Erntedanksonntag
Von der Dankbarkeit
Geliebte Gottes!
Der im 19. Jahrhundert lebende Iwan Sergejewitsch Turgenjew (1818–1883) war einer der bedeutendsten russischen Schriftsteller. In einem seiner Werke erzählt er diese Legende: Der liebe Gott lud einst alle Tugenden zu einem Fest in Seine Paradiesesgärten ein. Alle erschienen voll Freude, die großen und die kleinen Tugenden, die milden, die gestrengen, und alle waren froh, sich vor dem Throne der allmächtigen, unerschöpflichen göttlichen Güte frei bewegen zu dürfen. Ihre schönsten, makellos weißen Gewänder hatten sie angezogen, denn dort bespritzte sie nicht der Neid und die Mißgunst mit ihrem Geifer und auch ihre intime kleine Feindin, die selbstgefällige Eitelkeit, konnte ihnen so nahe vor Gott nichts anhaben, da ja nichts Unreines oder Unvollkommenes in den Himmel vorgelassen wird. Alle Tugenden kannten einander, tanzten in Reigen und sangen melodische Chöre zum Lobe ihres gastlichen Herrn. Nur zwei von den schönsten, vornehmsten und größten Tugenden kannten sich nicht und mußten einander erst einmal vorgestellt werden. Erstaunt über ihr Fremdsein nahm Gott die beiden an der Hand und stellte sie einander vor: Die Tugend der Wohltätigkeit machte er bekannt mit der Tugend der Dankbarkeit. Dabei erklärten beide, daß sie sich nicht daran erinnerten, einander auf Erden begegnet zu sein, und sich wahrlich erst im Himmel beim ewigen Hochzeitsfeste Gottes zum ersten Mal beisammen sahen.
Gewiß, nur eine Legende. Aber ihr liegt die allbekannte Tatsache zugrunde, daß die Wohltätigkeit und die Dankbarkeit sich wirklich selten zusammenfinden. Dankbarkeit ist dünn gesät! Das gilt bezüglich der Menschen untereinander und noch viel mehr bezüglich der Menschen gegenüber Gott.
Die Tugend der Dankbarkeit
Dankbarkeit ist eine Tugend. Es ist diejenige Tugend, die den Willen geneigt macht, empfangene Wohltaten anzuerkennen und zu vergelten. – Das deutsche Wort „danken“ ist verwandt mit dem anderen deutschen Wort „denken“. Danken ist nämlich ein Denken an die empfangenen Wohltaten. Die Dankbarkeit ist also die Tugend der denkenden Menschen, die mit aufmerksamem Sinn durch die Welt gehen. Man soll über die empfangenen Wohltaten nicht gedankenlos hinweggehen, sondern sie in Worten oder auch in der Tat mit Dankbarkeit erwidern. Dankbarkeit ist das Eingedenksein empfangener Wohltaten und ihre positive Vergeltung. Der Dank ist die wohlwollende Erwiderung empfangener Hilfe, erfahrener Gefälligkeit und sogar erlebter Selbstverständlichkeiten durch Wort und Tat.
Die Dankbarkeit gehört dabei in den großen Pflichtenkreis der Gerechtigkeit. Es wird nämlich durch die Dankbarkeit eine gewisse Schuld gegen den Wohltäter abgetragen. Der Wohltäter erscheint als ein Höherer, nicht durch seine Persönlichkeit, nicht durch seinen Rang, sondern ein Höherer durch seine Freigebigkeit; durch seine Huld, die er uns erwiesen hat. Im Danken erkennt der Mensch sein Angewiesensein auf andere, seine Abhängigkeit von anderen, an. Und damit lebt er seinsgerecht und wahrheitsgetreu! So steht beim Danken auf der einen Seite eine freie, meist nicht geschuldete Wohltat, und zwar eine solche, die aus dem guten Willen des Wohlwollens oder der Pflichttreue hervorgeht, und auf der anderen Seite der Wille des Dankenden, welcher der Wohltat bzw. der Treue gedenkt, sie in Worten anerkennt und sie womöglich durch eine Gegengabe zu vergelten bemüht ist.
Aufrichtige und dauernde Dankbarkeit ist eines der sichersten Kennzeichen echten Seelenadels und eines feinen Herzens. Wer dankbar ist, ist demütig, denn er gibt zu, daß er anderen etwas, viel, manchmal sogar alles verdankt. Der Dankbare ist wahrhaftig. Er gibt zu, daß er nicht alles selbst geschafft und erreicht hat, daß andere ihm geholfen haben, daß er von der Güte, von der Nachsicht seiner Mitmenschen lebt.
Das Reifwerden eines Menschen, eines Katholiken, ist im Grunde ein Dankbarwerden. Er wächst in dem Maße, in dem er seine Abhängigkeit von Gott und den Menschen erkennt, anerkennt und sein ganzes Verhalten, sein Auftreten, sein Reden und Urteilen diesem Umstand anpaßt. Dank ist das edle Eingeständnis der eigenen Grenzen und des Angewiesenseins auf einen anderen, auf einen Helfer, auf einen Unterstützer. Wir erkennen und erklären, wie viel wir anderen verdanken. Das ist ehrlich und gerecht. So wird die Dankbarkeit zu einem Schlüssel des Glücks und der Zufriedenheit, weiß sich der Dankbare doch stets über die Maßen beschenkt. Man kann nicht dankbar und unglücklich zugleich sein! Unglück und Unzufriedenheit gehen ja meist mit der Blindheit für all das Gute einher, das den Menschen selbst dann noch umgibt, wenn er ein Kreuz zu tragen hat. Der Dankbare kann selbst in Leiden und Kreuz zufrieden sein.
Dankbarkeit gegenüber Gott
Die größte Pflicht der Dankbarkeit haben wir gegenüber Gott. Denn Er ist der Geber aller Gaben, nicht immer unmittelbar, sondern vermittelt durch viele Zwischenursachen, wie wir noch sehn werden. Aber letztlich geht alles, was wir empfangen, auf Gott zurück. Er ist der Herr von allem, und Er ist der Geber von allem. – Seine schenkende Vaterhand hat uns ins Leben geführt, unter Seinem Segen sind wir im Mutterschoß und später in unserem Elternhaus aufgewachsen. Kein äußeres Gut, kein körperliches Vermögen, keine geistige Kraft, keine unserer Fähigkeiten und Talente, die nicht Gottes Geschenk wären kraft des „concursus divinus“, wie die Theologie sagt, also des allgemeinen Mitwirkens Gottes. Er hat uns ins Dasein gerufen. Er hält uns im Dasein. Bei allen unseren geistigen und körperlichen Tätigkeiten gibt Er uns Fähigkeit und Kraft zum Wirken. Alles geschieht also nur in Seiner Kraft. – Abgesehen von unserer Existenz und unserer Wirktätigkeit schulden wir Gott auch Dank für alle natürlichen und für alle übernatürlichen Gaben.
Wir sehen es oft als selbstverständlich an, daß die Sonne scheint und daß der Regen fällt, und wir wissen doch – und auch die Ernteschäden haben es uns in diesem Jahr wieder gezeigt –, daß es nicht selbstverständlich ist. Wir müssen die Tiefdruckgebiete, die den notwendigen Regen bescheren, herbeibeten, damit die Ernte nicht verdorrt, bzw. wir müssen um trockene Witterung flehen, wenn der allzu viele Regen die Ernte zu vernichten droht. Es ist eben nicht selbstverständlich, daß die Sonne zur rechten Zeit scheint und der Regen zur rechten Zeit fällt, daß der Frühling holdselig kommt und der Sommer mit der Fülle seiner Glut und der Herbst mit dem Reichtum seiner Ernte. Das ist nicht selbstverständlich; darum muß man beten und später muß man für das danken, was die erbarmende Güte Gottes geschenkt hat. Gott gab das Wachstum, Gott schenkte die Ernte. Gewiß, der Mensch hat das Seine dazugetan. Er hat gearbeitet, Maschinen eingesetzt, Dünger ausgebracht. Aber daß wir arbeiten können, daß unsere Maschinen laufen und daß der Dünger wirkt, das ist Gott zuzuschreiben, das kommt von Gott, von Seinem Schaffen, von Seinem Segen, von Seinem Wohltun.
Ferner müssen wir danken, wenn wir in unser Leben schauen. Wie viel hat Gott uns in diesem Leben an Gaben geschenkt! Wie viele unverdiente Wohltaten haben wir von Ihm empfangen! Daß wir gesund waren oder gesund geworden sind, daß wir ein auskömmliches Einkommen hatten, mit dem wir unser Leben bestreiten konnten, daß wir ein Dach über dem Kopfe hatten – auch das ist alles nicht selbstverständlich, wie uns die Nachrichten mit ihren Berichten aus Kriegsgebieten, aus Katastrophengebieten oder aus den sog. „failed states“ vor Augen führen. Viele, ja, unzählige Menschen müssen all das entbehren, was uns so selbstverständlich vorkommt, was uns von Gott gewährt wird, und dafür müssen wir danken. – Über jeden von uns sind schon einmal Stunden gekommen, wo er sich gesagt hat: „Ich kann nicht mehr!“ „Ich schaffe das einfach nicht mehr!“ „Ich kann das nicht mehr ertragen!“ „Das wächst mir alles über den Kopf.“ Und dann haben wir es – o Wunder – doch geschafft, und dann haben wir es doch ertragen. Dabei war Gott im Spiele, der uns gnadenhaft beigestanden ist, daß wir nicht unter der Last der Pflichten, der Schmerzen, der Sorgen etc. zusammengebrochen sind. Und auch dafür müssen wir danken.
Wir sagten, daß die Dankbarkeit den aufmerksamen, denkenden Menschen eigen ist. Diese Menschen nehmen allenthalben Gottes Mahnung zur Dankbarkeit wahr. Denn jeder, dem es schlecht geht; alle, die wir mit Mängeln behaftet sehen – Blinde, Lahme, Kranke oder sonstwie Leidende – sind eine Mahnung für uns zum Danken. Der badische Priester und Dichter Alban Stolz (1808–1883) hat einmal geschrieben: „Gott hat die Lahmen, die Blinden und die Kranken deswegen uns vor Augen gestellt, damit wir an ihnen uns der Gaben erinnern, die Er uns geschenkt hat.“ Jeder Mensch an unserem Lebensweg, der unglücklicher ist als wir, ist eine Mahnung zur Dankbarkeit. Nur leider beachten wir diese Mahnungen häufig nicht. Wir sehen immer nur, was andere angeblich mehr oder besser haben als wir, und betrüben uns darüber, statt uns glücklich zu schätzen mit dem, was wir haben; denn es könnte schlimmer sein. Nein, wenn es in einem Leben an Freude fehlt, dann fehlt es gewöhnlich an Dankbarkeit! Man muß die Gaben Gottes sehen, man muß bedenken, daß sie nicht selbstverständlich sind, und dann wird man dankbar sein und dann auch Freude oder wenigstens Zufriedenheit mit dem eigenen Los empfinden. Dankbarkeit ist also Pflicht gegen Gott für alle natürlichen Gaben.
Noch viel mehr besteht aber die Pflicht zur Dankbarkeit für alle übernatürlichen Gaben. Gott hat uns erlöst, indem er Seinen Sohn in diese Welt sandte. Er hat uns von der Schuld der Sünde frei gemacht; Er hat zur Sühne dafür Sein göttliches Blut vergossen; Er hat uns von der ewigen Verdammnis befreit. Dafür müssen wir danken! „Ich danke Dir, Herr Jesus Christ, daß Du für mich gestorben bist. Ach, laß Dein Blut und Deine Pein an mir doch nicht verloren sein!“ Dieses schöne Gebet, das wir als Kinder gelernt haben, sollten wir oft sprechen. „Ich danke Dir, Herr Jesus Christ, daß Du für mich gestorben bist.“ Und dann fügen wir auch gleich die Bitte bei: „Ach, laß Dein Blut und Deine Pein an mir doch nicht verloren sein!“
Danken müssen wir, daß wir sodann für den Weg zu der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche gefunden haben. Es ist ein großes Glück, katholisch zu sein. Es ist ein Glück, dieser Kirche anzugehören, insbesondere unter den heutigen Umständen, wo es gar nicht so einfach ist, die wahre Kirche zu erkennen und sich von alledem loszumachen, was uns von ihr abhält. Im Lied singen wir es immer wieder: „Fest soll mein Taufbund immer stehen, / ich will die Kirche hören. / Sie soll mich allzeit gläubig sehen / und folgsam ihren Lehren. / Dank“ – Dank! – „sei dem Herrn, der mich aus Gnad‘ / in Seine Kirch‘ berufen hat. / Nie will ich von ihr weichen!“ Danken müssen wir in diesem Zusammenhang für die heilige Taufe, in der uns die Erlösung zugewendet wurde und durch die wir ein lebendiges Glied am Leibe Christi geworden sind. Danken müssen wir für den wahren Glauben! Er ist der Anfang und das Unterpfand des ewigen Heiles, die erste Verbindung mit Gott. Was sind wir glücklich, daß wir wissen, wer Gott ist und was Er für uns getan hat; daß wir wissen, wozu unser Leben dient, woher wir kommen und wohin wir gehen und was wir zu tun haben, um unser ewiges Ziel zu erreichen. Wie sind wir glücklich, daß wir den katholischen Glauben haben. Und wie sind wir glücklich, daß wir die Gebote haben. Sie sind keine Last, sie sind uns Wegweiser zu einem glücklichen Leben. Wegweiser schätzt man und achtet man, weil sie klar den zielführenden Weg anzeigen und vor lockenden Irrwegen fernhalten. Für Wegweiser ist man dankbar.
Die höchste Stufe der Dankbarkeit erklimmen wir, wenn wir Gott danken nicht nur für Seine Gaben, sondern wenn wir Gott danken für Seine große Herrlichkeit, für Seine Majestät, für Seine unendliche Vollkommenheit und wunderbare Schönheit, wie es im „Gloria“ der heiligen Messe heißt: „Wir danken Dir ob Deiner großen Herrlichkeit!“ Hier sehen wir völlig davon ab, daß Gott uns Seine Wohltaten schenkt. Wir schauen nur auf Ihn und Seine wunderbare Wesenheit, Seine Allmacht, Seine Unermeßlichkeit, Seine Ewigkeit. Wir danken Gott dafür, daß Er so ist, wie Er ist.
Weil die Menschen oft wenig über diese Dinge nachdenken, meist oberflächlich vor sich hinleben und ihnen nur selten die Dankespflicht in den Sinn kommt, deshalb fordert uns die Heilige Schrift überall zum Dank auf: „Was soll ich dem Herrn vergelten für alles, was Er mir geschenkt hat?“, läßt der Psalm 115 den Beter fragen. Und der hl. Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Ephesus: „Danket Gott, dem Vater, allezeit für alles im Namen unseres Herrn Jesus Christus.“ (Eph. 5,20) „Strömt über vor Dankbarkeit!“, ruft der Völkerapostel der Gemeinde in Kolossä zu (Kol. 2,7). – Christus Selbst hat uns das Beispiel der Dankbarkeit gegeben. Als Er daranging, den Lazarus vom Tode aufzuerwecken, da sprach er: „Vater, Ich danke Dir, daß Du Mich erhört hast.“ (Joh. 11,41). – Als Er das Allerheiligste Altarsakrament einsetzte, nahm er das Brot und sprach das Dankgebet (vgl. Mt. 26,26; Mk. 14,22; Lk. 22,19). – Undankbarkeit empfindet der Herr schmerzlich. Er hatte einmal zehn aussätzige Männer geheilt. Sie gingen fort, jubelnd, freudig, daß sie rein geworden waren. Aber nur einer von ihnen, der sah, daß er geheilt war, kehrte zurück, fiel vor Ihm nieder und dankte Ihm. Da sprach Jesus: „Sind nicht zehn rein geworden? Wo sind denn die anderen neun? Hat sich keiner gefunden, der zurückkäme und Gott die Ehre gäbe, als dieser Fremdling, dieser Samariter?“ (Lk. 17, 11–19). Die Dankbarkeit gegenüber Gott ist sowohl eine Forderung als auch eine Grundstimmung der christlichen Seele.
Dazu leitet uns auch die Kirche durch ihr amtliches Beten in der heiligen Liturgie an, „Gott immer und überall zu danken“. Die Präfation vor dem Meßkanon beginnt jedes Mal mit dem Aufruf zum Dank: „Lasset uns danksagen dem Herrn, unserm Gott. – Das ist würdig und recht.“ Deshalb haben die Christen des Altertums die hl. Messe in aller Kürze mit der Bezeichnung „Eucharistia“ als „Danksagung“ charakterisiert. Und der Priester fährt daraufhin fort mit den Worten: „Es ist in Wahrheit würdig und recht, billig und heilsam, Dir immer und überall dankzusagen, heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott.“ Der Dank gilt all dem, was Gott in Seiner allmächtigen Güte für uns getan hat. – Den Gipfel erreicht unsere Danksagung jedoch bei der hl. Wandlung. Das hl. Meßopfer ist ja bekanntlich das vollkommenste Dankopfer. Bedenken wir noch einmal, wie groß die Summe des Dankes ist, den wir Gott schuldig sind. Seine natürlichen und übernatürlichen Wohltaten sind so zahlreich, daß wir sie nicht zählen können. So groß, daß wir in Ewigkeit nicht hinreichend dafür danken können. Schauen wir uns um: Alles, was wir sehen am Himmel und auf Erden, sind Geschöpfe und zugleich Wohltaten Gottes, die uns zum zeitlichen Wohl und zum ewigen Heile gereichen sollen. – Schauen wir in uns: Die unsterbliche Seele, von Gott persönlich geschaffen, jedem von uns ganz einzigartig geschenkt. – Schauen wir hinab in die Unterwelt: Der Abgrund der Hölle, vor dem uns Gottes Erbarmen bewahren will, indem Seine Güte das göttliche Blut als Lösepreis bereitstellt. – Schauen wir hinauf in die Herrlichkeit Gottes: Das ewige Leben, die Anschauung Gottes von Angesicht zu Angesicht und die daraus erwachsende ewige Glückseligkeit, zu der Er uns berufen hat. – Welche Gegenleistung könnte all dieser Wohltaten würdig sein? – Hinzukommt, daß Er uns diese Wohltaten erwiesen hat aus reiner, uneigennütziger Liebe: ohne Berechnung, ohne einen Vorteil für Sich und ohne jedes Verdienst unsererseits. Ja, nicht nur ohne jeden Anspruch, den wir vor Ihm gegenüber geltend machen könnten; sondern Er hat all diese Wohltaten einem unwürdigen Geschlecht von Sündern erwiesen, das eigentlich Seinen gerechten Zorn und Seine gerechte Strafe verdienen würde. – Noch einmal: Womit könnten wir solche Wohltaten würdig vergelten? – Der junge Tobias hatte damals dieselbe Frage gestellt, als er seinem greisen Vater nach seiner glücklichen Heimkehr aufgezählt hatte, wieviel Wohltaten ihm sein Reisebegleiter, der hl. Erzengel Raphael, erwiesen hatte (vgl. Tob. 12). – Was könnten wir Gott geben für alles, was Er uns getan hat? Wir haben nichts. Wenigstens nichts, das Er uns nicht zuvor gegeben hätte. Und erst recht nichts, was Seinen Wohltaten entspräche! – Sollen wir dann eben als Undankbare vor Gottes Angesicht leben? – Nein! Die Kirche hat von unserem göttlichen Erlöser das hl. Meßopfer anvertraut bekommen, damit wir es als Dankopfer darbringen und zu Gott sagen können: „Siehe herab, gütiger Vater! Wir bringen Dir das hl. Opfer Deines vielgeliebten Sohnes dar. Eine Gabe, so kostbar, daß auch Du uns nie etwas Besseres geschenkt hast. Es ist zwar wahr, daß auch Du es warst, der Deinen Sohn einst auf die Erde herabgesandt hat. Einmal! Aber siehe, täglich bringen wir Ihn Dir zum Opfer dar. Möge Er Dir in unserem Namen danken für alles, was Du uns Gutes getan hast, und wofür wir Dir in Ewigkeit nie genug werden danken können. Nimm an das vollkommene Dankopfer dieser hl. Messe.“
Danken sollen wir aber nicht nur bei der hl. Messe. Jeden Morgen sollen wir für das Geschenk eines neuen Tages danksagen; daß wir die Nacht überlebt haben, daß wir von neuem das Tagewerk aufnehmen dürfen, daß wir unsere Glieder regen können und arbeiten dürfen. Danken sollen wir für Speise und Trank. Danken für das vollbrachte Tagewerk; daß wir es geschafft haben, den Tag zu bewältigen. Wir haben im Deutschen die schöne Redewendung „Dank sei Gott“ oder „Gott sei Dank“. Wir gebrauchen sie ja manchmal ohne starke innere Beteiligung, aber richtig ist sie in jedem Fall.
Dankbarkeit gegenüber den Menschen
Wie wir eingangs sagten, erweist uns Gott zahllose Wohltaten durch Zweitursachen; vor allem durch unsere Mitmenschen. Auch die Menschen, insbesondere diejenigen, welche uns für das Leben tüchtig gemacht haben, verdienen unsere bleibende Dankbarkeit: Eltern, Erzieher, Lehrer, Priester. Sie sind die Werkzeuge in der Hand Gottes, durch die Er uns Gutes tut.
An erster Stelle sind wir dabei den Eltern zum Dank verpflichtet. „Von ganzem Herzen ehre deinen Vater und vergiß deine Mutter nicht, die dich mit Schmerzen geboren hat“ (Sir. 3,1–16), heißt es im alttestamentlichen Buch Jesus Sirach. „Bedenke wohl, daß du ihnen das Leben verdankst. Wie kannst du ihnen vergelten, was sie an dir getan haben?“ (Sir 7,28). Antwort: Gar nicht! Wir können den Eltern das Leben nicht schenken, wenn sie gestorben sind. Deshalb bleiben wir immer in ihrer Schuld und daher zu immerwährendem Dank verpflichtet. Gewiß, manche Eltern vernachlässigen ihre Pflichten gegenüber ihren Kindern. Aber das schließt nicht aus, daß die Kinder ihnen nicht trotzdem dankbar sein müßten. Es ehrt solche Kinder aber umso mehr, daß sie Dank abstatten, obwohl vielleicht an ihnen etwas versäumt worden ist. – Wir müssen auch dankbar sein für jede Rüge und für jede Zurechtweisung. Nicht unwillig sein, sondern dankbar sein! Wir lernen aus dem Tadel die Wahrheit über uns kennen; jene Wahrheit, für die wir selber meist blind sind. Die Zurechtweisung zeigt uns, was uns fehlt. Wir erfahren, was wir erwerben müssen, und das ist wahrlich ein Grund zur Dankbarkeit. – Dankbar müssen wir sein für die Menschen, denen wir im Leben begegnen. Sie alle können uns etwas vermitteln, sie können uns auf etwas aufmerksam machen, sie können uns zu etwas mahnen und vor etwas warnen. Freilich sind auch hier wieder Aufmerksamkeit und das Nachdenken gefordert. Wir müssen nämlich überlegen, welche Botschaft uns die Menschen an unserem Lebensweg von Gott bringen. Also nicht achtlos und gleichgültig an ihnen vorübergehen, sondern dankbar und aufmerksam. – Schließlich ist der Dank auch gegenüber Selbstverständlichkeiten und gegenüber pflichtmäßigem Tun keineswegs überflüssig. Er ehrt die Zuverlässigkeit und die Treue, mit der ein anderer seinen Dienst verrichtet.
Danken müssen wir also Gott, danken müssen wir aber auch den Menschen, denn wir empfangen von ihnen mannigfaltige Wohltaten. Keiner kann allein auf sich gestellt durch das Leben gehen. Jeder braucht Belehrung, Führung, Unterstützung, Hilfe. – Der Dank weckt Freude bei dem Wohltäter, denn er sieht seine Wohltat bestätigt. Der Dank wirkt versöhnlich, denn er zeigt, daß der Empfänger die Wohltat zu schätzen weiß.
Das Laster der Undankbarkeit
Das der Dankbarkeit entgegenstehende Laster ist die Undankbarkeit. Sie erwächst einerseits aus einer stumpfsinnigen Oberflächlichkeit und andererseits aus einem Mangel an Glauben. Sie heben die Zurückbeziehung alles Guten auf Gott und damit auch den Dank gegen Gott auf. Dadurch wird aber regelmäßig die Selbstsucht und die Weltsucht im Menschen entfesselt, sodaß die Menschen auch untereinander nicht mehr Dank sagen. „Undank ist der Welten Lohn“, sagt der Volksmund. Der hl. Paulus sieht im Undank gegen den erkannten Gott die letzte Quelle des Heidentums. „Obwohl sie Gott erkannten, haben sie Ihm nicht als Gott Ehre und Dank erwiesen, sondern sind in ihren Gedanken in nichtigen Wahn verfallen, und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert“, schreibt er im Brief an die Römer (Röm. 1,21).
Jede Sünde ist Undank gegen Gott. Statt Ihn zu ehren, raubt die Sünde Gott die äußere Ehre, und das ist Undank. Deswegen bekennen wir ja im Reuegebet, daß wir gegen Gott, unseren größten Wohltäter, so undankbar gewesen sind.
Undank wirkt verletzend auf die Mitmenschen. Der Wohltäter erwartet ein Wort oder ein Zeichen des Dankes. Bleibt es aus, fühlt er sich gekränkt. Ein Priester hatte einmal einem seiner Verwandten eine teure Armbanduhr geschenkt. Dieser bedankte sich nicht dafür. Als ihn der Vater zum Dank aufforderte, entgegnete der Beschenkte: „Er braucht mir ja nichts zu schenken.“ Undank tut weh. Aber wir dürfen uns durch Undankbarkeit nicht verbittern lassen und unsere hilfreiche Hand von dem Undankbaren nicht zurückziehen. Die hl. Katharina von Siena pflegte einst eine schwerkranke Frau. Zum Dank für ihre Güte wurde sie von ihr verdächtigt und in ihrer Ehre gekränkt. Die Mutter Katharinas wollte sie abhalten, noch einen Schritt zu der bösartigen Kranken zu tun. Aber Katharina antwortete: „Glaubst du, unser Heiland ist zufrieden, wenn wir Werke der Barmherzigkeit unterlassen, nur weil wir Undank ernten? Hat der Erlöser, als er am Kreuze die Schmähworte des undankbaren Volkes hörte, darum sein Erlösungswerk aufgegeben?“ Undank unter Menschen ist nicht selten. Undank ist Zeichen einer schäbigen Gesinnung. Undankbarkeit wohnt nur in zurückgebliebenen, verkümmerten Seelen.
Es gibt leider so anspruchsvolle Menschen, die sich selbst nicht nur als hilfsbedürftig fühlen, sondern eine Art Kult mit ihrer Hilfsbedürftigkeit betreiben. Sie sind der Meinung, daß alle anderen Menschen, die mehr haben, denen es besser geht, ihnen den Tribut des Mitleids, der Hilfe und Unterstützung zu entrichten haben. Ja, es gibt ganze Gruppen und Klassen von Menschen, die der Meinung sind, sie seien immer benachteiligt, sie würden immer zurückgesetzt, sie könnten sich immer klagend und anklagend an ihre Mitmenschen wenden und ihnen sagen: „Entrichtet mir, was ihr mir schuldig seid!“ Es sind die Menschen, die von der hochmütigen Haltung durchdrungen sind, daß ihre Ansprüche viel größer sind als das, was ihnen gewährt wird. Solche Menschen kennen nicht das Gesetz der Gnade. Sie kennen nicht das wundervolle Erlebnis des freien Schenkens und des liebenden Empfangens. Sie strecken immerfort ihre Hände aus, aber nur fordernd und drohend. Sie können sich nicht wirklich beschenken lassen, weil sie alles, was ihnen gewährt wird, als ihr gutes Recht, als ihr verbrieftes Recht ansehen. Sie empfangen vermeintlich immer zu wenig und viel weniger, als ihnen vermeintlich zustünde. Darum haben sie auch nie Grund, ein Dankeswort zu sagen. Diese Menschen können auch nicht wieder schenken, denn sie sind immer nur fordernd. Sie können weder ihre Habe noch ihre Seele, weder ihre Hand noch ihr Herz wirklich verschenken. Sie können nicht lieben. Denn sie sind niemals bereit, für jemanden überfließend, für jemanden ganz offen da zu sein; sie sind nur für sich da und beanspruchen die anderen für sich selbst. Es ist klar, daß diese Menschen unter einem furchtbaren Leid stehen, nämlich dem Leid einer verfälschten Wahrnehmung, einer getrübten Urteilskraft, eines verdorbenen Gerechtigkeitssinnes, eines unzufriedenen Herzens, eines selbstzentrierten Lebens; kurz: dem Leid einer verkümmerten Seele. Es geht nur Bitterkeit und Forderung von ihnen aus. Sie sind überempfindlich und geben sich wegen Kleinigkeiten beleidigt und verletzt. Sie kennen die Freude des schöpferischen, des schenkenden, des überströmenden Menschen nicht. Und so wird ihr Menschsein immer düsterer, immer härter, immer verbitterter, immer verknöcherter.
Dankbar werden!
Um nicht durch die Undankbarkeit zu einer solchen Karikatur zu werden, müssen wir aufmerksam und als denkende Menschen durchs Leben gehen und dafür sorgen, daß Wohltätigkeit und Dankbarkeit stets zusammentreffen und nicht erst vor dem Richterstuhl Gottes miteinander bekannt gemacht werden. Wir müssen dankbare Menschen werden. Dankbar gegen Gott und gegen seine Geschöpfe. Es gibt ein schönes Gebet, in dem der hl. Thomas von Aquin seinen Dank gegen Gott ausdrückt. Dieses Gebet wollen wir uns heute, bei der Feier unseres Dankopfers für die empfangenen Gaben, zu eigen machen: „Gelobt, gepriesen, gebenedeit seist Du, mein Gott, der unendlichen Wohltaten wegen, die Du mir Unwürdigem erwiesen hast! Ich preise die Nachsicht, die Du mir schon so lange entgegenbringst; die Sanftmut, mit der Du Vergeltung nur zum Schein übst; die Milde, mit der Du mich rufst; das Wohlwollen, mit dem Du mich aufnimmst; die Barmherzigkeit, mit der Du meine Sünden vergibst; die Güte, mit der Du mich über meine Verdienste überhäufst; die Schonung, die der Beleidigungen nicht gedenkt; die Herablassung, mit der Du mich tröstest; die Geduld, mit der Du mich beschützest; Deine Ewigkeit, die mir aufgespart ist; Deine Wahrheit, die mich belohnt. Was soll ich, o mein Gott, von Deiner unerschöpflichen Freigebigkeit sagen? Du rufst sogar den Flüchtenden zurück, nimmst den Umkehrenden wieder auf, stützest den Strauchelnden, tröstest den Verzweifelnden, spornst den Nachlässigen an, bewaffnest den Kämpfenden, krönst den Siegenden. Den Sünder, der Buße getan hat, verachtest Du nicht und gedenkst nicht mehr der Dir zugefügten Beleidigungen. Du errettest ihn aus vielen Gefahren, Du erweichst das Herz des Reumütigen, Du erschreckst den Sünder durch Strafen, Du lockst ihn durch Verheißungen, Du weist ihn durch Züchtigungen zurecht, Du behütest ihn durch seinen Schutzengel. Du schenkst uns zeitliche Güter und bewahrst für uns ewige auf. Du ermahnst uns im Zeichen unserer geschöpflichen Würde. Du zeigst uns den köstlichen Lohn und verheißest uns die Früchte der Erlösung. Für all das kann ich Dich nicht genug preisen. Ich sage Deiner Majestät Dank für den Überfluß Deiner unendlichen Güte, auf daß Du immer die Gnade in mir vermehrst, das Vermehrte bewahrst und das Bewahrte belohnst.“ Amen.