2. Sonntag nach Erscheinung

Der Wein von Kana

Geliebte Gottes!

Unser Herr Jesus Christus hat bei der Hochzeit von Kana Sein erstes Wunder gewirkt. Er hat die Gelegenheit einer Hochzeit gewählt, um seine Gottheit unter Beweis zu stellen, denn wer sonst als der Schöpfer aller Dinge selbst könnte durch seinen bloßen Willen die Substanz des Wassers in die Substanz des Weines verwandeln bzw. umschaffen? Doch war es nicht nur Seine Absicht, durch dieses große Wunder die ersten Apostel zum Glauben an Seine Gottheit zu bewegen, sondern auch etwas fundamental Wichtiges über die Ehe zu offenbaren. Christus wollte durch dieses Wunder zeigen, wie die Brautleute in ihrer Ehe glücklich werden können. Er wollte uns also das Geheimnis des Eheglücks offenlegen, ein Geheimnis, das die wenigsten kennen. 

Der erste Wein – die erste Liebe

Hierzu müssen wir uns zunächst den Aufbau des Wunders von Kana genauer anschauen. Bei dieser Hochzeit können wir drei Stationen unterscheiden. Die erste ist gekennzeichnet durch den Wein, welchen die Brautleute selbst für ihr Fest vorbereitet hatten, um ihnen den Gästen zu servieren. – Der Wein wird in den Schriften des Alten Bundes mehrmals als ein Bild für die Liebe gebraucht. Im Hohelied König Salomons heißte es: „Köstlicher als Wein ist deine Liebe“ (Hl. 1, 2). Wein trinkt man nur zu besonderen Anlässen, um die Festlichkeit des Augenblickes zu betonen. „Der Wein erfreut des Menschen Herz“ (Ps. 103, 16), singt König David. So ist auch die erste Liebe der Brautleute freudvoll wie Wein. Sie freuen sich darüber, einander gefunden zu haben und nun einander ganz zu gehören. Sie sprechen zueinander: „Ich werde dich stets hochhalten und dich schätzen.“ „Du wirst immer etwas ganz besonderes für mich sein.“ So können wir berechtigterweise die erste Liebe eines jeden Brautpaares zueinander in dem ersten Wein auf der Hochzeit von Kana sinnbildlich dargestellt sehen. – Doch ist es nicht eine geheime Sorge aller Liebenden, daß diese erste Liebe sich schneller erschöpft als man denkt? Insbesondere dann, wenn man sich schon vor der Hochzeit aneinander berauscht und den Freudenbecher leert, der eigentlich erst für das Fest bestimmt ist? – Die Hochzeit zu Kana nahm ihren Lauf, die Gäste waren fröhlich und heiter. Alle waren erfüllt von der Hoffnung, daß diese Ehe eine glückliche sein werde. Am deutlichsten zeigte sich diese Freude zweifelsohne in den Gesichtern des Brautpaares.

Wasser – Der Alltag

Doch da kam auch schon die zweite Station. Die Diener treten an den Bräutigam heran, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Auf einmal ändert sich der Ausdruck im Gesicht der Brautleute. Betretene Blicke sind es, die sie jetzt einander zuwerfen. Das schlägt sich schnell auch auf die Stimmung im ganzen Festsaal nieder. Besorgnis, Ratlosigkeit, Enttäuschung, Getuschel in den Reihen der Gäste: „Sie haben keinen Wein mehr. Der Wein ist ihnen ausgegangen.“ – Man könnte es fast schon als Ironie bezeichnen, daß ausgerechnet auf dieser Hochzeit, die Christus mit Seinem Besuch beehrt, schon bei der Feier selbst das geschah, was in manchen Ehen erst später einsetzt: Die erste Liebe scheint zu verschwinden, die Freude übereinander, der Rausch der Leidenschaft, die Süßigkeit der Verliebtheit sind dahin. Man gewöhnt sich aneinander. Die zuvorkommende Aufmerksamkeit läßt nach. Man ist sich so nahe, daß man nicht nur die schönen Seiten des anderen Gatten bewundert, sondern auch seiner Fehler und Schwächen gewahr wird, an denen man sich stört, sich reibt und stößt. Die Gefühle verschwinden und machen dem Alltag Platz. Ob diese erste Liebe nur zugedeckt oder ganz erloschen ist? Tatsache ist, daß man schneller als gedacht beim simplen Alltag angelangt ist. – Mit einem Mal ist nur noch Wasser da. Wasser ist das Getränk für den Alltag. Es ist lebensnotwendig und wichtig; aber es ist durchsichtig, fade und ohne Geschmack, vielleicht bisweilen abgestanden und ohne jede Spritzigkeit. Damit läßt sich schlecht Hochzeit feiern. Oder stellen Sie sich vor, Sie wären zu einer Hochzeit geladen und das frischvermählte Brautpaar würden Ihnen beim Hochzeitsmahl nur Mineralwasser auftischen. Was würden Sie beim Heimgehen sagen oder wenigstens bei sich denken? Wasser, das paßt nicht zu dem feierlichen Versprechen: „Du wirst für mich immer etwas besonderes sein. Du bist der Mensch mit dem ich durchs Leben gehen will. Mit dir möchte ich eine Familie gründen, denn du machst mein Leben schön.“ Aber wir Menschen sind eben aufgrund unserer Schwächen und Fehler aus eigener Kraft nicht dazu in der Lage, ein Leben lang den Festwein der Freude zu kredenzen, sondern sind allzu schnell beim Wasser angelangt. Wie auf der Hochzeit von Kana gibt es dann auch bei uns betretene Gesichter. Es wird getuschelt im Freundes- und Bekanntenkreis. Man spricht vom Liebesaus. Trennungsgerüchte machen die Runde, vielleicht sogar gepaart eine heimlichen Schadenfreude: „Schaut, die sind so fromm und doch ist es bei ihnen nicht anderes gekommen als bei uns, die wir nicht an Gott glauben und nicht zur Kirche gehen.“

Weltliche Perspektive – Ende der Hochzeit

Die meisten Menschen – auch viele Katholiken – bleiben hier, bei der zweiten Station, in ihrer Auffassung von Liebe und Ehe stehen. Ernüchtert kommt man zu der Erkenntnis: Also gut, die Liebe ist weg. Wir haben den Geschmack aneinander verloren. Es ist nur noch fades Wasser da. Dann suche ich mir eben jemand neuen. Neue Liebe, neuer Wein, neues Glück, das hält dann wieder für eine Zeit. Diese Ernüchterung ist der Grund, warum heute so viele Ehen, wenn sie denn überhaupt noch vor Gott geschlossen werden, gegen Gottes Willen wieder geschieden werden. Von dieser zweiten Stufe kommt der Pessimismus, der viele sogenannte „Partnerschaften“ nie zur Ehe werden läßt. Viele junge Menschen heiraten heute nicht mehr und leben gegen Gottes Gebot in „eheähnlichen Verbindungen“, also in wilder Ehe zusammen, weil sie den Mut verloren haben, daß die Ehe hält, daß die Liebe dauert, daß ihnen der Wein nicht ausgeht. Auch erklärt das den häufigen Wechsel der „Partner“. Wenn man auf der Stufe des bloßen Alltags angekommen ist, bietet sich weltlich eingestellten Menschen keine Perspektive mehr, die sie an ein Weiterleben der Liebe glauben läßt. Zu oft hat man es schon gesehen – im Freundeskreis, in der Verwandtschaft oder gar in der eigenen Familie –, daß der Wein der ersten Liebe ausgegangen ist und damit überhaupt die Liebe zu Ende, ja gestorben ist. 

Der neue Wein – die Liebe Christi

In einer christlichen Ehe soll und darf es nicht so sein! Die katholischen Eheleute, die daran glauben und davon überzeugt sind, daß die Ehe ein unauflöslicher Bund, ja ein heiliges Sakrament ist, wollen die Hochzeit von Kana vollständig und ihr ganzes Leben lang feiern. Sie wollen eine christliche Ehe vor dem Angesicht Gottes schließen. Sie wollen wie das Brautpaar von damals Maria und Jesus auf ihre Hochzeit einladen. Maria und Jesus sollen die Ehrengäste ihrer Ehe sein. Im Evangelium haben wir gehört, daß Maria zugegen war. „Die Mutter Jesu war dabei“ (Joh. 2, 1). Und mit ihrer feinsehenden Liebe hat sie das Problem der Eheleute erkannt, noch ehe sie selbst es bemerkten, nämlich daß die bloß menschliche Liebe zu schwach und kurzlebig ist. Maria weiß aber auch, daß das Herz des Menschen dazu geschaffen ist, um zu lieben und geliebt zu werden. Und so geht sie zu Jesus und spricht zu ihm von der Not der Brautleute. Jesus weist seine Mutter hierauf nicht etwa ab, wie man aus den Worten herauszuhören meint, sondern deutet darauf hin, daß Seine Stunde noch nicht gekommen ist. Mit „Seiner Stunde“ meint Er Sein Opfer am Kreuz, wo aus Seinem geöffneten Herzen Seine eigene Braut geboren würde, nämlich die heilige Kirche. Die Stunde Seiner eigenen Hochzeit war noch nicht gekommen, aber den Festwein von Seiner Hochzeit, d.h. die sakramentalen Gnaden, die er in seiner Passion am Kreuz verdient hat; diesen Festwein, den will Er bereits jetzt schenken. Er befiehlt, sechs steinerne Krüge bis an den Rand mit Wasser zu füllen. Dann läßt Er davon dem Speisemeister bringen. Dieser ist zwar ein Weinkenner, der gewöhnlich schnell die Herkunft eines jeden Weines feststellen kann. Hier aber kann selbst der Fachmann das zu Wein gewordene Wasser nicht zuordnen. „Württemberger? Bordeaux? oder Pfälzer?“ fragt er sich. Weder noch! Es ist ein neuer, noch nie dagewesener Wein, der selbst dem bewanderten Sommelier gänzlich unbekannt ist. Es ist eben ein wundersamer, übernatürlicher Wein, den Christus stiftet, eine wundersame, gnadenhafte und übernatürliche Liebe, die von Seiner eigenen himmlischen Hochzeit stammt, von der Hochzeit des Lammes, die der hl. Johannes auf Patmos schauen durfte und uns davon in seiner Geheimen Offenbarung berichtet (vgl. Offb. 19, 7). 

Auf der Hochzeit zu Kana standen sechs große Steinkrüge bereit. Jeder der Krüge faßte zwei bis drei Maß, wobei ein jüdisches Maß ungefähr 35 Liter betrug. Insgesamt also ca. 600 Liter! Eine gewaltige Menge Wein also! – Aber nicht nur die Menge ist erstaunlich, sondern vor allem die Qualität. Der Speisemeister rief deshalb eigens den Bräutigam herbei, um ihn darauf hinzuweisen, daß dieser neue Wein viel besser sei als der erste! Wenn der erste Wein die rein natürliche, menschliche Liebe versinnbildet, dann ist der neue Wein von Kana ein Bild für die Wirkungen der Gnade, welche das Ehesakrament den Gatten spendet. Das Ehesakrament liefert diesen schier unerschöpflichen Vorrat der Liebe Christi in Form von übernatürlicher Gnade, der den Brautleuten eine bessere, eine heiligere, gereinigte, geläuterte Liebe zueinander schenkt und ihrem Bund Beständigkeit verleiht.

Nun wird dieser geheimnisvolle Wein dem Brautpaar und den Hochzeitsgästen vorgesetzt. Die Gesichter strahlen wieder, die Enttäuschung ist vergessen. Mit neuer Freude und Erleichterung wird die Hochzeit fortgesetzt und der große Vorrat an Wein gibt dem jungen Ehepaar das Vertrauen, daß ihre Liebe aufgrund der Gnade des Ehesakramentes niemals aufhören wird! Und was für eine Liebe! Der erste Wein war ein Ausdruck der ersten Liebe. Der neue Wein, den Jesus durch das Sakrament der Ehe gibt, ist besser als der erste. Das ist ein großes Versprechen an jedes Ehepaar. Nämlich, daß Christus den Eheleuten durch das Ehesakrament eine Liebe füreinander ins Herz geben wird, die noch schöner, feiner, seriöser und solider ist als die erste Liebe! „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen, durch den Heiligen Geist!“ (Röm. 5, 5) sagt der hl. Paulus. Und das ist in Hülle und Fülle geschehen! Soviel daß sie ein Leben lang reicht. Wie der hl. Augustinus scharfsinnig zu dem großen Weinvorrat des Hochzeitspaares von Kana bemerkt: „Und sie, die Brautleute, trinken davon bis heute.“ Bis heute! Bis auf den heutigen Tag und bis zum Ende der Welt zehrt jedes Ehepaar von dem Hochzeitsgeschenk Christi, dem übernatürlichen Festwein von Kana.

Pflichttreue & Glaube & Christusverbundenheit

Wir sehen also, daß die christliche Ehe einen viel größeren Reichtum besitzt als eine Ehe im Sinne der Welt. Die Welt kennt nämlich aufgrund ihrer Gottvergessenheit diese dritte Stufe nicht. Jedes Ehepaar bekam oder bekommt durch den Empfang des Ehesakramentes die 600 Liter übernatürlichen Gnadenweines von der bessern Liebe Christi frei Haus, aber das Verkosten, das Genießen dieser besseren Liebe kostet etwas. Die Gatten müßt etwas dazu tun. Nun, was ist das, was von den Ehegatten gefordert ist? Schauen wir noch einmal, was zu dem Wunder von Kana beigetragen hat. Da ist zunächst die Gottesmutter. Maria steht ganz am Anfang. Sie hat das Wunder durch ihre Fürbitte veranlaßt. Deshalb müssen alle Ehegatten Maria zu ihrer Lebenshochzeit einladen. Nicht nur heute, sondern von heute an, ihr ganzes Leben lang. Denn auch das sei gesagt. Die Hochzeit endet ja nicht, wenn die letzten Gäste gegangen sind, sondern sie soll anhalten bis zum Tod. So wie ja auch die Priesterweihe einen Anfang markiert und vom Neupriester verlangt, ab sofort immer mehr das empfangene Sakrament zu lebt, immer mehr Christus, dem Priester und Opferlamm ähnlich zu werden und sich darin zu heiligen, so verhält es sich auch mit der Ehe. Die Eheleute müssen kraft des übernatürlichen Weines von Kana täglich mehr ein Abbild der Liebe Christi zu Seiner Kirche und der Liebe der Kirche zu ihrem göttlichen Bräutigam werden. Damit das gelingen kann, muß wie gesagt Maria geladen werden. Maria kommt nämlich nie alleine, sondern hat stets den allmächtigen Gottessohn bei sich. Jesus will gebeten werden. Und am liebsten läßt Er sich von Seiner Mutter Maria bitten. Durch das tägliche Beten des Rosenkranzes der Eheleute wird Maria geladen. Und Maria wird durch ihre Fürsprache bei Jesus dafür sorgen, daß der Wein ihrer ehelichen Liebe nie ausgehen wird.

Maria wird dann auch denselben Einfluß auf die Ehegatten ausüben können, den sie damals auf die Diener nahm. Die Diener zeigen uns nämlich die zweite Bedingung an, welche für eine glückliche Ehe erfüllt werden muß: Maria sagte zu ihnen: „Was Er euch sagt, das tut!“ (Joh. 2, 5) – Und was gebietet ihnen Jesus? „Füllt die Krüge mit Wasser“ (Joh. 2, 7)– D.h.: Erfüllt gewissenhaft eure alltäglichen Pflichten. Das Wasser des Alltags muß sein. Es wird sogar unbedingt benötigt, damit es in Wein verwandelt werden kann. Und die gehorsamen Diener hören auf Maria und tun, was ihnen Christus befohlen hat. Auch die Eheleute müssen den Geboten Gottes gehorchen, wenn sie Segen ernten wollen. Sie müssen dafür hart arbeiten, sich etwas versagen und treu sein. Sie müssen ihre Pflichten erfüllen. Ja, erfüllen! Also die Wasserkrüge voll machen. Ein Ausleger geht so weit zu behaupten, Jesus hätte das Wunder von Kana nicht gewirkt, wenn die Anstrengung der mühsamen, alltäglichen Pflichterfüllung seitens der Diener nicht zur Gänze erbracht worden wäre. Wenn die Diener zwar die Krüge gefüllt, aber nicht randvoll gemacht hätten, wenn sie also nicht vollen Einsatz gezeigt hätten, dann wäre das zu wenig gewesen, um den Gnadenwein von Kana zu genießen. Auch in der Ehe ist es nicht anders. Die täglich geforderte Rücksichtnahme, Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung ist harte, eintönige, fade Arbeit – Alltagswasser eben. Aber allein die demütige, geduldige und selbstlose Pflichterfüllung zieht das Wohlgefallen Gottes und Seine Wundermacht auf ein Ehepaar herab. Jesus wird also das Wunder der Weinvermehrung im ehelichen Leben nur dann wirken können, wenn die Gatten Wasser schöpfen geht, wenn sie die alltäglichen Pflichten treu, gewissenhaft und im Gehorsam gegen Gottes Gebote erfüllen und nicht saumselig, gleichgültig, egoistisch, opferscheu und genießerisch, auf die Gebote Gottes vergessend, ein rein diesseitiges Glück in der Zweisamkeit suchen.

Schließlich noch die dritte und letzte Bedingung, die den Wunderwein der Liebe in der Ehe erst wirksam werden läßt: Es ist der Glaube. Auch hier sind uns die Diener ein Vorbild. Sie haben die Krüge mit Wasser gefüllt und erhalten von Jesus dann den Auftrag, davon ihrem Vorgesetzten, dem Speisemeister, zu bringen. Bloßes Wasser einem heiklen Weinkenner zum Probieren vorzusetzen mag einem rein irdisch gesinnten Menschen als eine freche Herausforderung erscheinen, ja als blanker Hohn. Die Diener hätten sagen können: Wir blamieren uns. Der Speisemeister wird meinen, daß wir uns über ihn lustig machen wollen. Er wird uns dafür tadeln. Er wird uns strafen, wenn nicht sogar entlassen. Das ist doch Wahnsinn! Aber nein, im Glauben führen sie den Befehl Jesu aus. Nur aus dem einen Grund: Weil Jesus es gesagt hat. Gläubig gehen die Diener hin, und unter ihren Händen vollzieht sich das Wunder! So wird es in jeder Ehe geschehen. Das Ehesakrament wirkt ganz unscheinbar. Es wirkt im Glauben und Vertrauen auf die übernatürliche Gnade unter den Händen der Eheleute. Das Wasser des Alltags wird sich in den Wein der geistigen Freude verwandeln.

Zusammenfassend bedarf es also einer echten Marienverehrung, der treuen, selbstlosen Erfüllung der täglichen Standespflichten und des lebendigen Glaubens an die Gnade des Ehesakramentes, damit der Wein von Kana, den jedes Ehepaar an seinen persönlichen Hochzeitstag von Christus geschenkt bekommen hat, auch in ihrem Leben unaufhörlich sprudeln wird. Der Wein, der übernatürlichen Liebe Gottes, „die ausgegossen ist in unsere Herzen, durch den Heiligen Geist“ (Röm. 5, 5). Amen.

Fest der Heiligen Familie

Der Verlust, die Suche und das Finden Jesu

Geliebte Gottes!

Wenn es auch nur eine fromme Überlieferung sein soll, daß der hl. Evangelist Lukas sich neben der Kunst des Heilens auch auf die Kunst des Malens verstanden habe und mehrere Ikonen Jesu und Mariens gemalt haben soll, so ist es vollkommen gewiß, daß er mit Tinte und Feder gestochen scharfe Bilder über die Kindheit und Jugend des göttlichen Erlösers in seinem Evangelium verfertigt hat: die Botschaft des Erzengels an die Jungfrau Maria, die Heimsuchung bei der Base Elisabeth, die wunderbare Geburt in Bethlehem und die Beschneidung und die Darstellung Jesu im Tempel. Das letzte vom Heiligen Geist inspirierte Meisterwerke, das uns einen Einblick in das verborgene Leben des Erlösers gewährt, wird uns im heutigen Evangelium enthüllt. – Wir finden den inzwischen zwölfjährigen Jesusknaben im Tempel zusammen mit seinen heiligen und frommen Eltern. Mit der Vollendung des zwölften Lebensjahres war jeder männliche Israelit zum Halten des Gesetzes verpflichtet. Neben den Geboten bzgl. des Fastens und der rituellen Reinigungsvorschriften waren fortan auch die dreimaligen Wallfahrten nach Jerusalem zu den höchsten Festen des Jahres einzuhalten. Wir wissen nicht, ob Jesus seit Seiner Rückkehr aus dem ägyptischen Exil schon öfters zuvor, etwa auf den Schultern des hl. Joseph sitzend, nach Jerusalem gewallfahrtet war oder ob uns der hl. Lukas von Seinem ersten Besuch im Tempel seit Seiner Darstellung als neugeborenes Kind berichtet. Das zu wissen ist, von geringer Bedeutung. Was jedoch unser Nachdenken in Anspruch nehmen sollte ist, wie es geschehen konnte, daß Jesu Eltern Ihn verloren haben. Wie konnte das geschehen? Und was sollte dieser Verlust bedeuten?

Der Verlust 

Wie es dazu kommen konnte, daß Maria und Joseph das Jesuskind aus den Augen verloren haben, läßt sich dadurch erklären, daß sich zu den drei Hochfesten in den engen Gassen von Jerusalem ungeheure Menschenmengen bewegten, so daß es schon schwierig war zusammen zu bleiben, selbst wenn man sich an den Händen hielt. Eine Wallfahrtskarawane, von denen sich in diesen Tagen sehr viele in der Stadt aufhielten, bestand aus mehreren hundert Personen. Außerdem war es üblich, daß die Männer und Frauen einer Wallfahrtsgruppe getrennt voneinander zogen. Wohl ging Maria davon aus, daß Jesus zusammen mit dem hl. Joseph bei den Männern sei, während der hl. Joseph davon ausging, der Heiland wäre bei Seiner Mutter, wie es für Kinder in Seinem Alter durchaus noch schicklich war. So ist es verständlich, daß Maria und Joseph erst am Abend des ersten Rückreisetages bemerken konnten, daß Jesus irgendwo in Jerusalem zurückgeblieben sein mußte.

Der Verlust des Jesusknaben ist ein Bild für den geistigen Verlust eines Menschen, der Jesus verliert. Jesus verliert man durch den Verlust des Glaubens an Seine göttliche Natur, an Seine Lehre und Seine Erlösung. Man verliert Jesus durch den Verlust des Glaubens an die Notwendigkeit der Gnade, die wir durch den Empfang der hll. Sakramente vermittelt bekommen und derer wir bedürfen, um wohlgefällig vor Gott leben zu können. Dem Verlust des Jesusknaben gleich kommt auch der „tote Glaube“, der in der Sünde erschlaffte Glaube, welcher keine Werke der Gottes- und Nächstenliebe hervorbringt. Das geschieht, wenn der Mensch damit aufhört, seinen Willen, aller Versuchungen und Anfechtungen zu Trotz, mit dem göttlichen Willen verbunden zu halten. Wenn der Mensch auf den geschäftigen Straßen des Lebens Gottes Hand im Gedränge des Alltags losläßt. Die Geschäftigkeit unseres Lebens ähnelt ja dem Gewusel auf Jerusalems Straßen. Um darin nicht die Orientierung zu verlieren, muß man wenigstens seinen Blick auf Vorbilder wie die Gottesmutter oder den hl. Joseph gerichtet halten, damit man nicht einfach von der Masse in eine Richtung mitgerissen wird, in die man anfänglich eigentlich gar nicht wollte. Das Abkommen vom Weg der Gebote, welcher uns zurück zum Himmel führt, ereignet sich anfänglich ja schleichend und ist meistens zuerst mit der Unaufmerksamkeit verbunden. Fest müssen wir unsere Augen auf Jesus gerichtet halten, fest Seine Hand, die er uns in Form des katholischen Glaubens entgegenhält ergreifen und Ihm in Liebe nachfolgen. 

Die Größe des Verlustes

Jesus zu verlieren bedeutet für einen Menschen den größten Verlust. Ihn verlieren ist das Schrecklichste, was jedem Einzelnen von uns und auch jeder Familie insgesamt widerfahren kann. Warum das so ist, ergibt sich aus dem, was unser göttlicher Erlöser von Sich erklärt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh. 14, 6). Erwägen wir kurz, was Sein Verlust bedeutet. Mit Jesus verloren wird „der Weg“. Der Weg zum Frieden und zum Glück hier auf Erden und im Leben nach dem Tod. Was bleibt von alledem, was dem Menschen Anlaß gibt, „den Weg“ zu verlassen? Was bleibt von dem, wovon sich der Mensch auf Abwege locken, ziehen, schieben oder stoßen läßt? – Es bleiben Staub und Asche! Unserem Leib bleibt ein Grab. Im Gedächtnis der Menschen bleibt uns die Vergessenheit. Unserer Seele bleibt ein schlechtes Gewissen, anhand dem wir in der Todesstunde gerichtet werden. Was bleibt, ist ein Urteil, das einmündet in eine Ewigkeit die keinen „Aus-Weg“ kennt! Wenn wir uns hingegen Jesus anschließen, mit Ihm „dem Weg“ im Glauben, im Bekenntnis und durch den Gnadenstand verbunden bleiben, was könnte uns dann Freude und Frieden rauben?

Wer Jesus verliert, dem geht nicht nur der rechte Weg verloren, sondern auch „die Wahrheit“. Wir brauchen uns nur umzuschauen, welche neuheidnischen Greueltaten sich in unseren Tagen ereignen. Die Sexualisierung von Kindesbeinen an. Voreheliche und außereheliche Unzucht. Ehebruch. Widernatürliche Unzucht und „Genderismus“. Wie sehr werden doch Kinder und Jugendliche, aber auch die älteren Semester angelogen, als sei dies alles „ganz normal“. Das sind die neuen Lügendogmen, welche inzwischen das religiöse Vakuum unserer Zeitgenossen ausgefüllt haben. Etwa die barbarischen Verbrechen an ungeborenen Kindern. Ein ungeborenes Kind sei ja noch gar kein Mensch, sagt man. Doch das ist eine Lüge! Eine Lüge, die den armen ungeborenen Kindern die Möglichkeit verwehrt, mittels der Taufe in das ewige Leben einzugehen. Hier tritt offen zutage, in welche Abgründe der Verlust „der Wahrheit“ führen kann. – Man käme an kein Ende, wollten wir alle Lügen und Irrlichter aufzählen. Ihre gewaltige Masse und der Stellenwert, den die Lügen in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft eingenommen hat, zeigt nur an, wie reißend der Strom des Zeitgeistes, der sog. „Mainstream“, inzwischen geworden ist. Er zerrt mit seiner meinungsdiktierenden Kraft auch an uns, um uns von „der Wahrheit“, die Christus ist, loszureißen. Obwohl die faulen Früchte der „freizügigen Gesellschaft“ ohne Gott und ohne Moral immer offensichtlicher werden, ist doch keine Besserung in Sicht und auch keine Besserung zu erwarten. Warum? Weil mit der Zurückweisung der Wahrheit auch die Möglichkeit der Einsicht und damit zur Besserung verlorengegangen ist. Der hl. Paulus belehrt uns im 2. Thessalonicherbrief, daß der große Abfall am Ende der Zeiten an einer Ursache festzumachen sein wird: „Weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, um gerettet zu werden. Deshalb wird Gott den Trug auf sie wirken lassen, daß sie der Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, welche der Wahrheit nicht geglaubt, sondern der Ungerechtigkeit Beifall geschenkt haben“ (2. Thess. 2, 10-12). In dem Maß als in der Welt die Liebe zur Wahrheit schwindet, wird das Elend, nicht nur das seelische, geistige und geistliche, sondern auch das materielle Elend zunehmen.

Ganz klar ergibt sich aus dem Verlust „des Wegs“ und „der Wahrheit“ auch der Verlust Jesu, der „das Leben“ des Menschen ist. Unser Herr ist der Gottmensch. In Ihm findest sich die Unermeßlichkeit des göttlichen Lebens (Joh. 1, 4). Daher ist Er die Quelle der Gnade und des Lebens. Ohne Ihn, ohne den die Seelen belebenden Schöpferhauch Seiner Gnade tritt sittliche Fäulnis und der Tod der Seele ein, welcher notwendigerweise in den ewigen Tod der Verdammnis ausmündet. Diese Erwägungen verdeutlichen uns, was es bedeutet, Jesus im Getriebe dieser Welt zu verlieren. Jesus verloren, alles verloren! Denn Er ist „der Weg, die Wahrheit und das Leben.“

Die Suche 

Um Jesus zu finden, muß man Ihn suchen. Anhand des Beispiels der Suche nach dem zwölfjährigen Jesusknaben durch die Gottesmutter und den hl. Joseph wird uns gezeigt, daß diese Suche dem Menschen – selbst den heiligsten – große Entbehrungen abverlangt. Selbst innerhalb der Heiligen Familie, selbst zwischen den unschuldigsten Seelen gab es Situationen, die nicht geklärt werden konnten. „Doch sie verstanden das Wort nicht, das Er zu ihnen sagte“ (Lk. 2, 50). Auch die Heiligsten haben aneinander Schmerzhaftes zu ertragen. Mißverständnisse und Unverstandenes bereiten der Seele großen Schmerz. Die Gottesmutter hatte es offen ausgesprochen: „Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht“ (Lk. 2, 48).

Man muß nicht erst selbst den Verlust eines Kindes erlebt haben, um zu wissen, daß das heilige Paar schreckliche und angstvolle Stunden der Suche durchgemacht hatten. Alle vorherigen Opfer, die der Heiligen Familie in keiner geringen Zahl abverlangt wurden, etwa die Reise nach Bethlehem, die Geburt im kalten Stall, die Flucht nach Ägypten; all diese Widerwärtigkeiten waren leichter für das heilige Paar zu tragen, als dieses dreitägige Opfer des Verlustes. Denn bei all den vorherigen hatte sie ihr Kind, ihren Jesusihren Gott bei sich. Spätestens seit der Weissagung des greisen Simeon mußte es die Gottesmutter stets im Hinterkopf haben, daß sie eines Tages ihr Kind an den Tod verlieren würde. „Auch deine eigene Seele wird ein Schwert durchdringen“ (Lk. 2, 35). Ist es jetzt schon soweit? Werden sie Ihn jetzt schon töten? Welch schreckliche Ängste müssen das unbefleckte Herz in diesen Tagen umfangen haben. – Wir selbst wissen, wie lang eine Stunde bangen Wartens oder angstvoller Suche sein kann. Wie unvorstellbar lang müssen diese drei Tage für die Gottesmutter und den hl. Joseph gewesen sein? Die Prüfung der Gottverlassenheit, wie sie sich ja auch im geistlichen Leben in der „Nacht der Sinne“ und in „der Nacht des Geistes“ ereignet, ist gerade für gottverbundene Seelen der größte Schmerz. „Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht“ (Lk. 2, 48).

Auch die Menschen suchen unermüdlich. Auch sie suchen mit Schmerzen. Doch leider suchen sie das Heil dort, wo es nicht zu finden ist. Statt zur sprudelnden Quelle des Heiles zu gehen, graben sie sich Zisternen, die das Wasser nicht halten können. Sie suchen nach Reichtümern. Wenn auch nicht alle ausziehen, um einen großen Goldschatz zu gewinnen, so verlangt doch jeden nach einem gesicherten Wohlstand, nach einer zunehmenden Verbesserung der Verhältnisse in Wohnen, Kleidung, Auto und Urlaub. Die Arbeit, der Fleiß und der persönliche Einsatz gehören sehr wohl zu den Pflichten eines jeden Christen. Und sich am Lohn der Arbeit zu erfreuen ist nichts Verwerfliches. Aber sich darum ängstlich Sorgen zu machen, die Furcht vor dem Verlust dieser Güter gebiert den Schmerz, welchen die dornige Suche nach den materiellen Gütern mit sich bringt. – Auch die Suche nach Ruhm, Ehre und Anerkennung ist reich an Schmerzen. Nie zufrieden, ist dem Ehrgeizigen allein der Gipfel gut genug. Nur von dort kann man alle anderen überragen. Also: „Steil hinauf und stets nach vorne!“ Oder wenigstens nach dem Motto leben: „Wo wir sind, ist vorne!“ – Auch diese Suche gebiert den Schmerz. Den Schmerz des ständigen Vergleichens mit anderen Menschen, der in jedem einen Konkurrenten sehen läßt und das eigene Herz stets rast- und ruhelos sein läßt. Den inneren Zwang, den anderen immer eine Nasenlänge voraus sein zu müssen. – Die dritte Zisterne einer fehlgeleiteten Suche nach Glück und Heil ist die Sinnlichkeit. Auch der Rausch der Sinne trägt in sich den Stachel des Schmerzes. Das Vergnügen wird schal. Es muß immer weiter gesteigert werden. Es erregt Überdruck, zerstört die Selbstachtung und nicht selten die Gesundheit. Auch die leichtlebigen Menschen im Sinnestaumel suchen „mit Schmerzen“. Denn auch sie kommen zur Ernüchterung, wie einst König Salomon und müssen mit ihm bekennen: „O Eitelkeit der Eitelkeiten. Alles ist eitel!“ (Pred. 1, 1). „Nichts von dem, was meine Augen verlangten, versagte ich ihnen; und ich wehrte meinem Herzen nichts, jede Lust zu genießen und sich zu freuen an dem was ich herbeigeschafft hatte … Als ich aber alle Werke überschaute, … sah ich in allen Eitelkeit und Geistesplage, und daß nichts von Dauer sei unter der Sonne“ (Pred. 2, 10 f.).

Die erklärte Gottlosigkeit ist schließlich die vierte Zisterne. Tief ist sie und staubtrocken. Der Sturz in dieselbe zerreißt das Herz des Menschen. Jene großen Geister, welche in ihrer glaubenslosen Philosophie meinen, endlich den Weg zur Welterklärung gefunden zu haben, um die lästigen „Fesseln der Religion“ abstreifen zu können, suchen mit unsäglichen Schmerze. Gottlose Philosophen und Wissenschaftler sind allesamt gequälte Seelen. Voll luziferischem Haß gegen Gott und die Kirche, sich absolute Freiheit anmaßend, stürzen sie doch in den Schmerz der Leere. Hochmütig blicken sie zur Sonne auf und werden geblendet. Sie scheinen um die Wahrheit zu ringen und finden doch nie festen Halt. So haben auch sie Schmerzen, wie sie König Salomon beschreibt: „Da wandte ich meinen Blick darauf, Weisheit, Irrtum und Torheit zu betrachten. … Und so sprach ich in meinem Herzen: Wenn mein und des Toren Endgeschick gleich ist, was nützt es mir da, größere Mühe auf die Weisheit zu verwenden? … Es stirbt der Weise wie der Tor dahin. Darum ward ich des Lebens überdrüssig, da ich sah, daß alles unter der Sonne unvollkommen, und alles Eitelkeit und Geistesplage sei“ (Pred. 2, 15.16). Immerfort findet der Mensch den Schmerz in dieser Welt, bis er bereit ist im Licht des Glaubens einzusehen: Allein in Christus ist wahres, d.h. erfüllendes, beständiges und unverlierbares Heil zu suchen, weil es nur in Ihm zu finden ist.

In Christus findet der Mensch das Heil für seinen menschlichen Verstand. Er findet die Wahrheit. Sie ist ihm verbürgt durch Gottes Heiligkeit und Gottes Allwissenheit. Gott weiß alles. Er kann sich nicht irren und uns nicht in die Irre führen. Christus offenbart uns die Wahrheit Gottes in einem Maß, die den geschaffenen Verstand, obwohl sie ihn unendlich übersteigt, doch erfüllt und zufriedenstellt. Sie macht Ursache, Sinn und Zweck der Welt, dieses Lebens und der übernatürlichen Gnadenwelt soweit als möglich und vor allem ohne Widersprüche verständlich. Die ewigen Wahrheiten spenden Trost, weil sie die Kraft haben, uns über jeden materiellen Verlust hinweghelfen zu können, indem sie unseren Blick auf eine ewige Glückseligkeit erheben, wo alle Tränen getrocknet sein werden, wo es keinen Tod, keinen Jammer und keinen Schmerz mehr geben wird. Christus schenkt uns wahren Reichtum, nämlich die geistigen Güter der Gnade, der eingegossenen Tugenden, der Gaben des Heiligen Geistes und Seine begehrenswerten Früchte, die da sind: Liebe, Friede, Freude, Langmut, Geduld, Güte, Freundlichkeit, Sanftmut, Treue, Bescheidenheit, Mäßigkeit, Keuschheit. Aus dem Besitz dieser übernatürlichen Güter erwächst unfehlbar die unvergängliche Ehre der Heiligen, deren Gedächtnis in Ewigkeit besteht. Unfehlbar erwächst daraus auch der Genuß der ewigen Glückseligkeit, die nicht nur alle sinnlichen Freuden in unendlichem Maße übertrifft, sondern vor allem das Verlangen unseres unruhiges Herz stillt und in Gott zur Ruhe kommt.

Freilich bleibt auch auf dieser Suche niemandem der Schmerz erspart. Den Eigenwillen und die Eigenliebe zu überwinden, ja manchmal auch zu unterdrücken; nicht nur einmal, sondern immer, ist ein mühevolles Geschäft. Der Lebensernst, die Abtötung und Bußübungen werden, selbst wenn man ihre Notwendigkeit erkannt hat, nie ein Vergnügen sein. Doch all das ist ein vergleichsweise geringer Preis für den Lohn der mühevollen Suche. 

Das Finden

Bleibt noch die Frage, wo wir Jesus finden können. Wir finden Ihn dort, wo Ihn auch Maria und Joseph gefunden haben. „Und sie fanden Ihn nach drei Tagen im Tempel“ (Lk. 2, 46). Wir finden Ihn in der römisch-katholischen Kirche, deren Vorbild der Tempel war. Sie ist durch die Zeit hinweg der Aufenthaltsort und der Wirkungsort Jesu geblieben.

Dort finden wir Ihn heute so, wie einst – mit Seinem Evangelium. Dort finden wir Ihn mit Seinen Gnaden und Segnungen, die Er demjenigen, der von Ihm Heil verlangt, in den Sakramentalien der Kirche zukommen läßt. Vor allem finden wir Ihn in den heiligen Sakramenten, welche Er selbst durch Seine Priester in der katholischen Kirche spendet. Unter diesen sieben Gnadenkanälen sticht natürlich insbesondere das Altarsakrament hervor, welches Jesus Christus selbst unter der Gestalt des Brotes, mit Fleisch und Blut, mit Leib und Seele, mit Gottheit und Menschheit enthält. Im Tabernakel ist Er Tag und Nacht zugegen, um jeden eintretenden Anbeter zu jeder Zeit in Audienz zu empfangen, dessen Lob, Danksagung, Bitten und dessen Herzensreue entgegenzunehmen, sich mit ihm zu freuen in den Momenten seines Glücks und ihn zu trösten im Schmerz dieses Jammertales. Ja, wer Jesus in der römisch-katholischen Kirche gefunden hat, der findet Ihn nicht nur in den wenigen verbleibenden Tabernakeln, sondern auch in seinem Herzen. Durch die heiligmachende Gnade wohnt Jesus in unserer Seele. Er spornt uns innerlich an Seinem Vorbild und Seinem Evangelium gemäß zu leben. Jenen, die mit Seiner Gnade treu mitwirken schenkt Er schon in diesem Leben Seine liebende Vertrautheit, die dann einst in der Stunde des Todes ganz natürlich in die beglückende Schau Seiner Schönheit und Liebenswürdigkeit übergehen soll.

Durch Sein Verhalten inmitten der Schriftgelehrten gibt uns Jesus ein Vorbild, auf welche Art und Weise wir Ihn in der katholischen Kirche finden können. Es ist dazu der Geist des Kindes notwendig! Durch die heiligmachende Gnade wird der Mensch ein Kind Gottes, doch muß er sich ein Leben lang bemühen, sich auch die innere Haltung eines Gotteskindes anzueignen. Was genau ist damit gemeint? Der Jugend ist es eigen, begeisterungsfähig zu sein. Wir sehen es am zwölfjährigen Jesus im Tempel. Drei Tage hängt Er mit voller Aufmerksamkeit am Mund der Lehrer. Er zeigt ein außerordentliches Interesse an der verkündigten Glaubenslehre. Dieses Interesses bedürfen auch wir in unseren Familien. Insbesondere das Interesse unserer Kinder an den Lehre des Evangeliums muß gefördert werden. Das geschieht in Form des selbstverständlichen und gemeinschaftlichen Familiengebetes. Das geschieht, indem man sich etwa bei Tisch über religiöse Themen unterhält. Das geschieht, indem die Feste des Kirchenjahres nicht nur in der Kirche, sondern auch innerhalb der Familie begangen werden. Indem man die religiösen Fragen der Kinder ernstnimmt und sie beantwortet. Indem man die Jugendlichen mahnt; und zwar nicht nur mit Worten, sondern vor allem durch das eigene Vorbild. Der Jesusknabe lehrt uns den kindlichen Eifer. Zum anderen gibt er uns ein Beispiel kindlicher Bescheidenheit: Obwohl Er, der die ewige Weisheit Gottes ist, alles wußte, so wollte Er doch, Seinem Alter gemäß, noch nicht als großer Lehrer auftreten. Kinder müssen lernen, viel lernen. Es ist nicht ihre Aufgabe zu lehren und über alles Bescheid zu wissen. So ist es auch bei den Kindern Gottes. Den Gotteskindern kommt zu, zuzuhören und Fragen zu stellen, sich willig belehren zu lassen und nicht in bornierter Besserwisserei und Kritiksucht das große Wort zu führen. Mit diesen beiden Eigenschaften – mit dem religiösen Eifer und kindlicher Belehrbarkeit – wird es jedem gelingen, Jesus, die Quelle des Heiles, in der katholischen Kirche zu finden.

Dann wird Jesus auch aus unseren Familien ein kleines Nazareth werden lassen. Und es wird geschehen, daß Er in jedem Familienmitglied zunehmen wird „an Weisheit und Alter und Gnade vor Gott und den Menschen“ (Lk. 2, 52). Es wird geschehen, daß wir mit dem hl. Paulus berechtigterweise auch von uns sagen dürfen: „Ich lebe, doch nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal. 2, 20). Amen.

Fest der Erscheinung des Herrn

Das Erscheinen Gottes und das Verhalten der Menschen

Geliebte Gottes!

Das heutige Fest wird hat landläufig „Dreikönigsfest“, „Fest der Heiligen Drei Könige“, oder einfach nur „Dreikönig“ genannt. Diese Bezeichnung ist zwar natürlich berechtigt, jedoch ist damit das eigentliche Festgeheimnis überhaupt nicht ausgedrückt. Das Fest, das wir heute begehen, ist kein Heiligenfest. Nicht die drei Könige Kaspar, Melchior und Balthasar stehen im Zentrum, sondern Gottes Sohn Jesus Christus. Es ist ein Fest des Herrn, das wir feiern. Deshalb lautet der Name dieses Festes „Epiphania Domini“, d.h. „Erscheinung des Herrn.“ An Weihnachten haben wir das sichtbare Erscheinen Gottes als Mensch gefeiert. „Erschienen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Heilandes“ (Tit.3, 4).Gott ist Mensch geworden. Am Fest der Erscheinung des Herrn feiern wir das Hervortreten Seiner Gottheit. Das Fest der Erscheinung ist also die eigentliche Vervollständigung des Weihnachtsfestes. In der Byzantinischen Tradition des Ostens endet heute erst die vorweihnachtliche 40-tägige Fastenzeit. Und auch im abendländischen Kalender ist die Festfeier von Epiphanie mit ihrer Oktav höherrangig eingestuft als die Weihnachtsoktav. Weihnachten und Erscheinung gehören zusammen, haben aber unterschiedliche Aspekte. Hat sich Gott an Weihnachten „im Fleische“ (vgl. Joh. 1, 14) als wahrer Mensch geoffenbart – was nicht zuletzt durch das Fest der Beschneidung und Namensgebung hervorgehoben wurde – so offenbart Er sich heute in der Epiphanie als „wahrer Gott“. Und zwar gleich durch drei Ereignisse: Einmal zeigt sich die Gottheit Jesu, indem Er als Kind den Lauf des Sternes lenkte und auf diese Weise die Heidenvölker, repräsentiert durch die drei Weisen aus dem Morgenland, zu sich an die Krippe führt. „Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, zog vor ihnen her, bis er über dem Orte stehen blieb, wo das Kind war“(Mt. 2, 9). Weil aber nur Gottes Macht dazu imstande ist, deshalb heißt es „traten sie in das Haus ein, fanden das Kind mit Maria, Seiner Mutter, fielen nieder und beteten Es an“ (Mt. 2, 11). Sie erwiesen dem Kind göttliche Ehren. – Sodann offenbarte sich die Gottheit unseres Herrn bei Seiner Taufe im Jordan, wobei sich der Himmel öffnete und die Stimme des himmlischen Vaters sprach: „Dieser ist mein geliebter Sohn“ (Mt. 3, 17). Der hl. Johannes der Täufer, vor dessen Augen sich dieses Schauspiel ereignet hat, sagte: „Ich habe es gesehen und bin Zeuge dafür geworden, daß Dieser der Sohn Gottes ist“ (Joh. 1, 34). Deshalb wurde gestern schon zum Gedächtnis an die Taufe des Herrn das Wasser geweiht, welches durch Seine Gottheit geheiligt wurde und womit wir unsere Häuser segnen. – Die dritte Epiphanie der Gottheit unseres Herrn, die am heutigen Tag gefeiert wird, ereignete sich bei dem ersten Wunder, das Jesus bei der Hochzeit zu Kana gewirkt hatte. Dort „kostete der Speisemeister das zu Wein gewordene Wasser und wußte nicht, woher der Wein war; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wußten es“ (Joh. 2, 9). Und am Ende heißt es von Seinen ersten Jüngern: „Sie erkannten Seine Herrlichkeit, und sie glaubten an Ihn“ (Joh. 2, 11). Sie glaubten an Seine Gottheit, weil es nur die Allmacht Gottes vermag, von einem Augenblick zum andern gewöhnliches Wasser in den köstlichsten Wein umzuschaffen. Drei Geheimnisse umfaßt das Fest der Epiphania Domini, der Erscheinung des Herrn. Unter Rücksicht auf unsere beschränkte Fassungskraft setzt die Meßliturgie ihren Akzent heute ganz offensichtlich auf den göttlichen Machterweis durch den Wunderstern, während die anderen Geheimnisse am Oktavtag (13. Januar) bzw. an dem Sonntag nach der Oktav nachgefeiert werden.

Das Licht von Epiphanie bringt also die Gottheit unseres Herrn Jesus Christus vor aller Welt zum Aufstrahlen – vor Juden und Heiden, vor jung und alt, arm und reich vor den Jüngern Christi und vor Seinen Feinden. Das ist auch der Vollsinn der Prophetie des Isaias, die wir soeben als Epistel gehört haben: „Werde Licht, Jerusalem, denn siehe, es kommt dein Licht und strahlend geht auf über dir die Herrlichkeit des Herrn. Die Völker sitzen in Dunkel und Finsternis, aber über dir geht strahlend auf der Herr. Dann wirst du schauen und staunen, wenn zu dir kommt die Fülle des Meeres, wenn Dromedare und Kamel dich überfluten“ (Is. 60, 1 ff.). Weil Christus Gott ist, deshalb ist unser Herr der Weltenherrscher, dem alle Meere, Länder und Völker unterworfen sind. Wenn Gott erscheint, um die Erlösung zu bringen, dann erscheint Er nicht nur bestimmten Menschen, nicht nur einem Volk, sondern im Angesicht aller Völker. So ist das Fest der Erscheinung im eigentlichen Sinne das erste katholische, d.h. allgemeine Fest der Heilsgeschichte. Es ist das katholische Fest des Glaubens, des Glaubens an die Gottheit Jesu Christi. Doch wie immer, wenn Gott sich naht, wenn der Glaube an Seine Gottheit gefordert wird, dann scheiden sich die Geister. Das war damals so, und das ist bis heute so geblieben. Vier Menschentypen finden sich im heutigen Evangelium. Sie sind Sinnbilder und Vorbilder für die Menschen aller Zeiten.

Die Weisen nehmen die Wahrheit im Glauben an

Da sind zuerst die Protagonisten der Perikope, die Weisen aus dem Morgenland. Die Heilige Schrift nennt sie „μάγοι“, „Magier“. Es sind verschiedene Übersetzungen für dieses Wort möglich, aber am treffendsten ist es, daß es sich bei ihnen um weise Männer handelte, um Gelehrte, die sich mit Astronomie beschäftigten. Sie stammten aus dem Reich der Parther, ein Imperium von großer Flächenausdehnung, welches die Gebiete von Persien, Medien, Assyrien, also den heutigen Iran und das Zweistromland, den heutigen Irak, umfaßt hatte. Sie waren Menschen, die nach der Wahrheit suchten. Ja, die nicht nur nach der Wahrheit suchten, sondern mit gläubigem Herzen danach suchten. Ihr gelehrter Geist verließ sich nicht nur auf die Schärfe ihres Verstandes, auf Empirie, ihre Sinne und Meßinstrumente, nicht nur auf die Genauigkeit ihrer Berechnungen, sondern er baute auf der offenbarten Wahrheit und auf der überlieferten Weisheit ihrer Ahnen auf. Von diesen Überlieferungen her konnten sie nämlich nur davon wissen, daß einst ein Gottkönig in Israel geboren werden würde. Als nämlich 600 Jahre vor Christi Geburt das jüdische Volk durch König Nabuchodonosor ins babylonische Exil geführt wurde, da gerieten die Vorfahren der drei Weisen in Berührung mit den Weissagungen, die Gott Seinem auserwählten Volk hinsichtlich des Zeitpunktes und der Umstände des Erscheinens des göttlichen Erlösers geoffenbart hatte. Das Wissen um die Weisheit der Alten, etwa die erwähnte Isaias-Prophetie vom aufgehenden Licht über Jerusalem, oder die Weissagung des Balaam aus dem Buch Numeri, die da lautete: „Ein Stern geht auf in Jakob, aus Israel erhebt sich ein Zepter“ (Num. 24, 17). Derlei Vorhersagen haben die drei Magier gekannt. Gewiß haben die Gelehrten viel darüber nachgedacht, sich darüber ausgetauscht und darüber nachgeforscht, was für ein Stern das sei, der da so wundersam am Himmel aufgegangen war. Schließlich waren sie jedoch willig dazu bereit, mit ihrem Verstand die übernatürliche Herkunft dieses Sternes anzuerkennen und an die Geburt des göttlichen Erlösers zu glauben. „Wir haben Seinen Stern im Morgenland gesehen“ (Mt. 2, 2), so haben die drei Weisen gesagt. Sie haben ihn gesehen, doch haben sie an seine übernatürliche Bedeutung geglaubt und sind ihm unverzüglich gefolgt. Sie haben sich ohne weitere Bedenken auf eine weite, strapaziöse und gefahrvolle Reise begeben. Vom hl. Paulus wissen wir, was Reisende in der damaligen Zeit durchzumachen hatten: „Gefahren auf Flüssen, Gefahren von Räubern, Gefahren von meinem Volk, Gefahren von Heiden, Gefahren in Städten, Gefahren in der Wüste, Gefahren auf dem Meer, Gefahren von falschen Brüdern. Mühsal und Elend, häufige Nachtwachen, Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Blöße“ (2. Kor. 11). – Die drei Weisen machten sich nicht nur unverzüglich auf, sondern sie harrten standhaft in dem einmal gefaßten Entschluß, dem Ruf des Sternes Folge zu leisten, bis zuletzt aus. Sie ließen sich nicht abschrecken. Der Stern erinnerte sie an ihre Pflicht, und sie suchten sich gegenseitig in ihrem durch Strapazen und Gefahren angefochtenen Glauben zu unterstützen und durch ihr Vorbild aufzurichten. – Auch wir sollen mit einem unerschütterlichen Glauben, der sich gewissenhaft an die überlieferte Offenbarung Gottes hält, die göttliche Wahrheit annehmen und denselben immer mehr vertiefen. Bereitwillig sollen wir ihn trotz aller religiösen Gleichgültigkeit unserer Zeitgenossen annehmen. Mit Eifer sollen wir uns, trotz unserer vielfältigen Beschäftigungen und der Beanspruchung durch den Berufsalltag, die Zeit zum Gebet und zur religiösen Weiterbildung nehmen. Wir müssen die Strapazen der Selbstverleugnung, der Selbstdisziplin, der Abtötung auf uns nehmen, um voranzukommen, und dürfen uns nicht von derlei Dingen mürbe machen lassen, sondern sollen uns gegenseitig ermuntern, insbesondere durch unser gutes Beispiel. Ohne demütigen Glauben und ohne Selbstüberwindung können wir die Wahrheit und das Leben in Jesus Christus nicht finden. 

Die Weisen bekennen ihren Glauben

Wir müssen den Glauben jedoch nicht nur haben und bewahren. Wir müssen ihn auch bekennen. Die drei Weisen fragten unerschrocken: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben Seinen Stern im Morgenland gesehen und sind gekommen, Ihn anzubeten“ (Mt. 2, 2). Mit diesem freimütigen Bekenntnis erregen sie ganz unverhofft Ärgernis. Einmal bei König Herodes, dem Großen. Dieser fürchtet erneut einen Nebenbuhler. Er hatte ja bereits, getrieben in seinem Verfolgungswahn, nahezu den gesamten Hohen Rat, seinen hohepriesterlichen Schwager, seine Schwiegermutter, drei seiner eigenen Söhne und selbst seine abgöttisch geliebte Gemahlin Mariamme hinrichten lassen, weil er ihnen unterstellt hatte, verschwörerisch wider ihn zu konspirieren. Deshalb erschrak Herodes, als er von dem Messiaskind hörte. Weil aber der König erschrak, so erschrak auch das ganze Volk, weil mit dem freimütigen Bekenntnis der Weisen das nächste Blutbad mit Gewißheit vorprogrammiert war. Deshalb erregte das Glaubensbekenntnis der Weisen nicht nur den Unwillen des Königs, sondern auch des Volkes. Der König erschrak „und ganz Jerusalem mit ihm“ (Mt. 2, 3). – Schließlich fanden sie gewiß auch keine dankbare Aufnahme bei den Schriftgelehrten. Akademikern mißfällt es für gewöhnlich, von Fremden in ihrem eigenen Fachgebiet belehrt zu werden, vor allem über Erkenntnisse, welche sie eigentlich selbst hätten abliefern müssen. Ungeachtet dessen legten die drei Magoi ihr Bekenntnis ab. Und so müssen auch wir unseren Glauben freimütig und unbekümmert bekennen. Wir dürfen uns nicht kümmern um unser Ansehen vor den Großen, nicht vor der „aufgeklärten“ Gelehrsamkeit zurückweichen, sondern mutig widersprechen. Auch dürfen wir nicht den Spott und das müde Lächeln gewisser Leute fürchtend, die uns aufgrund unseres Glaubensüberzeugungen für beschränkt, einfältig, oder gar extremistisch halten. Weg mit der Menschenfurcht!

Die Weisen handeln ihrem Glauben gemäß

Was den Glauben der Weisen aus dem Morgenland aber erst vollkommen sein ließ, das ist, daß sie auch ihrem Glauben gemäß gehandelt haben. Sie folgten dem von den Hohepriestern und Schriftgelehrten gewiesenen Weg nach Bethlehem. Sie beteten den in unverhoffter Schlichtheit gefundenen Heiland als Kind armer Leute an und erwiesen Ihm voller Glauben göttliche Ehren, indem sie Ihm ihre Opfergaben darbrachten. Die äußeren Gaben waren Ausdruck ihrer inneren Gesinnung. So muß es auch bei uns sein. Denn wenn der äußere Ausdruck unserer inneren Gesinnung in Form von guten Werken fehlt, dann wäre es nur ein Anzeichen dafür, daß es auch mit unserer inneren Gesinnung nicht weit her ist. – Die Weisen brachten das Gold zum Zeichen ihre Liebe, die im Schmelzofen der weiten abenteuerlichen Reise und Suche geläutert war dar. Den Weihrauch für ihre gläubige Anbetung, als Ausdruck der Erhebung ihrer Herzen zu Gott. Die bittere Myrrhe für ihr geduldig ertragenes Leiden, welches sie dem Jesuskind weihten. So müssen auch wir die Werke des Glaubens haben. Das Gold der Liebe, in welcher wir Gott allen anderen Geschöpfen, selbst unseren engsten Verwandten, den Vorzug geben und den Nächsten lieben und ihm helfen, um Gottes Willen. Den Weichrauch der Andacht, die sich nicht nur auf die täglichen Gebete beschränken, sondern auch während der tätigen Beschäftigungen in Form von kurzen Augenblicken der Sammlung oder von Stoßgebeten aus unseren Herzen zu Gott aufsteigen soll. Und schließlich dürfen auch die Werke der Geduld nicht fehlen, indem wir die Widerwärtigkeiten, Schmerzen und Leiden ergeben als heilsame Buße annehmen. Schließlich bewiesen die drei Weisen ihren Glauben auch im Gehorsam, als sie der im Traum gegebenen göttlichen Weisung, nicht zu Herodes zurückkehrten, Folge leisteten und „auf einem anderen Weg in ihre Heimat zurückzogen“ (Mt. 2, 12). So wird auch uns der Gehorsam gegen die Gebote Gottes einen anderen Weg auftun. Einen Weg, der uns nicht wieder zurück auf die Abwege der Sünde und in die Fänge des Satans geraten läßt, sondern den Weg der Vollkommenheit, der wir im Lichte des Sternes unseres Glaubens zu gehen vermögen, und der uns in unsere wahre Heimat, in das Himmelreich zurückführen wird.

Die Furcht des Volkes

Eine zweite Gruppe von Menschen wird vorgebildet durch die Einwohner von Jerusalem. Sie werden aus Furcht vor der Wahrheit zurückgehalten. Das Volk erschrak. Menschlich gesprochen ist das verständlich. Aber es war eben nicht einfach nur ein Menschenvolk, sondern das auserwählte Volk Gottes, welches um die Ankunft des Erlösers wußte und Ihn seit Jahrhunderten herbeigesehnt hatte. Eigentlich hätte sich das Volk freuen müssen. Denn an Herodes hatte es nur einen grausamen Tyrannen. Von dem neugeborenen Messiaskönig konnte es berechtigterweise Glück und Heil erhoffen. Ja, vielleicht glaubten sogar einige von ihnen und wünschten sich, daß die Kunde der drei Weisen wahr und der Erlöser endlich da sei. Aber dennoch zogen die Menschen aus Furcht vor zeitlichen Nachteilen den Kopf ein und gaben lieber die ewigen Güter preis. Obwohl sie vielleicht im Herzen glaubten, taten sie so, als hätten sie nichts davon gehört, führten ihr „normales Leben“ weiter, um nicht aufzufallen. Keiner ging nach Bethlehem, um anzubeten und zu finden, wonach ihr Herz begehrt. Schade! Armes Volk – damals, wie heute. Auch heute erschrecken die Menschen, wenn ihnen die frohe Botschaft von Jesus Christus verkündet wird. Sie werden von bösen Leidenschaften tyrannisiert, von dem Herodes der Habsucht, der Fleischeslust, des Zornes, des Stolzes. Um sich dieser Herrschaft zu entziehen, müßten die Menschen gewisse Gewohnheiten aufgeben, gewisse Vorteile, Vergnügungen und Lebensgenüsse. Allein sie erschrecken vor den zweifelsohne nicht ausbleibenden Kämpfen. Es muß sich jeder prüfen, ob er die drei Weisen zwar im Glauben bis nach Jerusalem begleitet hat, sich aber dann doch womöglich aus Furchtsamkeit, aus Angst vor Selbstverleugnung und Verzicht „unter das Volk gemischt“ und sich heimlich in seinem Herzen davongestohlen hat.

Das Versagen der Priesterschaft

In der Priesterschaft finden wir die dritte Menschengruppe. Die Hohenpriester und Schriftgelehrten begingen ein zweifaches Verbrechen. Erstens folgten sie der Wahrheit nicht, die sie selbst lehrten. Auch von ihnen begleitete keiner die drei Weisen hinaus nach Bethlehem, um dort anzubeten. Sie sind, wie der hl. Ambrosius sagt, wie die Wegweiser. Sie zeigen zwar den Weg, gehen ihn aber nicht, sondern bleiben an Ort und Stelle stehen. Ihre zweite Sünde bestand darin, daß sie die Wahrheit sogar verhehlen. Sie gaben zwar den Geburtsort bekannt „zu Bethlehem im Lande Juda, so ist es geschrieben beim Propheten“ (Mt. 2, 5). Aber sie bekräftigen nicht, daß nun durch das Aufleuchten des Sternes und das Eintreffen der Weisen auch zahlreiche andere Prophezeiungen eingetroffen sind, so daß nun kein Zweifel an der wirklichen Geburt des Messias bestehen bleiben kann. Stattdessen vermeiden sie es sorgfältig, ihn „König“ zu nennen, obwohl der Messias als solcher von den Propheten bezeichnet worden war. Sie entziehen den von Gott offenbarten Wahrheit, die ihnen zur Bewahrung und Verkündigung anvertraut war, ihre Kraft und Würde. Sie passen Gottes Wort an und mildern es zugunsten des Herodes.

Heute finden wir diese Gruppe in Gestalt der Novus-Ordo-Kirche, welche die Wahrheit Gottes verfälscht hat, um sich dem Menschen anzudienen. Sie reden noch von Jesus, aber in einer entschärften, verweichlichen Weise, welche die Menschen gleichgültig läßt. Sie sprechen von der Barmherzigkeit Gottes und verteilen damit Freibriefe, um zu sündigen. Sie leugnen die Hölle, um nicht als verstaubtes Fossil aus dem Mittelalter zu gelten. Und dabei wissen diese Herrn sehr wohl, was die Dogmen der Kirche beinhalten und wo man sie nachschlagen könnte. Sie kennen die Konzilien und die Lehren der Päpste sehr gut. Aber sie sagen: „Das galt damals. Heute könne und wolle man dem mündigen Christen keine „schweren und unerträglichen Lasten auf die Schultern legen“ (Mt. 23, 4). Erst recht nicht, weil fast der gesamte Novus-Ordo-Klerus dieselben selbst nicht tragen will. Die Menschenmachwerkskirche, die den „Kult des Menschen“ (Montini)eingeführt und damit den Kult Gottes abgeschafft hat, ist nicht zu entschuldigen. Sie ist schuldig daran, daß Millionen ihre unsterbliche Seele zugrundegerichtet haben, sie zugrunde richten und sie zugrunderichten werden; ganz im Vertrauen darauf, daß die Zehn Gebote und die kirchliche Disziplin heute nicht mehr so streng und ernst verpflichten würden wie vor dem 2. Vatikanum, als könnten sich Gottes Maßstäbe ändern.

Es gibt aber auch Katholiken, treugebliebene Katholiken, welche es sich gefallen lassen müssen, dieser Gruppe beigezählt zu werden. Es sind jene, welche die Wahrheit zwar erkennen, die aber selbst damit nicht Ernst machen. Die zwar über die Novus-Ordo-Kirche den Kopf schütteln, selbst aber nicht anders leben als jene, die sich der „Religion der Menschlichkeit“ angeschlossen haben. Jene, die den richtigen Weg, aufgrund einer großen Gnade Gottes, wüßten, darüber auch reden, aber ohne ihn voranzugehen. Von einem solchen Katholiken sagt unser Herr Jesus Christus: „Jener Knecht aber, der den Willen seines Herrn gekannt, und sich nicht bereit gehalten, und nicht getan hat nach Seinem Willen, wir viele Streiche erhalten“ (Lk. 12, 47).

Die herodianischen Verfolger

Bleibt noch die letzte Menschengruppe zu charakterisieren. Sie hat ihr Urbild in König Herodes, welcher die göttliche Wahrheit verfolgte. Erst versucht er mit katzenhafter Freundlichkeit die wahren Gläubigen für seine Pläne einzuspannen. Dann aber, „als nun Herodes sah, daß er von den Weisen hintergangen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ in Bethlehem und in der ganzen Umgebung alle Knaben von zwei Jahren und darunter ermorden, ganz nach der Zeit, die er von den Weisen erforscht hatte“ (Mt. 2, 16). Herodes wurde von den Chronisten seiner Zeit mit einem Tiger verglichen. Ein Tiger lauert, wartet ab, pirscht sich heran, ehe er seine Beute zornig in blutige Fetzen reißt. Auch diese Menschen hat es zu allen Zeiten gegeben. Und es gibt sie heute. Menschen, welche die katholische Religion mit satanischem Haß verfolgen. Zunächst listig und geschickt sich einschleichen, um die Kirche von innen heraus in Mißkredit zu bringen, um Skandale zu verursachen, damit der katholische Glaube in den Augen der Menschen nicht als Licht, sondern als Finsternis erscheint, um die Kirche bewußt unglaubwürdig zu machen. Ja, es gibt Satansdiener in den obersten Rängen der Konzilskirche. Daß im Vatikan Satansmessen gefeiert wurden und werden, ist kein Geheimnis (vgl. Malachi Martin; Inthronisation Satans im Vatikan am 29. Juni 1963). – Es gibt Satanisten im Klerus des Novus Ordo an hohen Positionen. Nur so ist der moralische Sumpf, der in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr zutage getreten ist, zu erklären. Dieser Sumpf in Form von Geldwäsche, Korruption, die homosexuellen Verfehlungen und der sexuelle Mißbrauch, all das ist nicht zufällig entstanden, es wurde bewußt zugelassen und gefördert. – Warum? Um die Menschen, welche ja die Novus-Ordo-Kirche immer noch für die katholische Kirche halten, vollkommen gegen den katholischen Glauben aufzustacheln, um die göttliche Religion verhaßt zu machen. Wir alle wissen, was passiert, wenn die Temperatur im Kessel steigt, wenn der Haß sich mehr und mehr aufstaut und zu kochen beginnt.

Heute zeigen sich die Verfolger der Kirche noch nicht mit dem Schwert in der Hand, sondern wie Herodes katzenfreundlich. Sie geben vor, der Kirche zu dienen, indem sie dieselbe aus ihrer „Rückständigkeit“ herausführen, sie von „überholtem Ballast“ befreien, sie endlich mit der „Moderne“ aussöhnen und durch die „Evolution der Wahrheit“ zukunftsfähig machen. Wie damals dem Herodes, so geht es den Liberalen und Modernisten nicht um das Wohl der Kirche, sondern gerade im Gegenteil, um sie zu verderben, durch inhaltliche Aushöhlung, Zersetzung und Umfunktionierung, was nichts anderes ist als ihre Zerstörung. Was damals beim Kindermord in Bethlehem geschehen ist, hat seine geistige Entsprechung in dem „Massaker“ des 2. Vatikanums. Freilich konnte und kann die katholische Kirche nicht vollkommen zum Verschwinden gebracht werden. Die Kirche ist unzerstörbar. Aber wie beim Kindermord des Herodes sind dem konziliaren Anschlag viele katholische Institutionen zum Opfer fallen, während sich nur ein kleiner Rest ins Exil flüchten konnte, um dort zu überdauern, bis es dem himmlischen Vater gefällt, ein weiteres Mal seine Söhne aus Ägypten zu rufen (vgl. Mt. 2, 15; Os. 11, 1).

Das sind die Menschen im heutigen Evangelium. Es ist offensichtlich, welcher Gruppe wir angehören sollen, wollen, müssen. Wir wollen wie die drei Weisen dem Ruf des göttlichen Kindes, das von der Krippe aus den Lauf der Sterne lenkt, folgen. Wir wollen bereitwillig Seine Wahrheit im Glauben annehmen; sie allen Hindernissen zum Trotz standhaft bewahren, freimütig bekennen und in unseren Werken praktizieren. Auf einem anderen Weg, auf dem aufrichtigen Weg der Bekehrung und der Buße, wollen wir dann in unser Vaterland heimkehren, wo wir die Gottheit Jesus Christi, die uns heute in seiner Epiphanie aufleuchtet, von Angesicht zu Angesicht schauen dürfen – in alle Ewigkeit. Amen.

Fest des heiligsten Namens Jesu

Der Glaube an den heiligsten Namen Jesu

Geliebte Gottes!

Unsere Taufnamen haben gewöhnlich nur insofern Bedeutung, als sie uns an die heiligen Patrone erinnern, unter deren Schutz ein Täufling gestellt und deren tugendhaftes Leben ihm zur Nachahmung aufgegeben wird. An den eigentlichen Wortsinn eines Namens denken wir bei der Namenswahl eines Kindes kaum, denn wie könnte man einem Kind, dessen Leben noch unbekannt ist, schon im Voraus einen adäquaten Namen geben. Ob Julia, was soviel heißt wie „die Fröhliche“, wirklich durch diesen Namen treffend charakterisiert sein wird und ob sich Andreas tatsächlich als „tapfer“ erweisen wird, das ist bei der Taufe, wenige Tage nach der Geburt, noch nicht absehbar. – Ganz anders, wenn Gott Namen beilegt. Seine Namensgebung charakterisiert die Person, ihre Herkunft, ihre Sendung, ihren Wesenskern. „Adam“bedeutet nicht nur „der von der roten Erde genommene“, sondern der Leib des Stammvaters aller Menschen wurde auch tatsächlich aus dem Ackerboden gebildet. Der Name Adam ist gleichsam ein Widerhall dessen, was Gott in sein Wesen hineingelegt hatte. Gleiches gilt von dem Patriarchen Abram, den Gott in „Abraham“ umbenannte. Er ist tatsächlich, wie sein Name sagt, der „Vater der Menge“, nämlich einer Menge gläubiger Völker geworden. Er ist der Vater der Glaubenden, die so zahlreich sind, wie der Sand am Meer und die Sterne am Firmament.

Die Offenbarung des göttlichen Namens

So ist es nicht verwunderlich, daß natürlich auch der Name, den Gott Seinem eingeborenen Sohn gab, höchst bedeutungsvoll ist. Aus diesem Grund blieb er auch lange Zeit verborgen. Zwar waren den Propheten viele Züge Seines Lebens im Voraus kundgetan worden, aber Seinen Namen durften sie nur erahnen. Moses sah im Geiste die Kraft dieses Namens und verkündete: „Allmächtiger ist Sein Name“ (Ex. 15, 3). David ahnte die Heiligkeit und Majestät dieses Namens und besingt ihn im 110. Psalm mit den Worten: „Heilig und schrecklich ist Sein Name“ (Ps. 110, 9). Der Prophet Isaias nennt ihn treffend „Emmanuel“ (Is. 7, 14), d.h. „Gott mit uns“, und faltet den Reichtum dieses Namens mit weiteren Titeln aus: „wunderbarer Ratgeber, Gott, starker Held, Vater der Zukunft, Friedensfürst“ (Is. 9, 6). Er versichert, „daß erhaben ist sein Name“ (Is. 12, 4). Das alles sind zutreffende Umschreibungen des Erlösers. Aber den eigentlichen Namen des von der Jungfrau empfangenen und geborenen Emmanuel weiß auch Isaias nicht. Nur soviel kann er noch sagen: „Man nennt dich mit einem neuen Namen, welchen des Herren Mund aussprechen wird“ (Is. 62, 2). – Erst nach 4000 Jahren ist der heiligste aller Namen im Auftrag Gottes erstmals von dem reinen Mund eines Erzengels zu vernehmen: „Du wirst Seinen Namen Jesus nennen“ (Lk.1, 31), so sprach der hl. Gabriel zur allerseligsten Jungfrau Maria. So heilig ist dieser Name, daß er vorläufig nur den reinsten und heiligsten Personen offenbart wurde; zuerst der unbefleckten Jungfrau Maria; und dann später im Traum dem hl. Joseph, wobei der Engel dem reinsten Bräutigam der Gottesmutter auch die Bedeutung dieses Namens aufschließt. „Joseph, Sohn Davids, scheue dich nicht Maria als deine Gemahlin zu dir zu nehmen; denn was in ihr geworden ist, stammt vom Heiligen Geiste. Sie wird einen Sohn gebären, und du sollt Seinen Namen Jesus nennen. Denn dieser wird Sein Volk erlösen von dessen Sünden“ (Mt. 1, 20 f.). Jesus – Er wird Sein Volk von dessen Sünden erlösen.

Die Heiligkeit des göttlichen Namens

Dieser Name ist so heilig und so ehrfurchtgebietend, weil er der Name Gottes ist. Da Jesus wahrer Gott ist, so kommt diesem Namen auch die Heiligkeit Gottes zu. Sein Name ist unermeßlich und von unauslotbarer Bedeutungstiefe. – Schon bei den Heiden bestand die Vorstellung, daß Gott, weil er ein unermeßlicher und vollkommener Geist sei, einen so ungeheuer langen Namen habe müsse, daß ein Menschenleben nicht dafür ausreichen würde, ihn auszusprechen. Eine für uns befremdliche, aber durchaus sinnige Vorstellung. Denn sollte der Name das unermeßliche göttliche Wesen tatsächlich erschöpfend ausdrücken und charakterisieren, so könnte dieser Name selbst nur von unendlicher Länge sein und damit auch nur von einer unendlichen Kraft erfaßt und ausgesprochen werden. – Den Patriarchen war kein Gottesname bekannt. Sie nannten Gott nur „Elohim“, d.h. „der Allerhöchste“, und drückten so die alles überragende Majestät Gottes aus, der über allem Geschaffenen thront und allem seinen Platz anweist. Jakob wünschte bei einer Erscheinung den göttlichen Namen zu erfahren, erhielt aber nur zur Antwort: „Warum frägst du nach meinem Namen?“ (Gen. 32, 29). Dieselbe Antwort erhielt auch der Vater des Samson: „Warum frägst du nach meinem Namen, welcher wunderbar ist?“ (Richt. 13, 18). – Erst dem Moses wurde das Geheimnis des unermeßlich heiligen Namens Gottes erstmals gelüftet. Nachdem er am brennenden Dornbusch seine Schuhe abgelegt und voll Ehrfurcht sein Angesicht verhüllt hatte, antwortete die Stimme auf seine Frage nach dem Gottesnamen: „Ich bin, der ich bin …, das ist mein Name in Ewigkeit“ (Ex. 3, 14 f.). Gott ist der Seiende; derjenige, der „da ist“. Er hat das Sein nicht von einem anderen empfangen so wie wir. Er hat nie begonnen dazusein und ist nie geworden. Er ist unerschaffen, aus sich selbst seiend, was gerade das Gott-Sein wesentlich ausmacht. Ich bin allein derjenige, der ich von mir selbst aus bin, der Unendliche, Unbegreifliche, Unaussprechliche. – Die Israeliten bildeten aus der Selbstaussage Gottes „Ich bin der ich bin da“ den Nahmen „Jahwe“, der ihnen fortan als Gottesname galt. – Die Ehrfurcht, welche die Hebräer vor diesem Namen hatten, fand vor allem darin seinen Niederschlag, daß sie, dem zweiten Gebot des Dekalogs entsprechend, mit größter Genauigkeit darauf achteten, den heiligen Namen Gottes nicht leichtfertig, nicht eitel, nicht einfach so zu nennen. Nie wagten sie es, den Namen Jahwe auszusprechen, sondern setzten selbst beim Lesen der Heiligen Schrift immer dafür das Wort „Adonai“, d.h. „Herr“ ein. Nur ein einziges Mal im Jahr sprach allein der Hohepriester, wenn er das Allerheiligste des Tempels betrat, mit feierlichem Ton den Namen Jahwes aus. Angesichts solch heiliger Pietät vor dem Gottesnamen, wieviel liebevolle Ehrfurcht müßten nicht erst wir an den Tag legen, wenn wir den Namen Jesus gebrauchen? Es ist der Name des Gottessohnes, unendlich heilig und von erhabener Majestät. Von Gott bestimmt. Von Gott offenbart.

Die Bedeutung des heiligsten Namens Jesu

Hinzu kommt die heilsame Bedeutung des Namens „Jesus“. Dem hl. Joseph wurde sie im Traum vom Engel erklärt. Christus kommt als Erlöser in die Welt und heißt darum auch Erlöser, göttlicher Helfer, Heiland, Gott rettet, Gott ist Heil. Nichts anderes bedeutet nämlich der Name „Jehoshua“, „Jeshua“, „Josua“, oder nach griechischer Fassung „Jesus“. Was mit der Nennung dieses Namens „Jesus“ – „Gott ist Heil“, „Gott rettet“, alles eingeschlossen und mit ausgesagt ist, darüber belehrt uns der hl. Paulus, wenn er im Philipperbrief schreibt: „Er (Jesus) erniedrigte sich selbst, indem Er gehorsam wurde bis zum Tod, ja, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat Ihn Gott erhöht, und Ihm einen Namen gegeben, der über allen Namen ist, auf daß im Namen Jesu sich jedes Knie beuge, im Himmel, auf Erden und unter der Erde; und jede Zunge bekenne, daß Jesus Christus der Herr ist, zur Verherrlichung Gottes, des Vaters“ (Phil. 2, 8-11). Wenn wir die Glieder dieses Satzes einzeln betrachten, so finden wir die ganze Erhabenheit des Namens „Jesus“ – „Gott ist Heil“, „Gott rettet“ und damit auch den Ursprung, die Sendung und das Wesen des Gottmenschen darin ausgedrückt.

Wir erkennen seinen Ursprung. „Gott … hat ihm einen Namen gegeben“. Gott hat gesprochen. Er ist das göttliche Wort. Er selbst ist nicht menschlichen Ursprungs, so auch nicht Sein Name. Nicht Menschen haben ihn erfunden, oder aufgrund seines schönen Klanges ausgewählt. Gott selbst hat ihn bestimmt, weil Er, der Logos, Gott selbst ist. Desweiteren weist der Völkerapostel auf die Voraussetzung hin, damit Christus tatsächliche „Jesus“, also Retter, Erlöser, Heiland, sein kann: „Er erniedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tod am Kreuz.“ Aus der gehorsamen Selbsterniedrigung in Seinem Leiden und Sterben am Kreuz erwuchs der unendliche Reichtum der Erlösungsgnade, welche die Sündenschuld tilgt, von der ewigen Strafe erlöst und den Zugang zum ewigen Heil eröffnet. „Darum hat Ihn Gott erhöht, und Ihm einen Namen gegeben, der über allen Namen ist.“ In der Herrlichkeit Seiner Auferstehung wird das übernatürliche Heil Seines Erlösungswerkes sichtbar und in Seiner Himmelfahrt sehen wir den Erlösernamen buchstäblich über alles Geschaffene erhöht. Jesus „sitzt nun zur Rechten der Majestät in der Höhe. … Er ist in dem Maß über die Engel erhoben, als der Name, den Er ererbt hat, den der Engel übertrifft“ (Heb.1, 3.4). Den Bewohnern des Himmels ist Er die Losung zu ehrfürchtiger Anbetung. Im Himmel beugen sie nicht nur das Knie vor Ihm, sondern werfen sich vor Ihm nieder, wie es uns der hl. Johannes in seiner Geheimen Offenbarung beschreibt. Sein Name ist Anlaß zu begeisterten Jubelgesängen. Er ist wie die Sonne, welche über alle Engel und Heiligen die Strahlen ewiger Glücksseligkeit ausgießt, wie es der Psalm beschreibt. „Im Lichte deines Angesichtes werden sie wandeln und in deinem Namen frohlocken den ganzen Tag“ (Ps. 88, 16 f.). Den ganzen, nimmer endenden Tag der Ewigkeit.

Nicht geringere Hochschätzung wird dem heiligsten Namen Jesu zuteil von seiten der Gläubigen auf Erden. Auch sie beugen ihr Knie vor diesem Namen. Das sollte erst recht in der heiligen Liturgie seinen Niederschlag finden. Wenn uns die Kirche auch nicht dazu anhält, jedes Mal wenn der Name Jesus genannt wird, eine Kniebeuge zu machen, so sollte doch nicht allein der Priester und der Ministrant am Altar, sondern dem alten Brauch gemäß auch das anwesende Volk wenigstens das Haupt beugen, wenn dieser heiligste aller Namen in den laut verlesenen heiligen Texten und Gebeten genannt wird.

Der hl. Bernhard von Clairvaux erblickt in dem heiligsten Namen Jesu für die Erdenpilger eine mächtige, erlösende Medizin, indem er die Worte der Braut im Hohenlied auf Ihn anwendet: „Dein Name ist wie ausgegossenes Öl“ (Hld. 1, 2). Und der hl. Kirchenlehrer führt dazu aus: „Das Öl unterhält das Feuer, nährt das Fleisch und lindert den Schmerz; es ist Licht, Speise und Arznei. Siehe, dies alles gilt von dem Namen des Bräutigams. Jesu Name leuchtet, wo Er verkündigt wird, Er nährt das Herz, das an Ihn denkt. Er salbt und besänftigt (die Leidenschaften), wo Er angerufen wird. Und Er heilt jeden, welcher der Heilung bedarf und danach begehrt“ (serm. 15, sup. Cant.). Das sind nicht nur schöne Anmutungen eines heiligen Zisterzienserabtes, sondern erprobte Tatsachen für den Gläubigen.

In schrecklicher Herrlichkeit flammt schließlich der Name Jesus, nach den Worten des hl. Paulus, den verworfenen Geister der Hölle in das Angesicht. Sein Klang durchzuckt ihr ganzes aufsässiges Wesen wie ein feuriges Schwert und bereitet ihnen furchtbarste Qual. Denn sie können nicht vergessen, daß Jesus sie am Kreuz besiegt, ihr Reich zerstört und sie derart gebunden hat, daß sie nur denen schaden können, die ihnen durch ihre sündhafte Unreinheit freiwillig nahe kommen. Sein Name ist den Fürsten der Finsternis wie ein allmächtiger Bannspruch, der sie zurückschleudert und gleichsam furchtsam in die Knie zwingt. „In meinem Namen werden sie Teufel austreiben“ (Mk. 16, 17), hatte Jesus versprochen und unzählige Male hat sich auch diese Verheißung bewahrheitet. Selbst die Dämonen, welche nur widerwillig „glauben und zittern“ (Jak. 2, 19), müssen diesem Namen doch huldigen. Und so beugen sich tatsächlich vor dem Namen „Jesus“ – „Gott ist Heil“, „Gott rettet“ alle Knie; im Himmel, auf Erden und selbst unter der Erde.

Das gläubige Vertrauen in die Macht des heiligsten Namens Jesu

Mit diesem Namen könnte man alle geistigen Übel der Seele, nämlich die Versuchungen und das Mißfallen Gottes überwinden, da gegen Jesus keine höllische Macht aufkommt und der himmlische Vater an Seinem Sohn stets Wohlgefallen hat. „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe“ (Mt. 3,17). In Ihm ist alles übernatürliche Heil und jede helfende Gnade zu finden. Rufen wir ihn in jeder Versuchung immer und immer wieder an. Wir werden nicht fallen. Jetzt nicht und auch nicht in der Stunde unserer letzten Versuchung auf dem Sterbebett. Auch dabei wird uns der Name Jesus als Stärkung eingeflößt werden. Der Priester wird uns das Kruzifix zum Kuß reichen, mit dem heiligen Öl salben und uns den heilsamen Namen Jesus ins Ohr flüstern, bis wir aus diesem Lebens scheiden. – Man könnte in der Macht dieses Namens auch die leiblichen und zeitlichen Übel vertreiben. Der Name Jesus hilft in jeder Not. Nicht so freilich, daß es nichts mehr zu leiden gäbe. Das Leid wird jedem Erdenpilger erhalten bleiben; dem Sünder zur Bekehrung; dem Gotteskind zur Verähnlichung mit dem Namen Jesu, d.h. mit dem Gekreuzigten Erlöser, damit es im Tod auch dem verherrlichten Jesus gleichgestaltet werde. Aber unter der Anrufung des Namens Jesu kann das Leid doch gemildert werden. Es verliert seine schneidende Schärfe, weil uns der Name Jesus daran erinnert, daß auch Er gerade um uns das Heil zu erlangen, gelitten hat. Sein Name wird in finsterer Leidensnacht zum sinnstiftenden Licht, das uns erkennen läßt, daß in Kreuz und Leid das Heil zu finden ist, weil uns darin Jesus so nahe ist. Jesus ist dem Gläubigen ein Trost, der alle zeitlichen Übel erträglich macht.

Noch jetzt würde der heiligste Name Jesus seine segensreiche, erlösende Macht entfalten, wenn man ihn nur in der rechten Weise zu gebrauchen wüßte. Denn sowenig als die Sonne seit ihrer Erschaffung an Licht und Wärme eingebüßt hat, ebensowenig hat im Laufe der Zeit der Name Jesu etwas von Seiner erlösenden Kraft verloren. Wenn wir nur genug Ehrfurcht, genug lebendigen Glauben und genug kindliches Vertrauen auf Seine heilspendende Macht aufbringen würden. Im Mangel eben gerade darin besteht das hauptsächliche Hindernis und damit der Grund, wenn wir in unserem Leben die erlösende Kraft dieses Namens bisher noch nicht, oder nur so wenig zu spüren bekommen haben. Als Kinder unserer Zeit tun auch wir uns schwer mit dem lebendigen Glauben an die übernatürliche Macht Gottes. Die anhaltende Apostasie, der Zusammenbruch des katholischen Lebens in den letzten Jahrzehnten, das geistige Hieroshima des sog. 2. Vatikanums haben auch an unserem Glauben Spuren hinterlassen. Freilich glauben wir. Wir halten alles für wahr, was die Kirche uns zu glauben vorlegt. Wir glauben auch an die Macht des Namens Jesu. Aber oft mangelt es unserem Glauben an Lebendigkeit. Meist bleibt er ein spröder Akt des Verstandes, ohne unser Herz zu erfassen, ohne unseren Eifer zu entflammen, ohne unseren Willen zu bewegen, ohne unser Leben zu durchdringen und zu bestimmen. Dabei fügt der Herr im Evangelium doch so oft im Anschluß an die Wunder, welche Er in Seinem Namen gewirkt hat, die bedeutsamen Worte an: „Dein Glaube hat dir geholfen“ (Mt. 9, 22; Lk. 18, 42). Rufen wir den Namen Jesu an, nicht aus stereotyper Gewohnheit oder mit einem verschämten Zweifel im Hinterkopf, sondern voll gläubigen Vertrauens; voll lebendigen Glaubens an Seine alles überwindende Macht. Noch einmal sei deshalb gesagt: Wiederholen wir den heiligsten Namen Jesu in der Versuchung immer und immer wieder bis diese weicht. Und wir dürfen mit Gewißheit die Erfahrung machen, die wiederum unseren Glauben stärken wird, daß diesem Name alle helfenden Gnaden enthalten sind, welcher wir bedürfen, um jede gefährliche Situation für unser ewiges Heil zu meistern. Wenn einer diesen Namen zurecht trägt und unter diesem Namen angerufen wird, dann ist allein Er es, der das Heil selbst ist: „Jesus“ – „Gott ist Heil“, „Gott rettet“.

In Ihm allein ist Heil!

Die Menschen müssen sich bequemen und Gott mit diesem Namen anrufen. Es gab Zeiten, in denen die Menschen bald diesen, bald jenen mit dem Namen „Heil“ auszeichnen wollten, nur um damit kundzutun, von wem sie bessere Zeiten erwarteten. Weil es nur eine einzige bessere Zukunft gibt, so muß unsere Parole lauten: Jesus! Gott ist Heil! Allein Er trägt diesen Namen zurecht. Das bedeutet aber auch, daß der Mensch nur in Ihm sein Heil finden kann, so wie es der hl. Apostel Petrus mit großer Freimütigkeit in der heutigen Epistel vor dem Hohen Rat der Juden bekannt hatte: „Es ist in keinem anderen Heil; denn kein anderer Name unter dem Himmel ist den Menschen gegeben, durch den wir selig werden können“ (Apg. 4, 12). Wann wird es auch unserer Zeit endlich dämmern? Statt Gottes Heil aufzurichten reißt man den einzigen Namen, in dem Heil ist, nieder und setzt einen anderen dagegen. Einen luziferischen Namen, der dem trügerischen Lichtengel entsprechend in den Farben des Regenbogens geschrieben ist; der über alle „Licht-Medien“ verbreitet wird und der da lautet: Freiheit, absolute, selbstbestimmte, selbstherrliche Freiheit! Das ist der diabolische Name, unter dem uns die freimaurerischen Ideologen an allen Schaltstellen unserer Gesellschaft das Heil versprechen. Wann werden die Menschen es begreifen, daß sich auch dieser erneute gigantische Versuch dem Heilsnamen Gottes einen anderen Namen entgegenzusetzen, nur als schlechte Kopie erweisen kann, die aller ideologischen Einpeitschung zum Trotz „un-Heil-voll“ bleiben muß?

So sehe wenigstens jeder von uns, daß er zu der kleinen Schar derer gehöre, die heute noch das Knie beugen, d.h. ihren Willen neigen, wenn sie „Jesus“ sagen; und nicht die Faust erhebend skandieren „Ich will nicht dienen“! Sehen wir zu, daß wir zu denen gehören, die glauben, wenn sie „Jesus“ sagen, nicht gescheit daherreden; die ihr Kreuz tapfer und männlich, im Geist der Buße tragen, wenn sie „Jesus“ sagen, nicht im Selbstmitleid ertrinken; die innerlich erfüllt sind vom Reichtum Gottes, wenn sie „Jesus“ sagen, und nicht ihre innere Leere mit den Tröstungen durch fleischliche Genüsse und menschlichen Trost stopfen wollen. Von Jesus und von Ihm allein erwarten wir das Heil. Die Bedeutung Seines Namens verbürgt es uns: „Jesus“ – „Gott ist Heil“, „Gott rettet“. Wer sich zu dieser Glaubensüberzeugung erheben kann, für den hat ein „Jahr des Heils“ begonnen. Amen. 

Fest der Beschneidung des Herrn

Die Bedeutung der Beschneidung Christi

Geliebte Gottes!

Mit der ersten Sünde der Stammeltern waren dem Menschengeschlecht alle Aussichten auf eine glückliche Zukunft verbaut worden. Das Heil war dahin. Nichts Gutes war zu erwarten. Einzig die Ankunft des verheißenen Erlösers konnte das Schicksal des Menschen wenden, konnte eine bessere Zeit heraufführen. So wurde Christus bereits im Alten Testament vom Propheten Isaias als „Vater der Zukunft“ (Is. 9, 6) vorherverkündet. Ja, die Geburt Christi hat eine Zeitenwende heraufgeführt. Mit der Menschwerdung des Gottessohnes hat eine neue Ära begonnen; die Zeit der Erlösung, die Zeit des Heiles. Die Zeitrechnung der gesamten Geschichte wird seit der Heiligen Nacht in „vor Christi Geburt“ und „nach Christi Geburt“ eingeteilt. Das kommt nicht von ungefähr. Die Krippe ist sozusagen die Wasserscheide der Weltzeit. Sie ist es im großen, also im Bezug auf die Menschheitsgeschichte insgesamt und sie ist es im kleinen, „alle Jahre wieder“. Denn am Fuß der Krippe wendet sich jedes Jahr die Zeit. Ein neues Jahr öffnet uns seine Pforten. Eine neue Zukunft beginnt, die uns der neugeborene Welterlöser aufschließt.

Das jüdische Beschneidungsritual

Die Liturgie der Kirche übergeht den Beginn des bürgerlichen Jahres völlig. Das heutige Festgeheimnis konzentriert sich auf die Beschneidung unseres Herrn, die dem jüdischen Gesetz gemäß am achten Tag nach der Geburt eines Jungen vorgenommen werden mußte (vgl. Lev. 12, 2). Dies hatte der Sitte gemäß durch den Vater oder durch einen vom Vater beauftragten Mohel, den Beschneider, zu geschehen und zwar in Gegenwart von mindestens zehn Personen. Der Mohel sprach dabei: „Gepriesen sei der Herr unser Gott, der Seinen Geliebten geheiligt vom Mutterleib an, der ihm Sein Gesetz ins Fleisch gedrückt hat und seine Sehnen bezeichnet mit dem Zeichen Seines heiligen Bundes, zur Aufnahme in den Segen Abrahams unseres Vaters.“ Darauf rezitieren die umstehenden Zeugen den Psalm 64, worin es heißt: „Selig ist der, den Du erwählst und annimmst. Er wird wohnen in Deinen Vorhöfen. Wir werden satt werden von den Gütern Deines Hauses“ (Ps. 64, 5). Zugleich wurde dem Vorläufer des Messias, welchen man bei der Zeremonie unsichtbar gegenwärtig dachte, ein Ehrenstuhl aufgestellt mit den Worten: „Dies ist der Stuhl des Propheten Elias.“ Auf die rituelle Handlung folgte ein festliches Freudenmahl, bei welchem über einem Becher Wein der Name des Kindes verkündet wurde. – Auf diese Weise wurde der neugeborene Junge in den Bund aufgenommen, den Gott mit Abraham schloß. Er wurde der Gemeinschaft der Söhne Abrahams beigesellt, denen Gott die Heiligung verheißen hatte. Menschliche Bindungen und Verträge werden gelöst oder gebrochen. Doch der Bund mit Gott ist unauslöschlich in das Fleisch des Juden eingraviert. Der damit verbundene Schmerz sollte eine Buße sein für die ererbte Schuld. – Soviel zum Ritus und zur Bedeutung der Beschneidungszeremonie.

Beschneidung Christi?

Für uns mag sich dabei jedoch die Frage aufdrängen: Warum hat sich Christus dieser Gesetzesvorschrift unterworfen? Seine Menschheit war durch bereits durch die Person des göttlichen Wortes mit der Gottheit in einer einzigartigen und unüberbietbaren Weise verbunden. Er mußte also nicht erst in den Bund mit Gott aufgenommen werden. Warum unterwarf Er sich dieser demütigenden und schmerzhaften Gesetzesvorschrift, wenn sie Ihn doch gar nichts anging?

Daß sie Ihn nichts anging, ist zweifellos wahr. Denn Er, der in ewiger Wesensgemeinschaft mit dem Vater stand und auch darin verblieb, als Er die menschliche Natur annahm; Er, der Allzeitheilige, bedurfte für sich weder der Aufnahme in das Bündnis und den Segen Abrahams, noch eines äußeren Merkmals zur Erinnerung, noch einer besonderen Heiligung. Die Beschneidung hatte für Ihn etwas erniedrigendes. Denn sie stellte den Allerreinsten in die Reihe der Unreinen. Sie vermengte die Urquelle der Gnade mit dem Elend der Sünder, welche der Begnadigung bedürftig waren. Sie ließ den Sohn Gottes als ein ganz gewöhnliches schuldbares und strafwürdiges Menschenkind erscheinen. Welchen Sinn sollte also die Beschneidung unseres Herrn haben? – Obwohl das göttliche Wort auch acht Tage nach seiner Geburt noch nicht zu uns spricht, so hält Es und dennoch eine beredte Predigt über die Demut. Obwohl das göttliche Kind über dem Gesetz steht, unterwirft sich Christus freiwillig. Obwohl es keine Verpflichtung für Ihn gibt, erfüllt Er, was verlangt wird. Mögen auch wir daran denken, wenn uns bisweilen Dinge im Alltag abverlangt werden, zu denen wir strenggenommen nicht verpflichtet sind und uns, sobald jemand derlei einzufordern wagt, in uns sofort der Stolz oder unser falsches Ehrgefühl hochfährt und dagegen protestieren will. Christus hat sich unterworfen. Nicht weil Er mußte. Mit freiwilliger Bereitwilligkeit hat Er es getan, um uns ein Beispiel zu geben.

Verschiedene Beweggründe

Bei eingehender Betrachtung des Sachverhaltes gelangen wir jedoch zu der Erkenntnis, daß die Beschneidung unseres göttlichen Erlösers, abgesehen von Seinem Demutsbeispiel, auch für Ihn selbst keineswegs eine leere und unsinnige Zeremonie gewesen ist. Sie hatte sogar eine große und tiefe Bedeutung, wenn auch eine ganz andere als für alle anderen jüdischen Jungen zuvor. Die heiligen Väter und Kirchenlehrer geben mehrere Beweggründe dafür an, warum unserer Herr sich der Beschneidung unterwarf. Folgende sechs Motive finden sich bei ihnen. Erstens: Die Beschneidung des Gottmenschen geschah, um uns ein Beispiel zu geben. Nicht bloß das Beispiel der Demut, sondern eines, aus dem wir Ehrfurcht und Gehorsam gegen die göttlichen Satzungen lernen sollen. Das ist gerade für uns Katholiken in der papstlosen Zeit von heute eine wichtiges Beispiel. Die kirchlichen Gebote und alle Vorschriften bzgl. des göttlichen Kultes und der kirchlichen Disziplin sollen nicht wiederwillig, schlampig oder willkürlich, sondern mit Ehrfurcht beobachtet werden, auch wenn keine über uns stehende Autorität über deren Einhaltung wacht. – Einen zweiten Beweggrund dafür, daß unser Herr sich beschneiden ließ, finden wir darin, daß Er den Juden keinerlei Veranlassung geben wollte, Ihn und Seine Lehre später zu verwerfen. Hätte sich Christus dem Gesetz nicht gefügt, so würden Ihn selbst die Besten Seines Volkes als einen, der keinen Anteil an Gott hat, mit Haß und Verachtung von sich gestoßen haben. Taktvolle Schonung fremder Schwachheiten, beschränkter Anschauungen, eigentümlicher Gebräuche, sofern sie mit der göttlichen Offenbarung nicht im Widerspruch stehen und der katholischen Sittenlehre nicht widerstreiten, ist auch Pflicht jedes Katholiken. – Drittens ließ sich der Herr beschneiden, um in weiser Vorausschau auf zukünftige Häresien jeden Zweifel an Seiner wahren und wirklichen Menschheit unmöglich zu machen. Das unveränderliche göttliche Wort ist tatsächlich Fleisch geworden. Der ewige Sohn Gottes hat in Wirklichkeit einen menschlichen, leidensfähigen Leib angenommen. Es handelte sich um keinen Scheinleib, wie später die Sekten der Manichäer, Apollinaristen und alle sonstigen Doketen behaupten würden. Christus hat wirklich im Fleisch gelitten. – Viertens geschah die Beschneidung Jesu, um die Beschneidung der Väter zu heiligen. Diese bezog ihren quasi-sakramentalen Wert im Voraus ebenso von der Beschneidung des Erlösers, wie der gesamte alttestamentliche Opferkult seine genugtuende, reinigende, versöhnende Kraft vom großen Kreuzesopfer auf Golgotha antizipierte. – Fünftens, so lehrt u.a. der hl. Thomas von Aquin, geschah die Beschneidung des Jesusknaben, um das mosaische Zeremonialgesetz außer Kraft zu setzen, wie der hl. Paulus den Galatern erklärte: „Als aber die Fülle der Zeit kam, sandte Gott Seinen Sohn, gebildet aus einem Weibe, untertänig dem Gesetz, damit Er die, welche unter dem Gesetze standen, erlöste“ (Gal. 4, 4 f.). Und schließlich noch einsechster Beweggrund: Damit Christus durch die Beschneidung, welche ja für die sündigen Menschensöhne von Gott angeordnet worden war, deren Sünde auf Sich nehmen und dieselbe an Seinem Leib büßen konnte.

Nicht nur Christus, sondern auch Jesus

Gerade dieses letzte Motiv gibt der Beschneidung Christi einen sehr tiefen Sinn, der einer eingehenderen Betrachtung wert ist. – Unleugbar steht die Beschneidung Jesu in engem Bezug zu Seinem Erlösungswerk. Dadurch wurde Er sozusagen erst qualifiziert und in die Lage versetzt, um das Sühneopfer für die Sünden der gesamten Menschheit sein zu können. – Einerseits ist es absolut gewiß, daß allein ein persönlich Schuldloser, ein Gerechter, dazu befähigt sein konnte, der durch die Sünde verletzten göttlichen Majestät, Ordnung und Gerechtigkeit hinreichend Genugtuung zu leisten. Andererseits war es aber genauso notwendig, daß sich dieser Gerechte in einem Zustand befände, so daß ihn der rächende Fluch der Sünde, nämlich das Leiden und der Tod, auch berechtigterweise (!) erreichen konnte. Der Erlöser mußte unschuldig und zugleich schuldbar, gerecht und zugleich strafwürdig sein. Er mußte ein Mittelding zwischen Heiligkeit und Sünde an sich tragen, welches nach der Erklärung des hl. Augustinus „das äußere Kennzeichen der Sünde, der Schein der Sünde war“. Diesen Anschein der Sünde dokumentiert die Beschneidung, die ja um der Sünde willen eingesetzt worden war. Durch die Beschneidung hat Gott „den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht“ (2. Kor. 5, 21). Auf diese Weise „ist Er zum Fluche für uns geworden …, damit über die Völker der Segen Abrahams käme“ (Gal. 3, 13 f.). – Aufgrund Seiner jungfräulichen Empfängnis und Geburt aus Maria der unbefleckten, makellos reinen Jungfrau stand der Gottmensch bisher als durch und durch gerecht und heilig da. Ihn konnte somit der Zorn Gottes, mit dem Sein Vater die Sünde straft, unmöglich treffen. Es wäre ungerecht und damit Gottes unwürdig gewesen, ohne Grund zu strafen. Wäre es dabei geblieben, hätte Christus kein Leid treffen dürfen. Damit würde aber auch die Sünde nicht gesühnt werden. – Als die unbefleckte Gottesgebärerin in der Heiligen Nacht das göttliche Kind in die Krippe legte, da war Er zweifelsohne „Christus“, d.h. der mit der Gottheit gesalbte Mensch. Aber er war noch nicht „Jesus“, d.h. Er war noch nicht Heiland, noch nicht Erlöser von den Sünden (vgl. Mt. 1, 21). Im Augenblick der Beschneidung jedoch, die wie gesagt nur für Sünder angeordnet worden war, erscheint der Herr nach den Worten des hl. Bernhard von Clairvaux als ein Sünder vor Gottes Auge. Er läßt sich die Sünde ins Fleisch einschreiben. Sein Leib wird wie ein Schuldschein, auf dem die Sünde der Menschheit eingeschrieben steht, und wird so vom Blick des göttlichen Zornes getroffen. Der hl. Augustinus sagt, es besteht zwischen Gott und dem Bösen ein solcher Gegensatz, daß selbst der Anschein der Sünde, d.h. ihr Wahrzeichen in Form des Beschneidungsmales am Leib, genügt, um den unendlich Heiligen und Gerechten zum Todesurteil über Seinen eingeborenen Sohn zu bewegen.

Durch Seine wunderbare Empfängnis und Geburt, durch die von der hypostatischen Vereinigung geforderte absolute Sündlosigkeit stellte der Heiland bisher einen Menschen ganz eigener Art dar. Er hatte wohl dieselbe Natur wie andere Menschen, aber bislang fehlte Ihm die Verbindung mit der Erbsünde, die bei Maria durch das Wunder der Unbefleckten Empfängnis im Hinblick auf den kommenden Erlöser unwirksam gemacht worden war. Bislang war Christus also in keiner Weise ein Mitglied der schuldbeladenen Menschheit. Erst durch das Zeichen der Beschneidung wurde diese Verbindung hergestellt. Durch die Beschneidung nahm Er freiwillig die Zugehörigkeit zum Samen Abrahams an, der wie alle Menschen Träger der Erbsünde war.

So war nun alles für einen Erlöser Notwendige in Ihm vereint. Er war unendlich heilig, ja aufgrund Seiner göttlichen Person die Heiligkeit selbst. Damit war er fähig, Gott eine hinreichende, würdige und in jeder Hinsicht vollkommene Sühne zu leisten. Durch das Beschneidungsmal stand Er juridisch vor Gott und den Menschen als Glied der strafwürdigen, erlösungsbedürftigen und sich nach Erlösung sehnenden Menschheit da. Auf diese Weise wurde Er eigentlich der Mittelpunkt und die Krönung des Alten Bundes und zugleich Begründer des Neuen. So wurde Er der neue Adam, der die Geschicke der ganzen Menschheitsgeschichte wendet. – So betrachtet wird uns einsichtig, daß die Beschneidung unseres Herrn am achten Tag eine herausragende Bedeutung für Ihn und für uns hatte; und daß wir allen Grund haben, dem göttlichen Kind dafür in aufrichtiger, dankbarer Liebe zugetan zu sein. Denn im Geheimnis des heutigen Festes tritt uns aufs neue Seine göttliche Liebe in Form Seiner gütigen Herablassung entgegen, in der sich der Gottessohn nicht scheute, auch das demütigende, letzte Erfordernis, das zur Erlösung nötig war zu erfüllen, nämlich sich zu unserem sündhaften Geschlecht zurechnen zu lassen und sich so gleichsam als Erlöser vollkommen zu habilitieren. – In diesem Sinn versteht man auch, warum jedes neue „Jahr des Herrn“ mit diesem Tag beginnt.

Der Wert der Seele

Bei der Beschneidung floß erstmals das kostbare Blut des Erlösers, wodurch gleichsam der Beginn Seines Erlösungsopfers markiert wird. Im Hebräerbrief erklärt der Völkerapostel: „Mit Blut wird ja fast alles gereinigt nach dem Gesetz, und ohne Blutvergießen gibt es keine Vergebung“ (Heb. 9, 22). Da nun das Agnus Dei, das göttliche Opferlamm, unter dem Messer des Beschneidenden blutete, erfüllt Er die bezeichnete Bedingung zur Vergebung, Reinigung und Heiligung, weshalb sich die Worte des Moses in dem Blutvergießen des Jesuskindes seinen Vollsinn erlangen: „Das ist das Blut des Bunde, den der Herr mit euch geschlossen“ (Ex. 24, 8). Doch ist mit den ersten Blutstropfen nur der schmerzliche Auftakt Seines Opfers markiert, welches von Ihm dreiunddreißig Jahre hindurch bis zur Vollendung am Kreuz getreulich bis ans Ende zu führen sein wird. So ist das Leben Jesu von Seinem kostbaren Erlöserblut eingerahmt.

Der hl. Augustinus ruft uns zu: „Siehe, wie teuer Er deine Seele erkauft hat, und du wirst zur Einsicht kommen, was sie für ein Gut ist.“ Für eine geringfügige Sache hat der Gottmensch Sein kostbares Blut nicht vergossen. Das wäre Seiner nicht würdig. Da Er aber für das Heil unserer Seele Sein Blut wirklich vergossen hat, müssen wir trotz unserer Armseligkeit daraus folgern und auch davon überzeugt sein, daß unsere Seele im Maßstab Gottes einen immensen Wert besitzt. Wenn aber Gott unsere Seele derart hochschätzt, dann müssen auch wir selbst sie in derselben Weise wertschätzen und dafür sorgen, daß wir sie nicht leichtfertig mit dem Schmutz der Sünde beflecken. Ansonsten versündigen wir uns nicht nur gegen unsere Seele, die uns Gott anvertraut hat und für die Er von uns Rechenschaft einfordern wird, sondern wir versündigten uns auch am Blute Jesu Christi, das für die Erlösung unserer Seele geflossen ist. In derselben Weise ermahnt uns auch der hl. Petrus: „Führt einen gottesfürchtigen Wandel in der Zeit eurer Pilgerschaft! Ihr wißt ja, daß ihr nicht mit vergänglichen Gütern, mit Silber und Gold, von euren törichten, von den Ahnen überkommenen Wandel losgekauft wurdet, sondern durch das kostbare Blut Christi, dieses makellosen und fleckenlosen Lammes“ (1. Petr. 1, 17-19).

Beschneidung des Herzens

Die Zeit unserer Pilgerschaft wurde verlängert. Ein neues Jahr beginnt. Wie notwendig ist es schon vom ersten Tag an die Wertmaßstäbe in unserem Leben wieder zu kalibrieren und mit denen Gottes in Übereinstimmung zu bringen. Wenn schon der göttliche Erlöser nicht vor dem Opfer der Beschneidung zurückschreckte und uns so von der Beschneidung unseres Fleisch entbunden hat, so sind wir doch alle, auch über die Grenzen der Geschlechter hinweg verpflichtet zur „Bescheidung der Herzen“, wie es der hl. Paulus nennt. Diese Verpflichtung wird nur zu sehr vernachlässigt, so daß die Mehrzahl derer, die sich Christen nennen, „Unbeschnittene am Herzen“ (Apg. 7, 51) sind. Was ist damit gemeint? Der hl. Paulus erklärt, daß diese Beschneidung vorzunehmen ist „nicht äußerlich am Fleische … sondern … im Innern und die Beschneidung des Herzens, nämlich dem Geiste und nicht dem Buchstaben nach“ (Röm. 2, 28 f.); nicht wie eine, „die mit der Hand geschehen durch Hinwegnahme des Fleisches am Leib“ (Kol. 2, 11), sondern deren Wesen die Entsagung der Begierlichkeit des Fleisches, überhaupt der Abtötung des verderbten Eigenwillens bildet. Eine solche geistige Beschneidung, deren Typus eben die der Juden war, macht uns Jesus zur strengen Pflicht! Eindringlich fordert Er: „Wenn einer mir nachfolgen will, so verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt. 16, 24). Und an anderer Stelle sagt Er: „Jeder wird mit Feuer gesalzen, und jedes Opfer wird mit Salz gesalzen“ (Mk. 9, 48). Und der hl. Paulus fügt hinzu: „Die aber, welche Christi sind, haben ihr Fleisch gekreuzigt samt den Lastern und Gelüsten“ (Gal. 5, 24). Das ist unser Jahresprogramm. Wir müssen zum Messer des Eifers greifen und alles von unserem Herzen wegschneiden, was im Herzen eines Gotteskindes keinen Platz haben kann. Das geschieht, wenn wir den Eigenwillen überwinden durch Gehorsam. Den Eigennutz und die Selbstsucht durch vollständige Hingabe an Gottes höhere Ehre und Seinen göttlichen Willen, wie Er sich im Gebot äußert, unter Hintansetzung unserer eigenen Interessen und Wünsche. Den Hochmut durch freiwillige Erniedrigung. Die Sinneslust durch das geduldige Ertragen des Schmerzes. Um uns die dazu notwendige übernatürliche Gnade zu verdienen, damit wir die Beschneidung unserer Herzen überhaupt vermögen, ließ unser Herr die schmerzliche Handlung an seinem heiligsten Leib vornehmen. Sein damals vergossenes Blut soll uns Balsam sein für die brennenden Wunden, aus denen unser Herz infolge der geistigen Beschneidung blutet! Die Tränen, die Er damals weinte, sollten uns wie ein starker Wein mutig machen, damit wir schonungslos gegen unsere schlechten Neigungen zur Tat schreiten, und sie sollen uns gleichzeitig tapfer machen im Ertragen das damit verbundene Weh. In den wiegenden Armen der Gottesmutter fand das Jesuskind in Seinem Schmerz Geborgenheit und Trost. So dürfen auch wir uns zu Maria flüchten. Sie wird uns in allem Leid trösten und aufrichten.

Ein Blick auf die Schar der Heiligen aus allen Ständen, Lebensaltern und Geschlechtern sollte uns überzeugen. Die Erstlinge des Blutes Jesu Christi sind nicht vergeblich geflossen. Freudig haben sie alle die Herzensbeschneidung an sich vollzogen. Jedem Menschen, der guten Willens ist, wurde schon am heutigen Tag von unserem göttlichen Heiland die Gnade verdient, die er braucht, um ein wahrheitsliebendes, demütiges, von der Welt losgelöstes, keusches und nur auf das was Gottes ist, hingerichtetes Herz zu empfangen. Lassen wir das Geheimnis der Beschneidung auf unser Herzen wirken. Erkennen wir daraus, welche Liebe wir Jesus schuldig sind und was sie von uns fordert: Die Beschneidung des Herzens. Mit dieser wollen wir das neue „Jahr des Heiles“, welches uns der „Vater der Zukunft“ heute aufgestoßen hat, beginnen. Wir wollen sie das Jahr über fortsetzen und – wenn es Gottes Wille sein sollte – in diesem Jahr glücklich vollenden. Amen.

Fest des hl. Evangelisten Johannes

Der Lieblingsjünger

Geliebte Gottes!

Der hl. Apostel und Evangelist Johannes begegnet uns in der christlichen Kunst, sowohl in der Malerei als auch in der Bildhauerei auf vielerlei Weise. Er wird dargestellt im Kreis der drei anderen Evangelisten – Matthäus, Markus und Lukas – mit einem Schriftrolle und einer Feder in Händen und dem Adler zu seiner Seite. Der Adler ist ja das Tier, welches die Eigenart des Johannes-Evangeliums so treffend charakterisiert. Gleichsam wie ein Adler schwingt sich der Evangelist zu den höchsten Höhen der göttlichen Geheimnisse empor, führt den Leser durch seine kreisenden Gedanken immer tiefer darin ein, und fördert durch seinen gestochen scharfen Adlerblick vieles zutage, was die Synoptiker in ihren Evangelien zuvor übergangen hatten.

Dann kennen wir die Darstellung des heiligen Johannes, wie er auf der Insel Patmos, auf einem Stein sitzend, die Geheimnisse der Endzeit in einer Apokalypse, d.h. in einer „Enthüllung“, am Firmament gezeigt bekommt, und diese in seiner Geheimen Offenbarung, dem letzten Buch der Heiligen Schrift getreulich festhält.

Wir finden ihn im Kreis der zwölf Apostel dargestellt, meist mit einem Kelch in der Hand, über dem sich eine Schlange windet. Dies geht auf eine Begebenheit aus dem Leben des Heiligen zurück. Heiden forderten den Apostel heraus und sagten, sie wollten den Glauben an Christus nur annehmen, wenn er einen Gifttrank ohne Schaden trinken würde. Johannes willigte ein, schlug das Kreuzzeichen über den dargebotenen Kelch, leerte ihn und blieb trotz des Giftes unversehrt. Das überzeugte die Heiden von der Wahrheit der katholischen Religion, und sie ließen sich taufen. Dieses Wunder ist der Grund, warum jedes Jahr an seinem Festtag der Johanniswein gesegnet wird.

Der hl. Johannes begegnet uns dann natürlich sehr häufig in den Darstellungen der Kreuzigung, wobei er dort als einziger der Apostel unter dem Kreuz Christi stehend zu sehen ist, während er aus dem Mund des scheidenden Christus dessen letzen Willen vernahm: „Sohn, siehe da, deine Mutter“ (Joh. 19, 27), und ihm auf diese Weise stellvertretend für alle Christgläubigen die allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria zur Mutter gegeben wurde.

Johannesminne

Eine der schönsten Darstellungen des hl. Evangelisten Johannes dürfen wir jedoch in der sogenannten „Johannesminne“ erblicken, die ja auch im heutigen Evangelium Erwähnung findet. Diese Darstellung zeigt den Lieblingsjünger beim letzten Abendmahl, wie er an der Brust des Heilandes ruht. Am bekanntesten ist vielleicht die Johannesminne von Heilig Kreuztal. Johannes sitzt zur linken Seite Jesu. Sein Haupt ist wie im Schlaf herabgesunken an die Brust des Herrn. Jesus hält den Apostel mit der Linken umfangen, während Er Seine rechte Hand mit der Rechten des Apostels vereinigt. Die Schönheit dieser Darstellung liegt gerade darin, weil aus ihr die innige Freundschaft, die tiefe Vertrautheit und friedvolle Geborgenheit dieses Jüngers bei seinem Herrn und Erlöser so deutlich hervortritt. In der Johannesminne finden wir kunstvoll dargestellt, wonach sich jede fromme Seele seht: nämlich nach der Freundschaft mit Gott, nach dem Ruhen an Seinem Heiligsten Herzen. Um dorthin zu gelangen, müssen wir dem Beispiel des hl. Johannes nacheifern. Der Lieblingsjünger lehrt uns, wie wir unseren Herrn zum Freund gewinnen können.

Die Reinheit

Da ist vor allem die Reinheit des hl. Johannes zu nennen. Christus liebte den jüngsten seiner Apostel deshalb am meisten, weil er der reinste von ihnen war. Die Tugend der Keuschheit ist Jesus überaus angenehm. Er ist der göttliche Bräutigam, der sich am Wohlgeruch einer reinen jungfräulichen Seele erfreut (vgl. Hld. 4, 10 f.). Er ist der König jenes Reiches, welches der hl. Johannes auf Patmos geschaut hat und von dem er uns mit Bestimmtheit zu berichten weiß, daß „Nichts Unreines eingehen wird“ (Offb. 21, 27) in das Himmelreich. Der Lieblingsjünger sah dort jungfräuliche Seelen und schreibt von ihnen: „Es sind jene, die sich mit Frauen nicht befleckt haben; denn jungfräulich sind sie. Sie folgen dem Lamm wohin es geht. Sie wurden losgekauft aus den Menschen als Erstlinge für Gott und das Lamm“ (Offb. 14, 4). Wenn wir das irdische Leben unseres Herrn überblicken, so fällt uns auf, daß es durchweg jungfräuliche und keusche Menschen waren, die in Seinem unmittelbaren, persönlichen Umfeld zu finden waren. Die Heiligkeit Seiner Person, die Heiligkeit Gottes, verlangte es, daß diejenigen, die sich Ihm in vertrauter Weise nahen, Ihm an Reinheit ähnlich sind. – Der Gottmensch wollte keine andere Mutter als eine Jungfrau haben. Eine Jungfrau, deren Reinheit selbst die Engel bewundern. Sie, die Unbefleckte, war ja nicht nur körperlich ohne Makel, selbst der Glanz ihre Seele wurde von keinem Schatten der Sünde getrübt. Strahlend rein ist sie und voll der Gnade. Deshalb rufen wir Maria in der Litanei als die „reinste Jungfrau“ und als „Königin der Jungfrauen“ an. Maria war Jungfrau vor der Geburt. Welch einzigartiges Wunder! Sie war Jungfrau in der Geburt. Und sie war Jungfrau nach der Geburt. Ihr kommt das wunderbare und einzigartige Privileg zu, Mutter zu sein und dabei doch der Jungfräulichkeit nicht verlustig gegangen zu sein. – Des weiteren findet sich der heilige Joseph als keuscher Bräutigam Mariens dreißig Jahre lang an der Seite Jesu. Nur die Reinsten sind Ihm nahe, berühren Ihn, haben vertrauten Umgang mit Ihm. Das Haus von Nazareth, in dem der Gottessohn aufwuchs, war durchdrungen von einer Atmosphäre der Reinheit und Heiligkeit. – So ist es nicht erstaunlich, daß der hl. Johannes gerade wegen seiner Reinheit einer besonderen Freundschaft mit Jesus für würdig erachtet wurde. Auch der Apostel hat die jungfräuliche Unschuld durch den ganzen Lauf seines Lebens unversehrt bewahrt. Und das zu einer Zeit, wo deren Vortrefflichkeit von sehr wenigen Menschen erkannt wurde. So kam es also nicht von ungefähr, daß Jesus gerade ihm, dem reinsten Seiner Jünger, unter dem Kreuz die Gottesmutter Maria anvertraute. Die Jungfrau der Jungfrau. Seine Seele war rein wie ein Kristall und deshalb überhaupt erst dazu in der Lage, das Licht der göttlichen Wahrheit und der heiligsten Geheimnisse zu fassen, ehe er sie auf Antrieb und unter dem besonderen Beistand des Heiligen Geistes in die Worte seines Evangeliums kleidete. Christus hat den hl. Johannes nicht nur an Seiner Brust ruhen lassen, sondern ihm auch die tiefsten Geheimnisse Seines göttlichen Herzens eröffnet. So wie es nur der Freund gegenüber seinem Freund zu tun pflegt.

Vorzüglichkeit der Reinheit

Daher versteht es sich von selbst, daß auch wir, die wir um unseres Seelenheiles willen Jesus zum Freund gewinnen müssen, die Tugend der Keuschheit üben müssen. Jeder ist verpflichtet, die Keuschheit seinem Stand entsprechend zu üben. Je vollkommener diese Tugend in einer Seele besteht, d.h. je vollkommener eine Seele allein Gott lieben und besitzen will und deshalb darauf verzichtet, von einem Menschen in besonderer Weise geliebt zu werden, und auch darauf, einen anderen Menschen in besonderer Weise zu lieben, um so vollkommener wird sich Jesus einer solchen Seele schenken, um so näher wird Er sie an Sein Herz ziehen. Er wird sie mit einer besonderen Vertrautheit erfreuen. Er wird sie erleuchten im Verständnis der Glaubensgeheimnisse. Er wird sie führen auf dem Weg zur Vollkommenheit. Und diese Seele wird Ihm freudig nachfolgen, wohin auch immer Er sie führen mag. Darin besteht der Adel und die Vorzüglichkeit der Jungfräulichkeit. Deshalb rät der hl. Paulus denen, die sie halten könne, zu sie zu halten: „Wegen der Jungfrauen habe ich kein Gebot vom Herrn, aber einen Rat gebe ich, … wer seine Jungfrau verheiratet, tut gut, wer sie aber nicht verheiratet, tut besser“ (1. Kor. 7, 25.38).

Schamgefühl und Schamhaftigkeit

Es ist wahr: Die Tugend der Keuschheit erfordert eine sorgfältige Pflege und große Wachsamkeit. Sie gleicht einem Gefäß aus hauchdünnem Kristallglas, das durch jeden Hauch getrübt wird, das sehr leicht zu Bruch geht, wenn man unachtsam damit umgeht. Sie gleicht einer schneeweißen Lilie, die schon unter der leisesten Berührung leidet. – Zur Bewahrung der Keuschheit ist vor allem die Schamhaftigkeit notwendig. Der hl. Thomas von Aquin lehrt, daß die Schamhaftigkeit auf dem Schamgefühl aufbaut. Das Schamgefühl ist die natürliche Scheu, sich vor anderen verächtlich zu machen. Es treibt uns ganz allgemein dazu an, alles zu verbergen, was uns peinlich ist; was uns vor anderen Menschen herabwürdigt. Die Schamhaftigkeit geht über das ganz natürliche Schamgefühl hinaus. Sie ist eine sittliche Vollkommenheit, mit welcher der Mensch nicht nur das zu verbergen strebt, was peinlich, niedrig, häßlich und abstoßend ist, sondern auch manches an und für sich Vollkommene, Anmutige, Anziehende und Schöne verbirgt, damit es nicht entweiht, herabgewürdigt und verletzt werde. 

Die Unkeuschheit

Die Menschen unserer Zeit haben vielfach nicht nur die Schamhaftigkeit, sondern auch jedes Schamgefühl verloren. Die moderne Welt ist eine dreckige, stinkenden Kloake geworden, umschwirrt von Fliegenschwärmen, die in den Regenbogenfarben schillern. Die meisten Menschen kennen den Wert der Keuschheit nicht und setzen deshalb die Reinheit ihrer Seele so leichtfertig zahlreichen Gefahren aus. Andere halten es schlicht für unmöglich, keusch zu leben. Sie üben weder behutsame Vorsicht noch gebrauchen sie die notwendigen Mittel, um das Fleisch zu bändigen. Deshalb ist das Laster der Unkeuschheit so weit verbreitet und bringt seine fauligen Früchte hervor. Der hl. Thomas zählt ihre Früchte, d.h. die verhängnisvollen Folgen der Unkeuschheit auf. Zuerst führt die Unkeuschheit zur „Blindheit des Geistes“. Ja der Grund, daß die Menschen blind für die Wahrheit und unempfänglich für alles Übernatürliche sind, daß sie gerade das ablehnen und hassen, was richtig ist und empört zurückweisen, was eigentlich gut für sie wäre – der Grund hierfür ist nicht zuletzt in ihrer Unkeuschheit zu finden. Man sehe sich nur um in unserer mit Blindheit geschlagenen modernen Gesellschaft. Man muß nicht lange suchen, um der vorherrschenden geistigen Blindheit der Masse gewahr zu werden. Wie die Lemminge rennen die meisten dem Wahnsinn hinterher. Damit aber nicht genug. Die Unkeuschheit äußert sich auch in der „Verwirrung des rechten Urteils“. Wenn der Mensch für die offensichtlichsten Dinge schon blind ist, dann ist er erst recht außerstande, richtige Schlußfolgerungen aus den allgemeinen Grundsätzen des gesunden Menschenverstandes zu ziehen und auf die Praxis anzuwenden. Wer die Grundrechenarten nicht mehr beherrscht, der kann nicht einmal die einfachste Bruchgleichung auflösen. So ist es möglich, daß der moderne Mensch in so zahlreichen Wiedersprüchen lebt und es nicht einmal merkt. – Als weitere Früchte der Unkeuschheit nennt der Aquinate die „Unüberlegtheit“, die Überstürzung. Wieviele Menschen taumelt doch heute von einer Torheit in die nächste. Sie begehen einen verhängnisvollen Fehler nach dem anderen und verpfuschen so ihr ganzes Leben. – Dann die „Unbeständigkeit“. Heute so und morgen anders, wie es die Laune eingibt. Es gelingt nicht, Regelmäßigkeit und Ordnung im Leben zu schaffen. – Dann die „Selbstsucht“, der Egoismus, die Ich-Bezogenheit. Diese verdorbene Frucht der Unkeuschheit läßt einen Menschen nur auf den eigenen Vorteil bedacht sein, nur seine Interessen verfolgen. Rücksichtnahme und Takt sind Fremdworte für den Selbstsüchtigen. Schließlich zeitigt das ausgewachsene Laster der Unkeuschheit die giftige Frucht des „Hasses gegen Gott“ und endlich die der „Verzweiflung an der ewigen Glückseligkeit“. Am Ende sieht man seine Schandtaten nicht mehr. Man sieht sich selbst nicht mehr. Man sieht den Mitmenschen nicht mehr. Man sieht seinen Gott nicht mehr. So ist dieses Laster nicht bloß ein Weg zur Hölle, sondern stellt schon in diesem Leben ein Bild der Hölle dar, wie es sich im Herzen eines Sklaven der Unkeuschheit findet. Darum warnt uns der hl. Paulus so eindringlich: „Täuscht euch nicht, Gott läßt Seiner nicht spotten. Was der Mensch sät, das wird er auch ernten. Wer auf sein Fleisch sät, wird von dem Fleisch Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, wird von dem Geist ewiges Leben ernten“ (Gal. 6, 7-8).

Mittel, um die Keuschheit zu bewahren

Im Vertrauen auf die Gnadenhilfe Gottes müssen wir auf den Geist säen. Darum müssen wir hinsichtlich unserer Reinheit nicht nur auf unsere Taten achtgeben, sondern auch ganz besonders auf unsere Gedanken, Wünsche und Begierden. Wir müssen unsere Sinne bewachen; unser Reden und auch unsere Umgangsformen prüfen, also auf die Art und Weise achten, wie wir uns anderen gegenüber geben. Gerade in den Umgangsformen herrscht in der modernen Unkultur eine verhängnisvolle Distanzlosigkeit. Alle Unterschiede sind eingeebnet. Es herrscht eine Distanzlosigkeit zwischen Eltern und Kindern, zwischen Lehrern und Schülern, zwischen Vorgesetzten und Untergebenen. Wo aber keine gesunde Distanz besteht, da schwindet auch der Respekt, die Hochachtung, die Ehrfurcht. Und das wirkt sich natürlich verhängnisvoll auf den Umgang mit anderen Menschen hinsichtlich der geschlechtlichen Sittlichkeit aus. Zur Bewahrung der Keuschheit ist eine gesunde Distanz, ein großer Respekt vor dem andern Menschen unbedingt notwendig. – Desweiteren spielt die Kleidung für den Schutz der Reinheit eine große Rolle. Die Kleidung soll schamhaft sein. Sie soll also Schönes, Anmutiges und Anziehendes verhüllen. Einerseits um nicht die Keuschheit anderer Menschen zu gefährden und anderseits um sich nicht begaffen zu lassen und sich auf diese Weise selbst in den Augen anderer herabzuwürdigen. Die Kleidung soll also, ganz im Gegenteil zur heutigen Mode, die Form des Körpers gerade eben nicht betonen und sichtbar machen, sondern verhüllen! – Außerdem müssen nicht nur auf die Art und Weise unseres Umgangs achten, sondern auch mit wem wir Umgang haben. Wir müssen auf der Hut sein vor Menschen, die unsere Keuschheit leichtfertig gefährden. Nicht jeder Freund, nicht jede Freundin ist ein wahrer Freund bzw. eine wahre Freundin. Nicht selten sind die Freunde und der Freundeskreis in Wirklichkeit Verführer und Verderber. Von ihnen gilt das Wort Christi über das Ärgernis: „Hau sie ab und wirf sie von dir!“ (Mt. 5, 30), denn es ist besser für dich, ohne sie in das Leben einzugehen als mit ihnen verdammt zu werden. – Auch bei der Gattenwahl ist die Keuschheit ein Prüfstein für die persönliche Reife und für das Verantwortungsbewußtsein gegenüber dem anderen. Später in der Ehe sollen Mann und Frau einander Gefährten und Helfer sein, daß jeder von ihnen das ewige Heil findet. Diese Gesinnung muß schon vor der Ehe eingeübt werden. Ich muß alles tun, damit das Heil des anderen nicht in Gefahr gerät. Ich muß alle meine Wünsche zurückstellen und die gefährlichen Situationen meiden, nicht nur, insofern sie meine eigene Keuschheit gefährden, sondern auch insofern sie womöglich auch dem anderen Teil Versuchungen bereiten. – Vor allem aber müssen wir die Blicke bezähmen. Die meisten Sünden gegen die Reinheit beginnen beim Anschauen. Man kann keine Feuer löschen, wenn man ständig immer wieder Öl darauf gießt und es auf diese Weise immer anfacht. Ebensowenig wird derjenige, der nicht seine Augen Zaum nimmt die Reinheit seiner Seele bewahren können. Deshalb müssen wir unsere Augen hüten, damit nicht durch unachtsame Blicke, unreine Gedanken in unserem Geist heraufbeschworen werden. Die Augen, sowie die übrigen Sinne, sind die Pforten durch welche die äußere Welt in das Innere unserer Seele eindringt. Wollen wir uns nicht von solchen verunreinigen lassen, so müssen wir ihr den Eingang in unsere Seele verwehren. Insbesondere ist notwendig die Neugierde der Augen zu bezähmen. Denn wenn die Seele, wie der hl. Gregor sagt, so leichtfertig ist, das anzusehen, was die Begierlichkeit reizen kann, so wird sie auch das verlangen, was sie gesehen hat. Um uns unnötige Kämpfe und zahlreiche Niederlagen zu ersparen, müssen wir wie der Dulder Job einen Pakt mit unseren Augen schließen und sprechen: „Ich habe einen Bund mit meinen Augen geschlossen, nicht einmal einen Gedanken auf eine Jungfrau zu richten“ (Job 31, 1).

Seien wir entschiedene Freunde und Liebhaber der Tugend der Keuschheit, welche Jesus so sehr schätzt; welche Er so vielfältig belohnt und an deren Vorhandensein Er so viele Gnaden geknüpft hat. Befleißigen wir uns, die Reinheit der Seele und des Leibes zu üben, damit wir im Leben und im Tod zu der Zahl der Freunde Christi zählen. Bitten wir den Lieblingsjünger, den hl. Johannes, um seine Fürbitte, damit wir uns, seinem Beispiel folgend, der vertrauten Freundschaft mit Jesus würdig erweisen können, und wir einst nach diesem Leben in alle Ewigkeit am Herzen des göttlichen Erlösers ruhen dürfen; so wie wir es in der „Johannesminne“ dargestellt finden. Amen.

Fest der Geburt unsers Herrn Jesus Christus

Gott wird Kind, damit wir Kinder Gottes werden

Liebe Gläubige!

Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Und das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh. 1, 1.14)“ Das sind gewichtige Sätze, die uns beschreiben, was in der Heiligen Nacht geschehen ist. Gott wird Mensch. Der Allerhöchste neigt sich herab zur Erde. Christ, der Retter ist da. Doch in der Freudenbotschaft klingen auch Dissonanzen mit. Da heißt es bei Lukas: „Maria gebar ihren erstgeborenen Sohn, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war“ (Lk. 2, 7). Und auch Johannes spricht davon: „Er kam in sein Eigentum, doch die seinigen nahmen ihn nicht auf“ (Joh. 1, 11). Der Stall, die Krippe, das Stroh. Ein dürftiger Empfang für den ersehnen Messiaskönig, für den Erlöser, für den Sohn Gottes! Für gewöhnlich würden wir uns den Empfang eines neugeborenen Königs anders vorstellen, als es uns die Evangelien berichten. 

Wenn wir an Gottes Stelle gewesen wären …

Ja, aber darf sich Gott denn darüber wundern? Woher hätten die Bewohner Bethlehems auch wissen sollen, wer da eigentlich zu ihnen kommt? Zu einfach, unscheinbar und bescheiden ging das Geschehen der Heiligen Nacht vonstatten. Wenn wir an Gottes Stelle gewesen wären, dann wäre die Geburt des Gottessohnes im Fleische ganz anders verlaufen. Zuerst einmal hätten wir eine ganz andere Zeit gewählt, nicht die Antike, sondern eher unser heutiges Kommunikationszeitalter mit all seinen technischen Hilfsmitteln, um ein Großereignis von diesem Format öffentlichkeitswirksam zur Geltung zu bringen. – Wir hätten einen anderen Ort gewählt. Nicht das unbedeutende Städtchen Bethlehem, sondern eine wichtige Metropole, eine Weltstadt; als Eltern ein weltbekanntes und möglichst beliebtes Königspaar, nicht unbekannte, arme Leute. – Ja, wir hätten alles ganz anders gemacht! Vielleicht wäre es so abgelaufen, wie etwa im britischen Königshaus, wenn sich dort Nachwuchs einstellt. Sofort nach der Niederkunft twittert die frohe Kunde schon durchs Netz. Die Online-Nachrichten-Dienste der ganzen Welt schalten einen Liveticker. In Sekundenschnelle sind die Journalisten auf dem Globus informiert. Ob ein „Prinz“ oder eine „Prinzessin“ zur Welt kommt, ist für gewöhnlich schon Monate vor der Geburt bekannt, so daß es in diesem Punkt keine Neuigkeit zu verbreiten gibt. Aber Hauptsache: „Das Kind ist da.“ Die Nachricht wird von der Presse aufgegriffen und in Zeitungen oder Hochglanzmagazinen verbreitet. Bei den Fernsehnachrichten am Abend wird selbstverständlich der Korrespondent vor Ort aus London mit dem Buckingham-Palast im Rücken zugeschaltet und bis ins kleinste befragt: wie die Geburt genau verlaufen sei, wie sich die Mutter fühle, wie groß und schwer das Kind sei, wie des Prinzgemahls erste Reaktion war, dann vielleicht auch welchen Hut die Queen trug, als man ihr die Nachricht überbrachte. – Die Welt würde gespannt die ersten Bilder des glücklichen Elternpaares mit dem Neugeborenen auf dem Arm erwarten. In den Online-Kommentaren könnten die Menschen aus allen Herrenländern bequem ihre Glückwünsche aussprechen oder einfach nur die Bild „liken“. – Die Geburt eines künftigen Königs wäre so in aller Munde und allen bekannt.

Gott handelt anders

Gott ist Gott. Er handelt ganz anders. „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr“ (Is. 55, 10). Doch was wollte Er mit der Geburt in einem Stall bezwecken? Das haben sich vielleicht auch Maria und Joseph gefragt. Sie hatten die Geburt des Jesuskindes vielleicht in Nazareth vorbereitet. Die Wiege war zusammengezimmert. Die Windeln lagen bereit. Da wird auf einmal ein kaiserlicher Erlaß bekanntgegeben. Alle haben sich auf Befehl Kaiser Augustus an ihren Geburtsort zu begeben, um sich dort in Steuerlisten eintragen zu lassen. – Alle Vorbereitungen waren umsonst. Was wird werden? Wo wird das göttliche Kind geboren? Maria überläßt sich der göttlichen Vorsehung, nimmt die Windeln mit und begleitet den hl. Joseph nach Bethlehem. Und auch dort ist alles ganz anders gekommen, als sich die allerseligste Jungfrau und ihr reinster Bräutigam die Erfüllung der Botschaft Gabriels vorgestellt hatten: „Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben“ (Lk. 1, 32). – Da ist Sein Königsthron: Die Krippe. Sein Königsbett: Das Stroh. Sein Königsschloß: Der Stall. Sein Königshof: Ochs und Esel. Gabriel sagte: „Er wird herrschen über das Haus Jakob in Ewigkeit“ (ebd.) Aber Sein Volk weist Ihm die Türe. Kein Platz findet sich für ihn in der Herberge.

Gott wird Kind

Trotzdem ist Er gekommen als König. Als König in der Davidstadt. Er braucht die Menschen nicht dazu. Was niemand dachte, geschieht! Er wird den Thron seines Vaters David tatsächlich erben. Er ist König. Die Engel sind seine himmlischen Boten, die seine Geburt verkünden. Sein wahres Volk sind die Hirten. „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter Geboren, Christus der Herr“ (Lk. 2, 11). Das Reich Gottes ist gekommen! Das Licht leuchtet in der Finsternis. Die Prophetie ist erfüllt: „Siehe die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären; dem wird sie den Namen Emanuel geben – das heißt: ‚Gott mit uns‘“ (Is. 7, 14). Die Verheißung wurde eine Tatsache! Seit dieser Nacht ist Gott mit uns. Das Wort ist Fleisch. Gott ist Mensch. Gott ist Kind geworden! Schon beim Propheten heißt es: „Ein Kind wird uns geboren, ein Sohn wird uns geschenkt, auf dessen Schultern Herrschaft ruht. Sein Name heißt Wunderbarer, Ratgeber, Starker, Gott, Vater der Zukunft, Friedensfürst“ (Is. 9, 6). Auch der Weihnachtsengel verkündet den Hirten den menschgewordenen Gottessohn als Kind: „Ihr werdet ein Kindlein finden, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend“ (Lk. 2, 12). Der Gottessohn ist Kind geworden. Gott ein Kind!

Blicken wir in die Krippe: Jesus kommt als Kind! Jesus, das göttliche Wort, war von Ewigkeit im Herzen des Vaters, von niemand erkannt. Doch Gott hat Sein Wort, daß er von Ewigkeit zu Ewigkeit ausspricht im Fleische niedergeschrieben. Gottes unendliches Wort hat sich kurz gemacht. So kurz, daß es in die bescheidene Krippe hineinpaßt. Gott kann man nicht sehen, als Kind ist er sichtbar geworden. Gott war fern von uns, jetzt ist er uns nahe. – Er wird Mensch, damit wir ihn berühren. Er wird klein, damit wir ihn aufnehmen. Er wird demütig, damit wir uns Ihm anschließen. Gott ist Kind, damit wir den Unbegreiflichen anfassen und betasten können.

Ein Kind, insbesondere ein kleines Kind ist immer der Liebling aller. Man muß es einfach lieben! Es ist so klein und hilflos. Man braucht vor ihm keine Angst zu haben. Wenn Gott ein Kind ist, muß man Ihn lieben! Weil Gott uns liebt, will Er bei uns bleiben. Er ist Emanuel als Kind und auch in der Gestalt des Brotes in der Er in unser Herz kommen will. Es ist wahr geworden, was der hl. Paulus sagt: „Erschienen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes unseres Heilandes“ (Tit. 3, 4). Schande über uns, wenn wir Ihn nicht lieben! Wenn wir Ihm den Weg der Erlösung und des Heils den Er uns zeigt, nicht folgen wollten.

Kinder Gottes

Jesus zeigt uns den Weg zum Heil. Er ist der Weg (vgl. Joh. 14, 6). Der Sohn Gottes wird Kind, damit wir Kinder Gottes werden. Schauen wir auf sein Beispiel. „Allen, die ihn aufnahmen, gab er die Macht Kinder Gottes zu werden“ (Joh. 1, 12). Nehmen wir Ihn auf in uns. In unseren Verstand, durch den übernatürlichen Glauben. In unser Herz, durch das Allerheiligste Sakrament. In unsere Seele, durch die heiligmachende Gnade. Machen wir Ihm alles nach: wie Er betet, wie Er gehorcht, wie Er sanftmütig und demütig ist, wie Er die Menschen liebt, wie Er arm und keusch ist, wie Er leidet und stirbt, um „allen, die ihn aufnehmen“ in Sein ewiges Reich hinein zu helfen. Jesus zeigt uns wie wir Kinder Gottes werden. 

Wickelkind

Es heißt von Jesus, daß Er in Windeln gewickelt wurde (vgl. Lk. 2, 7). Ein Kind in Windeln ist schwach und hilfsbedürftig, ohne Macht und Kraft. Es muß sich legen, nähren, betten, bedienen und tragen lassen, wie seine Mutter es will. Es muß sich fügen und gehorchen. – Gott kam nicht mit Gewalt zu den Menschen, sondern in Schwachheit. Es ist gut, wenn wir gerade dann daran denken, wenn wir uns oft so ohnmächtig fühlen gegenüber dem Siegeszug der Feinde der Kirche, gegenüber den beängstigenden Entwicklungen in der gleichgeschalteten Politik, in unserer, vom Christentum abgefallenen, Gesellschaft aber auch gegenüber unseren persönlichen Schicksalen. Auch darin findet sich die Ohnmacht des Wickelkindes. Der Teufel flüstert uns ein: „Ihr werdet sein wie Gott“ (1. Mos. 3, 5) groß, stark und mächtig. – Jesus mahnt uns: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen“ (Mt. 18, 3). Nicht groß sein wollen, sondern klein! Groß sein wollen, führt zu Größenwahn. Der Größenwahn beraubt uns der „Freiheit der Kinder Gottes“ und legt uns die Ketten der „Knechtschaft Satans“ und die Fesseln der Sünde an.

Ein kleines Kind in Windeln, vor allem zur Zeit Jesu, sieht wirklich aus wie ein kleiner Gefangener. Wie mit Fesseln gebunden kann es sich nicht bewegen. Ein Bild für uns Menschen! Der Teufel hält den Menschen gefesselt und gebunden, er kann sich aus eigenen Kräften nicht befreien, kann sich nicht selbst erlösen. Der Mensch ist wie der verlorene Sohn im Gleichnis (vgl. Lk. 15, 11-32). Er hat sich an einen fremden Herrn verkauft und hütet jetzt die Schweine – d.h. er ist zum Diener seiner Leidenschaften und Begierden geworden –, ohne selber dabei satt zu werden. Auch Jesus liegt in den Windeln gebunden, wie ein Gefangener in der Krippe. Er läßt sich binden, wiegen und tragen von Menschen, wie von einem fremden Herrn. In Wahrheit ist er jedoch wie kein anderer gebunden, durch den Willen des göttlichen Vaters, der Seinen Lebensweg minutiös durch die Propheten vorherbestimmt hat. Das ganze Leben des göttlichen Sohnes ist gebunden durch den Ratschluß des Vaters. Er läßt Sein Leben auf diese Wese gehorsam nach vom göttlichen Willen formen. So ist Er der Gottesknecht, der den Menschen durch Seinen Gehorsam aus der Knechtschaft der Sünde befreit. Er begab sich in Knechtschaft, um uns loszukaufen. – Denken wir an das Beispiel des Gehorsams, wenn wir Jesus in Windeln gewickelt sehen. Denken wir an den Gehorsam, den auch wir üben müssen, indem wir uns vom Willen Gottes, von Seinem Gesetz, von Seiner Vorsehung binden und unser Leben nach Seinen Grundsätzen formen lassen. Dann werden wir nicht nur Kinder Gottes heißen, sondern es auch sein.

Krippenkind

Das Jesuskind liegt in einer Futterkrippe – ganz arm. Vor Bethlehems Mauern, in denen kein Platz für Ihn war litt Er im Stall äußerste Armut. Auch das ist ein Bild für uns, die wir seit der Sünde Adams ein verarmtes Geschlecht sind! Die ersten Menschen hatten Gott verlassen und ihr Glück bei den Früchten des verbotenen Baumes gesucht. Voll Lust und Begierde haben sie sich auf die weltlichen Genüsse gestürzt und sich an ihnen vergiftet. – Jetzt sind sie arm, elend und verbannt, wie der verlorene Sohn. Das himmlische Erbe ist verpraßt. Es ist kein Platz mehr für den Menschen im himmlischen Vaterhaus. 

Jesus kommt als armes Kind. Er verzichtet auf alle Herrlichkeit des Himmels und auf alle Bequemlichkeit der Welt, auf den Königsthron, die goldene Wiege, auf den Palast und die Ehrengarde, auf die Glückwünsche der Volksvertreter und aller Regierungen der Welt. Er wird arm, ehrlos und ausgestoßen und lehrt uns damit: Auch in der Armut kann man glücklich sein. Betrachten wir nur die unbefleckte Gottesmutter und hl. Joseph. Eines genügt zum Glück: Gott! Gott allein! Gott lieben. Gott anbeten, Ihm gehorchen, Ihm allein dienen. Wer Gott hat, der hat alles! Wer zu Gott zurückkehren will, muß Ihn zu seinem einzigen Schatz erwählen. Deshalb ist Christus arm geworden, damit wir arm werden und als wahre Gotteskinder einzig Gott begehren. – Deshalb wurde er arm, damit wir reich würden. Er ist ein Menschensohn geworden, damit die Adamssöhne Kinder Gottes werden. Damit aus Sklaven Freie, aus Sündern Gerechte, aus Knechten Freunde würden.

Das Wunder von Weihnachten

Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch Gott werde!“ ruft der hl. Augustinus. Jetzt wird uns klar, warum Gott alles so schlicht und einfach gemacht hat. Die Krippe ist so reich, weil sie klein und arm ist. Sie ist so reich an Lehren für uns! Doch weil sie klein ist, würde menschlicher Prunk und Glanz all das verdecken, was Gott Großes und Großartigeshineingelegt hat: Gott ein Kind. Nehmen wir also an, was Gott uns bietet. Nehmen wir Christus und sein Vorbild, das Er uns als Mensch gibt, und steigen wir auf zu Gott. Bringen wir heute unsere Vorsätze zur Krippe des Herrn. Sie müssen lauten: „Ich will als Gotteskind leben, Ihm glauben, Ihn lieben, Ihm vertrauen. Wir wollen uns gerne schwach fühlen vor Gott, uns wickeln lassen durch die Binden Seiner Gebote und Seiner weisen Vorsehung. Wir wollen Seinen Willen tun, damit Er uns frei mache von den Fesseln der Sünde und von allem Bösen. Wem Gott hilft, der ist stark, der ist mächtig, ja unüberwindlich. Wie die Jungfrau und Gottesmutter Maria und der hl. Joseph wollen auch wir zufrieden sein mit unserem Leben und unseren Verhältnissen. Selbst im Stall ist glücklich, wer Gott hat. Wer Gott hat, um ihn zu lieben. „Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch Gott werde!“ – „Gottessohn wird Kind damit wir Kinder Gottes werden.“ Amen.

Vierter Sonntag im Advent

Die Geschichte von Wüste und Jordan

Geliebte Gottes!

Auch am heutigen vierten Adventssonntag begegnet uns abermals Johannes der Täufer. In den vergangen Wochen sahen wir ihn einmal bereits am Ende seines Lebens im Kerker und am letzten Sonntag im Zenit seiner Schaffenskraft. Heute werden wir durch das Evangelium ganz an den Anfang seiner öffentlichen Tätigkeit geführt. 

Die genaue Zeitangabe, die uns der heilige Evangelist Lukas im heutigen Evangelium liefert, macht es möglich, das Auftreten Johannes des Täufers, des Vorläufers Christi, genau zu datieren. Als hätte der hl. Evangelist damals schon geahnt, daß einmal eine Zeit kommen würde, da Pseudo-Bibelwissenschaftler und Pseudo-Theologen die wirkliche, geschichtliche Existenz Jesu Christi in das Reich der Fabeln und Legenden verbannen würden. Einen sechsfachen Bezug stellt der hl. Lukas in seinem Bericht zu konkreten geschichtlichen Tatsachen her, welche das Auftreten Christi umrahmten. Auf diese Weise untermauert er, daß die Heilsgeschichte nachprüfbar in der Weltgeschichte verankert ist. Unser Glaube ist kein Mythos. Er beruht nicht auf irgendeiner Heldenlegende nach antikem Muster; auch wenn uns das noch so viele rationalistische Bibelkritiker weismachen wollen. Am Anfang der Evangelien steht aber kein „Es war einmal“ oder „Damals, vor langer, langer Zeit“, sondern „Im 15. Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius“ (Lk. 3, 1).

In der Geschichte verankert

An erster Stelle nennt Lukas den Kaiser Tiberius. Tiberius Julius Caesar Augustus war vom Jahr 14 bis 37 n. Chr. Imperator des römischen Weltreiches. Er war ein fähiger Kaiser und ein bedeutender Feldherr. Er hat in Armenien gekämpft und in Germanien. Er hatte zusammen mit seinem Bruder die Gegend zwischen der Donau bis zum Lago Maggiore unterworfen. Kaiser Augustus hat den Tiberius im Jahr 4 n. Chr. adoptiert und ihm kurz vor seinem Tod die Mitregentschaft übertragen. Der Friedenskaiser Augustus starb am 19. August des Jahres 14 n. Chr. Das bedeutet, daß das 15. Jahr des Tiberius, welches uns vom Evangelium als der Beginn der Predigttätigkeit des Johannes angegeben wird, geschichtlich zwischen dem 19. August des Jahres 28 und dem 18. August des Jahres 29 n. Chr. zu verorten ist. Obwohl Tiberius ein fähiger Herrscher war, kommt er bei den Chronisten seiner Zeit schlecht weg. Er sei mißtrauisch, griesgrämig, nüchtern gewesen. Er habe es im Finanzwesen sehr genau genommen und sich kein X für ein U vormachen lassen. Vielleicht gerade deshalb seine Unbeliebtheit. Mit ihm war nicht zu spaßen, und er war nicht leicht zu täuschen.

Des weiteren nennt Lukas den kaiserlichen Statthalter und konzentriert damit unser Blickfeld auf die Geschehnisse im Heiligen Land, auf jenes Land, das Gott Seinem Volk als immerwährendes Erbteil gegeben hatte. – König Herodes der Große, der Kindermörder, war der erste nicht-jüdische König. Die Juden waren nicht mehr ihre eigenen Herren. Nach dem Tod des Herodes wurde sein Königreich in vier kleinere Fürstentümer zerschlagen. Im Jahre 6 n. Chr. hatten die Römer nach der Macht über das wichtigste der vier Fürstentümer gegriffen. Sie setzten den jüdischen Herrscher Archelaus ab und machten sein Land, die Gebiete Judäa und Samaria, zu einer römischen Provinz. Fortan war Judäa direkt dem Kaiser unterstellt – einem Heiden! Der Kaiser ließ sich in seiner „Fürsorge“ jedoch vertreten durch einen Prokurator, durch einen Statthalter, auch „Landpfleger“ genannt. Der fünfte dieser Landpfleger über Judäa war Pontius Pilatus. Auch er bekommt von den Geschichtsschreibern kein gutes Zeugnis ausgestellt. Er sei von unbeugsamem Charakter gewesen, rücksichtslos und hart. Er regierte das Land mit eiserner Faust. Es werden ihm Bestechlichkeit, Gewalttaten, fortwährende Hinrichtungen ohne Urteilsspruch und unerträgliche Grausamkeit vorgeworfen. Tatsächlich wurde er später auch seines Amtes enthoben und soll in der Verbannung Selbstmord begangen haben.

Es folgen die drei übrigen Vierfürsten Palästinas. An erster Stelle wird Herodes Antipas genannt. Er ist der Sohn Herodes des Großen. Nach dem Tod seines Vaters wurde er zum Tetrachen von Galiläa und Peräa eingesetzt und war daher der Landesherr Christi, was besonders im Passionsbericht Erwähnung findet, als er dem Herrn ein weißes Spottkleid anlegen ließ. Er war ein begabter, aber leichtlebiger und religiös uninteressierter Fürst. Ein Mann des Vergnügens, der leichten Schwüre und der schönen Frauen. Er heiratete eine Tochter des Nabatäerkönigs Aretas IV. Aber er verließ sie zugunsten einer andern. Er verstieß die Königstochter und nahm sich seine Schwägerin, die gleichzeitig auch seine Nichte war, zur Frau – die Herodias. Herodias war jedoch bereits mit Philippus, dem Stiefbruder des Herodes Antipas vermählt. Herodes lebte damit in offenem Ehebruch. Und deswegen geißelte Johannes der Täufer diese Verbindung, was ihn schließlich, auf Betreiben der Herodias, den Kopf kostete.

Sein Stiefbruder Herodes Philippus war ebenfalls ein Sohn Herodes des Großen und trat deshalb nach dessen Tod die Herrschaft über mehrere Gebiete im Norden von Palästina, dem heutigen Libanon und von Trachonitis, an. Philippus war eine Ausnahme unter den Söhnen des Herodes. Er war tüchtig, gütig und gerecht. Er regierte bis 34 n. Chr. als ein milder, friedfertiger Fürst, glich aber seinem Vater in der Neigung, sich durch große Bauwerke zu verewigen. Er erbaute eine neue Stadt, namens „Caesarea“, die nach ihm benannt wurde „Caesarea Philippi“. Das ist jenes Caesarea Philippi, wo später dem hl. Petrus von Christus der päpstliche Primat verheißen wurde (vgl. Mt. 16, 13). Er war verheiratet mit Herodias, ließ sich aber von dieser, wie bereits erwähnt, Hörner aufsetzen. Lysanias wird von Lukas nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Er war weder mit Herodes verwandt, und auch sein Herrschaftsgebiet Abilene lag bei Damaskus, also schon außerhalb von Palästina. Aber auch er war Vierfürst und ist als historische Persönlichkeit nicht nur bei Lukas, sondern auch in mehreren aus dieser Zeit stammenden Inschriften bekannt. Seine Erwähnung zeugt von der historischen Genauigkeit des Lukas in seiner Berichterstattung.

Nach der Vielzahl der weltlichen Herrscher erwähnt der Evangelist auch die höchsten geistlichen Würdenträger – Annas und Kaiphas. Seit dem Fall des hasmonäischen Priestergeschlechts 37 v. Chr. war die hohepriesterliche Würde, die ursprünglich – ähnlich wie das Papstamt – lebenslänglich vergeben wurde, unter die Abhängigkeit fürstlicher Willkür geraten. Die Römer vergaben das Amt des Hohepriesters, ohne Rücksicht auf Gesetz und Tradition, alle paar Jahre neu. Nach erfolgter Absetzung behielt der scheidende Hohepriester aber nicht nur weiter einen großen Einfluß, sondern auch gleich seinen Titel bei. So kam es, daß Annas, der „emeritierte Hohepriester“ und sein Schwiegersohn Kaiphas gleichzeitig die hohepriesterliche Würde innehaben konnten. In diesem Zweiergespann hat also die Doppelspitze Ratzinger-Bergoglio, die wir heute in der Konzilskirche vorfinden, ihr vielsagendes Vorbild. Annas regierte bis zu seiner „Emeritierung“ im Zeitraum von 6 bis 15 n. Chr. Fünf seiner Söhne waren ebenfalls Hohepriester. Josephus Kaiphas war Hohepriester von 18 bis 36 n. Chr. Er war es, der den Tod Jesu verlangte. Er präsidierte auch im nächtlichen Gerichtsprozeß, wobei er heuchlerisch seine Kleider zerriß und das Todesurteil gegen Christus aussprach. Beide, Annas und Kaiphas, gehörten der rationalistischen Partei der Sadduzäer an, welche in dogmatischer Hinsicht Wahrheiten leugneten, wie etwa die leibliche Auferstehung, die Vergeltung im Jenseits und die Unsterblichkeit, sowie das Dasein von Engeln und Dämonen und die menschliche Freiheit. Alles Dinge, die auch uns bekannt vorkommen, wenn wir uns erinnern, was man nicht alles in den letzten Jahren aus Rom zu hören bekam.

All diese Angaben sind nachprüfbar. Sie sind auch nachgeprüft worden. Und sie sind für widerspruchslos und richtig befunden worden. Das tatsächliche Auftreten des Messias im Gefolge Seines Herolds ist damit geschichtlich eindeutig lokalisiert.

Die Wüste

Doch die historische Absicherung seines Berichtes ist nicht das einzige Anliegen des hl. Lukas, warum er uns den zeitgeschichtlichen Rahmen so ausführlich schildert. Hinter den vielen geschichtlichen Namen, die hier genannt wurden, verbirgt sich eine Tragödie, welche unserer Zeit sehr ähnlich ist: Die Vielheit der Herrscher und Würdenträger offenbart die Zerrissenheit und Zersplitterung des Gottesvolkes.

Politisch hatte Israel seine Selbständigkeit verloren und war zu einer römischen Provinz abgesunken. Die davidische Dynastie und sein sakrales Herrschertum war Geschichte. Anstelle eines im Namen Gottes regierenden Königs regierten in Jerusalem Ungläubige und Heiden. Die Supermacht Rom bestimmte den Takt des öffentlichen Lebens. RömischeTruppen waren auf der Burg Antonia, in der Nähe des heiligen Tempelbezirks, stationiert. Römische Soldaten bewachten Stadt und Land. Das Volk Gottes war tributpflichtige geworden. Die einstige Freiheit und Größe waren dahin. Die Einheit zersplittert. Der erwählte Weinberg Gottes war verwüstet.

Dasselbe auch auf religiösem Gebiet. Die Heiligkeit des Priestertums war geschwunden. Der Hohepriester, die geheiligte Persönlichkeit des ganzen Volkes, war in der Hand von Ungläubigen und wurde dem Meistbietenden zum Kauf feilgeboten. Alles in allem war Israel sowohl politisch als auch religiös zerrüttet und zu einer Wüste geworden. Was blieb, war die traurige Erinnerung an die vergangene Größe, eine trostlose Gegenwart und wenig hoffnungsvolle Zukunftsaussichten. In diesem Zusammenhang ist das auserwählte Volk am Vorabend des Auftretens Christi nicht nur ein Spiegelbild unserer heutigen Zeit, sondern auch eine Zusammenfassung der gesamten Historie des gefallenen Menschengeschlechtes. Die Gottesherrschaft ist durch die Sünde Adams verlorengegangen. Jeder einzelne Mensch kennt die innere Zerrissenheit, die der hl. Paulus im Römerbrief (vgl. Röm. 7, 23) auf den Punkt bringt, wenn er vom Gesetz des Geistes und dem Gesetz des Fleisches spricht, die beide im Menschen miteinander im Widerstreit liegen. Gerade die Quatembertage haben uns vielleicht wieder einmal spüren lassen, wie schwach, wie launenhaft, wie unbeherrscht und unzufrieden wir im Herzen sind. Unsere vielen Leidenschaften herrschen über uns, reißen uns hin und her. Unser guter Vorsatz geht so leicht zu Bruch. Unser religiöses Bemühen wird so schnell durch rein irdische Gedanken und Beweggründe zerstreut. Sündhafte Neigungen unterjochen uns und macht uns unfrei. Auch das Leben unserer Seele gleicht bisweilen einer Wüste – ohne Freude, ohne Hoffnung; nur der öde Alltag. Auch das sind geschichtliche Tatsachen. Sie lassen sich in der Historie der Menschheit genauso nachweisen wie in unserer persönlichen.

Gottes Wirken in der Wüste

Da erging das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias, in der Wüste“ (Lk. 3, 2). Gerade in die Verwüstung Israels hinein tritt der letzte Prophet des Alten Bundes. Ganz passend beginnt Johannes sein Wirken in der Wüste östlich des Jordan; an jenem Flußufer, das mit Heilsgeschichte geradezu aufgeladen ist. Hier war es, wo sich 1200 Jahre zuvor das Volk Gottes unter der Führung von Josue, dem Nachfolger des Moses, versammelte, um nach vierzigjähriger Wüstenwanderschaft endlich in das Gelobte Land einzutreten. An derselben Stelle ergeht erneut das Wort des Herrn. Johannes, der Herold des Messias, soll ein neues Volk versammeln. – Johannes tritt auf in der Wüste, gegenüber von der am Jordan gelegenen Stadt Jericho. Die Stadt Jericho war durch den kostbaren Balsam, der in ihren Balsambaumgärten gewonnen wurde, wohlhabend geworden. Eine Stadt des Reichtums, der Ausschweifung und des Lasters. Johannes ruft die Menschen heraus aus dem Sündenpfuhl. Er ruft sie zu sich, auf die andere Jordanseite, in die Wüste. Er bewegt die Menschen dazu, die Seiten zu wechseln. Nicht nur Seite des Flußufers, sondern die Gesinnung ihres Herzens. Dazu müssen sie aus der Betäubung der Sinnlichkeit ausbrechen, damit sie sich ihrer inneren Zerrissenheit und Wüstenei stellen und ihre Erlösungsbedürftigkeit erkennen. Damit sie die Sehnsucht nach Erlösung in ihrem Herzen erwecken.

Die Wüste ist ja gerade in der Geschichte Israels stets der Ort des Wirkens Gottes gewesen. Oftmals setzte Gottes Wirken in der Wüste ein. – Moses ist in der Wüste vom Herrn berufen, zu einem tauglichen Werkzeug geschmiedet und in Gottes Namen gesandt worden. – Das Volk Israel ist aus Ägypten heraus, in die Wüste geführt worden, um am Sinai Gottes Wort zu hören und während der Jahre seiner Wüstenwanderschaft in der Übung des Gesetzes geschult zu werden. – Elias hatte die Wüste zu durchqueren, um den Gottesberg Horeb zu erreichen und dort Gott im sanften Säuseln des Windes zu begegnen (vgl. 3. Kg. 19). – Und auch der göttliche Erlöser, Jesus Christus selbst, wird sich in der Wüste durch Sein vierzigtägiges Fasten auf die Vollendung des Ihm aufgetragenen Erlösungswerkes vorbereiten.

Die Wüste ist Sinnbild für das damalige Israel und für das Elend des sündigen Menschen, für unser Inneres. Sie ist aber auch der Raum für die Begegnung mit Gott. In der Wüste bietet sich den Sinnen kein Vergnügen und keine Abwechslung. Die Seele wird empfänglich für das Geistige, für das Übernatürliche, für das Göttliche. Ja, gerade in den Zusammenbrüchen und in den Wüsten des Lebens ist Gottes Wort oft leichter zu vernehmen. Wieviele haben sich nicht schon bekehrt, als all das, worauf sie ihre Hoffnung setzten, zu Staub zerfiel. Wenn die Quellen irdischen Trostes versiegen oder wenn der Lebenskrug splitternd geborsten ist, setzt ein heilsamer Durst ein. Ein Durst nach Erlösung, das Verlangen nach Gott. So bringen die Wüsten in unserem Leben die heilsame Sehnsucht nach Gott hervor.

Der Jordan

Doch der Täufer wirkte auch noch an einem zweiten Ort. Johannes „zog durch die Gegend am Jordan“ (Lk. 3, 3). Der Jordan ist die Lebensader Palästinas. Wie die Wüste, so hat auch der Jordan eine heilsgeschichtliche Dimension für Israel. Der alexandrinische Kirchenschriftsteller Origenes macht darauf aufmerksam, daß der Name „Jordan“, soviel bedeutet wie „der Herabsteigende“ (vgl. in hom. 2). Das Wasser, welches den Flußlauf „herabsteigt“, spendet dem Land neues Leben. Das Auserwählte Volk hat sich von der Wüste aus nicht nur unter der Führung des Josue an der Jordanfurt gesammelt, sondern den Strom unter seiner Führung auch überschritten. Durch Johannes war Israel aufgerufen, seine geistige Wüste zu verlassen und dem vom Himmel herabgestiegenen Erlöser, den der Täufer vorverkündete, nachzufolgen. Dem Messias, der in die Wasser des Jordan hineintritt, um durch Seine Taufe die unsrige zu heiligen. Um als Heerführer einem neuen Volke Gottes voranzugehen, zur Besitznahme des ewigen Landes der Verheißung, dessen erstes Anrecht bei der heiligen Taufe mitgeteilt wird. 

Der Jordan ist also ein Sinnbild für den aus den Höhen des Himmels „Herabsteigenden“, der unseren wüsten Seelen neues Leben spendet. Wie das Jordanwasser wüstes Land fruchtbar macht, so muß sich auch unsere Seele wieder vom Gnadenstrom Christi fruchtbar machen lassen. Er ist der Quell des übernatürlichen Lebens, der die Wüste unseres Lebens mit Sinn, Freude und Frieden erfüllt. – Dies setzt aber voraus, daß wir Jesus, dem geistigen Lebensstrom auch die Wege in unsere Seele bahnen. Das Flußbett der Gnade muß für Christus wieder gangbar gemacht werden. Das muß bis zu Seiner Ankunft in der Heiligen Nacht geschehen sein, damit der Quell aller Gnaden erneut wie der Tau vom Himmel herabsteigen kann. – Am Jordan war zur Zeit des Josue die Festung Jericho, welche sich dem Einzug Israels nach Palästina entgegenstellte. Durch Gottes Wundermacht wurden ihre Mauern unter Posaunenschall zum Einsturz gebracht. Nun muß das geistige Jericho, das Bollwerk Satans, welches den Zugang zum Gottesreich versperrt, durch die posaunengleiche Bußpredigt des Johannes zum Einsturz kommen.

Die Wegbereitung

Deshalb der Ruf des Täufers: „Die Stimme eines Rufenden: In der Wüste bereitet den Weg des Herrn! Macht eben Seine Straße. Jedes Tal soll ausgefüllt werden. Was krumm ist, soll gerade, unebene Wege sollen eben werden. Und alles Fleisch soll das Heil Gottes schauen“ (Lk. 3, 4-5). – Der Wegbereitung, die Johannes fordert, kommen wir vor allem in der Übung der Tugenden nach. Gegen die Tugenden fehlt der Mensch entweder durch ein Zuviel oder ein Zuwenig, entweder durch einen Mangel, oder durch eine Übertreibung. Wo wir zu wenig demütig, geduldig, liebevoll, gehorsam usw. sind, tut sich gleichsam eine gähnende Schlucht auf, ein weites Tal, das dringend ausgefüllt werden muß, damit der Gnadenstrom nicht darin versickert. Wo wir übertreiben, im Essen, im Genießen, im Ausruhen; wo wir uns im Stolz über andere erheben und voll eitlen Selbstvertrauens sind, da erhebt sich ein großer Berg, der gesprengt, ein Hügel, der abgetragen werden muß, soll nicht der Strom der Gnade davon abgehalten werden und an unserer Seele vorbeifließen. Wo wir krumme Touren verfolgen, unwahrhaftig, unaufrichtig sind, da müssen die Wege begradigt werden mit Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und Treue. Wo die natürlichen Tugenden nicht geübt werden, da können die Wasser der Gnade sie nicht zur übernatürlichen Fruchtbarkeit führen. Dabei spricht man erst von einer Tugend, sofern wir leicht und beständig, also immer und immer wieder das Gute tun. Sieben Tage lang mußten die Hebräer mit der Bundeslade um die Stadt Jericho herumziehen, ehe die Bastion einstürzte. So muß die im Verein mit Gottes helfender Gnade beständig geübte Tugend die Sündenbastion Jericho in unserer Seele zu Einsturz bringen, ehe der Zugang zum Land der Verheißung des Himmels frei wird. „Gewohnheit wird durch Gewohnheit überwunden!“ –

Schließlich kommt zum Wort das Zeichen, zur Predigt der Ritus. Zeichenhaft wird die Predigt des Johannes veranschaulicht durch die Bußtaufe. Taufe ist Waschung. Ein unreines Volk wird gereinigt. Schon der Prophet Elisäus sandte einst den aussätzigen Syrer Naaman (vgl. 4. Kg. 5), um sich in den Jordanfluten von seinem Aussatz rein zu waschen. So bietet uns auch die Kirche einerseits im Bußsakrament und auch in der sanften Buße der Adventszeit eine geistige Jordanflut, damit auch wir vom Aussatz der Sünde genesen und für das ewige Leben erstarken können.

Bereitet den Weg des Herrn!“, dieser Ruf ergeht heute noch ein letztes Mal an uns. Er ruft uns auf, die letzten Tage des Advent mit noch größerem Eifer zur Vorbereitung zu nutzen. An Weihnachten sollen wir Gottes Heil schauen. „Und alles Fleisch wird schauen das Heil“ (Lk. 3, 6). Nur durch die Wegbereitung im Geist des Johannes, können wir unsere Seele für Christus, den vom Himmel herabsteigenden lebensspendenden Jordanstrom öffnen. Nur durch aufrichtige Bekehrung und eifrige Tugendübung kann der Gnadenstrom von Weihnachten unsere innere Wüste zum erblühen bringen. Dann wird auch aus unserer Lebensgeschichte ein Stück Heilsgeschichte, indem Wirklichkeit wird, was schon der hl. Prophet Isaias geweissagt hat: „Es wird sich die öde Wüste freuen, und die Einöde wird blühen wie eine Lilie. Das dürre Land wird zum See, und der lechzende Boden zu Wasserquellen“ (Is. 35,1. 7). – „Stimme eines Rufenden: In der Wüste, bereitet den Weg des Herrn“ (Lk. 3, 4). Amen.

Dritter Sonntag im Advent

Der ernste Weg zur Freude

Geliebte Gottes!

Ist es nicht erstaunlich, daß die Kirche uns heute, am Sonntag „Gaudete“, an dem im Hinblick auf das bevorstehende Weihnachtsfest schon alles so freudig gestimmt ist, erneut die hagere und herbe Gestalt Johannes des Täufers vor Augen stellt? Seine aufrüttelnde Predigt lautete: „Bekehrt euch, bringt würdige Früchte der Buße!“ (Mt. 3, 8) Er drohte: „Die Axt ist schon an die Wurzel gelegt. Jeder Baum der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen“ (Mt. 3, 10). Die Predigt des Johannes war klar, hart und scharf. Er hebt an mit der Anrede: „Ihr Natterngezücht!“ (Mt. 3, 7). Er vergleicht seine Zuhörer mit gefährlichen Schlangen. Das ist keine Anrede, die Freude weckt. – Wo bleibt da die Freude? Wo die „frohe Botschaft“? Ernst, abgezehrt, in rauhem Bußgewand steht er vor uns. Hat man wohl jemals in seiner Gegenwart schallend auflachen können? – Gewiß, seine Lebensweise war streng. Seine Rede war schneidend. Er brannte vor Eifer. Und doch war Johannes ein Bringer der Freude, eine geliebte und offensichtlich umschwärmte Person, von der eine friedvolle Heiterkeit ausging. Bezeichnenderweise betet die Kirche ausgerechnet an seinem Geburtsfest, am 24. Juni, in der Oration um die „Gnade geistiger Freude“! 

Die geistige Freude

Hier finden wir auch schon den entscheidenden Hinweis zur Lösung des scheinbaren Widerspruchs zwischen Ernst und Heiterkeit, zwischen Strenge und Ausgelassenheit, zwischen Trauer und Freude. Es ist die Rede von „geistiger Freude“! Das ist der charakteristische Unterschied, der die wahre Freude vom Vergnügen unterscheidet. Die wahre, die geistige Freude ist nicht mit dem Vergnügen gleichzusetzen. Das Vergnügen ist eine sinnliche Freude, ist „Gaudi“, ist Spaß. Derjenige, der Vergnügen sucht, der sucht es im Genuß sinnlicher Güter – im Essen, Trinken, in fleischlichen Genüssen, in der Geselligkeit der Freunde, im Urlaub, im Hobby. Die Freude hingegen ist geistiger Natur. Sie findet ihre Erfüllung in den geistigen Gütern. Und die höchste Freude wird demjenigen zuteil, der das höchste geistige Gut besitzt, nämlich Gott.

Es ist klar, schon der hl. Augustinus und der hl. Thomas von Aquin haben es gesagt, daß die gleichen materiellen Güter, im Gegensatz zu den geistigen Gütern, nicht zur gleichen Zeit gänzlich mehreren gehören können. Dasselbe Haus, dasselbe Auto, dieselbe Position in der Firma können nicht von mehreren Menschen gleichzeitig besessen werden. Dieselbe Frau kann nicht von mehreren Männern gleichzeitig geheiratet werden – sondern nur von einem. Auf ein und denselben Bauplatz kann nun einmal nur einer sein Haus bauen. Ein und dasselbe Kuchenstück kann nicht von vielen zur Gänze gegessen werden – sondern nur von einem einzigen. Daraus entsteht der furchtbare Widerstreit der Interessen unter uns Menschen, die Eifersucht und die Konkurrenz. – Im Gegensatz dazu können dieselben geistigen Güter gleichzeitig allen und jedem einzelnen zur Gänze gehören, wie der hl. Augustinus mit Vorliebe betont. Wir können, ohne daß dies einen anderen benachteiligt, in vollem Maße die gleiche Wahrheit, die gleiche Tugend, denselben Gott besitzen. An den geistigen Gütern können sich alle gleichermaßen erfreuen. Deshalb fordert Christus uns auf: „Suchet zuerst das Reich Gottes, und alles übrige wird euch hinzugegeben werden“ (Mt.6, 33). Deshalb ruft uns der hl. Paulus zu „Freut euch allezeit – im Herrn!“ (Phil. 4, 4). Der Freude an geistigen Gütern, und erst recht am höchsten geistigen Gut, muß jedoch erst der Weg bereitet werden. Und hier spielt der Wegbereiter, der hl. Johannes der Täufer, eine wesentliche Rolle. Er zeigt uns, wie wir zur geistigen Freude gelangen können. 

Der Ernst als Quelle der Freude

Johannes sagt von sich: „Ich bin die Stimme eines Rufenden“ (Joh. 1, 23). Stimme ist er, nicht Wort. Die Stimme trägt das Wort. Kein leeres und auch kein leichtes Wort trug Johannes, sondern ein gewichtiges und ernstes: Das ewige Wortes Gottes verkündete er. Davon war er erfüllt. Daher rührte seine Freude (vgl. Joh. 3, 29). – Das Leben Johannes des Täufers war deswegen voll Freude, weil so viel Ernst darin war. Wenn der Ernst des Lebens falsch oder gar nicht gesehen wird, wenn unser Leben nicht mehr auf unsere geistigen Pflichten gegen Gott hinzielt, sondern auf das sinnliche Vergnügen, dann wird dadurch der Weg zur Freude versperrt. Weil Johannes seine Pflichten gegenüber Gott ernst genommen hat, deswegen konnte er Freude erleben. Denn: „Erfüllte Pflicht ist eine Quelle der Freude.“ Die Pflicht des Johannes war es, das Volk zur Umkehr zu rufen, Israel zu sammeln und es für den Messias zu bereiten. Der Ruf zur Buße ist immer eine harte Pflicht, denn die Menschen wollen nicht zur Buße, sondern zum Genuß gerufen werden. Johannes sprach zu König Herodes Antipas: „Es ist dir nicht erlaubt, die Frau deines Bruders zu haben“ (Mk. 6, 18). Das bezahlte Johannes mit Kerkerhaft, denn die Menschen wollen nichts von Verboten hören, sondern daß alles erlaubt sei. Er warnte und mahnte. Darin bestand die Pflicht des hl. Johannes. Er hat sie angenommen und erfüllt. Und schließlich ist er dieser Aufgabe zum Opfer gefallen.

Johannes war ganz den Pflichten seiner Berufung hingegeben. Die treue Pflichterfüllung trägt ihren Lohn in sich selbst. Treue gegen Gott, Treue Seinem Willen, Seinen Geboten gegenüber, all das schenkt einen tiefen Frieden und ein stilles Glück. Freilich nicht um der Pflicht willen, wie in der idealistischen Ethik Emanuel Kants behauptet wird, sondern aufgrund der Pflichterfüllung „für jemanden“, für Gott, aus Liebe zu Gott. Das schenkt die Freude und das Glück. Die Pflicht ist also kein Freudenkiller. Die Pflicht ist eine Freudenquelle, ein nie versiegender Brunnen der Freude. Nicht die Lockerung, nicht die Minderung der Pflicht bringt Freude, sondern die Erfüllung!

Sinnlosigkeit aufgrund mangelnder Ernsthaftigkeit

Die Welt ist heute so voll Traurigkeit, Verzweiflung und Sinnlosigkeit, weil sie so wenig ernst ist. In dieser Welt findet sich so wenig Freude, weil sie das Leben als ein Spiel begreifen möchte. Das Leben ist aber kein Spiel. Es hat einen großen Ernst. Es ist einmalig und unwiederholbar. Die Menschheit ist eben keine Spaßgesellschaft. Sie hat einen ernsten Sinn. Nämlich die von Gott angebotene Erlösung anzunehmen und dadurch Gott zu verherrlichen. Das Christentum ist eine ernste Angelegenheit. Dabei geht es um Wahrheit und Irrtum, um Gut und Böse, um Gott und Satan, Himmel und Hölle, um ewiges Heil und ewige Verdammnis. Der Ernst des Christentums ist die Folge seiner Erhabenheit und seiner Unentbehrlichkeit.

Wir alle wissen, daß dem Christentum der Ernst weitgehend ausgetrieben worden ist, seit die Konzilskirche die gesetzgebenden Organe der katholischen Kirche erobert hat. Schon Angelo Roncalli, alias Johannes XXIII., wollte vom Ernst des Verurteilens gefährlicher Glaubensirrtümer nichts mehr wissen. Im Zuge des 2. Vatikanums wurde das sehr ernste Dogma: „Außerhalb der Kirche kein Heil“ zugunsten des Ökumenismus preisgegeben und uminterpretiert. Die Aufweichung der kirchlichen Disziplin tat ihr übriges. Auch die Einstellung zur Pflicht hat sich gewandelt. Man müsse für alles Verständnis haben und dürfe nichts mehr verlangen und einfordern. Die Konzilspäpste und ihre Handlanger auf den Bischofsstühlen und in den Pfarrhöfen haben dem Christentum den Ernst ausgetrieben. Und so ist es auch nicht verwunderlich, daß dort oberflächliche Bespaßung an die Stelle der wahren Freude am religiösen Leben getreten ist. In dem bekannten Büchlein von der „Nachfolge Christi“ findet man den bedeutsamen Satz: „Du kannst nun einmal nicht doppelte Freude genießen. Du kannst dich nicht hier auf Erden ergötzen und dich drüben mit Christus freuen“ (I, 24) Und vom hl. Petrus Chrysologus stammt der Satz: „Wer Spaß haben will mit dem Teufel, kann nicht Freude haben mit Christus.“

Der Ernst des Christentums ist weitgehend verschwunden. Auch unter den Traditionalisten. Diejenigen von ihnen, die Jorge Mario Bergoglio als ihren rechtmäßigen „Papst“ anerkennen, spotten über ihn. Sie machen Witze über ihren „Papst“, kritisieren ihn, schütteln den Kopf über das, was er sagt und was er tut. Sie geben ihn auf ihren Internetseiten mit spöttischen Karikaturen der Lächerlichkeit preis. Wo ist da der heilige Ernst und die Ehrfurcht vor dem Stellvertreter Jesu Christi auf Erden? Der Glaube an das Papsttum, ausgestattet mit der göttlichen Autorität „Was du auf Erden binden wirst wird auch im Himmel gebunden sein“ (Mt. 16, 18) ist von höchstem Ernst! Doch die „erzkonservativen“ Traditionalisten haben daraus eine Spielerei werden lassen, die selbst von ihnen nicht mehr erstgenommen wird. Was soll das aber für ein „Papst“ sein, der in der Regel alles falsch macht? Wozu überhaupt einen solchen „Papst“, wenn man ohnehin nicht auf ihn hören soll und ihm ohnehin nicht gehorchen braucht? Ein solcher „Papst“ macht keinen Sinn! Die Konzilspäpste geben seit gut sechzig Jahren eine Komödie zum besten, eine blasphemische Komödie, welche offensichtlich die Heiligkeit Gottes und die Verheißungen Christi Seiner Kirche gegenüber kompromittieren soll. Eine Komödie ist ein Schauspiel. Sie ist nicht ernst und auch nicht echt. Jeder weiß das. Und doch sind bei dieser Komödie die meisten felsenfest davon überzeugt, daß es sich bei diesem Cast, bei dieser Rollenbesetzung, um wahre Päpste handle. Der Papst als Witzfigur, das ist eine böswillige Spielerei, die jeden gebührlichen Ernst vermissen läßt. – Das Leben des hl. Johannes war voll Freude, weil er so ernst war; weil er Gottes Wort und Gottes Forderungen ernst nahm, weil er voll Ehrfurcht war. 

Freude aus der Entschiedenheit

Wir haben letzten Sonntag gehört, daß Christus dem hl. Johannes ein großes Lob ausgesprochen hatte. Johannes war kein Schilfrohr, sondern ein standhafter, zuverlässiger Charakter: „Was seid ihr hinausgegangen in die Wüste? Was wolltet ihr denn sehen? Etwa ein Schilfrohr, das vom Wind hin und hergetrieben wird?“ (Mt. 11, 7). Das Schilfrohr steht für einen Menschen, der keine gefestigten Überzeugungen hat. Er wird gleichsam von den jeweiligen Stimmungen, Strömungen und Meinungen hin und her getrieben. Heute so und morgen anders. Ein Mensch, der ein schwankendes Rohr ist, steht nicht fest. Er hat keinen Standpunkt. Er läßt sich verschieben und ist leicht manipulierbar. Auf einen solchen Menschen kann man sich deshalb auch nicht verlassen. Im Epheserbrief schreibt der hl. Paulus: „Daß wir nicht mehr unmündige Kinder seien, hin- und herschwankend und umhergetrieben von jedem Winde der Lehre, durch die Bosheit der Menschen, durch die Arglist, welche durch Ränke der Irrlehre zu verführen weiß“ (Eph. 4, 14). Die Unbeständigkeit ist ein großer Feind der wahren Freude. So vielen hat sie schon die Freude an der katholischen Religion verdorben. Der unentschiedene Mensch, der wie ein Schilfrohr zwischen Gott und der Sünde hin und her schwankt, gleicht einem Turner, der einen Spagat macht. Er versucht in seinem Leben zwei unvereinbare Gegensätze unter einen Hut zu bringen. Ein Spagat, wir wissen es, ist anstrengend. Einen Spagat hält man nur eine Zeitlang, aber nicht ein ganzes Leben aus. Man wird sich erheben, entweder in die eine Richtung oder in die andere. Entweder wird man mit der Sünde brechen oder mit Gott. Wir sollen keine schwankenden Rohre sein, sondern uns ernsthaft entscheiden für die Nachfolge Christi und dieser im Ernst getroffenen Entscheidung treu bleiben. Nur so werden wir verläßliche Menschen und von diesem Bewußtsein mit großer Freude erfüllt sein. 

Die Freude des guten Gewissens

Eine weitere Quelle geistiger Freude war für Johannes den Täufer der Umstand, daß er so viel verlassen hatte. Er war ein Asket. Er lebte in der Wüste. Er hatte kein behagliches Heim, kein warmes Bett. Er ernährte sich kümmerlich von Heuschrecken und wildem Honig. Er trug keinen Maßanzug, keine bequemen Jeans, sondern ein Gewand aus kratzigen Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel. In seinem Leben fehlte jede Bequemlichkeit. Dennoch war er voll Freude. Denn die Freude stellt sich dort ein, wo der Mensch sich unabhängig macht von Bedürfnissen. Nicht der ist voll Freude, der alles besitzt, sondern jener, der nichts verlangt. Die Freude kommt nicht vom Genießen, sondern vom Überwinden. Wer auf Genießen aus ist, findet keine Ruhe. Warum nicht? – Weil der Genußtrieb immer nach mehr und nach anderem Genuß verlangt. Wie der hl. Hieronymus treffend sagt: „Semper voluptas famem sui habet. … Libido numquam satiatur, … usu crescit.“ (ad Damasum) – „Die Begierde ist stets hungrig. Die Wollust wird niemals gesättigt sein. Sie wächst, indem man ihr nachgibt.“ – Wer der Lust nachjagt, dem entflieht die Freude.

Zu der unersättlichen Gier nach Lustbefriedigung und der zunehmenden Schalheit irdischer Freuden tritt nämlich außerdem die Marter des bösen Gewissens. – Es gibt Christen, die verstohlen mit einem neidischen Auge auf die Weltmenschen blicken, weil sie meinen, daß es diejenigen, die sich nicht um Gott kümmern, leichter haben. Sie sündigen hemmungslos und haben scheinbar doch kein schlechtes Gewissen dabei. – Doch dieser Anschein trügt. Mag sein, daß der Rausch eine Zeitlang vorhält. Mag sein, daß die große Masse derer, die auf dem Weg ins Verderben geht, ihr Gewissen nicht mehr hört, weil sie von einem Genuß in den nächsten fliehen. Aber eben diese Flucht ist das Zeugnis ihres schlechten Gewissens. Die innere Rast- und Ruhelosigkeit, mit welcher der Sünder versucht sein Gewissen zu ersticken, ist gerade dessen rächender Arm. So absurd es für den Weltmenschen klingt: Genügsamkeit, Bescheidung, Enthaltsamkeit, sie bringen wahre Freude. Nämlich die Freude eines ruhigen und sicheren Gewissens.

Freude aus der Selbstdisziplin

Das Stichwort für diese dritte Adventwoche, die uns zur wahren Freude führen will und uns gerade deshalb das Fasten und die Abstinenz der Quatember auferlegt, lautet „Selbstzucht“ oder „Selbstdisziplin“. Diese soll durch den Abbruch in der Nahrung geübt werden. Die Gaumenlust muß bezähmt werden. Um aber der Weihnachtsfreude den Weg in unsere Herzen zu bahnen, muß der ganze Mensch in Zucht genommen werden. Mit dem hl. Johannes müssen auch wir rufen: „Ich muß abnehmen, damit er zunehmen kann“ (Joh. 3, 30). Die „Selbst-Zucht“ überwindet in uns die „Selbst-Sucht“. Deshalb wollen wir uns wieder auf einige wohlbekannte Grundsätze besinnen. Da wäre zum Beispiel der Grundsatz des gesunden Menschenverstandes: „Nicht mehr ausgeben als man einnimmt.“ Haushalten, sich bescheiden, nicht über die eigenen Verhältnissen leben. Schulden machen, ist eine gefährliche Sache. Ein anderer Grundsatz lautet: „Nicht versprechen, was man nicht halten kann.“ Vorher überlegen, bevor man eine Zusage gibt. – Erst recht braucht es Ordnung im religiösen Leben. Früher hat man gesagt: „Kein Tag ohne Gebet. Kein Sonntag ohne heilige Messe. Kein Monat ohne Beichte und Kommunion.“ Wie wünschenswert wäre es, wenn dieser Rhythmus wieder Allgemeingut unter den Katholiken würde. – Häufig rührt unsere Wankelmütigkeit in der Überzeugung oder in der Lebensführung aus der Furcht vor dem Urteil der Mitmenschen her. „Was werden die Leute von mir denken?“ Das schreckt die meisten mehr als das Bewußtsein, was Gott über sie denkt. Die Menschenfurcht übt mehr Zwang und Druck auf die persönliche Freiheit aus als alle Gebote. Diejenigen, die aus Menschenfurcht hin und her schwanken, mögen den Satz des hl. Paulus verinnerlichen:„Wollte ich noch Menschen gefallen, dann wäre ich nicht mehr Diener Christi“ (Gal. 1, 10). – Die tägliche Selbstzucht beginnt mit dem regelmäßigen pünktlichen Zubettgehen am Abend. Das erst ermöglicht nämlich das regelmäßige pünktliche Aufstehen am Morgen. Nur durch diese Regelmäßigkeit läßt sich das Tagesprogramm, das jedem auferlegt ist, bewältigen. Es ist eine Tugend, sich jeden Morgen zu gebotener Stunde zu erheben. Es kostet Überwindung. Es stählt den Willen und verhilft zur Selbstachtung. – Wer Selbstdisziplin gelernt hat, der geht die Erfordernisse des Tages nach einer bestimmten Reihenfolge an. Sie lautet: „Erst das Notwendige, dann das Nützliche, schließlich das Angenehme.“ Nicht umgekehrt! Erst das Notwendige. Dann das Nützliche. Und zum Schluß erst das Angenehme! Wer diese Ordnung umdreht, der versinkt im Chaos. Mit der Unordnung wird sich unweigerlich die Hektik einstellen und der Mensch wird seines Lebens nicht froh. „Halte die Ordnung. Und die Ordnung erhält dich!“ – Selbstdisziplin ist auch gefordert, die anfallenden Arbeiten und Aufgaben rechtzeitig anzugehen, damit sie pünktlich erledigt werden können. Nur so erspart man sich Ärger, Streß und schmerzliche Mißerfolge. Nur so kann man zuverlässig bleiben. Das unbegründete Aufschieben von Arbeiten zwingt häufig zu hastiger, ungenügender Erledigung auf den letzten Augenblick. Die Unpünktlichkeit verschafft Verdruß. Unter Zeitdruck unterlaufen Fehler, die dann auch nicht mehr ausgebessert werden können. – Der Mensch, der gelernt hat sich selbst zu ordnen, ist außerdem kein Drückeberger. Er flieht nicht vor unangenehmen Arbeiten. Es ist schäbig, lästige Aufgaben liegenzulassen, zu versäumen oder auf andere abzuwälzen. Nein wir müssen uns allen Anforderungen des täglichen Lebens stellen und uns dem Gesetz der Arbeit beugen; auch wenn die Arbeit unliebsam und schmutzig sein mag. – Es gibt außerdem Menschen, die an ihren Liebhabereien zugrunde gehen. Deshalb muß man auch seine Freizeit, sein Hobby, seinen Zeitvertreib scharf bewachen. „Müßiggang ist aller Laster Anfang.“ Freilich, man kann sich zu Tode arbeiten. Aber man kann sich auch zu Tode faulenzen. Selbstdisziplin bedingt die vernunftgemäße Abwechslung von Arbeit und Erholung. Man kann nicht immer nur arbeiten, man muß sich auch erholen. Aber das eine wie das andere muß von der Vernunft geleitet sein. Die Ruhe hat erst nach der Arbeit ihre Berechtigung, nicht vorher. Sie muß der Lohn der Arbeit sein.

Freude aus wahrhaftiger Selbsterkenntnis

Selbstdisziplin – das soll das letzte sein – ist auch gefordert in unserer Selbsteinschätzung und in der Weise, wie wir uns vor anderen geben. Der verführerische Grundsatz der Welt lautet: „Mehr Schein als Sein.“ Der Mensch ist geneigt seine Schattenseiten zu verbergen und sich vor anderen größer zu machen als er ist; sich in ein besseres Licht zu stellen. Die Selbstdisziplin fordert von uns die radikale Wahrhaftigkeit, die der hl. Johannes uns im heutigen Evangelium vorlebt. Die Frage lautete: „Bis du der Messias?“ – Ein „Ja“ hätte genügt. Es wäre zwar ein Lüge gewesen, aber man hätte ihm geglaubt. Was antwortete Johannes? „Ich bin die Stimme eines Rufers“ (Joh. 1, 23). Das ist die Wahrheit. Johannes ist nur Stimme, nicht Wort! Nur der Laut, der das Wort in das Herz der Menschen trägt. Die Stimme ist nichts ohne den Rufer. Der Rufer ist die Ursache der Stimme. Ihm hat sie ihr ganzes Dasein zu verdanken. Die Stimme steht ganz im Dienste des Wortes. Ihm hat sie getreulich zu dienen. Sie kann es nur bewahren durch behutsame Wahrhaftigkeit. – An Johannes müssen wir uns ein Beispiel nehmen und wie er erkennen, daß wir aus uns selbst nichts sind. Daß wir alles was wir sind und haben von Gott empfangen haben. Wir sind nichts ohne Ihn und ganz von Ihm abhängig, wie die Stimme vom Rufenden. Das wäre eine wahrhaftige Selbsterkenntnis! Wir können nur klingen, wenn wir Christus in uns tragen. Wir müssen unser Herz, das doch so sehr von sich selbst eingenommen ist, leer machen, damit das Wort Gottes darin Platz finden kann. Damit auch wir, vom ewigen Wort erfüllt, Ihm als Stimme dienen können. – Ein wichtiger Gedanke, gerade im Hinblick auf die heilige Kommunion! – Der Laut muß erst zum Wort geformt werden. Dazu muß sich die Stimme ganz dem Wort anpassen und behutsam darauf achten, daß sie es nicht durch Unwahrhaftigkeit verfälscht. Wenn wir uns hierfür nicht ernsthaft in Zucht nehmen, wird unser Leben ein verzerrtes, sinnloses Getöse sein, das keine Freude beinhaltet und niemanden froh macht. Wenn wir uns hingegen vom Ernst der Pflicht und der Selbstdisziplin formen lassen, dann wird unser Leben mit Sinn erfüllt – mit dem Sinn des ewigen Wortes. Es wird selbst voll Freude sein und anderen Freude bereiten. Bis der Herr eins unsere Freude vollenden wird. 

Meine Freude ist damit vollkommen.“ (Joh. 3, 29)

Wir wollen heute schließen mit einem längeren Ausspruch des hl. Augustinus, der uns den Weg der vollkommenen Freude in der von ihm gewohnten Schönheit der Sprache und Dichte der Gedanken beschreibt: „Johannes ist die Stimme. Der Herr aber ist das Wort. Von Ihm heißt es: ‚Im Anfang war das Wort.‘ (Joh. 1,1). Johannes war die Stimme zu einer bestimmten Zeit. Christus ist das ewige Wort von Anfang an. Nimmst du das Wort weg, was bleibt von der Stimme? Wenn in der Stimme kein Gedanke ist, so ist sie leerer Lärm. Die Stimme ohne Wort pocht zwar ans Ohr, doch das Herz erbaut sie nicht. Wenn ich denke, was ich sagen will, ist das Wort schon in meinem Herzen. Wenn ich aber zu dir sprechen will, suche ich nach einem Weg, wie das Wort, das in meinem Herzen schon ist, auch in dein Herz eingehen kann. Dann nehme ich die Stimme zu Hilfe und spreche zu dir. Der Klang der Stimme trägt den Sinn des Wortes zu dir, um sogleich zu verhallen. Das Wort hingegen, das der Laut zu dir gebracht hat, ist nunmehr in deinem Herzen, ohne mein Herz verlassen zu haben. … Da es schwierig ist, das Wort von der Stimme zu unterscheiden, wurde Johannes selbst für den Messias gehalten. Die Stimme hielt man für das Wort. Um das Wort zu ehren, gab sich die Stimme als das aus, was sie war – Stimme. So spricht sie: ‚Ich bin nicht der Messias, noch Elias, noch der Prophet.‘ Wer bist du also? Sie antwortet: ‚Ich bin die Stimme eines Rufers in der Wüste: Ebnet den Weg des Herrn!‘ (Joh. 1,23). … Der Laut der Stimme tat seinen Dienst und verging, als wollte er sagen: ‚Meine Freude ist damit vollkommen.‘ (Joh. 3,29)“ (Sermo 293, 3). Amen.

Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariä

Der verschlossene Garten Gottes

Geliebte Gottes!

Die Geschichte des Festgeheimnisses von der Unbefleckten Empfängnis Mariens führt uns weit zurück, bis an die Wiege des Menschengeschlechtes. – Als Gott die Welt ins Dasein rief, da schuf Er einen Garten der Wonne – das Paradies. 

Paradiesesgarten

Von dem Erdreich dieses herrlichen Gartens nahm Gott Lehm, bildete einen menschlichen Körper und „hauchte in dessen Nase den Geist des Lebens“ (1. Mos. 2, 7) ein. Entsprechend seiner Genesis trug der erste Mensch den Namen „Adam“, das bedeutet, wie wir von der Sprachwissenschaft wissen, „Der von der roten Erde genommene.“ Aus ihm formte der Schöpfer dann auch Eva, die „Mutter der Lebendigen“. Aber Gott schuf sich in der Seele der Stammeltern wiederum einen geistigen Garten, einen noch vollkommeneren Garten, als den des äußeren Paradieses. Er schmückte die Seelen der ersten Menschen mit den Blüten eingegossener Tugenden, deren Wohlgeruch ihre Seele erfüllte. Unter dem wärmenden Schein der trauten Gottesfreundschaft wuchsen und reiften die Früchte des Heiligen Geistes. Bewässert wurde dieser übernatürliche Garten mit den Strömen der heiligmachenden Gnade. Gesichert und befestigt war er durch die Umfriedung des menschlichen Willens, der fest im Guten gegründet und verankert war. Zudem streute Gott auch den Samen der Unsterblichkeit in den Seelengarten der ersten Menschen hinein. So ausgestattet sollten sich die Stammeltern, Adam und Eva, nach dem ewigen Ratschluß des Schöpfergottes der ewigen Anschauung Seiner göttlichen Herrlichkeit würdig machen, indem sie Ihm durch die Einhaltung Seines Gebotes ihre Liebe im Gehorsam beweisen. 

Verwüstung

Wie wir wissen, kam alles ganz anders. Der böse Geist drang in den Frieden des Gartens Eden ein. Er klopfte leise an die Herzenstore der Stammeltern und verstand es, sie mit dem lügnerischen Versprechen „Ihr werdet sein wie Gott“ (1. Mos. 3, 5) dazu zu bringen, ihm ihren Seelengarten zu öffnen. So konnte der Feind eindringen und den Mutterboden des Menschengeschlechtes mit der ersten Sünde vergiften.

Seitdem ist jeder Nachkomme dieses ersten Menschenpaares schon vom Augenblick seiner Empfängnis im Mutterschoß, von dem Moment an, da er ins Dasein tritt, mit dem verderblichen Gift der Ursünde behaftet. Diese eingeschleppte Fäulnis macht die Seele zur Sünde geneigt, bereitet ihr tausend Versuchungen und Kämpfe, welche leider bei den meisten Menschen nicht selten in der Niederlage und im Untergang der Todsünde enden. Das Erdreich unserer Seele ist durch die Erbsünde verdorben. Anstatt übernatürlicher Tugenden und den Früchten des Heiligen Geistes sprießt dort allerlei Unkraut, die tiefwurzelnden, unausrottbaren Disteln und Dornen der sieben Hauptsünden: Hochmut, Geiz, Neid, Unkeuschheit, Trägheit, Unmäßigkeit und Zorn. Und selbst unsere besten Früchte, jene guten Werke, die wir in bester Absicht zu tun meinen, sind oft von eitler Selbstgefälligkeit, von einer verborgenen Selbstsucht angefault und verkrüppelt. – Was Wunder, wenn nach der Verwüstung des Seelengartens auch die Tür des Paradiesesgartens für das Menschengeschlecht dröhnend ins Schloß fiel, um sich ihm nie wieder zu öffnen.

Doch Gottes Erbarmen neigte sich nieder und nahm dem unsäglichen Unglück wenigstens den schärfsten Stachel. Wenn der Allerhöchste auch das irdische Paradies nicht mehr wiederherstellen wollte, so verhieß Er doch einen erneuten Zugang zum himmlischen Paradies.

Der neue Mensch

Dazu aber wollte Gott ein neues Menschengeschlecht schaffen. Ein neues Geschlecht, das „nach Gott geschaffen ist in wahrer Heiligkeit und Gerechtigkeit“ (Eph. 2, 24). Einen neuen Stammvater wollte Er dieser neuen Menschheitsfamilie schenken; einen Stammvater, der wie Adam, genommen ist aus dem „roten Erdreich“ eines Gartens. – Diejenige, welche diesen neuen Adam bringen sollte, wird heute von der Kirche im Offizium mehrmals mit den Worten des Hohenliedes gepriesen: „Ein verschlossener Garten bist du!“ (Hdl. 4, 12).

Ja, die allerseligste Jungfrau Maria ist das makellose Erdreich, der neue, verschlossene Garten, in dem Gott lustwandelt. – Wie wunderbar ist dieser neue Garten Gottes, wie ist die Seele der unbefleckten Jungfrau, beschaffen? – Aus ihrem Gespräch mit dem Erzengel Gabriel, das wir soeben im Evangelium belauschen durften, können wir es heraushören. 1. Maries Seele ist unbeschreiblich schön: Deshalb rief Gabriel entzückt aus, „Du bist voll der Gnade!“ (Lk. 1, 28)„Du hast Wohlgefallen gefunden bei Gott“ (Lk. 1, 30). – 2. Ihr Seelengarten ist verschlossen: Das hören wir aus der Frage der Jungfrau Maria heraus: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ (Lk. 1, 34). Keinem Manne oder sonst einem Geschöpf, allein Gott stand das Herz der Unbefleckten offen. – 3. Und doch ist Maria überaus fruchtbar: „Was aus dir geboren wird, wird Sohn Gottes genannt werden“ (Lk. 1, 32). Lassen Sie uns ein wenig bei diesen drei Eigenschaften der unbefleckten Jungfrau Maria verweilen.

Die Schönheit des verschlossenen Gartens

Wenn wir uns die Schönheit des verlorenen gegangenen Paradieses mit all der Pracht, welche die Natur hervorzuzaubern vermag, ausmalen dürfen und müssen; wie schön müssen wir uns dann erst die übernatürliche Schönheit des geheimnisvollen Gartens Gottes – die Seele Mariens – vorstellen! Die Kirche preist die Schönheit dieses Gartens: „Ganz schön bist du, Maria, und die Makel der Sünde ist nicht in dir!“ Maria ist durch ein einzigartiges Privileg von der Verwüstung der Erbsünde bewahrt geblieben, indem die Verdienste des Leidens Christi im Voraus auf sie Anwendung fanden. Auch Maria mußte erlöst werden. Doch ist ihre Erlösung ganz anders als die unsere. Während wir im nachhinein vom Aussatz der Sünde geheilt werden müssen, wurde sie von vorneherein vor jeder Berührung mit der Pest beschützt. Wie hätte es Gott auch zulassen können, daß die Mutter dessen, der die Sünde der Welt am Kreuze austilgen und den Kopf der Schlange zertreten sollte; daß die Mutter dessen, der ein reines, heiliges Menschengeschlecht begründen soll, auch nur einen einzigen Augenblick unter dem Einfluß des Pesthauches der Sünde gestanden und damit eine Freundin des Teufels gewesen wäre? Wie hätte der heilige Gott dem niederträchtigen Feind einen solchen Triumph zugestehen können, daß die Mutter Seines göttlichen Sohnes auch nur einen Wimpernschlag lang der diabolischen Sklavenherrschaft unterworfen gewesen wäre? Das ist undenkbar! – Und wer könnte schließlich berechtigterweise sagen, daß es die Macht des Allerhöchsten übersteigen würde, das Erdreich der Seele Mariens vor dem Gift der Erbsünde zu bewahren? – „Potuit, decuit, ergo fecit“, sagen die Theologen. – Es stand in Seiner Macht. – Es ziemte sich. – Also tat Er es! – Gott bewahrte die Seele der allerseligsten Jungfrau Maria vom ersten Moment ihrer Empfängnis im Schoß ihrer hl. Anna vor jedem Makel der Erbsünde. Ganz rein, heilig und schön schuf Er sie – „voll der Gnade“ (Lk. 1, 28).

Wenn aber die unbefleckte Jungfrau keinen Makel der Erbsünde in sich trug, dann konnte auch später keine persönliche Schuld diesen neuen Paradiesesgarten Gottes beflecken. Denn: Fehlt der Unkrautsame, d.h. die Erbsünde, so kann auch kein Unkraut, d.h. keine persönliche Sünde, darin wachsen. Maria war dieser unheimliche, geradezu krankhafte Zug zum Bösen, der „Zündstoff zur Sünde“, welcher uns so vertraut ist, nicht nur völlig fremd, sondern ganz und gar unbekannt. Wenn es Gott nicht zuließ, daß der Same der Erbsünde in Maria Wurzeln fassen konnte, so ist folglich auch jede persönliche Sünde der allerseligsten Jungfrau Maria zur Gänze ausgeschlossen. Maria ist die einzige menschliche Person, die nicht an die Brust klopfen und bekennen muß: „Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine übergroße Schuld.“ 

Der verschlossene Garten

Die unbefleckte Jungfrau, dieser schöne Garten Gottes, war (zweitens) ein verschlossener Garten. Die Sünde konnte in sie gar nicht eindringen, wie wir gesehen haben. Denn: Wie Gott an den Eingängen des irdischen Paradieses Wächterengel mit Flammenschwertern aufstellte, so auch an der Pforte der makellosen Seele der Unbefleckten Empfängnis: Vor der Seele Mariens stand als Wächterin die Demut: Bei aller Heiligkeit und trotz ihrer hohen Würde als Gottesmutter und Königin des Himmels, begriff sich Maria in ihrer heiligen Einfalt stets als „Magd des Herrn“ (Lk. 1, 38) und Dienerin, ja wörtlich sogar als Sklavin des Herrn (griech.: δούλη = Sklavin). Eine Sklavin dient ihrem Herrn ohne einen Lohn dafür erwarten zu dürfen. Sie tut nichts aus sich selbst. Ihr Wille ist stets derselbe, wie der des Herrn. Maria mißtraute sich selbst und erwartete alles von der Gnade Gottes.

Des weiteren wacht am Eingang des Unbefleckten Herzens Mariens die Liebe zum Stillschweigen und zur Innerlichkeit, die sich nicht in das eitle, oberflächliche Getue und in das oft sündhafte Gerede über weltliche Dinge hineinstürzt. All ihr Sinnen war auf Gott ausgerichtet. „Sie dachte nach, was dieser Gruß bedeute“ (Lk. 1, 29). „Maria bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen“ (Lk. 2, 19). Als in sich gekehrte Seele war sie fähig zum Denken und zur Kontemplation.

Beide Wächterinnen – Demut und Innerlichkeit – sind bewaffnet mit dem Schwert der Enthaltsamkeit und der Entsagung. Mit ihm wurden alle Verlockungen zu Bequemlichkeit, zur Zerstreuung und zur Selbstsucht von vorneherein zurückgeschlagen. So verschlossen und versiegelt konnte der neue Garten Gottes herrliche Früchte ansetzen. Denn die Fruchtbarkeit ist ihr drittes Charakteristikum.

Die Fruchtbarkeit des neuen Paradiesesgartens

Als der Heiland einmal einen unfruchtbaren Feigenbaum fand, da sprach Er einen Fluch über ihn aus, und siehe, am nächsten Morgen war er verdorrt. Über Maria sprach Gott Seinen Segen und sie wurde ein Garten, voll der Gnade, voll der schönsten Früchte. Unter dem Einfluß des Heiligen Geistes, dessen Führung sie sich ganz überließ, reiften in ihr die Früchte der Gottesliebe und aller anderen übernatürlichen Tugenden, in einem Maß, das wir uns gar nicht vorstellen können. – Mariens Dienste an ihrer Base Elisabeth beweisen, daß auch die Früchte der hilfsbereiten und opferwilligen Nächstenliebe nicht fehlten, genausowenig die der Hingabe und Geduld im Leiden. Bekanntlich stand sie unter dem Kreuz und wurde geistigerweise, gleichsam mit ihrem göttlichen Sohn zu einer Opfergabe verschmolzen, mitgekreuzigt. Doch mögen die Tugenden Mariens auch noch so erstaunlich und bewundernswert in ihr erblühen, ein Gewächs aus dem Erdreich, des neuen Paradiesesgartens Gottes, stellt alles in den Schatten. Es ist „die gebenedeite Frucht ihres Leibes“ (Lk. 1, 42) – Jesus.

Nachdem die allerseligste Jungfrau durch ihr „Fiat“ (Lk. 1, 38) die Zustimmung zu Gottes Erlösungsplan gegeben hatte, da sandte der Allerhöchste abermals, wie schon im Paradies, den Schöpfergeist mit dem Lebensodem, dem „spiraculum vitae“ aus, um auch dem „zweiten Adam“ Leben einzuhauchen. Der Heilige Geist mit Seinen Feuergluten kam über den Schoß der unbefleckten Jungfrau. „Der Heilige Geist wird über dich kommen“ (Lk. 1, 35). Und „die Kraft des Allerhöchsten überschattete sie“ (ebd.), damit sie eine solche Glut überhaupt ertragen konnte. – Wie am sechsten Schöpfungstag nahm Gott „rote Erde“, nämlich das unbefleckte Blut Mariens, und bildete daraus den Leib des neuen Adam, des neuen „von der roten Erde genommenen“ Menschen. Einen vollkommenen Leib und eine makellose Seele bildete Er und verband sie auf geheimnisvolle Weise mit der göttlichen Person des ewigen Wortes. So sollte, der aus dem neuen Paradiesesgarten geschaffene Erlöser, – vollkommener als der erste Adam – Gott und Mensch zugleich sein. Der Gottmensch Jesus Christus.

Unser Herz – ein verschlossener Garten

Wenn uns die Kirche heute in den herrlichen Gottesgarten der Unbefleckten Empfängnis hineinschauen läßt, so will sie uns dazu anregen, den Garten unseres eigenen Herzens recht zu bestellen und sorgsam zu pflegen. Auch unsere Seele gleicht einem Garten. Auch wir sind Kinder Adams, des „von der Erde genommenen“. Auch wenn die Erbsünde in unserer Seele ihr Verderben angerichtet hat, so sollen wir uns trotzdem bemühen, die ursprünglich von Gott beabsichtigte Schönheit wiederherzustellen und zu bewahren.

Hierzu müssen wir vor allem den Wildwuchs der Disteln und Dornen unserer Sünden, Fehler und Nachlässigkeiten immer wieder bei einer gut vorbereiteten Beichte ausreißen. Unkraut läßt sich nur in Schach halten, wenn man es klein hält. Außerdem müssen wir stets, besonders aber in dieser Zeit des Advent, den Same der Tugend aussähen. Das ist mühsam und kostet Überwindung. Aber „was der Mensch sät, das wird er auch ernten.“ (Gal. 6, 7): Pflanzen wir die Rosenstöcke der Gottesliebe, das Veilchen der Demut, die Lilien der Reinheit und ebenso die Passionsblume opferwilliger Geduld und Selbstverleugnung. Wie Maria in einer innigen Verbindung zu Gott stand, so wollen auch wir uns um innere Sammlung bemühen, wenn wir mit Gott im Gebet sprechen. Wir wollen uns mit Ihm so oft wie möglich vereinigen in der sakramentalen oder in der geistigen Kommunion und unsere Seele, durch die auf diese Weise mitgeteilte Fruchtbarkeit, auch in den Werken der Nächstenliebe zum blühen bringen. – Doch haben wir Acht! Für schädliche Einflüsse müssen die Tore unseres Seelengartens verschlossen bleiben. Die Augen müssen hermetisch abgeriegelt sein für schamlose Eindrücke – sowohl auf der Straße, als auch vor dem Bildschirm oder sonstwo. Die Augen müssen verschlossen sein für, seichte Lektüre oder schlecht gekleidete Personen. Rufen wir in der Versuchung zu Gott: „Wende ab meine Augen, damit sie nichts eitles sehen“ (Ps. 118, 37). Alle Sinne müssen wir bewachen! „Umzäune deine Ohren mit Dornen und höre nicht auf eine gottlose Zunge“ (Sir. 28, 28). Bewachen müssen wir unsere Gedanken und Phantasien. Wir dürfen sie nicht in eitlen Vorstellungen herumschweifen lassen. – Achte wir schließlich auch in unseren Umgangsformen und in unserer Kleidung auf christlichen Anstand, damit wir nicht andere zur Sünde reizen und womöglich ein Paradies zerstören, das Gott sich in einer anderen Seele geschaffen hat.

Wenn wir den Garten unseres Herzens nach dem Vorbild der Unbefleckten Empfängnis hüten und hegen, dann erlauben wir es Gott auch in unserer Seele auf ähnliche Weise wirksam zu werden, wie in der Gottesmutter. Er wird den Heiligen Geist mit seinen Gaben auch über uns kommen lassen und nach und nach die Züge des „neuen Adam“, Jesus Christus, aus dem Erdreich unserer Seele herausschälen. Jenen „neuen Menschen“, von dem der hl. Paulus spricht, „der nach Gott geschaffen ist, in wahrer Heiligkeit und Gerechtigkeit“ (Eph. 2, 24). Darum wollen wir unsere himmlische Mutter um ihre Fürsprache anflehen: „O Maria, ohne Makel der Erbsünde empfangen – bitte für uns, die wir zu Dir unsere Zuflucht nehmen.“ Amen.