Fest des hl. Joseph
Von der überragenden Heiligkeit des hl. Joseph
Geliebte Gottes!
Das Fest des hl. Joseph zählt heute zu den höchsten Festen im Kirchenjahr. Dabei stand der hl. Joseph lange Jahrhunderte eher im Abseits des Interesses. Während die hohe Heiligkeit der Apostel von Beginn der Kirchengeschichte anerkannt und glänzend gefeiert wurde, begannen die Theologen, sich erst ab dem 15. Jahrhundert – also erst kurz vor dem Auftreten Luthers – näher mit der Person und dem Tugendleben des hl. Joseph zu befassen. Diese setzten damit erst den Grundstein für die spätere Verehrung des hl. Joseph im Volk, während der Kult, der den hl. Aposteln erwiesen wurde, von Anfang an allgemein verbreitet war. Erst nach der Mitte des 17. Jahrhunderts wurde dann auch „Joseph“ als Taufname häufig. Die morgenländische Kirche kannte nie ein eigenes Fest, sondern der heilige Joseph wurde lediglich in der Weihnachtsoktav mitgefeiert. Ist daraus nicht seine vergleichsweise geringe Bedeutung zu folgern?
In der lateinischen Kirche setzte der liturgische Kult des hl. Joseph in Frankreich ein, als Kardinal Aleman 1414 ein Fest zu seinen Ehren erlaubte. 1479 erschien es im römischen Brevier. 1621 erhob es Papst Gregor XV. zum gebotenen Festtag. Papst Benedikt XIII. nahm die Anrufung des hl. Joseph im Jahre 1729 in die Allerheiligenlitanei auf. Als die römische Kirche im 19. Jahrhundert durch die Revolutionen in Bedrängnis geriet, führte Papst Pius IX. im Jahr 1847 das Schutzfest des hl. Joseph ein, das wir heute am 2. Mittwoch nach Ostern begehen, und erklärte ihn auf dem Vatikanischen Konzil zum Schutzpatron der ganzen Kirche. Und schließlich übertrug der hl. Papst Pius X. im Jahr 1911 den Hauptfesttag vom 19. März auf das nachösterliche Schutzfest und erweiterte es mit einer Oktav.
Die herausragende Heiligkeit des hl. Joseph
Währenddessen intensivierten sich auch die theologischen Nachforschungen und Erörterungen über den hohen Grad der Heiligkeit des hl. Joseph, so die Lehre, gemäß welcher der hl. Joseph der größte Heilige nach der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria ist, bis zum Vorabend des 2. Vatikanums in der Kirche immer allgemeinere Anerkennung fand. Man scheute nicht davor zurück, dem einfachen Zimmermann von Nazareth, der in den Evangelien kaum Erwähnung fand, einen höheren Grad der Heiligkeit, ein größeres Maß an Gnaden und eine herrlichere Seligkeit im Himmel zuzubilligen als etwa den Patriarchen, als dem Moses, den Größten unter den Propheten, als dem hl. Johannes dem Täufer. Ja, nach dem Urteil der Theologen überragt der hl. Joseph sogar die hl. Apostel, die größten Märtyrer und die größten Lehrer der Kirche.
Diese Lehre wurde lehramtlich von Papst Leo XIII. gebilligt. In der Enzyklika „Quamquam pluries“ heißt es: „Gewiß ist die Würde der Muttergottes so hoch, daß nichts Höheres geschaffen werden kann. Da aber der hl. Joseph mit der allerseligsten Jungfrau durch das Eheband verbunden gewesen ist, so ist nicht zu zweifeln, daß mehr als irgendjemand anderer dieser alles überragenden Würde nahegekommen ist, ….“ Und der hl. Vater begründet diese herausragende Heiligkeit des hl. Joseph mit der ehelichen Gütergemeinschaft, wenn er fortfährt: „Die eheliche Verbindung ist in der Tat die größte von allen; aufgrund ihres Wesens ist sie begleitet von der gegenseitigen Mitteilung der Güter der beiden Eheleute. Wenn also Gott der Jungfrau den hl. Joseph zum Ehemann gegeben hat, so hat Er ihn … auch durch das eheliche Band teilhaben lassen an der überragenden Würde, die sie empfangen hat.“ Das ist ein sehr fruchtbarer Gedanke für die Eheleute unter uns. In der Ehe besteht nicht nur eine Gütergemeinschaft hinsichtlich der materiellen Güter, sondern auch auf dem Gebiet der Gnade. Die Gatten heiligen also nicht nur sich selbst, sondern tragen durch ihr Streben nach Heiligkeit auch dazu bei, die Ehegatten zu heiligen. Ein Gedanke, den wir jedoch hier nicht weiter ausführen können.
Die göttliche Berufung fordert einen entsprechenden Grad der Heiligkeit
Wir wollen uns nach den tieferen Gründen fragen, welche der Vorrangstellung des hl. Joseph unter Heiligen zugrunde liegen, so daß man sagen kann: Von allen Heiligen ist Joseph der Höchste im Himmel, nach Jesus und Maria. Welches ist der allgemeine Grundsatz, der zu diesem Schluß führt?
Er wurde vom hl. Thomas von Aquin in Worte gekleidet, als er in seiner theologischen Summe die Gnadenfülle Jesu (vgl. S.th. III q. 7, a. 9) und die Heiligkeit Mariens behandelte (ebd., q. 27, a. 6). Der Grundsatz lautet kurz so: „Eine göttliche und außerordentliche Berufung erfordert eine entsprechende Heiligkeit.“
Die Berufung des Heilandes bestand darin, der ganzen Menschheit die durch die Sünde verlorene Gnade wiederzugeben. Dementsprechend ist die hl. Seele Jesu, die mit der Person des göttlichen Wortes verbunden ist, die Quelle aller Gnaden und hat im Augenblick der Menschwerdung die absolute Fülle der Gnade empfangen, die sich von dort aus auf ausnahmslos alle anderen Menschen ergießt. Das Maß der Gnade Jesu entspricht Seiner Rolle im göttlichen Heilsplan. Der Heiland war berufen zum Erlöser der Menschheit. Entsprechend war Seine gnadenhafte Ausstattung. Der Gottmensch Jesus Christus ist die Quelle aller Gnaden, wie der hl. Johannes im Prolog seines Evangeliums bezeugt: Er ist „voll der Gnade und Wahrheit. Und aus Seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade um Gnade.“ (Joh. 1,14.16).
Derselbe Grundsatz, daß die außerordentliche göttliche Berufung eines Menschen eine entsprechende Heiligkeit fordert, liegt auch dem Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Mariens zugrunde. Weil Maria dazu berufen war, die Muttergottes zu sein, mußte sie einen Grad der Heiligkeit besitzen, der jede Verunreinigung durch die Sünde grundsätzlich ausschloß. Sie mußte vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis eine ganz und gar unversehrte Gnadenfülle empfangen haben, die aufgrund ihrer künftigen Würde als Gottesgebärerin und Gnadenvermittlerin bereits im ersten Augenblick ihres Daseins die Vollendungsgnade aller Heiligen zusammengenommen überstieg. Da Maria dazu bestimmt war, als Muttergottes der Quelle aller Gnaden näher zu stehen als irgendein anderes Geschöpf, sollte sie auch entsprechend mehr daraus schöpfen.
Und auch bei den hl. Aposteln findet sich derselbe Grundsatz, daß die Art der göttlichen Berufung dem Maß und der Beschaffenheit der übernatürlichen Ausstattung entspricht. Die Apostel waren von Gott dazu ausersehen, der Welt das Evangelium unfehlbar zu predigen. Um dieser Berufung entsprechen zu können, haben sie am Pfingsttag einen herausragenden Glauben empfangen, der es ihnen ermöglichte, die Glaubensgeheimnisse vollkommener erkannt zu haben als alle Heiligen und Kirchenlehrer nach ihnen.
An diesen drei Beispielen können wir die Richtigkeit unseres Prinzips bestätigt sehen: Gott ist ein Gott der Ordnung. Gott wirkt alles mit Maß und Kraft und Milde. Deshalb gibt Er jedem Geschöpf, dem Er einen besonderen Auftrag im Plan Seiner Vorsehung aufgetragen hat, ein entsprechendes Maß an Gnade. So sagt der hl. Bernhardin von Siena: „Wenn Gott aus Gnade jemanden erwählt für eine sehr erhabene Mission, so gibt Er ihm all die notwendigen Gaben für diese Mission. Dies hat sich in herausragender Weise bewahrheitet beim hl. Joseph, dem Nährvater unseres Herrn Jesus Christus und Bräutigam Mariens …“ (serm. I de S. Joseph). Gott selbst hat den hl. Joseph erwählt. Er hat ihn auf seine Berufung vorbereitet. Und zu dieser Vorbereitung gehörte wesentlich die entsprechende übernatürliche Ausstattung.
Die Berufung des hl. Joseph
Welches aber war nun die Berufung des hl. Joseph? Und inwieweit überragte seine Berufung die der anderen Heiligen?
Der sichtbaren Schöpfung entnehmen wir, daß Gott allem eine Ordnung gegeben hat. Es gibt Höheres und Niedrigeres, Vollkommeneres und Unvollkommeneres an den Geschöpfen. Und danach bemißt sich ihr Rang, ihre Stellung in der Schöpfungsordnung. So kommt es, daß die Natur der Engel als reine Geistwesen die Natur des Menschen als ein geistig begabtes Sinnenwesen übertrifft. Nichtsdestotrotz ist der Mensch die „Krone der sichtbaren Schöpfung“, weil er durch seine Vernunftbegabung und seinen freien Willen sowohl die Tier- als auch die Pflanzenwelt und erst recht die unbelebte Materie übertrifft.
Wenn also Gott schon alles im Bereich der Natur nach Maß und Zahl geordnet hat, um wie viel mehr auf dem Gebiet der Gnade, auf dem Gebiet der göttlichen Berufung. Die Berufung des hl. Johannes des Täufers bestand darin, die Wege des Heiles zu bereiten; die der Apostel, in der weltumspannenden Missionierung der Völker, um sie in der einen hl. Kirche zusammenzuführen; die der Ordensstifter, in ihrer jeweils besonderen Berufung zur Predigt, zur Armut, zur Abtötung, zu Werken der Caritas.
Eine Berufung aber ragt in unermeßlicher Weise aus allen anderen heraus. Und das ist die Mitwirkung am Geheimnis der Menschwerdung Gottes. Die Menschwerdung Gottes, das Geheimnis der hypostatischen Union, in dem die Person des göttlichen Sohnes zu Seiner göttlichen Natur eine vollkommene menschliche Natur angenommen hat, ist das größte Wunder, das herausragendste Werk Gottes in der ganzen Schöpfung. Das Wunder der Menschwerdung Gottes aus der allerseligsten Jungfrau Maria ist das größte und unüberbietbare Kunstwerk der Schöpferhand Gottes. Weil aber die Menschwerdung des Sohnes Gottes die ganze natürliche und übernatürliche Ordnung übersteigt, sind dementsprechend auch alle daran beteiligten Personen zu einer der Würde dieses Wunders entsprechenden Gnadenfülle von Gott auserwählt und ausgestattet worden. Und genau an dieses überragende Geheimnis der Menschwerdung reicht die Berufung des hl. Joseph in einzigartiger Weise heran.
Freilich war der hl. Joseph nicht direkt und aktiv beteiligt am Zustandekommen dieses Wunders. Dieses besteht ja wesentlich in dem Einwirken des Heiligen Geistes auf die allerseligste Jungfrau. Joseph war nicht an der Zeugung des Gottmenschen beteiligt. Nichtsdestotrotz bestand seine Berufung in einer passiven Mitarbeit an dem Wunder der Menschwerdung Gottes. Wenn der hl. Joseph auch nicht durch seine innere, physische und unmittelbare Mitarbeit eine Ursache der Menschwerdung gewesen ist, so war er es doch durch seine äußere, moralische und mittelbare Mitarbeit. War er doch von Gott dazu vorherbestimmt, Beschützer der Jungfräulichkeit und Ehre Mariens zu sein, sowie der Nährvater und Beschützer des fleischgewordenen Gottessohnes. Seine Mitarbeit war unterstützender Art, aber deshalb nichtsdestoweniger eine wahre Mitarbeit.
So sagt der hl. Bernhard: „Er ist der getreue und kluge Knecht, den der Herr bestellt hat als Stütze Seiner Mutter, als Nährvater Seines Fleisches, und der einzige völlig treue Mitarbeiter auf Erden im großen Plan der Menschwerdung.“ (Hom. II. sup. ‚Missus est‘). Und der große spanische Jesuit Francisco Suárez (1548–1617) sagt: „Gewisse Ämter fließen aus der Ordnung der heiligmachenden Gnade selbst hervor, und in dieser Art nehmen die Apostel den höchsten Grad ein; daher haben sie mehr als die anderen der Amtsgnade bedurft, ganz besonders, wenn es um die ungeschuldete verliehenen Gaben und die Weisheit geht. Aber es gibt andere Ämter, die an die hypostatische Union grenzen, die in sich noch vollkommener ist, wie man es deutlich sieht in der Gottesmutterschaft der allerseligsten Jungfrau. Und dieser Ordnung des Amtes gehört auch das Amt des hl. Josef an.“ (In Summam S. Thomae, III, q. 29, disp. 8, sect. I).
In den göttlichen Ratschluß der Menschwerdung ist also keineswegs allein die Person der unbefleckten Jungfrau Maria und ihre Vorherbestimmung zur Gottesmutterschaft eingeschlossen, sondern auch die Person des hl. Joseph, als Nährvater und Beschützer des menschgewordenen Gottessohnes und Zeuge und Beschützer der Jungfräulichkeit Mariens. Darüber hinaus aber keine andere Person! – Daraus aber folgt, daß der hl. Joseph nach der allerseligsten Jungfrau zum höchsten Grad der Heiligkeit, zum höchsten Grad der Gnade und zum höchsten Grad der übernatürlichen Liebe vorherbestimmt war, um dem Gottmenschen ein würdiger Nährvater und Beschützer zu sein. Dementsprechend wurde er von Gott geschaffen und über alle Heiligen erhoben.
Das Wesen der Berufung
Dieser Lehre könnte man freilich den Einwand entgegenhalten, daß aber doch der hl. Joseph viel weniger geleistet habe als etwa die Apostel. Joseph hat seine Werkstatt nicht verlassen, während die Apostel die Welt durchzogen. Von Joseph ist uns keine Lehre, ja, nicht einmal ein einziges Wort überliefert, während die Apostel die gesamte göttliche Offenbarung empfangen, bewahrt, unfehlbar ausgelegt und verkündet haben. So urteilen Menschen! Sie urteilen nach der äußeren Leistung. Und nach dieser sichtbar erbrachten Leistung bemessen die Menschen den Rang und die Würde einer Person.
Wir wollen zum Schluß auf gerade diesen Einwand eingehen, weil die Antwort darauf eine wichtige Lehre für uns und zur Bewertung unserer persönlichen Berufung beinhaltet. Der berühmte französische Bischof und Prediger Bossuet sagt: „Unter allen Berufungen fallen mir zwei in den Heiligen Schriften ins Auge, die in direktem Gegensatz zueinander zu stehen scheinen: die erste ist jene der Apostel; die zweite, jene Josephs. Jesus wird den Aposteln geoffenbart, damit sie Ihn in der ganzen Welt verkünden; er wird [im Traume] Joseph geoffenbart, um Ihn zu verschweigen und um Ihn zu verbergen. Die Apostel sind Lichter, um die Welt Jesus Christus schauen zu lassen; Joseph ist ein Schleier, um Ihn zu bedecken; und unter diesem geheimnisvollen Schleier wird uns die Jungfräulichkeit Mariens und die Größe des Erlösers der Seelen verborgen … Jener [Gott], der die Apostel durch die Ehre der Predigt verherrlicht, verherrlicht Joseph durch die Demut des Schweigens.“
In den Augen der Menschen erscheint es vorzüglicher zu sein, Jesus vor aller Welt bekannt zu machen, anstatt ihn vor der Welt zu verbergen, vorzüglicher die Geheimnisse Gottes allen Menschen aufzudecken, statt sie zu verschleiern. Dabei ist Gott sowohl der Urheber der einen wie der anderen Berufung.
Und das ist wichtig für uns! Jeder von uns hat seine Berufung von Gott, seine Berufung in der Ordnung der Natur. Also die Berufung zu seinem Stand, zu seiner beruflichen Tätigkeit, in dieser Familie, mit diesen Nachbarn, mit dieser Arbeit, mit diesen Kollegen. Dazu sind wir von Gott ausgestattet worden. Hier sollen wir wirken und nicht nach scheinbar Höherem trachten, weil es in den Augen der Menschen mehr Ansehen genießt, aber wir nicht dazu von Gott berufen und erwählt und ausgestattet sind. – Gleiches gilt noch viel mehr in der Ordnung der Übernatur. Jeder ist von Gott zu einem bestimmten Grad der Heiligkeit vorherbestimmt. Dieses Maß bestimmt allein Gott. Und entsprechend dieser Berufung wurden wir von ihm ausgestattet, um eben jenes Maß der Heiligkeit zu erlangen. Jeder von uns soll genau der Heilige werden wollen, den Gott haben will. Aber wir dürfen nicht traurig auf andere blicken, die von Gott zu einer größeren Heiligkeit auserwählt und ausgestattet worden sind, und diese beneiden.
Das Wesen der Berufung eines Menschen entspricht dem Willen Gottes im Plan Seiner ewigen Vorsehung. Die Vollkommenheit besteht nun aber nicht in den vorzüglichsten und herausragendsten Leistungen eines Menschen. Die Vollkommenheit besteht darin, genau das zu tun, was Gott will, jeder gemäß seiner Berufung – ohne vor den lästigen Pflichten zu flüchten und ohne sich in herausragenden Leistungen selbst zu gefallen und ohne in ehrgeiziger Anmaßung über die persönliche Berufung hinaus nach Höherem und Höchstem zu trachten. So sollen wir uns also nicht als wertlos und unnütz mißverstehen, wenn Gott uns auf einen Platz berufen hat, der wenig Ansehen in den Augen der Menschen genießt, wenn wir diesen Platz nur mit liebender Hingabe, pflichtbewußter Opferbereitschaft und unverbrüchlicher Treue ausfüllen.
Der Unterschied an Heiligkeit, der zwischen dem hl. Joseph und den hl. Aposteln besteht, beruht also nicht darauf, daß die hl. Apostel ihrer Berufung weniger entsprochen hätten, sondern allein im Wohlgefallen Gottes. In den Augen Gottes entscheidet nicht die Vorzüglichkeit der Werke, sondern in welcher Gesinnung wir sie ausführen. Nicht was wir tun, sondern wie wir es tun! Es hat Gott so gefallen, daß die Berufung des hl. Joseph in der Stille und in der Dunkelheit jene der Apostel überstieg, weil sie näher an das Geheimnis der erlösenden Menschwerdung rührte. Joseph stand nach Maria dem Urheber der Gnade näher als sonst ein Mensch. Darum empfing er in der Stille von Bethlehem, während des Aufenthaltes in Ägypten und im kleinen Haus von Nazareth mehr Gnade, als jemals ein Heiliger empfangen sollte. Bossuet sagt: „Joseph hat etwas in seinem Haus, das eigentlich die Augen der ganzen Welt auf sich ziehen sollte, und die Welt erkennt es nicht; er hat den Gottmenschen in seiner Obhut und sagt kein Wort darüber; er ist Zeuge eines so großen Geheimnisses, und er genießt es im Stillen, ohne es zu verbreiten.“
Hl. Joseph – Bitt für uns!
Die Erkenntnis des Wertes dieser Gnade einerseits, aber auch ihrer absoluten Ungeschuldetheit seiner Berufung als Nährvater des Gottessohnes andererseits hat die Demut des hl. Joseph bestärkt und ihr nicht geschadet. Er hat sich in seinem Herzen gesagt: „Was hast du, das du nicht empfangen hättest?“ (1. Kor. 4,7). Bossuet erklärt: „Da er den größten Schatz durch eine außerordentliche Gnade des ewigen Vaters besitzt, verbirgt sich Joseph, so viel er nur kann, vor den Augen der Sterblichen und ist weit davon entfernt, sich seiner Gaben zu rühmen oder seine Vorzüge bekannt zu machen. Vielmehr erfreut er sich friedvoll mit Gott an dem großen Geheimnis, das ihm geoffenbart worden ist, und an den unendlichen Reichtümern, die seiner Obhut anvertraut wurden.“ Der hl. Joseph erscheint nach Maria als der Demütigste aller Heiligen. Wenn er aber der Demütigste ist, dann ist er auch der Größte von allen. Denn die Tugenden sind miteinander verbunden, und so steht die Tiefe der Demut im Verhältnis zur Erhabenheit der Liebe; so wie die Wurzel des Baumes umso tiefer reicht, je höher sich seine Zweige in die Höhe emporstrecken. „Wer der Kleinste unter euch ist“, sagt der Heiland, „der ist der Größte“. (Lk. 9,48).
So wollen auch wir uns gemäß dem Vorbild des hl. Joseph unserer persönlichen Berufung vor Gott wieder bewußt werden und in der demütigen Erfüllung unserer Standespflichten unseren von Gott gewollten Weg zu dem von Ihm von Ewigkeit her bestimmten Maß der Heiligkeit erkennen. Möge uns der hl. Joseph, der nach der Gottesmutter größte Heilige, bei seinem Pflegesohn die notwendigen Gnaden erflehen. Amen.