Von der Wandlungskraft des hl. Kreuzes

Geliebte Gottes!

„Wir aber müssen uns rühmen im Kreuze unseres Herrn Jesus Christus.“ (Gal. 6,14). So beginnt die Festmesse von Kreuzauffindung. Das Kreuz ist unser Ruhm geworden, weil durch das Leiden unseres göttlichen Erlösers, Jesus Christus, die Welt durch das Kreuz verwandelt wurde. Dieses Fest der Kreuzauffindung bringt die Eigenarten unseres Glaubens überaus lebendig zum Ausdruck. Die katholische Religion ist eine Religion des hl. Kreuzes. Seien wir einmal ehrlich: Ist das nicht etwas ganz und gar Unerwartetes? Wer von uns käme, wenn er sich eine Religion ausdenken würde, auf eine solche Idee, in das Zentrum des ganzen Glaubens einen Schandpfahl aufzupflanzen? Wer von uns würde einen Gott leiden lassen? Wer von uns würde einen Gott von Seinen eigenen Geschöpfen töten lassen? Wer von uns würde einen Gott ohnmächtig werden lassen? Wer von uns hätte zugelassen, daß ein Gott scheinbar vor der ganzen Welt scheitert? All dieses Unerwartete charakterisiert die katholische Religion. Und dieses Unerwartete, ja Unerhörte verweist gerade auf den göttlichen Ursprung unseres Glaubens. So etwas kann nur von Gott ersonnen und ausgeführt werden. Auf so einen Gedanken kann nur der Gott kommen, der die Liebe ist.

Denn die Liebe ist erfinderisch. Die Liebe wagt alles und läßt nichts unversucht, um gerade das zum Ausdruck zu bringen, was sie selber ist und was sie selber empfindet. Versuchen wir, ein ganz klein wenig der göttlichen Liebe, die sich uns in diesem Fest offenbart, nachzuspüren.

Das verschüttete Kreuz

Das heutige Fest geht auf das Jahr 320 zurück. Damals hielt die Kaiserinmutter – Augusta Flavia Helena – Einzug in Jerusalem. Der Grund, weshalb die Mutter Kaiser Konstantins eine Wallfahrt ins Heilige Land angetreten hatte, war ein Traum, in dem die hl. Helena eines Nachts die Weisung erhielt, das hl. Kreuz unseres Herrn Jesus Christus, das bis zu diesem Zeitpunkt seit über 150 Jahren verschollen war, wieder aufzufinden. Die heidnischen Kaiser hatten nämlich insbesondere in der Verfolgungszeit versucht, das Gedächtnis Christi möglichst gründlich auszulöschen, indem sie Kultstätten ihrer Götzen über jenen Orten errichteten, die für den christlichen Glauben höchst verehrungswürdig waren. Es dürfte also einiges Aufsehen erregt haben, als Kaiserin Helena herging und in Bethlehem das Bild des Adonis und am Ort der Auferstehung Christi das Standbild des Jupiters zertrümmern ließ. Auf dem Kalvarienhügel, an dem Ort der Kreuzigung, fand die Kaiserin eine seit mehr als 180 Jahren hoch auf einer Marmorsäule erhobene Venus vor. Als wahrheitsliebende Frau reinigte Helena, ohne ökumenistische Rücksicht auf die religiösen Gefühle Andersdenkender, auch diese Stätte, indem sie die Venus-Säule umstürzen und wegschaffen ließ. Dann befahl sie, zu graben. Unter dem Schutt von knapp drei Jahrhunderten förderten die Ausgrabungen die Inschrift, die Pilatus über dem Kreuz unseres Herrn anbringen ließ, und außerdem drei Kreuze zutage. Die Kreuzesinschrift war jedoch keinem der drei Kreuze zuordenbar. Im Glauben an diese Wahrheiten: „Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben“, befahl Makarius, der damalige Bischof von Jerusalem, nacheinander jedes der drei Kreuze einer schwerkranken Frau aufzulegen. Während die Berührung mit den ersten beiden keine Besserung brachte, wurde die Kranke durch das dritte Kreuz sofort gesund. So wurde das wahre Kreuz unseres göttlichen Erlösers Jesus Christus, die kostbarste Reliquie der Christenheit, wieder aufgefunden.

Kann das Kreuz geliebt werden?

Das Kreuz ist die Erinnerung an das bittere Erlöserleiden unseres Heilandes. Das Kreuz ist das Zeichen des neu geschenkten göttlichen Lebens aus der Gnade, das aus dem Leiden und dem Blut des menschgewordenen Gottessohnes geboren ist. Und: Das Kreuz ist das Zeichen der Wandlungskraft der göttlichen Liebe!

Wir Menschen fragen unwillkürlich, sobald wir ein Kreuz sehen, sobald wir einem Kreuz begegnen: „Kann das Kreuz geliebt werden?“ Die menschliche Natur antwortet entschieden: „Nein.“ Von seiner Natur her schreckt der Mensch vor dem Kreuz instinktiv zurück. Die Menschennatur ist nicht zum Leiden geschaffen. Deshalb schreckt sie, wie man vor dem Schmerz zurückschreckt, auch vor dem Kreuz zurück – instinktiv! Die Natur des Menschen will nicht leiden; will keinen Schmerz ertragen. Die Natur des Menschen möchte es sich wohlergehen lassen. – Der Glaube hingegen beantwortet die Frage ganz anders. „Kann das Kreuz geliebt werden?“ Der Glaube sagt: „Ja. – In und mit und für Jesus kann das Kreuz geliebt werden.“ – Das ist ein göttliches Wunder. Und wir sollten nicht zu eilig über dieses Wunder hinweggehen. Das Kreuz wirkt Wunder, wenn es geliebt wird!

Aber die Liebhaber des hl. Kreuzes sind heute sehr, sehr wenige geworden. Vermutlich waren sie stets in der Minderzahl, aber in unserer heutigen gottfernen Zeit sind sie eine verschwindend kleine Herde geworden. Warum? Weil der wahre Glaube am Schwinden, ja, gleichsam am Aussterben ist.

Das Kreuz ist heute noch mehr als zu früheren Zeiten das Unterscheidungszeichen für den wahren Jünger Jesu Christi. Der Herr Selber sagt: „Wer Mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge Mir nach.“ (Mt. 16,24). Und der hl. Kardinal und Kirchenlehrer Johannes Bonaventura beschreibt uns den Jünger in der Kreuzesnachfolge wie folgt: „Der wahre Christ betrachtet Christus, der am Kreuze aus Liebe zu uns ganz dem Leiden preisgegeben ist. Und von da an scheint ihm alles leicht, wenn er nur immer für Jesus leben und Ihm gefallen darf. Da er sieht, wie sehr ihn Jesus Christus geliebt und wieviel Schmach und Schmerz Er seinetwegen ausgestanden hat, wird er entflammt in Liebe zu seinem Erlöser. Sein Geist entbrennt vom Feuer der Liebe und er sehnt sich aus ganzem Herzen danach, für Christus zu leiden und zu sterben. Er verlangt, von diesem hl. Leiden ganz durchtränkt und überschwemmt und in seinen gekreuzigten Meister umgewandelt zu werden.“ Das Kreuz verwandelt uns! Aber nur so weit, als wir es zulassen. Nur so weit, als wir uns verwandeln lassen, als wir das Kreuz wirklich lieben. Die größte Schule im Menschenleben ist deshalb die Kreuzesschule.

Das Kreuz finden

Das Fest Kreuzauffindung hat eine tiefe, symbolische Bedeutung für unser Leben. Es beschreibt unsere Lebenssituation. Wir müssen das Kreuz finden!

Die meisten Menschen finden es bedauerlicherweise gar nicht. Sie gehen dem Kreuz, wo sie nur können, aus dem Weg, gehen an ihm vorbei, laufen vor ihm weg. Die meisten Menschen wollen das Kreuz gar nicht sehen. Sie sind achtlos, verständnislos, abweisend, wenn es um das Kreuz geht. Aber dennoch gilt das eherne Gesetz: „Jeder muß sein Kreuz tragen.“ Kein Leben bleibt vom Kreuz verschont. Auch das der sog. Weltmenschen nicht. Jeder muß sein Kreuz tragen. Es gibt heute bekanntlich eine riesige Industrie, welche den Menschen dabei behilflich ist, das Kreuz aus ihrem Leben auszublenden, es zu vergessen. Die Wellness-Industrie, die Freizeit-Industrie, die Vergnügungs-Industrie, die Unterhaltungs-Industrie. Diese Dinge sind im Grunde nur dazu da, damit der Mensch vergißt, daß er ein Kreuz tragen soll. Man gaukelt ihm vor, glücklich zu sein. Man hilft ihm, zu vergessen, wie leer, kalt und grausam sein eigenes Herz ist. Trotzdem muß jeder sein Kreuz tragen. Wenn man früher von außen durch die Fenster eines Hauses hineinschaute. Was sah man da? In jedem Fenster sah man ein Kreuz. Früher war das gang und gäbe. Jedes Fenster hatte ein Fensterkreuz. Und das zu Recht. Denn in welches Haus, in welche Familie, in welches Leben man auch hineinschaut, überall findet sich das Kreuz. In jedem Menschenleben steht ein Kreuz. Auf jedes Leben fällt der Schatten des Kreuzes. Und jeder kann und muß sich entscheiden, was er mit diesem, seinem Kreuz anfängt. – Aber was ist, wenn der Mensch das Kreuz nicht will? Wenn das Kreuz kein Segen für ihn ist? Wenn das Kreuz ohne Gnade getragen wird? nur widerwillig, vielleicht sogar in Auflehnung und Haß gegen Gott? Dann kann das Kreuz nicht nur seine verwandelnde Kraft nicht entfalten, sondern dann kann das Kreuz sogar zum Fluch werden. Und das ist die größte Tragödie für ein Menschenleben!

Wir sollen das Kreuz also finden. Der Schlüssel dazu ist, daß wir verstehen lernen: Dieses mein Kreuz ist ein Stück vom wahren Kreuz Jesu Christi. – Wir haben hier am Altar in dem kleinen Kreuzreliquiar, in dieser kleinen kreuzförmigen Monstranz, einen Kreuzpartikel, mit dem von heute ab täglich der Wettersegen erteilt wird. Der Kreuzpartikel ist ein echter Splitter, ein wirkliches Stück von dem wahren Kreuz, an dem der Heiland sein Blut vergossen hatte. – Wir müssen lernen, daß jedes persönliche Kreuz geistigerweise ein kleiner Kreuzpartikel ist, ein Stück vom Kreuz Jesu. – Man kann den Kreuzpartikel, diesen kleinen Holzsplitter, ignorieren, ihn wegwerfen. Man kann sogar verächtlich darauf herumtrampeln, ihn bespucken. Oder aber man kann ihn verehren. Man kann ihn in ein kostbares Gefäß, wie in diese kleine Monstranz, geben, die mit Gold, Silber und Edelsteinen verziert ist. Man kann vor ihm auf die Knie sinken, es anbeten und voll Ehrfurcht bekennen: „Das ist das Kreuz des göttlichen Heilandes, an dem das Heil der Welt gehangen ist.“

Wenn man das Kreuz versteht als das Kreuz Jesu Christi, dann verändert es sich plötzlich. Dann wird es auf einmal lebendig. Und es erzählt uns seine Geschichte. So geschehen in einem altenglischen Gedicht aus dem 8. Jahrhundert: „Vor langen Jahren war es, aber ich kann mich noch daran erinnern. Es war in einem Waldwinkel. Ich wurde geschnitten, gefällt, weggetragen. Rohe Feinde nahmen mich, um aus mir ein Schaustück zu machen, um mich auf einen Berg zu tragen und mich in die Erde zu schlagen. Da sah ich den Herrn des Menschengeschlechts in Seiner Macht herankommen, um mich zu besteigen. Um gegen diesen Herrn nicht ungehorsam zu sein, wagte ich weder zu brechen, noch mich zu beugen. Aber ich fühlte die Erde unter mir erbeben. Ich zitterte, als der Held mich umfing. Aber ich wagte nicht, mich zu neigen, nicht in den Schoß der Erde zu versinken. Ich mußte gegen meinen Willen stehenbleiben, mich emporrecken, um den großen König, den Herrn des Himmels, über die Menge zu erheben. Man durchbohrte mich mit grausigen Nägeln. Noch sind die Wunden an mir sichtbar. Er und ich, wir wurden beide beschimpft. Ich war ganz vom Blute durchtränkt, das aus Seiner Seite quoll, nachdem Er Seinen Geist ausgehaucht hatte. Die Sonne verfinsterte sich. Die ganze Schöpfung weinte. Sie beweinte den Fall ihres Königs.“ (aus „Dream of the Rood“). Das Kreuz Christi hat seine Geschichte. Und so ist es mit jedem Kreuzpartikel in einem jeden Menschenleben. Jeder Mensch hat seine Geschichte. Und zu dieser Geschichte gehört immer auch eine Kreuzesgeschichte dazu.

Die Wandlungskraft des hl. Kreuzes

Im Grunde ist das Menschenleben ganz einfach. Wir müssen uns nur bekehren zur Liebe zum hl. Kreuz. – Seit der Sünde Adams steht die Welt auf dem Kopf. Die Menschen laufen dem verlorenen Paradies hinterher. Sie verwechseln die Freude mit dem Vergnügen. Sie versuchen mit allen Mitteln, dem Schmerz und dem Leid zu entfliehen. Weil für sie der Schmerz und das Leid ein Zeichen dafür sind, daß sie aus dem Paradies vertrieben wurden. – Aber wenn die Menschen ein klein bißchen ehrlicher und aufmerksamer wären, dann würden sie sehen: Das ist der falsche Weg zurück zum Paradies! Eine milliardenschwere Industrie von Vergnügungsparks und Vergnügungsmitteln, von Sport und Spielen, von Unterhaltungsmedien und allen möglichen Zerstreuungen bringt uns das Paradies nicht zurück.

Nur das Kreuz vermag das zu erreichen! Das Kreuz bringt uns das Paradies zurück. Das Kreuz ist ja der neue „Baum des Lebens“, der auf den Stumpf des ersten aufgepfropft worden ist. Der Kreuzesbaum steht mitten im Paradies. Derjenige nun, der nicht mehr vor dem Kreuz davonläuft, der innerlich umdenkt, der sich so weit bekehrt, daß er zum Willen Gottes „ja“ sagt, auch wenn es Leid zu tragen gilt, der ist auf dem Weg zurück ins Paradies.

Jede Heiligenbiographie demonstriert uns diese Wahrheit. Ganz besonders deutlich war das im Leben des hl. Franziskus der Fall. Der hl. Franz von Assisi war ein so großer Liebhaber des hl. Kreuzes, daß ihm Gott sogar die hl. Wundmale in sein Fleisch eingeprägt hat. Was aber ist das Wunder des hl. Franziskus? Überall dort, wo dieser Liebhaber des hl. Kreuzes hinkam, da nahm die Welt die Züge des Paradieses wieder an. Die wilden Tiere werden zahm. Denken wir an den Wolf von Gubbio. Dieser terrorisierte damals jene Stadt in Umbrien. Nachdem er wiederholt über die Viehherden hergefallen war, schreckte er mit der Zeit nicht mehr davor zurück, die Menschen selbst zu anzufallen und zu zerreißen. Keine Waffe vermochte ihn zu verletzen und jeder, der auf ihn Jagd machte, wurde tot aufgefunden. Da ging der hl. Franziskus zu ihm hinaus. Als die Bestie den Heiligen erblickte, stürzte sie sich auf ihn. Doch der hl. Franz schlug das Kreuzzeichen über ihn und befahl ihm im Namen Gottes, seine Angriffe einzustellen. Und der Wolf gehorchte. Er trabte zu ihm, legte sich zu seinen Füßen und schmiegte seinen Kopf in die Hände des Heiligen. Der hl. Franziskus hatte den menschenfressenden Wolf gezähmt. Aber warum wurde dieser Wolf zahm? Weil der hl. Franziskus das Paradies zurückgebracht hat. Denn im Paradies ist der Wolf zahm. Genauso die Vögel. Als der hl. Franziskus die Vögel zusammenrief, dann kamen sie herbei. Er predigte ihnen. Währenddessen waren sie ganz ruhig und hörten dem Heiligen zu. Nach der Predigt sagte ihnen der hl. Franz, sie dürften jetzt wieder wegfliegen. Und siehe, sie breiteten ihre Flügel aus und erhoben sich wieder zwitschernd und singend in die Lüfte. Warum? Weil er das Paradies zurückgebracht hat. Im Paradies waren alle Tiere des Feldes dem Menschen untertan und gehorchten ihm.

Wie aber war es dem hl. Franziskus gelungen, das Paradies zurückzubringen? Durch seine Selbstverleugnung, durch seine Armut, durch sein abgetötetes Leben, durch sein Leiden. Kurz: Durch seine Liebe zum Kreuz. Durch seine Liebe zu Jesus Christus, dem Gekreuzigten. Und der Heiland zeigt uns gerade im hl. Franziskus auf staunenswerte Weise, was Er, der gekreuzigte Gott, für denjenigen tut, der sich Ihm vollkommen schenkt.

Das verlorene Paradies

Wir dürfen uns im Grunde nicht wundern, daß das christliche Abendland, das durch die jahrhundertelange Arbeit der katholischen Kirche neu gepflanzte Paradies, zerbrochen und untergegangen ist. In Wirklichkeit wäre es erstaunlich gewesen, wenn es nicht zugrundegegangen wäre, obwohl es keine Liebhaber des Kreuzes mehr gibt. Wenn es keine Menschen mehr gibt, die Paradies schaffen: durch ihr Gebet, durch ihre Opfer, durch ihre Liebe zu Christus. Diese Menschen sind immer weniger geworden und werden beständig weniger. Wie sollte das Paradies, das ehemals christliche Abendland, da weiterbestehen können?

Es ist folgerichtig: Wir sehen das Paradies, die Ordnung, die Gerechtigkeit, den Frieden schwinden, wenn die Liebhaber des Kreuzes aussterben, wenn stattdessen die Weltmenschen überhandnehmen, die nur ihr Vergnügen, ihren Vorteil, ihre Lust suchen.

Da muß die Gesellschaft wieder ins Dämonische zurückfallen. Das kann gar nicht anders sein. Denn der Teufel hat seit dem Sündenfall ein Recht auf diese Welt erworben. Er ist der Fürst dieser Welt. Gewiß, unser Herr hat die Welt dem Satan entrissen – durch Sein Kreuz. Und deshalb sind alle, die dem Heiland nachfolgen auf dem Weg der Kreuzesliebe, vor der Macht und der Wut des Teufels sicher. Über jene aber, die das Kreuz verachten, behält der böse Geist seinen Rechtsanspruch. Das ist der Fall bei jedem Menschen, der die Sünde mehr liebt als das Kreuz; der die Sünde mehr liebt als Jesus, seinen gekreuzigten Herrn. Das kann gar nicht anders sein.

Und das ist der Grund, warum die Lage der modernen Welt und die aktuelle Lage der katholischen Kirche heute so ist, wie sie ist. Die Dämonen können in der heutigen Welt wieder herrschen und sie können deshalb den heiligenden Einfluß der Kirche zurückdrängen, weil der überwiegende Teil der Menschen der Versuchung erlegen ist, vom Kreuz heruntersteigen zu wollen; weil die Menschen ohne Gnade leben wollen.

Der Weg zur Kreuzesliebe

Was sollen wir tun? Was müssen wir tun? Antwort: Wir müssen das Kreuz lieben. – Das hört sich vielleicht etwas pathetisch und zugleich auch etwas erschreckend an. Es ist aber im Grunde ganz einfach.

Wenn wir das Kreuz lieben wollen, dann müssen wir zuallererst damit anfangen, unsere Pflichten zu lieben Das ist die unterste Sprosse auf der Leiter der Kreuzesliebe. „Ich weiche meinen Pflichten nicht aus. Ich vernachlässige nicht die Erfüllung meiner Pflichten. Nein, ich liebe meine Pflichten, meine Standes-, Berufs- und Familienpflichten.“ Die Pflichterfüllung ist die fundamentalste Forderung des göttlichen Willens.

Oft fragen und rätseln ja die Menschen, auch fromme Menschen: „Was ist denn der Wille Gottes? Was will denn Gott mit meinem Leben?“ Und sie malen sich dabei etwas Außergewöhnliches aus, etwas, das ihr Leben umkrempelt, was ihrem Leben eine auffällige Wendung gibt. Dabei ist viel unauffälliger und ganz einfach. Der Wille Gottes äußert sich am klarsten und am sichersten in unseren täglichen Pflichten. Hier müssen wir uns bewähren. Hier müssen wir Seine Gebote und die Gebote der Kirche achten. Hier müssen wir unsere schlechten Neigungen, unsere Launenhaftigkeit und unsere Selbstsucht überwinden. Hier müssen wir die Tugenden üben und nach der Vollkommenheit streben. Die Basis von alledem ist die treue Erfüllung unserer Pflichten. Das ist die Grundlage der Kreuzesliebe.

Um das Kreuz in unseren Pflichten zu finden, ist es vielleicht zuvor nötig – ähnlich, wie es auch die hl. Kaiserin Helena zuallererst tun mußte –, daß wir zuvor das ein oder andere Götzenbild vom Sockel stürzen müssen. Etwa den Götzen der Bequemlichkeit, den Götzen der Selbstverwirklichung, den Götzen des Ehrgeizes oder den Götzen der Sinnlichkeit, um nur einige Beispiele für jene Götzenbilder zu nennen, welche den modernen Menschen auf das Kreuz Christi und auf das Kreuztragen vergessen lassen.

Wer aber seine Pflicht treu erfüllt, der findet das Kreuz. Denn wer seine Pflichten treu erfüllt, der hat täglich viele kleine Kreuze zu tragen, der hat täglich viele kleine Kreuzpartikel zu sammeln. Aufgrund unserer Oberflächlichkeit neigen wir leider dazu, daß wir darauf nicht achten. Die Pflichten kommen uns zu klein vor, zu unbedeutend. Dieser Alltag, der oft so mühselig, armselig und grau ist. Und da droht auch uns die Gefahr, daß wir das Kreuz nicht nur nicht finden, sondern daß wir es verkennen; daß wir die kleinen Kreuzpartikel verachten, sie ungeduldig abstreifen, sie vielleicht sogar verfluchen und auf ihnen verächtlich herumtrampeln.

Wenn man hingegen anfängt, die Pflicht zu lieben (!), dann weitet sich das Herz. Man wird von der übernatürlichen Liebe entflammt. Und nach Art der Liebenden wird man auf einmal erfinderisch. Der von der Liebe entflammte Glaube läßt uns dann die scheinbar ach so alltäglichen Dinge immer mehr für Gott tun. Er läßt uns danach streben, die Dinge in immer reinerer Absicht zu tun, d. h., in allem nur das göttliche Wohlgefallen zu suchen; und nicht mehr darauf zu achten, was die anderen von mir denken, was sie über mich reden etc. Wenn wir die Sprossen dieser Leiter nach und nach besteigen, werden wir innerlich zu einem Liebhaber des hl. Kreuzes umgeformt.

Kreuzauffindung und -erhöhung

Für die junge Christenheit war es ein großes Glück, die kostbare Reliquie des heiligen Kreuzes wieder aufgefunden zu haben. Kaiser Konstantin ließ in Rom zu seiner würdigen Aufbewahrung eine herrliche Kirche bauen – die Basilika Santa Croce in Gerusalemme. Dort wird das heilige Kreuz seither von der gesamten Christenheit in hohen Ehren gehalten. Möge das hl. Kreuz auch von uns immer wieder aufgefunden und sein Geheimnis eingesehen werden, damit es auch in unserem Herzen stets eine würdige Verehrungsstätte finde.

Dazu wollen wir heute Kreuzauffindung feiern. Und zwar richtig feiern, so daß wir vor keinem Kreuz mehr zurückschrecken. Wie im Laufe des Kirchenjahres dem heutigen Fest dann später im September das Fest Kreuzerhöhung folgt, so müssen wir, nachdem wir das Kreuz und seine heiligende Kraft im freudigen Licht der österlichen Zeit entdeckt, also gefunden haben, den ganzen Sommer über bis zum 14. September lernen, das Kreuz in unserem Alltag zu erhöhen. Wir müssen es hochhalten. Wir müssen die kleinen Kreuzpartikel im Glauben hochschätzen. Wie der hl. Paulus muß ich mich freuen, für Jesus etwas leiden zu dürfen. Der Völkerapostel schreibt im Brief an die Kolosser: „Jetzt freue ich mich in den Leiden für euch und ergänze das an meinem Fleische, was an den Leiden Christi noch mangelt für Seinen Leib, welcher die Kirche ist.“ (Kol. 1,24). Und wenn es nur diese ganz kleinen Leiden des Alltags sind. „Wenn ich diese Kreuze erkenne und wertschätze, dann halte ich das Kreuz in die Höhe.“ Und dann dürfen wir damit rechnen, daß der Heiland auch an uns sein Wort wahrmachen wird, das da lautet: „Wenn ich von der Erde erhöht sein werde“, d. h., wenn Mich die Menschen in ihren kleinen Kreuzen finden, Mich darin aufheben und wertschätzen, dann „werde Ich alle an Mich ziehen.“

Zur Höhe der Kreuzesliebe verhelfe uns die Fürbitte der schmerzensreichen Mutter, die der sel. Heinrich Seuse in so berührenden Worten grüßt: „O Blume, köstlich durchduftet mit allen Gnaden, wie die Hammerschläge, die dein Kind angenagelt haben, doch grausam in deinem Herzen wiederhallen mußten! Ach Gott, wenn ich doch nur mit meinen Augen meinen Erlöser hätte sehen können, als man Ihn vom Kreuz loslöste! Wenn ich doch den herzzerreißenden Anblick Seines leblosen Körpers auf deinem Schoß, o Mutter, hätte haben können. Hätte ich doch den durchdringenden Wehe-Ruf gehört, den du ausstießest, als du dich, plötzlich allen Trostes beraubt, deinem toten Kinde gegenüber befandest. Bei Einbruch der Nacht, als der Lieblingsjünger dich vom Grabe weg durch die Stadt führte, welch beweinenswerten Anblick botest du da dem in den Straßen angesammelten Volke. Sie sahen dich vorübergehen, die Kleider getränkt von dem heiligsten Blute, das vom Kreuze ganz warm auf dich niedergeflossen war. Die härtesten Herzen waren vom tiefsten Mitleid bewegt.“ („Büchlein der ewigen Weisheit“, cap. 6).

Möge uns die Schmerzensmutter diese große Gnade vermitteln, daß wir, wie sie, das Kreuz finden, das Kreuz lieben und es in unserem Leben erhöhen dürfen, damit uns in unserer letzten Stunde wiederum der erhöhte Herr an sich ziehe. Amen.

(in memoria – Hw. P. Hermann Weinzierl)

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