Die Kunst der Gegenrede

Geliebte Gottes!

Da saßen die Jünger nun am Ufer des Sees Genesareth und wuschen ihr Netze. Die ganze Nacht hatten sie im Naßkalten des Galiläischen Meeres durchwacht; ja, geschuftet hatten sie und nichts gefangen. Welche Gedanken mögen den Apostel dabei wohl durch den Kopf gegangen sein? Man soll ja nicht immer von sich auf andere schließen, doch werden es gewiß keine freudigen Gedanken gewesen sein: vollkommen müde und genervt; emotional niedergeschlagen, enttäuscht und ausgelaugt. So geht es dem Menschen bei der Erfahrung der Vergeblichkeit seiner Bemühungen und Anstrengungen. Verdrießliche, mißmutige Gedanken steigen da in einer Seele für gewöhnlich auf. Schweigsam werden die Jünger dagesessen sein, als sie die Netze wuschen, jeder in seinen Gedanken. Und nun kommt am Morgen, dann auch noch der Herr. Aber nicht um ihnen Ruhe zu verschaffen, sie aufzumuntern oder ihnen ein wenig tröstend zuzureden. Nein, er muß die Boote haben, um erst einmal zu predigen. Doch nach alledem auch noch die Aufforderung: „Werft eure Netze zum Fange aus!“ (Lk. 5, 4). Jetzt! Am hellichten Tag! Zu der Zeit also, die für den Fischfang wohl am schlechtesten geeignet ist. Das mußte für die niedergeschlagenen Fischer wie Hohn und Spott wirken. Dabei war ihnen angesichts ihres Mißerfolges gewiß nur danach zumute, einfach nur in Ruhe gelassen zu werden. Sie mit ihren düsteren Gedanken.

Menschliche Vergeblichkeiten

Der Mensch hat in diesem Leben immer wieder unter Vergeblichkeiten zu leiden. Sie begleiten unser Leben. Vergeblich ist oft unser Denken und Planen. Oder wer hätte im Januar gedacht, daß sich die Dinge dank „Corona“ in diesem Sommer so verhalten, wie sie es tun? Was haben wir nicht schon alles eingeplant, und dann kam alles ganz anders? Vergeblich ist menschliches Schaffen und Bauen. Ein Wirbelsturm, ein Erdbeben vernichtet ganze Landschaften. Vergeblich ist oft das Mahnen und Warnen der Eltern. Die Kinder handeln ganz anders. Vergeblich mag einem der Kampf in einer langen, schweren Krankheit erscheinen. Kein Medikament schlägt an. Keine Therapie bringt die frühere Gesundheit zurück. Ja nicht einmal eine Linderung kann erzielt werden. Vergeblich scheint auch häufig die Arbeit des Seelsorgers. Ein Priester klagte einmal: „Es ist oft, als würfe man mit Erbsen gegen eine Wand werfen.“

In solchen Situationen steigen auch in unserer Seele Gedanken empor. Die Vergeblichkeit sucht nach einer Erklärung. Warum das alles? Warum ausgerechnet ich? Wie konnte das geschehen? – Oft, zu oft ist es die eigene Schuld, die einem da bewußt wird. Wir waren zu schwach, zu feig, zu bequem, zu ängstlich, zu stolz, zu eigensinnig. Wie oft haben wir etwas begonnen und nicht vollendet? Wie oft haben wir in einer Bewährungsprobe versagt? Wie oft haben wir bei anderen Hoffnungen erweckt und sie nicht erfüllt? Wie oft haben wir, um in der Sprache des Evangeliums zu reden, bauen wollen und den Grund gelegt, aber den Bau nicht vollenden können (vgl. Lk. 14, 30)? Freilich, nicht immer ist es die eigene Schuld. Es gibt auch schuldlose Tragik. – Es gibt auch den Zwiespalt zwischen Wollen und Unvermögen. Wir haben uns bemüht, wir haben uns eingesetzt, wir haben das Beste versucht, vielleicht die letzten Kräfte mobilisiert, aber es ist uns nicht gelungen. Es ist so: Das beste Wollen, die reinste Absicht, das edelste Beginnen wird oft zerschlagen, scheitert, geht zugrunde. Der Widerstand war zu groß, die Kräfte waren zu gering, die erwartete Hilfe blieb aus. Selbstvorwürfe, Ärger, Frust und sonstige niederdrückende Ideen kommen einem in den Sinn und beschäftigen unseren Geist. Unsere negativen Gedanken reden auf uns ein. Auch wenn wir das selbst oft gar nicht so genau wahrnehmen, geben wir auch Antwort. Wir reagieren auf diese Gedanken. Am ehesten nehmen wir es war, wenn wir uns dabei ertappen, wie wir im Alleinsein Selbstgespräche mit uns führen.

Falsche Antworten auf düstere Gedanken

Nun, was versuchen die Menschen auf die Vergeblichkeit ihres Wollens und Vollbringens zu antworten? Wie reagieren sie auf ihre verdrießlichen Gedanken? – Die einen ergreifen die Flucht. Sie suchen den Wachposten zu verlassen und zu entfliehen. Das Geschehene scheint sinnlos, das Leben ohne Wohlsein wertlos. Man kommt sich unnütz vor. Und so berichtet schon die Heilige Schrift wiederholt von Menschen, die das Leben satt hatten und „die Flucht“ ergreifen wollten. „Ich habe es aufgegeben. Ich will nicht mehr leben fürderhin“, heißt es im Buch Job. Der Prophet Jonas wünscht sich den Tod und sagt: „Es ist besser für mich zu sterben als zu leben.“ Und manche haben den Tod nicht nur gewünscht, sondern sie haben ihn gesucht. König Saul ließ sich nach der verlorenen Schlacht am Berg Gelboe von seinem eigenen Schildknappen töten, eine Art Selbstmord durch einen anderen (vgl. 1. Kg. 31, 4). Und ihm haben es viele nachgemacht. Judas Iskarioth ist wohl der Bekannteste unter ihnen (vgl. Mt. 27, 5). Es wird wenige Menschen geben, denen nicht schon einmal der Gedanke gekommen ist: Ach, wenn ich doch sterben könnte! Wenn ich doch endlich Ruhe fände! Es erübrigt sich natürlich darauf aufmerksam zu machen, daß es sich dabei um eine ganz und gar falsche Antwort auf die Vergeblichkeiten unseres Lebens handelt.

Eine andere Möglichkeit, auf die Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit zu reagieren, ist ebenfalls eine Flucht. Nicht gleich die Flucht aus dem Leben, sondern in eine Scheinrealität. Die Scheinrealität der Medien. Das Internet oder Computerspiele eröffnen Millionen Welten fern ab jeder Wirklichkeit. Auch eine gewisse Spielart des Traditionalismus ist eine solche Scheinwelt, insofern man ganz in „seiner kleinen Christenheit“ oder in „einer Christenheit im Kleinen“ aufgeht, die man sich selbständig und losgelöst von der „vom AIDS-Virus befallenen katholischen Kirche“ aufgebaut hat, „damit die Kirche fortbestehe“.

Aber die Scheinrealität kann man sich auch in seinem Innern basteln. Etwa durch den Optimismus. Man versucht sich in eine Stimmungslage zu versetzen, die so klingt: Ja, es wird schon wieder alles werden. Nur den Kopf nicht hängen lassen. Einmal trifft auch die das große Glück wieder. Man muß nur fest dran glauben, dann wird es sicher wieder besser. – Allerdings stellt sich die Frage: Welchen Grund hat man denn für diesen Optimismus? Und sind uns nicht Begebenheiten zu genüge bekannt, wo es eben nicht mehr besser wurde? Nein, sich auf Optimismus trimmen kann auch nicht die richtige Antwort auf unsere Hinfälligkeit sein. Der Optimismus ist künstlich und aufgesetzt, nicht realistisch.

Drittens gibt die Möglichkeit des Voluntarismus. Lateinisch „voluntas“ heißt, der Wille. „Du mußt nur wollen, wollen, und nochmals wollen und dann wird es gelingen.“ Der Mensch meint, er könne sich durchbeißen. Er läßt nicht locker. „Ich werde es schon schaffen – mit – meinem – Willen!“ Aber, liebe Gläubige, ist unser menschlicher Wille tatsächlich so stark, daß er das vermag? Nein, auch das Aufbäumen der eigenen Willenskräfte vermag die niederdrückenden Gedanken nicht nachhaltig zu vertreiben.

Nicht selten greifen Menschen dann zu einem vierten Lösungsansatz – zur Betäubung. Sie suchen den Rausch der Sinne, um die eigene innere Hohlheit und Tristesse mit dem Hochgefühl der „Highness“, dem Delirium, oder der „Happyness“, dem Spaß, auszufüllen, wegzuspülen oder sogar wortwörtlich darin zu ertränken. Gierig greift man nach dem Becher des Genusses, um zu trinken. Man sucht Lebenswasser, aber findet nur Abwasser. – Schon das christliche Gebot der Mäßigkeit verbietet die Annahme, daß es sich hierbei um einen gottwohlgefälligen Weg handelt, mit unserer Niedergeschlagenheit fertigzuwerden.

Manche meinen schließlich, mit einem gewissen theatralischen Heroismus oder mit stolzer Gleichgültigkeit ihr Leben wenden zu können. Ganz nach dem Motto: Seht, wie sehr ich leide, wie ungerecht mich das Leben behandelt, wie hart mich das Schicksal trifft. Aber ich gebe nicht auf. Ich trotze meinem Schicksal mittels meines heiligen „Dennoch“. Es gibt Menschen, die ihren Trost im bewundernden Mitleid der anderen suchen. – Doch ist diese Form des Heldenmutes wirklich echt? Ist das nicht in Wirklichkeit leerer Schaum; eitel und lächerlich? Alles soll sich um diesen scheiternden Menschen in seiner Vergeblichkeit drehen? – Nein! Unser Leben soll doch gelingen! Gott will doch, daß unser Leben nicht auf den Untergang, sondern auf das Glück hinauslaufe. Heroismus im Mißerfolg und Versagen anzusiedeln ist auch falsch. All diese Antworten auf trübsinnige, verdrießliche Gedanken helfen dem Menschen nicht, die Niedergeschlagenheit zu überwinden und ihn aus seiner unzufriedenen Lebensangst herauszuführen.

„Antirrhetikon“

Verdrießliche Gedanken sind so alt wie das gefallene Menschengeschlecht. So ist es nicht verwunderlich, daß man sich mit der Bewältigung negativer Gedanken lange vor der modernen Psychologie und Psychotherapie befaßt hat; etwa schon im frühen christlichen Mönchtum. Die Wüstenväter wußten, daß es unsere Gedanken sind, die den ganzen Menschen entweder von innen her beflügeln oder verderben können. Immer sind es ja Gedanken, die am Beginn stehen. Alle bösen Worte, Werke und Unterlassungen nehmen von Gedanken ihren Ausgang. Die frühen Mönche in der Wüste Ägyptens haben ihre Gedanken sehr genau beobachtet. Sie achteten besonders während er Handarbeit auf das, was ihnen dabei durch den Kopf ging. Was der Geist gleich einem Bergwerk so alles aus den Tiefen ihres Herzens zutage fördert: Angst oder Vertrauen; Liebe oder Aggression; Disziplin oder Disziplinlosigkeit; Frommes oder Unfrommes; Heiliges oder Weltliches. Sie wußten, daß der Mensch besonders bei Niedergeschlagenheit zu negativen Gedanken neigt. Deshalb entwickelten sie eine Methode – das „Antirrhetikon“; zu deutsch die „Gegenrede“, oder „Widerrede“. Sie achteten auf die in ihnen aufsteigenden schlechten Gedanken und legten Widerspruch ein, indem sie ihnen ein heiliges Wort entgegenhielten – meist ein kurzes Wort Christi oder einen Psalmvers. Nur einen Satz! Die Idee dahinter ist die, ein heiliges Wort in unsere negativen Gedanken hineinzutragen, um sie so auf die Gottesliebe und das Gottvertrauen hinzulenken. Das heilige Wort soll die kranken und krankmachenden Gedanken heilen und unschädlich machen; soll der Seele neuen Mut und neue Schwungkraft verleihen, sich wieder zu erheben. Immer wieder, wenn sich der schlechte Gedanke meldete, wiederholten sie ihre Gegenrede. Immer und immer wieder, gleich einem Stoßgebet, das man immer und immer wieder andächtig spricht, bis der böse Gedanke weicht. Auf diese Weise entstanden durch die Wüstenväter ganze Schriftsammlungen, die für den jeweils schlechten Gedanken eine passende Gegenrede festhielten. Beispiele: Den Gedanken des Hasses und der Abneigung entgegneten sie: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Lk. 10, 27). Den Gedanken der fleischlichen Begierlichkeit halte man entgegen: „Wißt ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott empfangen habt, und daß ihr nicht mehr euch selbst gehört?“ (1 Kor. 6, 19). Gegen Gedanken der Überheblichkeit und der Verachtung anderer Mitmenschen: „Jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk. 14,1 1). Gegen urteilende Gedanken, die zum Anlaß für üble Nachrede werden: „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ (Joh. 8, 7). „Mit dem Maß mit dem ihr meßt, wird euch gemessen werden“ (Lk. 6, 36). Oder schließlich gegen nachtragende Gedanken: „Wie oft sollen wir verzeihen, siebenmal am Tag? Ich sage euch, nicht siebenmal sondern siebzig Mal siebenmal“ (Mt. 18, 22).

Das Vorbild dieser Form der Gegenrede ist kein Geringerer als unser Herr Jesus Christus selbst. Nach Seinem vierzigtägigen Fasten nahte sich Ihm der Versucher in der Wüste, um Ihm Worte zuzuflüstern, die Ihn verleiten sollten. Und diesen negativen Worte des Satans, der sogar Worte aus der Heiligen Schrift verfälschte – setzte unser Herr jedes Mal ein heiliges Bibelwort entgegen. So wurden die Worte des Satans entmachtet und ihre giftige Wirkung neutralisiert. Und so hat uns der Herr ein Beispiel gegeben, wie wir mit schlechten Gedanken aller Art fertig werden sollen, auch mit den bitteren Gedanken, die sich aus unserem Versagen und aus unseren Mißerfolgen erheben.

„Auf Dein Wort hin will ich das Netz auswerfen.“

Eine solche Gegenrede auf die niederdrückenden Vergeblichkeiten und Niederlagen in unserem Leben liefert uns das heutige Evangelium gleich mit. Es ist der vertrauensvolle Ausruf des hl. Petrus: „Auf Dein Wort hin will ich das Netz auswerfen“ (Lk. 5, 5). Auf – Dein – Wort – hin! Darin liegt die Überwindung der Vergeblichkeit. Daß wir die Dinge nicht im eigenen Namen und gestützt auf unsere eigene Willenskraft, unsere eigenen Erwartungen und Ideen, sondern auf Sein Wort hin beginnen. Tag für Tag immer wieder neu. So, und nur so werden wir den Erfolg haben, den wir haben sollen. Und uns wird vielleicht auch das Auge geöffnet, wie so manches Scheitern, so manche Krankheit, so manche Vergeblichkeit doch gewaltige Segenskraft in sich getragen hat bzw. in sich trägt, daß wir trotz der Last des Kreuzes sagen können. „Es ist gut so. Ich nehme es an. Auf Dein Wort hin will ich es tragen.“ Jesus hat es den Jünger nicht erspart, die Netze noch einmal auszuwerfen. Aber weil sie es nun in Seinem Namen, und nicht im eigenen Namen getan haben, konnten sie das große, unfaßbare Wunder erleben. So sprechen auch wir in unsere menschlichen Vergeblichkeiten immer und immer wieder das Wort hinein: „Auf Dein Wort hin“! „Auf Dein Wort hin will ich das Netz auswerfen“ (Lk. 5, 5).

Stellen wir uns einmal in der Rückschau auf unsere Niederlagen, auf unser Versagen, auf unsere Vergeblichkeiten ehrlich die Frage: In wessen Namen habe ich damals die Netze ausgeworfen? Ist es nicht oft, allzuoft für uns selbst gewesen, in unserm Namen? Auf unser Wort hin? Wie vieles überhaupt habe ich bisher in Seinem Namen begonnen – und dann auch durchgestanden? Und deshalb die Vergeblichkeit und Niedergeschlagenheit darin.

Also weder ein falscher diesseitiger Optimismus: „Alles ist heiter, alles ist gut. Man muß nur fest dran glauben.“ Noch ein Voluntarismus: „Ich muß nur wollen, wollen und nochmal wollen.“ Auch nicht die Betäubung im Sinnenrausch, der dramatische Leidensheroismus: „Alle sollen es sehen, wie ich leide.“ Auch nicht die Flucht in eine Scheinwelt. Und auch nicht die Schuld für den Mißerfolg auf andere abwälzen stellen Lösungswege dar, um die Bitterkeit nachhaltig aus der Seele zu vertreiben. Vielmehr ist es allein die Hoffnung auf den, der es unendlich gut mit mir meint und der zugleich auch alle Macht hat, meine rechten Bemühungen zum Ziel zu führen. Wenn ich mich auf den verlasse, dann wird es tatsächlich gut werden. Nicht jede Vergeblichkeit wird uns genommen! Manche Schwierigkeiten dieses Lebens lösen sich auch bei den treuesten Dienern des Herrn erst dann, wenn sie in das jenseitige Jerusalem, in die himmlische Herrlichkeit einzigen werden. Einzig unser Blick auf unsere Scheitern wird sich ändern! Was Menschen vergeblich scheint, das ist ein Gewinn vor Gott. „Nichts Schweres, was ich trage, hinterläßt nur Narben, sondern bringt auch Früchte für die ewige Ernte.“ All dies schwingt sich zum allwissenden Gott empor, wenn wir immer wieder sprechen: „Auf Dein Wort! Auf Dein Wort hin will ich es erneut anpacken! „Auf Dein Wort hin will ich das Netz erneut auswerfen“ (Lk. 5, 5). Amen.