16. Sonntag nach Pfingsten

Die Arten der übernatürlichen Reue und die Wege, sie zu erwecken

Geliebte Gottes!

Die echte Reue, welche allein die gültige Materie für das Bußsakrament darstellt, muß innerlich, also aufrichtigen Herzens sein; sie muß allgemein, das bedeutet, keine Todsünde ausnehmend; und sie muß übernatürlich sein. Sie ist übernatürlich, wenn die Wurzel oder der Beweggrund der Reue aus dem Glauben stammt. Wer sagt uns, daß es ein Gericht gibt, eine Hölle, einen Himmel, daß der Heiland aufgrund unserer Sünden gestorben ist? – Der übernatürliche Glaube. Wenn die Reue vom übernatürlichen Glauben her ihren Antrieb, ihr Motiv findet, dann ist auch sie übernatürlich. – Bezüglich der übernatürlichen Reue sind aber noch zwei weitere Fragen genauer zu klären: 1. Wie wird die übernatürliche Reue weiter eingeteilt? 2. Wie können wir sie erwecken?

Vollkommene & unvollkommene Reue

Zunächst also wollen wir unsere Erklärungen zur übernatürlichen Reue vertiefen und uns fragen, wie sie weiter eingeteilt wird? Der Katechismus spricht von einer zweifachen übernatürlichen Reue. Entweder ist sie „vollkommen“ oder sie ist „unvollkommen“. Wo aber liegt der Unterschied? Beide sind innerlich; beide sind allgemein; beide sind übernatürlich; hierin unterscheiden sie sich nicht voneinander. Der Unterschied liegt wieder in der Art des Beweggrundes. Wie es mehr als einen Beweggrund der „natürlichen Reue“ gibt ( etwa die Gesundheit, die Ehre, die Selbstachtung usw., wie wir am vergangenen Sonntag gesehen haben), so gibt es auch mehr als einen Beweggrund zur „übernatürlichen Reue“. 

Stellen wir uns eine ganze Reihe von Beichtkindern vor, die vor dem Beichtstuhl an der Beichtbank knien und sich darauf vorbereiten, ihre Sünden zu beichten. Fragen wir sie, den einen nach dem andern: „Warum tun dir deine Sünden leid?“ Der eine wird antworten: „Die Furcht vor der Hölle, die Furcht vor den Strafgerichten Gottes, läßt mich meine Sünden bereuen.“ Ein anderer sagt: „Ach, die Sünden bringen uns um unser wahres ewiges Glück im Himmel, darum verabscheue ich sie.“ Ein dritter gibt als Motiv seiner Reue an: „In der Sünde liegt ein so abscheulicher Undank gegen Gott, der ja mein größter Wohltäter ist. Sie ist wie ein Schlag in das Gesicht des liebenden Vaters, deshalb muß ich sie verabscheuen.“ Wiederum ein anderer sagt: „Der Gedanke vor allem, daß ich am Leiden Christi schuld bin, daß ich Ihm diese furchtbaren Wunden geschlagen, daß ich Ihm entsetzliche Qualen bereitet, daß ich die unbegreifliche Güte Gottes beleidigt habe, läßt mich meine Sünden so sehr verabscheuen.“ 

Der feine Unterschied

Alle vier Pönitenten haben eine wahre Reue. Sie ist bei allen übernatürlich, aber doch sind deutliche Unterschiede zu erkennen. Die einen bereuen ihre Sünden aus Furcht vor den Strafen, und ihre Reue ist „unvollkommen“. Denn ihre Reue ist von der Eigenliebe motiviert, die vor allem persönliche Nachteile fürchtet; etwa die ewige Verdammnis, zeitliche Strafen und Leiden, welche ihnen die Sünde einbringt.

Bei den anderen geht die Reue aus der Liebe zu Gott hervor. Nicht die Furcht vor Strafe, sondern das Entsetzen darüber, Gottes Güte, Liebe und Majestät verletzt zu haben, treibt sie zur Reue an. Aufgrund ihrer Gottesliebe ist diese Reue „vollkommen“. – Die einen denken bei der Reue mehr an sich, an den Schaden, der den Sünder selbst trifft. Ihre Reue ist „unvollkommen“, weil ihr eine gewisse Selbstsucht anhaftet. Die anderen denken an die Beleidigung, die Gott angetan wird, an die Bitterkeit des Leidens, die für unseren Herrn Jesus Christus aus der Sünde hervorgegangen ist. Diese Reue ist „vollkommen“, weil sie selbstlos ist. Der Katechismus bringt den Unterschied klar auf den Punkt: „Die übernatürliche Reue ist vollkommen, wenn wir die Sünden aus Liebe zu Gott bereuen, weil wir Gott, unseren gütigsten Vater und größten Wohltäter, das höchste und liebenswürdigste Gut, beleidigt haben.“ Hingegen: „Die übernatürliche Reue ist unvollkommen, wenn wir die Sünden hauptsächlich aus Furcht vor Gott bereuen, weil wir dadurch verdient haben, von ihm zeitlich oder ewig gestraft zu werden.“

Die „unvollkommene Reue“ und Bußsakrament

Die „unvollkommene Reue“ ist wenn sie alleine für sich steht ungenügend, um die Vergebung der Sünden zu erlangen. Es mangelt ihr an Gottesliebe. Nur die Liebe zu Gott vermag die Sünde zu tilgen. Deshalb kann die „unvollkommene Reue“ nur zusammen mit der gültigen Lossprechung des Bußsakramentes die Sünden tilgen. In der Absolution wird dem Pönitenten nämlich die unendliche Liebe des gekreuzigten Erlösers zugewandt. Damit ersetzt im Bußsakrament die vollkommen Liebe Christi, die der Heiland Seinem himmlischen Vater zur Sühne der Sünden am Kreuz stellvertretend für uns darbrachte, all das, was an unserer Reue mangelhaft, eben „unvollkommen“ ist. Nur durch diesen Ersatz, den das Bußsakrament beisteuert, findet der Sünder, der mit „unvollkommener Reue“ beichtet, Vergebung seiner Sündenschuld.

Die „vollkommene Reue“ und das Bußsakrament.

Zum Empfang des Bußsakramentes ist es also hinreichend, eine „unvollkommene Reue“ zu erwecken. Dennoch ist es wünschenswert und sehr ratsam, die „vollkommene Reue“ zu erwecken. Denn seine Sünden aus Liebe zu Gott bereuen, ist viel verdienstlicher, Gott wohlgefälliger und vermag mehr zeitliche Strafen zu tilgen. 

Aber nicht bloß bei der Beichte sollen wir uns bemühen, eine „vollkommene Reue“ zu erwecken, auch bei anderen Gelegenheiten ist dies sehr anzuraten. Bei welchen? – Erstens: In Todesgefahr. – Warum? Weil in der Todesgefahr die „vollkommene Reue“, also ein übernatürlicher Akt der Liebe, das Schönste ist, womit wir unser Leben beschließen können. Weil die Liebesreue das Sicherste ist, wodurch wir Nachlaß der noch nicht verziehenen Sünden erlangen. Und schließlich, weil sie das Beste ist, wodurch wir den Empfang der Sterbesakramente, der unter den heutigen Umständen oft nicht möglich ist, ersetzen können. – Zweitens: Mann sollen die „vollkommene Reue“ erwecken, sooft man das Unglück hat, eine Todsünde begangen zu haben. – Was tut man, wenn Feuer ausgebrochen ist? Löschen! Wann wird man löschen? Wartet man bis zum folgenden Tag, oder bis zum nächsten Herz-Jesu-Freitag, oder gar bis zum nächsten Osterfest? Nein, sofort wird man löschen! Ohne Zögern. Deshalb: Sofort bereuen! Wenn jemand eine Todsünde begangen hat, wäre es da nicht denkbar, daß den Sünder in Bälde auch der physische Tod ereilt? Durchaus. Man kann jederzeit plötzlich sterben. Und wenn das einem Todsünder geschähe? Was soll er tun? Beichten? Dazu ist es zu spät, wenn ihm vielleicht nur noch wenige Augenblicke bleiben. Was dann? Was wenigstens? Einen Akt der vollkommenen Reue erwecken! Die Sünden aus Liebe zu Gott bereuen. Weil aber in der Regel Verwirrung und Überraschung bei einem plötzlichen Tod die Seele davon abhalten einen klaren Gedanken zu fassen, ist es dringend angeraten die „vollkommene Reue“ nicht bis zu diesem allesentscheidenden Augenblick aufzuschieben. Kann einer, der keine Übung darin hat berechtigter Weise darauf hoffen, daß im der Akt der vollkommenen Liebe zu Gott ausgerechnet im letzen Augenblick seines Lebens, in einem Moment äußerster Bedrängnis, gelingen wird? Deshalb, sofort bereuen! Sollten wir also in eine schwere Sünde fallen, so bemühen wir uns sofort die „vollkommene Reue“ zu erwecken. Dadurch wird dem Todsünder wenigstens die schwere Sündenschuld und damit die ewige Strafe nachgelassen. Der Akt der „vollkommenen Reue“ ist jedoch nur dann echt, wenn er auch die Absicht einschließt die begangene Todsünde so bald wie möglich zu beichten! Wenn diese Absicht fehlt, so steht fest, daß wir keine „vollkommene Reue“ haben. Die Triebfeder der „vollkommenen Reue“ ist ja die Liebe. Der Liebende will dasselbe, was der Geliebte will. Gott will aber, daß wir die schweren Sünden sobald wie möglich beichten. Deshalb ist nur dann überhaupt eine „Liebesreue“ vorhanden, wenn dieser feste Wille, die Sünden baldmöglichst zu beichten, eingeschlossen ist. Würde dieser Wille fehlen wäre unser Liebe und damit auch unsere Reue nur „unvollkommen“.

Die „vollkommene Reue“ und der Kommunionempfang

Der Akt der „vollkommenen Reue“ tilgt zwar die Todsünde sofort. Gott schenkt uns augenblicklich die heiligmachende Gnade wieder. Jedoch sind wir, bevor wir unsere Todsünde auch tatsächlich gebeichtet haben, noch nicht würdig die hl. Kommunion zu empfangen! Der Weg zum Tisch des Herrn steht uns in diesem Fall erst nach der sakramentalen Beichte offen! Die Liebesreue ist also kein provisorischer Beichtersatz. Der Akt der „vollkommenen Reue“ nach einer schweren Sünde kann die Beichte im Hinblick auf den Kommunionempfang nicht ersetzen! Der Todsünder, der die „vollkommene Reue“ erweckt hat und vor der Kommunionausteilung keine Gelegenheit hatte zu beichten, muß der Kommunionbank solange fern bleiben, bis seine Beichte tatsächlich erfolgt ist! Die „vollkomme Reue“ ist nur der letzte Rettungsanker, der uns vor der ewigen Verdammnis bewahren kann, sollten wir uns beim Herannahmen unseres „letzten Stündleins“ unglücklicherweise im Stande der Todsünde befinden. Sie ist jedoch nicht hinreichend die Kommunionwürdigkeit wiederherzustellen. Soweit zum Unterscheid zwischen „vollkommener“ und „unvollkommener“ Reue.

1. Schritt zur übernatürlichen Reue: Das Feuer des Heiligen Geistes herabflehen

Bleibt noch die andere wichtige Frage zu klären: Wie stellen wir es an, um zu einer wahren, übernatürlichen Reue zu gelangen? Die Reue des gefallenen Menschen kann man mit einem schwerfälligen Flugzeug vergleichen, das sich zum Himmel, zu Gott, erheben soll. Ein Flugzeug bestehen und Metall und wiegt mehrere Tonnen. Deshalb kann es sich nicht aus eigener Kraft in die Lüfte erheben. Es braucht einen Antrieb, der ihm Schub verleiht. Laut dem Katechismus ist der Antrieb für die übernatürliche Reue der Heilige Geist. Deshalb rät er uns zuerst den Heiligen Geist um die Gnade einer wahren Reue anzuflehen. Das ist nicht alles, aber es ist das Erste. Um die Richtigkeit und Wichtigkeit dieses Rates zu erklären, wollen wir kurz einen Blick ins Alte Testament werfen. Im dritten Buch der Könige lesen wir, daß sich damals am Berge Karmel einerseits der gottlose König Achab zusammen mit 450 Baalspriestern versammelt hatte. Ihnen gegenüber stand ganz allein für sich der hl. Prophet Elias. Das Volk, zahlreich versammelt, schaute zu. Um herauszustellen, welcher Gott der wahre sei, machte Elias einen Vorschlag. Sowohl die Baalspriester als auch er selbst sollten ein Rind schlachten, einen Altar bauen, Holz darauf schichten, das Rind auf das Holz legen, aber – und das war der springende Punkt – kein Feuer anlegen. Dann sollten die Baalspriester zu ihrem Götzen und Elias zum Gott Israels beten, daß dieser Feuer vom Himmel sende, um das Fleisch auf dem Altare zu verzehren. Derjenige, der Feuer sende, soll dann vom Volk als der einzig wahre Gott angebetet werden. Das Volk fand den Vorschlag gut. Die Baalspriester schlachteten ihr Rind, bauten den Altar und machten alles, wie es ausgemacht war. Dann riefen sie mit lauter Stimme zu ihrem Götzen von Morgen bis Mittag, von Mittag bis zum Abend. Aber vergeblich. Elias spottete: „Ruft lauter! Denn er ist ja ein Gott; er ist in Gedanken oder hat zu schaffen oder ist über Land oder schläft vielleicht, daß er aufgeweckt werden muß.“ (3. Kg. 18, 27). Nachdem dann der Prophet sein Opfertier geschlachtet, den Altar gebaut und alles gemäß der Verabredung vorbereitet hatte, tat er noch etwas zusätzliches. Er zog einen Graben um seinen Altar. Dann goß er zwölf Krüge Wasser aus, so daß das Opfertier, der Altar, das Holz und die Steine vom Wasser durch und durch naß waren und sogar der Graben mit Wasser gefüllt war. Wozu das? Um zu zeigen, daß kein natürliches Feuer mit dem Altar in Berührung gekommen sein kann. Dann aber betete er: „Erhöre mich, o Herr, erhöre mich, damit dieses Volk lerne, daß Du der Herr bist und Du ihr Herz zu Dir bekehrt hast.“ (3. Kg. 18, 37). Er betete um Feuer, um ein wunderbares, himmlisches, übernatürliches Feuer. Und Elias wurde erhört. Es fiel Feuer vom Himmel. Es verzehrte das Rind, das Holz, die Steine und sogar das Wasser, das sich im äußeren Graben gesammelt hatte.

So ist auch die Reue ein Feuer in unserem kalten, sündigen Herzen, das nur von der Gnade Gottes angezündet werden kann. Lassen sie uns also um dieses Feuer beten: „O mein Herr und Gott, erhöre mich. In die Sünde fallen, das konnte ich. Aber aus eigener Kraft aufstehen, das kann ich nicht. Mit der Sünde mich beflecken, das konnte ich. Aber mich zu reinigen vermag ich nicht. Die Fesseln der Sünde anlegen, dazu war ich alleine in der Lage. Aber sie zu zerbrechen, dazu bin ich zu schwach. Sündigen, ja sündigen konnte ich. Aber meine Sünden, so wie es sein soll, bereuen, das kann ich nicht. Die Gnade verlieren, das konnte ich. Aber sie mir wiederverschaffen, das kann ich nicht. Sende mir dein Feuer vom Himmel damit ich bereue.“ So sollen wir um die Gnade der Reue beten. Wie Elias durch das Wasser, das er über sein Opfer ausgoß, seine Unfähigkeit bekannte, das Opfer in Brand zu stecken, so sollen wir unsere Unfähigkeit bekennen, unsere Sünden in rechter Weise zu bereuen. Und Gott wird die Flamme der Liebesreue vom Himmel senden, die unsere Seele erfaßt und unsere Sünde vollends verzehrt und austilgt.

2. Schritt: Die vier Startbahnen zur übernatürlichen Reue

Freilich, auch wenn die Gnade Gottes die Hauptrolle spielt, so müssen wir durchaus uns selbst bemühen, das Feuer, das Gott uns schickt, im Herzen aufzunehmen. Um das Flugzeug unserer Reue in die Höhe des Übernatürlichen aufsteigen zu lassen, stehen und vier Startbahnen zur Verfügung:

Die erste Startbahn ist der Gedanke an die Gerechtigkeit Gottes. Erinnern wir uns, welche Strafe die Gerechtigkeit Gottes, die jedem das gibt, was er verdient, für den Sünder bereit hält. Die Hölle! Welch ein Ort, welch ein Feuer, welche unerträgliche Qualen und welche Dauer! – Welche sind es, die dorthin verdammt sind? Sünder, nur Sünder, nur Todsünder, nur unbußfertige Todsünder. Der Gedanke an dieses ewige Feuer, welches wir für jede einzelne unserer zahlreichen Todsünden verdient hätten, kann in unserem Herzen das Feuer der Reue entfachen. Wo wäre ich, wenn ich ohne Reue gestorben wäre? Wohin werde ich mit Gewißheit kommen, wenn ich meine Sünden nicht bereue? Kann und will ich denn in ewigen Qualen enden, wenn mir hier auf Erden schon viel geringere Leiden „zu viel“ sind?

Als zweite Startbahn zur Reue kann uns der Gedanke an die Güte Gottes dienen. Erheben wir unseren Blick zu unserer ewigen Heimat, die uns von Gott bereitet ist „seit Grundlegung der Welt“. Das himmlische Jerusalem, wie es in der Geheimen Offenbarung des hl. Johannes beschrieben ist. Welch eine herrliche Stadt, welch ein Reich, welch ein König, welche Bürger, welcher Friede, welches Glück, welche Seligkeit! Wer sind ihre Bewohner? Die Heiligen! Es sind auch Sünder unter ihnen. Aber nur solche, die ihre Sünden schmerzlich bereut und gebüßt haben. So betrachtet, kann auch das Licht des Himmels geeignet sein, um die Funken der Reue anzuzünden. Ein Kind weint doch schon, wenn man ihm ein Süßigkeit, ein Stück Schokolade oder ein Spielzeug wegnimmt. Und wir sollten nicht weinen können, über die Sünde, die uns das ewige Leben entreißt und uns der ewigen Glückseligkeit beraubt?

Die dritte Startbahn führt uns durch den Gedanken an die Barmherzigkeit Gottes zur wahren Reue. Schauen wir auf den Kalvarienberg. Blicken wir auf das Kreuz, auf den, der da hängt. Wer ist es? Der Sohn Gottes, das fleischgewordene, ewige Wort! Was für Wunden, wieviel Blut, welche Schmerzen, welch ein schmachvoller Tod! Wer ist der Urheber der Leiden Christi? Wer ist schuld daran? Ich! Meine Sünden, meine ebenso, wie die Sünden aller anderen. Die Lanze des Soldaten zeigt uns, was die Sünde mit Gott tut. Wenn es möglich wäre Gott zu töten, würde sie Gott durchbohren, Ihm eine tödliche Wunde zufügen! Meine Sünden haben Jesus gekreuzigt. Ich habe die Lanze geführt. Jesus leidet wegen mir. Die Wunden des barmherzigen Heilandes sind vielleicht der geeignetste Ort, um die Flamme der Reue in unseren Herzen anzuzünden. Wir verfluchen die Sünde, wodurch diese Wunden geschlagen worden sind; die Sünde, wodurch diese Wunden erneuert werden; die einzige Ursache, weshalb das kostbare Blut für uns womöglich vergeblich geflossen sein könnte: „O Jesus, laß deine Not und Pein, an meiner Seele nicht verloren sein.“

Schließlich die vierte Startbahn zur Erlangung einer übernatürlichen Reue. Der Blick auf die Majestät Gottes. Schauen wir auf Seinen erhabenen Thron. Gott ist der Allherrscher, der Pantokrator. Unendlich hoch und erhaben ist Gott im Vergleich zur geschaffenen Welt! Welch ein König, welch eine Macht, welch ein Reich, welche Majestät! Ewig, allmächtig, gewaltig! Die ganze Schöpfung ist ihm Untertan! Die Sterne laufen gehorsam ihre Bahnen. Jedes Staubkörnchen hält sich genau an die Gesetze, die Seine Majestät in die Natur eingesenkt hat. Jeder Baum, jeder Grashalm, jeder Vogel und jedes andere Tier, alle gehorchen Gott. Obwohl all diese Dinge keinerlei Vernunft besitzen verherrlichen sie ihren Schöpfer durch ihren „Gehorsam“; indem sie Sein Naturgesetz einhalten. Nur ich, ein vernunftbegabter Mensch, tanze aus der Reihe und habe gegen Ihn aufbegehrt. Durch meine Sünde habe ich die Schöpfungsordnung umgestürzt, Seine unumstrittene Herrschaft bestritten. Welch eine Frechheit und Dummheit zugleich! Welch eine Vermessenheit des Menschen sich gegen seinen Schöpfer aufzulehnen; des Sklaven gegen seinen Herrn, der ihn ganz in Seiner Gewalt hat; des Untertanen, der das heilige Gesetz des ewigen Königs zu übertreten wagt!

Ja, die Reue ist das Notwendigste. Deshalb dies ausführlichen Darlegungen. Wir müssen um die Gnade der Reue beten. Dann müssen wir mit Ernst unser Auge abwärtsrichten auf das Feuer der Hölle, welches die Gerechtigkeit Gottes für die Sünder bereithält. Wir müssen unseren Blick aufwärts richten auf die himmlische Stadt Gottes, welche von Gottes Güte für uns gebaut ist und die der Sünder niemals schauen wird. Wir in der Geschichte zurückschauen auf das Kreuz des Heilandes, das Er aus Barmherzigkeit, für uns bestiegen hat. Und schließlich müssen wir der unermeßlichen Majestät Gottes eingedenk sein, die durch die Sünde beleidigt worden ist. So werden wir zu einer wahren und herzlichen Reue gelangen, welche der Anfang der Verzeihung, die Quelle des guten Vorsatzes und die Grundlage eines bußfertigen Lebens ist. Amen.

Zum 15. Sonntag nach Pfingsten

Die Eigenschaften der Reue

Geliebte Gottes!

Vom verlorenen Sohn heißt es im Gleichnis, daß er in sich ging und zu sich sprach: „Ich will aufstehen und zu meinem Vater zurückgehen“ (Lk. 15, 18). So muß jeder Sünder aufstehen und in fünf Schritten zum himmlischen Vater zurückkehren. Zum himmlischen Vater, der nach der Seele eines jeden Sünders Ausschau hält, wann er sich endlich bekehre, wann er endlich umkehrt und wann Er ihm endlich Seine göttliche Barmherzigkeit schenken kann. Nachdem wir den ersten der fünf Schritte betrachtet haben, welche der Sünder beim Empfang des heiligen Bußsakramentes tun muß – nämlich die Gewissenserforschung, also „Buße des Verstandes“ – so wollen wir nun den zweiten erforderlichen Schritt genauer unter die Lupe nehmen. Der zweite Schritt ist ein sehr entscheidender, ja der entscheidendste. Er ist das Herz des Bußsakramentes. Es ist die Reue. Zwei Gedanken wollen wir zunächst über die Reue betrachten: 1. ihre Notwendigkeit, und 2. ihre Eigenschaften.

1. Es ist notwendig die Sünden zu bereuen, …

Um die Notwendigkeit der Reue einzusehen, ist eigentlich weiter nichts nötig als zu bedenken, was die Reue ist. Sie ist ein Schmerz der Seele und ein Abscheu über die begangenen Sünden. Der Schmerz muß kein fühlbarer Schmerz sein, sondern eine Willenshaltung, die das begangene Böse verwirft und aufrichtig sagen kann: „Es tut mir leid!“ – „Wenn ich jetzt in der gleichen Situation stünde, wie damals, als ich gesündigt habe, dann würde ich in den sündhaften Gedanken nicht einwilligen, das sündhafte Wort nicht aussprechen und das sündhafte Werk nicht tun wollen, sondern von mir stoßen und verabscheuen. Ich würde mich gegen die Sünde entscheiden.“ Diese Haltung des Bedauerns, ja, des Abscheus vor der Sünde ist das Wesen der Reue.

… denn Gott haßt die Sünde

Und diese Reue ist durchaus notwendig, damit uns Gott im Bußsakrament die Sünden nachläßt. – Warum ist das so? – Überlegen wir einmal: Wie ist Gott denn gegen die Sünde gesinnt? Er verbietet sie. Er bestraft sie. Sie ist Ihm ein Greuel. Er verabscheut sie. Er haßt sie mit einem ewigen unabänderlichen Haß, weil die Sünde Seine göttliche Ehre beschädigt und das ewige Heil Seiner Geschöpfe zerstört. Es ist nicht anders möglich, als daß Gott die Sünde haßt und verabscheut, denn Gott ist heilig. – Kann man sich nun vorstellen, daß Gott einem Menschen eine Sünde vergeben könnte, die dieser Mensch immer noch liebt, immer noch Gefallen daran findet, der sich vorbehalten will, wenn ihm danach ist, sie auch wieder und immer wieder zu tun? – Einem solchen Menschen kann Gott die Sünde nicht verzeihen! Das widerspricht der Heiligkeit Gottes.

Ganz anders ist es aber bei einem Sünder, der Gott gerade darin ähnlich wird, daß er die Sünde haßt, wie Gott es tut. Daß er sich von seinem bösen Gedanken, Worten, Werke und Unterlassungen mit Grausen abwendet, sie verwirft, sich wünscht sie niemals begangen zu haben und fest entschlossen ist, sie niemals wieder zu tun. Einem solchen Sünder zu verzeihen, das ist nachvollziehbar. Dazu ist Gott bereit, da der reumütige Sünder durch seine Reue zu Seinem Freund geworden ist. Freundschaft besteht ja wesentlich darin, daß die Freunde dasselbe wollen und dasselbe nicht wollen. Nun will aber der reumütige Sünder dasselbe wie Gott, nämlich die Sünde hassen. Und damit will er gleichzeitig auch das nicht, was Gott nicht will, nämlich die Sünde tun. Der reumütige Sünder ist eins mit Gott in dem Haß gegen die Sünde. Er will fortan heilig sein wie Gott. Er wendet sich von seinen finsteren Werken ab und will nur noch im Licht des göttlichen Willens wanden. Weil der Sünder fortan heilig sein will, wie Gott heilig ist, so wird er von Gott geliebt und erfährt Verzeihung der Sünden, die er bereut.

… denn ohne Reue ist die Vergebung ausgeschlossen

Die Notwendigkeit der Reue für eine gültige Beichte hat also ihre Wurzel in der Heiligkeit Gottes. Wie sich nun Gott nicht ändert und nicht ändern kann, so kann es auch von der Notwendigkeit der Reue keine Ausnahme geben. Ohne Reue werden keine Sünden nachgelassen! Das ist so. Das war immer schon so. Und das wird auch immer so bleiben. Ohne Reue, keine Verzeihung! Das ist eine Regel ohne jegliche Ausnahme!

Die Reue ist das einzige, wovon es für keinen Pönitent einen Entschuldigungsgrund geben kann. – Wer wird von einem Fieberkranken oder geistig Verwirrten, der kaum einen Augenblick lang seine Gedanken beisammen halten kann, verlangen, daß er sein Gewissen so gründlich erforsche wie ein Gesunder? Niemand. – Wer wird von einem Sterbenden, welcher der Sprache nicht mehr mächtig ist verlangen, daß er sein Sündenbekenntnis so abgelegt, wie ein Gesunder es tut? Niemand. – Wer sollte von einem Sterbenden noch Bußwerke verlangen, wenn ihn der Tod in wenigen Augenblicken ereilt? Niemand. – Aber Reue muß der Sünder haben! Wenigstens im Herzen mit die Reue da sein, wenn er sie auch nicht mehr in der Form eines Reuegebetes, wie es sich in der Beichtandacht findet, ausdrücken kann. Ohne Reue keine Verzeihung! Deshalb ist die Reue das allernotwendigste für die hl. Beichte. Und deshalb muß man sich in der Beichtvorbereitung auch sorgfältig Zeit dafür nehmen, diese Reue zu erwecken.

… die Reue ist Materie des Bußsakramentes

Die Notwendigkeit der Reue ergibt sich schließlich auch daraus, daß die Reue Materie des Bußsakramentes ist. Bekanntlich besteht jedes Sakrament aus zwei notwendigen Teilen: aus der Materie und aus der sakramentalen Form. – Die Materie, also der stoffliche, oder besser gegenständlich Teil des Altarsakramentes ist beispielsweise das Brot bzw. der Wein. Die sakramentale Form, das sind die Wandlungsworte, durch welche die Materie „umgeformt“ und dadurch in ihrem Sein „gewandelt“ wird. – „Das ist mein Leib“, „Das ist der Kelch meines Blutes“ usw. Wenn also entweder die Materie oder die sakramentale Form fehlt, dann kommt das Sakrament nicht zustande. Ist nur eines von beiden vorhanden, so ist das Sakrament ungültig.

Die Form des Bußsakramentes, also die notwendigen Worte, spricht der Priester: „Ich spreche dich los von deinen Sünden“ usw. Was aber ist die Materie, welche durch diese Worte „geformt“ wird? – Es ist keine stoffliche Materie, wie etwa beim Altarsakrament das Brot und der Wein. Es ist eine „geistige“ Materie. Es ist das Bekenntnis der Sünden und die Reue im Herzen des Pönitenten! Damit die Sünde vergeben und aus der Seele ausgetilgt werden kann, müssen sich die Worte der priesterlichen Lossprechung mit der tatsächlich vorhandenen Reue in der Seele des Beichtenden verbinden. – Wo also die Reue fehlt, da fehlt die Materie. Ein Priester, dem es vielleicht nicht auffällt, daß der Pönitent die Sünden, die er zwar bekannt hat, tatsächlich gar nicht bereut, wird ihn mit den Worten der Lossprechung absolvieren. Doch diese Worte gehen ins Leere. Sie gehen ins Leere weil die Materie, die Reue fehlt, weil sich die Worte der Form nicht mit einer Materie verbinden können. Es ist als würde der Priester bei der Wandlung die Konsekrationsworte sprechen, ohne etwa Brot gegenwärtig zu haben. Die Worte gingen ins Leere. Es fände keine Wandlung statt, weil nichts da ist, was gewandelt werden könnte. So ist es auch bei der Beichte. Wenn nichts bereut wird, gibt es nichts wovon losgesprochen werden könnte. Einer Beichte, die der Reue mangelt, fehlt das Wesentlichte. Folglich kommt das Sakrament nicht zustande und dann eben auch keine Verzeihung.

2. Die Reue muß …

Wie muß nun aber unsere Reue beschaffen sein, so daß sie eine gültige Materie für den Empfang der heiligen Beichte darstellt? Sie muß drei Eigenschaften besitzen. 1. Sie muß innerlich sein. 2. Sie muß allgemein sein. Und 3. sie muß übernatürlich sein.

… innerlich sein

Zuerst muß die Reue innerlich sein. Das heißt, die Reue muß von Herzen kommen; also ein aufrechter und ehrlich gemeinter Abscheu vor der Sünde als dem größten Übel. Es ist demnach nicht damit getan irgendein Reuegebet zu beten – sei es aus dem Schott oder aus dem Gesangbuch oder sonstwo her. Dort betet man zwar: „O mein Gott und Herr, alle meine Sünden sind mir von ganzem Herzen leid.“ Wenn die Worte jedoch nicht mit unserer inneren Herzensgesinnung übereinstimmen sollten, was sagen wir da? Eine Lüge! Eine Lüge sagen wir, und zwar ins Angesicht Gottes. – Ist ein abphotographiertes Feuer ein wirkliches Feuer? Nein! Brennt es? Nein! Ist es heiß? Nein! Kann man sich daran wärmen? Nein! – Ist eine Reue, die bloß in Worten besteht, wirkliche Reue? Nein! Kann sie zum Empfang des Bußsakramentes dienen? Nein! Kann sie Verzeihung bewirken? Nein! Immer wieder, nein! Wenn wir also noch so viele Reuegebete hersagen würden und die Worte nicht wirklich und wahrhaftig mit unserer inneren Herzensgesinnung übereinstimmen, so ist es keine Reue, ebensowenig wie das Foto von einem Feuer, ein echtes Feuer ist. Die Reue muß also wahrhaftig sein. Das Innere unseres Herzes muß mit den Worten der Reue übereinstimmen. Dann ist die Reue innerlich.

… allgemein sein

Die Reue muß zweitens allgemein sein. Das heißt, man muß alle Sünden, wenigstens alle Todsünden bereuen. Wenn jemand drei tödliche Wunden hat und nur zwei verbinden läßt, so ist die eine unbehandelte Wunde allein hinreichend, ihm den Tod zu bringen. Jede Todsünde ist eine tödliche Wunde für die Seele, die sie unweigerlich in den Tod der ewigen Verdammnis reißt. Wenn ein Sünder von drei Todsünden nur zwei bereut und eine nicht, so kann er wegen der einen nicht bereuten Todsünde nicht gültig losgesprochen werden. Um von der Sünde geheilt zu werden müssen ausnahmslos alle Todsünden bereut werden. – Wie wäre es aber, wenn jemand nur läßliche Sünden auf dem Gewissen hätte, braucht dieser Sünder dann nichts bereuen? – Doch gewiß! Wie gesagt: Wer gültig beichten will, muß Reue erwecken. Die Reue bildet die für das Bußsakrament notwendige Materie ohne die das Sakrament sonst nicht zustande kommen kann. Deshalb ist es auch nötig für jene, die eine sogenannte „Andachtsbeichte“ ablegen, sich vorher gründlich zu erforschen und auch die läßlichen Sünden nicht nur zu bekennen, sondern auch wirklich zu bereuen. Die Reue muß allgemein sein. Sie muß sich auf alle Sünden im Allgemeinen und auf jede einzelne Todsünde im besonderen erstrecken.

… übernatürlich sein

Die Reue muß drittens übernatürlich sein. Diese Eigenschaft ist am schwierigsten zu verstehen und doch von allergrößter Bedeutung. Die Reue besteht darin, daß uns die Sünde wie gesagt ehrlich leid tut. Wenn uns etwas leid tut – mag es sein, was es will – dann ist auch ein Grund vorhanden, warum es uns leid tut. Dieses „warum“, das Motiv der Reue, ist nun von entscheidender Bedeutung. – Wenn uns etwas leid tut, so deswegen, weil eine Sache, die wir begangen haben, – sei es am Leib oder an der Seele – Schaden verursacht oder sonstige schlimme Folgen hat, gehabt hat oder haben wird. Sei es für uns selbst, oder für andere. Sei es in Wirklichkeit oder im bösen Wunsch. Eine Sünde richtet jedoch auf verschiedenen Ebenen Schaden an und daher gibt es auch verschiedene Beweggründe warum einem eine Sünde leid tun kann. Diese unterschiedlichen Motive, warum uns eine Sache leid tut bilden verschiedene Arten der Reue. Was sind das für Gründe? Zur Veranschaulichung bedienen wir uns einiger Beispiele: Der Alkoholiker etwa liegt als körperliches und seelisches Wrack auf dem Krankenbett. Er sieht, wohin ihn die vielen Sünden der Unmäßigkeit im Trinken gebracht hat. Er verflucht und verabscheut diese Sünde, weil sie seinen Körper ruiniert, sein Leben, seine Ehe, seine Familie, seinen Lebensunterhalt zerstört hat. Er bereut seine Unmäßigkeit, weil er sich selbst dadurch geschadet hat.

Der Inhaftierte Schwerverbrecher verwünscht und bereut im Gefängnis sein Verbrechen. Warum? Vielleicht, weil es ihn um seine Freiheit gebracht hat. Also wegen der Folgen, die seine Sünde ihm im Bezug auf seine Freiheit eingebracht hat. Wiederum bereut er lediglich deswegen, weil er sich selbst damit geschadet hat. – Andere Sünden untergraben die Gesundheit, schwächen den Geist, bringen um Ehre und guten Ruf, häufen Schande auf das Haupt des Sünders, oder sind ihm selbst peinlich, weil er sich dadurch vor anderen erniedrigt hat. Wenn man nun lediglich aus solchen Gründen seine Sünden bereut, ja vielleicht sogar mit bitteren Tränen beweint, so ist das zweifelsohne eine Reue. Einverstanden. Vielleicht ist es eine sehr ernstgemeinte und „innerliche Reue“. Vielleicht sogar eine umfassende „allgemeine Reue“. – Aber, und das ist der springende Punkt: Es ist bloß eine „natürliche Reue“! Die Personen in den genannten Fällen bedauern ihr Fehlverhalten nur wegen der Folgen für ihr irdisches Leben. Es steht doch nur meine Gesundheit, meine Freiheit, mein Ansehen, meine Selbstachtung, die Misere für mein irdisches Leben im Zentrum. Der gekränkte Stolz des eigenen Ich ist das Motiv, ist der eigentliche Grund, für solch eine Reue. „Ach hätte ich das bloß nicht gesagt oder getan, dann ginge es mir jetzt besser. Dann wäre es nicht zu diesem Zerwürfnis gekommen. Dann wäre ich noch gesund. Dann wäre ich noch ein freier Mann. Dann stünde ich noch mit gutem Gewissen vor mir selbst da.“ Diese bloß natürlichen Motive sind jedoch für den gültigen Empfang des Bußsakramentes unzureichend. Die Reue muß übernatürlich sein!

Wann ist die Reue aber übernatürlich? Wenn wir die Sünde bereuen wegen ihrer schlimmen Folgen in bezug auf Gott und für unser ewiges Leben. Die Sünde beleidigt Gott. Sie beraubt uns der heiligmachenden Gnade, der sieben Gaben des Heiligen Geistes, der übernatürlichen Tugenden und all unserer Verdienste! Die Sünde raubt uns den Himmel, stürzt in das ewige Feuer, verfeindet uns mit Gott, hat den Heiland gekreuzigt und kreuzig ihn erneut. Das sind auch Folgen einer jeder Sünde, schlimme Folgen, viel schlimmere Folgen als die hinsichtlich meines irdischen Glückes und Wohlbefindens. Es sind Folgen für das ewige Leben, das Gott mir schenken will. Wenn wir die Sünden wegen dieser Folgen in Bezug auf die Ehre Gottes und mit Blick auf das ewige Leben bereuen, dann ist die Reue übernatürlich. Sie regt sich aufgrund eines übernatürlichen Motivs in der Seele.

Daß die Sünde in vielen Fällen an der Gesundheit, am Vermögen, an der Freiheit, an der Ehre, am Familienglück schadet, kann auch ein Grund sein zu bereuen. Auch diese Motive sind berechtigt! Aber mit all diesen natürlichen Gründen muß es unbedingt auch übernatürliche Gründe geben, weshalb wir jetzt wünschen, die Sünde nicht begangen zu haben. So lehrt es der Katechismus also: „Die Reue ist übernatürlich, wenn man seine Sünden aus einem Beweggrund bereut, den der Glaube uns lehrt, z. B. weil man Gott beleidigt, den Himmel verloren, die Hölle verdient hat.“ Bitten wir die allerseligste Jungfrau Maria – sie, welche die Zuflucht der Sünder ist –, daß sie uns bei Gott die Gnade erflehe, einen wahren Abscheu gegen die Sünde in unserer Seele erwecken zu können. Eine Reue, die innerlich ist, allgemein und übernatürlich. Amen.

Zum 14. Sonntag nach Pfingsten

Die Gewissenserforschung

Geliebte Gottes!

Nachdem wir am vergangen Sonntag die Allmacht und die Barmherzigkeit Gottes dabei bestaunt haben, wie sie in den wenigen Augenblicken der Lossprechung im Beichtstuhl unsere Seelen vom Aussatz der Sünde zu heilt, so wollen wir heute – wie angekündigt – damit beginnen das Bußsakrament eingehender zu erklären. Und zwar vor allem die Akte, die für den Pönitenten, also für den Beichtenden, für denjenigen, der sich vor dem Priester seiner Sünden anklagt, von besonderer Wichtigkeit sind. Die katholischen Katechismen untergliedern den Weg zum gültigen Empfang des Bußsakramentes für gewöhnlich in fünf Schritte. Man spricht von den sogenannten „5 B’s“. Weil alle fünf Schritte den Anfangsbuchstaben „B“ tragen:

1. Besinnen – die Erforschung des Gewissens,
2. Bereuen – die Erweckung der Reue und Zerknirschung über die erkannten Sünden,
3. Bessern – das Fassen des Vorsatzes zur Besserung,
4. Bekennen – die Selbstanklage im Beichtstuhl,
5. Büßen – die Genugtuung nach der hl. Beichte.

Buße des ganzen Menschen

Es sind fünf Schritte, die den ganzen Menschen Buße tun lassen, die den Menschen in seiner Ganzheit fordern und in die Buße einbeziehen: Die Buße des Verstandes besteht in der Gewissenserforschung. Die Buße des Herzens ereignet sich in der Reue. Die Buße der Absicht oder des Willens finden wir im Vorsatz. Die Buße des Mundes bei der Anklage vor dem Priester. Die Buße der Hände oder des Leibes bei der Erfüllung der auferlegten Genugtuung.

„Gib Rechenschaft von deiner Verwaltung!“ (Lk. 16, 2)

Von diesen fünf Schritten wollen wir nun über den ersten, die Gewissenserforschung, oder die „Buße des Verstandes“, eingehender sprechen. Um von Gott die Verzeihung der Schuld zu erlangen, muß der Sünder seine Sünden bereuen und beichten. Das ist klar. Wenn aber der Sünder die Verpflichtung hat, die Sünden zu beichten, so hat er auch die Verpflichtung, zuvor darüber nachzudenken, welche Sünden er wie oft und unter welchen Umständen begangen hat. Wenn ein Geschäftsmann die Verpflichtung hat, seinen Kunden eine Rechnung zu schreiben, so muß er ebenso vorher nachsehen, welche Waren er wie oft, in welcher Menge und zu welchem Preis geliefert hat. Die Rechnung soll ein Bericht über die Wirklichkeit sein. Ohne eingehende Prüfung wird die Rechnung mangelhaft und nicht die wirklichen Geschäftsabläufe wiedergeben. Eine fehlerhafte Rechnung ist wertlos. Genauso verhält es sich bei der Beichte. Ein ungenügendes Sündenbekenntnis im Beichtstuhl ist wertlos. Deshalb müssen wir zuvor Rechenschaft von unserem Gewissen fordern. Erst die eingehende Gewissenserforschung bringt Licht in die Finsternis unserer Seele, fördert unseren tatsächlichen Seelenzustand zu Tage. Sie läßt uns den Zustand unserer Seele so erkennen, wie Gott ihn sieht. Oder anders herum: Ohne die Erforschung des Gewissens ist eine Erkenntnis unserer sündigen Seele und folglich auch eine wirklich heilsame Reue und damit eine gute Beichte ganz und gar unmöglich.

Sich Zeit nehmen

Wie selten aber wird die Gewissenserforschung in ihrer ganzen Wichtigkeit und Notwendigkeit erkannt! Wie selten wird sie mit dem erforderlichen Ernst vorgenommen! Da werden die Zeiträume von Wochen, Monaten oder gar von Jahren, die seit der letzten Beichte verflossen sind, in ein paar Minuten eilig überflogen mit dem Ergebnis, man habe als Sünden eines ganzen Jahres nichts anderes zu beichten, als daß man vielleicht einige Male auf das Gebet vergaß, hie und da über den Nächsten zornig gewesen ist und vielleicht auch einmal eine Notlüge gebraucht hat. – Was solche Pönitenten vielleicht nicht wissen: Eine Beichte kann auch deshalb ungültig sein, weil sie zu wenig ernsthaft vorbereitet wurde, weil das Gewissen ungenügend erforscht wurde. Es ist übrigens auch nicht genügend, wie es mancherorts vorkommt, ohne Vorbereitung in den Beichtstuhl einzutreten und sich durch den Beichtvater erforschen zu lassen; sich also ausfragen zu lassen, und zwar in der irrigen Vorstellung, daß der Priester ja dafür zu sorgen habe, daß eine gültige Beichte zustande komme. Halten wir fest: Ohne Selbsterkenntnis keine wirkliche Reue; ohne Reue keine gültige Beichte.

Deshalb muß man in die Gewissenserforschung ausreichend Zeit investieren, sie am besten schon zu Hause in aller Ruhe machen. Je länger die letzte Beichte zurückliegt, um so mehr Zeit muß investiert werden! Es dauert einfach länger, das Unkraut auf einem großen Acker ausfindig zu machen als auf einem schmalen Blumenbeet. Das ist übrigens auch ein Grund dafür, warum die Kirche zur Praxis der monatlichen Beichte rät. Der Zeitraum von vier Wochen ist noch einigermaßen leicht zu überschauen und damit die Gewissenserforschung vergleichsweise mühelos.

Außerdem hängt die notwendige Dauer für die Erforschung auch von der Zahl und Schwere der Sünden ab. Auf einem weißen Gewand sieht man leicht auch kleinste Flecken. Auf einem schmutzigen hingegen entgehen einem scharfen Auge selbst große Flecken. Wer sich bewußt ist, viele und schwere Sünden begangen zu haben, muß mehr Sorgfalt und mehr Zeit auf die Gewissenserforschung verwenden als einer, der nur selten schwer oder „nur“ läßlich gesündigt hat. In Todsünden fällt man nämlich nicht einfach so. Jeder Todsünde geht eine Kette läßlicher Sünden voraus, die ebenfalls erforscht werden müssen, um sich zukünftig gerade vor diesen in acht zu nehmen, gerade weil sie zur Todsünde führen.

Den Heiligen Geist anrufen

Was nun die Gewissenserforschung angeht, so werden bei derselben häufig Fehler gemacht. Erster Fehler: Die Gewissenserforschung wird „im Dunkeln“ gemacht. Stellen Sie sich vor, ein Zahnarzt würde bei einer Kontrolluntersuchung auf das scharfe Licht seiner Mundleuchte verzichten. Was würden wir von so einem Zahnarzt halten? Seine Untersuchung auf Karies und Parodontose wird womöglich einige kranke Winkel unseres Gebisses übersehen. Wenn man etwas sucht, muß man das Licht anmachen. So ist es auch, wenn wir in unserem Gewissen die Sünden suchen. Man sollte nie anders beginnen als mit einer andächtigen Anrufung des Heiligen Geistes. Denn wir sind oft blind für unsere Sünden. Wir machen uns oft etwas vor und beschwichtigen uns. Wir brauchen das Licht aus der Höhe, das uns die Schwere unserer Sünden, ihre Zahl, ihre Umstände, ihre Beweggründe und ihre Folgen richtig erkennen läßt. Der hl. Paulus schreibt an die Korinther: „Der Geist durchforscht alles, auch die Tiefen der Gottheit“ (1 Kor. 2, 10). Wenn der Heilige Geist die Tiefen der Gottheit durchforscht, dann wird Er auch die Tiefen unseres Herzens und unserer Seele durchdringen. Da ist keine Falte, die Er nicht aufdeckt; keine Tiefe, in die Er nicht eindringt; keine Finsternis und keine Dunkelheit, die Er nicht aufhellen könnte. Er kann uns an Sünden erinnern, die wir längst vergessen haben; uns Sünden zeigen, die wir als solche noch gar nicht erkannt haben oder nicht als solche sehen wollten. Unsere Gewissenserforschung muß damit beginnen, daß wir zuallererst den Beistand des Heiligen Geistes auf uns herabrufen. So wird die Seele vom Licht Gottes durchflutet und jede kranke Stelle erkannt werden können.

Umfassende Prüfung

Zweiter Fehler: Unsere Gewissenserforschung ist oft nicht breit genug angelegt. Die Gewissenserforschung mancher Pönitenten begnügt sich mit der Selbstprüfung bezüglich des fünften und vor allem bezüglich des sechsten Gebotes. Das war’s! Andere gehen immerhin systematisch die 10 Gebote im Geiste durch, eines nach dem andern. Sie fragen sich, ob sie in Gedanken, Worten, Werken dagegen gesündigt haben. Soweit so gut. Aber wo bleiben die Gebote der Kirche? Wie sieht es mit der Anzahl der Sünden aus? Bei schweren Sünden muß die Anzahl notwendigerweise im Sündenbekenntnis angegeben werden. – Dann gibt es aber noch einen Bereich, der gewöhnlich übersehen wird. Denn oft vergessen wir, uns auf die sogenannten „fremden Sünden“ zu erforschen. Fremde Sünden, das sind Sünden, an denen wir mitschuldig geworden sind ohne daß wir sie selbst begangen haben. Wir können an fremden Sünden mitschuldig werden: durch unser schlechtes Vorbild, durch unseren schlechten Rat, aber auch weil wir Böses nicht verhindert haben und andere deshalb sündigten. Ihre Sünde wird deshalb auch zu unserer Sünde, an denen wir mitschuldig sind. Denken wir an die Sünden des Ehegatten, der Kinder, der Untergebenen, der Freunde und Arbeitskollegen, wozu wir durch unser schlechtes Beispiel oder durch unsere Nachlässigkeit beigetragen haben, wozu wir geraten, welche wir vielleicht befohlen, oder dazu geholfen haben, die wir gelobt, oder wenigsten nicht getadelt oder gerecht gestraft haben. Der Prophet und König David betet mit Recht: „Wegen der fremden Sünden schone deinen Diener. Wenn sie nicht über mich herrschen, so werde ich fleckenlos und von der größten Sünde frei sein“ (Ps 18, 14).

Endlich und vor allem zu bemerken bleibt noch, daß sich eine gute Gewissenserforschung nicht bloß auf die Sünden in Gedanken, Worten und Werken beschränken, sondern auch auf diejenigen Sünden ausgedehnt werden muß, die durch Unterlassung begangen wurden. Unterlassung der notwendigen Aufsicht, der gebührenden Bestrafung, der pflichtmäßigen Arbeit, des pflichtmäßigen Almosens oder einer Hilfeleistung. Wie viele werden ob ihrer Unterlassungssünden verlorengehen! Vielleicht mehr als solche, die wegen der Sünden des Fleisches verlorengehen! In dem Urteilsspruch des göttlichen Richters am Jüngsten Tag werden als Ursache der Verwerfung jedesmal Unterlassungssünden angegeben: „Ich war hungrig, und ihr habt mich nicht gespeist. Ich war durstig, und ihr habt mich nicht getränkt. Ich war fremd, und ihr habt mich nicht beherbergt. Ich war nackt, und ihr habt mich nicht bekleidet. Ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht“ (Mt. 25, 42 f.). Alles Unterlassungssünden! Und das Urteil: „Weichet von mir, ihr Verfluchten!“ (Mt. 25, 41).

Am besten ist es, für die Gewissenserforschung einen guten Beichtspiegel zur Hand zu nehmen, wie er etwa im Rottenburger „Gesangbuch“ enthalten ist. Wie der Name schon sagt, handelt es sich hierbei um einen geistigen „Spiegel“, in dem wir unsere Seele nach allen Gesichtspunkten betrachten sollen. Durch den Blick in den Spiegel fällt alles, was an unserem Äußeren unpassend ist, sofort auf. Und in derselben Weise zeigt uns auch der Beichtspiegel, wenn wir ihn gewissenhaft durchgehen, alles, wo wir hinter den Forderungen als Kinder Gottes zurückgeblieben sind.

Gedankensünden sind ernst zu nehmende Sünden

Der dritte und letzte Fehler bei der Gewissenserforschung besteht darin, daß manche bei derselben nicht genug in die Tiefe gehen. Zwar geht man den Gewissensspiegel durch, macht sich evtl. sogar einen Beichtzettel. Man gibt die Todsünden auch der Zahl nach an. Aber die Quelle und Wurzel der Sünden sucht oder findet man nicht. Man nimmt die Gedankensünden zu wenig ernst. Es sind ja „nur“ Gedanken, mag vielleicht einer meinen. Dabei sagt doch unser Herr Jesus Christus, daß so furchtbare Taten wie Diebstahl, Ehebruch oder Mord im Herzen, in der Absicht der Seele, also in absichtlichen Gedanken ihren Ursprung nehmen. Gedankensünden können schon Todsünden sein! Doch leider: Wie die Seele eines Verstorbenen, sobald sie erst einmal im Tod das Kleid des Leibes abgelegt haben, bald in Vergessenheit gerät, so werden auch die Sünden, die niemals das Kleid eines Wortes oder das Gewand der Tat übergestreift bekommen haben, leicht übersehen und leicht vergessen. Wieviele solcher Sünden gibt es aber! Wie viele eitle und stolze Gedanken. Wie viele unreine Gedanken, die kein Mund jemals ausgesprochen hat. Wie viele unzüchtige, rachsüchtige Wünsche beherbergt das Herz, die niemals zur Tat geworden sind und vielleicht überhaupt niemals zur Tat werden konnten! Sind das keine Sünden? Sehr wohl! Sie können sogar schwere Sünden sein, wenn wir diese Gedanken freiwillig hervorgerufen oder mit Wohlgefallen unterhalten, also in sie eingewilligt haben! Die Gewissenserforschung muß auch diesen, soweit es mit der Schwäche unseres Gedächtnisses möglich ist, nachspüren.

Wir sehen also, daß die Gewissenserforschung im Licht des Heiligen Geistes beginnen muß, daß sie eine allumfassende Prüfung sein muß; nicht nur über Worte und Werke, sondern auch über Unterlassungen, fremde Sünden und Gedankensünden, derer wir uns vielleicht schuldig gemacht haben.

Keine Ängstlichkeit!

Für alle, aber besonders für die Ängstlichen unter uns, sei jedoch noch eine wichtige Bemerkung hinzugefügt. Die Kirche hat zwar vorgeschrieben, daß wir unser Gewissen erforschen und sorgfältig erforschen müssen. Aber sie hat nie und nirgends vorgeschrieben, daß wir auch tatsächlich alle Sünden entdecken müssen. Wie gesagt ist es zwar leider so, daß manche, die seit langem nicht gebeichtet haben, in den Beichtstuhl stürzen, als wäre es verboten das Gewissen zu erforschen. Aber auch das andere Extrem kommt vor – die übertriebene, ja ängstliche Gewissenserforschung. Sie findet sich bei Pönitenten, die bei ihrer Beichtvorbereitung mit einer quälenden Angst alle Winkel der Seele akribisch durchstöbern, daß sie sich selber damit schaden, weil sie natürlich niemals zu der Gewißheit kommen werden, auch tatsächlich jede Sünde erkannt zu haben. Die Pönitenten verschwenden 1. vor der Beichte Zeit mit Grübeln, die sie nützlicher zum Erwecken der Reue verwenden sollten; 2. in der Beichte werden sie unsicher und unklar, klagen sich zahlreicher Dinge an, die gar keine Sünde sind und 3. nach der Beichte sind sie sofort wieder unruhig und trostlos, weil sie meinen, sich nicht aller Sünden angeklagt zu haben. Für ängstliche Seelen, die sogenannten „Skrupulanten“, sei also besonders betont, daß für sie die Gewissenserforschung auch nicht zu lang sein darf. Eine aufmerksames Durchgehen des Beichtspiegels ist dafür in jedem Fall hinreichend!

Die allabendliche Gewissenserforschung

Um sich die Gewissenserforschung vor der Beichte zu erleichtern, gibt es ein gutes Mittel, das Ihnen zum Abschluß an die Hand gegeben sei: die allabendliche Gewissenserforschung. Schon von dem vorchristlichen römischen Philosophen Seneca weiß man, daß er sich jeden Abend vor dem Schlafengehen kurz über den verflossenen Tag Rechenschaft gab. Er prüfte seine Gedanken, Worte und Werke. Und wenn er fand, daß er gefehlt hatte, so bestrafte er sich und nahm sich vor, sich fortan zu bessern. An diesem Heiden können wir uns als getaufte Katholiken ein Beispiel nehmen. Der Schlaf ja ist der Vorbote des Todes. Jeden Abend haben wir Gelegenheit, einen guten Tod vorzubereiten und einzuüben, indem wir unser Gewissen über den zurückliegenden Tag erforschen, Reue erwecken, einen Vorsatz der Besserung fassen und uns vielleicht auch freiwillig eine kleine Buße auferlegen. Abgesehen davon, daß wir damit auch ein gutes Abendgebet gemacht haben, erleichtert diese Übung auch die eingehende Gewissenserforschung vor der hl. Beichte. Ein Pönitent, der sich täglich zwei bis drei Minuten Zeit nimmt, um sein Gewissen nur über den verflossenen Tag zu erforschen, wird, wenn der Beichttag gekommen ist, nicht lange nachdenken müssen, was er zu beichten hat. Seine Sünden stehen ihm noch klar vor Augen, und er wird sich leicht tun, eine gute Beichte vorzubereiten.

Erforschen wir aber wenigstens vor der Beichte unser Gewissen in der Gegenwart Gottes mit dem ernsten Vorsatz, die Sünden so zu sehen, wie sie sind; sie zu bekennen, so gut, wie wir sie erkennen. Erforschen wir unser Gewissen in Ruhe und Aufmerksamkeit, mit dann ist die Gewissenserforschung der erste Schritt zu einer wirksamen und heilsamen Reue, eine Vorbereitung zur Beichte, ein großer Schritt zur Verzeihung unserer Schuld. Im Bewußtsein dessen beten wir noch einmal mit König David: „Um Deines Namens willen, o Herr, wirst Du meiner Sünde gnädig sein, denn sie ist sehr zahlreich“ (Ps. 24, 11). Amen.

Zum 13. Sonntag nach Pfingsten

Die barmherzige Allmacht und allmächtige Barmherzigkeit Gottes

Geliebte Gottes!

War es eine Gehorsams- und Glaubensprobe, wie manche Ausleger meinen, wenn Christus den zehn Aussätzigen befahl: „Geht und zeigt euch den Priestern!“ (Lk. 17, 14) und sie erst auf dem Weg dorthin heilte? Es mag etwas daran sein. Und doch sträubt sich etwas in uns, den Heiland so pädagogisch, so schulmeisterlich aufzufassen. Die Aussätzigen hatten doch schon mit ihrer Bitte an Ihn ein gewisses Glaubensbekenntnis abgelegt. Jetzt noch künstlich eine erneute Glaubensprobe zu stellen, erscheint etwas überzogen. Wollte unser Herr mit Seinem Befehl nicht auch noch etwas anderes sagen? Wozu dieser Befehl?

„Geht und zeigt euch den Priestern!“

Wenn wir das Evangelium lesen, müssen wir immer bedenken, daß Jesus Christus nicht nur im Augenblick lebt, sondern aufgrund seiner Gottheit stets zugleich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Blickfeld hat. Aus der Vergangenheit kam die Weissagung des Propheten Isaias: „Aussätzige werden rein.“ Jetzt bot sich Ihm eine Gelegenheit, diese Verheißung an den zehn vom Aussatz befallenen Männern wahr zu machen. Für die Zukunft, die über das heutige Sonntagsevangelium die Heilung „miterleben“ sollte, wollte Er die Menschen nachdenklich machen.

Aussatz ist aus der Perspektive der göttlichen Offenbarung nicht nur eine körperliche Krankheit, die den Menschen bei lebendigem Leibe verfaulen läßt, sondern auch ein schreckliches Bild für die Sünde. Sünde entstellt den Menschen in den Augen des allwissenden Gottes und isoliert ihn zugleich, weil sie ihn aus der Gemeinschaft der Gotteskinder ausschließt. Wenn Christus Aussatz heilt, dann setzt Er zugleich ein heiliges Zeichen für das, was Er eigentlich den Menschen zu geben hat: Heilung vom Aussatz der Sünde und Wiederaufnahme ins heilige Volk der Gotteskinder.

Doch noch einmal die Frage: Warum schickt Er die Aussätzigen zu den Priestern? Nach dem Gesetz des Alten Bundes muß der Aaronitische Priester eine Heilung vom Aussatz bestätigen und den Geheilten auf diese Weise wieder für das gesellschaftliche Leben zulassen. Um das Volk vor Ansteckung zu schützen und zugleich Vorurteile gegenüber dem Geheilten aus der Welt zu schaffen, hatte das Gesetzt eine sakrale Kontrolle festgesetzt. Der Aaronitische Priester konnte zwar nicht gesund machen, doch mußte er den Gesundheitszustand beurteilen und eine Heilung konstatieren. Er mußte darüber urteilen, ob ein geächteter Leprose nach ausgeheilter Krankheit wieder zu seiner Familie zurück konnte oder nicht.

Aber nicht nur deshalb befahl Christus den Aussätzigen „Geht und zeigt euch den Priestern.“ Sein Auge blickt eben auch in die Zukunft. Viele Menschen werden sich im Laufe der Jahrhunderte reuig an Ihn wenden und Ihm ihre mit Sündenaussatz bedeckte Seele hinhalten. Er wird keinen einzigen von ihnen zurückweisen, der wirklich geheilt werden will. Er wird aber auch zu denen sagen: „Geht und zeigt euch dem Priester!“ Nicht dem aaronitischen freilich, sondern dem katholischen. Das neutestamentliche Priestertum ist nämlich vollkommener als das alttestamentliche. Im Bußgericht legt der Aussätzige seine Krankheit dem katholischen Priester offen vor und der von Christus gesandte Priester des Neuen Bundes heilt den Aussatz durch die wundermächtigen Worte der Lossprechung. Deshalb befielt der Herr in den zehn Aussätzigen jedem Sünder: „Geht und zeigt euch dem Priester!“ Es muß jedoch gesagt werden, liebe Gläubige: Um vom Aussatz der Sünde durch die hl. Beichte geheilt werden zu können, sind gewisse Grundkenntnisse nicht nur auf Seiten des Beichtvaters erforderlich. Man muß über das Bußsakrament gut Bescheid wissen, um eine gute und vor allem eine gültige Beichte abzulegen und so seine heilende Wirkung auch tatsächlich zu empfangen.

Notwendigkeit der Beichtkatechese

Aus diesem Grund ermahnt das Konzil von Trient in dem von ihm herausgegebenen Katechismus die Priester sehr eindringlich, daß den Gläubigen das Sakrament der hl. Beichte niemals sorgfältig genug erklärt werden könne. Warum diese eindringliche Mahnung? Zunächst, weil dieses Sakrament für alle, die schwer gesündigt haben, notwendig ist, um ihre Seele zu retten. Dann aber auch, um der Oberflächlichkeit bei denen vorzubeugen, die häufig beichten. Und vor allem, weil die Gültigkeit dieses Sakraments gerade von den innerlichen Akten abhängt, welche der Sünder beim Empfang der Beichte in seiner Seele selbst hervorbringen muß. Wenn also der Priester nie genug darin tun kann, dieses Sakrament sorgfältig zu erklären, dann folgt daraus wie von selbst, daß Sie, liebe Gläubigen, nie genug darin tun können, die Erklärungen über dieses Sakrament aufmerksam zu verfolgen und sich tief in ihr Gedächtnis einzuprägen.

Deshalb werden wir uns heute und an den folgenden Sonntagen ein klein wenig eingehender mit diesem großen Sakrament befassen. Dabei werden wir besonderes Gewicht auf die Punkte legen, die gerade für den Empfänger von entscheidender Bedeutung sind. Dennoch soll der Vollständigkeit halber wenigstens im Telegrammstiel auch das allgemeinbekannte Katechismuswissen über die hl. Beiche hier wenigstens kurz erwähnt werden: Wer hat das Bußsakrament eingesetzt? – Natürlich Jesus Christus. Wann hat unser Herr die Beichte eingesetzt? – Am Tag Seiner Auferstehung von den Toten, am Abend des Ostertages. Wo ist das geschehen? – Im Abendmahlsaal in Jerusalem, in dem sich seine Jünger nach dem Karfreitag aus Furcht vor den Juden verbarrikadiert hatten. Mit welchen Worten hat Jesus dieses Sakrament eingesetzt? – Er hauchte die Apostel an und sprach: „Empfanget den Heiligen Geist; denen ihr die Sünden nachlassen werdet, denen sind sie nachgelassen, und denen ihr sie behalten werdet, denen sind sie behalten“ (Joh. 20, 22 f.). Auf wen ist diese Gewalt von den Aposteln übergegangen? – Auf ihre Nachfolger, die Bischöfe und Priester. Das sind alles bekannte Wahrheiten, die wir nicht eingehender zu behandeln brauchen.

Etwas genauer wollen wir heute jedoch noch die Wirkung des hl. Bußsakraments betrachten. Die Wirkung der hl. Beichte kann kurz so beschrieben werden: 1. Sie ist eine Offenbarung der göttlichen Allmacht und 2. Sie ist eine Offenbarung der göttlichen Barmherzigkeit.

Sündenvergeben – eine Offenbarung der Allmacht Gottes

Zuerst und vor allem handelt es sich beim Bußsakrament um eine wunderbare Demonstration und Offenbarung der göttlichen Allmacht. Die erste und wesentlichste Wirkung ist natürlich der Sündennachlaß, die Verzeihung der Todsünden wie der läßlichen Sünden. Es gibt keine Sünde, die durch die Kraft dieses Sakramentes nicht nachgelassen werden könnte. Das hat Gott durch den Propheten Isaias bereits im Alten Bund verheißen: „Wären eure Sünden rot wie Scharlach, ich werde sie weiß machen wie Schnee“ (Is. 1, 18). Sie werden so vollständig und gründlich ausgetilgt, als wären sie nie begangen worden. Doch denken wir einmal darüber nach, was das bedeutet! Die Sünde wird aus der Seele getilgt und vernichtet. Ist das eine kleine Angelegenheit? Es scheint zunächst in der Tat in vielen Fällen leichter, eine Sache zu zerstören als hervorzubringen. Kaputtmachen ist gewöhnlich leichter als aufbauen. Hunderte von Händen waren früher jahre- und jahrzehntelang damit beschäftigt, einen einzigen Bau, wie beispielsweise den Kölner Dom, zu errichten. Und doch, ein Erdbeben oder eine Atombombe könnte in wenigen Sekundenbruchteilen einen Schutthaufen daraus machen. Zerstören ist leichter als bauen.

Bei der Sünde ist es jedoch gerade umgekehrt. Einen Augenblick, ein Gedanke, ein Wort, ein Blick, eine Bewegung der Hand genügt, und die Sünde ist geschehen. Und durch die Sünde ist eine unüberwindliche Scheidewand ist zwischen Gott und dem Menschen aufgerichtet. Wer aber kann die Sünde tilgen? Wer kann die trennende Wand niederreißen? – Die Hand des Sünders? – Keineswegs! Der Sünder vermag dies aus eigenen Kräften nicht zu erreichen. Weder die geballte atomare Sprengkraft der USA, Rußlands und Chinas zusammengenommen, noch eine unüberschaubare Menge an Demonstranten die den Ruf skandieren „Wir sind das Volk“ könnten diese Mauer der Sünde zum Einsturz bringen. Keine natürliche Macht oder Kraft auf dieser Welt könnte einem Kind auch nur die kleinste Sünde nachlassen. „Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?“ (Mk. 2, 7). Der hl. Erzengel Michael war stark genug, die sündigen Engel aus dem Himmel zu vertreiben und in den Abgrund der Hölle zu stürzen. Konnte er aber auch nur einem seiner gefallenen Genossen diese eine und einzige Sünde, die ihn zum Dämonen machte, verzeihen? Nein, gerade das vermochte der mächtige Fürst der himmlischen Heerscharen nicht! „Wer kann Sünden nachlassen außer Gott allein?“ (Lk. 7, 48). Gott spricht zu uns abermals durch den Propheten Isaias: „Ich, ich selbst bin es, der deine Missetaten tilgt, um meinetwillen“ (Is. 43, 25).

Und doch scheint es unserer Erfahrung gemäß etwas derart Leichtes zu sein, Sünden nachzulassen. In nur wenigen Augenblicken, mit einigen wenigen Worten, sozusagen bloß mit dem Hauche seines Mundes, läßt der Priester im Beichtstuhl die Sünden nach. Die Absolution tilgt die Sünde aus der Seele aus, als wäre sie lediglich ein Lufthauch. Was für eine gewaltige Macht muß also in den Worten der Lossprechung stecken! Je schneller und leichter die an sich doch so schwer zu bewerkstelligende Sündenvergebung geschieht, um so größer muß die Macht sein, die dabei wirkt. Wenn wir am Bahnübergang einen langen Güterzug mit vielen schwerbeladenen Waggons, den Hunderte von Menschen nicht voran bewegen könnten, leicht und schnell, fast spielerisch, dahinfliegen sehen, so denken wir vollkommen zu recht, es sei hier keine kleine, sondern eine gewaltige Kraft am Werk, die da in der Lokomotive wirkt und den Zug in Bewegung setzt. Wie groß muß erst die Kraft sein, die sich mit den Worten der Lossprechung verbindet, um in einem Augenblick so viele und oft so schwere Sünden auszutilgen, die keine Kraft auf Erden, ja die alle Geister des Himmels niemals austilgen könnten!

Es ist sicher ein Ausdruck der Macht Gottes, die Hölle ins Dasein zu rufen, die für immer bestehen wird. Auch dazu bedarf es der Kraft Gottes, um alle die verworfenen Geister in den Abgrund zu stürzen und sie für immer in den Flammengluten niederzuhalten. Doch in der Hölle und in ihrem gewaltigen Feuer werden die Sünden zwar gestraft, jedoch nicht getilgt. Im Bußsakrament aber werden die Sünden getilgt. Somit wirkt im Beichtstuhl eine gewaltigere Kraft als selbst im Feuer der Hölle. Es ist die Allmacht Gottes die dort wirkt! Darum betet die Kirche: „O Gott, der du deine Allmacht am meisten offenbarst, indem du schonst und dich erbarmst“ (vgl. Oration vom 10. So. n. Pf.).

Sündenvergebung – eine Offenbarung der Barmherzigkeit Gottes

Und damit ist auch die zweite Eigenschaft Gottes, die da im Bußsakrament wirkt, angesprochen – die göttliche Barmherzigkeit. Noch bevor wir den Fuß in den Beichtstuhl setzen, hat sich die Barmherzigkeit Gottes an uns bereits darin gezeigt, daß Gott so lange die verdiente Strafe für unsere begangenen Sünden zurückgehalten hat. Das hat Gott nicht bei allen, die sündigten, so gehandhabt. – Denken wir nur an die bereits erwähnten sündigen Engel, die nur wegen einer einzigen Sünde, nur wegen einer Gedankensünde, sofort und unmittelbar, wie der Blitz vom Himmel fuhren und in die Hölle verdammt wurden. Wäre es nicht gerecht, wenn Gott es in allen Fällen, also auch an uns, so machen würde? – Ja, es ganz gerecht. Wäre es nicht auch nützlich? – Auch das ist zu bejahen. Freilich, wäre es schrecklich für den Sünder, den es träfe, aber für die anderen Menschen wäre es vielleicht sehr nützlich. Wenn auf die erste schwere Sünde jedesmal sofort der Tod und die ewige Verdammnis folgte, welche Lehre würde das für die anderen sein! Dann würde manche Sünde nie begangen werden, die jetzt so leichtfertig geschieht. Mancher würde nie eine schwere Sünde begehen; ja sogar alle, die verlorengingen, hätten nur eine schwere Sünde begangen, würden also auch nur für eine einzige Todsünde ewig gestraft. – Doch hier zeigt sich die Größe der Barmherzigkeit Gottes, welche die Strafe der Sünden aufschiebt, um uns Zeit und Gelegenheit zur Buße zu lassen! Der Aufschub der Strafe ist Barmherzigkeit.

Noch größer ist die Barmherzigkeit jedoch dort wirksam, wo die Sünden verziehen werden. Und das auch noch sofort! Bedenken wir das einmal: Kaum hat der Sünder den Mund geschlossen und das Bekenntnis seiner Sünden beendigt, so hört er schon die Worte „Ich spreche dich los von deinen Sünden.“ Jesus spricht ihn durch den Mund des Priesters los und er ist tatsächlich frei von Schuld! Wie schon damals am Karfreitag. Kaum hatte der reuige Schächer in seiner Zerknirschung gestammelt: „Herr, gedenke meiner, …“ so antwortete der gekreuzigte Herr: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein“ (Lk. 23, 43). Ein Wunder der göttlichen Barmherzigkeit!

Bestaunen wir auch, wie vollständig diese Verzeihung ist. Gott ist nicht nachtragend. Verziehen ist verziehen. Die Hl. Schrift gebraucht dazu die kräftigsten und wirksamsten Bilder. „Gott wird unsere Sünden verzeihen und alle unsere Sünden in die Tiefe des Meeres versenken“ (Mich. 7, 19). Was ist tiefer und was ist verborgener als die Tiefe des Meeres! „Wenn der Sünder Buße tut, so werde ich seiner Missetat, die er begangen, nicht mehr gedenken“ (Jer. 31, 34). Gott, der alles weiß, der nichts vergißt und nichts vergessen kann, will nicht mehr der Sünden gedenken, die doch im Andenken der Menschen und auch im Gedächtnis des Sünders selbst noch lange fortleben. Er will ihrer nicht mehr gedenken! Ein Wunder der Barmherzigkeit!

Bedenken wir schließlich noch wie weit Gott mit seiner Verzeihung geht. Im Gleichnis vom barmherzigen Vater erhielt der verlorene Sohn nicht bloß Verzeihung, das war das wenigste. Er wurde wieder aufgenommen in das Vaterhaus. Er bekam das beste Kleid, den Ring, die Schuhe, er nahm teil an dem Freudenmahl, das der Vater veranstaltete (vgl. Lk. 15, 11-32). – Nicht anders der Sünder. Er erhält im Sakrament der Buße Verzeihung der Sünden; Nachlaß aller ewigen Strafen; Nachlaß, wenigstens teilweisen Nachlaß, der zeitlichen Strafen. Er bekommt wieder das Ehrenkleid der heiligmachenden Gnade. Er bekommt Schuhe an die Füße, d.h. jene helfenden Gnaden, um die Gelegenheiten zur Sünde zu meiden und den Weg der göttlichen Gebote zu wandeln. Er wird wieder eingesetzt in das Erbrecht der Kinder Gottes: das ist der Ring am Finger. Er wird wieder zugelassen zum Empfang des heiligsten Altarsakraments – das ist das Freudenmahl.

„Wo sind die neun?“

Angesichts dieser gewaltigen göttlichen Wohltaten, die uns im Bußsakrament zugänglich sind, dürfen wir in diesem Zusammenhang die schmerzliche Frage Christi am Endes des heutigen Evangelium nicht überhören: „Sind nicht zehn geheilt worden, wo sind denn die neun?“ (Lk. 17, 17). Wir Katholiken sind in einer gewissen Gefahr durch die Art, wie das Bußsakrament heute gespendet wird, das Gespür für die Größe des Sündennachlasses zu verlieren. Der Vorgang ist so einfach. Man geht in den Beichtstuhl, sagt seine Sünden und erhält den Freispruch von aller Schuld. Allzuleicht vergißt man über diesem einfachen Vorgang, das gewaltige Geschehen das dabei vonstatten geht, daß Gottes Allmacht und Barmherzigkeit ein einer Art und Weise wirktätig werden, für die es keinen Vergleich gibt und die uns in dankbares Staunen versetzen müßte. Weil wir das so leicht übersehen oder vergessen, erleben wir die Beichte kaum noch als ein großes Geschenk und sind verhältnismäßig wenig dankbar. Müßte man nicht vielleicht auch am Ausgang unserer Kapelle ein Schild mit der Aufschrift anbringen: „Wo sind die neun?“ Das würde freilich voraussetzen, daß wirklich wenigstens jeder Zehnte eine gute Danksagung nach seiner Beichte macht. Schade, wenn man erst ein Fremdling werden müßte, d.h. einer, welcher der katholischen Kirche erst den Rücken gekehrt hat, ehe er nach langer Zeit wieder zu ihr heimfindet, um dankbar zu sein können und ein Gespür zu entwickeln für die Größe des göttlichen Geschenks der Lossprechung.

Dankbares Staunen

Wenn wir also bedenken, daß im Sakrament der Buße zwei Vollkommenheiten Gottes, Seine Allmacht und Seine Barmherzigkeit, miteinander wetteifern, um unsere Seelen zu reinigen und zu heiligen, dann ist die einfachste Schlußfolgerung doch diese, daß wir uns anstrengen müssen, um dieses große und heilige Sakrament würdig und voller Dankbarkeit zu empfangen. So ist also der Bericht über die zehn Aussätzigen und ihre Heilung mehr als eine bestandene Glaubens- und Gehorsamsprobe. Er ist für uns zugleich ein Ansporn zum Überlegen, Überprüfen, vielleicht zu heilsamer Beschämung. In jedem Fall aber zu dankbarem Staunen über Gottes barmherzige Allmacht und Seine allmächtige Barmherzigkeit. Amen.

Zum 12. Sonntag nach Pfingsten

Fernstenliebe

Geliebte Gottes!

Die Frage lautet: Wer ist mein Nächster? Die Antwort, die Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter gibt, lautet: Dein Nächster ist jeder Mensch, der in Not ist, auch wenn er scheinbar dein Fernster ist. Hilfsbedürftigkeit macht selbst den Fernsten zum Nächsten. Und in der Tat war der verwundete Jude dem Samariter wie der Fernste. Die Juden verachteten nämlich in ihrer Arroganz die Samariter. Die Samariter waren in den Augen der Juden gottlose, den Heiden gleichgestellte, minderwertige Menschen, mit denen man sich am besten gar nicht erst abgibt. Deshalb beispielsweise die Verwunderung der Samariterin am Jakobsbrunnen, über die Bitte unseres Herrn Jesus Christus ihm doch etwas von dem Wasser, das sie gerade im Begriffe war aus dem Brunnen zu schöpfen, zu trinken zu geben: „Wie kannst du, der du doch ein Jude bist, von mir, einer samaritischen Frau, zu trinken wünschen?“ (Joh. 4, 9). Und der Evangelist Johannes fügt erklärend hinzu: „Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern“ (ebd.).

Ausflüchte

Der Jude war dem Samariter an sich der Fernste, nicht räumlich, sondern zwischenmenschlich. Aber er ist in Not, und zwar so, daß er sich selbst nicht mehr helfen kann. Die Wegelagerer haben ihn nicht bloß völlig ausgeplündert, sondern auch halbtot geschlagen. Er konnte vielleicht nur noch mühsam, etwa durch schwaches Stöhnen, auf sich aufmerksam machen.

Der Priester und ein Levit waren bereits vorübergegangen. Sie hatten gewiß gute Ausreden, mit denen sie sich aus der Forderung ihres Gewissens herausgeredet haben. Man nennt sie gewöhnlich „gute Gründe“. Diese „guten Gründe“ machten es ihnen einleuchtend, daß sie das Schicksal dieses armen Volksgenossen ja eigentlich nichts angehe. Jeder hat ja bekanntlich stets „gute Gründe“, warum er jetzt gerade einfach nicht helfen kann, nicht wahr? – Der Priester berief sich womöglich auf die Geistlichkeit seines Amtes und seiner Würde. Eine körperliche Hilfeleistung zählt einfach nicht zu seinen Aufgaben. Er hat sich vielleicht gedacht: „Also bitte, ich bin Priester. In jedem geordneten Gemeinwesen gibt es eine Aufgabenverteilung. Jeder soll das tut, womit er beauftragt ist, und nicht etwas anderes. Der Bauer hat sich um seinen Acker und um das Vieh zu kümmern, der Soldat hat zu kämpfen und die Hausfrau hat zu kochen und zu waschen, der Priester aber hat den göttlichen Kult zu versehen. Im übrigen ist die Verwaltung meines Priestertums keine Kleinigkeit. Es ist ein forderndes Amt, und so muß ich mich als Amtsträger für diese wichtige Funktion freihalten. Für diesen Elenden – ach, wie schrecklich sie ihn doch zugerichtet haben – ist ein Arzt zuständig, nicht ich. Ich habe Wichtigeres zu tun.“ Im Bewußtsein dieser Wichtigkeit und seiner mangelnden Zuständigkeit ging der Priester besten Gewissens vorüber.

Auch der Levit hat einen nicht minder „triftigen Grund“. Er hatte die Pflicht im Tempelkult eher die praktischen Verrichtungen vorzunehmen. Dazu mußte er sich schon im Vorfeld besonders um die kultische Reinheit bemühen. Er dachte sich vielleicht: „Im Gesetz steht: Wer einen Toten berührt, gilt als unrein und darf den Tempel nicht betreten. Bei diesem Halbtoten da kann man nicht sicher wissen, ob er einem womöglich unter der Hand wegstirbt und damit meine Mitwirkung am Gottesdienst unmöglich gemacht wird. Also Hände weg! Der Gottesdienst steht über allem.“ Der Levit beschloß also, sich an den Buchstaben des Gesetzes zu halten. Dessen Geist zu erfüllen überläßt er anderen. Er geht vorüber sogar im besten Bewußtsein, gerade damit eine Versuchung überwunden und tugendhaft einer frommen Pflicht entsprochen zu haben.

Nächstenliebe

Ganz anders der samaritanische Kaufmann. Er hätte die besten Ausreden geltend machen können. Er hätte sagen können: „1. Dieser Halbtote ist ein arroganter Jude. Die Juden wollen mit uns Samaritern sonst auch nichts zu tun haben und meiden uns wie die Pest. Warum sollte ich ihm helfen, da ich doch von ihm auch keinerlei Hilfe zu erwarten hätte, wenn ich an seiner Stelle wäre? 2. Dieser Leidende ist Angehöriger einer anderen Religion. Er betet Gott in Jerusalem an, wir auf dem Berg Garizim. Er ist ein Ungläubiger. 3. Auch beruflich geht er mich nichts an. Ich bin Kaufmann, habe ein dringendes Geschäfte zu besorgen, und bin weder Arzt noch Krankenpfleger noch Polizist. 4. Als Geschäftsmann muß ich auf meinen Gewinn bedacht sein. Die Hilfeleistung wird nur Kosten verursachen. Sie kostet mich Zeit und Kraft und Geld. Ich besudle mir dabei mit seinem Blut die Kleider und gerade so bei meiner Kundschaft in Verruf. 5. Die Sache ist außerdem nicht ungefährlich. Die Räuber könnten noch irgendwo in der Nähe sein und einem Helfer auflauern. Am vernünftigsten wäre es meinem Maultier den Stock spüren zu lassen und schnell davonzureiten.“ – Und da geschieht das Unerwartete: Das Gewissen siegt. Er zeigt Erbarmen mit diesem Elenden. Der Samariter hilft nicht nur aus vornehmer Distanz. Er reitet nicht einfach nur voraus zur Wegestation, um dort Hilfe zu organisieren. Nein, er steigt von seinem Reittier und legt selbst Hand an. Er leistet Erste Hilfe, so gut er kann. Dann hebt er den Verwundeten auf sein Reittier, führt dieses sorgsam am Zügel bis zur Herberge. Dort bringt er den Halbtoten unter, kommt finanziell für ihn auf und stellt dem Wirt auch noch eine Blankovollmacht für etwaige Spesen aus. Dieser Verwundete war an sich für ihn der Fernste, dem er sonst mit Ablehnung begegnen würde. Weil er aber in Not war, hat er ihn als Nächsten betrachtet und ihm die Nächstenliebe erwiesen. So wird der Fernste durch seine Hilfsbedürftigkeit zum Nächsten. Soweit der wörtliche Sinn des Gleichnisses. Christus wollte Seine Zuhörer jedoch noch eine viel tiefere Lehre erteilen.

Der göttliche Samariter

Unser Herr beantwortete nämlich die Frage des Schriftgelehrten, wer denn nun der Nächster sei, nicht nur mit Worten; Sein ganzes irdisches Leben war eine Antwort auf diese Frage. Christus wollte auch uns durch die wunderschöne Parabel vom barmherzigen Samariter bildhaft Seine rückhaltlose Erlöserliebe vor Augen stellen und verstehen lehren. Denn in Wirklichkeit müssen wir uns selbst und die ganze Menschheit in diesem halbtoten, im Straßengraben liegenden, schwerverwundeten Juden erblicken. Der Mensch hat das erste Glück des Paradieses, dafür steht die hoch auf dem Zion gelegene Gottesstadt Jerusalem, hinter sich gelassen. Mit der ersten Sünde ist er sittlich hinabgestiegen, oder besser abgeglitten, abgerutscht in Richtung Jericho, d.h. in die Niederungen satanischer Gottesferne. Dort ist der Mensch vom Seelenräuber, dem Satan, in eine Falle gelockt, überfallen, völlig ausgeplündert und dann zwar nicht ganz, aber doch halbtot liegengelassen worden. Genau so ist es! Denn seit der ersten Sünde der Stammeltern kommt jeder Mensch gleichsam halbtot zur Welt. Dem Leibe nach ist er zwar lebendig. Aber die Seele ist von Geburt an tot; tot für Gott; tot für die Ewigkeit. Das ewige Leben der heiligmachenden Gnade ist durch die Erbsünde zerstört, der übernatürliche Reichtum der Gotteskindschaft geraubt. Der Mensch ist derart hilflos, daß er sich aus eigener Kraft nicht mehr helfen kann. Selbsterlösung ist eine heidnische Illusion, die Schaffung eines irdischen Paradieses ein freimaurerischer Fiebertraum. Nur noch mit kaum vernehmbaren, leise gewisperten Bittgebeten kann der gefallene Mensch den Himmel auf sein Elend aufmerksam machen und hoffen, daß einer es hört und eingreift.

Der vorübergehende Priester ist Vertreter aller möglichen falschen menschlichen Religionen, Kulte, Philosophien und Heilslehren. Ihre hochgeistige „Weisheit“ verbessert nichts an der mißlichen Lage des Menschen. Die falschen Religionen helfen nicht und können nur vorüberziehen. Im besten Fall befassen sie sich ja nur theoretisch mit dem Problem der Sünde in der Welt, ohne davon erlösen zu können. Und auch alle Anstrengungen der Philosophie und der Psychologie nützen nicht viel. Alle Versuche, dem Menschen die Sünde auszureden, ändern nichts an der Tatsache, daß er zutiefst in die Sünde verstrickt ist und bleibt. Sie können die halbtote Menschheit nicht heilen, die Seelen nicht zum ewigen Leben der heiligmachenden Gnade auferwecken.

Die modernen Leviten versuchen es weniger spirituell, sondern mit rein praktischer Hilfeleistung. Etwa mit der Sorge um die körperliche Gesundheit, durch Weltgesundheitsorganisationen, durch technische Indienstnahme der Naturkräfte, durch globale Konzepte einer gerechten Güterverteilung, durch materielle Besserstellung der Armen, durch Chancengleichheit im Bildungswesen sollen die Menschen besser werden, soll das Unrecht, das Unglück überwunden und eine bessere Welt entstehen. Doch auch sie gehen am eigentlich Entscheidenden vorüber. Sie wollen ihre weltliche Methode nicht durch religiöse, – oder genauer – nicht durch die katholische Lebenspraxis „verunreinigt“ sehen. Und so bleibt auch ihr tatkräftiges Mühen weitgehend wirkungslos. Denn alles rein menschliche Denken, Planen, Plagen und Rackern bleibt vergebens, wenn es darum geht, den durch die Sünde verwundeten Menschen für sein wahres und einziges Glück, für das ewige Leben, wiederzubeleben.

Die Lage wäre hoffnungslos, wenn nicht derjenige gekommen wäre, der am fernsten stand, wenn Gott nicht zugunsten dessen eingegriffen hätte, der wirklich der Fernste für Ihn war: der sündige Mensch. Fernstehend nicht bloß aufgrund der unendlichen Distanz zwischen Schöpfer und Geschöpf, zwischen dem Unendlichen und dem Endlichen, zwischen dem Ewigen und dem Vergänglichen, zwischen Himmlischem und Irdischem. Sondern fernstehend vor allem aufgrund der Verachtung, mit der Gott durch den Menschen gestraft worden war. Durch die bewußte Abkehr von Gott, die in jeder einzelnen Sünde liegt. Durch den überheblichen Absturz ins Untermenschliche, Tierische, durch das sich freiwillige Ausliefern an das Satanische. Aber Gott hat sich des Röchelns und jämmerlichen Wimmerns unserer Gebete erbarmt. In der Menschwerdung Jesu Christi trat Er als barmherziger Samariter herzu. Er wurde von Mitleid gerührt. Die Barmherzigkeit ist ja die gewaltigste Eigenschaft Seiner göttlichen Liebe. „Er trat hinzu“ D.h. Er wollte einer von uns werden, ein Mensch aus Fleisch und Blut, behaftet mit allen Schwächen unserer Natur außer der Sünde. Jesus Christus, der göttliche Samariter, goß Öl und Wein in die Wunden des Menschen. Öl und Wein sind Sinnbilder für die hl. Sakramente. Die Sakramente nehmen die sittliche Fäulnis der Sünde weg, wirken sich lindernd auf den Wundbrand des Zündstoffs der Sünde aus und geben den Tugenden des Menschen neue Kraft. Christus verbindet die moralischen Verwundungen des Menschen mit dem Verband seines sanften und zugleich mächtigen Wortes, d.h. mit der Lehre Seines Evangeliums. Er hebt den Menschen auf das tragende Maultier. Das Maultier ist ein Bild für den geduldig leidenden Christus, der die Sünden der kranken Menschheit auf sich genommen und ans Kreuz hinauf und damit aus der Welt hinaus getragen hat. In Seinem Leiden ist die Sünde tatsächlich gesühnt und Erlösung verdient worden. Nach all diesen Wohltaten Seines Erbarmens bringt der göttliche Samariter den Menschen in die sichere Herberge, die an der Straße der Jahrtausende gelegen ist, nämlich in die katholische Kirche. Im griechischen Text wird sie πανδοχέιον (sprich: Pandocheion) genannt, d.h. wörtlich übersetzt „Haus für alle“. Die Kirche ist die allgemeine, die katholische Heilsanstalt für alle Menschen guten Willens!

Als der barmherzige Samariter, Jesus Christus, dann die Herberge am Himmelfahrtstag wieder verließ, da übergab er die kranke Menschheit dem Wirt, d.h. Seinen Stellvertretern, die in Seinem Namen die Pflege durch Sein Lehr-, Priester- und Hirtenamt fortsetzen sollten. Den Aposteln und ihren Nachfolgern hat Er dann auch einen fürstlichen Lohn in Aussicht gestellt, nämlich daß Er ihnen alles, was sie an Aufwendungen in der Sorge um das ewige Heil des Menschen haben werden, einst bei Seiner Wiederkunft am Jüngsten Tag hundertfältig vergelten werde. – So dürfen wir in unserem Herrn Jesus Christus den großen weltgeschichtlichen Samariter erblicken. Er selbst ist die persönlich gelebte Erläuterung Seines Wortes von dem Fernsten, der zum Nächsten wurde, weil Seine göttliche Liebe jede Distanz überbrückt und den Fernstehenden an sich zieht.

Der Samariter wirkt an uns

Das Gesagte wendet die Kirche in der Liturgie und in der Spendung der hl. Sakramente immer wieder auch auf uns an. Wir sind die Verwundeten. Wenn wir vielleicht in der zurückliegenden Woche nicht dermaßen unter die Räuber gefallen sind, daß uns der tödliche Streich einer Todsünde das Leben der Gnade gekostet hätte, so sind wir doch oft von dem Ideal der Tugendhaftigkeit und von der Erfüllung unserer Pflichten abgewichen. Wir haben uns wenigstens durch kleine Verfehlungen vom Teufel verwunden lassen. Jetzt in der Sonntagsmesse kommt der barmherzige Samariter Jesus Christus zu uns. Er tritt zu unserer Seele hinzu, von Mitleid gerührt. Er gießt das Öl seiner Lehre und den Wein Seiner Gnade in die Wunden unserer Seele. Er hat uns zugleich in die Herberge unserer Kapelle gebracht, ein „Pandocheion“, also ein Haus, das allen offen steht, die guten Willens sind; die sich in demütigem Gehorsam heilen zu lassen wollen. Hier trägt Er dem Wirt, d.h. dem Priester auf, für die Seelen Sorge zu tragen. Gerade der Sonntag ist der Tag der Seelsorge: Seelsorge im Beichtstuhl, Seelsorge am Altar, Seelsorge in der Predigt, Seelsorge im Gebet, im Stundengebet und in der hl. Messe. Von der Sonntagsmesse sollen wir als Geheilte, als Gestärkte hervorgehen. So wird die Liebe Christi durch den Dienst der Kirche an uns sichtbar und vor allem wirksam. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter wird immer wieder auf Neue an uns realisiert. Der Fernste wird zum Nächsten. Der ferne Gott tritt ganz nah an uns heran und wir gottfernen Menschen werden umfangen von der Barmherzigkeit unseres Erlösers.

„Gehe hin und tue desgleichen!“

Das heutige Evangelium endet mit der Aufforderung: „Gehe hin und tue desgleichen!“ Dieser Aufruf ist auch an uns gerichtet. Wenn wir mit gläubigem Sinn die Seelen unserer Mitmenschen betrachten, deren Wege die unseren täglich kreuzen, so müssen wir feststellen wie schlecht es doch um das Leben ihrer Seele bestellt sein muß. Wie viele leben in zahlreichen Sünden und erniedrigen sich in ihnen. Auch sie sind dem Seelenmörder in die Fänge geraten und halbtot in einer dreckigen Pfütze des Lasters zurückgelassen worden. Sie sind sich ihres Elends meist nicht einmal bewußt. „Gehe hin und tue desgleichen!“, ruft uns der Herr zu. Wir müssen diesen Menschen Nächstenliebe erweisen. Selbst wenn sie uns von ihrem Lebensstil und von ihrer Charakteranlage ganz, ganz fern stehen. – Zuallererst indem wir uns ihrer von Herzen erbarmen. Selbst derer, die uns vielleicht anfeinden, verachten und belächeln. Dann müssen wir es dem göttlichen Erlöser gleichtun und Öl und Wein in ihre Wunden gießen. Zuerst das Öl der Güte, der Freundlichkeit und bescheidenen Hilfsbereitschaft. Täuschen wir uns nicht! So wie das Öl nur gewonnen werden kann indem die Olive in der Kelter gepreßt, also zerstört wird, so müssen auch wir unseren Stolz, unsere Vorurteile und Vorbehalte zermalmen, um das sanfte Öl der Liebe und der Geduld hervorzubringen. Auch der Wein muß in ihre Wunden gegossen werden. Damit ist das Gebet und das hl. Meßopfer gemeint. Wir müssen darin insbesondere auch die armen, halbtoten Sünder mit einschließen und bisweilen die hl. Kommunion für sie aufopfern. Auf diese Weise können wir ihnen die Ströme des Kostbaren Blutes zuwenden, die in jeder hl. Messe fließen, um damit die brandigen Wunden ihrer Seele reinigen. Schließlich können wir die Menschen da draußen nicht einfach dort „liegenlassen“ wo sie sind. Wir brauchen ein Lasttier, um die Sünder der katholischen Kirche zuzuführen, damit sie durch die heilige Lehre, die heiligen Sakramente und die kirchliche Disziplin gesundgepflegt werden können. Das Lasttier hierfür – auch hierin dürfen wir uns nicht täuschen – sind nicht so sehr unsere frommen Reden, Mahnungen oder gar Drohworte, sondern vor allem unsere persönlichen Opfer und das eigene gute Beispiel. Unser Vorbild und die Werke der Liebe gebraucht der Herr nicht selten als Lasttier, um abständige Menschen wieder Seiner Kirche zuzuführen.

Die Lehre lautet also: Dein Nächster ist jeder Mensch, der in Not ist, auch wenn er scheinbar dein Fernster ist. Hilfsbedürftigkeit, vor allem in der Frage des ewigen Heiles macht den Fernsten zum Nächsten. „Gehe hin und tue desgleichen!“ Amen.

Fest des Unbefleckten Herzens Mariä

Im Strahlenkreis des Unbefleckten Herzens Mariä

Geliebte Gottes!

Am Patronatsfest unsere Kapelle sei es erlaubt, einige Worte zum Lob des Unbefleckten Herz der Gottesmutter an Sie zu richten. Schon am Fest Mariä Himmelfahrt haben wir von Maria als von der Frau gehört, die mit der Sonne bekleidet ist (vgl. Offb. 12,1). Wie es für einen Künstler, etwa für einen Maler, keine geringe Herausforderung darstellt das hellglänzende Licht der Sonne getreulich auf der Leinwand darzustellen, ebenso schwierig ist es die Vollkommenheit des Unbefleckten Herzens der Gottesmutter in Worten gebührend zu schildern. Doch sind gerade die geschaffenen Dinge der natürlichen Welt, da sie ja in gewisser Hinsicht ein Spiegel der Vollkommenheit Gottes sind, bestens geeignet, um die übernatürlichen Geheimnisse der Gnadenwelt zu erkennen und zu deuten. Um dem Geheimnis des Unbefleckten Herzens Mariä nachzuspüren soll uns gerade das Licht der Sonne als Vergleich dienen. Der Heilige Geist selbst hat diesen treffenden Vergleich schon im Hohelied des Salomon gewählt und von Maria bezeugt: „Auserkoren ist sie wie die Sonne“ (Hl. 6, 10). Drei Eigenschaften des Sonnenlichtes finden sich auch am Herzen der Unbefleckten Gottesgebärerin: 1. es erleuchtet, 2. es erwärmt und 3. es belebt.

Das Herz Mariä erleuchtet

Das Sonnenlicht erleuchtet das natürliche Auge und macht es uns so erst möglich, die Welt durch den Gesichtssinn wahrzunehmen. Ohne Licht bleibt alles finster. Ohne Licht vermag selbst das schärfste Auge nichts zu sehen. Ohne Licht keine Erkenntnis. Das gilt nicht nur für den Bereich der Sinneswahrnehmung, sondern auch für den geistigen Bereich. Gott hat dem Menschen bei seiner Erschaffung das Licht der Erkenntnis mitgeteilt, in dem er Ewiges und Vergängliches erkennen kann. Der erste Mensch war anfänglich in der Lage irrtumslos zu erkennen, was einen wahren Wert hat und was im Bezug auf sein ewiges Ziel wertlos ist. In diesem Licht erkannte er, daß er einzig nach dem höchsten ewigen Gut trachten muß und alles Vergänglich geringschätzen muß. Er wußte, daß er die Wertmaßstäbe nicht verwechseln darf, daß er nicht das Geschöpf wie den Schöpfer lieben und Gott außer Acht lassen darf.

Aber die Sünde verdunkelte dieses Licht. Seit der Erbsünde wandeln die Menschen in Finsternis und wie Christus sagt: „Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wohin er geht“ (Joh. 12, 35). Wie vielen Menschen geht es gerade heute so. Sie wissen nicht woher sie kommen. Sie wissen nicht wohin sie gehen. Sie kennen den Sinn und Zweck ihres Lebens nicht. Und warum? Weil sie in Finsternis wandeln. Ja, mehr noch. Weil sie die Finsternis, nämlich die Sünde, lieben und das Licht der göttlichen Wahrheit hassen. „Denn jeder, der Böses tut, haßt das Licht und kommt nicht zum Licht“ (Joh. 3, 20). Der Sünder sagt zu Gott: „Geh weg von uns – die Erkenntnis deiner Wege wollen wir nicht“ (Job 21, 14). Deshalb ist es nicht überraschend, wenn dem modernen Menschen, der sich von Gott verabschiedet hat die Maßstäbe fehlen zwischen richtig und falsch, zwischen gut und böse, zwischen recht und unrecht zu unterscheiden. Da bleibt nur noch, daß alles gleich ist. Obwohl sich die moderne Regenbogenkultur in ihrem Gleichheitswahn so farbenfroh und kunterbunt präsentiert, sitzt sie doch in tiefster Finsternis bar allen himmlischen Sinnes.

Das Unbefleckte Herz Mariens zerstreut diese Finsternis. Das Herz der Gottesmutter ist das hellleuchtendste Gestirn aus Gottes Schöpferhand. Ihr Herz ist glasklar vom reinen Licht der göttlichen Gnade und Wahrheit durchflutet. Es ist wie eine Kristallkugel, die ins Licht der göttlichen Sonne gehalten wird. Dieses Herz wird dadurch gleichsam eine zweite Sonne, um andere zu erleuchten. Wenn die Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariä in das Leben eines Sünders Eingang findet, so ist es, als ob die Morgenröte des ewigen Tages der göttlichen Gerechtigkeit und Liebe in diesem elenden Sündenleben aufginge. Es wird mild erleuchtet. Wie viele Bekehrungen haben genau damit begonnen, daß ein Sünder, der vielleicht ganz vom Weg des ewigen Heiles abgeirrt war, etwa zum Rosenkranz gegriffen hatte und immer wieder aufs Neue der Gottesmutter einen geistigen Kranz zu ihrem Lobpreis geflochten hat, einen Kranz, der ihr Unbeflecktes Herz schmückt. Und Maria läßt nichts unvergolten. Im Licht ihres Unbefleckten Herzens beginnt der Mensch den Schmutz der Sünde im Innern seiner Seele, den Wert der ewigen Güter und die Nichtigkeit alles Vergänglichen zu erkennen. Mehr und mehr erleuchtet Maria die innere Finsternis bis nicht nur der grobe Schmutz sondern sogar der Staub der kleinsten Unvollkommenheiten wahrgenommen wird. Auf diese Weise wird durch dieses unbestechliche Licht alles Sündhafte entzaubert und der Seele alles sittlich Mangelhafte klar zu Bewußtsein gebracht. Wie das Glühwürmchen nur in finsterer Nacht schön ist, indem es leuchtet und uns durch sein faszinierendes grünliches Glühen in Bann schlägt, hingegen am hellichten Tag als ein gemeiner Käfer ohne Glanz erscheint, so haben die vergänglich Dinge nur in der Nacht der Sünde und der Unwissenheit einen verführerischen Glanz, der jedoch vom Licht des Unbefleckten Herzens Mariä entzaubert und zum Verschwinden gebracht wird.

Das Herz Mariä erwärmt

Die bloße Erkenntnis allein genügt dem Menschen auf seinem Weg zu Gott jedoch noch nicht. Er muß sein Herz auch zur Gottesliebe erwärmen. Der hl. Paulus schreibt im Römerbrief: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unseren Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm. 5, 5). In keinem Menschenherzen hat sich dieser Satz mehr bewahrheitet als im Unbefleckten Herzen der Gottesmutter. Vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis ist sie von Gott geliebt, hat sich in ihr Herz die Gnadenfülle Gottes wie ein feuriger Sturzbach ergossen, bis sich ihr der Heilige Geist vollkommen hingegeben hatte in dem Augenblick als er sie überschattet hat und ihren jungfräulichen Schloß fruchtbar werden ließ. Die Liebe Gottes ist ausgegossen in ihr Herz.

Die Sünde hingegen löscht die Flamme der Gottesliebe im Herzen des Menschen aus. Die Liebe zu Gott erkaltet. Statt dessen lodert ein anderes Feuer im Herzen des Sünders. Das sündhafte Feuer der ungeordneten Begierlichkeit. Es verströmt eine schneidende Kälte gegen alles Göttliche und himmlisch Übernatürliche. Das Feuer der Gier versetzt die Herzen derer, die es erfaßt, in eine Schockstarre, welche es in zunehmendem Maß unempfänglich werden läßt für jeden wärmenden Einfluß der helfenden Gnade Gottes, die den Sünder zur Bekehrung ruft, die ihn einlädt seine Werke Gott zuliebe zu tun. Diese schneidende Kälte aber geht im Tod über in die beißenden Flammen des ewigen Feuers. Denn, wenn das Feuer der göttlichen Liebe in diesem Leben nicht wieder in der Seele des Menschen entzündet wird, so ist es sein Schicksal des unbußfertigen Sünders ewig im Feuer des göttlichen Zornes zu brennen und dabei doch sein Herz in alle Ewigkeit nicht mehr erwärmen zu können.

Wendet sich der Mensch aber zu Maria, der „Mutter der schönen Liebe“ (Sir. 24, 24), dann wird der Rauhreif seines erstarrtes Herz von den Strahlen ihres Unbefleckten Herzens zum Schmelzen gebracht, so wie das Eis im Licht der wärmenden Sonne zerfließt. Ihr reinstes Herz ist wie ein glühender Feuerofen, in dem die heilige Flamme der Gottesliebe und der Liebe zu uns lodert. In dieser Liebe wünscht sie nichts sehnlicher, als daß auch unser Herz in der heiligen Liebe zu Gott entbrenne, daß wir uns an ihrem Unbefleckten Herzen, in welches die Liebe Gottes so vollkommen eingegossen ist, erwärmen.

Das Herz Mariä belebt

Nachdem wir anhand des Sonnenlichtes die erleuchtende und wärmende Kraft des Unbefleckten Herzens Mariä erkannt haben bleibt uns noch die dritte Eigenschaft desselben davon abzuleiten – seine belebende Kraft. Ohne die Sonne wäre die Erde eine leblose Wüste. Die kargen Gebiete der nordischen Länder innerhalb des Polarkreises geben uns eine Vorstellung davon. Gefrorener Boden. Unfruchtbares Land. Entsprechend wäre unsere innerliches Leben beschaffen, würde der Boden unserer Seele nicht durch das Sonnenlicht der göttlichen Gnade zu übernatürlicher Fruchtbarkeit erweckt werden.

Der Heilige Geist ist die Quelle der Gnade und damit die Quelle aller verdienstlichen Werke, die wir in Seiner Gnade tun. Der Heilige Geist weht bekanntlich wo Er will. Er teilt jedem mit wie Er es will. Er wirkt nicht nur das Wollen im Menschen, sondern auch das Vollbringen. Sein vollkommenstes Werk ist ohne Zweifel das Wunder der Menschwerdung des göttlichen Sohnes im Schoß der allerseligsten Jungfrau, als Er die zweite göttliche Person aus dem Blut Mariens einen Leib gebildet hat, mit dem Gott selbst als Mensch unzählige Wohltaten wirken konnte. Über ihre persönlichen Werke hinaus, die unter allen Geschöpfen an Vollkommenheit unübertroffen dastehen, sind aus dem Unbefleckten Herzen Mariä also gewissermaßen auch noch die edelsten und vollkommensten Werke, die Werke des Gottmenschen Jesus Christus hervorgegangen. Was für eine Fruchtbarkeit! Welch übernatürlicher Reichtum! Das heiligste Herz Mariä ist für uns wie eine belebende Sonne. Durch ihr Vorbild und durch das Vorbild ihres göttlichen Sohnes, werden wir angeregt, dieselben edlen Früchte der Tugend hervorzubringen. Wer das Unbefleckte Herz Mariens ehrt, auf den wird der Heilige Geist wohltätig seine belebenden Strahlen ausgießen. Da wird sich ohne Zweifel neues geistliches Leben in der Seele dieses Menschen regen, entfalten und seine kostbaren Früchte für die ewige Ernte bringen.

Im Strahlenkreis des Unbefleckten Herzens

So mögen wir, liebe Gläubige, die wir uns Woche für Woche unter dem Patronat des Unbefleckten Herzens Mariä hier in dieser Kapelle versammeln dürfen; mögen wir uns von diesem lichtdurchfluteten Herz erleuchten lassen und durch den Einfluß Mariens alle Finsternis der Sünde aus unserem Leben vertreiben. Gebe Gott, daß wir uns von der Liebe ihres Herzens erwärmen lassen und alle Kälte, alles Ungastliche, was Gott mißfallen könnte in unserer Seele auflösen in einer immer vollkommeneren und glühenderen Hingabe an Seinen Willen. Ja, und möge die Sonne des Herz der Unbefleckten unser Leben fruchtbar werden lassen, damit der Herr des Weinbergs am großen Erntetag, also in der Stunde unseres Todes, herrliche Trauben der Tugend ernten kann, an deren süßen Wein wir uns in Ewigkeit erfreuen dürfen. Bitten wir die Gottesmutter unter dem Titel ihres Unbefleckte Herz in dieser heiligen Messe ganz besonders um ihr Licht, ihre Wärme und ihr Leben. Amen.

Zum Fest des hl. Joachim, Vater der allerseligsten Jungfrau Maria

Der Ehemann: Mann, Ritter, Christ

Geliebte Gottes!

Vor einigen Wochen haben wir am Fest der hl. Mutter Anna von dem Brief des hl. Apostel Petrus gehört, den er an die Gemeinden in Kleinasien geschrieben hat und dabei die Frauenwelt zur Übung der christlichen Tugenden aufgerufen hat. Sie sollten ohne Worte, sondern durch ihr Vorbild ihr Männer entweder von der Wahrheit des katholischen Glaubens überzeugen, oder sie für die religiöse Praxis gewinnen. Wir sagten dabei, daß der erste Papst sich dabei vor allem, aber nicht nur an die Frauen wandte. Er richtete auch einige Worte an die Männer, an die Ehemänner. Auch diese wenigen Verse sind dicht mit Inhalt gefüllt. Und wir wollen das Fest des hl. Joachim, des Gemahls der hl. Anna und Vaters der allerseligsten Jungfrau Maria, zum Anlaß nehmen, auch diese Verse genauer in Augenschein zu nehmen. „Ihr Männer“, so heißt es da, „seid verständig im Verkehr mit euren Frauen als dem schwächeren Teil! Erweist ihnen Achtung, denn sie sind mit euch Erben der Gnade des Lebens. Dann wird euer Gebet nicht behindert sein“ (1. Petr. 3, 7). Diese wenigen Worten enthalten einen dreifachen Aufruf an die Ehegatten. Nämlich einen Appell an den Ehegatten als Mann, einen Appell an den Ehegatten als Ritter und einen Appell an den Ehegatten als Christ.

Der Gatte als Mann

Der erste Appell an den Ehegatten spricht ihn an als Mann. „Ihr Männer, seid verständig mit euren Frauen als dem schwächeren Teil!“ Die Frauen hören es nicht so gern, wenn von ihnen als dem „schwächeren Teil“ gesprochen wird. Aber der Sinn dieser Worte, zu denen der Heilige Geist den hl. Petrus inspiriert hat, ist klar: Die Frau ist zarter als der Mann. Sie ist körperlich und seelisch in der Regel nicht so robust wie der Mann. Das ist gemeint mit dem „schwächeren Teil“. Es besagt nicht, daß die Frau nicht viele Eigenschaften, Qualitäten und Anlagen hat, in denen sie sich als stärker erweist, etwa in ihrer Leidensfähigkeit. „Ihr Männer, seid verständig im Umgang mit euren Frauen!“ Hier ist ein Appell an die Kraft des Mannes gerichtet, die man die Vernunft nennt. Sie hat zwei Kräfte: den Verstand und den Willen. Der Mann soll als Ehegatte die Vernunft bewähren. Das bedeutet ein Dreifaches: Einmal muß er mit der Vernunft erkennen, daß er dazu aufgerufen ist, durch seine tägliche Arbeit den Unterhalt für seine Frau und seine Kinder zu erwerben. Die erste Standespflicht des Mannes besteht seit dem Sündenfall in der Arbeit; in der Leistung. Gott hat gesagt: „Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen“ (Gen. 3, 19). Dem Mann ist die Pflichterfüllung aufgetragen. Eine Frau kann von ihrem Mann erwarten, daß er durch Arbeit den Unterhalt für seine Familie verdient. Das ist eine klare Forderung der Vernunft. Dazu hat Gott ihm seine körperlichen Kräfte und seine seelischen Befähigungen, die sich insbesondere auf sachliche Dinge, auf „Tat“-Sachen richten, gegeben, damit er durch Arbeit den Unterhalt für seine Familie sicherstellt.

Die Vernunft lehrt ihn an zweiter Stelle die Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit ist die Tugend, die jedem das geben will und gibt, was dem anderen zusteht, was dem anderen zukommt. Der Mann vermag mit der Vernunft zu begreifen, daß man von einem anderen nicht etwas erwarten soll und kann, ja, nicht erwarten darf, was der andere nicht leisten kann bzw. was man selber zu leisten nicht gewillt ist. Die Vernunft fordert vom Mann Gerechtigkeit. Und zwar Gerechtigkeit zuerst im Verhältnis zu seiner Frau. Diese Gerechtigkeit drückt sich darin aus, daß der Mann seiner Frau etwas gewähren muß, bevor er etwas von ihr verlangt. Der berühmte Gesellenvater Adolf Kolping hat einmal den Satz gesagt: „Wenn der Mann will, daß seine Frau eine sehr gute Frau sei, dann sei er zuerst ein sehr guter Mann. Und wenn eine Frau will, daß ihr Mann ein sehr guter Mann sei, dann sei sie zuvor eine sehr gute Frau! Jeder muß zuerst anfangen, und keiner darf auf den anderen warten, sonst kommen beide zu spät, viel zu spät!“ Kolping sagte hier etwas sehr Wesentliches. Die Gerechtigkeit ist nicht etwas, was beansprucht werden kann. Sie besteht wesentlich darin sie zu leisten. Sie muß gegeben werden. „Jedem das seine!“ Gerecht sein heißt, jemandem sein Recht geben. Und zwar nicht unter der Voraussetzung, daß zuvor meinem Recht genüge getan wurde. Ein Gedanke, der dem modern Menschen fremd geworden ist. Der moderne Mensch versteht sich zuallererst als einen Träger zahlreicher Rechte. Er begreift sich als Träger der sog. Menschenrechte, die ihm prinzipiell und ohne jede Bedingung erlauben sollen, jede Menge Ansprüche einzufordern. – Der Mensch ist jedoch, richtig gedacht, zuerst eine Person, die Pflichterfüllung schuldig ist. Und erst aus dieser geleisteten Pflichterfüllung erwachsen Rechte und Ansprüche. Das hat der moderne Mensch vergessen. Adolf Kolping lebte im 19. Jahrhundert mitten unter dem Volk und kannte seine Gesellen und deren Familien. Er wußte, wenn der eine mit dem Gutsein auf den anderen wartet, dann kommt es nie zu einer wahren, gerechten Ehe, sondern jeder muß von sich aus anfangen, gut zu sein, ohne auf den anderen zu warten, um in dem anderen das Gutsein gleichsam aufzuwecken. Nichts weckt das Gutsein des anderen leichter auf als das eigene Gutsein.

Die Vernunft lehrt den Mann an dritter Stelle kluge Besonnenheit. Sie zeigt ihm, daß Überstürzung, Übereilung und Unbesonnenheit nur Unfrieden und Unordnung in eine Familie bringt. Wo die Vernunft einen Mann beherrscht, da ist er in seinen Handlungen, in seinen Reden, in seinem Planen besonnen. Er hat sich also vorher über das, was er tun oder sagen will, Gedanken gemacht und sich darüber Rechenschaft gegeben. Dann erst redet er. Und dann handelt er. Die Besonnenheit vermeidet Streit. Der Streit tötet die Liebe und daher ist der Streit Gift für eine Familie und Gift für die Ehe. Nichts richtet eine Gemeinschaft so leicht zugrunde wie unbesonnener Streit, oder Streit der aus unüberlegten Worten und Taten oder aus Unbesonnenheit erwächst.

Durch kluge Besonnenheit kann Streit zwischen den Ehegatten durchaus vermeiden. Beispielsweise könnte man sagen: Wenn sich der eine am anderen ärgert, so soll man wenigstens eine Nacht darüber schlafen. Und wenn man dann am anderen Tag die Beschwerde noch immer als angebracht ansieht, dann soll man sie vorbringen. Soweit der Appell an den Ehegatten als Mann.

Der Gatte als Ritter

Ein zweiter Appell des hl. Petrus richtet sich an den Ehemann als Ritter: „Ihr Männer, seid verständig im Umgang mit euren Frauen! Erweist ihnen Achtung!“ Es war immer das Ziel und das Kennzeichen des mittelalterlichen Ritterideals, daß der Knappe, der zum Ritter geschlagen wurde, Zucht und Maß in seinem ganzen Leben gelobt und beweist. Zucht und Maß auf allen Gebieten. Wo aber ist Selbstbeherrschung und Maßhaltung notwendiger als in einer Gemeinschaft, die so innig, so nahe und so eng ist wie die Ehe? Hier kommt beinahe alles auf Zucht und Maßhalten an. Die unaufhörliche Arbeit an sich selbst, die eben zur Zucht und zum Maßhalten führt, kann dem Ehemann nicht erlassen werden. Jeder hat schon einmal von dem klassischen Anstands- und Benimmbuch: „Über den Umgang mit Menschen“, besser bekannt unter dem Namen seines Verfassers: Adolf Knigge. Im „Knigge“ kann man lesen: „Wenn du willst, daß deine Frau dich vor allen anderen ehren und lieben soll, dann verlaß dich nicht darauf, daß sie es dir am Altare versprochen hat, sondern biete alle Kräfte auf, daß du besser seiest als jeder andere, und das in jeder Hinsicht!“ Ein sehr weiser Rat! Wenn du willst, daß deine Frau dich achten, ehren und lieben soll, dann trachte danach, daß du dessen wert bist – mehr als alle anderen Männer. D.h. daß du zu ihr besser bist als alle anderen Männer – und zwar in jeglicher Hinsicht! Das gehört zum Ideals des Ritters. Dieser muß unermüdlich an sich selbst arbeiten, daß er die eigenen Launen und Leidenschaften – de des Zornes und die des Begehrens – erkennt und niederhält; sie überwindet, daß er die Tugenden herausarbeitet, auf die jede Gemeinschaft, am meisten aber natürlich die Ehe, angewiesen ist. Zum ritterlichen Ideal gehört auch der Schutz der Schwachen, der Bedrängten und natürlich erst recht der Frauen. Der Mann, der das ritterliche ideal in seiner Ehe verwirklichen will, muß ein Schützer seiner Frau sein. Dieser Schutz kann extreme Formen annehmen, etwa wie es in Kriegs- und Nachkriegszeiten oft geschehen ist, wo sich so mancher heldenhafte Ehemann vor seine Frau gestellt hat und dafür den Tod erlitten hat. Der Schutz ist aber auch im täglichen Leben notwendig, etwa angesichts von Schwächen der Frau. Wie leicht wird sie das Opfer von Klatsch und Tratsch, von übler Nachrede! Dann muß ein Mann sich schützend vor seine Frau stellen und sie in Schutz nehmen. Er muß eine feste Burg für seine Gemahlin sein. Das verlangt seine ritterliche Pflicht. Am meisten aber wird der Mann das ritterliche Ideal erfüllen, wenn er seine Frau ehrt, wenn er ihr Ehrerbietung erweist. „Erweist ihnen Achtung!“, so heißt es im 1. Petrusbrief. Achtung ist ja in etwa dasselbe wie Ehrerbietung. Der Mann muß also für die Dauer des ganzen Ehelebens mit Achtung und Ehrerbietung seiner Frau gegenübertreten. Kaiserin Maria Theresia, die ihrem Mann 16 Kinder geboren hat, hatte einmal an eine ihrer Töchter geschrieben: „Die törichte Liebe vergeht, aber man muß sich gegenseitig achten und ehren!“ Achten und ehren ist nicht immer leicht, wenn man so eng zusammen lebt, wie es in der Ehe der Fall ist, wo man sich so gut kennt, daß auch die verborgensten Fehler, Schwächen und Abgründe eines Menschen sich auftun. Gerade deswegen ist es so notwendig, Achtung und Ehrerbietung zu bewahre, damit man sich nicht gemein macht, damit die Ehe nicht zu einer Schlammschlacht wird, damit nicht das Schäbige, Niedrige im Menschen die Oberhand gewinnt. Die Ehrung und die Achtung muß der Mann seiner Ehefrau erweisen bis zum Ende des Lebens. „Wenn du willst, daß nicht andere deine Frau ehren, dann mußt du sie ehren“, schreibt der heilige Johannes Chrysostomus, der offensichtlich in seinem Bischofsamt nicht nur ein begnadeter Redner, sondern auch ein Kenner der Menschen und der Ehen gewesen ist. Wenn du deine Frau ehrst, hat sie es nicht nötig, von anderen geehrt zu werden. Damit weist er auf eine Gefahr hin, vor der die Frau geschützt werden muß. Wenn ein Mann gleichgültig wird gegenüber seiner Frau, wenn er rücksichtslos und teilnahmslos wird, dann besteht die Gefahr, daß die Frau die vermißte Ehre und Achtung dort sucht, wo sie sie nicht suchen darf. Davor muß sie der Ritter schützen.

Der Gatte als Christ

Der dritte Appell des hl. Petrus richtet sich an den Christen im Mann. „Ehret eure Frauen, denn sie sind Miterben der Gnade des Lebens!“ Darin besteht ja die tiefste Verbindung zwischen den Gatten – die Gemeinschaft mit Gott. Sie haben am Altar nicht nur einen rein menschlichen Vertrag abgeschlossen, sondern sie haben sich am Altar im Angesicht des Allerhöchsten durch Gott und mit Gott zu einem immerwährenden Bund vereinigt. Sie sind zu einer Art Drei-Einigkeit geworden. Ja, zu einer Drei-Einigkeit, nicht lediglich zu einer Zwei-Einigkeit. Die tiefste Vereinigung der Brautleute ist jene, die in Gott gründet ist. Gott ist der Dritte im Bunde. Und diese Gemeinschaft müssen die Eheleute auch pflegen und leben. Sie bewähren sie im gemeinsamen Gebet, im gemeinsamen Meßbesuch, im gemeinsamen Sakramentenempfang, auch in der gemeinsamen Erinnerung, nicht nur an den Tauf- bzw. Namenstag, sondern an jenen Tag, wo sie vor dem Traualtar knieten, um sich gegenseitig unverbrüchliche Treue zu gelobten. Diese Gemeinschaft ist die tiefste, und sie muß nicht nur im Gedächtnis haftenbleiben, etwa im Familienalbum oder der Familienchronik, als wäre die Sache längst abgeschlossen. Die eheliche Lebens- und Liebesgemeinschaft muß stets lebendig gehalten werden, damit man sich nicht allmählich voneinander entfernt. Sie muß täglich geübt werden. Die täglich geübte Gemeinschaft in Gott hier auf Erden ist nur ein Anfang. Sie soll sich fortsetzen und vollenden in der Ewigkeit. Die Ehegatten sollen sich gegenseitig unterstützen um ihr letztes und eigentliches Ziel zu erreichen. Beide sind „Erben“ der Gnade des ewigen Lebens. Über ihnen liegt der Schimmer, der Glanz der ewigen Herrlichkeit. Mann und Frau sind geschwisterlich verbunden durch das gemeinsame Harren auf die Vollendung in der Ewigkeit. Wenn der Mann das bedenkt, dann wird er mit Ehrfurcht vor seiner Frau stehen, dann wird er ihr mit Ehrfurcht begegnen, dann wir er begreifen, daß die Frau nicht ein Spielzeug des Mannes ist.

Die Gemeinschaft auf Erden wird einmal abbrechen. Die Ehe ist nur für diese irdische Lebenszeit eingerichtet. Sie dient der Fortpflanzung und der Erhaltung des Lebens. Wenn einst nicht mehr gestorben wird, dann braucht auch nicht mehr geboren zu werden. In der Ewigkeit wird nicht mehr gestorben. Deswegen ist dort die Ehe hinfällig geworden. Wenn die Ehe aber eine Gemeinschaft für dieses irdische Leben ist, dann teilt sie auch das Schicksal dieser Zeit. Auch die Ehe ist in das Wort des hl. Paulus eingeschlossen, wenn er sagt: „Die Gestalt dieser Welt vergeht“ (1. Kor. 7, 31). Und der Völkerapostel fügt mahnend hinzu: „Diejenigen, die Frauen haben, seien wie solche, die keine haben!“ (1. Kor. 7, 29). Eine unüberhörbare Aufforderung auch zur Enthaltsamkeit in der Ehe. Diejenigen, die Frauen haben, sollen sein wie solche, die keine haben. Die Ehe, wie jede irdische Wirklichkeit, mahnt durch ihre Vergänglichkeit den Menschen, sie nicht hemmungslos, sondern in der rechten Weise, d.h. sinnvoll zu gebrauchen. Auch von ihr gilt das bekannte Sprichwort: „Die Welt ist eine Brücke. Gehe hinüber, aber baue dein Haus nicht auf ihr!“ Ja, die Welt, auch die Ehe, ist eine Brücke, d.h. ein Mittel zum Zweck. Ein Mittel, um auf die andere Seite zu kommen. Gebrauche es recht! Gehe hinüber, aber baue dein Haus nicht auf ihr! Die Ehe darf kein Götzendienst, kein Selbstzweck werden. Der Gedanke an die Vergänglichkeit ihres Bundes soll beiden Ehegatten die nötige Distanz auch im intimen Bereich der Ehe geben. Es gibt ein höheres Ziel als das. „Ein jeder“, so mahnt nochmals der hl. Paulus „soll seine Frau in Ehrbarkeit und Heiligkeit besitzen, nicht in sinnlicher Leidenschaft wie die Heiden, die Gott nicht kennen“ (1. Thess. 4, 3).

Es ist ein dreifacher Appell, der von dem Wort des hl. Apostels Petrus an die Ehemänner ergeht: Ein Appell an den Mann. Ein Appell an den Ritter. Und ein Appell an den Christen. Im Laufe der Kirchengeschichte – und das muß ja auch einmal gesagt werden – haben viele, haben sehr viele Männer sich bemüht, diesen dreifachen Appell zu hören und nach ihm zu leben. Sie haben ihr Leben ausgerichtet nach diesem dreifachen Ausruf: „Ihr Männer, seid verständig im Umgang mit euren Frauen als dem schwächeren Teil! Erweist ihnen Ehre und Achtung, denn sie sind Miterben der Gnade des Lebens“ (1. Petr. 3, 7). Amen.

Zum Fest Mariä Himmelfahrt

Ein großes Zeichen erschien am Himmel

Geliebte Gottes!

Das Fest Mariä Himmelfahrt ist das höchste Marienfest im ganzen Kirchenjahr. Dieser Rang liegt darin begründet, daß wir bei der Himmelfahrt der allerseligsten Jungfrau die Erfüllung dessen feiern, was Gott im Augenblick der Unbefleckten Empfängnis grundgelegt hat, und was sich in allen anderen marianischen Geheimnissen, die wir das ganze Jahr über feiern nach und nach entfaltet. Das vollkommenste Geschöpf aus der Schöpferhand Gottes geht in den Himmel ein und erreicht auf diese Weise das Ziel seines Daseins. Die Gottesmutter wird mit Seele und Leib in den Himmel aufgenommen. Sie ist nun dort, wo sie der allmächtige und allgütige Schöpfer schon vor Grundlegung der Welt gesehen hat; sie ist nun dort, wo Er sie immer schon haben wollte. Dieses Festgeheimnis richtet damit unseren Blick über den beschränkten Tellerrand unseres zeitlichen Existenz hinaus, in die Weiten der ewigen Herrlichkeit Gottes. Am Firmament der Ewigkeit leuchtet uns das entgegen, was uns die Kirche im Introitus gerade eben auf die Lippen gelegt hat: „Ein großes Zeichen erschien am Himmel: eine Frau, mit der Sonne umkleidet, zu ihren Füßen der Mond, auf ihrem Haupte ein Kranz von zwölf Sternen“ (Offb. 12, 1). Das Bild der apokalyptischen Frau ist gleichsam Überschrift und Zusammenfassung des heutigen Festgeheimnisses von der Himmelfahrt Mariens. Daher lohnt es sich auch dieses Bild, das der hl. Apostel Johannes am Himmel über Patmos geschaut und uns in seiner Geheimen Offenbarung überliefert hat, eingehender zu betrachten.

Den Mond zu Füßen

Von dieser Frau heißt es nun, daß sie den Mond zu ihren Füßen hat. Den Mond, der in der andauernden Veränderung seiner Phasen, in seinem beständigen Schwanken zwischen Neumond und Vollmond, ein anschauliches Sinnbild für die Wankelmütigkeit, Unbeständigkeit und Vergänglichkeit alles Irdischen und Zeitlichen darstellt. Das Licht des Mondes ist Illusion. Es ist nur eine Spiegelung. Der Mond ist nicht selbst Lichtquelle. Er kann nur leuchten, weil und insofern er angestrahlt wird. Genaus verhält es sich mit dem zeitlichen Glück. Die zeitlichen Güter verheißen dem Menschen das Glück, sind aber nicht das Glück. Sie glitzern, bezaubern und, ziehen uns an; können aber nicht halten was sie versprechen. Das zeitliche Glück ist den Wechselfällen des Lebens unterworfen und hat keinen Bestand, so wie die Mondphase. – Maria hat in ihrer Himmelfahrt das Zeitliche verlassen. Sie hat es unter sich gelassen. Sie hat das Zeitliche zu ihren Füßen. Ja, mehr noch: sie hat das Zeitliche gewissermaßen mit Füßen getreten. Um in die Herrlichkeit des Himmels einzutreten, hat Maria alle irdischen Güter, die den Wechselfällen der Vergänglichkeit unterworfen sind, und doch in uns die dreifache Begierlichkeit reizen, geringgeschätzt und verachtet. – Die eitle Ehre trat sie mit Füßen. Sie führte ein demütiges, bescheidenes Leben in verborgener Unauffälligkeit. Zunächst in Nazareth später in Jerusalem und Ephesus. – Die Reichtümer der Welt trat Maria mit Füßen durch ein armes, anspruchsloses Leben, das sich mit dem täglich Notwendigen zufriedengibt. Sie hat weder zahlreiche materielle Güter besessen, noch nach solchen Ausschau gehalten. Auch war sie frei von jeder ängstlichen Sorge um das Morgen „was werden wir essen, was werden wir trinken, was werden wir anziehen“ (Mt. 6, 31), Sorgen welche uns doch so oft befallen und unser Herz ans Irdische gefesselt halten. Davon war sie ganz frei. – Schließlich hat Maria auch die Annehmlichkeiten, die Genüsse und Lüste der Welt verachtete, die wir so eifrig suchen. Sie ist immerwährende Jungfrau; eine zuchtvolle Frau, die ihre Sinne zu beherrschen wußte. Maria hat sich nicht täuschen lassen von dem silbrigen Glanz und Glitzer dieser Welt. Und so liegt der Monde, als Symbol alles Irdischen und Zeitlichen, vollkommen zurecht zu Füßen der Frau, die am Himmel erscheint.

Mit der Sonne umkleidet

Maria ist eingegangen in das ewige Heute der Ewigkeit, in die beseligende Schau dessen, der in „unzugänglichem Lichte wohnt“ (1. Tim. 6, 16); an dem es „keinen Wandel oder einen Schatten der Veränderlichkeit“ (Jak. 1, 17) gibt. Mit ihrer Himmelfahrt tritt Maria in den Lichtkreis der Herrlichkeit Gottes. Das drückt auch die Apokalypse aus, indem sie uns beschreiben, wie diese Frau eingetaucht ist in das göttliche Licht, ja wie sie damit bekleidet ist. Es erschien „eine Frau, mit der Sonne umkleidet“. Anders als der Mond, so strahlt die Sonne aus sich selbst heraus immer mit dem gleichen, unveränderlichen Glanz. Die Sonne ist das Zentrum, das unbewegliche Gestirn des Sonnensystems, um das sich alles andere dreht. Die Sonne ist somit ein Sinnbild für Gott, der selbst in unüberbietbarer, unendlich klarer Vollkommenheit und Unveränderlichkeit alles andere mit dem Licht Seiner Wahrheit, mit der Wärme Seiner Liebe und mit Seiner mit Seins- und Lebensstiftenden Kraft erfüllt.

Maria erscheint als Frau, „mit der Sonne umkleidet“. Schon vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis ist sie die Gnadenvolle, nimmt sie in einzigartiger Weise am übernatürlichen Leben Gottes, am Leben der Allerheiligsten Dreifaltigkeit Anteil. Maria ist nicht Gott; sie selbst ist nicht die Sonne. Aber ihre Seele war derart von Gott erfüllt, daß nun auch ihr verklärter Leib wie eine Kristallkugel, die ins Sonnenlicht gehalten wird, am Glanz der göttlichen Herrlichkeit Anteil erhalten hat. Aus ihrem Schoß ist ja Jesus Christus, das göttliche Licht, das „Licht der Welt“ (Joh. 8, 12), die „Sonne der Gerechtigkeit“ (Mal. 3, 20) hervorgegangen. Deshalb sehen wir Maria als die Frau, die mit der Sonne umkleidet ist. Die Fülle der heiligmachenden Gnade, die Gott vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis wie ein Samenkorn in Maria hineingelegt hat, und nach Meinung der Theologen schon in jenem ersten Augenblick das Gnadenmaß aller Engel und Heiligen zusammengenommen übertroffen hatte, ist dann im Verlaufe ihres irdischen Lebens weiter gewachsen, und ist am Tag ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel zur vollendeten Reife gelangt. Wie sich eine Blütenknospe öffnet und dabei dem Auge des Betrachters die Schönheit, die in ihrem Innern verborgen liegt, preisgibt, so tritt bei der Himmelfahrt Mariens das Licht ihrer Gnadenfülle, das Licht der Heiligkeit ihrer Seele, gleich einer Sonne hervor und ergießt sich über ihren hl. Leib. Sie ist die Frau „mit der Sonne umkleidet“.

Ein Kranz von zwölf Sternen

Schließlich erklärt uns die Geheime Offenbarung, daß sich auf dem Haupte der verherrlichten Gottesmutter „ein Kranz von zwölf Sternen“ befindet. Dieses königliche Diadem gibt uns einen Hinweis auf die Stellung und auf die Tätigkeit, die Maria fortan einnimmt bzw. ausübt. Sie ist nun nicht mehr die unscheinbare Magd, die vor aller Welt verborgen lebt. Sie ist jetzt Königin des Himmels, von Gott über alle Geschöpfe erhoben, wo sie von nun an seliggepriesen wird von alle Geschlechter, wie sie es selbst vorhersagte. An ihr ist das Wort Jesu in Erfüllung gegangen. „Wer sich selbst erniedrigt wird erhöht“ (Lk. 18, 14). Über allen Geschöpfen thront die allerseligste Jungfrau Maria als die Königin des Himmels.

Die Zwölfzahl der Sterne belehrt uns darüber, wie Maria ihr Amt als Königin des Himmels ausübt. Die Zahl Zwölf weist in der Zahlensymbolik stets auf die Fülle des Heiles hin. Es sind zwölf Söhne Jakobs, welche zu Vätern des auserwählten Volkes Israel werden, jenes Volkes, das Gott heilig ist. Aus der Mitte der zwölf Stämme dieses Gottesvolkes ging der Erlöser, der Heiland der Welt, und damit der Inbegriff des Heiles hervor. Christus hatte wiederum zwölf Männer zu Aposteln berufen, deren Aufgabe darin bestand die Fülle der Wahrheit und des Heiles, zu allen Völkern zu tragen; und das nicht nur bis an die Grenzen der Erde, sondern durch deren Nachfolgern bis ans Ende der Weltzeit. Die Zwölf-Zahl hat demnach eine solch große Bedeutung bezüglich der Vermittlung des Heiles, daß auch das Apostelkollegium nach dem Ausscheiden des Judas Iskarioth nicht einfach auf elf zusammengeschrumpft belassen werden konnte. Der Heilige Geist erwählte den hl. Matthias, um die Zwölfzahl wiederherzustellen. – Die zwölf Sterne in der Krone Mariens wollen uns also sagen, daß Gott ihr die Fülle der Heilsgüter anvertraut hat. Alle Gnaden legte Gott Maria in die Hände, um sie den Menschen auszuteilen. Weil Christus, der ja Quelle und Fülle des Heil zugleich ist, einzig und allein durch Maria zu uns kommen wollte, so ist es angemessen, daß alle Heilsgnaden, welche Christus, vor allem in Seinem Kreuzesopfer verdient hat, einzig und allein durch Maria ausgeteilt werden. Es gibt daher keine Gnade, welche uns von Gott gewährt wird, die uns nicht durch die Hände Marias zukommen würde.

Freilich ist ihre Gnadenmittlerschaft keine selbständige und absolute, sondern eine abhängige. Maria handelt ganz im Sinne Gottes. Sie weiß sich auch in ihrer Stellung als Königin des Himmels ganz an den göttlichen Willen gebunden und von demselben bestimmt. Sie bleibt bis in Ewigkeit das ergebene Werkzeug in der Hand des Schöpfers. Maria teilt die Gnaden zu wie Gott es will. Das ist gemeint, wenn die Königin des Himmels vollkommen zurecht „Mittlerin aller Gnaden“ genannt wird.

So eröffnet uns die Vision des hl. Johannes auf Patmos ein klein wenig das Festgeheimnis von Mariä Himmelfahrt: Die Frau mit dem Mond zu Füßen – Maria läßt alles Irdische unter sich zurück. Sie ist mit der Sonne umkleidet – d.h. mit verklärtem Leib tritt sie in die himmlische Herrlichkeit ein. Sie trägt eine Krone von zwölf Sternen – sie ist Königin und damit vermittelnde Sachwalterin über die Fülle aller göttlichen Heilsgaben.

Die kosmische Dimension des Festes

Die Größe und Tragweite des Festes Mariä Himmelfahrt erschließt sich uns jedoch erst vollständig, wenn wir in unserer Betrachtung der Vision von Patmos auch die einleitende Bemerkung berücksichtigen. – Dort heißt es: „Ein großes Zeichen erschien am Himmel.“ Die Vision von der apokalyptischen Frau ist ein Zeichen. Ein Zeichen steht nicht für sich allein, sondern verweist auf etwas anderes; auf etwas Unsichtbares; oder auf etwas, was noch nicht ist, aber einst sein wird. Mit dem Bild von der verklärten Frau eröffnet uns Gott die überzeitliche Dimension der Aufnahme Mariens in den Himmel. Maria steht in ihrer leiblichen Himmelfahrt als Typus, als Urbild und Vorbild. – Zum einen bezeichnet nämlich ihre Himmelfahrt den Triumph und die Verherrlichung der katholischen Kirche. Die Kirche ist ja die vollkommene Braut Christi, ohne Falten und Runzeln, ganz makellos und heilig. Der Irrtum und die Verderbnis haben an ihrer Lehre, ihrer Liturgie und ihrer Disziplin keinen Anteil. Im Gegenteil! Alle Neuheiten in Glaubenslehre, Kult und Lebensführung, alle wechselnden Mondphasen der Mode verwirft sie, ja tritt sie nieder. Dabei lehrt sie auch ihre gläubigen Kinder die Welt und ihre Lüste zu verachten; alles was nicht ewig ist, mit Füßen treten. Denn die Kirche selbst ist mit dem Sonnenlicht der göttlichen Unfehlbarkeit, mit dem Licht des Evangeliums Christi, umkleidet. Sie ist „die Säule und Grundfeste der Wahrheit“ (1. Tim 3, 15) und damit der gleißende Leuchtturm in der Finsternis dieser Weltzeit, der vor dem Schiffbruch der Sünde bewahrt. – Die katholische Kirche ist mit der Fülle aller Gnadenschätzen ausgestattet, die Christus Seiner Braut anvertrauen wollte: mit dem hl. Meßopfer, den hl. Sakramente und den Verdienste der Heiligen. Diese Gnadenschätze soll sie, und nur sie, austeilen. Die katholische Kirche ist die alleinige Heilsvermittlerin. Alle Völker der Erde können das ewige Leben nur durch ihre Vermittlung erlangen. Denn außerhalb der katholischen Kirche gibt es kein Heil! So erkennen wir in der verklärten und mit zwölf Sternen gekrönten Frau, die uns der hl. Johannes schildert die katholische Kirche, welche die Züge Mariens an sich trägt.

Maria steht zeichenhaft auch für die ganze sichtbare und unsichtbare Schöpfung, die Gott am Tag der großen Wiederherstellung, nach dem Ende dieser Welt, in ihrer vollendeten Schönheit im Licht der Verklärung erstrahlen lassen will. So ist Maria nach der Lehre der Kirchenväter das Urbild nicht nur der Kirche, sondern auch der verherrlichten, gekrönten und zu Gott heimgekehrten Schöpfung. In Maria ist das Erdendrama bereits zu Ende gegangen, das Erlösungswerk Christi präsentiert in ihr seine höchste Vollendung, die Idee des vergöttlichten und mit Gott vereinigten Menschen ist Wirklichkeit geworden. In ihr ist bereits vorweggenommen, was mit der Kirche, der Schöpfung, ja, was mit jedem einzelnen von uns, noch geschehen soll. So ist die Aufnahme Mariens in den Himmel Prophetie und Verheißung an uns. Alles was wir an ihr heute bestaunen und bejubeln dürfen, soll auch an uns Wirklichkeit werden. Gott wird auch uns dereinst in Seiner Kirche und durch Seine Kirche zusammen mit der ganzen Schöpfung heimholen in einen neuen Himmel und eine neue Erde. Nicht nur unsere Seele, sondern auch unseren Leib. Unser Körper soll nicht für immer dem Stachel des Todes verfallen und ein Fraß für die Würmer bleiben, sondern noch herrlicher erstehen, als wir es uns auszudenken vermögen.

Nachfolge Mariens

Um dieser Berufung würdig zu werden, müssen wir jedoch dem großen Zeichen am Himmel, also dem Vorbild Mariens nacheifern: Also 1. den Mond zu Füßen haben: d. h. das Irdische um des Himmlischen willen, geringschätzen; das Zeitliche, sofern es uns zur Versuchung oder zum Anlaß zur Sünde wird, mit Füßen treten, also unterdrücken. – 2. Mit der Sonne umkleidet sein: d.h. stets das Gewand der heiligmachenden Gnade rein und strahlend bewahren und pflegen. Das geschieht durch den würdigen Empfang der heiligen Sakramente insbesondere durch die regelmäßige Beichte, die den Glanz der Gnade in unserer Seele immer wieder erneuert, reinigt und vermehrt. – Und schließlich 3. die Krone auf dem Haupt tragen: d.h., daß wir mit der Gnadenhilfe Gottes zur königlichen Herrscher über uns selbst gelangen müssen; durch das Gebet, durch die Inzuchtnahme unserer Sinne, durch die Disziplinierung unserer Gedanken, sowie durch die Übung der Tugenden, damit wir nicht, statt die königliche Freiheit der Kinder Gottes zu gewinnen, der Sklaverei unserer ungezügelten Leidenschaften und der Knechtschaft der Sünde verfallen.

Wenn wir so getreu dem Bild unserer himmlischen Mutter nachstreben, werden wir das große Zeichen Gottes, das am Himmel erschienen ist, in Ewigkeit bestaunen und preisen dürfen: die „Frau mit der Sonne umkleidet, zu ihren Füßen der Mond, auf ihrem Haupte ein Kranz von zwölf Sternen“. Amen.

Zum 10. Sonntag nach Pfingsten

„Der Mensch ist, was er in den Augen Gottes ist.“

Geliebte Gottes!

Man sollte meinen, wenn man betet, dann spräche man zu Gott. Ob in der Kirche oder daheim im stillen Kämmerlein, ob laut oder leise, ob in Versen oder in schlichten Worten, das ist nicht entscheidend.

Da zeichnet unser Herr Jesus Christus in Seiner anschaulichen Sprache zwei Männer, beide im Tempel. Wir würden heute sagen: in der Kirche. Die erste Gestalt fängt in gewichtiger Haltung an zu sprechen. Christus sagt, daß dieser Mann nicht wirklich betet, sondern „er sagte zu sich selbst“. Es ist ein lautes Selbstgespräch im Tempel. Im Tempel sollte man mit Gott reden – und wer Selbstgespräche führt – und dazu noch laut – der ist nicht ganz normal. Er beginnt zwar: „Gott, ich danke Dir“ (Lk. 18, 11), aber er sagt das nicht dem lieben Gott, sondern er sagt sich selbst etwas vor, was ihm „guttut“. Darum handelt es sich dabei nicht um ein Gebet, sondern um das Selbstlob; um ein Selbstlob eines nicht ganz normalen Menschen. Daß er weder ein Räuber, noch ein Betrüger, noch ein Ehebrecher ist, wollen wir ihm gerne glauben. Aber darauf braucht man sich noch nichts einzubilden. – Ganz häßlich wird sein Gerede jedoch, als sein schweifender Blick auf einen bestimmten anderen Menschen fällt, der sich gerade mit ihm im Tempel befindet „ … auch nicht wie dieser Zöllner“ (Lk. 18, 11). – Woher will er denn wissen, daß er besser ist als dieser Zöllner? Weil er fastet, was der Zöllner wahrscheinlich nicht tut? Weil er den Zehnten, also materielle Unterstützung für die Kirche gibt, was der Zöllner bestimmt nicht tut? Als ob die Taten allein schon etwas beweisen. Man kann auch fasten, damit die Leute voll Bewunderung sagen: „So ein frommer Mann!“ Man kann den Zehnten geben, um zu den „großen Wohltätern“ gerechnet zu werden. Man kann es auch tun, nur um sich selbst zu schmeicheln, daß man ein „selbstloser Ehrenmann“ sei. Aus Liebe zu Gott kann man all das auch tun! aber dann macht man kein Aufhebens davon. Das ist immer das Kennzeichen echter Liebe und echter Demut unter Menschen und Gott gegenüber, daß man die Gaben und Geschenke ganz schlicht, ganz bescheiden gibt. Man will ja Freude machen, nicht wichtig tun.

Der Pharisäer liebt nicht Gott, sondern sich. Darum schaut er überhaupt erst auf den Zöllner, um sich über dessen „minderwertigen“ Lebenswandel zu entrüsten, um sich in seiner eigenen moralischen Überlegenheit selbst zu bestätigen.

Ein Gleichnis!

Keiner schüttle schmunzelnd den Kopf über diesen Pharisäer. Auch sage keiner, es sei ja „nur“ ein Gleichnis. Um so schlimmer, daß es ein Gleichnis ist! Wäre es ein ganz bestimmter Mensch gewesen, von dem Christus da sprach, dann hätte man sagen können: So einen Menschen, der wie dieser Pharisäer nicht ganz normal ist, kommt nur einmal vor. Aber ein Gleichnis meint immer etwas Häufiges, etwas immer Wiederkehrendes. Wenn wir uns selbst sehr aufmerksam kontrollieren – und dabei ehrlich zu uns selber sind –, finden wir vielleicht sogar eine Verwandtschaft zu dieser Karikatur eines Beters. Es brauchen ja nicht gleich alle Züge gestochen scharf übereinzustimmen, die Verwandtschaft kann auch nur dritten oder fünften Grades sein. Etwas davon muß sogar sehr wahrscheinlich in den meisten von uns diesem Pharisäer entsprechen, weil uns der Herr in Seinem Gleichnis doch ganz offensichtlich einen Spiegel vorhalten wollte. Vielleicht ist es die unbewußte Neigung, unsere guten Werke aufzuzählen, um uns darin zu bestätigen ein guter, gottesfürchtiger Mensch zu sein. Vielleicht auch nur der Mangel echter, selbstloser Gottesliebe beim Gutestun. Oder aber wir verdrängen unser Schuldbewußtsein durch den Vergleich mit anderen, die zweifellos Dinge auf dem Kerbholz haben, die wir uns nicht vorwerfen müssen. Frei nach dem Motto „Ich bin zwar kein Engel, aber so wie diese Person da …“ – Alles in allem fehlt es an der rechten Demut.

Demut und Begabung

Die Demut ist jene Tugend, durch die der Mensch in unbestechlicher Selbsterkenntnis klein wird in seinen eigenen Augen. Demütig sein heißt, sich selbst so erkennen und so erkannt sein wollen, wie es die Wirklichkeit verlangt, also nicht klüger, nicht vornehmer, nicht einflußreicher, nicht gebildeter, nicht besser scheinen wollen, als man selbst tatsächlich ist. Sich selbst gleichsam mit den unbestechlichen und wahrhaftigen Augen Gottes sehen und beurteilen. Das ist Demut. „Der Mensch ist das, was er in den Augen Gottes ist; nicht mehr und nicht weniger.“ So brachte es der hl. Pfarrer von Ars, dessen Gedächtnis wir heute feiern, auf den Punkt.

Die Gaben, welche den Menschen zuteil werden, sind verschieden. Wir wissen, daß nach dem Gleichnis von den Talenten den Menschen sehr verschiedene Begabungen von Gott zuteil werden, dem einen mehr, dem anderen weniger. Wer mehr und größere Gaben empfangen hat, der muß wissen, daß das Gottes Geschenke sind, nicht seine eigenen Verdienste. Der hl. Apostel Paulus fragt: „Was hast du, das du nicht empfangen hast? Hast du es aber empfangen, warum rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?“ (1. Kor. 4, 7) An einer anderen Stelle schreibt er: „Wer glaubt, etwas zu sein, da er doch nichts ist, betrügt sich selbst“ (Gal. 6, 3). Vielfach gehen wir in die Irre, wenn wir uns mit den anderen Menschen vergleichen. Wissen wir, wie groß und wie zahlreich die Begabungen und die Gnadenhilfen sind, die unser Mitmensch empfangen hat? Vielleicht sind ihm viel weniger Zuwendungen von Gott zuteil geworden als uns. Vielleicht hätte er mit den Gaben, die wir empfangen haben, viel besser gearbeitet als wir es getan haben und tun. Vielleicht hätte er viel intensiver mitgewirkt mit der Gnade Gottes. Vielleicht wäre er zu einem höheren Stand der Vollkommenheit und der Tugend gelangt, als wir es sind. Das eigene Versagen kennen wir nur zu gut. Das Zurückbleiben des anderen können wir wegen Mangels des Einblicks in sein Inneres nicht beurteilen!

Demut und Leistung

Ähnlich verhält es sich mit der Leistung. Die Leistungen der Menschen sind sehr verschieden, das wissen wir alle. Und wenn wir uns sagen dürfen, daß wir mehr geleistet haben als andere, so ist das kein Grund zur Selbstüberhebung; denn auch bei unseren Leistungen, bei unserem Tun hat Gott uns beigestanden. Wir haben günstige Voraussetzungen vorgefunden – geistige, materielle, körperliche, soziale –, wir haben wohlwollende Vorgesetzte gehabt, die uns gefördert haben. Vielleicht hätten andere mehr und Besseres geleistet als wir, wenn sie unter denselben Voraussetzungen hätten arbeiten können, wie wir es tun konnten. Ja, obwohl das Arbeitsergebnis des anderen im äußeren Vergleich tatsächlich minderwertiger sein mag als das unsere, so kann doch die innere Leistung des anderen größer sein als die unsere. Denn wir wissen nicht, mit welchen Schwierigkeiten er zu kämpfen hatte, welche Anstrengungen er machen mußte, die uns erspart bzw. nicht abverlangt wurden. Wir wissen nicht, wieviel Kraft, wieviel guten Willen er hat aufbringen müssen, um das Wenige zu vollbringen, das er vollbracht hat. Das wissen wir nicht. Nichts führt uns deshalb sicherer zu einem falscheren Urteil über den Mitmenschen, als wenn wir ihn nach rein äußeren Kriterien zu bewerten suchen.

Die Quelle aller guten Gaben

„An Gottes Segen ist alles gelegen“, sagt der Volksmund. Und das mit vollem Recht! Der Erfolg unserer Arbeit ist Gott zu verdanken. Niemand hat das deutlicher ausgedrückt als der hl. Apostel Paulus, als er von der Missionsarbeit schreibt, der er mit seinem Mitapostel, dem Apollo, so segensreich gewirkt hat. „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, das Wachstum aber hat Gott gegeben. Darum kommt es weder auf den an, der pflanzt, noch auf den der begießt, sondern auf Gott, der das Wachstum gibt“ (1. Kor. 3, 6).

Gott will, daß wir demütig sind, denn er will, daß wir wahrhaftig sind. In Wahrheit aber kommt jedes Wollen und Vollbringen von Gott. Gott will, daß wir unsere Bedürftigkeit und unsere Abhängigkeit Ihm gegenüber anerkennen und bekennen. Gott will, daß wir uns ehrlich zum Spender aller Gaben bekennen. Er will, daß wir Ihm die Ehre geben und sie ihm nicht stehlen, indem wir unser Erfolge uns selbst zuschreiben. Der Demütige ist Gott angenehm, der Hochmütige mißfällt Gott, weil er ein Dieb ist. Er raubt Gott die Ehre. Was Wunder, wenn sich Gott von einem Dieb zurückzieht.

Das Übel der Selbstgefälligkeit

Es gibt zwei Formen eines solchen „Diebstahls“. Es gibt zwei Gegensätze, zwei besonders häufige Gegensätze zur Demut. Die erste Form des Diebstahls und damit der erste Gegensatz zur Tugend der Demut ist die Selbstgefälligkeit. Sie besteht darin, daß ein Mensch sich etwas einbildet auf seine Vorzüge, seine Herkunft, seine Bildung, seine Stellung, auch auf sein äußeres Erscheinen. Der Selbstgefällige gefällt sich selbst. Er ist mit sich und seinem Tun zufrieden, ja, er rühmt sich seines Könnens und seiner Leistung. Er ehrt sich selbst; er gibt sich selbst die Ehre. Er behält für sich, was Gott gehört. Das kann so weit gehen, daß er sich selbst anbetet. Ja, sich selbst anbeten ist der häufigste Götzendienst unserer Tage! Gegen Selbstgefälligkeit ist niemand gefeit, vor allem diejenigen nicht, die in der Öffentlichkeit arbeiten, die eine herausgehobene Stellung unter den Menschen haben, etwa wie Ärzte, Lehrer oder Priester.

Das Übel der Gefallsucht

Ein zweiter Gegensatz zur Demut ist die Gefallsucht. Das ist das unlautere Streben, von Menschen anerkannt, geschätzt, gelobt, ausgezeichnet zu werden. Der demütige Mensch arbeitet sachlich. Er sucht den sachlichen Anforderungen des Lebens gerecht zu werden. Er schielt nicht nach Beifall und zielt nicht auf das Lob von Menschen. Es geht ihm um das Werk, das ihm Gott aufgetragen hat. Der gefallsüchtige Mensch arbeitet für seine eigene Erhöhung, für seinen eigenen Ruhm, für den Anklang in der Gesellschaft oder wenigstens in seinem unmittelbaren Umfeld. Dadurch wird die Lauterkeit seines Tuns getrübt. Dadurch wird die Verdienstlichkeit seiner Werke zerstört. Es geht ihm nicht um die Aufgabe, es geht ihm um sich selbst. Der Apostel Paulus wußte um diese Gefahr. „Suche ich noch Menschen zu gefallen? Wenn ich Menschen gefallen wollte, wäre ich nicht Christi Diener“ (Gal. 1, 10). Das eine schließt das andere notwendigerweise aus. Demut und Gefallsucht können nicht zugleich bestehen.

Demut und Ehre

Um Mißverständnisse zu vermeiden muß an dieser Stelle gesagt sein: Ein jeder hat das Recht auf Ehre und Achtung. Ehre und Achtung ist die praktische Anerkennung des Wertes einer Person durch die seine Umwelt, durch die Menschen, die mit ihm leben. Die Ehre ist von großer Bedeutung, denn sie ist gewissermaßen die soziale Atmosphäre, in der wir uns entfalten können. Ein Mensch, der keine Ehre hat, ist in der Gesellschaft unfähig, etwas zu leisten. Er wird von allen gemieden. Die Ehre schützt aber auch die eigene Sittlichkeit. Wer Ehre hat, wer anerkannt wird, der wird sich bemühen, dieser Anerkennung gerecht zu werden. Er wird sich anstrengen, so zu handeln, daß alles Schäbige von ihm fernbleibt. Also die Ehre hat eine hohe Bedeutung! Jemandem Ehre zu bezeigen, ist also nicht nur gestattet, sondern sogar von Gott gefordert: „Ehre deinen Vater und deine Mutter!“ (Deut. 27, 16) „Ehre den Greis!“ So steht in der Schrift des Alten Bundes. Ehre, wem Ehre gebührt. Und der heilige Petrus schreibt: „Ehret alle, fürchtet Gott, ehret den König!“ (1. Petr. 2, 17). Nichts sei also gegen die dankbare Würdigung einer Person aus einsehbarem Anlaß gesagt.

Das Übel des Personenkultes

Doch muß die Hochachtung vor einem Menschen auch auf einem wahren, d.h. gerechten Fundament ruhen. – Ganz schlimm wird es nämlich, wenn die Ehrungen von Personen in den Personenkult ausarten. Darunter ist die Überbewertung von Personen und ihrer Leistung zu verstehen, die Schmeichelei, die Speichelleckerei, die Lobhudelei. Der Personenkult sucht immer neue Gelegenheiten, um die (angeblichen) Qualitäten und die (angeblichen) Verdienste bestimmter Persönlichkeiten überhöht und übersteigert hervorzuheben. Im Personenkult wird die Wahrhaftigkeit verletzt, jenes Fundament worauf die Demut ruht. Es werden einer Person Eigenschaften und Leistungen zugeschrieben, die in Wirklichkeit gar nicht oder wenigstens nicht so vorhanden sind. Solchen Personenkult erleben wir heute überall. Wir finden ihn in der Medienwelt vor, wo Stars aus Politik, Medizin, Sport, Musik und sonstigen Bereichen des öffentlichen Lebens, die ein unmoralisches Leben führen, Ehre und Achtung erwiesen wird, die ihnen beileibe nicht zukommt. Aber auch in der sog. „Bewegung der kath. Tradition“ wird der Personenkult eifrig gepflegt, indem Idole zu „Heiligen“ und zu „sicheren Wegweisern in der heutigen Krise der Kirche“ hochstilisiert werden, ohne zu hinterfragen, ob diese „Wegweiser“ überhaupt auf dem Fundament des katholischen Glaubens gehandelt haben. Besonders widerlich ist gerade diese Art des Personenkults, der geweihten oder nichtgeweihten Personen erwiesen wird, und dann womöglich auch noch im Rahmen der hl. Messe.

Man darf Gott die Ehre nicht stehlen! Man darf nicht Menschen zuschreiben, was von Gott kommt! Ihm gebührt die Ehre und der Dank. Er hat das Wollen und das Vollbringen gegeben. Der Völkerapostel wußte um diesen Zusammenhang. Er schreibt in seinem ersten Korintherbrief: „Ich habe mehr gearbeitet als die anderen“ (1. Kor. 15, 10). Das ist zweifellos eine sehr selbstbewußte Feststellung. Aber dann folgt gleich der Satz: „Nicht ich, sondern die Gnade Gottes mit mir.“ Das ist die katholische Haltung. Sie findet sich schon bei der Gottesmutter. In ihrem Magnifikat hält sie die Tatsache fest: „Von nun an werden mich seligpreisen alle Geschlechter“ (Lk. 1, 48). Das ist ein großes Lob. Und es ist wahr! Doch handelt es sich dabei um kein überhebliches Selbstlob. Denn die allerseligste Jungfrau hat den Grund für ihre herausgehobene Stellung, derer sie sich durchaus bewußt war, bereits vorausgeschickt. Sie sagt: „Denn Er (Gott) hat herabgeblickt auf die Niedrigkeit Seiner Magd.“ Der katholische Christ, der demütig ist, spricht stets mit dem Psalmisten: „Herr, nicht uns, nicht uns, sondern Deinem heiligen Namen gib die Ehre!“ (Ps. 113, 9).

Das letzte Urteil

Über die Bedeutung der Demut für unser inneres Leben läßt der Herr am Ende des heutigen Evangeliums keinen Zweifel: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden. Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk. 18, 14). Das heißt: Der Herr blickt auf das Endgericht. Das letzte Wort über unser Tun und Lassen spricht kein Mensch und schon gar nicht das eigene Ich, sondern das letzte Wort spricht Gott. Er spricht das einzig gültige und endgültige Wort über unser Tun und Lassen. Am Tage des Gerichtes werden unsere Werke uns entweder zu Hilfe kommen, wenn sie in Gott getan waren, oder sie werden uns in die Tiefe ziehen, wenn wir sie für uns verrichtet haben. „Willst du wissen, wer dich lohnen wird, so frage dich, für wen du deine Werke tust.“ Das ist ein Sprichwort, das es sich lohnt, sich gut einzuprägen: „Willst du wissen, wer dich lohnen wird, so frage dich, für wen du deine Werke tust.“ Denn, um nochmals den hl. Pfarrer von Ars zu zitieren: „Der Mensch ist das, was er in den Augen Gottes ist; nicht mehr und nicht weniger.“ Amen.

Zum 9. Sonntag nach Pfingsten

Falsche Weichenstellung

Geliebte Gottes!

Wenn auf einem Schienenstrang eine Weiche falsch gestellt ist, so braucht an dieser Stelle kein Zugunglück zu passieren. Wahrscheinlich sogar wird der ankommende ICE-Expreßzug glatt über die Weiche hinweggleiten und in voller Geschwindigkeit weitersausen – jetzt aber auf falschem Geleis. Je länger er so in vollkommener Arglosigkeit weiterfährt, desto größer wird die Gefahr, bis er irgendwo ganz unverhofft und plötzlich auf ein Hindernis aufprallt; und sowohl der Schaden als auch der Jammer werden riesig groß sein. Wie gesagt, das katastrophale Zugunglück kann weit weg passieren; aber die Entscheidung fiel an der falsch gestellten Weiche.

Jerusalems Schicksal

Das Unglück kam über die Stadt Jerusalem, als die römischen Legionen unter Titus und Vespasian es im Jahr 70 n. Chr. belagerten und die Bewohner sich mit blinder Wut bis zum Äußersten wehrten. Selbst als die Lage längst aussichtslos war, wollten und konnten sie den Widerstand nicht aufgeben, weil sie auf ein Eingreifen Gottes warteten. Sie meinten, Gott könne die heilige Stadt Davids nicht untergehen lassen. Der Allmächtige müsse eingreifen, da diese ihre Stadt „auserwählt“ war, der „Thron und Herrschaftssitz Seines Gesandten“, der „Thron des Messiaskönigs“ zu sein. Ihre Hoffnung war vergebens. Unter schauerlichen Greueltaten zerfleischten sich die in der Stadt eingeschlossenen Juden zunächst gegenseitig, um schließlich unter den Schwertern der Römer in einem grausamen Blutbad zugrunde zu gehen. Auch Frauen, Kinder und Alte wurden nicht geschont. Die Juden hatten vergebens gehofft, weil der, auf den sie warteten, der, um dessen willen Gott hätte eingreifen müssen, schon längst dagewesen und wieder zu Seinem Vater in den Himmel aufgefahren war. Das Massaker in Jerusalems Straßen und Gassen, der Brand und die Schleifung des Tempels war die Stunde des größten Unglücks – die Katastrophe für das Judentum – bis heute. Aber die Entscheidung war schon vierzig Jahre früher gefallen, als Israels Denken eine falsche Weichenstellung aufwies.

Jerusalems Weichenstellung

Die Szene des heutigen Evangeliums führt uns in diese Entscheidungsstunde. Es führt uns in die Stunde der Heimsuchung Gottes. Sie ereignete sich am Palmsonntag. Christus wurde jubelnd in Jerusalem willkommen geheißen. Doch Er weinte. Der Gottessohn weint! Gott weint! Er sah die falsche Weichenstellung in ihren Herzen. Er war gekommen, um Buße zu predigen und mit gutem Beispiel den Kreuzweg seines Sühneleidens voranzugehen. Sein Volk aber pries ihn nur mit Hosanna-Rufen, weil es von Weltherrschaft träumte. Sie hielten an ihren Träumen fest, überhörten die Predigt vom Kreuz, daß Sünde wiedergutgemacht werden müßte, und so verachteten sie auch das demütige Beispiel des Gekreuzigten. „Hinfort, hinfort! Kreuzige ihn!“ würden sie in wenigen Tagen vor dem Prätorium des Pontius Pilatus im Chor skandierten. An dem Tag schlugen sie die falsche Richtung ein. Die Richtung, welche sie ins Verderben, in die Katastrophe führte. Mit voller Geschwindigkeit rasten sie dahin und haben es nicht bemerkt. Der Herr bestätigt es unter Tränen: „Wenn doch auch du es erkannt hättest, an diesem deinem Tage, was dir zum Frieden dient! Nun aber ist es vor deinen Augen verborgen. … Weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast“ (Lk. 19, 42-44).

Die Zeit der Heimsuchung

„Weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast.“ Vielleicht hätte Er sich noch deutlicher bemerkbar machen müssen? Er hätte noch größere Wunder, noch schönere Predigten, noch schärferes Abrechnen mit seinen Gegnern halten können. – Ja, vielleicht. Was wissen wir schon von Gottes Möglichkeiten. Aber es ist nicht Gottes Stil, sich den Menschen aufzudrängen und sie einfach auf Seinen Weg zu zwingen. Er erwartet von jedem Menschen eine gewisse Wachsamkeit, ein Ausschauhalten nach Gott und nach den Winken Seiner göttlichen Vorsehung. Er erwartet eine Gelehrigkeit des menschlichen Herzens, die sich angesprochen fühlt, wenn Gott spricht. Wo dieses Wachsein, dieses Ausschauhalten nach Gottes Wille fehlt, läßt Er sich übersehen und hält das Unglück nicht auf. – Vielleicht sogar aus Gnade! – Vielleicht hätte Jerusalem einen deutlicheren Wink auch noch ignoriert und wäre damit nur noch schuldiger geworden, und was dann dem Strafgericht über die Stadt in der Ewigkeit gefolgt wäre, läßt sich nicht mehr überblicken. Die Tränen des auf dem Palmesel sitzenden göttlichen Heilandes waren die letzte Warnung – und die deutlichste! Weiter ging der Herr nicht; wer weiß, vielleicht aus Barmherzigkeit.

Uns zur Warnung geschrieben

Nicht nur das Schicksal Israels in der Wüste, sondern auch das Schicksal Jerusalems ist uns, wie der hl. Paulus in der heutigen Epistel sagt „zur Warnung geschrieben“ (1. Kor. 10, 11). Es wurde uns „zur Warnung geschrieben“. Die Heilige Schrift ist nicht zum Lob oder Tadel geschrieben, sondern zur Belehrung, zur Warnung oder zur Ermunterung, je nachdem. Jerusalems Schicksal kann sich wiederholen, und es scheint sich zu wiederholen – an den Völkern und an jedem Einzelschicksal. Gott will das Heil aller Menschen. Jeder ist in gewisser Hinsicht ein „Auserwählter“ und muß sich im „auserwählten Volk“ Gottes vorgebildet bzw. widergespiegelt sehen. Jeder muß seinem Leben in den Stunden der Heimsuchung durch die göttliche Gnade eine Richtung geben. Es gibt dabei der Grundsatz: Die Entscheidung fällt in der Stunde der göttlichen Heimsuchung. Wann sich das Schicksal erfüllt und die Folgen der in der Heimsuchungsstunde getroffenen Entscheidung sich zeigen, kann man nicht im voraus sagen. Bei Jerusalem hat es vierzig Jahre gedauert. Längst war die Kreuzigung dieses Jesus von Nazareth aus dem Gedächtnis der Jerusalemer Bevölkerung gewichen. Vierzig Jahre plätscherte das Leben vergnügt dahin. Die wirtschaftliche Lage und das Wohlleben in der Stadt hatten sich kontinuierlich verbessert. Die Pracht ihrer Bauwerke, vor allem die Herrlichkeit des gerade wiederhergestellten Tempels mit seinem vergoldeten Dach, in dem sich die Sonne spiegelte, war sinnbildlich für den weithin sichtbaren Glanz Jerusalems. Auch das soll uns eine Warnung sein: Sorgloser Wohlstand, Gesundheit und irdisches Wohlergehen sind kein Indiz dafür, daß wir auf den Wegen Gottes wandeln! Denn eines Tages traf die stolze, unbußfertige Stadt ihr Los, und ihr Schicksal wurde besiegelt. Vierzig Jahre nach der verhängnisvollen Weichenstellung.

Deine Wege zeige mir, Herr, und deine Pfade lehre mich!

Die Frage, die sich für uns alle stellt, ist die: Kann man verhindern, daß man auf ein falsches Geleis gerät und dann blindlings einer Katastrophe entgegenrast? Kann man verhindern, daß man das unaufdringliche Werben der Gnade Gottes übersieht? – Hier muß man mit einem entschiedenen „Ja“ antworten. Allerdings muß einem dann wirklich daran gelegen sein, daß man den Willen Gottes nicht nur erkennen, sondern ihn auch erfüllen will. Wer sich zu diesem Standpunkt durchgerungen hat: Gottes Wille und Sein Wille allein ist die entscheidende Norm für mein Leben. Alle meine Wünsche und Neigungen müssen mit Seinem Gesetz in Einklang gebracht werden, müssen sich Seinem Gebot unterordnen – in allen Lebensbereichen, ohne Ausnahme – so jemand ist nicht so leicht in Gefahr, eine Entscheidungsstunde zu verpassen. Außerdem ist das demütige Gebet erforderlich. Wer aufrichtigen Herzens wie der Psalmist betet: „Deine Wege zeige mir, Herr, und deine Pfade lehre mich!“ (Ps. 24, 4), der darf das Vertrauen haben, daß Gott Seinen Willen deutlich genug kundgibt, sodaß auch wir schwerfälligen Menschen es verstehen können. Wer so „eingestellt“ ist, der beherzigt genau das, was der hl. Paulus fordert: „Wer zu stehen glaubt, sehe zu daß er nicht falle“ (1. Kor. 10, 11), der hält wachsam Ausschau nach den Stunden der Heimsuchungen durch die göttliche Gnade.

Vermeidung von falschen Weichenstellungen

Dabei ist es jedoch wichtig, daß erzieherisch schon beim jungen Menschen eine bestimmte Grund-„Einstellung“ zum Leben geweckt und gefestigt wird; nämlich die: daß unser Leben nicht unser Eigentum ist. Es wäre falsch zu fragen: „Wie mache ich mir ein schönes Leben? Wie will ich mein Leben gestalten?“ Statt dessen müssen wir wie ein Verwalter im Interesse des Herrn und Eigentümers fragen: „Was will Er mit meinem Leben? Welche Absichten hat wohl Gott mit mir?“

Wir wissen, daß wir alle in Gefahr sind uns blenden zu lassen vom Glanz dieser Welt, selbstherrlich und selbstgefällig zu werden. Der weinende Christus mahnt uns zur Wachsamkeit, damit nicht über uns einmal gesagt werden muß: „Nun aber ist es verborgen vor deinen Augen“ (Lk. 19, 43). Und es ist heute genau so, als säße unser Herr und Heiland weinend da, während Er Seinen Blick auf unsere Städte richtet. Er weint über die zahllosen Verirrten, die den Weg des Heils verloren haben; die Ihn als Ihren Hirten verschmähen, Ihm nicht folgen wollen; die im Ungehorsam verstockt sind. Er weint über jene, die das Taufgelöbnis zertreten und das milde Joch Seiner Gesetzes abgeschüttelt haben. Er weint über die Schmähungen, die gegen Ihn und die Heiligen ausgestoßen werden. Er weint über den sittlicher Schmutz, der durch die verdorbene Doppelgänger-Kirche des „2. Vatikanums“ über Seine von Ihm gestiftete wahre katholische Kirche, Seine makellose Braut ausgegossen wird. Er weint über die Schande, die dem Amt Seines unfehlbaren Stellvertreters und damit Ihm selbst zugefügt wird, indem das kirchliche Lehramt durch Scheinpäpste zu einer Karikatur herabgewürdigt und vor aller Welt derart unglaubwürdig, ja zum Gespött, gemacht wurde, so daß heute die wenigsten „Katholiken“ an die Unfehlbarkeit der Kirche, an die Makellosigkeit und Heiligkeit ihres Sittengesetzes glauben wollen. Er weint über die öffentliche Schuld der Völker, welche die Rechte und das Lehramt der von ihm gestifteten Kirche längst verworfen haben.

Vernehmen wir die Botschaft des weinenden Christus! Verstehen wir, daß Seine Tränen uns zur Bekehrung drängen! Wir sind aufgerufen eine Tempelreinigung in unserem Herzen durchzuführen. Wie unser Herr am Palmsonntag, so müssen wir heute, solange uns noch Zeit bleibt, alles aus dem Heiligtum unseres Herzens hinausgeschafft werden, was diesen Tempel des Heiligen Geistes entweiht und ihn einer Räuberhöhle gleich macht. Hinaus damit! Erkennen wir, was Er von uns will in dieser, vielleicht in dieser letzten Stunde!

Flehen wir in dieser hl. Messe besonders um die Gnade der Wachsamkeit und Hellhörigkeit dem göttlichen Willen gegenüber, so wie er sich tagtäglich in den Geboten Gottes und der Kirche offenbart und wie wir ihm in der Erfüllung unserer Standespflichten nachkommen. Nehmen wir uns diejenige zum Vorbild, die in keinem Augenblick ihres Lebens den hl. Willen ihres Gottes aus dem Blick verloren hat. Die „Einstellung“ ihres unbefleckten Herzens war stets darauf gerichtet. Deshalb sind sie fest und ist niemals gefallen (1. Kor. 10, 11). Stets hat sie, die Jungfrau und zugleich Mutter war, in treuer Pflichterfüllung ihr einmal gegebenes „Fiat“ stets erneuert und treu durchgehalten. „Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach deinem Wort“ (Lk. 1, 38). Das war die Weichenstellung im Leben der allerseligsten Jungfrau Maria. Wohin sie diese Weichenstellung getragen hat, das dürfen wir in diesem Monat am Fest Mariä Himmelfahrt feiern. Bitten wir Maria, daß auch wir in den für unser ewiges Heil entscheidenden Augenblicken, wie sie sprechen dürfen: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach deinem Wort.“ Amen.