„Mußte Christus nicht all das leiden?“

Geliebte Gottes!

Kreuz und Leid stellen zu allen Zeiten eine Herausforderung an unseren Glauben dar. Jeder der Apostel und Jünger war unter der Last des Kreuzesleidens Christi am Karfreitag zerbrochen. Wie kann das sein? Der Sohn Gottes mußte leiden und sterben?

Am Ostermorgen sammelt der Auferstandenen als Guter Hirte die versprengten Schafe. Sanft erweckt Er den übernatülichen Glauben in den verwundeten, trostlosen Seelen Seiner Jünger. Doch bei allem Fingerspitzengefühl, das Er dabei walten läßt, kann Er einen Tadel doch nicht zurückhalten: „O ihr Unverständigen, wie schwerfällig ist euer Herz, an all das zu glauben, was die Propheten gesagt haben! Mußte nicht Christus dies alles leiden und so in Seine Herrlichkeit eingehen?“ (Lk. 24, 25 f.). Diese Worte unseres göttlichen Erlösers galten nicht nur den Emmaus-Jüngern, sondern sie richten sich an die Christen aller Zeiten!

Mußte Er leiden?

Damit wir die Leiden und Prüfungen unseres Lebens im Glauben recht annehmen und tragen können, ist es von großer Wichtigkeit, das Geheimnis vom Leiden und der Auferstehung unseres Herrn und Heilandes richtig zu verstehen. Bis das nicht geschehen ist, wird unsere Osterfreude, wie bei vielen nicht-katholischen Christen, lediglich eine aufgesetzte und oberflächliche sein, die dann auch schnell wieder aus unserem Herzen verschwindet. Also: „Mußte nicht Christus dies alles leiden und so in Seine Herrlichkeit eingehen?“

Ja, Er mußte! – So hat es unser Herr Jesus Christus jedenfalls gesagt und gemeint; so hat es der hl. Evangelist Lukas niedergeschrieben und so hat es die vom Heiligen Geist erleuchtete Kirche stets verstanden: Das Kreuz gehört zur Osterbotschaft! Die vollständige Predigt des katholischen Bekenntnisses erschöpft sich nicht in dem Jubelruf: „Christus ist auferstanden! Alleluja!“ Sie lautet: „Er mußte all dieses leiden und so in Seine Herrlichkeit eingehen.“ Daß es so ist, darf keiner mehr in Zweifel ziehen, weil es geschrieben steht. Warum das so ist, muß von jedem Katholiken wieder und wieder neu durchdacht werden, will er die einzige von Christus gestiftete Religion verstehen und den einzigen Weg zum ewigen Heil, den sie weist, sicher beschreiten.

Warum mußte Er leiden?

So fragen wir also nach dem „Warum“. Warum mußte Christus das alles leiden? Der Evangelientext des Ostermontags selbst gibt uns eine greifbare Antwort: So stand es bei den Propheten geschrieben (vgl. Lk. 24,27). Christus wurde in die Welt gesandt, um Seinen vom Vater mittels unzähliger alttestamentlicher Weissagungen minuziös vorgezeichneten Weg zu beschreiten, um alles, bis zum „Mich dürstet!“ (Joh. 19,28) am Kreuz, getreulich und aufs Jota genau, zu erfüllen. Darauf konnte Er die Jünger verweisen: „Und angefangen von Moses und allen Propheten legte Er ihnen dar, was sich in allen Schriften auf Ihn bezieht.“ (Lk. 24,27). Die alttestamentliche Prophetie hatte sich zur Gänze an Ihm erfüllt. Deshalb kann es keinen Zweifel mehr daran geben: Jesus Christus ist der verheißene Erlöser der Welt. Wenn die Propheten den Messias als den „leidenden Gottesknecht“ (vgl. Is.53, Ps. 21) vorherverkündeten, dann mußte Er um der Erfüllung der Weissagung willen, das alles Leiden. Jedoch bleibt diese Antwort auf das „Warum“ unbefriedigend; verschiebt sie die Frage doch nur. Denn, wäre das qualvolle Leiden nicht in Gottes ewigem Plan gelegen, dann hätten auch die Propheten nicht über Sein Leiden geweissagt, sondern hätten ein anderes Messiasbild skizzieren müssen, an dem Christus erkannt worden wäre und der Weg zur Auferstehung wäre nicht notwendigerweise über Golgotha gegangen.

So drängt sich uns eine weitere Frage auf: Gab es für Gottes Vorsehung eine Alternative? Mußte Er Seinem Sohn das alles wirklich abverlangen? Wäre es nicht ohne Blutvergießen ebensogut gegangen?

Ob man auf diese Frage eine Antwort findet, hängt nicht zuletzt vom Tonfall der Fragestellung ab. Wer Gott vorwurfsvoll zur Rechenschaft ziehen möchte, oder auch nur Seine Weisheit auf die Probe stellt, der kommt keinen Schritt weiter, weil er sich, wenn auch vielleicht nicht gleich zum Richter über Gott, so doch auf gleiche Augenhöhe mit Ihm aufgeschwungen hat, und sich damit auf ein Gelände wagt, für das der Mensch nicht ausgerüstet ist. Nur wer als Gottsucher diese Frage stellt; nur, nur wer die Tatsache der Passion des Gottmenschen als notwendige Gegebenheit gelten läßt und einzig den sich dahinter verbergenden göttlichen Ratschluß näher kennenlernen möchte – und damit Denjenigen, der fraglos immer recht hat – nur einem solchen Gottsucher wird die Erleuchtung des Geheimnisses vom Leiden und Tod Christi zuteil.

Das Echo der Liebe

Gehen wir aus von der tiefsinnigsten Aussage, die bisher über Gott gemacht wurde, vom Satz des heiligen Apostels Johannes: „Gott ist die Liebe“ (1. Joh. 4,16). Und damit ist Er auch der unendlich Liebende. Jeder Liebende verlangt nach einer Antwort auf seine Liebe, nach der Gegenliebe. Die Schöpfung Gottes kann folgerichtig nur dann „in Ordnung“ sein, wenn sie Gottes Liebe erwidert; wenn sie Ihm die Liebesantwort, die sie Ihm schuldet, im bestmöglichen Maße gibt.

Darum hätte eine Schöpfung ohne intelligente und liebefähige Geschöpfe niemals sinnvoll sein können. Eine aus bloß unvernünftigen Kreaturen bestehende Schöpfung wäre außerstande, die Liebesantwort zu geben, welche Gott für Seine Schöpferliebe gerechterweise einfordert. Hat die Schöpfung aber einmal mit dem Menschen die Höhe des Liebens erreicht, dann bietet sie Gott etwas, was nur den Geschöpfen möglich ist: Die Liebesentscheidung aus freiem Entschluß. Die Liebe zwischen Vater und Sohn im Heiligen Geist in der Dreifaltigkeit ist zwar nicht unfrei, aber sie ist notwendig, d.h. die drei göttlichen Personen können gar nicht anders, als sich in dem einen göttlichen Wesen in Liebe zu umfangen, wenn das auch unser Begreifen übersteigt. – Auch unsere Gottesliebe wird einmal in der ewigen Vollendung notwendig sein. Wenn wir einst Gott von Angesicht zu Angesicht schauen, dann werden wir Seine unendliche Güte und Liebenswürdigkeit erkennen. Wir werden unverhüllt schauen, wie würdig Er unserer Liebe ist. So wie die Liebe der Heiligen, die jetzt schon im Himmel sind, wird auch unsere Liebe dereinst eine notwendige sein. Und auch wir werden gar nicht anders können, als Gott zu lieben und dabei gleichzeitig die Fähigkeit verlieren, sündigen zu können. Aber selbst dann wird unsere Gottesliebe noch den Stempel des „Gewordenen“ an sich tragen, daß sie einmal keine Notwendigkeit, sondern ein „freier Entschluß“ war.

Von hier aus könnte man auch ohne den Sündenfall eine Menschwerdung des ewigen Gottessohnes als sinnvoll annehmen, weil in Ihm, im fleischgewordenen Gotteswort, das Liebesecho der gesamten Schöpfung, zu deren Teil Er sich in der Menschwerdung gemacht hat, ein derart unüberbietbares Höchstmaß erreichen würde, das anders nicht erreichbar wäre. Nur der Gottmensch kann ja aufgrund der unendlichen Würde Seiner göttlichen Person im Namen alles Geschaffenen der Majestät Gottes die aller vollkommenste Liebesantwort geben.

„Da Er die seinen liebhatte, so liebte Er sie bis ans Ende“ (Joh. 13,1).

Die Schöpfungsordnung wurde gestört durch die Sünde. Wie es dazu kam, wissen wir aus der Offenbarung. Darüber brauchen wir uns an dieser Stelle nicht weiter zu verbreiten. Es genügt uns, kurz klar zu machen, was die Sünde ist. Letzten Endes ist die Sünde das „Geheimnis der Bosheit“ (2. Thess. 2,7). Sie kam durch die Stammeltern in die Welt und hat den gesamten Kosmos verändert. Inwiefern? – Das Wesen der Sünde besteht nicht in der konkreten Unordnung, welche diese oder jene Sünde darstellt, sondern im freien Verweigern der schuldigen Liebesantwort gegenüber Gott, der die Liebe ist. Darum verkehrt die Sünde die Schöpfungsordnung in ihr Gegenteil und läßt – so sie nicht gesühnt wird – nur die Möglichkeit einer perversen, widersinnigen Schöpfung, die in selbstsüchtiger Eigenliebe und im Haß Gottes erstarrt ist, übrig. Das ist die Hölle.

Tritt nun der Sohn Gottes als Erlöser durch den Schoß der unbefleckten und jungfräulichen Gottesmutter Maria mit einer in makelloser Unschuld strahlenden menschlichen Natur bekleidet in die Schöpfung der Sünde ein, dann ist zwar schon die Liebe Seines allerheiligsten Herzens in der Krippe oder während Seines verborgenen Lebens etwas so Gewaltiges, daß neben ihr die Verweigerung der Liebe aller Sünder zusammengenommen gar nicht mehr ins Gewicht fallen kann. Allein schon um der unendlichen Liebe des Jesuskindes willen hätte sich die Schöpfung für Gott gelohnt. Doch trotzdem bliebe die Tatsache bestehen, daß da die Schöpfungsharmonie irgendwo noch durch eine Dissonanz gestört würde; ein im Vergleich zur Liebe Christi winziges Minus in der Summe der Liebe, welches Gott als Echo von Seiten der Schöpfung erntet. Diesem Minus sollte ein Plus gegenübergestellt werden. Soweit wir sehen, ist nur eine Möglichkeit für dieses Plus gegeben, da der Liebe Christi wesentlich nichts hinzugefügt werden kann. Diese Möglichkeit besteht einzig darin, daß die unendliche Liebe des Gottessohnes Jesus Christus der äußersten Belastungsprobe ausgesetzt wird, die nur möglich ist – im „Plus“ des Kreuzes. Die gekreuzigte Liebe ist mehr als nur frei geschenkte Liebe, sie ist schmerzvoll bewährte Liebe mit dem klarsten Ausdruck der vorbehaltlosen und selbstlosen Hingabe, die überhaupt möglich ist. Von hier aus wird der Ausruf des heiligen Augustinus verständlich: „Felix culpa, glückselige Schuld.“ Und das Osterexsultet fügt überschwenglich hinzu: „O glückliche Schuld, gewürdigt eines Erlösers so hehr und erhaben.“ – Glückliche Schuld! – Es wäre ein Frevel, wenn dieses Wort von der menschlichen Sicht her verstanden würde, als wolle man die Sünde seligpreisen. Es muß von Gott her verstanden werden. Die Sünde wurde für die äußerste Liebe des Gottmenschen zum Anlaß, um unter der Extrembelastung des Kreuzes selbst den allerletzten Mangel an der Liebesantwort der gefallenen Schöpfung sühnend aufzuwiegen und in unendlichem Maß zu übertreffen. Darum steht die Erlösungsordnung über der Schöpfungsordnung.

Ob die zwei Jünger auf dem Wege nach Emmaus es schon begriffen haben, warum Christus „dies alles leiden und so in Seine Herrlichkeit eingehen mußte“? – Wir wissen es nicht. Aber es scheint so, wenn wir ihren Ausruf so verstehen dürfen, wie er gesagt worden ist: „Brannte nicht unser Herz, als Er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erklärte?“ (Lk. 24,32).

„Per crucem ad lucem.“ – „Durch das Kreuz zum Lichte.“

Erst wenn man sich in diese Tiefe der Gedanken vorgewagt hat, warum der ewige Vater Seinen wesensgleichen Sohn, den Er so sehr liebt, am Kreuz verbluten ließ, wird verständlich, warum der Weg der Erlösung auch für uns, selbst nach dem österlichen Triumph Christi in Seiner Auferstehung, eine Nachfolge auf dem Kreuzweg sein muß. Das zu begreifen, ist von größter Wichtigkeit! Sonst bliebe auch für uns Katholiken das Ärgernis des Kreuzes und die große Versuchung, im eigenen Kreuz ständig zu fragen: „Warum? Warum ich? Ist es denn nicht genug, daß der Herr so gelitten hat? Willst Du immer noch mehr Leid in Deiner Schöpfung sehen, Du geheimnisvoller Gott der Rache?“ – Wer in der übernatürlichen Kreuzeswissenschaft bewandert ist, weiß, daß es zu unserer Auserwählung gehört, auf dem Kreuzweg nachfolgen zu dürfen und in Vereinigung mit Christus durch die heiligmachende Gnade auch selber die Belastungsprobe der Liebe auszuhalten; durch Christus, mit Ihm und in Ihm liebend gekreuzigt zu sein. So erblickten die Heiligen aller Jahrhunderte ihr Kreuz und nahmen es als Gnade und Versicherung ihrer Auserwählung dankbar und ergeben, ja sogar mit Freude an. So betrachteten die Märtyrer ihr unausweichliches Todeslos und gingen ihren Qualen jubelnd entgegen. Den Heiligen wurde unheimlich zumute, wenn sie über längere Zeit nichts zu erleiden hatten. Die hl. Theresia von Avila betete in einer Phase, da sie die Last ihres Kreuzes kaum zu spüren hatte, sogar: „Herr, liebst Du mich denn gar nicht mehr?“ Der natürlich denkende Christ würde im Freisein von Kreuz und Leid wohl eher ein Anzeichen des besonderen Segens Gottes vermuten. Nicht so die Heiligen. Im Gegenteil! Man sagt vom hl. Ignatius, daß dieser stets mißtrauisch wurde, wenn die Dinge problemlos liefen. Er wertete es als ein Anzeichen des nahenden Zusammenbruchs, wenn über eine längere Strecke das Kreuz im Leben des Menschen fehlt. Die Heiligen hatten die Lektion bereits verinnerlicht, die wir meist noch zu lernen haben. „Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Schutz vor den Feinden, Mitteilung himmlischen Trostes, Stärke des Geistes, seelische Kraft, Freude des Geistes, im Kreuz liegt der Inbegriff der Tugend, die vollendete Heiligkeit. Es gibt kein Heil der Seele und keine Hoffnung ewigen Lebens außer im Kreuze.“ (Nachfolge Christi, II, 13). Deshalb liebten die Heiligen das Kreuz, weil sie sich darin vor allem als von Gott Auserwählte sahen, und nicht als von Ihm geschlagen!

Die falsch verstandene Osterbotschaft

Es gehört zu den gefährlichsten Verfälschungen der katholischen Glaubensverkündigung, wenn die auf dem 2. Vatikanum gegründete konziliare Kirche des „Novus-Ordo“, die Aufforderung zum Kreuztragen unterschlagen will, und statt dessen meint, unter Aufbietung aller natürlicher Kräfte in Form von Gerechtigkeit-, Solidaritäts- und Humanitätsappellen das Kreuz aus der Welt schaffen zu können. Das Evangelium der synodalen Kirche lautet bekanntlich: „Die Reichen müssen arm werden. Wenn alle arm sind, wäre die Welt reicher.“ Freilich, wir sollen und dürfen nicht zynisch werden und dort, wo wir helfen können, tatenlos vom Kreuz sprechen: „Trag dein Kreuz; es wird dich tragen.“ Nein, so hartherzig dürfen wir nicht sprechen, weil es uns nicht zukommt, anderen das Kreuz aufzuerlegen. Wir können nie ermessen, wie groß die Tragfähigkeit dessen ist, der zu tragen hat. Das weiß nur Gott, der die Lasten wie auch die zum Tragen notwendigen Kräfte verteilt. Seine Vorsehung plant dabei nicht nur die Kräfte des schwer Beladenen ein, sondern auch die der Umstehenden. Deshalb haben wir zu helfen, wo immer wir können! – Aber dennoch! Wir sollen uns nicht einbilden, wir könnten mit all unserem Bemühen die Menschen vom Kreuz herab holen.

Das österlich verklärte Kreuz

Es wird immer ein Kreuz bleiben. Aber damit sie dieses Kreuz tragen können, müssen wir den Menschen helfen. Nur dort sind unsere Gebete am richtigen Platz. Sonst hätten wir die Ordnung des Evangeliums im Stile der modernistischen Konzilsreligion verkehrt. Deshalb sollten wir, dem Rat der Heiligen folgend, für uns und für andere weniger um die Wegnahme des Kreuzes beten, als vielmehr um die Kraft der helfenden Gnade Gottes, es ergeben und für die Ewigkeit fruchtbringend tragen zu können. Wir müssen lernen, immer vollkommener in die Liebesantwort des Gekreuzigten einzustimmen. Als Jünger Christi stehen wir nicht über dem Meister (vgl. Lk. 6,40). Deshalb müssen auch wir in diesem Leben dem Gekreuzigten gleichförmig werden, damit wir im Leben nach dem Tod auch Anteil an Seiner österlichen Herrlichkeit haben können. So müssen auch wir „dies alles leiden und so in die Herrlichkeit eingehen.“ Diese Osterbotschaft ist in den Ohren des modernen Menschen unerträglich. „Hart ist diese Rede; wer kann sie hören?“ (Joh. 6,60). Und doch bleibt sie wahr! Bis zum Ende der Welt bleibt sie im Blut des Gotteslammes geschrieben. Wer sie im Lichte des übernatürlichen Glaubens liest, dem wird sie eine frohe Botschaft sein. Dann erscheint auch das persönliche Kreuz schon jetzt im österlichen Licht verklärt, wie ein Zweig am neuen Paradiesesbaum, der die süßen Früchte des ewigen Lebens hervorbringt. Amen.

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