Von der Tatsache und dem Zweck der Himmelfahrt Christi

Geliebte Gottes!

Das Geheimnis der Auffahrt Jesu Christi in den Himmel ist die Vervollständigung Seines österlichen Sieges, den Er durch Sein Leiden und Sterben am Kreuz errungen und in Seiner glorreichen Auferstehung von den Toten vor aller Welt offenbart hat.

Wenn der Heiland nach den drei Tagen Seiner Grabesruhe keine anderen Ziele in dieser Welt zu verfolgen gehabt hätte, dann wäre Er unmittelbar nach Seiner Auferstehung in den Himmel aufgefahren. Warum? Weil Christus nach der Verherrlichung Seines Leibes keinen Grund mehr hatte, hier auf Erden zu bleiben. Sein verklärter Leib gehörte nicht länger der vergänglichen Welt an, die der Sünde, dem Zerfall, dem Tod und der Verwesung anheimgegeben ist. Hingegen gehörte Sein strahlender Auferstehungsleib fortan der Ordnung der göttlichen Herrlichkeit, der unvergänglichen Jugend und der ewigen Glückseligkeit an.

Am Ostertag war aber noch nicht alles bereit, daß Christus sofort in den Himmel hätte auffahren können. Aus diesem Grund sagte Jesus am Ostermorgen, als die hl. Maria Magdalena, nachdem sie Ihn erkannt hatte und Seine Füße umfangen wollte: „Rühre Mich nicht an! Denn noch bin Ich nicht aufgefahren zum Vater. Gehe vielmehr hin zu Meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu Meinem Vater und eurem Vater, zu Meinem Gott und eurem Gott.“ (Joh. 20,17). D. h. im wörtlichen Sinne: „Klammere dich nicht fest! Halte Mich nicht auf, denn Ich fahre noch nicht auf zu Meinem Vater. Geh stattdessen zu den Aposteln, sage ihnen, daß Ich von den Toten auferstanden bin und daß Ich bald in den Himmel auffahren werde.“

Zuvor aber mußte Christus noch dringend einige Ziele erreichen: Erstens mußte Er Seine Jünger und ganz besonders die Apostel davon überzeugen, daß Er wirklich von den Toten auferstanden war, weshalb Er sich innerhalb eines Zeitraumes von vierzig Tagen zahlreichen Personen in Erscheinungen zeigte. So berichtet etwa der hl. Apostel Paulus von einer Erscheinung, die 500 Personen zugleich zuteil wurde. Zweitens mußte der Heiland den Aposteln über zahlreiche Dinge Belehrungen und Anweisungen geben, so etwa über das richtige Verständnis der Heiligen Schrift, über die hl. Sakramente, über die baldige Ankunft des Heiligen Geistes und über die darauf folgende Gründung und Ausbreitung der katholischen Kirche.

Das Geheimnis von der Himmelfahrt Christi ist also der Schlußstein, die Vervollständigung Seiner glorreichen Auferstehung. Zwei Dinge wollen wir im Folgenden näher betrachten:

  1. Die Tatsache der Himmelfahrt Christi; und
  2. Den Zweck derselben.

Tatsache und Umstände der Himmelfahrt Christi

Die Tatsache, daß Jesus Christus in den Himmel aufgefahren ist, steht ebenso fest wie die Tatsache Seiner Auferstehung. Nachdem sich von letzterer kritische, zweifelnde Menschen, wie etwa der hl. Apostel Thomas, zwar erst überzeugen mußten, ehe sie sich von ihrem Zweifel und von ihrem Unglauben bekehrten, meldeten dieselben Zeugen keinen Zweifel im Hinblick auf die Himmelfahrt des Herrn an.

Beide Tatsachen – Auferstehung und Himmelfahrt – sind ausdrücklich in der Heiligen Schrift bezeugt. Beide sind in dem ältesten Glaubensbekenntnis, nämlich dem Apostolischen, enthalten. Beide Tatsachen stehen unmittelbar nacheinander: „Auferstanden von den Toten. – Aufgefahren in den Himmel.“ Ferner widerspricht diese Wahrheit auch nicht der gläubigen Vernunft. Denn wenn der Heiland mächtig genug war, um glorreich aus Seinem Grab hervorzugehen, wer könnte daran zweifeln, daß Er auch die Macht besaß, sich aus eigener Kraft in den Himmel empor zu erheben?

Nachdem wir die Tatsache der Auferstehung durch unwiderlegliche Zeugnisse erhärtet sehen, können und müssen auch wir an die Himmelfahrt des Heilandes ohne jedes Bedenken als eine feststehende, historische Tatsache glauben. Deshalb beschäftigen wir uns nur noch damit, die Umstände – den Anfang und das Ende dieser Himmelfahrt – genauer ins Auge zu fassen.

Wann hat die Himmelfahrt stattgefunden? Am vierzigsten Tag nach der Auferstehung. Vierzig Tage hat der Heiland in der Wüste fastend und betend zugebracht, um sich auf Sein öffentliches Lehramt vorzubereiten. Ebenso viele Tage verweilte Er auch nach Seiner Auferstehung noch auf dieser Erde, um Seine Jünger auf die bevorstehende Ausübung ihres öffentlichen Lehramtes und Priesteramtes und Hirtenamtes vorzubereiten. Um sie zu trösten, um sie felsenfest zu machen in dem  Glauben an Seine Auferstehung, um sie zu belehren über das Reich Gottes, das sie ausbreiten sollten, um ihre Hoffnung auf das Reich des Himmels zu entflammen, um ihre Liebe brennender zu machen.

Wo ist der Heiland in den Himmel aufgefahren? Auf dem Ölberg; auf dem Gipfel jenes Berges, an dessen Fuß, im Garten Gethsemane, Er Sein Leiden begonnen hatte. Welche Gegensätze! Im Ölgarten lag der Heiland niedergebeugt auf der Erde, in blutigem Schweiß gebadet, zu Tode betrübt, in Erwartung des Verrates, der Gefangennahme, des Leidens, des Kreuzes, des Todes. – Vor der Himmelfahrt auf dem Ölberg zeigt sich ein ganz anderes Bild. Frei schwebend, im Lichtglanz der Verklärung, in Erwartung der Herrlichkeit des Himmels, in Erwartung des göttlichen Thrones, von dem aus Er fortan auch als Mensch die Gewalt des Allherrschers über die ganze Schöpfung ausüben wird. Auf solche Leiden folgt eine solche Herrlichkeit! Welch eine wichtige und tröstliche Lehre für uns! Je tiefer, je bitterer und je länger unsere Leiden sind, umso herrlicher der Lohn, wenn wir sie geduldig tragen.

In welcher Begleitung ist der Heiland in den Himmel aufgefahren? In Begleitung all jener hl. Seelen, die Er während Seiner dreitägigen Grabesruhe aus der Vorhölle befreit hatte. Also in Begleitung der Seelen der Väter der Vorzeit, der Patriarchen und Propheten und aller Gerechten des Alten Bundes. Sie sind die Siegesbeute, welche Christus der Macht des Satans durch Seinen Triumph am Kreuz entrissen hatte und von der es im 67. Psalm heißt: „Der Herr auf Sinai, im Heiligtum. Er steigt empor und führt als Beute die Gefangenen mit sich.“ (18 f.). Welch eine unüberschaubar große Schar! Welch ein herrliches Gefolge! Welch eine fröhliche und edle Begleitung! Es sind die Erstlinge der Erlösung, die Erstlinge des Himmels, an deren Spitze Er, ihr Erlöser, in den Himmel einzieht.

In wessen Gegenwart ist der Heiland in den Himmel aufgefahren? In Gegenwart der Jünger, der hl. Apostel, der hl. Maria Magdalena, in Gegenwart Seiner heiligsten Mutter, der Jungfrau Maria. Die Zeugen Seiner Auferstehung waren auch die Zeugen Seiner Himmelfahrt.

Wie ist Er in den Himmel aufgefahren? Segnend. Indem Er Seine Hände erhob und sie segnete, erhob Er sich gen Himmel. Welch ein Segen, den der bescheidene Heiland der Erde zurückließ, den Er mit beiden Händen erteilte, den Er Seiner heiligsten Mutter, den Aposteln, den Er Seinen Jüngern, den Er der ganzen Erde, den gegenwärtigen und den kommenden Generationen erteilte! Welch ein Segen, der den ganzen Erdkreis erfüllt hat und der sich seitdem jedes Mal erneuert, sooft ein Priester den Segen erteilt. Mit welcher ehrerbietigen Haltung werden dabei wohl alle Anwesenden diesen Segen des zum Himmel auffahrenden Heilandes empfangen haben? Kniend, betend, dankend! – Wie ist der Herr in den Himmel aufgefahren? Nicht im mächtigen Sturmwind. Nicht mit einem feurigen Roß und auch nicht auf einem feurigen Wagen wie der Prophet Elias. Nicht auf den Händen der Engel, wie später die allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria, sondern aus eigener Kraft! Aus eigener Kraft ist Christus in den Himmel hinaufgestiegen, bis Ihn eine lichte Wolke schließlich ihren Blicken entzog. Im Alten Testament pflegte Gott, dem auserwählten Volk in einer Wolke zu erscheinen und zu Seinem Volk zu sprechen. Bei der Verklärung auf dem Tabor erschien ebenfalls eine lichte Wolke über dem Heiland, aus welcher die Stimme des Vaters die göttliche Sohnschaft Jesu verkündete: „Dieser ist Mein geliebter Sohn, an dem Ich mein Wohlgefallen habe.“ Jetzt ging Christus in den Glanz einer lichten Wolke ein. Die Wolke war das letzte Zeugnis Seiner Gottheit. Dazu bemerkt der hl. Papst Leo der Gr.: „In wunderbarer Weise begann jetzt Derjenige als Gott uns näher zu sein, der als Mensch sich weit von uns entfernt hatte. Jetzt begann auch der Glaube, dem ein tieferer Einblick zuteil geworden war, die mit dem Vater wesensgleiche Natur des Sohnes besser zu erkennen. Von nun an bedurfte es nicht mehr der leiblichen Berührung jener [menschlichen] Wesenheit in Christus, durch die dieser kleiner ist als der Vater (vgl. Joh. 14,28). Denn wenn auch die menschliche Natur des nunmehr verklärten Leibes bestehen blieb, so wurden doch die Gläubigen jetzt dazu aufgefordert, den eingeborenen Sohn Gottes, der Seinem Vater gleich ist, nicht mit den Händen, sondern mit dem Geiste zu fassen.“ (serm. 74,4). Und der Heilige Vater fährt nun fort, um uns ein viel tieferes Verständnis jener eingangs angeführten Worte des Heilandes zu geben, die Er am Ostermorgen zu der hl. Maria Magdalena gesprochen hatte: „Aus diesem Grund sprach auch der Herr nach Seiner Auferstehung zu Maria Magdalena, welche die Kirche verkörpert, als sie auf Ihn zueilte, um Ihn zu berühren: ‚Rühr mich nicht an, denn noch bin Ich nicht aufgefahren zu Meinem Vater.‘ Das heißt: ‚Ich will nicht, daß du zu mir im Fleische kommst, und auch nicht, daß du mich mit den Sinnen des Körpers erkennst. Zu Erhabenerem behalte Ich dich vor und Größeres bereite Ich dir. Wenn Ich zu Meinem Vater aufgefahren bin, wird deine Berührung [durch den Glauben] erst eine vollkommenere und richtigere sein, da du dann fassen wirst, was du nicht betastest, und glauben wirst, was du nicht siehst.‘“ (ebd.).

Ja, wer möchte es wagen, die Gefühle zu schildern, welche die Herzen der Anwesenden bestürmten, als sie den Heiland in den Himmel auffahren sahen? Welch ein Abschied! Welche Freude, den Meister so hoch erhoben und verklärt zu sehen! Welche Traurigkeit, Ihn zu verlieren und Ihn nicht mehr zu sehen! Welches Verlangen, Ihm in den Himmel zu folgen! Welches Gebet, Er möge sie nach sich emporziehen! Wie herzlich die Bitten, Er möge bei Ihnen bleiben! Mit welcher Inbrunst küssen sie den Abdruck Seiner hl. Füße, den Er auf dem Felsen des Ölbergs hinterlassen hat und der heute noch in der Himmelfahrtskirche auf dem Ölberg hochverehrt wird!

Wie wurde der Heiland schließlich im Himmel aufgenommen? – Da die lichte Wolke den Leib des Heilandes den Blicken der zurückgelassenen Jünger entzog, mußten sich die Evangelisten darüber ausschweigen. Aber den Propheten des Alten Bundes wurde der Einzug des Messias in die himmlische Herrlichkeit geoffenbart. Im 46. Psalm heißt es: „Im Jubel steigt Gott empor, der Herr im Schall der Posaune.“ Was anderes als das Jubellied der tausendmal tausend heiligen Engel und das Erzittern aller Chöre der seligen Geister kann damit gemeint sein? Weiter rufen sie einander zu: „Singet dem Herrn, ja singt; singt unserem König, ja singt Ihm! Denn König der ganzen Erde ist Gott, singt Ihm ein Ehrenlied. Gott ist der Herrscher der Völker, Gott sitzt auf Seinem heiligen Thron.“ Die himmlischen Heerscharen eilen herbei, um Ihren König am Himmelstor zu begrüßen. Der 23. Psalm berichtet uns von dem Wechselruf an der verschlossenen Himmelspforte. Aus dem Geleit des Heilandes erschallt der Ruf: „Erhebet, ihr Fürsten, eure Tore, daß einziehe der König der Herrlichkeit.“ „Wer ist dieser König der Herrlichkeit?“ „Der Herr, stark und gewaltig; der Herr, mächtig im Kampf!“ „Der Herr der Heerscharen, dieser ist der König der Herrlichkeit.“ (Ps. 23,9.10). So begrüßen die himmlischen Heerscharen den eintretenden Heiland als den Erlöser der Welt, als den Besieger der Unterwelt, als den König des Himmels. So steigt Er auf den Stufen der himmlischen Ordnung empor; hinweg über die Chöre aller Engel und Erzengel, über alle Fürstentümer, Mächte, Kräfte und Gewalten. Hinweg über die Throne. Hinaus über die Cherubim und Seraphim; immer höher bis zum Thron Seines ewigen Vaters. Hier ist Sein Platz, wie wir im Glaubensbekenntnis bekennen: „Er sitzet zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters.“ So wurde es dem König David offenbart, der die Worte des himmlischen Vaters an Seinen Sohn vernahm und im 109. Psalm niedergeschrieben hat: „Es sprach der Herr zu meinem Herrn: ‚Setze Dich zu Meiner Rechten, bis Ich Deine Feinde zum Schemel Deiner Füße lege.‘“ (Ps. 109,1). Die Seelen der Vorhölle, die den Heiland begleitet haben, nehmen gleichfalls ihre Plätze ein. Und nun stimmt der ganze Himmel den Lobgesang an, den der hl. Evangelist Johannes in der Geheimen Offenbarung hörte und niederschrieb: „Würdig ist das Lamm, das geschlachtet worden ist, zu empfangen Macht und Gottheit und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.“ (Offb. 5,12).

Der Zweck der Himmelfahrt Christi

Nachdem wir die Tatsache und die Umstände der Himmelfahrt unseres göttlichen Erlösers sowohl in ihrem Anfang als auch in ihrem Ende anhand der Offenbarungsquellen beleuchtet haben, wollen wir noch einen kurzen Blick auf den Zweck der Himmelfahrt Christi werfen.

Wozu oder zu welchem Zweck ist der Heiland in den Himmel aufgefahren? – Jesus ist in den Himmel aufgefahren – erstens –, um von Seiner Herrlichkeit Besitz zu ergreifen. Allen den Gerechten der Vorzeit und des Alten Bundes, die mit dem Heiland in den Himmel einzogen, wurde die Herrlichkeit des Himmels zuteil. Wer hatte ihnen diese verdient? Der Heiland! Alle Heiligen, die bis jetzt und bis zum Ende der Welt in den Himmel eingegangen sind oder eingehen werden, verdanken ihre Herrlichkeit dem Verdienst ihres göttlichen Erlösers, Jesus Christus. Wenn Er für andere, so viele andere den Himmel verdient hat, hat Er dann für sich selbst nichts verdient? Gewiß!

Alle Bewohner des Himmels besitzen ihre Herrlichkeit aus Gnade, nicht aus Gerechtigkeit! Gewiß mußten sie sich die himmlische Herrlichkeit durch ihr Mitwirken mit der Gnade auch verdienen. Nichtsdestotrotz wurde ihnen der Lohn der ewigen Glückseligkeit des Himmels nicht geschuldet. Es ist kein Lohn, den die Engel und Heiligen von Gott hätten einfordern können, weil die Herrlichkeit des Himmels in unendlichem Maße über den Kräften und der Leistungsfähigkeit jeder geschaffenen Natur steht. Letztlich bleibt ihre Herrlichkeit Gnade. – Ganz anders verhält es sich beim wesensgleichen Gottessohn. Schon durch Seine Menschwerdung erniedrigte Er sich. Er nahm Knechtsgestalt an, wurde uns Menschen in all unserer Schwachheit und Leidensfähigkeit gleich, außer der Sünde. Er wurde gehaßt, verfolgt, man trachtete Ihm nach dem Leben. Er ließ sich ergreifen, geißeln, mit Dornen krönen. Er nahm das Kreuz willig auf Seine Schultern; ließ sich mit Nägeln durchbohren und an den Kreuzesstamm heften. Er vergoß daran Sein kostbares Blut und ist qualvoll in der Umarmung des Kreuzesbaumes gestorben. Das sind die Verdienste des Sohnes Gottes. Und für diese Verdienste konnte der Sohn Gottes einen gerechten Lohn einfordern. Und zwar nicht aus einem Anspruch aus Gnade, sondern aus einem Anspruch aus Gerechtigkeit.

Worin bestand dieser Lohn? Etwa in der Anschauung Gottes? Diese besaß die Seele des Heilandes von Anfang an. In der Seligkeit Seiner Gottheit? Die hatte Ihm nie gefehlt. Worin dann? Antwort: In der Herrlichkeit Seiner hl. Menschheit, in der Herrlichkeit, besonders Seines Leibes, die sich schon zeigte in Seiner glorreichen Auferstehung, in Seiner Verklärung, in Seiner wunderbaren Himmelfahrt, in dem erhabenen Sitz zur Rechten Gottes. – War es also nicht angemessen, daß Er, der als Einziger ein strenges Recht auf diesen herrlichen Lohn besaß, auch vor allen anderen in den Genuß desselben gelangen sollte? Genau so ist es! Diesen wohlverdienten Lohn hat der Heiland durch Seine Himmelfahrt in Besitz genommen.

Zweitens: Der Heiland ist zu dem Zweck in den Himmel aufgefahren, um bei Seinem Vater unser Mittler und Fürsprecher zu sein. – Einen Mittler hat man nötig, wenn es sich darum handelt, zwei Parteien zu versöhnen, von denen die eine von der anderen schwer beleidigt worden ist oder von denen die eine bei der anderen ein großes Anliegen hat. Der Vermittler ist umso geeigneter, umso besser, je näher er beiden Parteien steht. – Wer ist also in diesem Fall der Beleidigte? Es ist der heilige und ewige Gott. Und wer sind die Beleidiger? Wir arme, sündige Menschen. Wer ist der Mittler? Jesus Christus. Er steht uns nahe, weil Er wahrer Mensch ist. Er steht Gott nahe, weil Er selbst Gott ist. Es kann also keinen geeigneteren Mittler geben. Christus hat auf Erden gelebt und die Schmach der Sünde getragen, von der Krippe bis zum Kreuz. Jetzt sitzt Er zur Rechten Gottes in göttlicher Herrlichkeit. Welch ein Mittler, der immerdar lebt; der immerdar für die Sünder Fürsprache einlegt; der Seine glorreichen Wunden zeigt, die Er zu Ehren des Vaters und zum Heil der Menschen empfangen hat. Welches Vertrauen muß nicht jeder Mensch in einen solchen Mittler haben!

Der dritte Zweck, warum der Heiland in den Himmel aufgefahren ist, besteht in der Erfüllung des Versprechens, das Er den Aposteln und durch dieselben auch uns gegeben hat, als Er sprach: „Im Hause Meines Vaters sind viele Wohnungen. Ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten.“ (Joh. 14,2). Der Herr ist Seinetwegen in den Himmel hinaufgestiegen, um von Seiner Herrlichkeit Besitz zu ergreifen – aber auch unseretwegen, um uns eine Wohnung zu bereiten. Er hat uns den Himmel versprochen, hat ihn verdient und bereitet uns dort eine Wohnstätte. Ein Versprechen, das unsere Hoffnung beflügelt. – Wenn jemand, der in kurzer Zeit in ein fernes, unbekanntes Land auswandern muß, jetzt schon weiß, daß dort für ihn eine Wohnung in einem schönen Haus bereitsteht, eine geräumige Wohnung, die gemütlich eingerichtet ist, wie gleichgültig wird einem solchen Menschen dann alles in seiner bisherigen Heimat! Wie oft eilt er schon in seinen Gedanken an den künftigen Ort voraus! Wie sehr erfreut ihn dieser Gedanke! Wie sehr ermutigt ihn die Vorstellung daran, wenn es auf der Reise dorthin Strapazen und Entsagungen auszustehen gibt!

Im Geiste im Himmel wohnen

Ja, der Heiland ist uns in unsere künftige Heimat vorausgegangen, um uns eine Wohnung zu bereiten. Wie oft müßten demnach die Gedanken, die Wünsche, die Hoffnungen unseres Herzens nach oben gehen. Wir müßten, wie es uns die Oration des heutigen Meßformulars nahelegt, „mit unserem Geiste im Himmel wohnen“. Wir müßten das Wort des Völkerapostels beherzigen, das er an die Kolosser geschrieben hat: „Suchet, was droben ist, wo Christus ist, der zur Rechten Gottes sitzt; was oben ist, habt im Sinn, und nicht, was auf Erden ist.“ (Kol. 3,1.2). Ja, alles, was auf Erden ist, könnte und sollte und müßte und würde uns gleichgültig sein – Armut und Reichtum, Gesundheit und Krankheit, Glück und Unglück, Leben und Tod –, wenn unser Herz wahrhaft voll wäre von dem Verlangen und von der Hoffnung des ewigen Lebens, wohin der Heiland uns vorausgegangen ist.

Damit wir aber die Gnade empfangen können, um die wir heute beten – „mit unserem Geiste im Himmel zu wohnen“ –, und damit wir das „was oben ist“ im Sinn haben können, ist es notwendig, noch ein anderes Apostelwort zu beachten. Ein Wort des hl. Apostels Petrus, der uns eindringlich mahnt: „Geliebteste, ich beschwöre euch als Fremdlinge und Pilger, euch zu enthalten von fleischlichen Gelüsten, die wider die Seele streiten.“ (1. Petr. 2,11). Dazu führt der hl. Papst Leo d. Gr. weiter aus: „Für wen anders aber kämpfen die Gelüste des Fleisches als für den Teufel, dem es Freude macht, die nach dem Himmel trachtenden Seelen durch den Reiz vergänglicher Güter zu bestricken und sie der Wohnsitze zu berauben, aus denen er selbst verstoßen wurde. Jeder Gläubige muß gegen seine Nachstellungen auf weiser Hut sein, um den Schlingen seines Feindes entgehen zu können. Nichts aber ist, Geliebteste, wirksamer gegen des Satans List und Tücke als mildreiches Erbarmen und freigebige Liebe, durch die jede Sünde entweder gemieden oder doch siegreich bezwungen wird. Allein diese herrlichen Tugenden erlangt man nicht eher, als bis man vernichtet hat, was ihnen widerstreitet. Was aber steht so im Gegensatz zur Barmherzigkeit und zur werktätigen Liebe als der Geiz [der ungeordneten Eigenliebe], aus dessen Wurzel alle Übel emporkeimen? Wird dieser nicht in seinen ersten Trieben ertötet, so müssen notwendigerweise aus dem Herzen dessen, in dem dieses Unkraut wuchert, weit eher die Dornen und Disteln der Laster als irgendwelche Keime wahrer Tugend hervorsprießen. Laßt uns also, Geliebteste, den Kampf gegen dieses so verderbliche Übel [der Selbstsucht] aufnehmen! Befleißigen wir uns der christlichen Liebe, ohne die keine Tugend ihren Glanz entfalten kann, damit wir auf diesem Wege liebevollenen Erbarmens, auf dem Christus zu uns herniedergestiegen ist, auch unsererseits zu Ihm emporsteigen können, zu Ihm, dem mit dem Vater und dem Heiligen Geist Ehre und Herrlichkeit zueigen ist in Ewigkeit.“ Amen.

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