Von den Früchten und Eigenschaften des Gebetes

Geliebte Gottes!

Das Gebet ist, wenn man vom Opfer der hl. Messe absieht, die erhabenste Handlung, die der Mensch vollziehen kann. Denn im Gebet erfüllt er den Zweck, wozu er auf der Welt ist. Der Mensch ist ja das einzige vernünftige Geschöpf der sichtbaren Welt; er ist die Krone der stofflichen, räumlichen Schöpfung. Daher nimmt der Mensch eine Mittlerrolle zwischen Gott, dem Schöpfer, und den sichtbaren Geschöpfen ein – also den unbelebten Dingen, den Pflanzen und Tieren –, die ja ihren Schöpfer nicht erkennen, ihn nicht anbeten und ihn nicht in der Weise loben und preisen können, wie es der Ehre des Schöpfergottes gebührt. Allein der Mensch ist aufgrund seiner Geistseele dazu in der Lage, Gott zu erkennen und anzubeten. Durch ihn wird das Gotteslob der sichtbaren Welt emporgehoben und auf den Urheber aller Dinge ausgerichtet. Im Gebet erhebt sich der Mensch über alle unvernünftigen Geschöpfe, die nicht imstande sind, zu beten. Im Gebet übt der Mensch also in gewisser Weise eine priesterliche Funktion aus, weil er allen unvernünftigen Geschöpfen seinen Geist, seinen Mund und seine Stimme leiht, um Gott in gebührlicher Weise anzubeten. Im Gebet nähert sich der Mensch auch den heiligen und den seligen Geistern des Himmels, deren vornehmste Beschäftigung im Gebet, in der Anbetung und im Lob Gottes besteht.

Das Gebet ist aber nicht nur die erhabenste Handlung des Menschen. Sie ist auch sehr notwendig. Ja, sie ist sogar notwendiger als das Brot, das wir essen, und notwendiger als die Luft, die wir atmen. Denn während das Brot und die Luft allein dem Leben unseres sterblichen Leibes notwendig sind, ist das Gebet für unsere unsterbliche Seele notwendig, um zum ewigen Leben zu gelangen.  

Die Früchte des Gebetes

Das Gebet verhilft uns zur Erlangung des ewigen Lebens durch seine vier Früchte. Welches sind die Früchte des Gebetes? Die Früchte des Gebetes sind: 1. die Vereinigung mit Gott, 2. die Stärkung im Guten und ein Schutz wider das Böse, 3. die Tröstung in der Trübsal und eine Hilfe in der Not; und schließlich 4. die Erlangung der „Gnade der Beharrlichkeit“.

a) Vereinigung mit Gott

Die erste Frucht des Gebetes besteht darin, daß es uns mit Gott vereinigt. Manche haben dagegen eingewendet, daß das Gebet zur Erlangung der Verbindung mit Gott überflüssig sei, denn wir seien ja, wie uns der hl. Apostel Paulus versichert, stets mit Gott vereinigt. Er sagt: „In Ihm leben wir und bewegen wir uns und sind wir.“ (Apg. 17,28). Und zweifelsohne ist das wahr. Aber das ist eine Vereinigung, die auch den unvernünftigen Dingen, den Steinen und Felsen, dem Wasser und der Luft, den Tieren des Feldes und den Vögeln des Himmels zukommt. Das Gebet bringt uns mit Gott jedoch in eine geistige und lebendige Verbindung. Wie zwei Personen, die freundschaftlich miteinander umgehen.

Solange wir nicht beten, ist unsere Seele weit von Gott entfernt, obwohl Gott überall ist und auch der Seele nahe ist. – Wenn ein Buch geschlossen ist, dann kann ich nicht darin lesen, und mag dieses Buch auch noch so dicht vor meinen Augen liegen. Und auch in einem offenen Buch kann ich nicht lesen, solange meine Augen geschlossen sind. Beide müssen offen sein: das Buch und das Auge.

Gott hält sozusagen stets beide Arme nach uns ausgestreckt, um uns freundschaftlich in Seine Liebe aufzunehmen. Beide Hände hält Er uns entgegen, voll von Gnaden und Gaben, mit denen Er uns beschenken möchte, zum Zeichen Seines Wohlwollens, Seiner liebevollen Mitteilsamkeit, die den geliebten Freund an all den reichen Gütern teilhaben lassen will, die Er selbst besitzt.

Derjenige, der nicht betet, gleicht einem Menschen, der die Arme verschränkt vor der Brust trägt. Um uns mit Gott im Gebet zu vereinigen, müssen wir diese Verschränkung lösen, müssen wir die Arme unserer Seele Gott entgegenstrecken: den Arm des Verstandes, indem wir an Gott denken; den Arm des Willens und des Gemütes, indem wir nach Ihm verlangen, Ihn bitten, Ihm danken. An uns ist es, daß wir beide Hände bittend ausstrecken, um die reichen Gaben des Herrn in Empfang zu nehmen. So werden wir mit Gott vereinigt und treten mit Gott in einen heiligen wechselseitigen Austausch.

Das Gebet vereinigt uns also mit Gott. Aber noch mehr: Es macht uns himmlisch gesinnt. Schon der häufige und vertraute Umgang mit einem menschlichen Freund bleibt bei uns nicht ohne Rückwirkung auf uns. Wir nehmen etwas von seinen Grundsätzen, von seinen Gesinnungen, von seiner Sprache und von seinem Benehmen und seinen Umgangsformen an. Daher sagt der Volksmund: „Sag mir, mit wem du Umgang pflegst, und ich sage dir, wer du bist.“ Das will sagen: Ein Mensch ist und wird in seinem Leben und in seinem Charakter immer denjenigen am meisten ähnlich, mit denen er am häufigsten Kontakt und Umgang pflegt. Deswegen müssen die Eltern sehr auf den Umgang und noch viel mehr über die Freundschaften ihrer Kinder wachen. Gute Freundschaften sind zu fördern. Schlechte Freundschaften, die sich auf einem niedrigen, primitiven oder sogar sinnlich-fleischlichen Niveau bewegen, sind zu unterbinden. Denn die Gewohnheiten färben ab. Freunde mit denselben Glaubensüberzeugungen, mit einer aufrichtigen Herzensgesinnung, mit sauberer Sprache und guten Gewohnheiten sind ein wahrer Segen, und glücklich derjenige, der einen solch guten Freund findet, denn er wird durch den guten Freund gut bleiben und noch besser werden.

Der in jeglicher Hinsicht beste und edelste Freund aber ist Gott. Denn in Gott findet sich alles Gute und Edle in unendlichem Maß. Hingegen findet sich nichts Schlechtes, Verderbliches an Ihm. Folglich gilt: Je mehr und je länger und je inniger wir mit Gott im Gebet verkehren, umso mehr verliert sich der irdische Sinn, die Anhänglichkeit an die irdischen Dinge; umso mehr wird die Seele himmlisch, übernatürlich, göttlich gesinnt. – Als Moses vierzig Tage lang im strengsten Fasten und im tiefsten Gebet bei Gott auf dem Berg zugebracht hatte und dann zum Volk zurückkehrte, da war sein Antlitz ganz verändert, ganz verklärt. Es war so glänzend, daß ihm die Israeliten nicht ins Gesicht schauen konnten. Sein Angesicht strahlte in göttlichem Glanz. Er trug sichtbare Spuren des Umgangs mit Gott an sich. – In ähnlicher Weise wird auch unser Umgang mit Gott Spuren in unserer Seele hinterlassen. Wir werden die Gesinnungen Gottes und sogar Seine Eigenschaften – d. h. Seine Wahrhaftigkeit, Seine Güte, Seine Barmherzigkeit, Seine Langmut und Milde, Seine Liebe und Großzügigkeit – annehmen, je mehr wir uns im Gebet mit Ihm vereinigen und je inniger Er uns im Gebet an Sich zieht.

b) Stärkung im Guten

Wenn das Gebet uns mit Gott vereinigt und uns mit Seinen Gesinnungen erfüllt, dann ist es nur konsequent, wenn wir die zweite Frucht des Gebetes darin erkennen, daß es uns im Guten stärkt und vor dem Bösen schützt.

Es stärkt uns gegen das Böse. Wer hat mehr Grund zu beten als derjenige, der zum Bösen versucht ist? Wem ist Gott mehr bereit zu helfen? Wer ist mächtiger, in der Versuchung zu helfen, als Gott? Wer ist würdiger, daß Gott ihm helfe, als derjenige, der sich in der Versuchung betend an Gott wendet? Indem er betet, übt er die Demut. Indem er betet, zeigt er, daß er der Versuchung widerstehen will. Indem er betet, ruft er denjenigen um Beistand an, der alle Waffen des Bösen zerschmettern kann. Darum hat der Heiland diese zwei Mittel gegen die Versuchung angegeben. „Wachet und betet.“ (Mt. 26,41). Seid wachsam, damit ihr die Versuchung bemerkt, wenn sie kommt, wenn sie sich heimlich in euer Denken und Urteilen, in eure Vorstellungen und Empfindungen einzuschleichen versucht. Wachet! – Betet, wenn die Versuchung da ist! Mag die Versuchung auch noch so heftig über uns kommen und mag sie die abscheulichsten Begierden, Empfindungen und Lüste in uns wecken. Wenn wir uns in der Versuchung ins Gebet stürzen, sind wir vor Sünde sicher. Denn solange wir in der Versuchung beten, haben wir nicht in die Versuchung eingewilligt. Das Gebet ist eine schützende Burg, in die wir uns reflexartig flüchten sollten, wenn wir von gefährlichen Gedanken und Vorstellungen und Begierden angegriffen werden. „Wachet und betet, damit ihr nicht in der Versuchung fallet!“ Kann es bessere und wirksamere Mittel geben als diejenigen, welche uns der Heiland anbefohlen hat? Gewiß nicht!

Schon auf diese Weise vermag uns das Gebet im Guten zu befestigen. Um auf dem Weg des ewigen Lebens zu wandeln, müssen wir aber auch die Absicht haben, gute Werke zu tun; wir müssen sie uns vornehmen und – noch viel wichtiger – wir müssen sie vor allem ausführen, darin voranschreiten und auf dem begonnenen Weg verharren.

Es geht uns dabei wie einem Wanderer auf einem langen und beschwerlichen Weg. Am Anfang beginnt man mit großem Elan. Aber im Laufe der Zeit geht man langsamer. Man wird müde, man bleibt stehen, man bleibt immer öfter stehen, man will rasten, man setzt sich nieder, man schläft ein. Wie aber schildert König David im 109. Psalm den Helden Gottes? Von ihm heißt es: „Er wird trinken von der Quelle am Wege, darum wird er sein Haupt erheben.“ (7). Diese Quelle am Wege ist nichts anderes als das Gebet. Wir müssen uns demütig niederknien und daraus schöpfen. Ja, wenn wir aus der Quelle des Gebetes schöpfen, dann werden auch wir unser Haupt erheben, d. h., wir werden weder furchtsam noch müde noch langsam noch schläfrig werden auf dem Weg, der zum ewigen Leben führt. So ist das Gebet die übernatürliche Kraftquelle für unsere guten Werke, für unsere Pflichterfüllung und für unser Kreuztragen.

c) Trost in der Traurigkeit

Eine besondere Herausforderung im Menschenleben stellen die Zeiten der Traurigkeit und der Trostlosigkeit dar. Deshalb wollen wir uns die dritte Frucht des Gebetes ganz besonders einprägen: Das Gebet tröstet uns in der Traurigkeit und hilft uns in der Not.

Der hl. Apostel Jakobus sagt: „Ist einer traurig unter euch, so bete er.“ (Jak. 5,3). Das Gebet ist ein viel besseres Mittel gegen die Traurigkeit und jede Bedrückung der Seele als alle anderen Tröstungen, die wir bei den Menschen, ja selbst bei unseren besten Freunden und Verwandten finden können.

Was tun die Menschen, wenn sie traurig sind? Manche suchen sich zu trösten, indem sie vor anderen ihr Herz ausschütten, indem sie die Länge, die Schwere, die Dauer ihrer Leiden schildern und dabei entweder die Vorsehung Gottes oder die Schlechtigkeit der Menschen anklagen, die ihre Leiden nicht verhindert oder herbeigeführt oder erschwert oder nicht beseitigt oder sich gar darüber gefreut haben. Was nützt das? Gar nichts! Liegt darin Trost? Mitnichten. Es ist, als ob man offene Wunden reibt. Sie schmerzen dadurch noch mehr. Sie entzünden sich und werden noch schlimmer. – Ist es nicht erstaunlich, daß mit dem Rückgang der religiösen Praxis in den westlichen Gesellschaften ein eklatanter Anstieg einer krankhaften Traurigkeit zu verzeichnen ist? Die „Depression“ ist heute eine Volkskrankheit geworden. Wie jede Krankheit, so hat auch diese gewiß vielfältige und vielschichtige Ursachen. Wir halten es aber für sehr wahrscheinlich, daß so manche tiefe Depression daher rührt, daß es der so an seinem Gemüt erkrankte Mensch, wenn nicht völlig, so doch überwiegend unterlassen hat, gegen den inneren Drang anzukämpfen, ständig um seine Ängste und Probleme zu kreisen, sie wieder und wieder in endlosen Gesprächen zu thematisieren und die vermeintlich Schuldigen auszumachen, anstatt sich im Gebet an Gott zu wenden. Die Traurigkeit wird dadurch nicht geringer, sondern nur größer. Der Mensch vergräbt sich in ihr. Und durch die Wiederholung dieser Vorgänge übt man diese Gedankengänge ein. Die Last wird schwerer und immer schwerer. Und aus der Last der Depression wird ein Laster; das Laster der sog. „Acedia“, die „Stumpfheit bzw. Lähmung des Herzens“.

Andere Menschen suchen in ihrer Traurigkeit Trost, indem sie nach Zeichen der Anteilnahme seitens der Mitmenschen haschen, nach Worten des Bedauerns, nach Tränen des Mitleids. Was nützt das? Es ist eingebildeter Trost. Er geht vorüber mit den Worten. Worte sind Wind. Und wie der Wind, so schnell geht auch der Trost der Mitleidsbekundungen in wenigen Augenblicken vorüber.

Im Gebet hingegen liegt echter Trost. Wenn wir uns an Gott wenden, der unser Leid kennt, der uns trösten kann ohne Worte, der unser Leid mindern kann, indem Er es von uns nimmt, oder indem Er unsere Kraft vermehrt, damit wir es tragen können; oder unsere Geduld stärkt, damit wir es aushalten können; oder uns die Beispiele Seines Leidens und Seiner Pein ins Gedächtnis ruft, damit wir unser Kreuz bejahen und annehmen können; oder indem Er uns den ewigen Lohn des Leidens vor Augen stellt, damit wir nach ihm sogar ein vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe angetriebenes Verlangen nach demselben haben können. – Die Heiligen waren Menschen wie wir. Sie waren der Traurigkeit unterworfen wie wir. Wie wir, so empfanden auch sie eine natürliche Abneigung dagegen. Aber was die Heiligen von den meisten Menschen unterscheidet, das ist die Tatsache, daß sie sich in ihren Trübsalen und Leiden im Gebet an Gott wandten; daß sie bei Ihm allein ihren Trost suchten; daß sie unter den Tröstungen Gottes nicht einzig die Wegnahme ihres Leidens gelten lassen wollten, sondern sich dem göttlichen Willen öffneten und so in die großen Liebhaber des hl. Kreuzes verwandelt werden konnten, von denen wir am vergangenen Sonntag gehört hatten.

So wahr die Allmacht Gottes bis in alle Ewigkeit bestehen bleibt, so wahr ist auch, daß die Kraft des Gebetes nicht aufhört. Das Gebet hilft in der Not. Daher müssen wir uns den Rat des hl. Apostels Jakobus ganz besonders zu Herzen nehmen: „Ist einer traurig unter euch, so bete er.“

d) Beharrlichkeit bis zum Tod

Schließlich bringt das Gebet noch eine ganz besonders wertvolle Frucht hervor, nämlich die „Gnade der Beharrlichkeit bis ans Ende“. Das ist eine besondere Gnade, eine sehr große Gnade, ja sogar die Gnade der Gnaden. Ohne sie nützen letztlich alle anderen Gnaden nichts, wie auch alle Steine eines Gewölbes nichts nützen, wenn der Schlußstein nicht hinzukommt, der alles zusammenhält. Ohne diese entscheidende und letzte Gnade können wir nicht selig werden. Würden uns auch in unserem Leben von Gott Gnaden in einem solchen Maß zuteilwerden wie wir es nur an den größten Heiligen des Himmels finden, wenn aber am Ende diese letzte fehlt, so wäre alles umsonst. Der Heiland sagt: „Wer ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden.“ (Mt. 24,13). Diese Gnade ist eine ungewisse Gnade. Sie kann, wie alle Gnaden, nicht durch Leistung erworben, nicht durch Anstrengung verdient werden. Auch gibt es keine sicheren Anzeichen oder verläßlichen Vorzeichen dafür, daß diese Gnade wirklich geschenkt werden wird. Durch kein Sakrament wird diese Gnade vermittelt.

Was können wir tun, daß wir diese größte und letzte und entscheidendste aller Gnaden bekommen? Richtig! Beten! Wenn es irgendeine Sicherheit gibt, dann liegt sie darin, daß wir viel und gut und gern beten: „Zu uns komme Dein Reich!“ „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes.“ Das beharrliche Gebet vermag uns diese Gnade zu erlangen.

Die Eigenschaften des Gebetes

Wie herrlich, wie reich und wie kostbar sind also die Früchte des Gebetes. Aber wohlgemerkt, diese Früchte vermag nur jenes Gebet hervorzubringen, welches richtig beschaffen ist. Von großer Bedeutung für unser Beten ist also auch die Antwort auf die Frage: Wie müssen wir beten? Der Katechismus nennt hier fünf Eigenschaften, die das Gebet an sich haben muß. 1. Wir müssen mit Andacht beten, 2. mit Demut, 3. mit Vertrauen, 4. mit Ergebenheit in den Willen Gottes und 5. mit Beharrlichkeit.

a) Mit Andacht

Unser göttlicher Erlöser hat uns während Seines irdischen Lebens nicht nur durch Seine Worte belehrt. Er hat uns vor allem durch Sein lebendiges Beispiel gezeigt, was Er in Seinen Reden erklärt hat. So hat Er uns vor allem durch Sein Gebet im Ölgarten ein lebendiges Vorbild gegeben, wie wir beten sollen.

Jesus betete am Ölberg mit Andacht. Das sehen wir daran, daß Er für Sein Gebet die Zeit des Abends und die Stille der Nacht, die Einsamkeit des Ölgartens, fern vom Getöse der Stadt, bestimmt hat. Daran, daß Er sogar Seine Jünger zurückließ, um ganz allein zu sein. Gewiß hätte der Heiland die Andacht Seines Gebetes auch bewahren können ohne diese Mittel. Aber Er wollte uns durch die Wahl genau dieser Umstände lehren. Er wollte uns lehren, wie wir beim Gebet alle äußeren Gelegenheiten der Zerstreuung meiden sollen. Folgen wir Ihm in die Stille und Einsamkeit! Diese Atmosphäre erleichtert und fördert unsere Andacht. Reißen wir unsere Seele vor dem Gebet, wie mit einem kräftigen Ruck, los von der Erde, von ihren Sorgen und Geschäften. Denken wir an die Gegenwart Gottes. Machen wir uns bewußt: Wer ist Gott? Und was sind wir? Bitten wir Gott um die Gabe der Andacht. Bedenken wir, welche Unehrerbietigkeit es ist, mit Gott zu sprechen, ohne zu bedenken, was man spricht. – Weisen wir während des Gebetes die aufkeimenden Zerstreuungen, sobald wir dieselben merken, in ruhiger Entschiedenheit zurück. Versäumen wir es auch nicht, nach dem Gebet für die Gnade der Andacht zu danken, und bitten wir wegen der vorgekommenen Zerstreuungen um Verzeihung. Ein geistlicher Autor sagt: „Wer recht beten will, der soll für die äußere Welt blind, taub und stumm sein.“

b) Mit Demut

Der Heiland betete im Ölgarten mit Demut. Er fiel auf die Knie. Ja, Er warf sich auf Sein Angesicht. Er erniedrigte sich. Ja, wenn der eingeborene Sohn Gottes sich so verdemütigt, wie groß muß dann erst unsere Demut beim Gebet sein? Mit dem Patriarchen Abraham müssen wir in demütiger Selbsterkenntnis sprechen: „Ich werde zu Dir reden, o Herr, obwohl ich Staub und Asche bin.“ (Gen. 18,27).

c) Mit Vertrauen

Jesus betete am Ölberg mit Vertrauen. Den Beweis hierfür liefert uns das Wort „Vater“, womit Er dreimal sein Gebet einleitete. „Abba, Vater, alles ist Dir möglich.“ (Mk. 14,36). In dieser Anrede findet sich sowohl das Vertrauen in die Güte als auch das in die Macht Gottes widergespiegelt. Dabei ist es vor allem die Größe des Vertrauens, woraus die Kraft eines jeden Gebetes stammt. Denn im Vertrauen zeigt sich der Glaube an die Macht, an die Güte und an die Treue Gottes. Je fester das Vertrauen des Gebetes, umso größer wird Gott dadurch geehrt, mit umso größerem Wohlgefallen wird Er auf ein solches Gebet hören und umso zuverlässiger wird Er es erhören. Deshalb gibt auch der hl. Jakobus die Anweisung: „Er [der Beter] bitte aber im Glauben, d. h. mit Vertrauen, ohne zu zweifeln.“ (Jak. 1,6).

d) Mit Ergebung

Ferner trug das Gebet des Heilandes im Garten Gethsemane die Eigenschaft der Ergebung in den Willen Gottes an sich. „Wenn es möglich ist, so laß den Kelch an Mir vorübergehen, doch nicht Mein Wille geschehe, sondern der Deine.“ (Lk. 22,42). Kann die Ergebung in den göttlichen Willen deutlicher ausgedrückt werden? Wenn der Sohn Gottes so betet, wie sollten wir da anders beten als mit Ergebung? Deshalb hat uns der Heiland im Vaterunser die Bitte vorgeschrieben: „Dein Wille geschehe!“

e) Mit Beharrlichkeit

Schließlich war das Gebet Christi im Ölgarten auch beharrlich. Denn Er betete dort stundenlang, und dreimal wiederholte Er dieselbe Bitte mit denselben Worten.

Derselbe Heiland hatte auch das kanaanäische Weib nur deshalb erhört, weil es so standhaft und beharrlich im Gebet war (vgl. Mt. 15,21–28). Diese heidnische Frau hatte eine Tochter, die vom Teufel gequält und besessen war. Sie wandte sich an Jesus und bat Ihn flehentlich, sich der Not des Kindes anzunehmen. Der Heiland aber ließ sie stehen und antwortete ihr nicht mit einem einzigen Wort. Sie lief Ihm hinterher, bis es den Aposteln lästig wurde und sie den Herrn baten, sie abzufertigen. Da ließ sie Jesus an sich herantreten. Sie warf sich Ihm zu Füßen und brachte ihr Anliegen vor. „Herr, hilf mir!“ Und was macht der Heiland? Er weist sie ab und gibt ihr ungerührt eine Begründung, warum es nicht recht sei, ihrer Bitte zu entsprechen. Er sei ja zu den Kindern Israels gesandt und nicht zu den Heiden. „Laß erst die Kinder sich sättigen; denn es ist nicht recht, das Brot der Kinder zu nehmen und es den Hunden vorzuwerfen.“ (Mt. 15,26). Zuerst sollten die „Kinder des Hauses Israel“ vom Brot der messianischen Heilsgüter gesättigt werden, bevor die Heiden, die von den Juden gern als unreine, geile Hunde bezeichnet wurden, etwas davon zugeworfen bekämen. Was für eine Demütigung! Aber selbst diese scheinbar schroffen, kalten und demütigenden Worte Jesu brechen die Beharrlichkeit der Kanaanäerin nicht, sondern fördern erst die Größe ihres Vertrauens und ihrer Beharrlichkeit offen zutage. Statt beleidigt hochzufahren und empört aufzugeben, nahm es die Frau in Demut hin, daß sie, die Heidin, von Jesus unter die Hunde gerechnet wurde. Sie sagte: „Doch, Herr! Denn auch die Hündlein essen von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ (Mt. 15,27). Sie nahm die Demütigung an, welche in dem herabwürdigenden Vergleich Jesu enthalten war. Ja, sie macht sich das demütigende Gleichnis sogar zueigen und nimmt es mit geistreicher Schlagfertigkeit für sich in Anspruch. Sie setzt sich mit den Hunden gleich und erwartet daher in ungebrochenem Vertrauen wie die Hunde unter dem Tisch ihrer Herren von den Brosamen, von den Resten, von den Abfällen der Heilsgüter Israels einen kleinen Happen abzubekommen. Ja, es gelingt ihr, mit dieser Antwort sogar ihren ungebrochenen Glauben an die Macht des Heilandes auszudrücken. Denn die von ihr begehrte Teufelsaustreibung an ihrer Tochter wäre ja in der Tat nur eine Kleinigkeit, nur ein Brotkrümelchen, welches ihr Jesus hinwerfen würde. Dem Sohne Gottes ist ja alles unterworfen. Selbst der Satan muß einem geringsten Wort Seines Mundes, einem kleinsten Wink Seiner Hand Folge leisten. – Jetzt erst, wo der Glaube, die Demut, das Vertrauen und die Beharrlichkeit dieser Frau bis zum Äußersten geprüft und durch die Prüfung herausgestellt waren, gab sich Jesus besiegt und antwortete ihr: „O Weib, groß ist dein Glaube! Dir geschehe, wie du begehrst!“ (Mt. 15,28). Der Evangelist schließt seinen Bericht: „Sie ging weg in ihr Haus und fand das Kind auf dem Bette liegen, der Dämon aber ausgefahren.“ (Mk. 7,30).

Das beharrliche Gebet vermag alles zu bewirken! Deshalb kann kein besserer Rat gegeben werden, als zu beten und im Gebet fortzufahren und im Gebet nicht nachzulassen, selbst wenn wir keinerlei Anzeichen einer Erhörung bemerken können.

Der einfache Weg

Der einfachste Weg, um zu erreichen, daß unsere Gebete diese vielen und wichtigen Eigenschaften erlangen, damit sie vor Gott Gnade finden können, führt über Maria. Maria ist als Braut des Heiligen Geistes die Meisterin des Gebetes. Sie ist die Mutter der Barmherzigkeit. Wenn wir zu Maria unsere Zuflucht nehmen, wird sie uns zu einer Andacht verhelfen, die jede freiwillige Zerstreuung fernhält und jede unfreiwillige Zerstreuung wenigstens bekämpft. Zu einer Demut, die sich der Erhörung nicht für würdig erachtet. Zu einem Vertrauen, das keine Grenzen kennt. Zu einer Ergebung, die mit allem zufrieden ist, ob, wann und wie Gott es fügt. Und schließlich vermag uns Maria zu einer Beharrlichkeit zu verhelfen, die niemals aufgibt. Ein solches Gebet wird dann aber jene herrlichen Früchte tragen, die wir heute eingehender betrachtet haben: Es wird uns ein enges freundschaftliches Band sein, das uns mit Gott verbindet und uns durch den vertrauten Umgang mit Gott besser werden läßt. Es wird uns ein scharfes Schwert sein, mit dem wir jede Versuchung zurückzuschlagen vermögen. Eine Schatzkammer, worin wir alle Gnadenschätze finden werden. Ein heilender Balsam, der die Wunden unserer Seele heilt. Ein starker Turm, der Zuflucht in jeder geistigen oder materiellen Not bietet. Und schließlich auch jener goldene Schlüssel, der uns die Tore des ewigen Lebens unfehlbar öffnen wird. Amen.

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