Weißer Sonntag
Vom Unglauben und Glauben des hl. Thomas
Geliebte Gottes!
Im Zentrum des Evangeliums von „Weißen Sonntag“ steht ein Ereignis aus dem Leben des hl. Apostels Thomas, das peinlich und beglückend zugleich ist. Von vorneherein müssen wir bedenken, daß die heilige Schrift für keinen Menschen ein Denkmal setzen will; weder ein Ehrenmal und schon gar kein Schandmal. Vielmehr ist stets das Wort des Völkerapostels im Hinterkopf zu behalten: „Was geschrieben steht, ist zu unserer Belehrung geschrieben.“ (Röm. 15,4). Da man am konkreten Menschen und an wirklich stattgefundenen Begebenheiten mehr lernen kann als an abstrakten Lehrsätzen, schildert die Heilige Schrift mitunter Menschen mit ihrem Versagen, mit ihrer Sünde, aber auch mit ihrer Gnade.
Wie wir schon am Ostersonntag kurz bemerkten, gestehen die Kirchenväter ein, daß der Glaube des hl. Apostels Thomas ohne seinen Unglauben für uns bei weitem weniger nützlich gewesen wäre, daß uns aber sein Unglaube ohne seinen Glauben durch und durch schädlich geworden wäre; daß aber sein Unglaube, auf welchen sein Glaube folgte, oder vielmehr sein Glaube, dem sein Unglaube vorausging, für uns eine Quelle der Gnade ist, weil der Glaube des hl. Thomas, welcher den Zweifel des Unglaubens überwunden hat, die Wunde des Zweifels aus unserer Seele hinweg nimmt.
Wer war also dieser Apostel, dessen heilsamer Unglaube sprichwörtlich geworden ist? Denn alle Welt redet vom „ungläubigen Thomas“, wenn sie einen Zweifler auf seine unberechtigten Bedenken aufmerksam machen will. Als ob das ganze Wesen dieses Apostels nur in dieser Sünde läge.
Zu seiner Entschuldigung muß man sagen, daß die Skepsis und der Unglaube des hl. Thomas nichts mit jener ebenso hochmütigen wie dummen Arroganz und Borniertheit gemein haben, die Gott und die göttlichen Geheimnisse vor den lächerlichen Richterstuhl der eigenen armseligen Vernunft ziehen möchte. Der Unglaube des hl. Thomas ist aus Schmerz geboren und konnte deshalb durch das Erbarmen Christi in Segen gewandelt werden.
Der Zwilling
Der hl. Evangelist Johannes gab dem hl. Thomas an zwei Stellen den griechischen Beinamen „Didymus“, was wörtlich so viel heißt wie „der Zweifache“ und in weiterer Bedeutung allgemein mit „der Zwilling“ übersetzt wird. Dieser Beiname machte den hl. Thomas manchen weniger bewanderten Schriftauslegern suspekt. Man hat versucht, diesen Ausdruck im Sinne einer Charakterisierung aufzufassen, um dem Apostel ein unbeständiges Wesen, ja sogar Zwiespältigkeit, bis hin zur Schizophrenie, unterzuschieben. Eine unberechtigte Deutung.
Ebenso falsch ist die Auslegung, der Beiname besage, daß der hl. Thomas Teil eines Zwillingspaares gewesen sei. Ein Erklärungsversuch, der sich durch die Ausschmückung überhitzter Geister stark verselbständigte. Die einen behaupteten eilfertig, sein Zwillingsbruder habe Eleazar geheißen, andere sprachen von einer Zwillingsschwester namens Lysia. Wieder andere behaupteten: Nein, der hl. Thomas habe dem Heiland zum Verwechseln ähnlich gesehen, so daß er oft für Christus und Christus für Thomas gehalten worden sei. In den unechten Thomasakten trieben die Ranken der Legendenbildung schließlich ihre absonderlichste Blüte, indem der hl. Thomas kurzerhand zum Zwillingsbruder des Heilandes erklärt wurde.
In Wirklichkeit verhält es sich viel einfacher. Der hl. Johannes wollte den griechischen Lesern seines Evangeliums mit der Erwähnung des Beinamens nur die Erklärung des aramäischen Namens Thomas geben, wie er es auch mit anderen Namen getan hat. Der Name „Thomas“ bedeutet auf Griechisch schlicht und ergreifend „Didymus“, was wiederum auf Deutsch „Zwilling“ heißt. Genaugenommen handelt es sich also nicht um einen „Beinamen“, sondern um die Wortbedeutung des Namens Thomas.
Alle vier Evangelien und auch die Apostelgeschichte lassen uns über Herkunft, Eltern, Vorleben und Berufung des hl. Apostels Thomas ganz im Ungewissen Sein Name erscheint erstmals völlig unvermittelt in der Aufzählung der zwölf vom Heiland erwählten Jünger bei der Apostelwahl. Einer Andeutung des Evangeliums zufolge war der hl. Thomas jedoch Fischer (vgl. Joh. 21,11 ff.), wohl nicht Fischereibesitzer wie die hll. Brüderpaare Petrus und Andreas und die Zebedäussöhne, sondern eher Handlanger. Diese Vermutung stimmt mit älteren Berichten überein, die den hl. Thomas von armen, geringen Eltern aus dem Stamme Juda oder Issachar abstammen lassen.
Vielleicht geht die gehemmte, unsichere, bedrückte Art des Apostels auf solch enge, dürftige Verhältnisse zurück. Denn eines ist gewiß: Der hl. Thomas erscheint im Evangelium als typischer Melancholiker.
Der Melancholiker
Der hl. Evangelist Johannes berichtet an drei Stellen wenige, aber wesentliche Worte; es gibt ja Worte, die zwar kurz und nebensächlich erscheinen und doch das ganze Wesen eines Menschen aufblitzen lassen. Beim hl. Thomas ist es seine ausgeprägte Schwermut. Diese machte ihn vermutlich auch unter den Aposteln irgendwie einsam und verloren. Wenn er sich, wie es die Melancholiker zu ihrem eigenen Leidwesen zu tun lieben, mit anderen verglich, kam er sich als der Letzte und Minderwertigste vor. Hatten nicht alle anderen Apostel Vorränge und Vorzüge, die er nicht besaß? Der hl. Petrus war der erste hinsichtlich der Autorität. Der hl. Johannes, der Erste in der Liebe; der „Lieblingsjünger“, der die vertrauteste Freundschaft mit dem Heiland pflegte. Andreas und Jakobus konnten sich in den Auszeichnungen ihrer jüngeren Brüder sonnen. Philippus hatte seinen fröhlichen Freund Bartholomäus, und Bartholomäus hatte seinen Philippus. Matthäus war als ehemaliger Zöllner ein erfahrener und gesellschaftlich bestens vernetzter Mann. Der jüngere Jakobus, Thaddäus und Simon waren Verwandte Jesu. Und Judas Iskarioth genoß immerhin soviel Vertrauen, daß er die Kasse führen durfte. Thomas allein steht ohne Titel und ohne engen Freund, ohne besondere Aufgabe im Kreis der Zwölf. Er ist scheinbar der Einsame, der letzte von allen. Dreimal wird der hl. Thomas im Johannesevangelium als ein Mann geschildert, der die Schattenseite der Dinge sieht, mochte es sich um Gegenwärtiges oder Zukünftiges handeln.
a) „Laßt uns mitgehen und mit Ihm sterben!“
Erstmals tritt der hl. Thomas vor der Erweckung des Lazarus auf; wenige Wochen vor dem Leiden des Herrn (vgl. Joh. 11). Jesus hatte sich mit den Aposteln aus dem Einflußbereich Seiner Feinde, die Ihm schon nach dem Leben trachteten, und aus deren Machtzentrum in Jerusalem weg in die Landschaft Peräa, jenseits des Jordan, zurückgezogen. Dort erreichte sie ein Eilbote, den die bekümmerten Schwestern Martha und Maria von Bethanien droben am Ölberg gesandt hatten. Die Nachricht besagte, daß Lazarus schwer erkrankt sei. Erst nach zwei Tagen sprach Jesus zu Seinen Jüngern: „Laßt uns wieder nach Judäa ziehen!“ Bestürzt und tief erschrocken entgegneten Ihm die Jünger: „Meister, eben noch wollten Dich die Juden steinigen, und Du willst wieder dorthin gehen?“ Doch der Heiland bestand auf den gefährlichen Gang, der Ihn dem Tode entgegenführen mußte. Und nun war es der hl. Thomas, der traurig und gleichzeitig treu seinen Mitaposteln zuruft: „Laßt uns mitgehen und mit Ihm sterben!“ Ein Wort voll Schwermut, aber auch voll Liebe.
Er, der Melancholiker, hatte sich ja bereits das Schlimmste und äußerste Übel ausgemalt. Er redete sich keine tröstlichen Lügen ein, noch ließ er sich wie die anderen täuschen, nicht einmal von Palmen und Hosanna. Ganz anders hatte der hl. Petrus nach der ersten Leidensankündigung das Übel schönzureden oder abzuwenden versucht: „Das sei ferne, Herr! Das soll Dir nicht widerfahren!“ (Mt. 16,22).
Der hl. Thomas hingegen sah das Schwarze, das Schwärzeste kommen. Wenn der Herr entgegen allen Mahnungen der Jünger in den Untergang hineinschreiten will, dann soll Er dabei wenigstens nicht allein sein. Laßt uns – uns alle – mitgehen und mitsterben!
b) „Wir wissen nicht, wohin Du gehst!“
Ein ähnlich schwermütiges Wort hat der Evangelist von Thomas aus dem Abendmahlsaal aufgezeichnet. In Seinen Abschiedsreden versuchte der Heiland, den Aposteln mit tröstenden Worten über den Schmerz der bevorstehenden Trennung hinwegzuhelfen. Der erste Trost, den Jesus ihnen bot, war das Wiedersehen in Seiner Herrlichkeit beim Vater. „Im Hause Meines Vaters sind viele Wohnungen. Ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten. Wenn Ich dann hingegangen bin und euch eine Stätte bereitet habe, so komme Ich wieder und werde euch zu Mir holen, damit auch ihr seid, wo Ich bin.“ (Joh. 14,1–6). Und fast nebenbei fügte Er noch hinzu: „Wohin Ich gehe, wißt ihr und auch den Weg.“
Keiner von allen Anwesenden im Saal entgegnete ein Wort darauf. Einzig der hl. Thomas gestand erschütternd hilflos: „Herr, wir wissen nicht, wohin Du gehst, wie können wir da den Weg wissen.“ Er sagte mit Recht „wir“. Denn den anderen fehlte lediglich der Mut, ihre innere Unsicherheit vor Jesus und allen anderen Aposteln offen an den Tag zu legen. Der hl. Thomas, der an den Tiefen der Dinge schmerzlicher als alle litt, hielt seine Frage nicht zurück. Er legte seine zerrissene Seele ehrlich vor dem Herrn offen. Und Jesus gab, angesichts der Offenheit des Thomas, voll Mitleid mit der inneren Qual Seines Apostels, ein Wort, das zu den erhabensten des ganzen Evangeliums gehört und dem Grübler Thomas einen lichten Blick in die dunklen Abgründe des dreifaltigen Gottes tun läßt: „Jesus antwortete ihm: ‚Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als durch Mich. Wenn ihr Mich erkannt hättet, so würdet ihr auch Meinen Vater kennen. Von nun an kennt ihr Ihn, ihr habt Ihn ja gesehen.‘“ Diesen prächtigen Ausblick auf unsere ewige Heimat im Vater durch den Sohn und auf den heiligen Weg dorthin, welcher Christus Selber ist, verdanken wir der Qual und der Frage des hl. Thomas.
c) „Thomas war nicht bei ihnen, als Jesus kam.“
Aber noch ein drittes Mal hat der hl. Thomas noch viel schmerzlicher gelitten – mitten im Jubel des Alleluja der ersten Osterwoche. Thomas hatte den Karfreitag vorausgesehen, unerbittlich klar wie kein anderer Apostel, außer vielleicht Judas Iskarioth. Aber Thomas hoffte im tiefsten Kämmerlein seines Herzens, daß der Herr das Schwere doch irgendwie meistern und das Schlimmste abwenden werde. Als jedoch das Leiden des Heilandes unaufhaltsam wie eine Naturkatastrophe seinen Lauf nahm – Gefangennahme, Geißelung, Dornenkrönung, Verurteilung, Kreuzigung, Tod –, da wurde der hl. Thomas von der Wucht der Wirklichkeit erschlagen. Das war für ihn zu viel gewesen. Von diesem Schlage stand er nicht mehr auf.
Auch die anderen Apostel hatte der Karfreitag zutiefst erschüttert. Wie wir letzten Sonntag gesehen hatten, gibt der modernistische Unglaube zwar vor, sie hätten in heimlicher Hoffnung der Auferstehung entgegengefiebert und schließlich die rein innerliche Überzeugung davon in sich selbst geschaffen, ohne daß dieser Überzeugung äußere Tatsachen entsprochen hätten. Die Berichte der Evangelien zeigen stattdessen, daß die Apostel nicht einmal eine Vorstellung, noch weniger eine Hoffnung auf eine Auferstehung hatten. Nicht Träumen, sondern einzig den nüchternen Tatsachen hatten sie sich endlich ergeben. Als ihnen am Morgen des Ostersonntags Maria Magdalena die erste Osterbotschaft zurief, traf sie „trauernde und weinende Gefährten. Als sie hörten, Er lebe und sei ihr erschienen, glaubten sie es nicht.“ (Mk. 16,10). Gereizt und traurig waren auch die Jünger, die nach Emmaus hinauszogen. Ja, als der Heiland Selber am Osterabend wie die Morgensonne in den Saal eintrat, auch dann noch „glaubten sie vor Angst und Schrecken einen Geist zu sehen. Da sagte Er zu ihnen: ‚Warum seid ihr so bestürzt, und weshalb steigen Bedenken in euren Herzen auf?‘“ In jener Stunde der ersten Begegnung mit allen hatte der Herr von Sich aus den handgreiflichen Beweis gewährt, den später auch der hl. Thomas begehren würde: „Seht Meine Hände und Meine Füße! Ich Selbst bin es. Betastet Mich und seht! Ein Geist hat doch nicht Fleisch und Bein, wie ihr an Mir seht.“ Erst jetzt drangen in die verfinsterten Seelen dieser niedergeschlagenen Männer langsam die Strahlen der Ostersonne hinein. „Vor Freude konnten sie immer noch nicht glauben, sondern nur staunen“, bis „Er vor ihren Augen aß“. (Lk. 24,41 ff.).
Wie ein Verhängnis war es aber nun, daß Thomas, gerade Thomas, der dringender als alle anderen dieses tröstliche Osterlicht nötig gehabt hätte, jene erste Erscheinung des Auferstandenen vor den Aposteln nicht miterlebte. Manchmal verpaßt ein Mensch viel, wenn er eine bestimmte Begegnung verpaßt.
Erst wenn wir uns diese Vorgeschichte vergegenwärtigen und mitberücksichtigen, können wir die ganze Tragik erschließen, die in dem nüchternen Satz des hl. Johannes enthalten ist: „Thomas war nicht bei ihnen, als Jesus kam.“ (Joh. 20,24).
Der Ungläubige
Warum aber war Thomas nicht dabei, als Jesus kam? Etwa nur aus Zufall? Der hl. Evangelist Johannes verschweigt wohl schonungsvoll, daß der arme, verwirrte, verbitterte Mitbruder daran war, aus ihrem Kreis auszutreten. Zu grausam war seine Hoffnung zerfetzt und sein Vertrauen betrogen worden. Was hatte er noch im Kreis von Mitbetrogenen zu suchen?
Als ihm die anderen Apostel brüderlich und froh das Alleluja in seine gefährliche Einsamkeit übermitteln – „Wir haben den Herrn gesehen!“ „Der Herr ist wahrhaft auferstanden!“ – bleibt Thomas bitter. Er ist nicht aufgelegt, dem Hörensagen ihrer Botschaft zu glauben. Nach der Erfahrung des Karfreitags hatte er sich gründlich vorgenommen, nie mehr wieder hereinzufallen. „Und außerdem“, so konnte Thomas finster brüten, „wenn der Herr wirklich auferstanden ist, warum erscheint Er allen andern, nur mir nicht? Bin ich nicht so viel wie die anderen wert? Gewiß, der letzte der Apostel, ja, aber doch immerhin einer von den Zwölfen?“ Liegt dem Herrn nicht mehr an Thomas, wozu dann glauben? Und so kam der Arme vom Hundertsten ins Tausendste und verstrickte sich immer ärger in Zweifel, Groll und Bitterkeit.
Eines nur will er gelten lassen: „Wenn ich an Seinen Händen nicht das Mal der Nägel sehe“ – aber schon hält er inne; „sehen“ allein ist nicht zuverlässig, sehen kann täuschen –, „wenn ich meinen Finger nicht in die Stelle der Nägel und meine Hand in Seine Seite legen kann, so glaube ich nicht.“
Damit war Thomas nicht nur sich selbst die schwerste Last. Er lag auch wie ein schwerer Schatten über der Osterfreude der Apostel. Diese waren gewiß in Sorge um ihren verbitterten Mitbruder. Zurecht! Sollte ihm ein ähnliches Schicksal drohen wie dem Judas Isakarioth? Sie versuchten, den Gefährdeten vom Abgrund des Unglaubens wegzureißen. Der hl. Petrus kam und erzählte hundertmal den Ostertag und beichtete, um dem armen Thomas Mut zu machen, die Sünde seiner Verleugnung. Andreas kam, Johannes kam, die Jünger von Emmaus kamen, die frommen Frauen kamen. Umsonst! Allen hielt Thomas seine trotzige Bedingung entgegen. Müde verstand er sich endlich so weit, die Gemeinschaft einstweilen nicht zu verlassen; der Herr hatte sich ja der Gemeinschaft gezeigt. Doch saß Thomas abwesend unter den übrigen Aposteln. Die Freude der anderen verletzte ihn, den Zerrissenen, den Vergessenen, den nicht Beachteten. Hier kann niemand helfen als nur noch Gott allein. Es hing einzig von Seinem Erbarmen ab, ob Thomas Rettung findet. Und so beteten die übrigen heimlich für Thomas. Allen voran die Gottesmutter, die mit wehem Herzen die Verhärtung ihres Apostelsohnes wahrnahm.
Das Fest des hl. Apostels Thomas wird am 21. Dezember gefeiert. Es ist der kürzeste Tag des Jahres. Die Nacht dauert dann am längsten. Die Sonne steht am tiefsten. Sie stand auch in der Seele des Thomas so tief, daß er an ihren Aufgang nicht mehr glaubte.
Der Bekenner
Doch die Sonnenwende setzte ein am achten Tag nach der Auferstehung des Heilandes. „Der Friede sei mit euch!“, erklang die Stimme Jesu in den verschlossenen und verrammelten Saal der Elf.
Der Herr allein vermag, in verschlossene Säle und Seelen einzutreten. Wegen Thomas war Er gekommen. Denn Er ist der gute Hirt, der dem Verlorenen nachgeht, bis Er ihn findet. Und ein Apostel ist Ihm so viel wert, daß Er sich für ihn sogar sichtbar, greifbar macht. Schon hatte Er den hl. Petrus von der Sünde weg zu sich zurückgeführt. Der hl. Thomas gilt Ihm nicht weniger. Er holt ihn aus Groll und Zweifel und Bitterkeit heim in Seinen Frieden.
Wort für Wort geht der Heiland auf jene trotzigen Bedingungen ein: „Lege deinen Finger hierher und siehe Meine Hände! Reiche deine Hand her und lege sie in Meine Seite!“ Und wie heilender Balsam ist selbst der Tadel: „Sei nicht ungläubig, sondern gläubig.“ In dem Wort „fidelis“, welches mit „gläubig“ übersetzt wird, schwingt auch die Bedeutung von „treu“ mit. „Sei Mir durch deinen Glauben treu!“
Gespannte Stille herrschte im Saal. Nur noch Jesus und Thomas schienen da zu sein. Nie sind sich göttliche Wirklichkeit und menschlicher Zweifel so nahe, Auge in Auge gegenübergestanden wie hier. Das ist nun die große Stunde des hl. Thomas. Er, der arme Abgesandte des Zweifels, soll nun zur Beruhigung aller künftigen Zweifler sehen, tasten, greifen.
Er sah den leuchtend verklärten Leib. Er sah die roten Male der Wunden an den Händen. Er sah die Wunde der Seite, dieses offene Tor zum Herzen Gottes. Er sah das schlagende Herz, das wie ein glühender Rubin hinter jener schrecklich tödlichen Wunde schimmerte. Und Thomas sah und glaubte. Doch sah er keineswegs, was er glaubte. Er sah einen Menschen. Er berührte die Wunden eines Menschen. Er betastete einen nach wie vor tödlich verwundeten Menschen.
Besiegt von der Wirklichkeit des Wunders und noch mehr von der Liebe des Herrn, fällt Thomas schluchzend auf die Knie. Doch welches Bekenntnis hören wir nach der Untersuchung dieses totgeglaubten und wunderbar vom Tode auferstandenen Menschen voller Erstaunen aus seinem Mund? „Mein Herr und mein Gott!“ Der hl. Thomas sieht einen Menschen und bekennt Gott. Er glaubt an die Gottheit, die nicht gesehen, nicht betastet und nicht empirisch wahrgenommen werden kann. Doch angesichts des Wunders schlägt Thomas all seine Zweifel in den Wind und gibt die Zustimmung des Glaubens. „Mein Herr und mein Gott! Mein Herr und mein Gott!“
Keiner von allen Aposteln hatte bis dahin den Heiland so deutlich „Gott“ genannt, nicht einmal der hl. Petrus bei seinem Bekenntnis in Cäsarea Philippi. Der zweifelnde, leidende hl. Apostel Thomas hat als erster von allen Christus im Lichte des Glaubens deutlich in der Herrlichkeit Seiner Gottheit geschaut.
Hier finden wir den wahren Grund, warum die Liturgie unter der weisen Lenkung des Heiligen Geistes alljährlich das Fest des hl. Thomas am 21. Dezember, dem kürzesten und finstersten Tag im Jahr, begeht. Denn der hl. Apostel Thomas ist allen Menschen, die in der Finsternis des Zweifels und im Todesschatten des Unglaubens sitzen, ein Licht zur Erleuchtung geworden. „Mein Herr und mein Gott!“, sagt er einem jeden. Und er sagt es wenige Tage vor Weihnachten. Hier vor dem Kind in der Krippe – dessen Gottheit kein Auge schauen, keine Hand erstasten und kein Sinn erspüren kann – soll der hl. Thomas den Problematikern und Melancholikern aller Zeiten sein tiefes, sein kindliches Glaubensbekenntnis vorsagen: „Mein Herr und mein Gott!“ „Mein Herr und mein Gott!“ – Der hl. Papst Pius X. hat dieses gläubige Bekenntnis mit einem Ablaß von sieben Jahren und sieben Quadragenen ausgestattet, so oft man es spricht und dabei die hl. Hostie bei der hl. Wandlung emporgehoben oder in der Monstranz feierlich ausgesetzt wird. In dieses Bekenntnis des hl. Apostels Thomas wollen wir deshalb gerade bei diesen Gelegenheiten gläubig in Liebe, Dankbarkeit und Vertrauen einfallen.
Noch einmal „Didymus“
Die Komposition des Johannesevangeliums war vom Lieblingsjünger ursprünglich so angelegt, daß sie mit dem Bekenntnis des hl. Thomas abschließen sollte. Was Johannes nachher noch berichtete, nämlich die Erscheinung Jesu am See Tiberias im 21. Kapitel, ist ein Nachtrag, den er später noch angefügt hatte. Das Schlußwort Jesu an den hl. Thomas sollte wie ein kräftiges, das ganze Evangelium zusammenfassendes „Amen“ in die nun anbrechenden langen Jahrtausende des Glaubens und der Glaubensbekenntnisse hinausklingen: „Weil du Mich gesehen hast, Thomas, glaubst du. Selig, die nicht sehen und doch glauben.“
Das Nichtsehen und Dochglauben ist ein menschlich-göttliches Zusammenwirken, welcher der hl. Petrus in seinem ersten Brief unverhohlene Bewunderung zollt: „Ihn [Jesus Christus] liebet ihr, obwohl ihr Ihn nicht gesehen habt. An Ihn glaubt ihr, obwohl ihr Ihn nicht vor Augen habt. Darum werdet ihr in unaussprechlicher, herrlicher Freude frohlocken, wenn ihr das Ziel eures Glaubens, das Heil der Seele erlangt.“ (1. Petr. 1,8).
Zur Stärkung von uns allen, die wir glauben, obwohl wir nicht sehen, wurde der hl. Apostel Thomas berufen, der nur glaubte, weil er gesehen hatte. Deshalb war es offensichtlich eine weise Fügung der göttlichen Vorsehung und keineswegs ein Verhängnis, daß ausgerechnet dieser Apostel am ersten Osterabend nicht dabei gewesen war, als sich der Herr erstmals nach Seiner Auferstehung zeigte. Sein Zweifel sollte unserem Zweifel vorbeugen. In seiner Unsicherheit sollte unsere Sicherheit einen Stand haben. Er ging dabei auf schmalem Grad an hartnäckigem Unglaube, Verwerfung und ewiger Unseligkeit vorbei, damit wir selig unseres Glaubens seien. So sind wir dem „ungläubigen“ Thomas zu tiefem Dank verpflichtet. Unseretwegen hatte er den Zweifel, eine der furchtbarsten Seelenqualen, gelitten. Seine seelische Wunde sollte uns zum Heile dienen.
Und so ist Thomas uns zum „Didymus“, zum Zwilling, geworden. Denn mit seinem Glauben wurde auch der unsrige mitgeboren. Amen.