Vom Dasein Gottes – Gott hat sich geoffenbart

Geliebte Gottes!

Gott hat sich uns mitgeteilt. Er hat sich uns in zweifacher Weise zu erkennen gegeben und sich uns offenbart. Einmal hat Er sich uns zu erkennen gegeben durch die natürliche Offenbarung; also durch die Geschöpfe. Die Schöpfung ist ein Kunstwerk aus der Hand Gottes. Und als solches trägt die Schöpfung die Spuren des Künstlers an sich, der sie gemacht hat. Diese Spuren finden wir in dem zweckmäßigen Aufbau der äußeren Welt. Aber wir finden sie auch in unserer Seele, in Form der Stimme unseres Gewissens. Schon aus diesen Spuren können wir durch Schlußfolgerung zu der sicheren Erkenntnis gelangen, daß Gott ist. Und durch weiteres Nachdenken können wir auch erkennen, wer Er ist und wie Er ist.

Weil der Verstand des Menschen jedoch seit dem Sündenfall in seiner Erkenntniskraft geschwächt und für vielerlei Irrtümer sehr anfällig ist, hat es Gott den Menschen noch einfacher gemacht, Ihn zu erkennen. Gott hat sich außer durch die natürliche Schöpfung auch selbst auf übernatürliche Weise offenbart. „Vielfach und auf mancherlei Weise hat Gott früher durch die Propheten zu den Vätern geredet. Zuletzt hat Er in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den Er zum Erben des Weltalls eingesetzt hat, durch den Er die Welt erschaffen hat“, so schreibt der Völkerapostel am Anfang des Hebräerbriefs (1,1). Gott hat zu den Patriarchen und Propheten und später zu den Aposteln gesprochen. – Vor allem aber hat sich uns Gott geoffenbart durch Jesus Christus, das menschgewordene Wort Gottes, das von Ewigkeit im Schoß der Gottheit ruht und das uns unmittelbare und unfehlbar sichere Kunde gebracht hat, nicht nur von dem, was wir uns kraft der natürlichen Vernunft auch aus der Schöpfung von Gott erschließen können, sondern vor allem von den großen Geheimnissen Gottes, die kein Auge geschaut und kein Ohr gehört hat und die kein Menschengeist fassen kann. Die größten Geheimnisse Gottes sind dem Menschen auf diese Weise bekanntgemacht worden. Durch die übernatürliche Offenbarung Gottes wissen wir mit größter Sicherheit, daß Gott ist und wer Er ist und wie Er ist und was Er tut und was Er will und in welchem Verhältnis Er zur Welt und die Welt zu Ihm steht.

Gerade weil es dank der natürlichen und übernatürlichen Offenbarung Gottes für den Menschen so leicht geworden ist, zur Gotteserkenntnis zu gelangen, fordert der sich offenbarende Gott vom Menschen eine Reaktion auf Seine Offenbarung. Der Mensch kann und darf sich der göttlichen Offenbarung nicht gleichgültig gegenüber verhalten. Er muß darauf reagieren. Der Mensch muß, will er ein „guter Baum“ sein, eine erste „gute Frucht“ hervorbringen. Und diese erste Frucht, die Gott von ihm fordert, ist der Glaube.

Bevor wir uns weiter mit dem göttlichen Wesen befassen, wollen wir uns deshalb erst etwas eingehender mit dem Glauben befassen. Was er ist. Worauf er sich richtet. Aus welchen Quellen er sich speist. Wie notwendig er ist. Welche Eigenschaften er haben muß. Und wie er sich nach außen zeigen muß. Heute wollen wir nur der grundlegendsten Frage nachgehen: Was heißt „glauben“? Was versteht man darunter?

Der Begriff des Glaubens

Wenn der Glaube eine Reaktion auf die Offenbarung, also auf die Eröffnung bislang unbekannter Wahrheiten ist, dann ist es klar, daß der Glaube in der Annahme von Wahrheiten besteht. Der Glaube ist eine Form der Wahrheitserkenntnis.

Es gibt aber mehrere Wege, wie der Mensch zur Erkenntnis der Wirklichkeit gelangen kann. Um zu verstehen, inwiefern sich der Glaube von allen anderen Arten der Wahrheitserkenntnis unterscheidet, wollen wir uns diesem Begriff auf negative Weise nähern, indem wir zuerst zeigen, was der Glaube nicht ist. Was ist der Glaube also nicht?

a) Was der Glaube nicht ist

Der Glaube ist nicht „Wissen“! Wissen ist die durch objektive logische oder experimentelle Beweise gesicherte Wahrheitserkenntnis. Wir erlangen Wissen durch logisches Schlußfolgern, durch Experimentieren und durch die Selbsterfahrung. Wenn wir die mathematische Gleichung x + 2 = 5 nach x auflösen. Kommen wir zu der gesicherten Erkenntnis, also zu dem Wissen: x = 3. Der Umfang unseres Wissens bleibt dabei jedoch beschränkt. Er reicht nicht weiter als unsere Ideen und inwieweit wir Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung unter ihnen einsehen können. – Gewiß, man kann auch den Glauben wissenschaftlich untersuchen und erforschen. Das ist die Aufgabe der Theologie. Und man kann sich auch ein Wissen über den Glauben aneignen. Aber der Glaube reicht viel weiter, als es das Wissen vermag! Nein, Glaube ist nicht Wissen!

Glauben ist sodann auch nicht „Schauen“, weder ein sinnliches mit den Augen noch ein geistiges. Beim Schauen ist der Gegenstand dem sinnlichen Auge oder dem menschlichen Geiste unmittelbar gegenwärtig. Die Sache ist dem Geist verständlich aufgrund der unmittelbaren Erfahrung oder der einfachen Offensichtlichkeit! Der Gegenstand des Glaubens – nämlich Gott und seine Geheimnisse – ist aber weder dem menschlichen Auge noch dem menschlichen Geist unmittelbar gegenwärtig, nicht erfahrbar, geschweige denn offensichtlich. Das wird erst im Himmel der Fall sein, wenn der menschliche Verstand von dem übernatürlichen „Licht der Herrlichkeit“, dem „lumen gloriae“, erleuchtet Gott „von Angesicht zu Angesicht“ (1. Kor. 13,12) schaut. In diesem Leben ist uns das nicht möglich. Nein, Glauben ist nicht Schauen.

Ferner ist Glauben auch nicht gleichbedeutend mit „Meinen“. Meinen ist lediglich ein Dafürhalten, das auf bloßer Wahrscheinlichkeit beruht und den Zweifel nicht ausschließt. Die Aussage: „Ich bin der Meinung, daß es morgen regnen wird“, besagt, daß der Sprechende, vielleicht aufgrund gewisser Anzeichen, mit größerer Wahrscheinlichkeit davon ausgeht, daß es regnen wird, als daß es nicht regnen wird. Es bleibt also eine Restwahrscheinlichkeit – ein Zweifel –, daß es auch anders kommen könnte. Beim Glauben gibt es aber keinen Zweifel, keine Wahrscheinlichkeit, daß es auch anders sein könnte. Glauben heißt also auch nicht Meinen.

b) Das Für-wahr-Halten aufgrund des Zeugnisses eines anderen

Was heißt aber dann glauben? Glauben ist ein „Für-wahr-Halten“ eines Sachverhaltes – nicht aufgrund eigner Einsicht oder des eigenen Wissens –, sondern aufgrund des Zeugnisses eines anderen!

Dem Für-wahr-Halten des Glaubens fehlt dadurch zwar die Überzeugung und Gewißheit, die aus der eigenen unmittelbaren Einsicht gewonnen wird, wie es beim Schauen und beim Wissen der Fall ist. Obwohl dem Glauben aber die Einsicht mangelt, fehlt ihm dennoch die Ungewißheit und der Zweifel des bloßen Meinens. Zum Glauben gehört es, etwas mit vollkommener Gewißheit, ohne jeden Zweifel und ohne jede Ungewißheit für wahr zu halten.

Worauf stützt der Glaube aber dann seine Gewißheit? Worauf stützt er seine felsenfeste Überzeugung, daß das, was man ihm da vorlegt, wahr ist und wahr sein muß? – Der Glaube stützt sich auf die Autorität eines Zeugen! Der Glaube hält für wahr, nicht weil er es selber gesehen hat oder selber einsieht, sondern weil ein anderer es ihm sagt. Und zwar nicht irgendein anderer, sondern ein Zeuge, der es sicher weiß, weil er den Sachverhalt selber einsieht; weil er einer ist, der es mit Sicherheit wissen muß; weil er einer ist, der selber Augenzeuge gewesen ist oder bestens darüber unterrichtet ist. Die Einsicht in den Sachverhalt, die der Zeuge hat, macht ihn glaubwürdig. Und diese Glaubwürdigkeit verleiht ihm die Autorität, die denjenigen, dem die Einsicht in den Sachverhalt fehlt, zur gläubigen Zustimmung zu bewegen. Die Autorität des Zeugen erwächst aus seiner Glaubwürdigkeit. Die Glaubwürdigkeit des Zeugen läßt uns vertrauen, daß er uns die Wahrheit sagt.

An einem anschaulichen Beispiel läßt sich der Sachverhalt deutlich machen. – Als Christoph Kolumbus und seine Gefährten nach langer Seereise im Oktober 1492 zum ersten Mal in Amerika an Land gingen, da hielten sie es mit unzweifelhafter Gewißheit für wahr, daß es im Westen von Europa, weit jenseits des Atlantiks, Land gibt. Warum hielten sie es für wahr? Weil ihnen dieses Land jetzt unmittelbar gegenwärtig war. Weil sie das Land mit ihren eigenen Augen „schauten“. Weil sie mit ihren Füßen darauf standen. Sie hielten es für wahr, weil ihnen ihre eigenen Sinne diese Wahrheit unmittelbar bezeugten. Weil sie das Land mit eigenen Augen schauten, waren sie zu dem unleugbaren Wissen gelangt, daß im Westen tatsächlich Land ist. – Kolumbus selbst hatte aber schon früher mit der größten Festigkeit für wahr gehalten, daß jenseits des Atlantischen Ozeans, weit im Westen, Land zu finden ist. Wie das? Hatte er das Land vorher schon gesehen? Nein. Hatte es ihm jemand gesagt? Nein, es gab nur dürftige Vermutungen. Warum hielt er es dann für wahr? Er war durch schlußfolgerndes Nachdenken zu diesem „Wissen“ gelangt. Er hatte früher, als er in Portugal lebte und dort am Strand entlangging, gesehen, daß das Meer von Westen her geschnitzte Stücke aus fremdartigem Holz ans Ufer spülte. Diese Stöcke, so erkannte er, stammten nicht von Wasserpflanzen, sondern von Bäumen, die nur an Land gewachsen sein konnten. Nicht aus einem bekannten Land, denn es war fremdartiges Holz. Aber aus einem Land im Westen, denn von Westen kam die Flut. Aus einem bewohnten Land, denn die Stöcke waren beschnitzt. Kolumbus überlegte. Und er kam zu dem Schluß und damit zu dem Wissen, daß im Westen des Meeres Land sein müsse, weil diese Annahme die einzige hinreichende Ursache war, die erklären konnte, daß von der Flut beschnitzte Stöcke aus fremdländischem Holz an die portugiesische Küste geschwemmt wurden. Er gelangte zu diesem Wissen nicht durch Schauen des Landes, sondern durch den logischen Schluß von der Wirkung auf die Ursache. – Es ist ähnlich, wenn wir aus dem Kamin des Nachbarhauses Rauch aufsteigen sehen und dann mit Sicherheit wissen, daß der Nachbar seine Heizung eingeschaltet haben muß, obwohl wir sonst nichts Weiteres sehen als den Rauch. Aber weiter. – Kolumbus wandte sich an den König von Portugal, Johann II., um ihn dafür zu gewinnen, eine Flotte unter portugiesischer Fahne auszustatten, mit der Kolumbus eine Entdeckungsfahrt nach Westen unternehmen könne. Doch Kolumbus wurde abgewiesen. Warum? König Johann II. waren zwar die Vermutungen bekannt, es gäbe jenseits des Atlantiks Land. Doch nachdem sich der König mit den portugiesischen Gelehrten und seinen Experten beraten hatte, überwog der Zweifel. Der König war der „Meinung“, daß die Wahrscheinlichkeit höher sei, daß Kolumbus irrte, als daß er recht habe. Deshalb wollte der König von Portugal die Kosten und das Risiko einer Expeditionsflotte nicht auf sich nehmen. Eine irrige Meinung, wie sich herausstellen sollte. – Also wandte sich Kolumbus an den Hof des spanischen Königspaares in Córdoba. Auch dort hegte man Zweifel. Doch fand das Vorhaben Kolumbus nach langen Bemühungen schließlich doch Unterstützung und es wurde die legendäre Flotte, bestehend aus der Karacke Santa Maria und den Karavellen Santa Clara und Pinta, unter spanischer Flagge ausgesandt. – Als Kolumbus dann acht Monate später mit seinen Gefährten nach Europa zurückgekehrt war, da ging er wieder an den Hof des spanischen Königs Ferdinand II. von Aragón und seiner Gemahlin, der Königin Isabella von Kastilien. Und natürlich erzählte er dort unter dem Staunen der Zuhörer von dem Land, das sie jenseits des Meeres entdeckt hatten, von den fremdartigen Pflanzen und Tieren und Menschen. Haben nun das Königspaar Ferdinand und Isabella und ihr Hof für wahr gehalten, daß es jenseits des Ozeans tatsächlich Land gibt? Gewiß! Warum? Hatten sie das Land gesehen, wie die Gefährten und die Mannschaft des Kolumbus? Nein. Sind sie durch schlußfolgerndes Nachdenken zu dem Wissen gelangt, wie einst Kolumbus? Auch nicht. Auch sie waren bislang lediglich zu einer Meinung gelangt, wie zuvor der portugiesische König. Nur schätzte das spanische Königspaar die Wahrscheinlichkeit höher ein, daß Kolumbus richtig lag. Was brachte ihnen aber jetzt die Gewißheit, daß die Behauptung des Kolumbus tatsächlich wahr ist und weit im Westen tatsächlich Land zu finden ist? – Es war das Zeugnis des Kolumbus. Kolumbus war ein ehrenwerter Mann, ein wahrhaftiger Mann, ein glaubwürdiger Mann. Seine Gefährten bezeugten dasselbe. Und dieses einhellige Zeugnis des Kolumbus und seiner Gefährten wurde noch untermauert durch handfeste Beweise. Er brachte mehrere indigene Menschen aus dem Stamm der Taíno mit sich, präsentierte exotische Pflanzen wie Tabak und Mais sowie fremdartige Vögel und andere Tiere. Und vor allem brachte Kolumbus Gold, viel Gold und handgefertigte Kunstgegenstände mit sich. Diese atemberaubenden Beweise erhärteten den Bericht des Kolumbus und bewegten das spanische Königspaar und ihren ganzen Hof und dann das ganze christliche Abendland, für wahr zu halten, daß jenseits des Atlantik ein unbekanntes Land, ein exotisches Land, ein reiches Land zu finden ist. Sie „glaubten“ dem Zeugnis des Kolumbus.

Halten wir also fest: Kolumbus hielt es für wahr schon vor der Entdeckung, weil er aus bestimmten Gründen zu dem sicheren Wissen gelangt war. Seine Mannschaft hielt es für wahr, weil sie das Land mit eigenen Augen sahen. Sie waren zu der unmittelbaren Einsicht gelangt. Die Existenz des Landes war ihnen offensichtlich. Das spanische Königspaar aber gelangte zu der Gewißheit, weil sie dem Zeugnis des Kolumbus, den sie als glaubwürdigen Mann kannten und der eindrucksvolle Beweise aus dem fernen Land jenseits des Ozeans mitgebracht hatte, glaubten.

Im eigentlichen Sinne glauben wir, wenn wir etwas unzweifelhaft für wahr halten, was wir nicht selbst gesehen, auch nicht durch eigenes Schlußfolgern und Nachdenken gefunden haben, sondern wenn wir das für wahr halten, was ein anderer uns sagt; und zwar darum, weil er es sagt.

Diese Art der Erkenntnis, indem wir für wahr halten, was andere uns sagen, nimmt in der menschlichen Erkenntnis einen sehr großen, ja den allergrößten Raum ein! Alles, was wir über die Vergangenheit, alles, was wir über ferne Völker und Länder und Kulturen wissen, beruht auf Glauben. Wie könnten Kinder erzogen werden, wenn sie nicht für wahr hielten, was die Eltern sagen? Wie könnten die Schüler und Studenten in die Wissenschaft eingeführt werden, über die sie ja noch nicht verfügen, wenn sie nicht dem Wort ihrer Lehrer und Professoren vertrauten? Wie könnten die Historiker heute ihre ausführlichen Werke über die Geschichte der Vergangenheit schreiben, wenn sie nicht für wahr hielten, was die Geschichtsschreiber der alten Zeit über die Vorkommnisse, deren Zeugen sie wurden, berichtet haben? Wie könnte der Richter am Amtsgericht zu einem Urteil kommen, wenn er den Aussagen der vereidigten Zeugen nicht glauben dürfte?

c) Der übernatürliche Glaube

Eine Art der menschlichen Erkenntnis besteht also darin, daß wir für wahr halten, was andere, glaubwürdige Personen uns sagen. Das ist der Glaube im menschlichen, im natürlichen Sinn.

Wenn wir jedoch nun den Katechismus zurate ziehen, so finden wir auf die Frage, was denn Glauben sei, die Antwort: „Glauben im christlichen Sinne heißt, alles fest für wahr halten, was Gott, die ewige, unfehlbare Wahrheit, geoffenbart hat.“ Der Glaube im christlichen und übernatürlichen Sinn besteht also darin, dem, was Gott der Herr gesagt und geoffenbart hat, zuzustimmen und es als wahr anzunehmen.

Und in der Tat, wenn wir für wahr halten müssen, was glaubwürdige Menschen uns sagen, so müssen wir das, was Gott sagt, noch fester, noch entschiedener, noch viel unbezweifelter für wahr halten. Denn Gott weiß alles. Er ist allwissend! Gott kann sich nicht irren und kann selber nicht getäuscht werden. Er ist unfehlbar! Auch kann Gott uns nicht belügen oder täuschen. Er ist heilig! Die ewige Wahrheit, die unfehlbare Wahrheit, die unendliche Heiligkeit Gottes sind das Fundament Seiner Glaubwürdigkeit, die unsere Glaubenszustimmung vernünftig machen. Es ist nämlich überaus vernünftig, einem allwissenden, unfehlbaren und heiligen Zeugen Glauben zu schenken. Hingegen ist es ganz und gar unvernünftig, einem solch vorzüglichen Zeugen den Glauben zu verweigern. Dazu kommt aber noch, daß Gott die Glaubwürdigkeit Seiner Offenbarung und die von Ihm gesandten Zeugen – also die Patriarchen und Propheten, die Apostel und vor allem Jesus Christus – durch das Siegel eingetroffener Prophezeiungen und glänzender Wunderzeichen untermauert hat.

Gott hat sich geoffenbart und Er hat Seine Offenbarung vor uns glaubwürdig gemacht durch zahllose Wunder. Aus diesen Gründen kann Gott von uns vernünftigerweise die Glaubenszustimmung als Antwort auf Seine Offenbarung verlangen. Wer sie verweigert, handelt wider die Vernunft. Ja, ein solcher Mensch handelt im Grunde wie ein Wahnsinniger! Denn, würde man nicht von Wahnsinn sprechen, wenn das spanische Königspaar trotz der einhelligen Zeugnisse des Kolumbus und seiner Mannen und trotz der handfesten Beweise, die er aus Amerika mitgebracht hat, die Existenz eines Landes jenseits des Atlantiks beharrlich angezweifelt oder geleugnet hätte? Genauso kommt es dem Wahnsinn gleich, wenn man Gottes Offenbarung, untermauert durch Wunder, zurückweist.

Der Unglaube ist wider die Vernunft. Alles aber, was wider die Vernunft ist, ist Sünde. Weil der Unglaube gegen die Vernunft handelt, ist er sündhaft. Weil der Unglaube den allwissenden, unfehlbaren und heiligen Gott durch den Zweifel oder die trotzige Verweigerung der Glaubenszustimmung zum Lügner stempelt, ist der Unglaube sogar eine schwere Sünde.

d) Die maßgebliche Rolle des durch die Gnade bewegten Willens

Das erste und bisher einzige Vatikanische Konzil hat den Glauben definiert als „eine übernatürliche Tugend, durch die wir mit Unterstützung und Hilfe der Gnade Gottes glauben, daß das von Ihm Geoffenbarte wahr ist, nicht [etwa] wegen der vom natürlichen Licht der Vernunft durchschauten inneren Wahrheit der Dinge, sondern wegen der Autorität des sich offenbarenden Gottes selbst, der weder sich täuschen noch andere täuschen kann.“ (DH 3008).

Die Definition des Vatikanums macht uns noch auf eine besonders wichtige Sache aufmerksam, die wir noch erklären müssen.

Der Gegenstand der natürlichen Vernunft ist die Wahrheit der Dinge. Die Vernunft kann aus sich nur bejahen, was sie durch Einsichtnahme geprüft hat. Die Vernunft kann aber die geheimnisvollen Gegenstände des Glaubens nicht einsehen und daher auch nicht auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen. Sie ist von den göttlichen Geheimnissen geblendet, wie das Auge einer Eule durch das gleißende Licht der Sonne geblendet ist. Gott ist überhell für unseren Verstand. Damit nun der Verstand die von ihm geforderte Zustimmung zu den von Gott geoffenbarten Geheimnissen leisten kann, braucht er eine äußere Unterstützung.

Der Glaubensakt ist – im Gegensatz zu den anderen genannten Formen der Wahrheitserkenntnis – kein reiner Akt des Verstandes. Der übernatürliche Glaube schließt auch eine freie Tat des menschlichen Willens ein. Die vom Glanz der göttlichen Wahrheit geblendete Vernunft folgt dem Willen nach, wie der hl. Thomas von Aquin sagt: „Nun ist der Glaube ein Akt des Verstandes, wobei dieser vom Willen zur Zustimmung bewegt wird.“ (S.th. II-II, q. 4, a. 2, corp.). Letztlich ist es also der Wille, der den Verstand zur Glaubenszustimmung bewegen muß, sodaß der Mensch sagen kann: „Ja, ich glaube, was Gott gesagt hat.“ Deshalb ist der Glaube auch ein verdienstlicher Akt! Der Heiland sagt: „Wer da glaubt und sich taufen läßt, der wird gerettet; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.“ (Mk. 16,16). Jesus könnte nicht so sprechen, wenn der Glaube nicht eine freie Tat des menschlichen Willens wäre. Denn nur die Werke des Willens verdienen Lohn bzw. Strafe. So sagt auch hl. Johannes Chrysostomus: „Sich belehren zu lassen und zu glauben ist Sache des Willens.“ Noch deutlicher ist der hl. Augustinus: „Dem Rufe Gottes [zum Glauben] zu folgen oder damit im Widerspruch zu sein, ist Sache des eigenen Willens.“ „Der Mensch kann nur mit freiem Willen glauben.“

Die Erfahrung bestätigt diesen Sachverhalt! Wenn sich ein Mensch aus was für einem Grund auch immer in seinem Nicht-glauben-Wollen verbarrikadiert, dann können die Fachkundigsten und Gelehrtesten die unwiderleglichsten Beweise vorlegen und mit Engelszungen reden. Sie werden eine Person, die sich verweigert, nicht für die Wahrheit gewinnen können. Ja, sie könnten sogar Wunder wirken und dieser unwillige Mensch würde behaupten: „Das hat der Teufel vollbracht!“ Genauso haben es die Pharisäer bei unserem Herrn gemacht. Trotzig behaupteten sie: „Der treibt die Dämonen nicht anders aus als durch Beelzebul, den Obersten der Dämonen.“ (Mt. 12,24).

Jeder, der behauptet, er könne nicht glauben, sagt die Unwahrheit. Es gibt ja Menschen, die sagen, sie würden ja gerne glauben, aber sie können es einfach nicht. Wer will, der kann! Wer will, der entferne nur die Hindernisse, lasse sich unterrichten und bete fleißig um die Gnade des Glaubens.

Denn wir dürfen freilich nicht übersehen: Der Glaube ist eine übernatürliche Tugend! Der natürliche Wille allein genügt auch nicht, um den Verstand zur Glaubenszustimmung zu bewegen. Erst die Gnade Gottes stärkt den Willen und befähigt so auch den Verstand, damit er die Glaubenszustimmung geben kann. Darauf hat der Heiland mehrmals aufmerksam gemacht, wenn Er sagt: „Das ist das Werk Gottes [!], daß ihr an den glaubt, welchen Er gesandt hat.“ (Joh. 6,29). „Niemand kann zu Mir kommen, wenn der Vater, der Mich gesandt hat, ihn nicht zieht [durch die Gnade].“ (Joh. 6,44). Die menschlichen Kräfte sind hier nur passiv. Sie müssen gezogen werden. Deshalb sagt der hl. Thomas von Aquin: „Was die Glaubenszustimmung betrifft, welche der vorzüglichste Akt des Glaubens ist, so ist er [der Glaube] von Gott, welcher innerlich durch die Gnade den Menschen bewegt.“ (S.th. II-II, q. 6, a. 1, corp.). „Der Glaube ruht zwar im Willen der Gläubigen; aber es ist notwendig, daß der Wille des Menschen von Gott durch die Gnade zur Erhebung über die Natur vorbereitet werde.“ (S.th. II-II, q. 6, a. 1, ad 3).

Weil der Glaube von Gott kommt, muß der Mensch sich Ihm in Demut öffnen. Gott zwingt niemanden zum Glauben. Und wie der Mensch jeder anderen Gnade widerstehen kann, so kann er auch der Gnade des Glaubens widerstehen. Glauben ist Willenssache. Wer will, der kann. Freilich nicht aus sich selbst. Aber wer glauben will, der wird Gott um die Gnade bitten, so wie es der Vater des besessenen Knaben im Evangelium mit dem Ausruf getan hat: „Herr, hilf meinem Unglauben!“ (Mk. 9,23). Gott erwartet von jedem Menschen, daß er wenigstens so bete. „Herr, hilf meinem Unglauben!“ Zumindest das kann Gott von jedem Menschen erwarten. Denn jeder Mensch, der glauben will, kann so beten. Und ein solch demütiges und flehendes Gebet wird gewiß nicht lange auf Erhörung warten müssen. Und es wird einem solchen Menschen der Glaube der Zugang zu Gott und zu Seinen wunderbaren Geheimnissen und schließlich das Tor zum ewigen Leben. Wer hingegen nicht zum Glauben kommt, dem fehlt die Glaubensbereitschaft, wie sie den meisten Schriftgelehrten und Pharisäern zur Zeit Jesu gefehlt hat, und er wird ihr Schicksal teilen.

Dank für die Gabe des übernatürlichen Glaubens

Wir haben diese so wertvolle Gabe des Glaubens, welche Gott niemandem aus Schuldigkeit verleihen muß, die Er aber auch keinem verweigert, der Ihn aufrichtigen und demütigen Herzens darum bittet, wirklich empfangen!

Danken wir daher Gott dem Herrn, der uns, wie der hl. Petrus sagt, „aus der Finsternis berufen hat in Sein wunderbares Licht“. (1. Petr. 2,9). „Aus der Finsternis“, damit ist der Unglaube gemeint, der wirklich im Finstern tappt. Was weiß der Ungläubige davon, woher er kommt und wohin er geht? Er ist in tiefster Finsternis, selbst beim hellsten Sonnenschein. Was weiß er von dem, was nach dem Tod kommt? Von den Abgründen und Gefahren neben dem Weg der Gebote? Von dem Abgrund der Hölle? Er ist blind am hellen Tag. Danken wir dem Herrn, der uns aus der Finsternis in sein wunderbares Licht berufen hat, das den Weg zum Leben beleuchtet, den Gottes Liebe aus Erbarmen mit uns Menschen gegangen ist; den ganzen Weg, den das Menschengeschlecht bisher gegangen ist und noch gehen wird. Das wunderbare Licht, das auch den ganzen Weg beleuchtet, den jeder einzelne von uns gehen soll: seine Höhen, seine Tiefen, seine Steigungen, seine Abgründe, seine Gefahren, sein Ende. Sprechen wir mit dem Psalmisten: „Eine Leuchte für meine Füße ist Dein Wort und ein Licht auf meinen Wegen.“ (Ps. 118,105).

Unser Dank und unsere Hochschätzung des hl. Glaubens müssen sich besonders auch darin zeigen, daß wir sorgfältig darauf achten, dieses hohe Gut zu bewahren, damit der Herr uns dasselbe nicht wieder entzieht. Werden wir deshalb nicht nachlässig in der Weiterbildung im Glauben! Hüten wir uns ferner nicht nur vor den falschen Propheten, sondern auch vor jeder Form der Überheblichkeit. Wie töricht ist es doch, sich über andere, die den wahren Glauben nicht haben, selbstgefällig zu erheben, während wir doch selbst, wie wir soeben miteinander erwogen haben, unseren Glauben nur der Gnade Gottes verdanken. Mögen auch viele wegen Mangels an gutem Willen nicht zum Glauben kommen, wie der hl. Augustinus lehrt, so gibt uns das doch nicht das Recht, sie zu verachten. Vielmehr sollen wir trachten, sie in wahrer übernatürlicher Nächstenliebe zum Glauben zu führen, so gut es unsere Kräfte gestatten: die Kräfte der Überzeugung; die Kräfte unsere guten Beispiels; vor allem aber die Kräfte des Gebetes und des Opfers.

„Ja, o Herr, der hl. Glaube soll die Leuchte sein, die meinen Füßen den Weg zeigt, soll das Licht sein auf den vielleicht langen, mühseligen, dornenvollen Wegen, die ich nach Deinem Willen noch wandern muß. Laß dieses Licht niemals in meinem Herzen erlöschen! Laß es so leuchten, daß ich den Weg nicht bloß erkenne, sondern auch wandle, die Gefahr nicht bloß schaue, sondern auch meide, das Ziel nicht bloß von weitem erblicke, sondern auch erreiche, welches ist das ewige Leben, in Christus Jesus, unserm Herrn.“ Amen.

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