13. Sonntag nach Pfingsten
Von der Notwendigkeit des Glaubens
Geliebte Gottes!
Glauben heißt, fest für wahr halten, was Gott geoffenbart hat. – Alles, was Gott geoffenbart hat, ist niedergelegt in den beiden Glaubensquellen: nämlich in der Heiligen Schrift als dem geschriebenen Wort Gottes und in der mündlichen Überlieferung als dem ungeschriebenen Wort Gottes. Das ist die entfernte Norm unseres Glaubens.
Damit unser Glaube wirklich ein übernatürlicher Akt göttlichen Glaubens und damit ein verdienstliches Werk ist, müssen wir die geoffenbarten Wahrheiten aus einem übernatürlichen Motiv heraus für wahr halten; also nicht aufgrund einer menschlichen Autorität oder gar nur aufgrund der Autorität unseres eigenen Urteils, sondern weil Gott selbst es so gesagt hat. Die Glaubensquellen sind kein Gegenstand der freien Forschung. Wir dürfen also nicht hergehen und aus der Heiligen Schrift und aus der mündlichen Überlieferung eigenmächtig die Glaubenswahrheiten heraussuchen. Ein solcher Glaube wäre nur ein natürlicher, menschlicher Glaube. Ihm fehlte die Unterwerfung des Verstandes. Ihm fehlte der Gehorsam, weil er ja nur dem eigenen Urteil folgen kann. Der übernatürliche Glaube besteht aber wesentlich in der gehorsamen Unterwerfung des Verstandes unter die Autorität Gottes, der zu uns spricht. Gott spricht nun nicht direkt und unmittelbar zu jedem Menschen, sondern meist nur indirekt und mittelbar durch Seine Kirche. Zu diesem Zweck hat Gott die Hirten der katholischen Kirche – nämlich den Papst und die mit ihm vereinten Bischöfe – dazu befähigt und mit Seinem göttlichen Beistand ausgestattet, daß sie uns in Seinem Namen und mit Seiner göttlichen Autorität unfehlbar lehren, welche geoffenbarten Wahrheiten in der Heiligen Schrift und in der mündlichen Überlieferung enthalten sind und in welchem Sinn sie von uns geglaubt werden müssen. Die Lehrvorlage des kirchlichen Lehramtes ist also die nächste und unmittelbare Norm für unseren Glauben. Wenn wir unseren Glauben von dieser Norm prägen lassen, dann ist unser Glaube wirklich ein übernatürlicher Glaube, denn wenn wir für wahr halten, was die Träger des Lehramtes der katholischen Kirche uns zu glauben vorlegen, dann glauben wir Gott selbst, der uns durch die Hirten Seiner Kirche lehrt. So weit sind wir in unseren Ausführungen gekommen. Heute wollen wir uns besonders mit der Notwendigkeit des Glaubens befassen. Dabei gehen wir der Frage nach, ob überhaupt und inwiefern der Glaube an Gottes Wort für uns Menschen notwendig ist. Die Antwort auf diese Frage lautet selbstverständlich: Ja, der Akt des göttlichen Glaubens ist für jeden Menschen, der zum Vernunftgebrauch gelangt ist, absolut notwendig.
Die Notwendigkeit des übernatürlichen Glaubens Der Glaube ist notwendig. Wozu notwendig? Etwa um auf dieser Welt ein bequemes und vergnügtes Leben zu führen? – Nein, dazu ist der übernatürliche Glaube nicht notwendig. Dazu ist er sogar unter Umständen hinderlich und steht im Wege. Die Betätigung des übernatürlichen Glaubens ist hingegen absolut notwendig, um zum ewigen Leben und zur ewigen Glückseligkeit zu gelangen. a) Unzulänglichkeit der natürlichen Gotteserkenntnis Damit ist ausgesagt, daß ein allgemeiner, unbestimmter Glaube „an ein höheres Wesen“ nicht hinreichend ist! Es muß ein ausdrücklicher Akt des übernatürlichen Glaubens sein! Es genügt nicht, wenn jemand Gottes Dasein und seine Oberherrlichkeit einzig vermittels seiner natürlichen Vernunft aus der sichtbaren Schöpfung erkannt hat und sich ihm dann unterwirft. Warum? Weil sich dieser Glaube allein auf die Autorität der eigenen Vernunfterkenntnis stützt, nicht aber auf die Autorität des sich offenbarenden Gottes. Genauso verhält es sich mit dem weit verbreiteten lapidaren Bekenntnis: „An Gott glaube ich wohl, aber nicht an das, was die Kirche sagt.“ Was soll das für ein Glaube an Gott sein, der die Autorität Gottes zurückweist, die sich ihm in der Lehre der Kirche vorstellt? Nur ein menschlicher „Glaube“! Und noch dazu ein falscher, irriger. Gewiß, die natürliche Gotteserkenntnis, die man durch die Gottesbeweise erlangen kann, die wir vor einigen Wochen behandelt haben, ist eine wahre Gotteserkenntnis. Sie ist ein erster wichtiger Schritt, aber auch sie ist noch nicht der heilsnotwendige Glaube! Dieser besteht eben in einem übernatürlichen Akt. Übernatürlich, insofern er eine göttliche Offenbarung voraussetzt. Und übernatürlich, insofern er seine Glaubenszustimmung aufgrund eines übernatürlichen Beweggrundes gibt, nämlich aufgrund der Autorität Gottes. Übernatürlich ist unser Glaube, wenn wir glauben „was Gott gesagt hat“ und „weil Gott es gesagt hat.“ Einzig durch einen so beschaffenen Akt übernatürlichen Glaubens kann der Mensch sein Heil erlangen. Hingegen reicht die rein natürliche Gotteserkenntnis und ein Leben nach dem natürlichen Gewissen nicht dazu aus. Wie der Kirchenschriftsteller Origenes († 185) sagt: „Wenn jemand in allem Übereinstimmt, was das natürliche Gesetz lehrt und in keiner Weise von seinem Gewissen einer Sünde angeklagt wird, aber nicht die Gnade des Glaubens besitzt, so kann er nicht gerechtfertigt werden.“ (In Rom. 4,5). Deshalb hat Papst Innozenz XI. den Satz der „Laxisten“ verworfen, die genau das behauptet haben (vgl. DH 2123).
b) Notwendigkeit eines ausdrücklichen Aktes übernatürlichen Glaubens Die Grundlage für die Notwendigkeit des übernatürlichen Glaubens finden wir beim hl. Apostel Paulus im Hebräerbrief. Dort sagt er: „Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen.“ (Heb. 11,6). Hier ist klar die Notwendigkeit ausgesagt. Ferner gibt der Völkerapostel auch eine Definition, wie der heilsnotwendige Glaube beschaffen sein muß. Er definiert ihn als ein „Überzeugtsein von dem, was wir nicht sehen“ (Heb. 11,1), wofür aber Gott durch Sein Wort eintritt. – Die allein durch Beobachtung der geschaffenen Welt gewonnene Überzeugung von der Existenz eines „höheren Wesens“ wird aber gerade durch Einsicht der eigenen Vernunft erlangt. Diese Überzeugung stützt sich dabei auch nicht auf Gott, sondern auf die schlußfolgernde Erkenntniskraft des natürlichen Verstandes. Es ist ein Überzeugtsein von dem, was die natürliche Vernunft des Menschen eingesehen hat. Der übernatürliche Glaube, ohne den es nicht möglich ist, Gott zu gefallen, hingegen kann nicht vom Menschen allein erzeugt werden. Gottes Wort muß zuerst von außen an den Menschen herantreten oder durch einen Glaubensboten in Seinem Namen an ihn herangetragen werden, wie der hl. Paulus anhand der von ihm in der Folge angeführten Beispiele aufzeigt. Gott offenbarte sich dem Abel, dem Henoch, dem Noe und dem Abraham. Er sprach zu ihnen von Dingen und Verheißungen, die sie nicht sehen, die sie nicht einsehen und nicht begreifen konnten. Sie alle haben das an sie ergangene Wort Gottes für wahr gehalten. Sie waren überzeugt davon: „So wie Gott es gesagt hat, so ist es; und es kann gar nicht anders sein.“ Ihre unumstößliche Zustimmung erwuchs dabei jedoch nicht aus einer Einsicht in den Sachverhalt, sondern allein aus der Erkenntnis, weil Gott es so und nicht anders gesagt hat. Sie waren also überzeugt von dem, was sie „nicht sahen“. Ihr Überzeugtsein stützte sich allein auf die Autorität des sich offenbarenden Gottes. Deshalb ist ihre Zustimmung ein wahrer Akt des übernatürlichen Glaubens gewesen. Von diesem Glauben sagt der hl. Paulus: „Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen.“ Daraus zieht der hl. Johannes Chrysostomus († 407) den Schluß: „Der Apostel zeigt, daß der Glaube nicht nur keineswegs überflüssig ist, sondern so notwendig, daß das Heil ohne ihn nicht erlangt werden kann.“ Einzig für Menschen, die noch nicht zum Gebrauch der Vernunft gekommen sind – konkret: Kinder unter sieben Jahren und geistig behinderte Menschen – und daher unfähig sind, einen Glaubensakt zu setzen, genügt die durch das Sakrament der hl. Taufe eingegossene göttliche Tugend des Glaubens. Sobald die Vernunft jedoch erwacht, ist auch die persönliche Betätigung dieser Tugend in Form einer ausdrücklichen Zustimmung zu der von Gott durch die katholische Kirche vorgelegten Glaubenslehre zu leisten, um seine Seele zu retten; wie das Konzil von Trient erklärt: „Es ist noch nie vorgekommen, daß jemand ohne einen Glaubensakt gerechtfertigt worden ist.“ (DS 1529). Wenn wir also vom notwendigen Glauben sprechen, dann ist damit immer ein ausdrücklicher Akt gläubiger Zustimmung zur göttlichen Offenbarung gemeint, wie sie von der römisch-katholischen Kirche gelehrt wird.
c) Durch nichts zu ersetzender Akt Man kann nun weiter fragen, in welchem Grad der übernatürliche Glaube zur Seligkeit notwendig sei. Und die Antwort lautet: Er ist absolut unumgänglich; er ist unbedingt notwendig! Heilsnotwendig ist eben das, was das zu erreichende Ziel, nämlich das ewige Heil, herbeiführt wie die Ursache die Wirkung. Fehlt die Ursache, so kann unmöglich die Wirkung erzielt werden. Das will heißen, der übernatürliche Glaube ist so notwendig, daß er durch kein anderes Mittel ersetzt werden kann. – Der Empfang des hl. Taufsakraments kann bei den Erwachsenen im Notfall auch durch die Begierdetaufe oder durch die Bluttaufe ersetzt werden. Ein Ersatz für den übernatürlichen Glauben ist hingegen gänzlich ausgeschlossen. – So wie der Mensch den Sauerstoff zum Atmen braucht und der Sauerstoff durch nichts ersetzt werden kann, womit der Mensch sonst atmen könnte, ebenso ist der übernatürliche Glaube ganz und gar unabdingbar, um ins ewige Leben einzugehen. In einer Ansprache, die Papst Pius IX. im Jahre 1854 hielt, erklärte er glasklar, „daß der Glaube für das Heil absolut notwendig ist, da es ohne Glauben … unmöglich ist, Gott zu gefallen, und wer … nicht glaubt, verdammt wird.“ (DB 1645).
Begründung der Notwendigkeit des übernatürlichen Glaubens Warum ist das so? Aus welchen Gründen ist der Akt göttlichen Glaubens unbedingt notwendig, um das ewige Heil zu erlangen? a) Aufgrund der Bosheit des Unglaubens Es muß uns genügen, daß unser göttlicher Erlöser diese Notwendigkeit klar und mit größter Schärfe ausgesprochen hat: „Wer nicht glaubt, der wird verdammt werden.“ (Mk. 16,16). Und ein andermal: „Wer nicht glaubt, der ist schon gerichtet“ (Joh. 3,18), d. h. verurteilt. Warum ist er schon gerichtet? Weil der Unglaube eine so schwere Sünde ist, daß er allein schon zur Verdammnis hinreicht. Im Unglauben findet sich zum einen ein gewaltiges Unrecht gegen Gott, das wir zumeist gar nicht klar vor Augen haben und uns die scharfen Worte Christi bisweilen als etwas übertrieben erscheinen. – Welches Unrecht fügt der Unglaube Gott also zu? Der Unglaube bezichtigt Gott des Irrtums und spricht Ihm damit Seine Allwissenheit ab. Wer Gott den Glauben in nur einem einzigen Punkt verweigert, der behauptet damit: „Du bist nicht allwissend. Du irrst!“ Oder der Unglaube muß Gott in diesem Punkt der Lüge bezichtigen und Ihm damit Seine unendliche Heiligkeit aberkennen. Er muß behaupten: „Wenn du nicht irrst, dann täuschst du uns Menschen. Du bist ein Lügner und damit dem Teufel gleich!“ Beides ist ein unsägliches Unrecht. Ferner behauptet der Unglaube, durch die Zurückweisung eines einzigen Dogmas, daß Gott außerstande ist, die Hirten der katholischen Kirche durch alle Jahrhunderte hindurch zu zuverlässigen Lehrern und Richtern in allen Angelegenheiten des Glaubens und der Sitten zu machen. Dadurch spricht Ihm der Unglaube die Allmacht ab: „Du kannst fehlbare Menschen, welche du zu Hirten deiner Kirche berufen hast, in den wichtigsten Fragen unseres ewigen Heils nicht unfehlbar machen, so daß sie uns nicht nur in die Irre führen können, sondern es auch wirklich tun.“ – So entkleidet der Unglaube die göttliche Majestät aller ihrer herausragenden Eigenschaften. Er entkleidet Gott Seiner Allwissenheit, Seiner Heiligkeit, Seiner Allmacht. Er spricht Gott gerade jene Eigenschaften ab, die Seine Gottheit wesentlich ausmachen. Ein unsäglicher Raub an Gottes Ehre! Hinzu tritt jedoch noch eine ebenso große Bosheit, die in jedem Akt des Unglaubens steckt. Der Unglaube verweigert sich nämlich trotzig dem gerechten Anspruch Gottes auf die gehorsame Unterwerfung der Vernunft und des Willens. Er behauptet: „Von Dir und Deinen Stellvertretern brauche ich mir nichts sagen zu lassen! Ich weiß es besser!“ Damit trotzt das Geschöpf seinem Schöpfer. Es trotzt der Unwissende der Wahrheit. Es trotzt der anmaßende Stolz der höchsten Majestät. Ein solcher Trotz ist aber in höchstem Maße unvernünftig und damit in höchstem Maße boshaft. Denn boshaft ist, wer wider die rechte Vernunft handelt. In einem einzigen Akt des Unglaubens ist also ein solches Maß an Ungerechtigkeit gegen die göttliche Majestät und ein solches Maß an widersinniger Bosheit enthalten, welches Gott, der gerecht und nicht unverhältnismäßig straft, dazu nötigt, die Höchststrafe der ewigen Verdammnis zu verhängen: „Wer nicht glaubt, wird verdammt werden!“ „Wer aber auf den Sohn nicht hören will, wird das Leben nicht sehen, sondern dem Zorne Gottes verfallen.“ (Joh. 3,36). Kurz: Der Unglaube ist eine so schwere Sünde, daß er allein schon die Höllenstrafe verdient. Deshalb ist im Umkehrschluß der übernatürliche Glaube zur Erlangung des ewigen Heiles unbedingt notwendig.
b) Aufgrund der notwendigen Verbindung mit dem Quell des ewigen Lebens Man kann diese scheinbar so unduldsamen Worte des Heilandes auch noch anders erklären. Als unsere Stammeltern im Paradies sündigten, da hatten sie für sich und für ihre Nachkommen die Gnade Gottes und den Anspruch auf das ewige Leben verloren. Sie waren gerichtet. Alle waren Kinder des göttlichen Zornes geworden. Dann hat der Heiland durch Sein Leiden und Sterben am Kreuz die verlorengegangene Gnade und das ewige Leben für alle wiedererworben. Er hat den Preis bezahlt, uns von der Sünde losgekauft, das auf uns lastende Todesurteil aufgehoben und uns das übernatürliche Leben der Verklärung erworben, das Er uns in Seinem Auferstehungsleib gezeigt hat. Um aber in diesem neu erworbenen Leben der Unsterblichkeit teilzunehmen, müssen wir mit dem Heiland in Verbindung treten. So sagte es der hl. Augustinus († 430): „Das Heilmittel für alle Wunden der Seele und die einzige Sühne für die Sünden der Menschen ist der Glaube an Christus. Und niemand kann überhaupt gereinigt [d. h. gerettet] werden … wenn er nicht durch den Glauben mit dem Leibe [Christi, also der katholischen Kirche] vereint und verbunden ist.“ (Serm. 141). Der erste Faden in dieser Verbindung mit dem Heiland besteht genau darin, daß wir an Ihn, an Sein Werk, an Seine Lehre, an Sein Verdienst, an Seine Kirche glauben. Wer also den Glauben in dem von uns dargelegten Sinne nicht hat oder verweigert, dem fehlt die Grundlage der Verbindung mit Christus. Der ist abgeschnitten vom Quell des ewigen Lebens. Der bleibt vom ewigen Heil ausgeschlossen bzw. er schließt sich selber schuldhaft aus und bleibt damit immer noch unter dem ersten im Paradies ergangenen göttlichen Urteilsspruch des Todes. Und eben deshalb „ist er schon gerichtet“. c) Aufgrund der Berufung des Menschen zu einem übernatürlichen Ziel Gewiß hätte Gott, z. B. für Heiden, zu denen das Evangelium Christi nicht vordringt, sich auch mit einem bloß natürlichen Glaubensakt begnügen und ihnen dafür die Rechtfertigung durch die heiligmachende Gnade mitteilen können, etwa unter folgender Voraussetzung: Der Heide erkennt aus der Herrlichkeit der Schöpfung das Dasein Gottes, und die Stimme des Gewissens sage ihm, daß Gott ein gerechter Vergelter ist. Er unterwirft sich Gott in der vollkommenen Hingabe seiner natürlichen Liebe. Diese an sich natürlichen Akte begleite Gott mit Seiner Gnade – und so erfolge dann die Rechtfertigung. Ein solcher Mensch würde dabei nicht zur Erkenntnis vordringen, daß sein Heil ein übernatürliches ist, aber trotzdem gerettet werden. Diese Vorstellung greift aber zu kurz! Der hl. Thomas von Aquin verwirft diese Ansicht und begründet sein Urteil mit dem Verweis (vgl. S.th. I-II, q. 113, a. 4, ad 2), daß sich der Mensch durch die rein natürliche Gotteserkenntnis mit Gott lediglich auf der Ebene der Natur verbinden kann, nicht aber auf der Ebene der Übernatur. Nun ist das ewige Heil des Menschen aber ein übernatürliches Ziel, weshalb der natürliche Glaube nicht ausreicht, um es zu erreichen. Wie wir den Worten Christi und Seiner hl. Apostel und auch der Lehre der katholischen Kirche entnehmen, fordert Gott tatsächlich in der von Ihm frei gegebenen Heilsordnung absolut und für jeden Fall einen übernatürlichen Glaubensakt zur Erlangung des ewigen Heiles. Und das aus dem vom hl. Thomas angegebenen Grund: Das übernatürliche Heil besteht nämlich für den Menschen in einer freundschaftlichen Anteilnahme an der göttlichen Natur und dem Leben Gottes selbst – also in übernatürlichen Gütern. Auf Erden beginnt diese Lebensgemeinschaft mit Gott durch die heiligmachende Gnade, die sich im Jenseits von selbst in die unmittelbare Anschauung Gottes von Angesicht zu Angesicht und in die Teilnahme an Seiner unendlichen und unermeßlichen Glückseligkeit auswächst. Da der Mensch aber ein vernünftiges Wesen ist, kommt es ihm zu, daß er das ihm gesetzte übernatürliche Ziel auch bewußt anstrebt, nachdem er es mit seinem Verstand aus der Offenbarung Gottes erkannt hat und dem erkannten Ziel aufgrund der Autorität Gottes zustimmt. Kurz: indem er also einen übernatürlichen Glaubensakt leistet. – Erst durch eine übernatürliche Offenbarung Gottes oder die Predigt der katholischen Kirche kann der Mensch Gott als sein übernatürliches Ziel erkennen. Folglich kann der Mensch nur durch einen Akt übernatürlichen Glaubens so auf Gott ausgerichtet werden, daß er ihn als übernatürliches Ziel anstreben und erreichen kann. Deshalb kann ohne Glaubensakt im eigentlichen Sinne kein einziger Mensch das Heil erlangen. Einwände gegen die absolute Notwendigkeit des übernatürlichen Glaubens Gegen diese klaren, bestimmten und sehr ernsten Aussprüche des Heilandes, Seiner Apostel und des kirchlichen Lehramtes haben sich natürlich Einwände erhoben. Was sagt man also gegen die Notwendigkeit des übernatürlichen Glaubens?
a) „Der größte Teil der Menschheit wäre für die ewige Verdammnis vorherbestimmt.“ Man sagt: „Sowohl vor wie nach Christus ist zu einem sehr großen Teil der Menschen keine Kunde von einer göttlichen Offenbarung gedrungen. Diese alle – wohlgemerkt der größere Teil der Menschheit – konnten und können also keinen übernatürlichen Glaubensakt erwecken und somit – ohne ihre eigene Schuld – das ewige Heil nicht erlangen. Wenn aber der größere Teil der Menschheit vom ewigen Heil ausgeschlossen wäre, wie reimt sich das mit dem Wort des hl. Paulus vom allgemeinen Heilswillen Gottes zusammen: ‚Gott will, daß alle Menschen gerettet werden.‘ (1. Tim. 2,4)?“ Es ist wahr, daß die katholische Kirche bekennt, was der hl. Augustinus ausdrücklich auf den Punkt bringt, nämlich daß ohne einen übernatürlichen Glaubensakt selbst solche verlorengehen, die vom Evangelium nichts hören. Wörtlich sagt dieser hl. Kirchenlehrer: „Die [göttliche] Wahrheit sagt, daß niemand von der durch Adam gekommenen Verdammnis befreit wird außer durch den Glauben an Jesus Christus, und selbst jene, die sagen könnten, sie hätten das Evangelium Christi nicht gehört, nicht von dieser Verdammnis befreit werden.“ (De corr. et gratia 7,11). Gerade diese für so viele arme Heiden bedrohliche Sachlage war von Anfang an die Haupttriebfeder für den unermüdlichen Missionseifer der katholischen Kirche. Aus der Tatsache, daß auch solche verlorengehen, die vom Evangelium nichts gehört haben, ergibt sich jedoch keineswegs der Schluß, daß alle Menschen, zu denen nie ein Prediger gekommen ist und die ohne persönliche Schuld nie etwas vom Evangelium gehört haben, von vornherein vom ewigen Heil ausgeschlossen und zur ewigen Verdammnis vorherbestimmt sind. Nein, Gott will, daß alle Menschen gerettet werden! Nichtsdestotrotz verlangt Er aber von jedem Menschen, der tatsächlich gerettet wird, einen Akt übernatürlichen Glaubens. An beiden sicher feststehenden Wahrheiten ist unbedingt festzuhalten, auch wenn wir nicht mit Gewißheit angeben können, wie sie im Einzelfall miteinander vereinbar sind. Fest steht: Kein Erwachsener geht ohne seine Schuld verloren. Jeder empfängt die nötigen Gnaden, um seine Seele zu retten, wenn notwendig auf eine außerordentliche Weise. Die Theologen haben, um die große Spannung zwischen diesen beiden Dogmen aufzulösen, viele Theorien entwickelt. Leider auch viele ganz und gar abwegige Theorien, die einerseits zu den modernistischen Häresien vom „anonymen Christentum“ Karl Rahners und zu den Irrlehren des 2. Vatikanums geführt haben; namentlich zu den Häresien vom Wert der nicht-christlichen Religionen und der Bedeutung der akatholischen christlichen „Kirchen“ im Hinblick auf das ewige Heil; bis hin zur Erklärung Bergoglios, daß alle Religionen von Gott gewollt sind. Alle modernistischen Ansätze leugnen die Notwendigkeit eines übernatürlichen Glaubens in unserem Sinne und erklären stattdessen einen bloß natürlichen, menschengemachten „Glauben“, egal welchen Inhalts, für hinreichend. Andererseits schränken alle rigoristischen Ansätze den allgemeinen Heilswillen Gottes ein. Um nicht auf Abwege zu geraten, muß jeder rechtgläubige Lösungsversuch fünf sichere Wahrheiten unangetastet lassen: 1. Gott will wirklich das übernatürliche Heil aller Menschen. 2. Ohne übernatürlichen Glaubensakt, d. h. aufgrund einer göttlichen Offenbarung, gibt es kein Heil. 3. Das Heil kann nur in der Zeit dieses Erdenlebens gewirkt werden, nicht mehr nach dem Tod. 4. Für Erwachsene, die zum Gebrauch der Vernunft gekommen sind, gibt es im Jenseits nur Himmel oder Hölle. 5. Die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche ist der gottgegebene gewöhnliche Heilsweg. Außerhalb der sichtbaren Gemeinschaft mit der katholischen Kirche ist das Heil viel schwerer zu erlangen, wenngleich nicht gänzlich unmöglich. Auszuschließen ist dabei jedoch jede Form des Indifferentismus, der behauptet, es sei nicht von Bedeutung, welcher Religion man angehört, da man in jeder selig werden könne. – Verstößt nun ein Lösungsversuch gegen eine dieser fünf Wahrheiten, ist er von vorneherein falsch. Sicher ist, daß Gott jedem Menschen in seinem Leben die notwendige Gnade anbietet, daß er einen übernatürlichen Glaubensakt zu seiner Rechtfertigung und zur Rettung seiner Seele setzen kann. Wie Gott das im konkreten Einzelfall tut, ist Ihm überlassen und für uns geheimnisvoll. Der hl. Thomas von Aquin vertritt die Ansicht, der wir uns anschließen, daß Gottes Heilswille selbst einem in fern entlegener Wildnis lebenden Heiden, der guten Willens ist, entweder einen Prediger zusendet oder ihm die christlichen Grundwahrheiten durch eine besondere, zwar innere, aber doch ausdrücklich wahrgenommene Privatoffenbarung zuteilwerden läßt (vgl. 2. Sent. d. 28, a. 4, ad 4; De verit. q. 14, a.11). – Man denke etwa an den Kämmerer der äthiopischen Königin Kandake, dem der Diakon Philippus auf wunderbare Weise gesandt wurde (vgl. Apg. 8,26 ff.), oder an die Sendung des hl. Apostels Petrus zum heidnischen Hauptmann Kornelius (vgl. Apg. 10). Von manchen begnadeten Priestern, wie etwa von Padre Pio, wird berichtet, wie er einerseits in seinem Kloster weilte und gleichzeitig durch das Wunder der Bilokation in weiter Ferne einem Heiden den katholischen Glauben bekanntmachte. – Gott kann sich sodann auch unmittelbar der Seele offenbaren. Eine Privatoffenbarung kann sich bekanntlich ereignen durch Erscheinungen oder Visionen. Tatsächlich berichten manche Muslime, die sich zum Christentum bekehrten, daß sich ihnen Jesus offenbart habe und sie so zum Glauben an ihn gelangt seien. – Diese spektakuläre Form der Privatoffenbarung dürfte jedoch nicht die Regel sein, da davon vergleichsweise wenig zu hören ist. Eine Privatoffenbarung kann sich jedoch auch in viel bescheidenerem Rahmen ereignen. Nehmen wir beispielsweise einen Heiden, der sich bereits auf natürlichem Wege eine annähernd hinreichende Gotteserkenntnis erworben hat. Er merkt in sich den sittlichen Kampf zwischen Gut und Böse. Eines Tages nun, bei einer besonders heftigen Versuchung, merkt er eine plötzliche innere Klarheit und Stärkung im Guten, so daß er sich unwillkürlich sagt: „Das kommt nicht von mir, da ist mir Gott auf übernatürliche Weise zu Hilfe gekommen. Er hat sich mir geoffenbart als der Vergelter von Gut und Böse.“ So kann dieser Heide mit Hilfe der Gnade einen Glaubensakt setzen, der wahrhaft übernatürlich ist und ihm den Zugang zum ewigen Heil ermöglicht. Wir können freilich nicht sagen, auf welchem Wege Gott auch die Heiden zum Glauben und zur Rechtfertigung führt. Aber eines ist gewiß: Wie Gott vermag „aus Steinen, Söhne Abrahams zu machen“ (vgl. Lk. 3,8), so sind auch hier Seiner Weisheit und Allmacht keine Grenzen gesetzt, wenngleich uns Seine konkreten Wege unbekannt bleiben. Gott kommt zu allen. Er hat für jeden eine eigene Art; auch für diejenigen, welche ohne eigene Schuld nichts vom Evangelium hören. Gott wird sich einem solchen Menschen offenbaren; äußerlich oder innerlich; mehr oder weniger, aber doch immer hinreichend deutlich. Mit allen Menschen ist Gott zart, nachsichtig und verschwenderisch großmütig. Deshalb wurde und wird auch kein Heide, ohne seine eigene Schuld, vom übernatürlichen Heil ausgeschlossen und ewig verdammt.
b) „Ein Ungläubiger ist nicht selten ein besserer Mensch als ein gläubiger Katholik.“ Man sagt: „Auf das Leben kommt es an und nicht auf den Glauben. Man kann aber rechtschaffen leben, auch ohne zu glauben; erst recht ohne den katholischen Glauben. Man kann ein Ehrenmann und gleichzeitig ungläubig sein. Ja, unter den Ungläubigen finden sich sogar oft bessere Menschen als unter den Katholiken.“ Sehen wir, was daran ist. Was heißt es denn, „rechtschaffen“ zu leben? Es soll doch heißen: alle seine Pflichten erfüllen. Gewiß gab und gibt es vielleicht immer noch Ungläubige – Muslime, Juden, Protestanten, Atheisten usw. –, die ihre Pflichten gegen ihre Mitmenschen pünktlich erfüllen. Die ihre Eltern in dankbarer Ehrfurcht lieben, die nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen, nicht betrügen, nicht lügen, nicht die Ehre des Nächsten abschneiden und nicht verleumden. Welche die sittlichen Tugenden der Klugheit, der Gerechtigkeit, des Starkmutes und der Maßhaltung besitzen. Solche Menschen sind „Ehrenmänner“ in den Augen der Welt – und doch ungläubig. Also gut. Aber hat denn der Mensch nur Pflichten gegenüber seinen Mitmenschen? Hat er nicht auch strenge Verpflichtungen gegen Gott? Gibt es unter den Zehn Geboten nur solche, die das Leben mit den Mitmenschen ordnen? Oder finden sich darunter nicht auch solche, welche uns Pflichten gegen Gott auferlegen? Ja, und stehen nicht gerade diese Pflichten gegen Gott an erster Stelle? – auf der ersten Tafel? Genau so ist es. Das aber bedeutet, daß die Pflichten gegen Gott eine Vorrangstellung einnehmen und von größter Wichtigkeit sind für einen rechtschaffenen Menschen. – So wahr es einen Gott gibt und so wahr wir Seine Geschöpfe sind, so wahr ist auch, daß wir Ihm unterworfen sind. Von dieser Abhängigkeit und Unterwürfigkeit gegenüber Gott kann uns nicht einmal Gott selbst dispensieren, sonst müßte Er sich selbst verleugnen, was Seiner Wahrhaftigkeit genauso widerstreiten würde wie eine Lüge. – Was hat also der Mensch zu tun, wenn Gott, der Herr, zu Seinem Geschöpf spricht; ihm Sein Wort bekannt macht, Sein Wort beglaubigt? Der Mensch hat sich Gott zu unterwerfen im Gehorsam; indem er Gott gegenüber seine Zustimmung im Glauben leistet, ohne daß sein begrenzter menschlicher Verstand einsieht und begreift. Der Mensch hat zu glauben. Das ist eine schwere Pflicht! Und wenn er diesen Glaubensgehorsam verweigert; wenn er Gott und den von Ihm bestellten Lehrern der katholischen Kirche nicht glaubt, so beleidigt er Gott. Er leugnet Seine Wahrhaftigkeit, Seine Allwissenheit und Seine Allmacht. Er sündigt. Er übertritt seine allererste und allerwesentlichste Verpflichtung gegen Gott, den höchsten Herrn. In den Augen der Welt mag dieser Mensch als „Ehrenmann“, als rechtschaffen gelten. Man mag von ihm sagen, er trage das Herz am rechten Fleck. Aber in den Augen Gottes hat ein solcher Mensch gewiß weder Ehre noch ist er rechtschaffen noch hat er ein gutes Herz. Denn er verachtet Gott und Sein Wort und Sein Gesetz und Seine Gesandten. Und das nimmt Gott persönlich. Deshalb: „Ohne Glaube ist es unmöglich, Gott zu gefallen.“ Übrigens wird ein Mensch ohne den katholischen Glauben auch seine Pflichten gegenüber seinen Mitmenschen nur sehr schwer und mit an Gewißheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht unter allen Umständen erfüllen können. Was wird er tun, wenn kein menschliches Auge ihn sieht? Wenn die Rücksicht auf seine Ehre, auf seinen Namen, auf die öffentliche Meinung wegfällt, wenn keine Polizei, kein Gericht, keine Strafe zu fürchten ist? Wenn große Vorteile locken? Wenn heftige Leidenschaften ihn hinreißen? Wenn seine falsche Religion etwas billigt, gutheißt, vielleicht sogar gebietet, was die christliche Nächstenliebe verbietet? – Was dann? Der Gedanke an Gott hält ihn nicht. Die Furcht vor der Hölle schreckt ihn nicht. Ohne den wahren Glauben wird der sogenannte „Ehrenmann“ nicht bestehen. – Die Goldmedaillen, die den Siegern von sportlichen Wettkämpfen verliehen werden, sehen aus, als wären sie aus reinem Gold, obwohl sie in Wirklichkeit zum größten Teil aus minderwertigerem Metall bestehen und nur mit einer zarten, goldglänzenden Schicht überzogen sind. Auch der Ungläubige kann aussehen und handeln wie ein „Ehrenmann“, aber in der Stunde der Belastungsprobe, der Versuchung, der Leidenschaft wird seine scheinbare Tugend abblättern. Letztlich bleiben sogar die guten Werke der Ungläubigen, eben weil sie nicht aus dem Glauben hervorgehen, für die Ewigkeit ohne Wert. So erklärt der hl. Irenäus von Lyon († 200): „So wie der wilde Ölbaum, wenn er nicht eingepfropft wird, für den Herrn nutzlos bleibt … so bleibt auch der Mensch, der sich nicht durch den Glauben in den Geist einpfropfen läßt, das, was er zuvor war: Fleisch und Blut, die das Reich Gottes nicht erben können.“ (Adv. haer. 5,10,2). Und auch der hl. Fulgentius von Ruspe († 533) sagt, daß die im Unglauben getätigten Werke für die Ewigkeit vergeblich sind, weil der übernatürliche Glaube das Fundament aller ewigen Verdienste ist: „Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen (Hebr. 11,6). Denn der Glaube ist das Fundament aller guten Werke, der Anfang des Heils der Menschen. Ohne diesen Glauben kann niemand in die Schar der Kinder Gottes aufgenommen werden, weil ohne ihn niemand in dieser Welt die Gnade der Rechtfertigung erlangen noch in der Zukunft das ewige Leben besitzen kann … Ohne Glauben ist alle Mühe des Menschen vergeblich.“ (De fide, ad Petrum, Prol. 1).
Die Macht und Schönheit des übernatürlichen Glaubens Wenn der übernatürliche Glaube auf der einen Seite so notwendig ist, so ist er auf der anderen Seite auch ebenso schön. – Um überleben zu können, müssen wir essen. Unser Leben ist von der Speise abhängig. Die Speise ist unserem Leib durchaus notwendig. Nichtsdestotrotz geht es bei der Kunst der Zubereitung von Speisen – der Kochkunst – nicht nur darum, dafür zu sorgen, daß am Ende alle satt sind; es geht darum, der Speise einen Wohlgeschmack zu verleihen. Die Speise sättigt nicht nur, sondern sie erfreut auch die Sinne, wenn sie richtig zubereitet ist. So verhält es sich auch mit dem übernatürlichen Glauben. Der Glaube ist uns zur Erlangung des ewigen Lebens so notwendig wie die Speise für das Leben des Leibes. Aber der Glaube ist auch süß. Er verleiht unserem Leben auch eine geistige Freude. Es ist wahr, daß wir Menschen vom Staub der Erde genommen sind; und manche Ungläubige sagen sogar, wir seien weiter nichts als Staub. Wenn wir aber weiter nichts wären als Staub, dann grinst uns als Ende aller Dinge das offene Grab an. Wie trostlos, zu denken und zu sagen: „Mir bleibt am Ende weiter nichts als das Grab.“ Wie süß ist hingegen, zu glauben, daß es über der Erde und über dem Grab ein ewiges Vaterland gibt, wo es keinen Tod und keine Gräber gibt. Wir sind durch unseren Leib auch den Tieren verwandt. Das ist wahr, und der Ungläubige geht noch weiter und behauptet, der Mensch sei nur ein höher entwickeltes Tier; das beste, das klügste, das vollkommenste Tier. Was für eine niedrige Stufe, auf die sich der Ungläubige selber stellt; letztlich nur, um sein ungebändigtes Triebleben zu rechtfertigen. Was für eine primitive Vorstellung! – Wenn der Mensch weiter nichts als ein Tier wäre und selbst wenn er unter ihnen das vollkommenste wäre, so wäre er zugleich das unglücklichste. Denn das Tier erinnert sich nicht groß an die Vergangenheit; es fürchtet nicht die Schicksalsschläge der Zukunft; es empfindet gegenwärtige Sorge und gegenwärtigen Schmerz noch nicht einmal so tief wie wir. Wenn der Mensch nichts weiter wäre als ein Tier, so müßte er die Tiere beneiden, die zwar auf dieser Erde weniger vollkommen, aber glücklicher oder doch weniger unglücklich sind als der Mensch. Wie schön, wie süß ist es da zu glauben! Der Glaube erhebt uns über alle Tiere und sagt: „Du hast eine unsterbliche Seele, die für Gott geschaffen ist; die für ein ewiges Glück geschaffen und bestimmt ist!“ – Kann das Tier denken? Nein. Es kann nicht einmal lachen oder weinen. Es kann nicht niederknien vor Gott, Ihn nicht anbeten, Ihn nicht lieben, Ihm nicht dienen. Ist also der Mensch durch seinen Verstand, durch seine Sprache, durch seinen feingeistigen Sinn für Humor schon hoch über das Tier erhoben, so ist er noch deutlicher und schärfer von allen Tieren geschieden und noch höher über sie erhoben dadurch, daß er den übernatürlichen Glauben hat, der ihm sein ewiges Ziel und Glück zeigt; der ihn anleitet, wie er sich dieses ewige Glück mit der Gnade Gottes sogar verdienen kann und verdienen soll. Wir sind dem Staub der Erde verwandt. Wir sind den Tieren verwandt. Wir sind auch den Menschen verwandt. Man hat gesagt und sagt es heute noch: „Des Menschen schlimmster Feind ist der Mensch.“ Mit Friedrich Nietzsche (1844-1900) ist in der Moderne sogar ein vielgerühmter und vielgelesener und vielzitierter „Philosoph“ aufgetreten, der in dicken Büchern zu beweisen sucht, es solle der Starke den Schwachen zu Boden schmettern, und den, der schon am Boden liegt, solle man nicht aufheben, und dem, der am Fallen ist, dem solle man noch einen Stoß versetzen, daß er nicht mehr aufsteht. Der Sozialdarwinismus und die Ideologie vom „Herrenmenschen“ sind schreckliche Lehren, welche die Menschen aufeinander hetzen. Es sind die düsteren, brutalen und blutigen Lehren des Unglaubens. – In welch warmem Kontrastlicht strahlt da nicht die Lehre des katholischen Glaubens, der uns das Band der Liebe zeigt, das alle Menschen mit Wohlwollen und tätiger Hilfe umschlingt – selbst die Feinde und erst recht die Schwachen? Wir sind alle von Gott erschaffen – alle für Gott erschaffen! – alle Brüder. Wie schön und mächtig ist der katholische Glaube, der dazu führt, daß die unterschiedlichsten Menschen, aus den unterschiedlichsten Rassen und Kulturen, mit den verschiedensten Hautfarben und Sprachen in genau denselben Glaubensüberzeugungen miteinander übereinkommen; die also einträchtig, gemäß demselben Glauben, leben wie wir; über die wichtigsten Fragen denken wie wir; dasselbe hoffen, was wir hoffen, dasselbe Ziel anstreben, das wir erreichen wollen. Wir sind also keine Einzelkämpfer, die im Mitmenschen einen erbitterten Konkurrenten im Kampf um Leben und Tod zu fürchten hätten. Wir sind nicht allein auf uns selbst, nicht allein auf unsere begrenzten Kräfte, nicht auf unsere Ellenbogen angewiesen, sondern getragen durch die von übernatürlicher Liebe beseelte Gemeinschaft der Heiligen des Himmels und der Gemeinschaft der Gläubigen auf Erden. Durch unsere Seele sind wir auch den hl. Engeln verwandt. Freilich stehen wir unter ihnen. Aber wie schön ist die Wahrheit, die uns der Glaube lehrt, daß diese mächtigen Himmelsgeister für uns beten, daß sie uns helfen, daß sie uns schützen; daß wir dereinst dasselbe Vaterland erben werden, das sie heute schon besitzen. Durch die heiligmachende Gnade sind wir schließlich mit Gott selbst verwandt – dem höchsten Gut. Wie süß ist diese Wahrheit des Glaubens! Kann es etwas Höheres und Schöneres für den Menschen geben, als verbunden zu werden, verbunden zu sein und verbunden zu bleiben mit Gott? Wodurch geschieht das? – Was tun zwei Menschen, die sich nach langer Zeit wiedersehen oder für lange Zeit Abschied voneinander nehmen? Sie umarmen sich. Sie umklammern sich sozusagen mit beiden Händen und beiden Armen, als wollten und könnten sie nie voneinander getrennt werden. – Auch die Seele hat gewissermaßen zwei Hände, zwei Arme, nämlich ihre beiden Grundkräfte – den Verstand und den freien Willen. Und in der Kraft des übernatürlichen Glaubens vermögen diese Arme, Gott zu erreichen, Gott sozusagen zu umfassen und Ihn fest mit uns zu verbinden. Das geschieht mit dem Verstand, indem wir alles unbezweifelt für wahr halten, was Gott gesagt hat; weil Gott selbst es uns durch die unfehlbare Kirche so lehrt. Also im übernatürlichen Glauben. Das ist der eine Arm. Ferner, indem wir unseren Willen dem Willen Gottes im Gehorsam vollständig unterwerfen. Das ist der andere Arm, der Gott das Tor unseres Herzens öffnet; Ihm die Tür unseres Herzens aufhält und Ihn einlädt, darin Wohnung zu nehmen durch die übernatürliche Liebe. Ja, der übernatürliche Glaube ist unbedingt notwendig für unser ewiges Heil. Ohne den Glauben können wir Gott nicht wohlgefallen. Ohne den Glauben können wir nicht gerettet werden. Dieser Glaube verlangt dem Menschen einiges ab. Aber der Glaube verleiht seinem Leben auch große Süßigkeit. Er offenbart dem Menschen den Adel seines Wesens. Er ist ihm Trost im Leben, Hoffnung im Tod. Der übernatürliche Glaube befähigt den Menschen, Gott zu erreichen; Ihn mit beiden Armen zu umfangen; sich an Gott anzuklammern im Leben, im Tod, in alle Ewigkeit. Amen.