Von des Glaubens Gnade, Bewährung und Lohn

Geliebte Gottes!

Das heutige Fest bildet den Höhepunkt des Weihnachtsfestkreises. Es überragt in seiner Würde sogar das Weihnachtsfest selbst. Im Volksmund wird dieses Fest landläufig „Dreikönigsfest“ genannt. Aber diese Bezeichnung ist nicht ganz treffend. Denn im Zentrum stehen nicht die drei Weisen aus dem Morgenland, sondern die göttliche Allmacht Jesu Christi, die sich offenbart. Im römischen Kalender wird es deshalb „Epiphania Domini“, also „Erscheinung des Herrn“, genannt.

Die Vollendung von Weihnachten

An Weihnachten haben wir das sichtbare Erscheinen Gottes als Mensch gefeiert. Dabei stand Seine wahre Menschheit im Zentrum. Gottes Sohn hat sich erniedrigt. Der Ewige ist in die Vergänglichkeit der Zeit eingetreten, hat eine geschaffene Natur angenommen, nämlich eine geschaffene Seele und einen geschaffenen Leib aus Fleisch und Blut. Einen leidensfähigen Leib, wie wir zuletzt am Fest Seiner Beschneidung gehört haben.

An Epiphanie feiert die Kirche das Hervortreten der göttlichen Natur Jesu, also das Offenbarwerden Seiner Gottheit. Dabei werden gleich drei Offenbarungen Jesu verehrt: Erstens die Lenkung des Sternes, durch den das göttliche Kind die Weisen aus dem Morgenland zu sich nach Bethlehem führte. Zweitens die Taufe Jesu im Jordan, als sich über Ihm der Himmel öffnete und der Heilige Geist in Gestalt einer Taube auf Ihn herniederkam, während die Stimme des himmlischen Vaters für die göttliche Abstammung Jesu Zeugnis ablegte: „Dieser ist Mein geliebter Sohn, an dem Ich Mein Wohlgefallen habe.“ (Mt. 3,17). Und drittens schließlich die erste Demonstration Seiner göttlichen Macht durch die Verwandlung des Wassers in Wein auf der Hochzeit zu Kana.

Sowohl die morgenländische als auch die abendländische Kirche pflegten wenigstens bis ins 3. Jahrhundert hinein, neben den apostolischen Taufterminen an Ostern und Pfingsten, so auch an Epiphanie, die hl. Taufe zu spenden und spezielles Wasser zu weihen. Während bei den Griechen von den drei Geheimnissen das der Taufe Christi in den Vordergrund trat, rückte bei den Lateinern der geheimnisvolle Besuch der Magier aus dem Osten ins Zentrum. Nichtsdestotrotz hielt auch die römische Kirche stets unverbrüchlich an der Verehrung der drei Theophanien Jesu fest, wie aus der schönen Antiphon hervorgeht, die schon gestern bei der Weihe des „Dreikönigswassers“ angestimmt wurde und während der gesamten Oktav hindurch in den Laudes wiederholt werden wird: „Heute wird dem himmlischen Bräutigam die Kirche angetraut, denn Christus hat im Jordan ihre Sünden abgewaschen. Mit Geschenken eilen die Magier zur Königshochzeit und über den aus Wasser gewandelten Wein freuen sich die Gäste.“ – „Heute wird dem himmlischen Bräutigam die Kirche angetraut“ – das ist die mystische Vermählung Jesu mit der Kirche, vorgebildet durch die Hochzeit zu Kana –, „denn Christus hat im Jordan ihre Sünden abgewaschen“ – das ist die Taufe Christi, durch die Er die Wasser geheiligt hat, damit sie uns zur Waschung und Reinigung von den Sünden dienlich seien –, „mit Geschenken eilen die Magier zur Königshochzeit“ – das ist das Geheimnis der Anbetung des neugeborenen Gotteskönigs durch die Magier, deren Glaube sich vor allem durch ihre Geschenke ausdrückt –, „und über den aus Wasser gewandelten Wein freuen sich die Gäste“ – das ist das Wunder von Kana, bei dem es am Ende von Christus heißt: „Jesus offenbarte Seine Herrlichkeit. Und Seine Jünger glaubten an Ihn.“ (Joh. 2,11).

Kurz: Das Fest „Erscheinung des Herrn“ ist eine Ergänzung zu Weihnachten, ein Voll-Weihnachten, eine Art Erhöhung von Weihnachten. Weihnachten und „Erscheinung des Herrn“ gehören zusammen, wie die menschliche und die göttliche Natur in der Einheit der Person Jesu Christi. Hat sich Gott an Weihnachten als wahrer Mensch geoffenbart, so offenbart Er sich jetzt als wahrer Gott, und zwar durch die drei genannten Ereignisse.

Das Fest des Glaubens

Damit ist das Fest der Erscheinung des Herrn die Erfüllung der Weissagung des Propheten Isaias: „Werde Licht, Jerusalem, denn siehe, es kommt dein Licht, und strahlend geht auf über dir die Herrlichkeit des Herrn. Die Völker sitzen in Dunkel und Finsternis, aber über dir geht strahlend auf der Herr. Dann wirst du schauen und staunen, wenn zu dir kommt die Fülle des Meeres, wenn Dromedare und Kamele dich überfluten.“ Christus selbst ist das Licht. Er ist das „Licht der Menschen“. Er ist das „Licht der Welt“. Und das „Licht leuchtet in die Finsternis“ der Sünde und der Verblendung. Viele nehmen Ihn nicht auf. Aber denen, welche Ihn aufnehmen, gibt Er die gnadenhafte „Macht, Kinder Gottes zu werden“. – Diese Isaias-Prophetie ging erstmals an den drei Weisen aus dem Morgenland in Erfüllung. Angezogen vom lichten Stern eilten sie nach Jerusalem, wurden dort mit der Finsternis des Unglaubens konfrontiert, ehe sie den Weg nach Bethlehem fanden. Was sich zunächst nur wie ein unscheinbares Rinnsal an den drei Weisen vollzog, nämlich daß sie durch den Glauben an die Gottheit des Jesuskindes selber zu „Kindern Gottes“ wurden, das sieht der Prophet zu einer gewaltigen Flut anschwellen. Wie ein Adler schwingt er sich auf und blickt in der Vogelperspektive auf die folgenden christlichen Jahrhunderte. Er sieht, wie durch das Licht Christi über dem neuen Jerusalem, nämlich der katholischen Kirche, der Stern der unfehlbaren Wahrheit leuchtet, und wie von diesem Licht der Wahrheit angezogen die Völker von allen Enden der Erde zusammenströmen zu der einen Familie Gottes. „Sie sammeln sich und kommen zu dir; deine Söhne kommen aus der Ferne, und deine Töchter erheben sich von allen Seiten. Kamele in Fülle überfluten dich, Dromedare aus Madian und Epha; sie alle kommen von Saba mit Gaben von Gold und Weihrauch, laut kündend das Lob des Herrn.“ Die verschiedensten Völker, Nationen und Sprachen finden sich zusammen in der einen Kirche, geeint in dem einen Glauben.

Ja, wenn Gott erscheint, um zu erlösen, dann erscheint Er, um die ganze Welt zu erlösen, nicht nur ein Volk, sondern alle Völker. So ist das Fest der Erscheinung des Herrn im eigentlichen Sinne ein Fest des Glaubens, und zwar: 1. der Glaubensgnade, 2. der Glaubensbewährung und 3. des Glaubenslohnes.

Dabei heißt „glauben“ im christlichen Sinne, alles fest für wahr zu halten, was Gott, die ewige, unfehlbare Wahrheit, geoffenbart hat. Glauben heißt, etwas fest für wahr halten, weil Gott es sagt, nicht weil es der Mensch einsieht. Glauben heißt, daß der Mensch seinen Verstand der Autorität Gottes beugt, daß er als gegeben annimmt, was er mittels seines Verstandes nicht einsieht. Das Motiv des Glaubens ist einzig die Autorität des sich offenbarenden Gottes. Wir glauben, weil Gott es so sagt, weil Gott es so verheißen hat, weil Gott es so angeordnet hat.

Des Glaubens Gnade

Das Fest der Erscheinung des Herrn ist ein Fest der Glaubensgnade. Es ist eine eigenartige Kunde, mit der diese fremden Männer in Jerusalem nach dem neugeborenen König fragen: „Wir haben Seinen Stern im Morgenland gesehen und sind gekommen, um Ihn anzubeten.“

Schon aus diesem ersten Wort der drei Magier spricht ihr Glaube an die Autorität Gottes und Seiner Offenbarung. Um dieses Wort zu verstehen, muß man in die Geschichte zurückschauen. Die Juden waren ja ein halbes Jahrtausend vor der Ankunft Jesu in die babylonische Gefangenschaft geführt worden. Die Babylonier lernten durch die Juden auch deren Glauben und die Prophezeiungen, welche Gott diesem Volk gegeben hatte, kennen. Sie lernten auch die Hoffnung auf den Messias, den Welterlöser, kennen. Und unter dem, was die Juden in ihrer siebzigjährigen Gefangenschaft in Babylon hinterließen, war die Prophetie, daß einmal ein Stern die Geburt des großen Gottkönigs anzeigen werde. Das war die Weissagung des Balaam: „Ein Stern geht auf in Jakob, aus Israel erhebt sich ein Zepter.“ (Num. 24,17). Diese Weissagung haben die Babylonier kennengelernt; einige haben diesem göttlichen Wort Glauben geschenkt, haben es vielleicht aufgeschrieben, jedenfalls aber mündlich weitergegeben, so daß es nach Jahrhunderten den drei Weisen als göttliche Offenbarung bekannt war.

Und sie haben nun tatsächlich eines Tages einen rätselhaften Stern gesehen. – Die Gelehrten haben viel darüber nachgedacht, was für ein Stern das gewesen sein könnte: eine neue Sternerscheinung oder eine Supernova oder ein Zusammentreffen der Planeten Jupiter und Mars im Sternbild der Fische oder ein wunderbarer Stern, der zur damaligen Zeit aus dem Nichts erschien und dann wieder spurlos verblaßte. Der hl. Thomas vertritt die letztere Ansicht, der auch wir uns anschließen. Denn selbst die größten Astronomen wie Galilei, Kepler und andere haben nicht allein an eine natürliche Sternenkonstellation, sondern an einen übernatürlichen Wunderstern geglaubt. – „Wir haben Seinen Stern im Morgenland gesehen.“ So haben die Weisen gesagt. Und sie haben diesen Stern zum Anlaß genommen, sich auf die Reise zu begeben. Das war die große Glaubensgnade, die ihnen geschenkt worden war. Sie haben die durch den Balaam gegebene Verheißung als von Gott geoffenbart anerkannt und für wahr gehalten. Sie haben geglaubt, daß der Gottkönig geboren ist, denn sie eilten ja nach Jerusalem, um Ihn anzubeten.

Wenn wir das übersetzen in unser Leben, dann müssen wir sagen: Die große Glaubensgnade unseres Lebens ist es, daß wir die Offenbarung empfangen haben, daß wir den Weg zum katholischen Glauben gefunden haben, daß wir seine Lehren und Forderungen für wahr halten und annehmen können, nicht weil wir sie einsähen, nicht weil sie uns gefallen, nicht weil sie unseren religiösen Bedürfnissen entsprechen, nein, sondern weil Gott es so gesagt und angeordnet hat. Es ist eine Gnade, die katholische Religion als die von Gott geoffenbarte erkennen zu können. Es ist eine Gnade, der katholischen Kirche durch Bekenntnis, Taufe und Gehorsam anzugehören. Das ist die große Glaubensgnade, die wir empfangen haben. Das ist der Stern, der uns leuchtet. Er darf nicht untergehen, und er darf sich nicht verdunkeln.

Des Glaubens Bewährung

Zu der Glaubensgnade kam die Glaubensbewährung. Die Weisen sind dem Stern gefolgt, gewiß, aber sie wurden mehrfach auf die Probe gestellt.

Zunächst einmal durch die monatelange Reise, vermutlich von Persien aus, also von dem Gebiet, das in den heutigen Grenzen des Irak und des Iran liegt. Das Morgenland ist weit. Sie mußten reisen durch Wüsten, wo Stürme sind, wo Trockenheit herrscht. Aber der Blick zum Stern ließ sie alles ertragen.

Doch dann kam die zweite Probe: Der Stern verschwand. Sie sahen ihn nicht mehr. Eine schwere Prüfung. Schon so weit waren sie gereist, so viel hatten sie auf sich genommen. Nun war das tröstende Licht entschwunden. Waren sie doch nur einer Täuschung erlegen? Einer Einbildung? Einem Hirngespinst? Sie blieben trotzdem unbeirrt. „Selig, die nicht sehen und doch glauben.“ (Joh. 20,29). Sie sahen das Licht des Sternes nicht mehr. Aber sie glauben weiter dem Wort der Prophetie. „Ein Stern geht auf in Jakob, aus Israel erhebt sich ein Zepter.“ Es blieb ihnen nur der blinde Glaube an den Sinn dieser nackten Worte. Palästina war ihr Ziel, denn dort lebten die Nachkommen Jakobs, das Volk Israel. Den Herrscherstab über dieses Volk führte der König der Juden, dessen Residenzstadt seit alters Jerusalem war. Im Glauben an das Wort Gottes gingen sie weiter auf dem Wege. Sie wußten: Wenn das göttliche Königskind geboren worden ist, dann kann es nur in Jerusalem sein. So zogen sie getrosten Mutes weiter, auch ohne das Licht des Sternes.

Aber als sie nach Jerusalem kamen, erlebten sie eine neue Glaubensprobe. Sie meinten, die ganze Stadt sei in freudiger Erregung, weil das Königskind geboren wurde. Aber in Jerusalem war Alltag. Niemand kümmerte sich um den Stern, und niemand wußte etwas von dem neugeborenen König, niemand wußte etwas von der Geburt des göttlichen Erlösers. Und das, obwohl sich dieses Volk als das unter allen Völkern von Gott auserwählte betrachtete, gerade weil den Messias hervorbringen sollte. Ja, und nicht nur das! Als sie selbst mit ihrer Kunde hervortreten: „Wir haben seinen Stern gesehen und sind gekommen, Ihn anzubeten“, da geriet Jerusalem in Aufruhr. Der König erschrak und mit ihm das ganze Volk. Zuletzt haben wir ja in aller Ausführlichkeit dargelegt, warum König Herodes erschrak. Der König erschrak, weil er einen Nebenbuhler fürchtete, einen Thronprätendenten, der ihm seine Macht streitig machen will. Und das Volk erschrak, weil es wußte, wozu dieser grausame König Herodes fähig war. Es fürchtete seine erneuten Grausamkeiten. Und diese Furcht war, wie der Kindermord von Bethlehem beweist, berechtigt.

Welche Enttäuschung für die Weisen aus dem Morgenlande! Welche Enttäuschung für die müden Wanderer! Sind sie also doch einer Täuschung aufgesessen? Weit und breit ist kein Königskind, kein Welterlöser zu finden. Was wird man sagen, wenn sie heimkehren und den König, den neugeborenen König, nicht gefunden haben?

Aber ihr starker Glaube hält selbst in den finsteren Nächten der Sinne und des Geistes stand. Abermals ziehen sie die göttliche Offenbarung zu Rate. Die Furcht des Königs vor dem Messias kommt ihnen zunutze. Herodes selbst will wissen, wo der Messias geboren werden sollte. Und nun erhalten die Weisen eine höchst lehramtliche Auskunft. Herodes ließ die Hohenpriester und Schriftgelehrten versammeln. Und die oberste Glaubensbehörde des Alten Bundes gab ohne große Umschweife bekannt: „Zu Bethlehem im Lande Juda; denn so steht geschrieben bei dem Propheten Michäas: ‚Du, Bethlehem im Lande Juda, bist keineswegs die geringste unter den Fürstenstädten Judas; denn aus dir wird der Fürst hervorgehen, der Mein Volk Israel regieren soll.‘ (Mich. 5,2).“ Auch hier betätigte sich der Glaube der drei Weisen. Sie nahmen die Prophetie und die vom alttestamentlichen Lehramt gegebene Interpretation an und glaubten der Lehrvorlage der Hohenpriester und Schriftgelehrten.

Auch wir dürfen ja die Heilige Schrift und die Lehren der mündlichen Überlieferung nicht eigenmächtig auslegen, wenn wir keine Protestanten werden wollen. Heilige Schrift und Tradition sind die Quellen der göttlichen Offenbarung, das wohl. Doch sind die Offenbarungsquellen der Interpretation bedürftig. Nicht jeder kann die Heilige Schrift und die Tradition auslegen, sondern nur das von Gott dafür aufgestellte und mit dem unfehlbaren Beistand des Heiligen Geistes ausgestattete Lehramt.

Mit gemischten Gefühlen verlassen die drei Weisen Jerusalem. Auf der einen Seite waren sie froh über die gewonnene Kenntnis ihres genauen Reisezieles. Aber mußte es ihnen nicht höchst befremdlich vorkommen, daß niemand von der Priesterschaft und den Fürsten Israels mit ihnen nach Bethlehem ziehen wollte, um dem neugeborenen Kindkönig aufzuwarten? Zwar wollte der König alles wissen. Nicht nur, wo der Messias geboren werden sollte, sondern auch um welche genaue Zeit der Stern im Morgenland aufgegangen sei. Aber alles sollte geheimgehalten werden! Ja, sie selber sollten die Geheimagenten des Herodes sein und ihm sofort Meldung machen, sobald sie das Kind ausfindig gemacht hätten. Höchst befremdlich, wenn nicht ärgernisserregend!

Des Glaubens Lohn

Der Weisung „Zu Bethlehem im Lande Juda“ gehorsam, wandern die drei Magier weiter, und auf einmal sahen sie den Stern wieder. Gott belohnte ihre unerschütterliche Treue in der Trockenheit, in der Verunsicherung, im befremdlichen Verhalten des ganzen Umfeldes. Der Stern erschien erneut. Ja, er zog vor ihnen her und führte sie zu dem Kind und zu Seinen Eltern, zu Maria und Joseph. Der Stern leuchtet wieder über ihnen. Und so knien sie nieder und bringen ihre Geschenke dar: Gold dem großen König des Weltalls, Weihrauch dem anbetungswürdigen Gott und Myrrhe Seiner leidensfähigen Menschheit, schon im Hinblick auf Sein Begräbnis. – Endlich haben sie ihr Ziel erreicht. Und übergroß ist ihr Lohn! Sie dürfen Gott schauen im Fleisch. Wir können uns nicht vorstellen, was die drei Weisen in diesem Moment empfunden haben. Man müßte dazu selber die ganzen Strapazen, Prüfungen, Ängste und Leiden durchgemacht haben, die sie damals ausgestanden haben. Aber das Alte Testament läßt uns vielleicht erahnen, von welchem Glück sie in diesem Augenblick erfüllt waren, mit welchem Glück Gott ihren treuen Glauben belohnt hat. Als nämlich der junge Tobias nach langer Abwesenheit seinen blinden Vater wiedersah, da stürzten sie einander in die Arme und beide weinten vor Freude. Sie stürzten einander in die Arme! Sie weinten! Sie weinten beide! Sie weinten vor Freude! Und dabei sah der junge Tobias nur das Gesicht seines greisen, blinden, alten Vaters. – Wie sehr werden die drei Weisen sich also beim Anblick des Jesuskindes gefreut haben. – Gewiß! Es war in erster Linie keine sinnliche, sondern eine geistige Freude. Eine Freude im Glauben, nicht im Schauen. Denn was sie sahen, war ein einfaches Haus, das der hl. Joseph inzwischen gebaut oder erworben hatte, kein Palast. Sie sahen keine in Samt, Seide und Damast gehüllten Aristokraten, sondern arme Leute; und ein Kind, das sich rein äußerlich in keiner Weise von den Kindern anderer Mütter unterschied. Aber ihr Glaube und das Licht des Sternes sagten ihnen: „Das ist Gottes Sohn. Gott im Fleische. Der Schöpfer der Welt. Der Lenker der Sterne. Der Erlöser von den Sünden.“ Und von diesem Glaubenslicht erleuchtet waren ihre Seelen derart in Bann geschlagen, daß sie mit Erstaunen, mit Bewunderung, mit Entzücken und freudiger Wonne durchflutet wurden, daß ihnen gewiß das Herz vor Glück brannte und ihnen das Wasser in die Augen stieg.

Unser Glaubensweg

Diese Weisen aus dem Morgenlande sind unsere Vorbilder. Es wird wohl kaum einen in dieser Kapelle geben, der nicht auch schon Glaubensproben hat bestehen müssen. Immer wieder gleicht unser Leben einer Wüstenwanderung. Wir erleben Dunkelheiten, Trostlosigkeiten, Ängste, Zweifel, ob das alles stimmt, was wir da glauben, ob wir nicht einer Illusion aufgesessen sind. Gerade in den Wirrnissen der papstlosen Zeit schweben auch wir in der Gefahr, unsere eigenen Gewichte an der Waage der offenbarten Wahrheit auszuprobieren, uns selbst den Weg mit unserem Verstand zu bahnen, anstatt vorsichtig nachzufragen und nachzuforschen, um die Wahrheit und den Willen Gottes zu finden.

Und dann sind da auch noch die praktischen Folgerungen aus unserer Religion! Es wäre doch viel bequemer, ohne Glauben zu leben. Rein äußerlich wäre das bequemer. Der Glaube legt viele Lasten auf. Die Gebote Gottes: Du sollst Gott lieben und den Nächsten wie dich selbst. Du sollst nicht Unkeuschheit treiben, nicht lügen, nicht verleumden, nicht stehlen, nicht stolz, nicht träge, nicht rachsüchtig, nicht neidisch, nicht unmäßig und nicht ungeduldig sein. Die Gebote der Kirche: die Sonn- und Feiertagspflicht. Fasten und Abstinenz. Niemand hat eine so strenge Sittlichkeit wie die katholische Religion. Bequemer ist es ganz bestimmt, sich vom Glauben zu verabschieden. Es wäre leichter, sich das alles zu ersparen, aber dann würden wir den Weg nicht finden. Da wäre der Stern erloschen und würde verborgen bleiben. Da würden wir nicht zum Ziele kommen. Weit und breit und bequem wäre dieser Weg. Und wir hätten viele Weggefährten. Aber am Ende stünde das Verderben, wie der Herr sagt: „Weit ist die Pforte und breit der Weg, der ins Verderben führt, und viele sind es, die auf ihm einhergehen.“ (Mt. 7,13).

Auch bei uns kann der Stern des Trostes, des Geborgen- und Getragenseins im Glauben einmal verblassen. Dieser Stern kann eines Tages zu verschwinden scheinen. Ja, die Nächte der Sinne und des Geistes gehören zu dem an sich normalen Reinigungsprozeß der Seele auf dem Weg zur Vollkommenheit. Unsere Seelen können dunkel sein, Zeiten der Prüfungen kommen über uns, in denen sich unsere Treue bewähren muß.

Die Menschen fragen oft: „Warum ich? Warum trifft das mich? Was habe ich verbrochen, daß ich das leiden muß, daß ich das tragen muß?“ Eine gläubige Frau hat darauf einmal eine gute Antwort gegeben. Sie sagte: „Man soll nicht hadern und fragen: ‚Warum ich?‘, sondern: ‚Warum nicht? Warum nicht ich?‘“ Wie recht diese gläubige Frau gehabt hat. Warum soll ich verschont bleiben? Warum soll ich keine Lasten zu tragen haben? Warum sollen mir die Prüfungen erspart bleiben? Warum nicht ich? So ist es! Unser Glaube muß sich bewähren. Er muß sich bewähren an der engen Pforte und auf dem schmalen Weg, auf dem wir allein wandeln müssen. „Wie eng ist die Pforte, und wie schmal der Weg, der zum Leben führt; und wenig sind, die ihn finden!“ (Mt. 7,14), mahnt der Herr. Deshalb reimt der fromme Dichter Angelus Silesius: „Christ, flieh doch nicht das Kreuz, / Du mußt gekreuzigt sein. / Du gehst sonst nimmermehr / ins Himmelreich hinein.“ Christ, flieh doch nicht das Kreuz, du mußt gekreuzigt sein. Du gehst sonst nimmermehr ins Himmelreich hinein! Gott weiß, daß der Mensch das Leid benötigt. Er weiß, daß der Mensch ohne Leid leichtfertig, oberflächlich, gottvergessen und übermütig wird. Deswegen läßt Er Leiden und Prüfungen über uns kommen. Denn das Leiden reinigt die Seele. Es reinigt die Seele vom eitlen Vertrauen auf die eigenen Kräfte, vom eitlen Vertrauen auf die Menschen. Es reinigt die Seele von Eigensinn und Eigenliebe. Es macht uns erst fähig, Gott um Seinerselbst willen zu lieben, nicht nur um Seiner Wohltaten willen.

Dazu eine wahre Geschichte: Ein Vater hatte drei Söhne, und er begab sich immer wieder in Abständen zu ihnen und ihren Familien, und in den Taschen hatte er immer etwas mitgebracht. So wurde er stets freudig und jubelnd begrüßt. Aber einmal dachte er: „Ich will einmal sehen, wie sie mich aufnehmen, wenn ich mit leeren Händen komme.“ Er ging also zu dem ersten Sohn. Die Kinder stürmten heran und suchten in seinen Taschen, fanden nichts und waren bitter enttäuscht. Ebenso erging es ihm bei dem zweiten Sohn. Beim dritten Sohn aber nahm man ihn voll Freude auf und fragte nicht: „Was hast du mitgebracht?“, sondern sagte: „Gut, daß du gekommen bist. Gut, daß du da bist. Gut, daß wir dich haben.“ Da wurde es dem Vater warm ums Herz. – So ähnlich wie der erste und der zweite Sohn verhalten sich viele gegenüber dem Herrgott. Sie suchen nicht Ihn, sondern Seine Gaben. Wer Gott in der Prüfung die Liebe aufkündigt, der hat Ihn nie geliebt. Wir müssen in der Prüfung sprechen wie die Familie des dritten Sohnes: „Gut, daß du gekommen bist. Gut, daß du da bist. Gut, daß wir dich haben.“ Auch wenn wir nichts spüren.

Aber auch wenn unsere Seele Dunkelheiten, ja Nächte, durchlaufen muß, so ist der Stern des Trostes nicht für immer erloschen. Er erscheint wieder, um uns zu trösten, um uns den Weg der göttlichen Vorsehung klarer zu leuchten als zuvor. Wir müssen nur treu bleiben. Die gleiche Treue, wie sie die Männer aus dem Morgenland bewiesen haben, die müssen wir auch zeigen, auch wenn wir Gleichgültigkeit, ja Gegnerschaft in unserer Umgebung erleben, vielleicht in unserer Familie. Es gibt ja keine geschlossenen gläubigen Gemeinden mehr. Überall neben uns wohnen Menschen, die nichts glauben, die den Glauben abgeworfen haben, die den Glauben belächeln, die den Glauben verachten, die den Glauben vielleicht sogar hassen. Und das ist keine geringe Anfechtung. – Man glaubt leichter, wenn man zusammen glaubt; man glaubt leichter, wenn andere miteinander glauben; man glaubt leichter, wenn andere mit uns den katholischen Glauben leben. Aber das ist uns leider nicht beschert. Unsere Zeit ist eine Zeit des Abfalls, der Spaltung und der Uneinigkeit. Da heißt es, standhaft bleiben, stark bleiben, wo andere schwach werden; bekennen, wo andere verleugnen; lieben, wo andere hassen; in Ehrfurcht stehen, wo andere spotten. Das ist unsere Glaubensbewährung. Aber wenn wir treu durchhalten, wenn wir in Treue ausharren, wenn wir gleich den Weisen dem Stern folgen, dann führt uns dieser Stern auch zum ewigen Ziel.

Unser Glaubenslohn

Wir dürfen gewiß sein, daß unsere Treue, unsere Beharrlichkeit den gleichen Lohn finden werden wie ihn die Weisen aus dem Morgenlande gefunden haben. Sie haben im Licht des Sternes Jesus gefunden. So wird es auch uns gehen, wenn unser Weg zu Ende geht. Am leichtesten werden wir Jesus freilich finden, wenn wir zu Maria unsere Zuflucht nehmen. Sie ist ja der Meerstern, der uns den Weg zu ihrem Sohn erleuchtet. Und wer Maria findet, der hat auch Jesus gefunden. Denn Maria kommt, anders als der erwähnte Vater, nie mit leeren Händen zu uns. Stets trägt die Gottesmutter das Jesuskind auf dem Arm. Jesus, das höchste Gut! Jesus, das einzig notwendige Gut! Jesus, das ewige Gut! Jesus, der ewige Lohn der Gläubigen! Da können wir immer getrost sein und sagen: „Gut, daß du da bist. Gut, daß wir dich haben.“

Dann werden wir Ihm, den wir unser ganzes Leben gesucht haben, dem wir in unserem Leben entgegengewandert sind, dem wir im Lichte des Glaubens gefolgt sind, unsere Gaben darbringen: das Gold unserer geläuterten Liebe, den Weihrauch unserer hingebungsvollen Anbetung und die Myrrhe der bitteren Opfer und Leiden, die wir um Seinetwillen getragen haben. Dann sind wir am Ziel angelangt. Dann haben wir die Aufgabe unseres Lebens erfüllt. Dann dürfen wir ihn schauen, nicht mehr in der Armut des Stalles, sondern in der Herrlichkeit Seiner Gottheit. Amen.

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