt bis zum Tode“ (Mt. 26, 38). Er flehte: „Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir hinweg!“ (Mk. 14, 36). Und doch brachte er seinen Eigenwillen im Opfer des Gehorsams dar: „Nicht mein Wille, sondern der deine geschehe!“ (Lk. 22, 43). Am Kreuz lebt Er die Seligpreisung der „Armut im Geist“ in seiner Vollendung, als Er in Seiner Menschheit freiwillig die tiefste und entsetzlichste Entbehrung wie kein zweiter litt – die Armut der Gottverlassenheit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt. 27,4 6). Zusammen mit der freiwilligen Hingabe Seines Lebens gab Er das hin, woran unser Ich am meisten hängt. „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ (Lk. 23, 46). Durch die Hingabe für einen anderen – nämlich für die Sünder – und durch die Hingabe an einen anderen – an den Willen Seines göttlichen Vaters – sehen wir die vollkommene Entäußerung, die vollkommene Armut und Loslösung verwirklicht. Nicht blieb Ihm mehr für sich selbst! Christus sühnte unsere Ichsucht, die unser Herz so „reich“, so voll macht, von uns selbst. So voll ist unser egoistisches Herz, daß für die Reichtümer, die Gott eigentlich schenken will, einfach kein Platz mehr bleibt. – Christus lehrt uns, daß es nicht glücklich macht am Besitz unseres eigenen Ichs festzuhalten, sondern es den Menschen erst frei und glücklich macht, wenn er seinen Eigensinn aufgibt, sich in Gehorsam und Ergebenheit, ganz „arm im Geiste“, in den Willen eines anderen; in den Willen des Allerhöchsten oder eines Seiner Stellvertreter ergeben kann. Die Übung des Gehorsams in der Familie, gegenüber den Vorgesetzten und – wie der hl. Benedikt in seiner Regel (Cap. 71; Cap. 72,6) lehrt – sogar gegenüber Gleichgestellten, ist die beste Schule in der Armut im Geiste. „Nicht wie ich will, sondern wie du!“ (Mt. 26, 39).

Selig, die Armen im Geiste, die ihr Ego – d.h. ihr (Vor-)Urteil und ihr Besserwissen, ihre persönlichen Überzeugungen und Meinungen, ihre persönlichen Bedürfnisse und Erwartungen – nicht zum Maßstab aller Dinge machen, die arm sind am eigen Ich. Das sind die Belehrbaren, die sich noch etwas raten lassen, weil sie wissen, daß sie nichts oder wenigstens nicht alles wissen. Das sind die Demütigen, die lieber bescheiden dienen als herrisch befehlen wollen. Das sind die Opferbereiten, die bereit sind zu verzichten und tapfer alles Widrige annehmen, was Gott in Seiner weisen Vorsehung schickt. Das sind jene, die ganz selbstvergessen ihre persönlichen Wünsche und Interessen zugunsten des Wohles eines anderen und zugunsten der Interessen Gottes zurückstellen.

Die primäre Aufgabe

Wenn wir zum Altarkreuz emporblicken, liebe Gläubige, so sehen wir das Urbild der Heiligkeit, nach dessen Ebenbild die Heiligen des Himmels geschaffen sind. Am Kreuz sehen wir den Armen. Arm an Habe und ohne Kleider. Arm an gesellschaftlicher Stellung und selbst von seinen Freunden verlassen. Geistig arm, losgelöst von sich selbst. Ganz hingegeben an den Willen des Vaters. Ganz hingeopfert für uns Sünder. Am Kreuz sehen wir das, was Jesus zu Beginn seines öffentlichen Lebens bei der Bergpredigt lehrte: „Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich.“

Die Forderung dieser ersten Seligkeit haben alle Heiligen, deren Fest wir heute feiern, verwirklicht. Sie sind geistig arm geworden. Sie haben ihr Herz ganz leer gemacht, damit sie umso mehr die Seligkeit des Himmelreiches zu fassen vermochten. Denn darin besteht ja die Verheißung dieser Seligkeit „… denn ihrer ist das Himmelreich.“ Und dasselbe, liebe Gläubige, müssen wir gerade die Bemühung um die Armut im Geiste als unsere allererste Aufgabe erkennen. Je ärmer wir in unserem Herzen werden, desto mehr Raum entsteht für das Reich Gottes.

Maria ist die Königin aller Heiligen. Flehen wir die makellose Jungfrau und Gottesmutter an, damit sie uns durch ihre Fürsprache die Gnade erwirke, wie sie den Besitz alles Geschaffenen um Gottes willen gering einschätzen, hingegen unser Begehren ganz auf Gott ausrichten zu können. Dann würden die Worte des weisen Jesus Sirach, mit den die Kirche ihre Heiligen das ganze Jahr hindurch preist, auch von uns gesagt werden können: „Selig der Mann, der ohne Makel erfunden ward, der dem Gold nicht nachjagte und nicht auf Geld und Reichtum seine Hoffnung setzte. Wunderbares hat er in seinem Leben vollbracht. Wer hierin erprobt und vollkommen erfunden ward, dem wird ewiger Ruhm zuteil“ (Sir. 31, 8 ff.). Amen.