Vom Türklopfer Gottes

Geliebte Gottes!

Eine Frage, die wohl jeden gläubigen Katholiken immer wieder einmal umtreibt, ist die, warum Gott, der doch die unendliche Güte Selber ist, unsere Gebete oft so lange Zeit nicht erhört. Und das, obwohl uns durch den Propheten Isaias das genaue Gegenteil versichert ist: „Sofort auf die Stimme deines Rufens hin wird dir Gott antworten“ (Is. 30,19). Und auch im 9. Psalm verheißt der Heilige Geist: „Das Verlangen der Armen erhört der Herr.“ (Ps. 9,16).

Warum finden unsere Gebete so lange keine Erhörung?

Wenn diese Worte aus der Heiligen Schrift wahr sind – und daran kann es keinen Zweifel geben, sind es doch die Worte Gottes selbst –, warum zögert Er bei uns so lange mit der Erhörung?

Gewiß lassen sich viele Gründe dafür anführen. Vielleicht tut Er es, weil uns das, worum wir bitten, nicht zum Nutzen, sondern in Wirklichkeit zum Schaden für unser ewiges Heil gereichen würde. Vielleicht, weil wir durch unser Gebet nur zeitliche Güter erbitten: Erfolg, Geld, Abgesichertheit, Gesundheit, ein Leben, ohne das Kreuz tragen zu müssen, die besondere Zuneigung oder Liebe eines Menschen. Das sind alles nur natürliche Güter, die uns nicht zwangsläufig dazu dienen, die ewigen Güter zu erlangen; ja, oft sogar zu einem Hindernis werden. – Vielleicht bleibt uns die Erhörung aber auch deshalb lange verwehrt, weil wir nicht mit Vertrauen beten. – Vielleicht erweisen wir uns aber auch der göttlichen Erbarmungen als unwürdig, indem wir zwar mit vielen Worten und Gebeten bitten, aber diese vielen Worte ohne die Begleitung guter Werke bleiben. Man sagt, die Werke der Nächstenliebe, der Demut und der Geduld verleihen unseren Gebeten Flügel. Wie könnten also unsere Gebete, und wären sie noch so viele, zu Gott aufsteigen, wenn wir ihnen durch die Werke unseres Stolzes und unserer Selbstsucht täglich mehrmals die Flügel stutzen? Durch die Werke des Neids und der Mißgunst, durch argwöhnisches Urteilen und durch rechthaberische Selbstbehauptung, durch den Geiz und die Undankbarkeit, durch ehrabschneidende Reden oder gar handfeste Verleumdungen, durch unbeherrschten Zorn und launenhafte Empfindlichkeit, durch Trägheit im Guten usw. Da können wir freilich noch so viel beten, wenn wir am selben Tag mit Werken der Härte und Lieblosigkeit gegen den Nächsten unseren Gebeten die Federn wieder ausreißen.

Es gibt aber noch einen Grund, warum Gott uns bisweilen lange auf die Erhörung unserer Gebete warten läßt. Weil wir nämlich durch häufiges Gebet demütiger werden und unser ewiges Verdienst vermehren. Ja, Gott hat Wohlgefallen an unserem Bittgebet! Es ehrt Ihn, daß wir uns in unseren Nöten an Ihn wenden; daß wir von Ihm die Wendung zum Besseren erhoffen. Wenn aber schon ein einziges Bittgebet eine Verherrlichung Gottes darstellt, um wie viel mehr wird Gott Wohlgefallen an dem beharrlichen Gebet finden? Die Beharrlichkeit des Beters kann jedoch erst dann zutage treten, wenn er nicht sofort Erhörung findet, sondern oft bittet; ja, nicht nur oft, sondern über einen langen Zeitraum, kontinuierlich und mit Ausdauer, ohne das Vertrauen sinken zu lassen, ohne zu ermüden; auch wenn das Vertrauen des Beters angefochten wird, indem sich seine Situation trotz des Gebetes weiter verschärft; indem die Hindernisse nicht kleiner und weniger, sondern größer und zahlreicher werden; wenn er auch dann nicht aufhört zu beten, wenn die anderen schon längst die Segel gestrichen haben und sagen, es habe ja eh keinen Sinn, darum zu beten. Wenn sich ein Beter unter solchen Umständen als beharrlich erweist, dann wird er selbst währenddessen an Tugenden gewachsen sein und Gott durch sein unerschütterliches Vertrauen größte Ehre bereitet und sich so der Erhörung würdig erwiesen haben.

Gott will das beharrliche Gebet

Daß Gott will, daß wir oft und immer wieder, daß wir beharrlich und ohne Unterlaß beten sollen, ergibt sich klar aus den Worten unseres göttlichen Erlösers. So oft Christus vom Beten sprach, empfahl Er dabei die Beharrlichkeit im Gebet. „Bittet“, sagte Er, „und es wird euch gegeben werden. Suchet, und ihr werdet finden. Klopfet an, und es wird euch aufgetan werden.“ (Mt. 7,7). Gott befiehlt zu beten und verspricht zu gewähren, aber Er will, daß wir nicht gleichgültig, sondern mit Eifer und mit viel Geduld beten. Darum sagt Er nicht bloß: „Bittet!“, sondern auch: „Suchet!“ – Ein Mensch, der etwas sucht, wendet seine ganze Aufmerksamkeit dieser Tätigkeit zu. Es ist, als ob er an nichts anderes mehr dächte. – Wenn wir etwa den Schlüssel verloren haben, was machen wir dann? Wir denken nach: „Wo bin ich überall gewesen? Was habe ich alles getan?“ Und dann suchen wir an all diesen Orten genau, wo wir den Schlüssel vielleicht haben fallen lassen. Alles andere lassen wir in der Zwischenzeit liegen und stehen. Wir tun nur das eine: aufmerksam, konzentriert, nichts anderes im Sinn habend. Mit solchem Eifer müssen wir auch beten, wenn wir die Hilfe Gottes finden wollen. Darum sagte Christus nicht bloß: „Bittet!“, sondern auch: „Suchet!“ – Ja, Er fügte noch hinzu: „Klopfet an!“ Damit wollte Er sagen: „Wenn Ich dir auch nicht gleich die Tür öffne, so darfst du deswegen doch nicht aufgeben und davonlaufen, sondern du mußt warten. Und wenn du nicht gleich erlangst, was du wünschst, muß du fortfahren zu klopfen. Deshalb ist die Tür der Erhörung geschlossen, damit du klopfen mußt. Deshalb wirst du nicht gleich erhört, damit du öfter und inniger betest. Harre also vertrauens- und hoffnungsvoll im Gebet aus, und du wirst erhört werden.“

Was Jesus in Worten gelehrt hat, das hat Er auch in Seinen Gleichnissen deutlich veranschaulicht. Er erzählte einst von einem Mann, der mitten in der Nacht zu seinem schlafenden Freund ging. Er fand die Tür verschlossen und pochte so heftig daran, bis der Freund erwachte. Mit solch heiligem Ungestüm, sagte der Heiland, müssen wir auch zu Gott, unserem wahren Freund, gehen. Wir müssen Ihm bei Tag und Nacht gleichsam keine Ruhe lassen, ja, Ihm gleichsam so lästig werden, daß Er gerne nachgibt. Einen menschlichen Freund könnten wir vielleicht mit einer solchen Aufdringlichkeit beleidigen. Gott aber beleidigen wir damit nicht, sondern wir bereiten Ihm Ehre, weil die aufdringliche Beharrlichkeit unseres Gebetes ein Spiegel unseres Vertrauens und unserer Hoffnung auf Ihn ist. – Jener Freund im Gleichnis des Herrn wollte nicht gern sein Federbett verlassen. „Laß mich in Ruhe!“, ließ er dem Bittsteller ausrichten, „Die Tür ist verschlossen, und meine Kinder sind bei mir in der Kammer; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben.“ (Lk. 11,7). Der Bittende mußte unnachgiebig weiter klopfen, so daß der Freund und sein Haushalt kein Auge zumachen konnten und endlich einsehen mußten, es gebe nur ein Mittel, um Ruhe zu bekommen, nämlich aufzustehen und die Bitten zu erfüllen. Der Heiland sagt: „Wenn der andere auch nicht darum aufsteht und ihm gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, was er nötig hat.“ (ebd.). So erhört auch Gott das beharrliche Gebet, nur daß Ihm diese Beharrlichkeit nicht lästig, sondern überaus angenehm ist. Wollen wir also, daß uns von Gott geöffnet und gegeben wird, so müssen wir bei Ihm nicht bloß mit Vertrauen anklopfen, sondern auch mit Beharrlichkeit; immer und immer wieder.

Ein anderes Mal redete Christus im Gleichnis von einem Richter; nicht von einem gerechten, sondern von einem ungerechten Richter (vgl. Lk. 18,1-8). Zu diesem kam eine Witwe und bat ihn, ihr in einer Angelegenheit Recht zu verschaffen. Da aber dem Richter aus der gerechten Tat, dieser armen Frau zu ihrem Recht zu verhelfen, kein Vorteil erwachsen würde, wollte er sich nicht darauf einlassen und wies sie ab. Die Witwe aber kam immer wieder, so daß sich schließlich der Richter nicht mehr anders zu helfen wußte, als daß er die Sache in die Hand nahm und der Witwe endlich zu ihrem Recht verhalf. – Auch mit diesem Richter vergleicht sich der Heiland und sagt gleichsam: „Wenn schon ein so hartherziger Mensch, der weder auf Gott noch auf die Gerechtigkeit Rücksicht zu nehmen pflegt, schließlich wegen des ungestümen Bittens weich wurde, um wieviel mehr wird Gott uns beistehen, der nicht nur unendlich gerecht ist, sondern auch von Seiner Natur aus dazu geneigt ist, uns alles Gute zu geben und unsere Bitten zu erhören, wenn wir sie Ihm beharrlich vortragen, wenn wir immer wieder mit unseren Bitten zu Ihm kommen.“

Auch das Buch der Psalmen lehrt uns das beharrliche Gebet. Im 129. Psalm hebt der Sänger an: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir!“ (Ps. 129,1). Rufen, schreien, sagt er, nicht bloß bitten. Warum das? Wer bittet, der redet bloß. Wer aber glaubt, er sei nicht gehört worden, der ruft und schreit, und so wird er erhört. – „Herr, erhöre mein Gebet!“, sagt der Psalmist im 101. Psalm, aber er fügt gleich hinzu: „Und laß mein Rufen zu Dir kommen!“ (Ps. 101,2). „Ich bete nicht bloß einmal; nein, ich verharre im Gebet. Ich rufe und schreie, wo mein Reden nicht geholfen hat.“

Das beste Beispiel für das beharrliche Gebet gab uns unser göttlicher Erlöser jedoch selber – im Ölgarten. Da rief Er zum Vater: „Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an Mir vorüber. Doch nicht, wie Ich will, sondern wie Du willst.“ (Mt. 26,39). Das war sein Gebet. Sprach Er so nur einmal? Nein, die Heilige Schrift sagt, daß Er diese Worte wieder und wieder sprach. Dreimal „ging Er hin und betete in den nämlichen Worten“. (Mt. 26,44). Ja, wußte etwa die ewige Weisheit Seinem himmlischen Vater in dieser großen Stunde, da Er im Begriffe stand, Sein Erlösungsopfer darzubringen, nichts anderes zu sagen? Warum spricht Er denn stets dasselbe? Damit es auch bei uns keinen Mißmut hervorrufe, wenn man uns auffordert, immer und immer wieder mit denselben Worten zu beten, denn nichts klingt angenehmer in Gottes Ohren als das oft wiederholte Gebet. Der Herr wollte uns ein Beispiel geben, wie auch wir es machen sollen, wie auch wir Geduld haben sollen, wenn wir nicht gleich Erhörung finden. Darum betete er während Seiner dreistündigen Nachtwache immer wieder das gleiche Gebet, ehe Ihm der tröstende Engel erschien.

Die Macht des beharrlichen Rosenkranzgebetes

Was nun vom Gebet ganz allgemein gilt, das gilt ganz besonders für den Rosenkranz, in dem die schönsten und erhabensten Gebete beständig wiederholt werden. Er enthält zuallererst das Vaterunser; also das einzige Gebet, das uns der Heiland Selbst gelehrt hat. Das Vaterunser ist aber so inhaltsreich, daß all unsere Bedürfnisse darin ausgesprochen sind und daß man es kaum jemals so andächtig beten kann, daß man die ganze in ihm liegende Schönheit und Gedankentiefe voll ausschöpfen könnte. Man muß es einfach wieder und wieder beten. Gleiches gilt auch für das Ave Maria. Es setzt sich zusammen aus den Worten des hl. Erzengels, der hl. Elisabeth und der hl. Kirche. Es ist so schön wie eine Rose, wenn es einmal gesprochen wird. Es entfaltet aber seine ganze Schönheit und Pracht, wenn wir einen ganzen Kranz von diesem Gebet der Gottesmutter darbringen. Und in Verbindung mit dem Vaterunser entfaltet der Kranz aus zehn Ave Maria seine ganze durchschlagende Kraft. – Der Rosenkranz ist gleichsam der Türring, der Türklopfer am Tor des Himmels, durch den wir unablässig anklopfen; wieder und wieder; mit denselben Worten. Wenn wir ihn mit heiligem Eifer gebrauchen, vermag er sogar zu einem Rammbock zu werden, der uns selbst in den schwierigsten, verwickeltsten, ja sogar nach menschlichen Maßstäben aussichtslosesten Angelegenheiten Erhörung verschaffen und eine Wendung zum Guten erreichen kann.

Im 12. Jahrhundert breitete sich eine gefährliche Irrlehre aus, die mit Feuer und Schwert verbreitet wurde und besonders der Verehrung der Gottesmutter gegenüber feindlich eingestellt war. Es war die Irrlehre der Katharer. Papst Innozenz III. sandte den hl. Dominikus nach Südfrankreich, wo die Bewegung um die Hochburg Albi in der Gegend von Toulouse auf ihrem Höhepunkt stand, weshalb die Katharer dort auch Albigenser genannt wurden. Der Heilige betete und fastete. Er predigte dem verführten Volk unter den größten Gefahren gegen diese Irrlehre und versuchte, die Häretiker wieder für den katholischen Glauben zu gewinnen. Er hatte aber anfänglich sehr wenig Erfolg. Seine Bemühungen brachten ihm nur Beleidigungen, Drohungen und Steinwürfe ein. Schließlich meinte er sogar, er könne rein gar nichts erreichen und müsse alle Hoffnung aufgeben. Er wußte sich darum nicht anders zu helfen, als daß er sich mit den innigsten Gebeten an Maria wandte und sie um ihren Beistand anflehte, wurde doch von dieser doketischen Irrlehre gerade auch ihre Würde als Gottesmutter in schamloser Weise angegriffen. Eines Tages erschien ihm die Gottesmutter und trug dem hl. Dominikus auf, künftig vom Gebet des Rosenkranzes zu predigen und diese Andacht zu verbreiten. Fünfzehnmal sollte man je zehn Ave Maria und dazwischen jedes Mal das Vaterunser beten und bei den einzelnen Gesetzen die Geheimnisse unserer Erlösung betrachten und erwägen. Der Heilige tat es, und von dem Tag an, da er beharrlich die Gesetze des Rosenkranzes betete und diese Andacht verbreitete, vermochten auch die Worte seiner Predigt die Herzen seiner Zuhörer zu erreichen und sein vorbildliches Leben die Irrgläubigen zur Umkehr zu bewegen. Die Bewegung der Albigenser verlor immer mehr ihre Anhänger und verschwand schließlich vollständig.

Schon oft in der Geschichte hat Maria bewiesen, daß sie bei Gott alles zu erreichen vermag, insbesondere für diejenigen, die sie im Rosenkranz mit großer Beharrlichkeit anrufen und von dem Gebrauch dieses Türklopfers am himmlischen Portal nicht ablassen, bis ihnen aufgetan und ihrem Anliegen Erhörung zuteil wird.

Zu den Siegen des beharrlichen Rosenkranzgebetes wird mit Recht der Seesieg bei Lepanto gezählt, den der hl. Papst Pius V. und, von ihm ermutigt, die katholischen Fürsten am 7. Oktober 1571 über die übermächtige Flotte der Türken errungen hatten. Zum Dank für diesen Gnadenerweis führte dieser heilige Papst das „Fest Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz“ ein und legte es auf den 7. Oktober.

Der glänzende Sieg, der von Kaiser Karl VI. und Prinz Eugen von Savoyen in Ungarn auf dem Schlachtfeld von Peterwardein über ein gewaltiges Heer der Osmanen errungen werden konnte, erfolgte am 5. August 1716; gerade an dem Tag, an dem in Rom das Fest Maria Schnee, also das Kirchweihfest der Basilika Santa Maria Maggiore, begangen wurde. Parallel zur Schlacht hielten die Mitglieder der Rosenkranzbruderschaften in Rom unter gewaltiger Beteiligung des Volkes mit großem Vertrauen eine öffentliche Bittandacht. Und Gott erhörte das demütige und beharrliche Rufen zur jungfräulichen Gottesmutter und lenkte das Geschick auf dem Schlachtfeld zugunsten des christlichen Heeres. Zwei Wochen später, gegen Ende der Oktav von Mariä Himmelfahrt, gelang es auf wundersame Weise, die Belagerung der Insel Korfu zu brechen. Am 20. August 1716 leiteten die osmanischen Truppen ihren Rückzug ein. Im darauffolgenden Oktober, dem Rosenkranzmonat, gelang die Eroberung von Temeswar, wodurch der letzte Teil des ungarischen Königreiches von der Herrschaft der Türken befreit wurde. Schließlich wurde der Sieg über die Bedrohung durch den Islam vollendet durch die Eroberung der Festung Belgrad am Tag nach Mariä Himmelfahrt des folgenden Jahres. Papst Clemens XI. sah dies und schrieb den siegreichen Feldzug dem Schutz der allerseligsten Jungfrau und dem beharrlichen Rosenkranzgebet zu, weshalb er den Rang des Rosenkranzfestes erhöhte und die Festfeier auf die ganze Kirche ausdehnte.

Noch mächtiger aber als gegen die irdischen Feinde zeigt sich Maria, wenn sie eifrig gegrüßt wird, gegen die Feinde unseres Seelenheiles. Thomas von Kempen, der berühmte Verfasser des Büchleins von der „Nachfolge Christi“, sagt, Maria bezwinge die Teufel, so daß sie keinen zu belästigen wagen, der sich der Andacht zu ihr hingibt. Wie wenn die bösen Geister durch einen Blitz vom Himmel getroffen würden, so brechen sie bei der vertrauensvollen und beharrlichen Nennung des Namens Maria zusammen, und je öfter das Ave Maria ausgesprochen und je verlangender Maria angerufen wird, desto schneller und desto weiter werden die Dämonen vertrieben. (vgl. Thom. Kemp. p. 3 ser. 3). Wie viele wären schon unglücklich gestorben, wenn sie nicht den Rosenkranz gebetet hätten! Wie viele wären ewig zugrunde gegangen, wenn sie aufgehört hätten, Maria anzurufen! Wenn also der hl. Apostel Jakobus in seinem Brief schreibt: „Vieles vermag das beharrliche Gebet des Gerechten“ (Jak. 5,16), so gelten diese Worte ganz besonders vom beharrlichen Beten des Rosenkranzes. Es ist wahr, was die Heiligen sagen: Man grüßt Maria mit diesem Gebet niemals, ohne von ihr zurückgegrüßt zu werden; durch das Geschenk einer neuen Gnade. Den Sündern vermittelt sie so die Bekehrung und den Gerechten erlangt sie durch das Rosenkranzgebet die Fülle der Gnaden.

„Betet täglich den Rosenkranz!“

Diejenigen, denen das zu simpel erscheint, seien an den syrischen Fürsten Naaman erinnert. Naaman war ein hochangesehener, mächtiger Feldherr und ein erfolgreicher militärischer Stratege, der bei seinem König in allerhöchster Gunst stand. Doch er hatte ein schweres persönliches Schicksal zu tragen: Er war aussätzig. Er litt an der Lepra. Ein jüdisches Mädchen diente damals in seinem Haushalt als Sklavin und wies ihn eines Tages auf den Propheten Elisäus hin. Da zog Naaman mit königlichem Sendschreiben und wertvollen Geschenken nach Samaria. Der Prophet empfing ihn jedoch nicht, sondern ließ ihm lediglich nur ausrichten: „Wasche dich siebenmal im Jordan, dann wirst du gereinigt werden von deinem Aussatz.“ (4. Kön. 5,10). Das beleidigte den Stolz des großen Feldherrn. Er beklagte sich: „Ich dachte, er [der Prophet] würde selbst zu mir herauskommen, sich vor mich hinstellen, den Namen des Herrn, seines Gottes, anrufen, mit seiner Hand die kranke Stelle berühren und mich so von meinem Aussatz befreien!“ Und zornig fügte er hinzu: „Sind nicht der Abana und der Pharphar, die Flüsse von Damaskus, besser als alle Gewässer in Israel?“ (4. Kön. 5,11 f.). „Wir haben sogar Heilquellen und Bäder, und da soll ich mich wie ein armer Mann zum Jordan hinab begeben und mich in der Brühe waschen, wie eine Wäscherin ihre Tücher darin ausreibt.“ Er war schon im Begriffe, sich wutentbrannt umzuwenden, da trat ein verständiger Diener an ihn heran und sagte: „Hätte dir der Prophet etwas Großes aufgetragen, so hättest du es tun müssen. Um wieviel mehr, da er nur zu dir gesagt hat: ‚Bade dich, so wirst du rein werden!‘“ (4. Kön. 5,13). Das leuchtete dem stolzen Naaman schließlich ein. Er befolgte die Weisung des Propheten Elisäus, badete sich im Jordan siebenmal und, so heißt es in der Heiligen Schrift, „sein Fleisch wurde wiederhergestellt, als wäre es das Fleisch eines kleinen Knaben, und er wurde rein.“ (4. Kön. 5,14).

Ähnliches gilt auch für uns. Wenn uns Maria etwas Schweres aufgetragen hätte, z. B. alle unsere Güter als Almosen zu verteilen, viele Nächte im Gebet zu durchwachen, das Fasten über die Quadragesima hinaus streng zu beobachten usw. – wir müßten es tun. Um wieviel mehr aber müssen wir etwas so vergleichsweise Kleines tun, was sie uns bei ihren Erscheinungen in Lourdes vorgelebt und was sie uns bei allen sechs Erscheinungen in Fatima aufgetragen hat: „Betet täglich den Rosenkranz!“ – Und umgekehrt: Wie könnten wir uns berechtigterweise als Verehrer der Gottesmutter bezeichnen dürfen, wenn uns etwas vergleichsweise so Geringes wie das tägliche Rosenkranzgebet, das Maria von uns begehrt, schon zu viel wäre?

Greifen wir also täglich zu unserem Rosenkranz. Er ist der Türring an der Himmelspforte. Klopfen wir mit Eifer. D. h. mit solcher Aufmerksamkeit, als gäbe es nichts anderes auf der Welt. Klopfen wir beharrlich! D. h. ohne das Vertrauen sinken zu lassen. Auch über den Oktobermonat hinaus! Wenn wir den Rosenkranz andächtig und beharrlich beten, dann werden die Verheißungen des Heilandes ganz besonders auch durch unseren Rosenkranz Wirklichkeit werden: „Bittet und es wird euch gegeben werden. Suchet, und ihr werdet finden. Klopfet an, und es wird euch aufgetan werden.“ Amen.

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