Fronleichnamsfest
„Ich bin bei euch!“
Geliebte Gottes!
Fronleichnam ist unbestritten jenes Fest im ganzen Kirchenjahr, welches mit dem größten äußeren Aufwand begangen wird. Und das mit gutem Grund, geht es doch darum, das größte Gut, welches ihr der göttliche Heiland anvertraut hat, der Welt in einem angemessenen Rahmen zu zeigen: die kleine weiße Hostie, unter der sich, wie wir durch die Lehre der Kirche wissen, wahrhaftig, wirklich und wesenhaft der heiligste Leib Christi und Sein kostbares Blut verbirgt.
Eine Anordnung des Himmels
Der Himmel selbst hat die Feier des heutigen Festes angeordnet. An der Schwelle des 13. Jahrhunderts hatten die Augustinerchorfrauen von Mont Cornillon bei Lüttich ein fünfjähriges Waisenkind mit Namen Juliana in Pflege aufgenommen. Im Jahr 1208 hatte das inzwischen sechzehnjährige Mädchen, welches bereits selber den Schleier und das Ordensgewand angenommen hatte, vor dem Tabernakel der Klosterkirche ein mystisches Erlebnis. In einer Vision sah sie den Vollmond in vollem Glanz. Nur ein dunkler Riß entstellte die wunderbar leuchtende Mondscheibe, so als wäre ein Stück davon abgebrochen. Diese Vision wiederholte sich mehrmals. Aber die Heilige konnte die Erscheinung nicht deuten. Sie wußte nicht, was ihr Gott mit diesem Bild sagen wollte. Deswegen wandte sie sich an die Vorgesetzten. Sie wandte sich an ihren Bischof und an gelehrte Priester. Aber keiner von ihnen fand eine befriedigende Antwort. Daraufhin nahm sich die hl. Juliana vor, die Vision einfach zu vergessen und sich nicht weiter damit zu beschäftigen; was in der Tat die vernünftigste Verhaltensweise in so einem Fall ist. Wenn man etwas nicht verstehen kann und alle Nachforschungen keine sichere Antwort geben, dann soll man die Sache erst einmal auf sich beruhen lassen. So wandte sich die Heilige wieder der schlichten Anbetung des Allerheiligsten Altarssakraments zu, zu dem sie seit Kindesbeinen eine besondere Verehrung hatte. Eines Tages offenbarte sich ihr bei einer solchen Anbetungsstunde der Heiland und deutete der hl. Juliana das rätselhafte Bild. Der Mond sei das Kirchenjahr, erklärte Er ihr. Und der dunkle Spalt in der Mondscheibe, das sei die Lücke. Eine Lücke für das noch nicht vorhandene Fest zu Ehren des Allerheiligsten Altarssakramentes. Daraufhin erklärte ihr Christus, daß es Sein Wille sei, zur Erinnerung an die Einsetzung des Allerheiligsten Altarssakramentes jährlich am ersten Donnerstag nach der Pfingstoktav ein besonderes Fest feiern zu lassen, weil sich dazu am Gründonnerstag keine Gelegenheit bietet. Am Gründonnerstag ist die Kirche auf das Betrachten des Leidens und Sterbens des göttlichen Erlösers konzentriert, weshalb die Freude und der Jubel über die Einsetzung dieses wunderbarsten Sakramentes automatisch in den Hintergrund gedrängt werden. Deshalb verlangte der Heiland ein eigenes Fest, um damit das Sakrament Seines Leibes und Blutes besonders verehren zu lassen.
Als die hl. Juliana später, da sie zur Priorin ihres Klosters gewählt worden war, mit dem Wunsch des Heilandes an die Öffentlichkeit trat, schlug ihr massiver Widerstand entgegen. Sie wurde aus ihrem Kloster vertrieben und mußte ein Leben ständiger Wanderschaft von Schlupfwinkel zu Schlupfwinkel führen, weil sie zeitlebens vor den Nachstellungen ihrer Gegner keine Ruhe finden konnte. Sie trug dieses Kreuz sanftmütig und tapfer. Einzig der Bischof von Lüttich schenkte der hl. Juliana nach erfolgter Untersuchung der Angelegenheit Glauben und führte in seiner Diözese das Fronleichnamsfest im Jahre 1246 ein. Andere Bischöfe folgten mit der Zeit. Die allgemeine Anordnung des Fronleichnamsfestes für die gesamte Kirche erfolgte jedoch erst sechs Jahre nach dem Tod der hl. Juliana von Lüttich im Jahr 1264 durch Papst Urban IV. Dieser hatte damals den hl. Thomas von Aquin damit beauftragt, sowohl das Meßformular als auch das Fronleichnamsoffizium zusammenzustellen, das wir bis heute beten.
Das Wunder der göttlichen Liebe
Schon im Abendmahlsaal hat der Heiland bei Seinen Abschiedsreden zu den Aposteln gesagt: „Euer Herz betrübe sich nicht und fürchte sich nicht. Ihr habt gehört, daß Ich zu euch gesagt habe: Ich gehe hin und komme wieder zu euch.“ (Joh. 14,28). Ich gehe hin und komme wieder zu euch. Er ging hin ans Kreuz und nach Seiner Auferstehung in den Himmel. Aber Er ist wieder zu Seinen Jüngern gekommen. Am Pfingsttag kam Er wieder. Unsichtbar. Um durch die gnadenhafte Liebe des Heiligen Geistes zusammen mit dem Vater in unserer Seele zu wohnen. „Wer mich liebt, der wird meine Worte halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“ (Joh. 14,23). Der göttliche Heiland ist bei uns und wohnt in uns durch die heiligmachende Gnade.
Weil der Mensch jedoch ein Sinnenwesen ist, das in seinem Erkennen auf die stofflichen, materiellen Dinge angewiesen ist, hat sich der Heiland mit der unsichtbaren Einwohnung in unserer Seele nicht begnügen wollen. Er wollte auch unseren Sinnen gegenwärtig bleiben. Zwar wollte Er nicht unverhüllt in seiner himmlischen, verklärten Gestalt unter uns weilen, einmal um uns nicht zu erschrecken; und zum andern, um uns nicht um das Verdienst des Glaubens zu bringen. Aber Er wollte doch in stofflichen, sinnlich wahrnehmbaren Gestalten unter uns weilen. Und dazu setzte Christus, der ewige Hohepriester des Neuen Bundes, mit göttlicher Allmacht in der Nacht vor Seinem Leiden das sakramentale Priestertum ein und übergab dem Priestertum des Neuen Bundes das makellose Opfer, das Er selbst ist. Er, das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt, übergab sich in die Hände der Priester. Und damit verbunden übergab Er den ganzen Schatz Seines Leidens und Sterbens, der im Geheimnis des heiligen Meßopfers verwaltet und verteilt wird; den ganzen Reichtum und die Fülle Seines göttlichen Erlöserherzens. Die hl. Eucharistie ist wahrhaft eine göttliche Erbschaft, die der göttliche Heiland Seiner makellosen Braut, der heiligen Kirche, übertragen hat.
Durch die Einsetzung des Priestertums, der hl. Messe und des Allerheiligsten Sakramentes hat der Herr Sein Versprechen auf wunderbare Weise wahrgemacht: „Sehet, Ich bin bei Euch alle Tage, bis ans Ende der Welt.“ (Mt. 28,20). Verborgen unter der Gestalt der hl. Hostie haben wir den Heiland bei uns. Unter der Hülle des Brotes und des Weines ist Er verborgen und doch gleichzeitig sichtbar, damit wir wissen: Er ist da. Das ist ein Wunder der Liebe des göttlichen Herzens, über das man nicht genug staunen kann! Einfaches Brot und gewöhnlicher Traubenwein werden durch die Worte der hl. Wandlung umgeschaffen in den heiligsten Leib und das kostbare Blut unseres Erlösers. Und jede der beiden Gestalten, ja selbst der kleinste Teil von ihnen, enthält den menschgewordenen Gottessohn ganz: mit Leib und Seele; mit Fleisch und Blut; mit Gottheit und Menschheit.
Ja, das Allerheiligste Sakrament beinhaltet ein noch größeres Wunder! Unter der kleinen weißen Hostie ist der Heiland nicht nur unter uns, um bei uns zu bleiben, damit wir uns vergewissern können, daß Er wirklich da ist. Nein, Er will uns nicht nur nahe sein. Er will auch unsere Speise, unsere Nahrung, unsere Kraftquelle sein. „Ich bin das Brot des Lebens.“ (Joh. 6,35). „Wer Mein Fleisch ißt und Mein Blut trinkt, der bleibt in Mir und Ich in ihm.“ (Joh. 6,57). „Wer dieses Brot ißt, der wird leben in Ewigkeit.“ (Joh. 6,59). Der Heiland möchte durch den Genuß Seines hochheiligen Leibes sein ewiges, göttliches Leben mitteilen. Er möchte unsere Speise sein, die uns nährt für die ewige Teilnahme am Leben der Allerheiligsten Dreifaltigkeit.
Jeder Mensch ist durch die Worte des Heilandes aufgerufen, zu diesem Geheimnis der göttlichen Liebe, das sich uns in Gestalt der weißen Hostie vor Augen stellt, zu kommen, darin an Seine Gegenwart zu glauben, darin Seinen hl. Leib und Sein Blut anzubeten und ihn würdig und andächtig in der hl. Kommunion zu genießen.
Die Fronleichnamsprozession
Aber das Fronleichnamsfest hat noch einen weiteren, sehr wichtigen Aspekt. Wir wollen den Heiland empfangen, gewiß! Aber wir wollen Ihn auch hinaustragen in die ganze Welt; in Seine Welt! Es ist keine Übertreibung, sondern Wirklichkeit. Wenn wir den göttlichen Heiland in der Prozession hinaustragen, dann wird die Welt wieder zu einem Paradies. Zu einem Paradies, in dem Gott wieder lustwandelnd umhergeht, wie damals im ersten Paradies, bevor es durch die Sünde verlorenging (vgl. Gen. 3,8). Alles ist für Ihn geschmückt. Alles ist für Ihn hergerichtet, um unsere Freude zum Ausdruck zu bringen, wie groß und kostbar dieses Geschenk ist, das Er uns mit der Einsetzung des Allerheiligsten Altarssakramentes gemacht hat.
Auf dem Prozessionsweg wollen wir mit unseren Gesängen und Gebeten die ganze Schöpfung einladen, in unser Lob und in unsere Anbetung einzustimmen. Wie die drei Jünglinge im Feuerofen, so wollen auch wir allen Geschöpfen unseren Mund leihen, um dem Schöpfer und Erlöser den Tribut der ehrfürchtigen Anbetung und der hingegebenen Liebe zu schenken. Wie die drei Jünglinge wollen wir im Herzen singen: „Jubelt dem Herrn, all ihr Geschöpfe Gottes, lobet und preiset Ihn ewiglich. Jubelt dem Herrn, ihr Engel Gottes, im Himmel, jubelt dem Herrn. Jubelt dem Herrn, Sonne und Mond, ihr Sterne am Himmel, jubelt dem Herrn. Jubelt dem Herrn, all ihr Regen und Tau, all ihr Stürme Gottes, jubelt dem Herrn. Jubelt dem Herrn, ihr Berge und Hügel, alles, was grünt auf Erden [all ihr Bäume und Sträucher, all ihr Blumen und Gräser], jubelt dem Herrn. Jubelt dem Herrn, ihr Quellen, ihr Meere und Ströme, jubelt dem Herrn. Jubelt dem Herrn, was sich regt im Wasser, all ihr Vögel des Himmels, jubelt dem Herrn. Jubelt dem Herrn, ihr Tiere alle, zahm und wild, ihr Menschenkinder, jubelt dem Herrn. Jubelt dem Herrn, ihr Priester Gottes, ihr Diener Gottes, jubelt dem Herrn. Jubelt dem Herrn, ihr Gerechten, mit allen Kräften der Seele, ihr heiligen, demütigen Herzen, jubelt dem Herrn.“ (Dan. 3). So soll unser Herz gestimmt sein, wenn wir den Heiland auf unserer Fronleichnamsprozession in die Welt hinaustragen.
Leider ist unsere Prozession nicht groß. Leider sind wir nur wenige im Vergleich mit den vielen Menschen, die der Herr zu Sich ruft, damit sie sich gläubig vor Ihm niederwerfen und Ihn als ihren Gott anbeten. Ja, unsere kleine Prozession ist leider symbolisch für die kleine Welt, die dem Heiland heute noch gehört. Gewiß wird heute noch an zahlreichen Orten eine Fronleichnamsprozession abgehalten. Doch in fast allen Fällen wird dabei lediglich Brot umhergetragen! „Gedanksagtes Brot“ aus der „Neuen Messe“! Getragen von sog. „Priestern“, die gar nicht gültig geweiht sind, weil die „Bischöfe“, die ihnen die Hände aufgelegt haben, die ungültige „neue Bischofsweihe“ empfangen haben. Alle Teilnehmer an einer solchen Prozession werden betrogen! Diejenigen, die sich noch den Glauben an die Gegenwart des Heilandes in der hl. Hostie bewahrt haben, werden dazu genötigt, vor gewöhnlichem Brot auf die Knie zu fallen und Brot anzubeten.
Wie im ersten Paradies ist es dem Teufel auch heute gelungen, den Menschen zu betrügen, ihm das Kostbarste zu rauben; ihm das Priestertum zu stehlen, ihm das hl. Meßopfer zu zerstören und ihm die Gegenwart des Herrn und die uns doch so notwendige „Seelenspeise“ zu nehmen. Mit der Gründung seiner Antikirche auf dem 2. Vatikanum ist ihm das gelungen. Und die meisten Menschen wollen es nicht einsehen, wollen es nicht wahrhaben, wollen die Konsequenzen nicht tragen, „weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht haben“. (2. Thess. 2,10). Der Teufel hat die hl. Messe zerstört. Er hat die Bischofsweihe und damit die Priesterweihe zerstört, indem er die Riten ungültig gemacht hat. Und damit hat er den meisten Menschen das Allerheiligste entrissen. Er hat ihnen die Ehrfurcht genommen, durch die Handkommunion und den Wegfall des Kniens. Er hat ihnen den Glauben an die Realpräsenz zerstört und ihnen selbst das religiöse Wissen darum, was die hl. Eucharistie doch großes ist, aus den Herzen genommen. Warum? Weil der Teufel weiß, daß das „Brot des Lebens“ das ewige Leben schenkt. Wie im ersten Paradies ist der Teufel ein Lügner und Betrüger; ein Dieb und Räuber; und letztlich ein Seelenmörder. Was für ein gewaltiger Schaden für die Seelen! Gott läßt ihn zu, weil die meisten Menschen leider „die Liebe zur Wahrheit nicht haben“. Sie lassen sich auf Kompromisse ein, achten allein auf ihre religiösen Gefühle und Bedürfnisse; sie scheuen die Opfer, welche dem Katholiken durch die heutigen Umstände der papst- und hirtenlosen Kirche abverlangt werden. Deshalb können sie die wahre Kirche von der falschen nicht mehr unterscheiden. Deshalb können sie den Papst der katholischen Kirche nicht mehr von einem offenkundigen Irrlehrer im Papstgewand unterscheiden. Deshalb können sie nicht mehr erkennen, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um als Katholik an einer hl. Messe teilnehmen zu können, die nicht nur gültig, sondern auch wirklich in Einheit mit der katholischen Kirche gefeiert wird.
Umso dankbarer müssen wir sein, daß Gott uns den Glauben und die Gnade geschenkt hat, damit wir diesen steinigen Weg gehen, damit wir Ihm heute dieses kleine Stück Paradies schenken dürfen und alle Geschöpfe einladen, Ihm Ehre und Verherrlichung zu erweisen. Mit dieser Prozession bekennen wir unseren Glauben an die heilige und makellose Kirche, an der kein Irrtum und kein Makel sein kann und die uns weder einen falschen Glauben lehren noch ungültige Sakramente spenden noch verderbliche Sitten gutheißen kann. Mit dieser Prozession wollen wir den Segen auf die gefallene Welt herabflehen und den Herrn bitten, Er wolle die geringe Zahl der Gläubigen vermehren, wie Er es so oft im Laufe der Geschichte getan hat. So etwa im 17. Jahrhundert.
Damals regierte in Frankreich seit einigen Jahren der berühmte „Sonnenkönig“, Ludwig XIV. Dieser hatte einen herausragenden General; den Grafen von Turenne. Dieser war dem jungen König aufgrund seiner Rechtschaffenheit und Tapferkeit sehr teuer und war in der Gesellschaft hoch angesehen. Einen Makel hatte der Feldherr jedoch. Er lebte im religiösen Irrtum. Er war Kalvinist. Ludwig XIV. sorgte sich um diesen herausragenden Mann und äußerte öfters den Wunsch, er möge doch in die katholische Kirche zurückkehren. Obwohl die Wünsche des Königs für gewöhnlich als Befehle zu betrachten waren, ignorierte ihn der Graf de Turenne, weil er nicht zu den gefallsüchtigen Hofschranzen zählte und seinen eigenen Irrtum nicht einsah. Da übernahm es der gelehrte Bischof Bossuet, dem berühmten Feldherrn seines Königs die Augen zu öffnen und die Wahrheit und Vortrefflichkeit des katholischen Glaubens zu beweisen. Nach einigen Unterredungen war es dem Bischof gelungen, Turennes Überzeugung stark zu erschüttern, doch vermochte er es nicht, ihn dazu zu bewegen, seinem Irrtum zu entsagen und Katholik zu werden. Turenne blieb Calvinist. Seine Vorurteile gegen die katholische Kirche waren zu stark. Es mangelte ihm an der Gnade des Glaubens, die allein über den Irrtum siegen kann. Besonders kam dem Grafen die Lehre von der realen Gegenwart Jesu im heiligsten Sakrament unglaublich vor. Er fühlte zwar die Schönheit und die Tröstlichkeit dieser Lehre, aber glauben wollte er sie nicht. Er rief aus: „Ach, könnte ich doch von der Wahrhaftigkeit einer solchen lieblichen, trostreichen Lehre überzeugt sein! Wie glücklich sind die Katholiken, die sie glauben! Aber wenn sie glauben, warum bringen sie dann ihr Leben nicht zu Füßen Jesu im heiligsten Sakrament zu? Ich für meine Person wollte, wenn ich von der Gegenwart Christi im heiligsten Sakrament überzeugt werden könnte, hingestreckt im Staube Ihn unaufhörlich anbeten!“ Bischof Bossuet setzte die Gespräche mit dem General fort und bewegte ihn, das Gebet des Blinden im Evangelium oft nachzusprechen: „Herr, mach mich sehen.“ Da geschah es im Jahr 1667, daß während einer Unterredung Turennes mit Mgr. Bossuet im Louvre, der Residenz des französischen Königs, Feuerlärm entstand. Ein gefährlicher Brand war auf der Galerie, die den Louvre mit dem Tuilerien-Palast verbindet, ausgebrochen; drohte, sich überallhin auszubreiten und die unermeßlichen Kunstschätze des königlichen Palastes zu vernichten. Alle Anstrengungen, das Feuer unter Kontrolle zu bringen, schienen aussichtslos, da ein Sturmwind die Flammen zu immer größerer Wut anfachte. Turenne, der nie einer Gefahr auswich, eilte sofort an den Ort des Unglücks und übernahm die Leitung der Löschmannschaften. Bischof Bossuet hingegen, der die entsetzliche Gefahr erkannte und einer besonderen Eingebung folgte, begab sich eilends in die Kapelle des Palastes. Er ergriff das Allerheiligste Sakrament und erschien plötzlich mit der Monstranz am entgegengesetzten Ende der in Flammen stehenden Galerie. Man vernahm den Schall des Glöckleins. Die Menge der Löschenden teilte sich ehrfurchtsvoll und gestattete dem Bischof mit dem Allerheiligsten den Durchgang durch die Rauchwolken. Er segnete die Flammen. Und plötzlich schwieg der Wind, und das Feuer hielt ein um sich zu greifen in Gegenwart Desjenigen, der den Stürmen gebietet. Die Umstehenden fielen, von der Macht des Wunders getroffen, auf die Knie und stimmten das „Te Deum“ an. Auch der Graf de Turenne sank auf die Knie und betete an. Unter dem Gesang des „Te Deum“ folgte er dem Allerheiligsten zurück in die Kapelle. Er schwor der Häresie ab, ließ sich in die katholische Kirche aufnehmen und verehrte mit lebendigem Glauben, mit glühender Andacht und in tiefer Demut besonders das Allerheiligste Sakrament (vgl. Ott, Georg; „Eucharisticum“; Regensburg 1869; S. 509–510).
Heute brennt die ganze Welt! Die ganze Welt steht in Flammen; geistig und vielleicht bald auch tatsächlich. Wie Bischof Bossuet, so wollen auch wir den Heiland in die Welt hinaustragen, damit der eucharistische Segen die verheerenden Flammen des Unglaubens, der Sittenlosigkeit, des Gotteshasses, der Lieblosigkeit, der Revolution und der Kriegsgefahr in die Schranken weise. Wir müssen Gott bitten, daß wir vielleicht die eine oder andere Flamme, die unsere Mitmenschen erfaßt hat, löschen dürfen; daß wir dem einen oder anderen Menschen die Gnade des ewigen Lebens mitverdienen dürfen.
Beten wir in dieser hl. Messe um einen starken Glauben, damit wir den Heiland über diese Prozession hinaus auch in unser Leben hinaustragen und Seinen Segen verbreiten. Denn die Fronleichnamsprozession ist auch ein Symbol für unser Leben. Wenn wir nach dem heutigen Fest wieder in den Alltag hinausgehen, an unsere Arbeit und an unsere Pflichten; dann müssen wir den Heiland dorthin mitnehmen. Wir selbst müssen Monstranz sein und den Segen der kleinen hl. Hostie, die wir in der hl. Kommunion empfangen, in unseren Alltag hinaustragen. Jeder Tag ist uns ja ein Stück Weg auf dem Weg zur Ewigkeit. Jeder Tag ist ein Stück Prozession. Die Kraft, daß wir diesen Weg gehen können, wird uns das „Brot des Lebens“ geben. Wenn wir das unsere tun, wird Jesus das Übrige geben.
Je mehr wir in diesem Glauben leben, umso fester wird uns dieser Glaube machen, weil Jesus bei uns ist. Weil Jesus die Welt überwunden hat, deshalb vermögen auch wir im Glauben an Ihn, die Welt zu überwinden, deshalb vermögen auch wir uns zu heiligen und vielleicht die eine oder andere Seele für den Heiland zu gewinnen; jene wenigen, die noch offenen Herzens und zur „Liebe zur Wahrheit“ fähig sind.
So wollen wir die Gottesmutter darum bitten, daß sie uns durch ihre Gnadenvermittlung ihren Sohn erkennen läßt; daß wir erfahren dürfen wie wunderbar groß und großzügig Sein heiligstes Herz ist für all diejenigen, welche einen guten Willen bewahrt haben, welche das Rechte tun und versuchen wollen. Möge uns Maria erfahren lassen, daß die Worte des Heilandes wahr sind: „Euer Herz betrübe sich nicht und fürchte sich nicht. Ihr habt gehört, daß Ich zu euch gesagt habe: Ich gehe hin und komme wieder zu euch.“ „Seht Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt.“ Amen.