17. Sonntag nach Pfingsten

Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe

Geliebte Gottes!

Die Aufgabe des Menschen in den wenigen Jahren seines irdischen Lebens besteht darin, seine Seele zu retten. Den Leib kann er nicht retten. Dieser wird sterben – früher oder später. Die Seele kann er retten. Das ist seine Berufung. – Was dazu notwendig ist, um dieser Berufung zu entsprechen, das skizziert der hl. Paulus in der heutigen Epistel im Telegrammstil. Er sagt: Um seiner Berufung würdig zu wandeln, bedarf der Mensch gewisser Tugenden, wie etwa der Demut, der Sanftmut, der Geduld, der Liebe (vgl. Eph. 1, 2). Wir sollen untereinander einmütig sein und den Frieden wahren. Doch das genügt noch nicht. Die genannten Tugenden machen aus dem Menschen lediglich einen „guten Menschen“. Das ist zwar schon etwas, aber für die Rettung der Seele muß der Mensch ein „übernatürlich guter Mensch“ werden. Der Mensch wird übernatürlich gut durch die Gnade. 

Die Kette des Heiles

Um durch die Gnade übernatürlich gut zu werden, bedarf der Mensch fremder Hilfe. Er kann nicht unmittelbar und aus eigener Kraft in den Besitz der übernatürlichen Gnade kommen. Deshalb ist er hierbei auf die Vermittlung der katholischen Kirche angewiesen. Die katholische Kirche allein kann die Gnade und das ewige Heil mitteilen. „Extra Ecclesia nulla salus. – Außerhalb der Kirche kein Heil.“ Kein Mensch kann seine Seele retten ohne die katholische Kirche. Sie bietet dem Menschen eine Kette aus drei ineinandergreifenden Gliedern an, anhand derer er sich retten und zu Gott gelangen kann. Diese drei Glieder machen zusammen das Wesen der katholischen Religion aus. Der hl. Paulus benennt sie in der heutigen Epistel mit den kurzen Worten: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe“ (Eph. 4, 5)

Ein Herr“, d.h. eine göttliche Autorität; ein einziges Oberhaupt – unser Herr Jesus Christus. – „Ein Glaube“, d.h. eine Einheit von Dogmen, Lehrsätzen und sittlichen Geboten, die Gott geoffenbart hat und die Er durch die römisch-katholische Kirche zur gläubigen Annahme vorlegt. – „Eine Taufe“, d.h. ein einziger Gottesdienst, nämlich das hl. Meßopfer und die sieben Sakramente, zu deren Empfang die Taufe die Grundvoraussetzung darstellt, weshalb die Taufe hier vom Völkerapostel als Stellvertreterin für den gesamten katholischen Gottesdienst genannt wird. Nur auf diesem Weg kann der Mensch in den Besitz der übernatürlichen Gnade kommen, um so seine ewige Glückseligkeit zu finden, in dem einen „Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alles und in uns allen, der da ist hochgelobt von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (Eph. 4, 6). – Wichtig für uns ist die Reihenfolge der drei Kettenglieder, von denen das eine aus dem anderen hervorgeht: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe.“

Ein Herr“

Das ist das erste Kettenglied, welches uns zum ewigen Leben führt. „Ein Herr“ bedeutet natürlich zuallererst einmal, daß es nur einen einzigen wahren Gott gibt – Vater, Sohn und Heiliger Geist –, von dem jede Autorität im Himmel und auf Erden herstammt (vgl. Eph. 3, 15). – Es bedeutet ferner, daß es nur ein einziges Oberhaupt der katholischen Kirche gibt, welches von Natur aus die göttliche Autorität besitzt – nämlich der Gottmensch Jesus Christus. Christus ist das unsichtbare Oberhaupt der Kirche (vgl. Eph. 4, 15 f.). Um Christus als Oberhaupt der Kirche anzuerkennen und mit Ihm verbunden zu sein, ist es notwendig, sich Seiner Autorität durch Gehorsam zu unterwerfen. Wie sich der Mensch nämlich durch den Ungehorsam der Sünde von Gott getrennt hat, so besteht der erste Schritt seiner Rückkehr zu Gott in dem Akt gehorsamer Unterwerfung unter die göttliche Autorität. Damit der Mensch auch nach Seiner glorreichen Himmelfahrt bis zum Ende der Welt Gelegenheit hat, seine Abkehr von der Sünde im Gehorsam zu beweisen, hat Christus Stellvertreter eingesetzt, denen wir an Seiner Statt Gehorsam schulden. Es sind dies die Apostel unter der Leitung des hl. Petrus. Zu den Aposteln sprach Er: „Wie mich mein Vater gesandt hat, so sende Ich Euch“ (Joh. 20, 21). D.h. so wie mich der himmlische Vater mit der obersten Autorität ausgestattet hat, so statte Ich euch mit derselben göttlichen Autorität aus. Deshalb sagt Christus zu Seinen Apostel: „Wer euch hört, der hört Mich. Wer euch verachtet, der verachtet Mich. Wer aber Mich verachtet, der verachtet Den, der Mich gesandt hat“ (Lk. 10, 16). Die Apostel unter der Leitung Petri sprechen im Namen Gottes. Die ganze Fülle Seiner göttlichen Vollmacht und die Autorität über die Gesamtkirche hat Christus aber allein in die Hand des Simon Petrus gelegt. Petrus allein sollte Sein oberster sichtbarer Stellvertreter sein: „Dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben. Was auch immer du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein. Und was auch immer du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein“ (Mt. 16, 19). Seitdem gilt, daß jeder Mensch nur dann Christus als den „einen Herrn“ anerkennt, wenn er sich der Autorität Seines sichtbaren Stellvertreters auf Erden, dem Papst, im Gehorsam beugt. Man kann der Autorität des Papstes nicht ausweichen mit dem Wort: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg. 5, 29), wie das manche Traditionalisten versuchen. Denn, wer dem Papst gehorcht, der gehorcht nicht bloß einem Menschen, sondern Gott. Und wer die Autorität des Papstes mißachtet, der verachtet Gott; was nicht ohne Konsequenzen für das Seelenheil bleiben kann. Deshalb lehrt Papst Pius XI. glasklar, daß jemand, der sich dem Papst nicht unterordnen will, unmöglich zur katholischen Kirche gehören kann. Er sagt ins der Enzyklika „Mortalium animos“„In dieser einen Kirche Christi ist niemand und bleibt niemand, der nicht die Autorität und Vollmacht des Petrus und seiner legitimen Nachfolger durch Gehorsam anerkennt und annimmt“ (AAS 20; S. 15).Und schon Papst Bonifaz VIII. erklärte im Jahr 1302 in der Bulle „Unam sanctam“ feierlich: „Wir erklären, sagen und definieren nun aber, daß es für jedes menschliche Geschöpf unbedingt notwendig zum Heil ist, dem Römischen Bischof unterworfen zu sein” (DH 875).

Die Autorität Christi ist durch die Jahrhunderte hindurch sichtbar geblieben in Seinen Stellvertretern. Die Herrschaft Christi besteht nicht nur in Seiner göttlichen Person, sondern ist der Hierarchie der katholischen Kirche, insbesondere dem Papst, übertragen worden. Deshalb gehört zu dem bekannten Dogma „Außerhalb der Kirche kein Heil“ auch die konkrete Ortsangabe „Die Kirche ist dort, wo der Papst ist.“ – „Ubi Petrus, ibi Ecclesia.“

Das ist der Grund, warum wir davon überzeugt sind, daß der päpstliche Stuhl seit dem sog. 2. Vatikanum vakant, d.h. leer ist! Um katholisch zu sein, muß man sich der rechtmäßigen katholischen Hierarchie – also dem Papst und den von ihm bestellten Bischöfe – unterordnen und ihnen gehorchen. Wenn wir Katholiken sein wollen, können wir uns gegenüber der Hierarchie nicht gleichgültig verhalten. Unsere Kirchenzugehörigkeit und damit unser ewiges Heil hängt davon ab, wem wir gehorchen und wem nicht! Wir können nicht sagen: „Es interessiert mich nicht, ob Bergoglio, Ratzinger oder Wojtyla nun Päpste (gewesen) sind oder nicht. Es ist mir egal, was sie gesagt haben und fordern. Hauptsache ich habe jeden Sonntag meine hl. Messe.“ Wenn sie Päpste sind, müssen wir ihnen gehorchen, sonst werden wir verdammt. Nur wenn sie nicht Päpste sind, begehen wir auch keinen Ungehorsam gegen Gott, wenn wir ihnen nicht folgen.

Als Katholiken können wir nicht sagen: Die Lehren des sog. 2. Vatikanums, die neue Liturgie und die Gesetze der Konzilskirche stellen eine Verfälschung der katholischen Religion dar, weil sie längst von früheren Päpsten verdammt worden sind; dann aber gleichzeitig behaupten, es sei die Hierarchie der katholischen Kirche gewesen, welche uns diese falschen Lehren, Riten und Gesetze auferlegt hätte. – Wir würden damit nämlich behaupten, daß die Verfälschung der katholischen Religion letztlich Christus selber zur Ursache hat. Das aber wäre Gotteslästerung! Denn Christus, der selbst die Wahrheit ist, kann durch Seine Stellvertreter die katholische Religion nicht fälschen. Wenn der Ökumenismus des sog. 2. Vatikanums und die Neue Liturgie eine Verfälschung der katholischen Religion darstellen – und sie tun es –, dann folgt notwendigerweise daraus, daß die Konzilspäpste bis hinab zu Johannes XXIII. einschließlich keine wahren Päpste gewesen sind. Christus kann nicht die Ursache einer falschen Religion, nicht Ursache eines falschen Glaubens, einer falschen Moral und eines falschen Gottesdienstes sein. Also können diejenigen, die uns diese falsche Religion aufzwingen wollen, unmöglich die Autorität Christi haben, was gleichbedeutend ist, daß sie unmöglich Päpste waren bzw. sind; und denen wir folglich dann auch keinen Gehorsam schulden. – Dann müssen wir sie als Nicht-Päpste anklagen und jede Gemeinschaft mit ihnen zurückweisen.

Als am Weihnachtstag des Jahres 428 der Patriarch von Konstantinopel bei der Weihnachtspredigt in seiner Kathedrale die Häresie verkündete, daß die allerseligste Jungfrau Maria nicht „ϑεοτόκος“, d.h. nicht wahre „Gottesgebärerin“ sei, da erhoben sich, abgesehen von einigen seiner Schüler, alle anwesenden Gläubigen zusammen mit dem gesamten Klerus von Konstantinopel und verließen die Kathedrale. Warum? Weil sie sich der notwendigen Verbindung bewußt waren, die zwischen der Hierarchie, dem Glauben und den Sakramenten bestehen. „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe“. Der Klerus von Konstantinopel hielt daraufhin eine Versammlung ab und erklärte: „Wir haben einen Kaiser“ – nämlich den Kaiser des oströmischen Reiches, der in Konstantinopel seinen Sitz hatte – „Wir haben einen Kaiser, aber keinen Bischof mehr.“– Sie erklärten Nestorius seiner Autorität und damit seines Bischofsamtes für verlustig. Sie wußten: Es besteht ein notwendiger Zusammenhang zwischen dem Glauben und der Autorität. Wer einen falschen Glauben lehrt, kann dies nicht in der Autorität Christi, der die Wahrheit ist, tun. – Während der Zeremonie der Bischofsweihe wird ein großes Evangelienbuch über dem Haupt des Weihekandidaten aufgeschlagen und über ihn gehalten, um damit anzuzeigen, daß sein Geist, sein Verstand, sein Wille eins sein muß mit dem hl. Evangelium; daß sein Geist erfüllt sein muß vom katholischen Glauben, daß sein Glaube die tadellose Norm, der Maßstab für den Glauben in seiner Diözese sein muß. Darin besteht die Natur der Hierarchie. – Die gegenwärtige Novus-Ordo-Hierarchie – obwohl sie die katholischen Bischofssitze erobert hat und besetzt hält – kann unmöglich die Autorität Christi haben, wenn sie uns einen falschen Glauben lehrt, eine falsche Liturgie feiert und falsche Gesetzte erläßt. Wie der Patriarch von Konstantinopel mit der Annahme seiner falschen Religion, in welcher Maria nicht Gottesmutter ist, den katholischen Glauben aufgab, damit seine Autorität verlor und aufhörte, katholischer Bischof zu sein, genauso haben alle, die mit dem sog. 2. Vatikanum die Häresie des Ökumenismus und damit eine neue Religion angenommen haben, gleichzeitig mit dem katholischen Glauben ihre kirchliche Autorität und, was dasselbe ist, ihr Amt aufgegeben.

Ein Glaube.“

Ein Herr, ein Glaube.“ Der Glaube ist das zweite Glied an der Kette zum ewigen Heil. Sehr wichtig für uns: Der Glaube kommt von der Autorität! Der Glaube wird den Katholiken von der kirchlichen Autorität, im Namen Gottes, zur Annahme vorgelegt. Dieser Glaube ist von den Stellvertretern Christi im Laufe der Jahrhunderte sehr klar definiert worden. Die Einheit des katholischen Glaubens ist es, weshalb sich viele Protestanten bekehren und bekehrt haben. Sie verstehen: Wenn es nur einen einzigen Gott gibt und Jesus Christus der einzige Sohn Gottes ist, dann kann es auch nur eine einzige Kirche geben, die fortwährend ein und dieselbe Glaubens- und Sittenlehre verkündet; immer und immer wieder, durch alle Jahrhunderte hindurch. Diese einzige Kirche kann die Glaubenslehre nicht ändern, weil Gott sich nicht ändern kann. Sie erkennen, daß alles an der katholischen Lehre Sinn gibt, ohne irgendeinen Widerspruch. Obwohl die katholische Lehre, insbesondere die Sittenlehre, dem Menschen mehr abverlangt als jede andere, falsche Religion, so haben sich doch die Völker zur katholischen Religion bekehrt und wurden durch ihre fordernde Doktrin zivilisiert und kultiviert. 

Der Papst ist nun per Definition die „lebendige Glaubensnorm“. So wie ein Meterstab als Standardmaß dafür gilt, wie lang ein Meter ist – egal ob in Hamburg oder München, in Europa oder Australien. Genauso ist das, was der Papst autoritativ lehrt, die Norm, das Metermaß, an dem abgelesen wird, ob ein Mensch katholisch ist oder nicht. Der Katholik muß seinen Glauben an den Glauben des Papstes anpassen, nicht umgekehrt. Das ist die Definition des Papsttums: Der Papst ist die lebendige Glaubensregel, die Norm des Glaubens. Er hat den Beistand des Heiligen Geistes, die Kirche zu lehren, zu regieren und zu heiligen, nicht der einzelne Katholik. Dem Papst in Fragen der Glaubens- und Sittenlehre zu widersprechen oder ihm sogar Widerstand zu leisten, würde uns zu Protestanten machen, die ihr eigenes Urteil über das Urteil dessen stellen, den Gott als obersten Lehrer bevollmächtigt und dafür mit Seinem übernatürlichem Beistand ausgestattet hat.

Christus hat die Fülle Seiner göttlichen Autorität nicht eher an Petrus übertragen, als bis dieser seinen Glauben unter Beweis gestellt hätte. Nachdem die übrigen Apostel auf die Frage Jesu, für wen die Leute den Menschensohn hielten, geantwortet hatten: „Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elias, wieder andere für Jeremias oder sonst einen von den Propheten“ (Mt. 16, 14), bekannte Petrus im Namen aller Apostel: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt. 16, 16). In der darauf folgenden Seligpreisung gibt Christus die entscheidende Erklärung, daß das Bekenntnis des hl. Petrus zu Seiner Gottessohnschaft nicht auf bloß menschliche Erkenntnis, sondern auf einen höheren göttlichen Beistand zurückzuführen ist: „Selig bist du, Simon, Sohn des Jonas. Denn nicht Fleisch und Blut hat dir dies geoffenbart, sondern Mein Vater, der im Himmel ist“ (Mt. 16, 17). Weil Simon Petrus durch den göttlichen Beistand in der katholischen Wahrheit gefestigt ist, so bezeichnet ihn Christus als Felsenfundament Seiner Kirche: „Du bist Petrus (der Fels), und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen (durch Glaubensirrtümer und Entartung der Sitten).“ – Weil die Päpste die zuverlässige Norm des wahren Glaubens für alle Menschen sind und sein müssen, deshalb empfing Petrus – und durch ihn alle Päpste – den unfehlbaren Beistand Gottes, damit sie vor der Gefahr gesichert seien, den katholischen Glauben durch ihre menschliche Schwäche zu verfälschen. Wenn der Papst also notwendigerweise durch den göttlichen Beistand in der katholischen Wahrheit gefestigt ist, dann bedeutet das umgekehrt, daß jemand, der einen falschen Glauben lehrt, unmöglich Papst sein kann. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens ist das Bekenntnis des katholischen Glaubens die Grundvoraussetzung, um überhaupt ein Mitglied der katholischen Kirche zu sein. Der Glaube ist das erste, wonach der Täufling noch vor dem Kirchenportal vom Priester gefragt wird: „Was verlangst du von der Kirche Gottes?“ Antwort: „Den Glauben.“ Der Glaube verschafft den Zugang zur katholischen Kirche, weshalb der Täufling dann beim Betreten der Kirche das Glaubensbekenntnis ablegen muß. Niemand gehört zur katholischen Kirche, der nicht den katholischen Glauben bekennt. Wenn aber jemand, der nicht den katholischen Glauben bekennt, nicht einmal ein Glied der katholischen Kirche ist, dann kann er erst recht nicht ihr Oberhaupt sein, wie der hl. Kirchenlehrer Robert Bellarmin in Übereinstimmung mit der gesamten Tradition lehrt. Die öffentliche Verleugnung des katholischen Glaubens zieht den automatischen Verlust der Kirchenzugehörigkeit nach sich. Man ist abgeschnitten von Christus. Man gehört nicht mehr zur katholischen Kirche. Und das geschieht sofort, noch bevor irgendein Konzil oder irgendein kirchliches Tribunal ein Exkommunikationsurteil ausgesprochen hätte. Das ist der erste Grund, warum niemand, der einen falschen Glauben lehrt, ein kirchliches Amt, geschweige denn das Papstamt inne haben kann. 

Der zweite Grund besteht darin, daß die Autorität in der katholischen Kirche gerade zu dem Zweck existiert, den wahren Glauben und die von Christus eingesetzten Sakramente zu schützen! Die Autorität ist dazu da, um das Heil der Seelen sicherzustellen. Unser Heil hängt vom wahren Glauben ab. „Wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden“ (Mk. 16, 16). – Aus diesem Grund waren die Päpste und Bischöfe mit großer Sorgfalt um die Reinerhaltung des Glaubens besorgt. Mit größter Wachsamkeit haben sie Lehren verurteilt und verdammt, welche dem katholischen Dogma widersprechen. Die Äußerungen des Lehramtes sind voll von Verdammungsurteilen gegen Irrlehren und ihre Vertreter. Auf diese Weise haben die Päpste den Glauben definiert. Sie haben immer deutlicher die Grenze gezogen zwischen Licht und Finsternis, zwischen Wahrheit und Irrtum, damit die göttliche Wahrheit immer klarer und deutlicher zur Geltung gebracht werde; damit jeder wisse, was zum katholischen Glauben gehört und was ihm widerspricht bzw. was ihn zerstört. – Die ganze Kirchengeschichte ist voll von Auseinandersetzungen mit den Häresien. Warum? Weil die Päpste und die mit ihnen verbundenen Bischöfe stets ihre heilige Pflicht erfüllt haben, die Wahrheit des Glaubens zu schützen. 

Die Novus-Ordo-Kirche hat diese Pflicht bei ihrer Entstehung aufgegeben. Johannes XXIII. war der erste, der ausdrücklich erklärte, er wolle die Irrtümer durch das sog. 2. Vatikanum nicht verurteilt sehen und sie auch selbst nicht verurteilen. Und tatsächlich hat es das sog. 2. Vatikanum nicht einmal fertiggebracht, den Irrtum des Kommunismus zu verurteilen. Es gab kein einziges Anathema, worauf Paul VI. die Weltöffentlichkeit in seiner Rede zum Konzilsschluß stolz hingewiesen hat. Seither beabsichtigt die Novus-Ordo-Kirche die Irrtümer nicht auszurotten, sondern zu „respektieren“. Ziel ist es nicht mehr, die Seelen den falschen Religionen zu entreißen und sie für das ewige Leben und das ewige Glück zu retten, sondern zusammen mit den falschen Religionen einen gemeinsamen Weg zu finden, das zeitliche Leid und die irdische Not zu lindern, um hier auf Erden eine bessere Welt aufzubauen. Das sind die Hauptanliegen aller Konzilspäpste. Deshalb etwa die „Finanz- und Weltwirtschafts-Enzyklika“ Ratzingers oder die „Klima-Enzyklika“ Bergoglios. Hingegen hat keiner von ihnen die Wahrheit des katholischen Glaubens durch die Verurteilung entgegenstehender Irrtümer verteidigt. Das ist besonders deutlich daran zu erkennen, daß jeder Irrtum gegen das Dogma oder die katholische Moral in der Konzilskirche offen vertreten werden darf, ohne daß die Häretiker irgendwelche Konsequenzen zu fürchten hätten. Nicht selten wurden Irrlehrer sogar zu „Kardinälen“ erhoben. Daß die Konzilspäpste auf diese Weise nicht den Glauben, sondern die Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit und gegenüber der Religion fördern, ist klar. Viele Novus-Ordo-Katholiken machen sich heute kein Gewissen mehr wegen künstlicher Empfängnisverhütung oder vorehelichem Geschlechtsverkehr. Nicht wenige von ihnen befürworten die Abtreibung. Derzeit wohl der prominenteste Abtreibungsbefürworter ist US-Präsident Joe Biden, ein praktizierender Novus-Ordo-Katholik. Eine Verurteilung, geschweige denn eine Exkommunikation braucht er nicht zu fürchten. – Novus-Ordo-Katholiken leugnen außerdem nicht selten klar definierte Dogmen des katholischen Glaubens: Sie leugnen die Unbefleckte Empfängnis Mariens, die Jungfrauengeburt Christi, die wirkliche Auferstehung, die Unfehlbarkeit der Kirche und des Papstes, die letzen Dinge, genauso wie die Realpräsenz Christi im Allerheiligsten Altarsakrament. Niemand wird von der Novus-Ordo-Hierarchie dafür gemaßregelt oder verurteilt. Verurteilt werden nur diejenigen, welche die Irrtümer des sog. 2. Vatikanums zurückweisen. Im Januar erklärte Bergoglio ausdrücklich, wer „das Konzil“ nicht anerkenne, der könne nicht zu seiner Kirche gehören. Verurteilt werden also nur diejenigen, die an der katholischen Religion festhalten; diejenigen, die glauben und bekennen, was die katholische Kirche vor dem sog. 2. Vatikanum geglaubt hat und was sie bis zum Ende der Welt fortfahren wird zu glauben; gegen solche richtet sich der Bannstrahl der Konzilspäpste.

Eine Taufe“

Bleibt uns noch das dritte Glied an der Kette, die uns mit Gott verbindet und uns zum ewigen Heil führt, zu betrachten. Es trägt die Aufschrift „Eine Taufe“. D.h. es gibt nur einen einzigen wahren Gottesdienst. Dieser besteht aus der von der kirchlichen Hierarchie angeordneten Liturgie; vor allem in dem Opfer der hl. Messe und in den hl. Sakramenten, die von Christus eingesetzt wurden, um den Gläubigen das übernatürliche Leben der Gnade mitzuteilen. – Nachdem sich der Mensch der göttlichen Autorität in seinen rechtmäßigen Stellvertretern unterworfen hat und ihrem unfehlbaren Lehramt gläubig Folge leistet, ist es schließlich noch notwendig, Gott in der Weise zu verehren, wie Gott selbst es angeordnet hat. Es gibt nur eine wahre Form der Gottesverehrung, nur einen wahren Kult, der Gottes Wohlgefallen findet. 

Der Gottesdienst findet nur dann Annahme bei Gott, wenn er einerseits getreu nach den hl. Zeremonien vollzogen wird, welche die katholische Kirche in Seinem Namen vorschreibt, und zum anderen, wenn er von den rechtmäßigen Dienern der Kirche vollzogen wird, also nur von den Priestern, die vom Papst bzw. vom Diözesanbischof zugelassen sind, das Meßopfer darzubringen und die hl. Sakramente zu spenden. – Wenn die Konzilspäpste wahre Päpste wären, dürften wir nur bei den Priestern der Messe beiwohnen und die Sakramente empfangen, welche sie durch ihre Novus-Ordo-Bischöfe dazu beauftragt haben. Wenn die Konzilspäpste hingegen falsche Päpste sind, dann dürfen wir als Katholiken an keiner Messe eines Priesters teilnehmen, der sich zu diesen falschen Päpsten bekennt, weil wir uns dadurch in Gemeinschaft mit einer falschen Kirche begeben würden. – Aus diesem Grund sind die hl. Messen bei der Piusbruderschaft, obwohl sie gültig sind, so oder so nicht katholisch. Wenn nämlich Bergoglio Papst wäre, so hat er die Priester der Piusbruderschaft nicht zugelassen, die Messe zu feiern. Solange die FSSPX das sog. 2. Vatikanum nicht anerkennt, verweigert Bergoglio ihren Priestern die Anerkennung. Solange bleiben auch ihre Messen illegal. – Wenn aber Bergoglio nicht Papst ist, so tritt man durch die Teilnahme an einer Messe bei der Piusbruderschaft in Gemeinschaft mit einer falschen Kirche, weil die FSSPX-Priester durch das „una cum“ im Meßkanon ihre Messen in die Gemeinschaft eines falschen Papstes stellen. Man kann es drehen oder wenden, wie man will. Die Messen bei der Piusbruderschaft können Gott nicht gefallen, weil sie in jedem Fall losgelöst von der katholischen Hierarchie abgehalten werden.

Die göttliche Liturgie beschränkt sich dabei nicht einfach auf Materie und Form der jeweiligen Sakramente, sondern erstreckt sich auch auf die begleitenden Zeremonien, welche die Kirche unter der Leitung des Heiligen Geistes im Laufe der Jahrhunderte den Sakramenten beigefügt hat, damit zwar einerseits deren Geheimnis bewahrt bliebe, andererseits aber auch ihre tiefere Bedeutung Ausdruck fände. In den liturgischen Zeremonien findet sich der katholische Glaube enthalten und sichtbar ausgedrückt. Der wirksamste Religionslehrer für die Gläubigen ist die Liturgie der hl. Messe. Durch die Ehrfurcht, die Anbetung, die Gebetestexte und durch den symbolischen Sinn der heiligen Handlung wird unser Glaube Woche für Woche erhalten, gestärkt und vertieft. Wie Papst Pius XII. lehrte, bestimmen die äußeren Zeremonien den inneren Glauben. Sie prägen unseren Glauben. – Dasselbe gilt auch von der Novus-Ordo-Liturgie. Auch sie hat eine Wirkung auf den Glauben. Sie ist ein Hauptgrund für die Verflüchtigung des Glaubens! Warum? Weil die Novus-Ordo-Katholiken Sonntag für Sonntag einem Gottesdienst beiwohnen, aus dem Paul VI. systematisch alles entfernen ließ, was das katholische Dogma deutlich ausdrückt. Von der Ungültigkeit der „Neuen Messe“ wollen wir hier gar nicht sprechen. Paul VI. ließ die katholischen Zeremonien aller Sakramente durch ökumenische Riten ersetzen. Bekanntlich haben damals sechs Protestanten am Neuen Meßbuch mitgearbeitet. – Das ist der Grund, warum wir die „Neue Liturgie“ genauso ablehnen müssen, wie wir den Ökumenismus ablehnen müssen. Sie unterdrückt die wahre Gottesverehrung und damit dem katholischen Glauben. Papst Pius XI. hatte das gemeinsame Gebet mit Andersgläubigen verboten. Dabei bestünde nämlich die Gefahr, daß die wahre Religion Gottes aufgrund menschlicher Rücksichtnahme den Andersgläubigen gegenüber herabgewürdigt, verschwiegen und unterdrückt würde, so daß gar der Eindruck entstünde, als würde man sich der göttlichen Wahrheit schämen. – Genau das ist der Geist der „Neuen Liturgie“! Darin wird alles, was spezifisch katholisch ist, aus Rücksicht gegen die „getrennten Brüder“ unterdrückt, vermindert und herabgewürdigt. Deshalb leistet die Neue Messe ihren Beitrag zum Verdunsten des Glaubens bei den Novus-Ordo-Katholiken. Schon in der dritten Generation seit dem sog. 2. Vatikanum wissen die jungen Menschen praktisch nichts mehr über die katholische Religion. Kein Wunder, daß sie ab einem gewissen Alter ihre religiöse Praxis aufgeben und die Religion über Bord werfen. Die wöchentliche Ökumenismus-Dosis in der Neuen Messe genügt, um die Menschen nach und nach zum Protestantismus oder zum totalen Glaubensabfall zu bewegen. Dabei bezeichnen sie sich vielleicht weiterhin als „Katholiken“, zahlen vielleicht brav Kirchensteuer und gehen an Weihnachten zum Gottesdienst, aber sie haben den katholischen Glauben verloren. Die wenigen Novus-Ordo-Katholiken, denen die Mängel der „Neuen Messe“ aufgefallen sind, begeistern sich für die „Alte Messe“ – sehr zum allgemeinen Mißfallen der Novus-Ordo-Hierarchie. Gerade vor ein paar Wochen hatte sich wieder einmal gezeigt, was Bergoglio und seine „Bischöfe“ von der sog. „Alten Messe“ halten. Es hat sich wieder einmal bestätigt, daß wir uns nicht täuschen. Bergoglio toleriert die „Alte Messe“ in ihrer verstümmelten Form nur bei jenen, die unzweifelhaft am Ökumenismus des sog. 2. Vatikanums festhalten. Auf den Punkt gebracht sagt Bergoglio den „Freuden der Alten Liturgie“: Einverstanden, ihr könnt die Riten von 1962 haben, nicht aber den darin noch enthaltenen vorkonziliaren, d.h. katholischen Glauben. – Deshalb weigern wir uns mit dieser neuen ökumenistischen Kirche irgendetwas zu tun zu haben. Denn wir müssen an dem einen überlieferten Glauben, an der einen überlieferten Liturgie und an der überlieferten Disziplin festhalten, wie sie zuletzt noch von Papst Pius XII. in der Autorität Christi als Glaubensnorm verzweifelt verteidigt worden ist. – Wir können nicht mit Christus verbunden sein und auch nicht gerettet werden, wenn wir unseren Glauben an die neue Religion des sog. 2. Vatikanums angleichen. Wir wären nicht gehorsam gegen den „einen Herrn“, wenn wir dem Wolf gehorchen. – Ein Taufbewerber kann nicht zum Empfang der Taufe zugelassen werden, ehe er nicht den wahren Glauben bekannt hat. Wie könnten wir dann durch das „una cum“ im Meßkanon in gottesdienstliche Gemeinschaft mit einer Hierarchie treten, die nicht den katholischen Glauben bekennt?

Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe.“ Diese drei Begriffe sagen die dreifache Einheit der katholischen Religion aus. Die Einheit in der Leitung – „ein Herr“. Die Einheit im Glauben – „ein Glaube“. Und die Einheit im göttlichen Kult – „eine Taufe“. Es sind drei Glieder einer Kette, wobei ein Glied in das andere greift. Nur wenn sie vollständig ist, kann sich der Mensch damit retten. Denn: Das Heil kann man allein in der katholischen Kirche erlangen. Die Kirche aber ist nur dort, wo Petrus ist. Und wo Petrus ist, da findet sich „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe.“ Amen.

16. Sonntag nach Pfingsten

Die Grade der Demut

Geliebte Gottes!

Ein jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk. 14, 11). An zwei Sonntagen im Kirchenjahr – am 10. und am heutigen 16. Sonntag nach Pfingsten – läßt uns die Kirche diesen Ausspruch des Heilandes hören, um uns die Bedeutung der Demut einzuschärfen.

Die Tugend der Demut ist nicht deshalb von so großer Bedeutung, weil sie die größte aller Tugenden wäre. Nein, der Primat unter den Tugenden kommt allein der Caritas, der Liebe, zu. Die Demut ist deshalb von so großer Bedeutung, weil sie das Fundament aller anderen Tugenden ist. Jedes Gebäude bedarf eines Fundamentes, sonst stürzt es in kurzer Zeit wieder ein. Wie das Fundament einem Bauwerk dauerhaften Bestand verleiht, so sichert die Demut die Dauerhaftigkeit aller anderen Tugenden. 

Und noch ein zweites: Je höher ein Gebäude gebaut werden soll, je weiter es in den Himmel aufragen soll, um so tiefer müssen seine Fundamente hinab reichen. Wie die Tiefe des Fundaments einen begrenzenden Faktor für die Höhe eines Gebäudes darstellt, so stellt auch die „Tiefe“, d.h. der Grad der vorhandenen Demut einen begrenzenden Faktor für die erreichbare Höhe in den übrigen Tugenden dar. Wir können uns noch so sehr um die göttlichen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und Liebe bemühen; wir können noch so sehr danach trachten klug, gerecht, starkmütig und mäßig zu sein; wir können noch so sehr um den Fortschritt in den übrigen Tugenden beten. Wenn die Demut nicht weit hinab reicht, werden wir in den übrigen Tugenden nicht besonders hoch hinauskommen. – Das ist der Grund, warum beispielsweise der hl. Benedikt in seiner Mönchsregel keine andere Tugend so ausführlich beschreibt wie die Tugend der Demut. – Die Demut ist das Fundament aller Tugenden, denn sie ist die notwendige Disposition, die unsere Seele für die Gnade Gottes empfänglich macht. Die Grade der Demut verhalten sich proportional, d.h. verhältnismäßig zu dem höchstmöglichen Grad, den wir in anderen Tugenden erreichen können.

Das Wesen und die Wurzel der Demut

Die Lehre, daß Gott den „Demütigen“, den „Niedrigen und Kleinen“, sowie den „Armen im Geiste“ Seine Gnade schenkt, ist sowohl im Alten als auch im Neuen Testament enthalten. Der hl. Jakobus schreibt in Anlehnung an einen Spruch König Salomons: „Gott widersteht den Stolzen, den Demütigen aber gibt Er Gnade“ (Jak. 4, 6; Spr. 3, 34)

Die Demut ist jene Tugend, die das ungeordnete Verlangen im Menschen nach Hohem und Großem mäßigt. Sie bändigt jenes Streben, das über die rechte Ordnung hinauswill, und dabei höheres Ansehen, größere Bevorzugung und mehr Beachtung für sich begehrt oder in Anspruch nimmt, als es den tatsächlichen Fähigkeiten, den tatsächlichen Verdiensten oder der tatsächlichen Stellung entspricht. Damit steht die Demut im Gegensatz zum Laster des Stolzes. – Während die Demut Wahrheit, Selbstkenntnis und Ehrlichkeit voraussetzt, beruht der Stolz auf Lüge, Unwahrheit und Täuschung. Der Stolze verlangt Anerkennung und Auszeichnungen aufgrund von Vorzügen, die nicht vorhanden sind. – Die Demut ist Wahrheit. Sie steht jener Ehre und Auszeichnung nicht entgegen, die der wahren Würde eines Menschen, seinem Amt oder seinen Verdiensten entsprechen. Aber sie verlangt nicht, was ihr nicht zukommt, und legt auf das, was ihr zukommt, keinen übermäßigen Wert.

Wie das Fundament einem Bauwerk erst dann Stabilität verleihen kann, wenn es die weichen, sandigen Bodenschichten durchdringt und bis auf den Felsen hinab reicht, so kann auch die Demut dem Gebäude des geistlichen Lebens erst dann dauerhaften Bestand verleihen, wenn sie den weichen Untergrund menschlicher Unbeständigkeit und Selbstüberschätzung durchdrungen hat und sich ganz auf Gott stützt. Denn Gott allein ist der einzige tragende Felsengrund für das Tugendgebäude des geistlichen Lebens.

Die Tugend der Demut beinhaltet zwei wesentlich Momente: 1. die schonungslose Erkenntnis der eigenen Mangelhaftigkeit und daraus folgend die realistische Selbsteinschätzung, daß wir aus uns selbst nichts sind und nichts vermögen. Deshalb hat die demütige Seele ein großes Mißtrauen gegen sich selbst. – 2. beinhaltet die Demut die Anerkennung der Majestät und Vorzüglichkeit Gottes, dem sie alle guten Werke, alles Können und Gelingen zu verdanken hat. Je mehr sich die demütige Seele selbst mißtraut, um so größeres Vertrauen setzt sie auf Gott und auf Gott allein. Diese Haltung eröffnet der Seele den Zugang zur unerschöpflichen Quelle der göttlichen Gnade und der Barmherzigkeit Gottes. Gott ist unendlich gut und unendlich großzügig. Das Hindernis, warum wir wenig oder gar keine Gnade von Gott empfangen, liegt nicht auf Seiten Gottes, als ob Er nicht geben wollte, sondern daran, daß größere Gnaden einen tieferen Grad der Demut erfordern! Je tiefer die Demut, desto größer ist die Fähigkeit der Seele, die Güter der göttlichen Barmherzigkeit tatsächlich zu empfangen.

Der erste Grad: „Jedes gute Werk ist Gott zuzuschreiben.“

Zahlreiche Lehrer des geistlichen Lebens haben die Tugend der Demut in verschiedene Grade eingeteilt. Hier folgen wir einer Einteilung des spanischen Dominikanertheologen Ludwig von Granada (1505-1588), den der hl. Franz von Sales als den „Fürsten der geistlichen Schriftsteller“ bezeichnet hat. Er unterscheidet sechs Grade der Demut. 

Der erste Grad besteht in der Erkenntnis, daß alles Gute allein von Gott stammt. Gott ist die Ursache alles Guten. Wie er den Menschen jeden Augenblick im Dasein erhalten muß, so muß Er auch jeden Augenblick dessen gute Anlagen, Begabungen und Talente im Dasein erhalten. Ja, mehr noch! Gott muß dem Menschen sogar jeden Augenblick die Kraft schenken, seine Fertigkeiten gebrauchen zu können. Um nur einen einzigen Gedanken zu denken, ein Wort auszusprechen oder einen Finger rühren zu können, brauche ich die tätige Hilfe Gottes. „Ohne mich könnt ihr nichts tun“ (Joh. 15, 5), sagt unser göttlicher Erlöser. Und das ist im wörtlichen Sinne zu verstehen! Und wenn schon alle natürlichen Anlagen – die Kräfte des Leibes, die Schärfe des Verstandes, die Zuverlässigkeit des Gedächtnisses, jeder Willensentschluß – ganz auf Gottes Unterstützung angewiesen sind, um wieviel mehr sind dann erst alle übernatürlichen Güter – die unzähligen Gnaden, die Gaben des Heiligen Geistes – ganz von Gott abhängig. Wenn schon niemand ohne den Beistand Gottes, der ja der erste Beweger ist, irgendein natürliches Werk tun kann, um so weniger kann der Mensch ohne Mitwirkung der göttlichen Gnade etwas übernatürlich Gutes vollbringen. All unsere Werke, sowohl die der natürlichen als auch die der übernatürlichen Ordnung, haben ihren Ursprung in Gott. Jeder gute Einfall, jede tugendhafte Absicht, jeder fromme Gedanke entspringt zuerst einer Anregung Gottes. Er will uns retten und uns dazu bewegen, gute Werke zu tun. – Der demütige Mensch kann sich nicht einfach mit diesem theoretischen Wissen seiner totalen Abhängigkeit von Gott, wie es ihn die Philosophie lehrt, begnügen. Er ist ganz von dieser Wirklichkeit überzeugt. Er ist ganz durchdrungen von der Wahrheit, die Christus einst der hl. Margareta Maria Alacoque eingeprägt hat indem Er zu ihr sprach: „Ich bin derjenige der ist. Und du bist diejenige, die nicht ist.“ – Diese Einsicht wappnet den Christen gegen die „eitle Ehre“ und gegen das „Lob der Menschen“. Denn selbst wenn die anderen Menschen sein Können bewundern und seine Werke loben, wird er sich stets so verhalten, als gälte das Lob allein Gott, dem alles Lob gebührt. Der erste Grad der Demut macht die Seele dankbar gegen Gott. Dankbar für alles, was ihr mit Gottes Hilfe gelingt, dankbar für alles, was sie mit Gottes Hilfe Gutes leisten darf.

Der zweite Grad: „Jedes gute Werk ist ein Werk der ungeschuldeten Gnade Gottes.“

Der zweite Grad der Demut geht tiefer. Er besteht in der Erkenntnis, daß alles gute Gelingen, das Gott durch einen Menschen wirkt, gänzlich unverdient ist. – Daß uns Gott zum Guten anregt und bewegt, ist nicht die Frucht unserer Anstrengung, nicht die Frucht unserer Gebete, nicht die Frucht unseres sittlichen Wandels, auch keine Belohnung für irgendein Verdienst unsererseits, sondern einzig und allein Gnade; d.h. ein ungeschuldetes Geschenk der göttlichen Barmherzigkeit. „Nicht wir haben Gott geliebt“ (1. Joh. 4, 10), daß Er uns vergelten müßte. „Nicht wir haben Gott geliebt, sondern Er hat uns zuerst geliebt.“ Manche Menschen begreifen zwar, daß Gott bei allem, was sie Gutes tun, als Erstursache wirkt. Aber im tiefsten Innern ihres Herzens sind sich doch davon überzeugt, daß sie dessen auch würdig sind. Sie glauben, aufgrund ihrer eigenen Verdienste, aufgrund ihres frommen, gottesfürchtigen Lebenswandels, aufgrund ihrer Treue Anspruch auf die göttliche Gnade zu haben. Doch das ist nicht wahr! Tatsächlich besteht der Wert unserer guten Werke ja nicht in den Werken selbst, sondern in der übernatürlichen Gnade, mit der sie getan werden. Das Almosen eines Heiligen und das gleichwertige Almosen aus der Hand eines Todsünders sind an sich betrachtet das gleiche Werk. Trotzdem ist das Almosen des Heiligen verdienstlich, weil es in der Gnade gegeben wurde, das Almosen des Todsünders hingegen wertlos für die Ewigkeit. Allein die Gnade gibt unseren guten Werken übernatürlichen Wert. Die Gnade stammt aber allein von Gott. Sie ist ein unverdientes Geschenk Gottes, das Er uns gratis gewährt. Ohne die Gnade sind unsere Werke wertlos. – Es verhält sich dabei etwa so wie beim Papiergeld. Der Geldschein selbst ist zunächst lediglich wertloses Papier. Das Papier erhält erst durch den offiziellen Aufdruck durch die Geldpresse seinen Wert. Es hätte statt zum Geldschein auch zum wertlosen Notizblock verarbeitet werden können. Worin läge also das Verdienst des Papieres, daß es den Aufdruck einer 200- oder gar einer 500-Euro-Note erhalten hat? Unser menschliches Tun ist wie das Papier. Allein die Barmherzigkeit Gottes gibt dem menschlichen Tun durch das Hinzutreten der Gnade übernatürlichen Wert. Erst dadurch wird es gut, wertvoll und für den Himmel verdienstlich gemacht. 

Der demütige Mensch muß also auf dem zweiten Grad einsehen, daß alles Gute, das er an sich erkennt, nicht nur ursächlich von Gott herstammt, sondern daß es ihm von Gott unverdienterweise geschenkt wird. Daß hingegen alles, was in seinem Leben wertlos für die Ewigkeit bleibt, allein von Menschen herstammt, weil er sich durch die Sünde dem Einfluß der göttlichen Gnade verweigert. Das einzige, was der Mensch also wirklich „aus sich selbst“ verdienen kann, ist die Hölle. Mit anderen Worten: Alles was über das Böse hinausgeht; alles an uns, was nicht Sünde ist, stammt von Gott und ist das Werk Seiner Gnade – nicht unser Werk. Wer in dieser Überzeugung gefestigt ist, hat den zweiten Grad der Demut erreicht. Doch dieser ist noch nicht hinreichend zur Vollkommenheit dieser Tugend.

Der dritte Grad: „Ich bin nur ein Sünder.“

Es gibt viele Menschen, die zwar einsehen, daß alles Gute an ihnen von Gott herstammt und daß es ihnen aus unverdienter Gnade, nicht aufgrund ihrer persönlichen Leistung zuteil wurde. Aber trotzdem gefallen sie sich selbst darin. Die Selbstgefälligkeit an den eigenen Vorzügen führt sie dazu, sich den Mitmenschen gegenüber überlegen einzuschätzen. Sie meinen, die Sonne würde nur über ihrem Garten aufgehen. Sie meinen, sie hätten mehr Licht, mehr Verständnis, mehr Tugend als andere und sind deshalb erfüllt von übermäßigem Selbstvertrauen. Eitles Selbstgefallen gebiert eitles Selbstvertrauen. Und eitles Selbstvertrauen gebiert eitle Selbstüberheblichkeit. Das ist deshalb so gefährlich, weil sich der Teufel meisterlich darauf versteht, eine derart „demütige Seele“ in ihrem Überlegenheitsgefühl zu bestärken. – Das vielleicht anschaulichste Beispiel solch „überlegener Demut“ bietet uns das Gleichnis vom Gebet des Pharisäers im Tempel. Er dankt Gott dafür, nicht so zu sein wie die anderen Menschen: „O Gott, ich danke Dir, daß ich nicht bin wie die übrigen Menschen“ (Lk. 18, 11), spricht er. In seinem Dank anerkennt der Pharisäer, daß alles Gute an ihm von Gott stammt. Darin besteht der erste Grad der Demut. Es ist nicht ausgeschlossen, daß er sogar glaubt, daß ihm all seine Vorzüge ohne sein eigenes Verdienst zuteil geworden ist. Das wäre der zweite Grad. Aber er ist davon überzeugt, gewisse Qualitäten zu besitzen, die ihn aus der Masse der übrigen Menschen herausragen und ihn allen anderen gegenüber überlegen erscheinen lassen. Er fehlte ihm der dritte Grad der Demut. Kennzeichen dieses Mangels ist neben dem Wohlgefallen an den eigenen Vorzügen vor allem das stete Vergleichen mit dem Nächsten, das bekrittelnde Urteil und die Herabsetzung des Nächsten. 

Der Mensch hingegen, der diesen Grad der Demut erreicht hat, erkennt einerseits die Tugenden, mit denen Gott seine Mitmenschen beschenkt hat, an und begegnet dem Nächsten deshalb mit Wertschätzung, während er andererseits blind ist für die eigenen Tugenden und Vorzüge. Er nimmt an, im Vergleich mit anderen weniger tugendhaft zu sein als er es tatsächlich ist. Und das wohlgemerkt nicht aufgrund einer aufgesetzten, gespielten Bescheidenheit, sondern aus ehrlicher Überzeugung seines Herzens. Ein Phänomen, das wir oft bei den Heiligen sehen, die sich als nichtswürdige Sünder betrachten, obwohl sie längst die höchsten Tugendgrade erreicht hatten. 

Während materielle Güter um so einfacher bewacht und am besten vor Diebstahl gesichert werden können, wenn man sie beständig im Blickfeld behält und sie nicht aus den Augen läßt, so lassen sich im Gegensatz dazu die geistlichen Güter – die Tugenden und übernatürlichen Verdienste – am sichersten bewahren, indem man gerade nicht auf sie schaut, wenn man gar nicht an sie denkt; wenn man darauf ganz vergißt. – Zu diesem Zweck läßt es Gott auch geschehen, daß über Seine auserwählten Diener bisweilen schwere Versuchungen kommen, von denen sie heftig gequält werden. Durch die Bedrängnis der Versuchung wird nämlich die eigene Schwäche, die eigene Fehlerhaftigkeit, das eigne Unvermögen ins Zentrum der Aufmerksamkeit der Seele gehoben, so daß sie auf ihre tatsächlichen vorhandenen Tugendwerke vergißt und auf diese Weise das eitle Wohlgefallen am eigenen Geschick und Können zerstört wird.

Der vierte Grad: „Die verborgene Eigenliebe verdirbt alles.“

Zur vollkommenen Erlangung der Demut ist jedoch die Erkenntnis der eigenen Schwäche und Armut nicht hinreichend. Die Seele muß zur Einsicht gelangen, daß jedem tugendhaften Werk, das Gott in ihr und durch sie wirkt, der Makel der Eigenliebe anhaftet. Der Demütige des vierten Grades erkennt nicht nur die Tatsache der verborgenen Eigenliebe, die sich immer wieder einschleicht, sondern er erkennt, daß die Eigenliebe praktisch omnipräsent ist, in all seinen guten Gedanken, Worten und Werken heimlich mitschwingt und auf diese Weise selbst die vollkommensten und tugendhaftesten Werke befleckt werden. Die Eigenliebe ist eine Fäulnis, die immer wieder hervorbricht in Form von unbeherrschbaren Regungen der Leidenschaften, von schlechten Neigungen, von versteckter Rücksichtnahme auf die eigene Bequemlichkeit oder in Form von verborgenem Eigennutzen. Sie haftet all unseren guten Werken an, mindert ihren Wert in den Augen Gottes und mißfällt Gott sehr. – Die Eigenliebe ist mit dem Stallgeruch zu vergleichen. Selbst ein weißes, frisches Hemd nimmt nach kürzester Zeit den Gestank des Schweinestalls in sich auf. Obwohl äußerlich rein und sauber, ist ein solches Hemd ganz vom Gestank der Schweine durchdrungen und wird im Verkehr mit anderen gewiß Anstoß und Mißbilligung erregen.

Aus eigener Anstrengung können wir nicht zu einer derart tiefen Selbsterkenntnis gelangen, die uns einsehen läßt, wie selbst unsere besten und tugendhaftesten Werke von unserer Eigenliebe verdorben werden. Wir benötigen dazu eine übernatürliche Erleuchtung Gottes. Dieses Licht vom Himmel muß die Nebelschwaden der Selbsttäuschung vertreiben, damit wir uns so erkennen können, wie wir wirklich sind. Zweifelsohne ist diese schonungslose Offenlegung unseres wahren Zustandes eine sehr schmerzhafte Selbsterkenntnis, aber gleichzeitig eine sehr heilsame und damit eine große Wohltat Gottes.

Wenn schon ein Richter in dem Urteil, das er über einen Freund zu fällen hat, nicht ganz unbefangen sein kann, um wieviel weniger der Mensch im Urteil über sich selbst. Wir kennen es aus eigener Erfahrung, wie streng wir doch andere bestraft sehen wollen, hingegen für unsere Fehler und Sünden stets Milde und Verständnis einfordern. Der Mensch ist in der eigenen Sache immer ein schlechter Richter. Deshalb müssen wir Gott um Sein Licht anflehen, so wie es der hl. Augustinus in dem schönen Gebet getan hat: „Herr, laß mich recht erkennen wer ich bin und wer Du bist.“ Denn die wahre Selbsterkenntnis kann nur durch Gott, der gleichermaßen allwissend und gerecht ist, herstammen. – Um dieses Licht zu erlangen, ist das Gebet, insbesondere das betrachtende Gebet, von großer Bedeutung, weil Gott das zur Selbsterkenntnis notwendige Gnadenlicht nur durch das Gebet gewährt.

Der fünfte Grad: „Ich bin der armseligste und undankbarste Sünder.“

Der fünfte Grad der Demut ist erreicht, wenn sich die Seele nicht nur als einen Sünder erkennt, sondern auch davon überzeugt ist, der schlimmste aller Sünder zu sein. – Es entsteht niemandem ein Schaden, wenn man sich zurückhält und sich anderen gegenüber gering einschätzt. Hingegen entsteht unter Umständen ein großer Schaden, wenn man sich vordrängelt und den Vorrang vor anderen beansprucht. Das ist genau die Lehre des heutigen Evangeliums vom Gerangel um die ersten Plätze.

Der hl. Franziskus wurde einst von einem seiner Minderbrüder gefragt, wie er ehrlich von sich behaupten könnte, daß er der armseligste Sünder sei, da ihn doch Gott mit solch großen Gnadengaben und Wundern ausgezeichnet hat. Der Poverello antwortete, daß er, wenn Gott auch nur einen Augenblick Seine schützende Hand über ihm zurückzöge, zu den größten Schandtaten und häßlichsten Verbrechen imstande wäre. Und daß jeder andere Mensch, dem die göttliche Gnade in demselben Maß geschenkt worden wäre, wie sie ihm zuteil wurde, viel größeren Nutzen daraus gezogen hätte, als er es getan hat. Der hl. Franz von Assisi erkannte, daß er so viele Gnaden in seinem Leben ungenutzt gelassen hat. Deshalb war er davon überzeugt, der elendste und undankbarste aller Sünder zu sein. Er schauderte also nicht vor einer bestimmten Sünde zurück, sondern davor, der Gnade, die ihm tagtäglich von Gott angeboten worden war, nicht gerecht geworden zu sein, nicht besser mit ihr gearbeitet zu haben.

Die fünfte Stufe der Demut geht also aus einem Vergleich hervor. Der Seele wird bewußt, daß die von Gott empfangen Gnaden in keinem Verhältnis zu dem stehen, was sie daraus tatsächlich gemacht hat. Daß durch ihr schuldbares Versäumnis, durch ihre Nachlässigkeit, Zeitvergeudung, Bequemlichkeit und Eigenliebe so viel Gutes verhindert oder wenigstens nicht in jenem Maß zustande gekommen ist, welches möglich gewesen wäre, hätte sie der angebotenen Gnade vollkommen entsprochen. Daß ein anderer Mensch, der dieselben Anregungen empfangen hätte wie sie, dieselben viel besser genutzt hätte, als sie es getan hat. – Und handelt es sich dabei nicht um eine wahre Feststellung? Wie oft haben wir schon die Gnade Gottes nicht so genutzt, wie wir sie hätten nutzen könne und müssen. Der Gedanke daran läßt die Seele auf der fünften Stufe der Demut erschauern.

Der sechste Grad: „Es ist würdig und recht, wenn ich verachtet werde.“

Der sechste und letzte Grad der Demut betrifft die äußeren Merkmale dieser Tugend. Sie gehen stets aus der innerlichen Tugend hervor. Die wahre Herzensdemut besteht nicht nur in einer tiefen Selbsterkenntnis und Selbstverachtung, sondern sie tritt auch im äußeren Verhalten in Erscheinung. Derjenige, der sich selbst erniedrigt, sich ehrlich allen Lobes und aller Ehrenbezeigung unwert erachtet, wird sich auch nach außen hin dementsprechend verhalten. Er wird mit dem letzten Platz nicht nur zufrieden, sondern glücklich sein. Er wird gerne mit den einfachsten Menschen umgeben sein; wird seine Stärken, seine Tugenden, sein Wissen, seine Schönheit zu verbergen suchen, um auf diese Weise dem Sohn Gottes, dem vollkommensten Beispiel wahrer Demut, ähnlich zu werden. Christus hat den Glanz Seiner Gottheit, Seine Weisheit, Seine Macht stets verborgen, es sei denn, es war im Gehorsam gegen den Willen Gottes notwendig, sie offen zu zeigen. Er umgab sich mit den einfachsten Menschen, ja selbst mit Sündern und verachteten Personen. Und dabei begegnete Er ihnen mit Achtung und Freundlichkeit. Er war gekommen, um zu dienen, nicht um sich bedienen zu lassen. So nahm der Sohn Gottes unter uns den letzten Platz ein.

Die äußeren Akte der Demut müssen natürlich in Übereinstimmung mit der inneren Gesinnung des Herzens stehen. Sonst sind sie Heuchelei. Außerdem müssen sie in Übereinstimmung mit der Klugheit im Hinblick auf die Würde der eigenen Person und hinsichtlich der Pflichten des Standes bzw. des Amtes sein.

Der wahrhaft demütige Menschen schreckt nicht davor zurück, verachtet oder geschmäht zu werden. Er begnügt sich nicht nur damit, demütig nach außen hin zu erscheinen, sondern die Echtheit seiner Tugend beweist sich darin, daß er auch dann noch allen mit Hochachtung begegnet, allen gehorcht und niemanden ohne gerechten Grund tadelt, wenn ihm Unrecht geschieht. Er sucht nicht seine Ehre, weder in Worten noch in Taten. – Demut ist Wahrhaftigkeit. Deshalb verabscheut der Demütige alles heuchlerische, scheinheilige Gebaren. – Er erforscht die Geheimnisse Gottes nicht aus Neugier. – Er verlangt keine Wertschätzung und Hochachtung für seine Verdienste seitens seiner Vorgesetzten und Mitmenschen. Selbst angesichts von Ungerechtigkeit, Herabsetzung und Spott gegen seine Person bleibt sein ganzes Verhalten bescheiden, gütig und wohlwollend.

Der Fortschritt in der Demut

Der hl. Bernhard von Clairvaux sagt: „Die Demütigung ist der Weg zur Demut.“ Mit anderen Worten: Wer in der Demut wachsen möchte, soll nicht nur darum beten. Er soll sich auch darauf gefaßt machen, daß sein Gebet erhört wird und Gott Demütigungen über ihn kommen lassen wird. Dann soll er nicht empfindlich und ungehalten werden. Denn es gibt keinen anderen Weg als die Demütigung, um in der Demut zu wachsen. Die Demütigung konfrontiert uns schonungslos mit der Wahrheit unserer eigenen Mangelhaftigkeit und lehrt uns den stolzen Nacken vor Gott beugen, wodurch wir die Zuneigung Gottes gewinnen. Der hl. Augustinus sagt: „Gott ist groß. Aber wenn du dich erhöhst, dann wird Er vor dir fliehen. Wenn du dich demütigst, wird Er sich dir nahen.“

O Größe und Macht der Demut! Je tiefer wir auf ihr hinabsteigen, um so höher führt sie uns empor. Sie richtet die Gefallenen auf und bereichert die Armen. Sie heilt die Kranken und erleuchtet Blinde mit dem Licht wahrer Erkenntnis. Sie schenkt dem Menschen den Himmel auf Erden und führt ihn aus dem Sumpf der Sünde heraus bis an die Pforte des Paradieses. Die Sehnsucht, Gott lieben zu dürfen, brachte einst Gott dazu, vom Himmel auf die Erde herabzukommen. Aus dem Schoß des ewigen Vaters stieg der Sohn herab in den Schoß Seiner unbefleckten Mutter. Er legte Seine Herrlichkeit ab, um Seinen heiligen Leib am Schandpfahl des Kreuzes zu opfern. Die Demut hat den Sohn Gottes zu einem Mensch werden lassen. So wird die Demut auch aus dem Menschen ein Kind Gottes machen. Amen.

Schutzengelsonntag

Die Welt der Engel

Geliebte Gottes!

Der September ist traditionell der Verehrung der hl. Engel gewidmet. Deswegen wollen wir am ersten Sonntag dieses Monats unseren Blick auf die Welt der Engel lenken.

Die Existenz der Engel

Vom Ursprung der Engel berichtet uns der Schöpfungsbericht in seinem allerersten Vers. Dort heißt es: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (Gen. 1, 1). Der ausgesagte Gegensatz zwischen „Himmel“ und „Erde“ bezeichnet hier nicht den zwischen dem blauen Himmel über uns und den lehmigen Erdboden zu unseren Füßen, sondern den Unterschied zweier grundsätzlich verschiedener, aber nicht voneinander geschiedener Bereiche der Schöpfung. Das Wort „Erde“ ist hier als Sammelbegriff für die gesamte sichtbare, materielle, räumlich-dreidimensional ausgedehnte Schöpfung zu verstehen. Der „Himmel“ bezeichnet das unsichtbare Reich, die Welt unzähliger, reiner Geister, die Engel genannt werden. – Die irdische Welt, in der wir leben, heißt „sichtbare Welt“, weil wir sie mit den Augen sehen und mit unseren Sinnen wahrnehmen können. Sie ist für unsere leiblichen Augen sichtbar, weil sie aus körperlichen Teilen, aus stofflichen Teilchen, aus Materie besteht. Die irdische, sichtbare Welt ist die Körperwelt. Sie ist riesig groß. Denken wir nur an die riesige Ausdehnung des Weltalls. – Die Körperwelt ist erfüllt mit einer unüberschaubaren Mannigfaltigkeit körperlicher Geschöpfe: Mineralien, Pflanzen, Tiere. Sie werden in viele Tausende von Klassen, Arten und Gattungen unterschieden und eingeteilt. Alles in allem ist die sichtbare Schöpfung in einer hierarchischen Stufenordnung ausgebildet. Zuunterst stehen die unbelebten Körper. Etwa die Elemente Wasser, Erde, Feuer, Luft. Eine Stufe höher befindet sich das Pflanzenreich. Darüber das Tierreich. Und darüber wiederum die Krone der sichtbaren Schöpfung, der Mensch. Der hl. Thomas von Aquin sagt: „Je höher etwas in den Seinsstufen steht, desto mehr reicht es an die Ähnlichkeit Gottes heran. Die auf der untersten Stufe Stehenden nehmen nur ihrem Sein nach an der Gottähnlichkeit teil; so die leblosen Wesen. Andere im Sein und Leben; wie die Pflanzen. Wieder andere durch das sinnliche Empfinden, nämlich die Tiere. Der höchste Grad kommt aber den Wesen zu, die Ihm [Gott] auf Grund der Vernunft ähnlich sind“ (Comp. Theol.; cap. 75). Und der hl. Thomas erklärt weiter: Wenn die Schöpfung insgesamt die Vollkommenheit Gottes widerspiegeln soll, dann muß notwendigerweise angenommen werden, daß auch alle möglichen Seinsstufen in der Schöpfung tatsächlich verwirklicht sind. Daß es also nicht nur rein körperliche Geschöpfe wie die Steine, Pflanzen und Tiere oder geistig-körperliche wie den Menschen, sondern auch rein geistige, unkörperliche Geschöpfe geben muß. Die menschliche Seele kann nicht der Gipfel der Schöpfung sein, weil die Seele in ihrer Tätigkeit von den Sinnen des Körpers abhängig ist. In dieser Abhängigkeit von der Materie besteht die Unvollkommenheit und Beschränktheit des menschlichen Geistes. – Die Vollkommenheit der Schöpfung verlangt mit gewisser Notwendigkeit nach dem Dasein rein geistiger Geschöpfe. Sie verlangt Geschöpfe, welche die höchstmögliche Gottähnlichkeit besitzen. Geschöpfe, die wie Gott über Vernunft und freien Willen verfügen, ohne dabei an einen Körper gebunden zu sein. Geschöpfe, die wie Gott „reine Geister“ sind, wenngleich nicht unendlich vollkommen wie Er. Diese Geschöpfe sind die Engel. 

Diese philosophischen Überlegungen, basierend auf dem Prinzip der hierarchischen Seinsordnung, werden bestätigt durch die göttliche Offenbarung. Es gibt geschaffene, reine Geister tatsächlich. Wer die Existenz der Engel leugnen will, kann dies nicht tun, ohne die gesamte Heilige Schrift zu verwerfen. Denn nahezu auf jeder Seite der Heiligen Schrift begegnen uns Engel. Das Alte Testament berichtet uns beispielsweise, daß Gott Engel sandte, um Lot aus Sodom herauszuführen, ehe Gottes Strafgericht über die verruchte Stadt hereinbrach. – Drei Engel kündeten dem greisen Abraham von der bevorstehenden Geburt seines Sohnes Isaak. – Als Hagar, die Magd des Abraham, von diesem vertreiben wurde, da erschien ihr ein Engel, so schön und wunderbar, daß sie ihn für Gott selbst hielt. – Als Jakob vor seinem Bruder Esau in die Fremde flüchten mußte, da tröstete ihn Gott mit dem Traum von der Himmelsleiter, auf der die Engel des Himmels auf- und niederstiegen. – Ein Engel erschlug die Erstgeburt Ägyptens, ehe das auserwählte Volk der Hebräer unter der Führung des Moses aus der Knechtschaft des Pharaos entlassen wurde. – Als der junge Tobias im Auftrag seines greisen Vaters eine weite Reise unternehmen mußte, da war es der Erzengel Raphael, der ihn in sichtbarer Gestalt vor den Gefahren der Reise beschütze und glücklich zu seinen Eltern nach Hause zurückführte. – Als später im babylonischen Exil die drei Jünglinge wegen ihres standhaften Glaubens an den einen Gott in den glühenden Feuerofen geworfen wurden, da war es abermals ein Engel, der mitten die Flammenglut hinabstieg um die drei Jünglinge vor Schaden zu bewahren.

Noch häufiger ist im Neuen Testament von Engeln die Rede. Der Erzengel Gabriel erscheint dem frommen Priester Zacharias im Tempel und verkündet ihm die Geburt Johannes des Täufers. – Sechs Monate später wird derselbe Erzengel zur Jungfrau Maria gesandt, um ihr die Botschaft zu überbringen, daß sie zur Muttergottes auserwählt sei. – Ein Engel eröffnete dem hl. Joseph im Traum das Geheimnis von der jungfräulichen Empfängnis des Erlösers durch den Heiligen Geist. – Ein Engel verkündete den Hirten auf den Fluren von Bethlehem die Geburt des göttlichen Kindes. Und eine ganze Engelsschar fiel ein in den Gesang des „Gloria in excelsis Deo“. – Ein Engel warnte die Heilige Familie vor dem Mordanschlag des Herodes auf das Jesuskind. – Und wiederum ein Engel überbrachte der Heiligen Familie später den Auftrag, aus ihrem ägyptischen Exil in das Heilige Land zurückzukehren. – Engel eilten herbei und dienten dem Heiland in der Wüste nach Seinem hl. Fasten und nach der Versuchung durch den Satan. – Ein Engel stärkte unseren göttlichen Erlöser in Seiner Todesangst am Ölberg. – Engel verkündeten am Ostermorgen die Auferstehung Christi und am Tag Seiner Himmelfahrt Seine herrliche Wiederkunft am Ende der Welt. – Ein Engel löste die Ketten des im Gefängnis schmachtenden Apostelfürsten Petrus und führte ihn unbehelligt und mit schlafwandlerischer Sicherheit an zahlreichen Wachposten vorbei in die Freiheit. – Engel beschützen die Apostel auf ihren Missionsreisen und kündeten dem hl. Evangelisten Johannes auf Patmos die zukünftigen Geheimnisse des Gottesreiches. 

Die gesamte Heilsgeschichte legt Zeugnis für die tatsächliche Existenz reiner Geister ab, die zusammengenommen das „Reich der Himmel“ bilden. Und so erklärte das IV. Laterankonzil im Jahr 1215: „Gott … gründete im Anfang der Zeit aus dem Nichts zugleich beide Reiche, das geistige und das körperliche, das der Engel und das der [sichtbaren] Welt, und darauf das des Menschen, der – aus Körper und Geist zusammengesetzt – gewissermaßen beiden Reichen angehört.“ Der Mensch bildet somit nicht den Gipfel der Schöpfung, sondern ist die Schnittstelle zwischen „Himmel“ und „Erde“, zwischen der Körperwelt, über der sich dann noch die Weite des Reichs der geschaffenen himmlischen Geister auftut, an dessen Spitze Gott selbst, der Allerhöchste, als der ungeschaffene und unendlich vollkommene Geist thront.

Die Zahl und Ordnung der Engel

Wenn wir dies Welt der reinen Geister sehen könnten, wie wir die Körperwelt schauen, was würden wir zu sehen bekommen? – Eine Welt, die vermutlich noch größer und ausgedehnter ist als die materielle Welt; die noch glänzender, noch vielfältiger, noch artenreicher ist als die Körperwelt. „Tausendmal tausend dienten Ihm, und zehntausendmal hunderttausend standen vor Ihm“ (Dan. 7,10), berichtet uns der Prophet Daniel von der Vision, die ihm vom himmlischen Hofstaat zuteil geworden ist. Wie in der sichtbaren Körperwelt, so existiert auch im Reich der Engel eine Stufenordnung, eine Hierarchie, vom unvollkommeneren zum vollkommeneren aufsteigend. Die einen Engel sind vollkommener als die anderen. Die Heilige Schrift benennt verschiedene Arten von Engeln. Sie redet von Seraphim (vgl. Is. 6, 2); von Cherubim (vgl. Ez. 10, 5); von Thronen, Herrschaften, Mächten und Gewalten (vgl. Kol. 1, 16) und von Erzengeln (vgl. 1. Thess. 4, 15). Die mündliche Überlieferung und die späteren Kirchenlehrer nehmen neun „Chöre“ der Engel an, von denen je drei Chöre zusammengenommen eine sog. „Ordnung“ bilden. Es gibt also drei Ordnungen, wobei sich jede Ordnung aus drei Chören zusammensetzt. Was insgesamt neun Chöre ergibt. 

Die drei höchsten Chöre bilden zusammen die „erste Ordnung“. Sie haben ihre Namen von ihrem Verhältnis, in welchem sie zu Gott stehen. Zuoberst und damit der göttlichen Majestät am nächsten stehend befinden sich die Seraphim. Sie werden ob ihrer glühenden Liebe zu Gott „Brennende, Feurige“, auf hebräisch eben „Seraphim“ genannt. – Darunter steht der Chor der Cherubim. „Cherub“ bedeutet wörtlich „Ergreifer, Festhalter“ oder auch „vertrauter Diener“. Die Cherubim werden so genannt, weil sie über eine unbegreiflich tiefe Kenntnis der göttlichen Geheimnisse verfügen. Sie sind gleich Kammerdienern die Vertrauten Gottes, die Mitwisser Seiner größten Geheimnisse. Sie vermögen mit ihrem Verstand noch zu „ergreifen“ und „festzuhalten“, was das Fassungsvermögen niedrigerer Geister übersteigt. – Die Engel des dritten Chores werden „Throne“ genannt. Sie bilden gewissermaßen den Thron Gottes und sind in einem unerschütterlichen Frieden begründet.

Die „zweite Ordnung“ der himmlischen Heerscharen besteht aus dem vierten, fünften und sechsten Chor. Es sind die „Herrschaften“, die „Mächte“ und die „Gewalten“. Während die erste Ordnung Gott als Thronassistenz dient und nur für Ihn allein da ist, richtet sich der Dienst der „zweiten Ordnung“ auf den Erhalt der Schöpfung. Die „Herrschaften“ gebieten über die Engel der „dritten Ordnung“, die wir gleich sehen werden. Sie regeln, koordinieren und erhalten das Gefüge der Naturgesetze; angefangen vom Lauf der Sterne bis zum kleinen Atom. – Unter den Herrschaften stehen die Chöre der „Mächte“ und der „Gewalten“. Von ihnen schreibt der hl. Papst Gregor der Große: „‚Mächte‘ werden jene Geister genannt, durch welche häufig Zeichen und Wunder geschehen.“ Sie sind die Wundertäter, wie etwa jener Engel, der zur Zeit Jesu im Bethesda-Teich von Zeit zu Zeit das Wasser in Wallung brachte, woraufhin der erste Kranke, der ins Wasser stieg, Heilung fand, egal unter welchem Leiden er litt (vgl. Joh. 5, 4). Papst Gregor fährt fort: „‚Gewalten‘ werden diejenigen genannt, die es in ihrer Ordnung vollkommener als die anderen empfangen haben, daß ihrer Botmäßigkeit die feindlichen (dämonischen) Mächte unterworfen sind; denn durch ihre Gewalt werden diese (die Dämonen) in Schranken gehalten, damit sie sich nicht erdreisten, die Menschenherzen zu weit zu versuchen, als Gott es zulassen will“ (hom. in Evv. 34).

Die untersten drei Chöre bilden zusammen die „dritte Ordnung“. Es sind die „Fürstentümer“, die „Erzengel“ und die „Engel“. Ihre Sorge richtet sich auf die Menschen. Die Fürstentümer sind jene Geister, welche die Ratschlüsse und Befehle von Gott in Empfang nehmen und dieselben entweder an die Erzengel oder an die Engel weiterleiten. – Den Menschen Gottes Willen mitzuteilen, ist bei den verborgensten Ratschlüssen und in wichtigen Angelegenheiten Sache der Erzengel. Bzgl. der Mitteilung alltäglicher Dinge, wie zur Vollstreckung göttlicher Befehle und zum Schutz der Menschen, werden die Engel ausgesandt.

Name und Natur der Engel

Der Name „Engel“, vom griechischen „ἄγγελος“ bzw. lateinischen „angelus“ bedeutet „Bote“ und gibt, wie der hl. Augustinus sagt, nur „eine Bezeichnung der Aufgabe, nicht der Natur“ (in Ps. 103, serm. 1, n. 15) an. – Im eigentlichen Sinn, trifft die Bezeichnung „Engel“ ja lediglich auf die Vertreter der untersten Ordnung zu, weil nur die untersten drei Chöre die Botschafter zwischen Gott und den Menschen sind. Jedoch wurde der Name „Engel“ auf alle geschaffenen, reinen Geister übertragen. Im weitesten Sinne sind damit alle geschaffenen, reinen Geister gemeint, also sowohl die seligen als auch die gefallenen Engel. Doch gewöhnlich spricht man von „Engeln“ im engeren Sinne nur von den heiligen und seligen Geistern. Im Gegensatz dazu stehen zur Benennung der gefallenen, bösen Geister die Ausdrücke „Teufel“oder „Dämonen“

Alles, was aus Gottes Hand hervorgegangen, ist gut. Und so waren ursprünglich, bis zur Auflehnung Luzifers, alle Engel gut. Sie waren das Beste, was aus Gottes Schöpferhand hervorgegangen ist. Sie sind der vollkommenste Abglanz der göttlichen Natur und damit der menschlichen Natur haushoch überlegen. Sie sind so gewaltig, so mächtig, so schön, daß Menschen, denen sie erscheinen, meist vor ihnen niederfallen, um sie anzubeten, weil sie meinen, Gott selbst vor sich zu haben. – Sie verfügen über einen scharfen Verstand. Ihre Kenntnis selbst des niedrigsten Engels ist viel weiter, schärfer, schneller, klarer und tiefer als die der gelehrtesten und gebildetsten Menschen. Denn die Engel werden direkt von Gottes erleuchtet. Deshalb besitzen sie großes Wissen. Doch allwissend wie Gott sind sie nicht. 

Die Engel verfügen über einen freien Willen und über große Macht. Ihr Wille ist nicht belästigt durch Leidenschaften oder die träge Schwerfälligkeit des Fleisches. Erleuchtet von ihrer großen Erkenntnis fällt ihre Wille prompte Entschlüsse, bringt sie entschieden zur Ausführung und hält mit unverrückbarer Beharrlichkeit an der einmal getroffenen Entscheidung fest. – Wenn ein Kind mit seiner kleinen Hand eine Flaumfeder nimmt und mit all seiner Kraft durch die Luft zu schleudern versucht, so fliegt die Feder nicht weit, nicht hoch, nicht in gerader Linie. Sie flattert ein paar Augenblicke in der Luft; ein wenig hierhin, dann dorthin, bis sie schließlich kraftlos zu Boden fällt. Schon der Widerstand der Luft hemmt ihren Lauf. Wenn aber ein Geschoß, vielleicht zentnerschwer, aus einer Panzerkanone abgefeuert wird, dann fliegt die Granate mit ungeheurer Geschwindigkeit in gerader Richtung auf das Ziel zu – kilometerweit. Es durchschlägt Beton und Panzerstahl. – Unsere menschlichen Willensentschlüsse und Vorsätze – auch die besten – gleichen dem Flug einer Feder. Sie sind schwach, kommen langsam zustande, dauern häufig nur kurze Zeit und werden bei den kleinsten Hindernissen abgelenkt oder gar wieder fallengelassen. Der Wille der Engel hingegen ist prompt, entschlossen, standhaft und unwiderruflich entschieden. Wie eine Panzergranate geht er unaufhaltsam auf sein Ziel; unumkehrbar, mit durchschlagender Wirkung. Die Engel sind mächtig. Und doch, allmächtig wie Gott sind sie nicht. 

Die Engel verfügen über eine große Schnelligkeit, das heißt: sie sind nicht wie wir Menschen durch einen Körper an Raum und Zeit gebunden. Und doch, allgegenwärtig wie Gott sind sie nicht. – Bei allen Vorzügen ihrer herrlichen Natur bleiben sie doch Geschöpfe aus Gottes Hand; bleiben sie lediglich „dienende Geister“, die den Willen und die Aufträge des Allerhöchsten zur Ausführung bringen.

Der Dienst der Engel

Die Engel des Himmels haben eine hohe Bestimmung, einen erhabenen Beruf. Sie wurden erschaffen, um Gott zu verherrlichen. Sie dienen der höheren Ehre Gottes. Sie vermehren Seine Ehre, indem sie Seine Macht, Weisheit und Güte stets betrachten und anbeten und indem sie sich an Seiner unendlichen Vollkommenheit erfreuen. Der hl. Thomas von Aquin sagt: „Alle Chöre der Engel loben Gott einstimmig und doch auf verschiedene Weise; denn wie sie an Erkenntnis verschieden sind, so auch in der Art und Weise des Lobes.“ Sowohl im fortwährenden Lobgesang des „dreimal Heilig“ verherrlichen sie Gott als ihren höchsten Herrn als auch in der schnellen, pünktlichen Ausführung Seiner Befehle.

Die Engel des Himmels verherrlichen Gott ferner, indem sie den Menschen zu Hilfe eilen, ihrem Heile dienen und sie vor Gefahren schützen. Sie sind die Gesandten der göttlichen Vorsehung, von der wir am letzten Sonntag gehört haben. Sie sind der besondere Ausdruck der Fürsorge Gottes für den Menschen. Im Psalm 33 heißt es: „Der Engel des Herrn wird sich lagern um die, welche Ihn fürchten, und sie erretten“ (8). Und der 90. Psalm ruft uns in Erinnerung: „Seinen Engeln hat Er deinetwegen befohlen, dich zu behüten auf allen deinen Wegen“ (11). Zahlreiche Belege beweisen, daß die Engel dem Menschen vor allem „Schutzengel“ sind; daß sie ihm beistehen, dem Leibe nach und im Hinblick auf ihr irdisches Wohlergehen. Sie gewähren Hilfe in der Not. So der Engel, welcher den Propheten Elias auf seiner Flucht, und jener, der den Propheten Daniel in der Löwengrube gespeist hat. – Sie sind Rettung in den Gefahr des Leibes. Insbesondere aber sind sie es in den Gefahren für die Seele. In unzähligen Versuchungen und gefährlichen Gelegenheiten zur Sünde schützen sie uns. Sie mahnen und warnen uns durch unser Gewissen. Sie vertreiben die bösen Mächte. So schrieb Judith nicht bloß ihren Triumph über Holophernes, sondern besonders auch die Bewahrung ihrer Keuschheit und Unversehrtheit dem Engel Gottes zu. Und erst im Himmel werden wir sehen, an wievielen sündhaften Gefahren, an wievielen hinterhältigen Fallen des Teufels sie uns derart behutsam vorbeigelenkt haben, daß wir es nicht einmal bemerken konnten.

Gegen die Lehre von den Schutzengeln wird jedoch der Einwand erhoben: „Wenn jeder Mensch einen Schutzengel hat, woher kommt es dann, daß uns dennoch so viele Unglücksfälle zustoßen?“ – Doch dieser Einwand trifft nicht, wenn man bedenkt, daß zeitliche Unglücksfälle, Krankheiten, Katastrophen und Unfälle keineswegs immer Übel sind. Oft sind sie in Wirklichkeit Wohltaten, weil Prüfungen unsere Tugend läutern und Widrigkeiten, Anfechtungen und Bedrängnisse ein großer Ansporn zum Guten sein können. Das Leben zahlreicher Heiliger ist gerade durch Unglücksfälle auf den Weg der Gottesfreundschaft und Vollkommenheit gelenkt worden. Wäre Franz von Assisi nicht in Gefangenschaft geraten und dabei schwer erkrankt, hätte es womöglich einen Poverello und das für die Christenheit so heilsame Armutsideal des Franziskanerordens niemals gegeben. Hätte die Kanonenkugel das Knie des Ignatius von Loyola nicht zerschmettert, wäre die Stoßtruppe der katholischen Kirche, der Jesuitenorden, nie gegründet worden und das Licht des Glaubens womöglich zahlreichen Völker in den Missionsgebieten versagt geblieben. – Die heiligen Schutzengel, die vor allem unser ewiges Heil wollen, können und dürfen daher gewisse Leiden nicht von uns abwenden, sonst würde uns ihr Schutz mehr schaden als nützen. Wir kennen die Wege der göttlichen Vorsehung, deren ausführende Organe die Engel sind, viel zu wenig, als daß wir immer beurteilen könnten, was uns zum Heile dienlich ist uns was nicht. 

Die hl. Engel beschützen uns nicht nur. Sie dienen uns auch durch ihre Fürbitte. Sie unterstützen unser Gebet und tragen es zusammen mit unseren guten Werken vor Gottes Angesicht empor. So sprach der hl. Erzengel Raphael zu Tobias: „Als du und deine Schwiegertochter betetest, brachte ich euer Gebetsopfer vor den ‚Heiligen‘ (Gott) und als du die Toten begrubst, stand ich dir auch zur Seite“ (Tob. 12, 12)

Schließlich werden uns die hl. Engel auch auf dem Totenbett bei unserem Verscheiden beistehen. Deshalb ruft die Kirche in der „Commendatio animae“, also in den Sterbegebeten, die heiligen Engel zu Hilfe, daß sie, wie einst die Seele des Lazarus in Abrahams Schoß, so auch die scheidende Seele vor Gott hinbringen mögen.

Folgerungen

Am Ende unseres kurzen Ausflugs in die Welt der Engel, wollen wir drei Gedanken, drei Lehren festhalten. 1. Den Gedanken an die Größe und Majestät Gottes. Wie gewaltig und erhaben muß doch Gott sein, wenn Er so vollkommene Wesen in so unüberschaubarer Zahl geschaffen hat und diese Ihm mit all ihrem Liebeseifer prompt und bereitwillig dienen. 2. Der Gedanke an den Wert unserer Seele. Jede Menschenseele ist Gott so viel wert, daß er für jede einzelne von ihnen einen eigenen Engel abgestellt hat, der diesen Menschen behütet, umsorgt, bessert, zur Verachtung der Welt und zur Liebe Gottes aneifert, damit auch diese Seele dereinst das Angesicht Gottes schauen und sich daran erfreuen darf, wie es der hl. Engel bereits jetzt tut. 3. Der Gedanke an unsere Pflichten gegenüber unserem Schutzengel: Wir müssen vor unserem Schutzgeist große Ehrfurcht haben. Dazu mahnt uns Gott selbst mit eindringlichen Worten: „Habe acht auf deinen Engel und höre auf seine Einflüsterung. Widerstrebe ihm nicht! Denn er würde ein Vergehen von dir nicht ertragen, weil Mein Name in ihm ist“ (Ex. 23, 21). Die Ehrfurcht vor dem Schutzengel soll auf zweifache Weise ihren Ausdruck finden: Einmal natürlich im Gehorsam gegen seine Einflüsterungen und seine Anregungen, das Gute zu tun und das Böse zu meiden, ja selbst die Gelegenheit zur Sünde zu fliehen. Zum andern soll sich unsere Ehrfurcht im täglichen Gebet zum Schutzengel zeigen. Unser Tagewerk sollte nicht beginnen, ehe wir wenigstens ein kurzes, aber inniges Gebet an ihn gerichtet haben. Ein Stoßgebet in einer aktuellen Gefahr für den Leib oder die Seele sollte uns genauso vertraut sein wie der abendliche Dank für seinen fürsorglichen Dienst. 

Die hl. Schutzengel lieben uns mehr, als die bösen Geister uns hassen. Sie beten für uns. Sie kämpfen mit uns und für uns. Vertrauen wir auf ihren Dienst. Gehorchen wir ihren Weisungen, und die Angriffe des bösen Feindes werden unserer Seele nicht schaden. Stattdessen werden wir unbeirrt und sicheren Schrittes vorankommen auf dem Weg, der uns zum ewigen Leben führt. Und dort werden wir zusammen mit den Engeln des Himmels Gott in alle Ewigkeit preisen: „Heilig, Heilig, Heilig, Herr Gott der Heerscharen. Himmel und Erde sind erfüllt von Deiner Herrlichkeit. Hosanna in der Höhe!“ Amen.

14. Sonntag nach Pfingsten

Beweggründe zum Gottvertrauen

Geliebte Gottes!

Man könnte das heutige Evangelium mit vollem Recht das „Hohelied der göttlichen Vorsehung“ nennen. Unser Herr und Erlöser Jesus Christus fordert darin die ungeteilte Hingabe an Gott, an Seinen heiligen Willen und an Seinen weisen Plan, den Er mit jedem Menschen hat; erst recht mit all jenen, die durch den Empfang der hl. Taufe zu Seinen Kindern wiedergeboren worden sind. Christus fordert eine ungeteilte Hingabe. Eine geteilte Hingabe ist ungenügend: „Niemand kann zwei Herrn dienen.“ „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ – Darin besteht ja das große Hindernis, daß wir zwar Gott lieben wollen, daß wir Ihm allein dienen wollen, dabei aber vorsichtshalber auch auf den irdischen Götzen Mammon setzen – auf das Geld, auf das dicke Sparbuch, auf die Vermögensanlage oder die Gold- und Silbermünzen. Wir beten halbherzig, weil wir im Falle, daß das Gebet nicht hilft, darauf bauen, daß jene Vorkehrungen greifen werden, die wir mittels unserer Begabungen und Schaffenskraft selbst getroffen haben. Wohlgemerkt! Es sei nichts gegen Sparsamkeit und geschickte Verwaltung der eigenen Güter gesagt. Jeder muß sich um den Unterhalt für sich und seine Familie sorgen. Außerdem ist es ein Gebot der Klugheit, Rücklagen zu schaffen und seine Handlungen vorausschauend zu planen, damit sie zum gewünschten Erfolg führen. 

Sorge, aber ohne Angst

Jesus sagt nicht: „Macht euch keine Sorgen! Trefft keine Vorsorge!“ Das sagt er nicht! Denn es ist der erklärte Wille Gottes, daß der Mensch im Schweiße seines Angesichtes sein Brot essen soll (vgl. Gen. 3). Und dazu gehört auch die Sorge darum. – Wir sollen also Vorkehrungen treffen, so gut wir können. Wir sollen unsere Kräfte mit Fleiß einsetzen, um unseren Lebensunterhalt aufzubringen: Essen, Trinken, Kleidung, Wohnung, Gesundheitspflege. Dafür sollen wir sehr wohl sorgen und uns auch darum sorgen! Jedoch fordert der Herr: „Seid nicht ängstlich besorgt.“ Es geht um die Angst! Die Angst als Motiv für die Sorgen, um das irdische Fortkommen. Die Angst, sonst auf der Strecke zu bleiben. Die Angst, die uns dazu veranlaßt, alle Hoffnung auf die eigene Anstrengung, Planung und Sorge zu setzt. Wenn die Angst die Triebfeder für unser Sorgen ist, dann ist unsere Hingabe an Gott geteilt. – Warum? Die ängstliche Sorge ist nichts anderes als ein unausgesprochener Zweifel gegenüber Gottes Güte und Vorsehung. – Warum haben wir Angst? Weil wir fürchten, daß wir uns auf Gott im entscheidenden Augenblick eben doch nicht verlassen können, daß Gott sich vielleicht doch nicht um uns kümmert, daß Er uns womöglich doch im Stich läßt. Deshalb versucht der Mensch in seiner Angst soviel Sicherheiten wie nur möglich zu schaffen. Je mehr der Glaube abnimmt, um so mehr Versicherungen werden abgeschlossen. Das Versicherungswesen hat sich vor allem in der Moderne perfektioniert, in einer Epoche, für die das Abnehmen des Glaubensgeistes charakteristisch ist. Freilich sind Versicherungen berechtigt, nützlich, ja sogar notwendig. Aber wenn man liest, was man heute nicht alles versichern kann und was von den Menschen tatsächlich versichert wird, so kann man darin durchaus einen Indikator für das Abnehmen des Gottvertrauens einerseits und für die Zunahme der ängstlichen Sorge andererseits sehen. 

Gerade vor dem beängstigenden Hintergrund der unabsehbaren Veränderungen, die uns voraussichtlich in den nächsten Wochen und Monaten bevorstehen, müssen auch wir unser Gottvertrauen stärken. Dazu müssen wir 1. der Frage auf den Grund gehen, worauf sich unser Glaube an die Vorsehung Gottes gründet. Warum müssen wir auf Gott vertrauen? Und 2. wollen wir kurz die sieben Beweggründe zum Gottvertrauen, die unser göttlicher Erlöser uns soeben im Evangelium gegeben hat, kurz erwägen.

Das Fundament der Vorsehung Gottes

Der Glaube an die göttliche Vorsehung ist nicht nur ein wichtiges Thema aufgrund der aktuellen Umstände, in denen wir leben, sondern vor allem im Hinblick auf das geistliche Leben insgesamt. Der Glaube an Gottes Vorsehung, d.h. die Überzeugung von dem weisen Plan, den Gott mit jedem von uns verfolgt, ist der Prüfstein für die Echtheit unseres Glaubens. Natürlich hat man den übernatürlichen Glauben, wenn man den Glaubensakt setzt, d.h. jenen Akt der inneren Zustimmung zu alledem, was Gott geoffenbart hat und uns durch das kirchliche Lehramt zu glauben vorlegt. Darin besteht der Glaube. Doch erschöpft sich der Glaube nicht in einem Akt des Intellekts. Er muß sich ausdehnen auf die Praxis. Er muß eine prägende Kraft sein für unser ganzes Leben. Im Gottvertrauen, welches Christus fordert, wird der Glaube lebendig. Die vertrauensvolle Hingabe an Gottes Wille und Leitung macht den Glauben erst zum „gelebten Glauben“. 

Warum dürfen wir auf Gottes Vorsehung vertrauen? Was ist das Fundament, auf dem unser Gottvertrauen ruht? – Es ist die Liebe Gottes zu Seinen Geschöpfen. – Um uns diesen Zusammenhang klar zu machen, müssen wir ein wenig ausholen. Wir wissen: Gott hat die Welt aus dem Nichts erschaffen. Gott allein hat das Sein aus sich selbst, und deshalb war ursprünglich nichts außer Gott. Mit der Schöpfung hat Gott Himmel und Erde und alles, was sich darin befindet, aus dem Nichts ins Dasein gerufen. D.h. Er hat allem Geschaffenen Anteil am Sein gegeben. Gott ist das Sein. Deshalb nennt Er Seinen Namen am brennenden Dornbusch „Ich bin der ‚Ich-bin‘“„Ich bin der Seiende“. – Gott ist das Sein. Die Schöpfung hat das Sein. Jedes Geschöpf hat das Sein von Gott empfangen. Sie alle sind von Gott gemacht worden. Sie alle sind von Ihm erschaffen. 

Nun verhält es sich aber bei den Werken Gottes anders als bei den Werken unserer Hände. Ein Werk, das von Menschhänden gemacht ist, kann fortbestehen und besteht oftmals lange Zeit fort, auch wenn der Urheber, der Erbauer, der Schöpfer, sich nicht mehr um sein Werk kümmert. Ein Haus, ein Palast, eine Kathedrale, ein Denkmal kann Jahre, Jahrhunderte, Jahrtausende bestehen, auch wenn der Baumeister nicht mehr an sein Werk denkt, sich nicht mehr darum kümmert, ja wenn dieser bereits längst gestorben ist. Die Heiden und die Vertreter der sog. „Aufklärung“ denken in derselben Weise von Gott. Er habe die Welt geschaffen. Gott habe die Schöpfung als eine riesige Maschine – ein gigantisches Uhrwerk – ins Dasein gerufen, die nach ihrer Vollendung vollkommen selbständig weiterläuft, um die sich ihr Erbauer ferner nicht mehr zu kümmern braucht und um die er sich auch tatsächlich nicht mehr kümmert. Der Uhrmacher-Gott habe die Welt geschaffen, um sie sich selbst zu überlassen, um sie im Stich zu lassen. Das ist das Gottesbild des Deismus. Sie schicken Gott in Pension und leugnen, daß sich Gott weiterhin um Seine Schöpfung sorgt. – Kann diese Vorstellung richtig sein? Kann die Welt tatsächlich und im wahrsten Sinne des Wortes so „selbst-ständig“ fortbestehen? Kann sie wie ein Bauwerk aus eigener Kraft bestehen bleiben, ohne daß Gott dafür zu sorgen hätte? Ganz und gar nicht! Warum? – Wir haben den Grund schon genannt. Weil die Schöpfung nicht das Sein aus sich selbst hat, sondern von Gott, der das Sein ist, empfangen hat. Es genügt jedoch nicht, daß die Schöpfung von Gott ins Dasein gerufen wurde! Sie ist nicht nur in ihrer Entstehung absolut von Gott abhängig. Sie ist es auch in ihrem Fortbestand. Gott muß die Schöpfung fortwährend im Dasein erhalten. Man spricht von einer „creatio continua“, von einer „fortwährenden Schöpfung“. Zur Illustration ein Beispiel: Stellen wir uns eine Projektionsleinwand vor, eine Kinoleinwand. Die Leinwand ist dunkel. Doch auf der dunklen Leinwand kann ein Bild erschaffen werden. Das geschieht mittels eines Filmprojektors. Der Projektor wirft ein Lichtbild auf die Leinwand. Gleichsam aus dem Nichts wird etwa das Bild eines Menschen auf der Leinwand sichtbar. Der Filmprojektor hat es ins Dasein gerufen, es gleichsam erschaffen. – Wie lange besteht das Lichtbild fort? So lange und keinen Augenblick länger, als der Projektor das Licht auf die Leinwand wirft. Sobald der Projektor ausgeschaltet wird, fällt auch das von ihm erschaffene Bild umgehend ins Nichts zurück. Es kann nicht unabhängig von ihm fortbestehen. Die schöpferische Tätigkeit des Projektors muß die ganze Zeit ununterbrochen fortdauern. – Wie also die dunkle Leinwand aus sich selbst weder ein Lichtbild hervorbringen noch ein solches im Dasein erhalten kann, so müssen wir auch von allen Geschöpfen und von der ganzen Welt denken. Sie haben sich weder das Sein selbst gegeben, sich selbst erschaffen; noch können sie sich im Dasein erhalten, sie müssen ununterbrochen durch Gottes Tätigkeit im Sein erhalten werden. – Was folgt daraus? Es folgt daraus, daß alles Geschaffene nur solange bestehen kann, als ihm von Gott fortwährend das Dasein mitgeteilt wird. Würde Gott auch nur einen Augenblick aufhören, die Schöpfung oder auch nur eines Seiner Geschöpfe – einen Planeten, einen Menschen, ein Bakterium, ein Atom – im Dasein zu erhalten, so würde das betreffende Geschöpf augenblicklich ins Nichts zurückfallen. So wie das Lichtbild sofort aufhört zu existieren, sobald der Projektor auch für nur den Bruchteil einer Sekunde ausfällt. Gott muß die Welt fortwährend aktiv im Sein erhalten. Er muß an Seinen Geschöpfen und in ihnen ununterbrochen tätig sein und wirken – im gewaltigen Gebirgsmassiv genauso wie im winzigsten Atom. Er muß sich ununterbrochen um uns sorgen. Und dabei ist Er jedem von uns in einer unfaßbaren Weise nahe, weil Er uns und alles an uns und um uns im Dasein erhalten muß. Er muß unseren Leib und alle seine Teile beständig im Dasein erhalten. Er muß unsere Seele im Dasein erhalten. Ja, sogar unsere Gedanken, unsere Ideen bedürfen Seiner seinsstiftenden Unterstützung. Er sorgt jeden Augenblick dafür, daß wir weiterhin existieren, daß wir uns bewegen, ja sogar, daß wir denken können.

Nun müssen wir jedoch noch weiterfragen und uns darüber klar werden, warum Gott so handelt. Warum hat Gott die Welt erschaffen? Warum erhält Er sie fortwährend im Dasein? – Fest steht: Gott hätte die Welt und die einzelnen Geschöpfe nicht erschaffen müssen. Er war nicht dazu gezwungen. Es war ein freier Willensakt Gottes. Warum hat Er sich dazu entschlossen? Gott hat die Welt erschaffen, um Seine Liebe und Seine Güte zu offenbaren; um Seine Liebe und Güte mitzuteilen und zu verherrlichen. Die gesamte Schöpfung ist in ihrem Dasein ganz von der Liebe Gottes abhängig. – Im Schöpfungsbericht lesen wir am Ende jedes Schöpfungstages, da Gott sprach „Es werde …“, die Worte „Und Gott sah, daß es gut war.“ Zu jedem Geschöpf sprach Gott: „Ich will, daß du da bist. Ich will, daß es dich gibt. Und es ist gut, daß es dich gibt. Es ist gut, daß du da bist.“ Dieses Wort der Liebe schenkt jedem Geschöpf das Dasein – vom höchsten Engel bis zum kleinsten Elektron. Aber mehr noch! Die Tatsache, daß all das, was geschaffen wurde, fortwährend existiert und im Dasein erhalten wird, ist der deutlichste Beweis dafür, daß Gottes Liebe unverbrüchlich ist. Die Tatsache, daß wir dasind, beweist, daß Gott uns liebt. Denn unsere Erhaltung im Dasein ist nichts anderes als das fortwährende und nie verhallende Wort der Liebe Gottes: „Es ist gut, daß es dich gibt. Es ist gut, daß du da bist.“ – Gott erhält sogar den Sünder im Dasein, wenn er gegen Ihn sündigt, wenn er Ihn lästert. Gott hält ihn im Dasein. Ja, Er erhält selbst den Teufel im Dasein. Gottes Liebe ist so souverän und unverbrüchlich, daß Er sein seinsstiftendes Schöpfungswort selbst dem Teufel gegenüber nicht zurücknimmt. Freilich, Gott straft den Teufel bis in alle Ewigkeit, weil der Satan die göttliche Liebe nicht erwidern will. Trotzdem hat Gott ihn nicht im wahrsten Sinne des Wortes „ver-nichtet“. Und gerade deswegen liefert uns die fortwährende Existenz des Teufels vielleicht den am meisten beeindruckenden und damit vollkommensten Beweis dafür, daß Gott Seine seinsstiftende Liebe niemals widerruft. Selbst dann nicht, wenn sich ein Geschöpf in Haß und Auflehnung von Ihm abwendet und dabei Seine unverbrüchliche Liebe in ewige Qual verkehrt.

Hier sind wir an dem tiefsten Grund angelangt, worauf sich unser Glaube an Gottes Fürsorge und Vorsehung für jeden einzelnen von uns gründen muß. Zu jedem einzelnen von Ihnen, liebe Gläubige, spricht Gott jeden Moment: „Es ist gut, daß es dich gibt. Es ist gut, daß du da bist.“ Mit einem Wort: „Ich liebe dich.“ – Und wer wüßte nicht, daß ein Liebender stets besorgt ist um das Wohlergehen des Geliebten. Gott sorgt sich um uns. Er kümmert sich um uns, mehr als wir ahnen. Mehr als ein Bräutigam um seine Braut. Mehr als ein Vater um sein geliebtes Kind. Deshalb können, dürfen und müssen wir Vertrauen auf Gott haben und uns Seiner Vorsehung vollkommen hingeben. Er wird uns niemals im Stich lasse. Er kann gar nicht auf aufhören, an uns zu denken und sich um uns zu kümmern!

Sieben Beweggründe zum Gottvertrauen

Um unser Gottvertrauen zu vertiefen, liefert uns unser Herr Jesus Christus im heutigen Sonntagsevangelium sieben Beweggründe.

Erstens: Christus sagt: „Ist nicht das Leben mehr als die Speise und der Leib mehr als die Kleidung?“ (Mt. 6, 25). Mit dem hl. Hieronymus dürfen wir aus den Worten Christi folgern: Gott hat uns das Größere gegeben. Er hat uns geschaffen, uns Leib und Leben geschenkt. Wenn Er das Größere – das Leben – gegeben hat, dürfen wir dann nicht auch zuversichtlich auf das Kleinere hoffen? Also auf all das, was wir zum Leben brauchen? Freilich werden wir durch Engpässe geführt und Bedrängnisse leiden müssen. Nur so kann sich unser Gottvertrauen beweisen. Ohne Anfechtung bleibt der Tugendhafte unbekannt. Doch dürfen wir gerade in der Prüfung auf das „tägliche Brot“, um das wir im „Vater unser“ für „heute“ beten sollen, stets hoffen. Wir sollen nicht kleinmütig, nicht nervös oder verzagt sein und auch nicht in eigensüchtiger und engstirniger Sorge der Versuchung erliegen, unseren Unterhalt durch Anwendung unlautere Mittel, also gegen Gottes Gebot, zu „besorgen“. Die Hoffnung auf das Notwendige soll immer getragen sein von der Zufriedenheit mit dem, was uns zuteil wird. So schreibt der hl. Paulus an Timotheus: „Wir haben doch nichts in die Welt hereingebracht, wir können auch nichts mit hinausnehmen. Haben wir Nahrung und Kleidung, so wollen wir damit zufrieden sein. Die aber reich werden wollen, fallen in Versuchung und Schlinge und in viele törichte und schändliche Begierden, welche den Menschen in Untergang und Verderben stürzen..“ (1. Tim. 6, 7-9).

Zweitens: Christus verweist auf die göttliche Fürsorge für jene Geschöpfe, die in der Schöpfungsordnung viel niedriger stehen als der Mensch. „Betrachtet die Vögel des Himmels! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammel nicht in Scheunen, und doch ernährt sie euer himmlischer Vater“ (Mt. 6, 26). Gott kleidet sie, versorgt sie in allem weit besser, als menschliche Kunst es vermöchte. „Betrachtet die Lilien des Feldes … sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Aber nicht einmal Salomon in all seiner Herrlichkeit war gekleidet wie eine von ihnen“ (Mt. 6, 28).

Drittens: Daraus folgt unser Vorzug vor allen anderen sichtbaren Geschöpfen: „Seid ihr nicht viel mehr als sie?“ (Mt. 6, 26) „Wenn Gott das Gras, das heute auf dem Feld steht und morgen in den Ofen geworfen wird, also kleidet, wieviel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen!“ (Mt. 6, 30). Wir sind Gott lieber, also wird Er sich auch um so mehr unserer Bedürfnisse annehmen. Dieser Gedanke soll unser Vertrauen auf Gott stärken, um von Ihm Hilfe zu erwarten. Er soll uns aber auch trösten, wenn Gottes Vorsehung die von uns erwünschte Hilfe versagt. Denn keine Blume kann für das Himmelreich Tugendverdienste sammeln. Und kein Vogel kann verdienstliche Opfer bringen und leiden. Somit sollen selbst die Prüfungen in uns die selbstbewußte Gesinnung wachrufen: Gott will das Beste für mich. Ich bin Ihm mehr wert. Deshalb prüft Er mich und gibt mir Gelegenheit, um übernatürliche Schätze zu erwerben!

Viertens: Christus erinnert an die Nutzlosigkeit der ängstlichen Sorge. Sie bringt rein gar nichts. „Wer von euch kann mit all seinem Sorgen seiner Leibeslänge auch nur eine Elle hinzufügen?“ (Mt. 6, 27). Der Mensch soll arbeiten. Er soll seine Pflichten erfüllen. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ (2. Thess. 3, 8). Wenn einer seine Pflicht tut, dann hat er alles Notwendige getan, um sich der Hilfe Gottes würdig zu machen. Alles was darüber hinausgeht – alle Angst und Furcht, aller Gram und Kummer – helfen ja doch nichts. Sie machen alles nur schwerer und bedrückender. Außerdem wird Gott durch derlei Gedanken beleidigt, weil sie den Vorwurf beinhalten, als würde sich Gott um nichts kümmern.

Fünftens: Christus entlarvt die ängstliche Sorge für das Zeitliche als das, was sie ist – die Gesinnung des Unglaubens und des Heidentums. „Denn um all das [Essen, Trinken, Kleidung] kümmern sich die Heiden“ (Mt. 6, 32). Wer fortwährend den Verlust oder den Mangel an zeitlichen Dingen fürchtet, lebt offensichtlich allein für diese Welt, nicht für die Ewigkeit. Das ist eines Katholiken unwürdig.

Sechstens: Der Herr verweist uns auf die Allwissenheit Gottes: „Euer Vater weiß ja, daß ihr all dessen bedürft“ (Mt. 6, 32). Gott weiß, was und warum uns etwas fehlt. Wozu also die kleinmütigen Gedanken, als habe Gott uns vergessen? „Euer Vater weiß“! D.h. das Wissen Gottes ist mit väterlichem Wohlwollen verbunden. Gott weiß vollkommen, aus welch heilsamen Gründen Er diese Bedrängnis, jene Entbehrung oder ausgerechnet diesen Verlust über uns verhängt. – Darüber hinaus weiß Gott, im Gegensatz zu uns, außerdem auch, wie Er uns helfen wird. Gewiß ist, daß Er uns nicht zu Hilfe eilen wird wegen unseres Zweifels oder aufgrund unseres Haderns mit Seinem weisen Plan. Wie oft sagte doch Christus im Evangelium: „Dein Glaube hat dir geholfen“! Niemals hören wir aus Seinem Mund: „Dein Kummer, dein Zweifel, deine Verzagtheit, deine Auflehnung hat dir genützt.“

Siebtens schließlich lenkt unser Herr all unsere Gedanken auf das höchste und letzte Ziel: „Suchet also zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit“ (Mt. 25, 33). D.h. wenn uns irdische Nöte und Bedrängnisse befallen, sollen wir den Schluß ziehen, daß wir uns um bessere, höhere, geistige, für jedermann zugängliche und unvergängliche Güter umsehen sollen. Die übernatürlichen Güter, die uns das Reich Gottes finden und erreichen lassen. Das kann nur gelingen, wenn wir die Gerechtigkeit üben, d.h. wenn wir aus dem Glauben leben. Wenn wir Gott das vollkommene und ungeteilte Vertrauen schenken, das er verdient. – Wir müssen das Reich Gottes „suchen“, weil es verloren war; weil es unendlich viel wert ist; und von dem, der es sucht, auch gefunden wird. Es muß „zuerst“ gesucht werden. Weil alles andere Nebensache ist. Wenn der Mensch die Suche nach dem Reich Gottes als seine Hauptaufgabe betrachtet, so wird ihm Gott das Irdische als Zugabe in der notwendigen Weise schenken: „So wird euch dieses alles hinzugegeben werden.“

Wer sich ganz auf Gott verläßt, für den sorgt Gott. Von diesem Vertrauen auf Gottes Vorsehung war die Gedankenwelt des hl. Franz von Assisi durchdrungen: Arm leben. Nur für Gott da sein. Sich ganz Gottes Fürsorge überlassen. Und er ist nicht enttäuscht worden, weil Gott für die Armen im Geiste Seine Hand offen hält. Gar zu leicht vergessen wir Menschen über der Mannigfaltigkeit unserer Geschäfte und Sorgen den Blick zu den höchsten, unvergänglichen Gütern zu erheben. Wer den Himmel vor allem sucht, erhält die Erde als Zugabe. Wer die Erde vor allem sucht, verliert Erde und Himmel zusammen. Ja, wir bedürfen der Nahrung für den Leib. Aber auch die Seele muß Speise erhalten. Wir brauchen die Kleidung zum Schutz des Leibes, aber wir brauchen für die Seele auch das hochzeitliche Gewand der Gnade, die uns heiligt und uns zu einem Gotteskind macht. Sobald sich einer aufrichtig um das ewige Heil seiner Seele sorgt, dem ist die Hand des himmlischen Vaters geöffnet, und er wird Segen um Segen empfangen: „Suchet also zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und dies alles wird euch dazu gegeben werden.“ Amen.

Unbeflecktes Herz Mariä

Selig, die reinen Herzens sind

Geliebte Gottes!

Heute feiern wir das Fest des Unbefleckten Herzens Mariä. Papst Pius XII. hat die Verehrung des Unbefleckten Herzens der Gottesmutter im Jahr 1944 zu einem der bedeutenderen Marienfeste erhoben und auf den Oktavtag der Festwoche von Mariä Himmelfahrt gesetzt. 

Das Bild des Herzens

Die Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariä hat einen ähnlichen Zweck, wie die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu. – Wenn wir sagen, ein Mensch habe ein gutes Herz, dann wollen wir in der Regel nicht damit sagen, daß jemand ein gesundes Herz habe, das kraftvoll das Blut durch die Adern zirkulieren läßt. Wir wollen damit sagen, daß die Persönlichkeit eines Menschen tugendhaft, gütig, voll Liebe und Wohlwollen ist. Unsere Andacht gilt demnach nicht einem bestimmten Organ am Leib der allerseligsten Jungfrau Maria, sondern wir verehren das, wofür das Bild ihres Herzens steht. Wir verehrten ihre Liebe. Wir verehren das, was Maria geliebt hat. 

Das Herz repräsentiert die ganze Persönlichkeit eines Menschen, seine Gesinnungen, sein geistiges und sittliches Innenleben; besonders Liebe, Erbarmen und die Kraft zur Hingabe. Wir sollen also auf das Unbefleckte Herz Mariens blicken, insofern es die ganze Liebe und Persönlichkeit der Gottesmutter repräsentiert. Wie wir im Herzen Jesu die ganze Liebe und Persönlichkeit unseres göttlichen Erlösers verehren, genauso repräsentiert das Unbefleckte Herz die ganze Persönlichkeit und Liebe Mariens. – Wie die Herz-Jesu-Litanei mit jeder Anrufung versucht, den ganzen Reichtum der göttlichen Persönlichkeit unseres Herrn Jesus Christus vor uns auszufalten, damit wir die Schätze Seines heiligsten Herzens bestaunen und verehren können, so erhalten wir auch durch die einzelnen Anrufungen der Lauretanischen Litanei einen Einblick in das Innenleben der Gottesmutter, in den Reichtum und die Schönheit ihres Unbefleckten Herzens. Zahlreiche und ganz wunderbare Schätze der Gnade sind in diesem makellosen Herzen enthalten. Gläubig wollen wir heute in diese übernatürliche Schatzkammer eintreten, um gerade eine Eigenschaft des Unbefleckten Herzens Mariä zu betrachten – die Reinheit. 

Selig, die reinen Herzens sind!“

In der Litanei wird die Gottesmutter als „Mater purissima“ – „Du reinste Mutter“ angerufen. Das Unbefleckte Herz Mariens ist die Erfüllung dessen, was der Sohn Gottes bei Seiner Bergpredigt seliggepriesen hatte: „Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen“ (Mt. 5, 8). – Je sauberer die Fensterscheiben eines Haus sind, um so ungehinderter kann das Sonnenlicht durch die Fenster hindurch in einzelnen Räume hineinfallen und sie mit Helligkeit erfüllen. – Die Herzensreinheit ist die lautere Gesinnung, die sich im ganzen moralischen Bereich des Lebens, entsprechend dem eigenen Stand und Beruf, ein reines, gutes Gewissen bewahrt. Sie ist jene seelische Geradheit und kristallklare Aufrichtigkeit, die sich ungeteilt Gott und Seinem heiligen Willen hingibt; die offen und empfänglich ist, nicht nur für die Weisungen der allgemeinen Gebote des Dekalogs, sondern selbst gegenüber den unmerklichen Einladungen der göttlichen Gnade, welche sanft durch die Einsprechungen des Gewissens dazu aneifert, das Gute zu tun und das Böse zu meiden. – Die Herzensreinheit führt zur Christusnähe und Gottähnlichkeit, wie wir gerade am Beispiel der Gottesmutter sehen. Aufgrund ihrer makellosen Herzensreinheit war sie ganz durchflutet von der Fülle der aller Gnaden; war sie so empfänglich für alles Göttliche. Ihr Herz war so durchlässig für das unfaßbare, ewige „Licht der Welt“ (8, 12), das aufgrund Seiner Überhelle noch von keinem Auge geschaut wurde. Dank des reinsten, unbefleckten Herzens Mariä konnte das „Licht der Welt“ im Fleische sichtbar gemacht werden. Sie hat das göttliche Licht in ihrem reinsten Schoß wie ein Brennglas aufgefangen und gebündelt. „Selig bist du, Jungfrau Maria, den Himmel und Erde nicht zu fassen vermögen hast du in deinem reinsten Schoß getragen.“ Daß wir Gott in Menschennatur schauen dürfen, haben wir der Reinheit des Unbefleckten Herzens zu verdanken. Es geschah um ihrer Reinheit willen: „Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ Die Menschwerdung Gottes aus Maria war die Wirkung, der Effekt ihrer makellosen Herzensreinheit.

Die notwendige Reinigung des Menschenherzens

Der Herzensreinheit entgegengesetzt ist „die Unreinheit und Unzüchtigkeit aller Art, was Götzendienst ist und keinen Anteil am Reiche Gottes hat.“ (vgl. Eph. 5, 5). – Der Mensch ist ein Geschöpf. Er ist zusammengesetzt aus Leib und Seele, aus Geist und Materie. Weil die menschliche Natur auch körperlich ist, deshalb haben wir die gefährlich Neigung in uns, statt nach geistigen, göttlichen Dingen in exzessiver Weise nach materiellen Dingen zu verlangen. Wohlgemerkt es gibt eine geordnete Hinneigung zu materiellen Geschöpfen. Wir brauchen die Speise. Wir brauchen zum Leben bestimmte irdische Güter. Wir sollen den Mitmenschen lieben. Aber aufgrund der Folgen der Erbsünde tendieren wir zu einem ungeordneten, übertriebenen, exzessiven Verlangen danach. Wenn wir dem ungeordneten Verlangen nach materiellen Geschöpfen und Genüssen nachgeben, dann verunreinigen wir unser Herz. Dann beschmutzen wir es.

Ein reines Herz haben, bedeutet losgelöst zu sein von der ungeordneten Anhänglichkeit an materielle, irdische Dinge. Ein reines Herz weiß die Güter dieses Lebens in der rechten, geordneten Weise zu gebrauchen. Es liebt die materiellen Geschöpfe nur in der Weise, wie es dem Wille Gottes entspricht. D.h. es liebt die geschaffenen Güter auch nur zu dem Zweck, wozu Gott will, daß wir sie lieben sollen. Ein reines Herz weiß sich ferner von den aufbegehrenden Leidenschaften, von den ungeordneten Strebungen loszureißen, sie zu besiegen, sie zu überwinden. 

Das Herz der Gottesmutter wird „unbefleckt“ genannt. Das bedeutet, es ist absolut rein. Wir alle kennen das. Im Haushalt muß Vieles immer und immer wieder gereinigt werden. Seien es die erwähnten Fenster, sei das Inventar und ei Böden, sei es das Geschirr oder die Wäsche. Nach der Reinigung sagen wir, es sei nun sauber. Doch aus Erfahrung wissen wir: Es gibt Reinheitsgrade! Je nachdem, wie sorgfältig die Reinigung beim Putz, beim Abwasch, bei der Wäsche vorgenommen wurde gibt es entsprechende Grade der Sauberkeit. – In derselben Weise gibt es auch Grade im Hinblick auf die Herzensreinheit. Jeder, der sich im Stande der heiligmachenden Gnade befindet, hat im Grunde ein „reines Herz“. Aber der Mensch, der darüber hinaus ein abgetötetes Leben führen, wie etwa ein heiligmäßiger Mönch oder Einsiedler, hat ein „reineres Herz“, als der laue Durchschnittskatholik, der mehr schlecht als recht auf dem schmalen Grad zur Todsünde balanciert. 

Die allerseligste Jungfrau, deren Herz unbefleckt, d.h. absolut rein ist, hat keinerlei ungeordnete Anhänglichkeiten an geschaffene Dinge. Sie ist völlig frei davon, weil sie niemals unter dem Einfluß der Erbsünde gestanden ist und folglich auch nie von deren schrecklichen Folgen berührt wurde. Ihre Seele wurde unbefleckt empfangen. Sie blieb von der Erbsünde ausgenommen und verspürte, im Gegensatz zu uns, die Tendenz zur Sünde nicht. Ihre Reinheit ist also so makellos, daß es gar nicht möglich war, sie zu beflecken. Damit überragt ihre Reinheit auch die der größten Heiligen. Egal wie sehr diese ihr Herz abgetötet hatten. Egal wie lange sie der Versuchung erfolgreich widerstanden. Egal wie lange sie ihr Herz durch eine strenge, disziplinierte Lebensordnung gereinigt haben. Bis zum letzten Atemzug blieb der „fomes peccati“, der „Zündstoff der Sünde“, also die Neigung zu sündigen in ihnen lebendig. Selbst die größten Heiligen mußten bis zu ihrem letzten Atemzug gegen die ungeordneten Neigungen kämpfen. Damit haben sie sich große Verdienste vor Gott erworben. – Und auch wir finden uns jeden Tag aufs neue auf den Kampfplatz gestellt, um die Versuchungen zu bekämpfen, um die ungeordnete Liebe zu den geschaffenen Dingen zu überwinden. Das wird auch bei uns so bleiben, selbst wenn jemand einen hohen Grad der Heiligkeit erreichen sollte.

Das Tor der Liebe

Für Maria war all das gänzlich unbekannt. Sie verspürte nie auch nur die leiseste Neigung zur Sünde in sich. Sie wurde von den Geschöpfen nie in der Weise angezogen, daß sie sich damit hätte beschmutzen können. Sie war unbefleckt rein. – Ihr Herz liebt Gott allein. Sie liebt Gott. Und sie liebt den Nächsten um Gottes willen. Weil die Gottesliebe der allerseligsten Jungfrau ganz rein ist, deshalb ist auch ihre Nächstenliebe makellos rein. Weil sie die reinste Nächstenliebe hat – ganz frei von persönlichen Erwartungen und jeder Verzweckung, sondern allein um Gottes willen – deshalb konnte sie die Mutter der gesamten Menschheit, die Mutter der Christenheit, die Mutter der Gläubigen werden. Ihre Liebe sorgt sich um jeden Menschen, weil jeder Mensch nach dem Willen Gottes in den Himmel kommen soll. Sie sorgt sich um die Bekehrung der Heiden, der Ungläubigen, der Sünder, damit sie nicht ewig verlorengehen. Aufgrund ihrer makellos reinen Nächstenliebe kann sich jeder Mensch an die allerseligste Jungfrau Maria wenden. Deshalb können wir uns stets mit unseren Gebeten, mit unseren Problemen und in unseren Zweifeln und Ängsten an sie wenden. 

Weil das Herz der Jungfrau Maria eine derart reine Gottesliebe in sich trägt, die nur von der unendlichen Gottesliebe des heiligsten Herzen Jesu übertroffen wird, deshalb hat sie auch eine derart reine Nächstenliebe, die nur von der unendlichen Nächstenliebe des heiligsten Herzens Jesu überboten wird. Allein die Tatsache, daß Maria ein Geschöpf und damit begrenzt ist, setzt ihrer Liebe zu Gott und ihrer Liebe zum Nächsten eine Grenze, im Vergleich zu der unendlichen Liebe des heiligsten Herzens Jesu. Trotz dieser Grenze ist das Unbefleckte Herz Mariä das vollkommenste Meisterwerk Gottes. Es ist die vollendete Kopie des heiligsten Herzens Jesu. Ihr reines Herz hat den höchsten Grad der Ähnlichkeit mit unserem Herrn Jesus Christus erreicht. Wir können also sagen: Die Reinheit ist das Tor der Liebe. Je größer die Herzensreinheit, desto größer die Liebe zu Gott; und in der Folge, um so größer auch die Liebe zum Nächsten.

Sie werden Gott schauen!“

Denjenigen, die ihr Herz im täglichen Kampf von der ungeordneten Anhänglichkeiten an die Geschöpfe immer mehr reinigen, wird – entsprechend dem Grad ihrer Reinheit – als der ihrer Tugend zugeeignete Lohn die Gottesschau versprochen. „Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ Schon der König David stellt im 23. Psalm die Frage: „Wer darf hinaufsteigen zum Berg des Herrn?“ (3). Wer darf hinaufsteigen in den Himmel? Wer darf sich Gott nahen? Ihn schauen? – Und David selbst gibt die Antwort: „Wer reine Hände hat und ein lauteres Herz“ (5). Der hl. Papst Leo der Große sagt: „Wo das Seelenauge von der Umnachtung der Sündenschuld und Weltlust frei geworden ist, da darf sich sein reiner Blick an der Schau Gottes weiden und vermag dann auch nur einzig in Ihm gesättigt zu werden.“

Die vorbereitende, beginnende Gottesschau im Pilgerstand besteht zunächst in einer tiefen, umfassenden „Glaubensschau“ der göttlichen Wahrheiten und Gnadengeheimnisse. Mit zunehmendem inneren Reinheitsgrad kann der Heilige Geist in einer Seele eine um so größere Wirktätigkeit entfalten; und der Glaubensschau mittels der Gabe der Weisheit und der Gabe des Verstandes eine ungeahnte Tiefe und Schärfe verleihen. Diese kann sich bis zur „geheimen Gottesschau“, der sogenannten „mystischen Beschauung“ steigern. Dabei wird die Seele auf übernatürliche Weise erleuchtet, sodaß ihr ein tiefes Erkennen, Lieben und Genießen Gottes, Seiner Wesenseigenschaften und Gnadengeheimnisse ermöglicht wird. Christus selbst hat über den Zusammenhang der übernatürlichen Gottesschau und der Herzensreinheit gesagt: „Wer immer Mich liebt, der wird von meinem Vater geliebt, und Ich werde ihn lieben und Mich ihm offenbaren “ (Joh. 14, 21). Die mystische Gottesschau bleibt jedoch zeitlebens von einem noch größeren Dunkel umfangen. Erst mit dem Tod wird die dunkle Glaubensschau schließlich im jenseitigen Verklärungszustand übergehen in die klare, unverhüllte beseligende Wesensschau des dreifaltigen Gottes. Dort „werden wir Gott schauen, wie Er ist“ (1. Joh. 3, 2).

Leitbild für die moderne Welt

Papst Pius XII. hat durch die Einsetzung des heutigen Festes das Unbefleckte Herz der Gottesmutter zum Leitstern für die moderne Welt erklärt. Denn die Welt der Moderne ist derart von der ungeordneten Anhänglichkeit an materielle Güter beherrscht, daß sie gerade dadurch aufs Zutreffendste charakterisiert wird. Die Vereinnahmung durch geschaffene Güter und die Unreinheit der Herzen ist das Charakteristikum der Moderne! – Die Ursache der religiösen Gleichgültigkeit unserer Tage, der Grund warum sich nur noch eine geringe Zahl von Menschen für den katholischen Glauben interessiert, findet sich in der Unreinheit der Herzen. Die Fenster der meisten Herzen sind mit einer dicken, schmutzigen Kruste verklebt.

Denken wir etwa an die Habsucht, an die Jagd nach Geld, Komfort und Wohlstand. Sie hat die Menschen gefühllos, herzlos und lieblos werden lassen. Weil die Menschen ganz vereinnahmt sind vom Geld, von ihren Hobbys, vom Urlaub, deshalb kümmern sie sich um nichts anderes als sich selbst. Sie kümmern sich nicht mehr um die Regierung ihres Landes, nicht um das Gemeinwohl im Staat, nicht um die Zukunft ihres Volkes. Das alles ist ihnen egal, solange sie genug Geld zum leben haben, solange die Regale im Supermarkt voll sind, solange die Kinos, Clubs und Gasthäuser öffnen dürfen und die Reisefreiheit nicht eingeschränkt ist.

Oder denken wir an die Unreinheit auf dem geschlechtlichen Gebiet. Wie anders könnte man unsere moderne Gesellschaft beschreiben, als daß sie besessen ist vom Dämon der Fleischeslust und der Unkeuschheit? Auch die Exzesse auf diesem Gebiet haben die Menschen gefühllos, herzlos und lieblos gemacht. Jeder Sinn für Anstand ist geschwunden, so daß heute ein Maß von Unsittlichkeit nicht nur möglich, sondern sogar salonfähig geworden ist, über das man vor fünfzig, sechzig Jahren nicht einmal hätte reden wollen. Viele Menschen verhalten sich wie Tiere, die sich um nichts anderes kümmern als das hemmungslose Ausleben ihrer Trieben. Die Unreinheit der Herzen verdunkelt das Licht des gesunden Menschenverstandes. Sie macht den Menschen dem Tiere gleich. Ja, schlimmer noch als das Tier. Denn selbst Tiere richten ihre Art nicht dadurch zugrunde, daß sie ihre eigene Nachkommenschaft im Mutterschoß töten.

Die Vereinnahmung durch materielle Dinge steigert sich in unseren Tagen bis zur Verachtung und zum Haß Gottes. Aus einer allgemeinen Gleichgültigkeit wird zunehmend eine aggressive Haltung. Dorthin bewegen wir uns gerade. Die moderne Gesellschaft verachtet, ja haßt Gottes Ordnung, Seinen Anspruch, Seine Autorität. Sie hat keine Furcht vor Ihm. Auch nicht vor Seiner Gerechtigkeit. Deshalb fahren so viele Menschen sofort hoch und werden aggressiv, wenn man sie über Gottes Forderungen, über Gottes Gericht und ihre Pflichten Gott gegenüber aufklärt. Alles das läßt sich zurückführen auf die beschmutzten, verblendeten, verfinsterten Herzen so vieler Menschen.

Das Herz, welches Gott liebt

Diesem unreinen Zeitalter hält die Kirche das Unbefleckte Herz Mariens entgegen. Das Herz, welches Gott liebt! Denn die Kirche weiß, daß wir einst gerichtet werden, wenn wir aus diesem Leben scheiden. Sie weiß, daß das Urteil sich an dem orientieren wird, was wir in diesem Leben geliebt haben, woran unser Herz gehangen hat. „Denn wo dein Schatz ist, da ist auf dein Herz“ (Mt. 6, 21). Gott wird uns im persönlichen Gericht nach unserem Tod nur eine einzige Frage stellen: „Was hast du geliebt?“ – Und wenn wir dann zugeben müßten, daß wir in diesem Leben Gott vom Thron unseres Herzens herabgestürzt und statt dessen materielle, geschaffene, unreine Güter zu unseren Götzenbildern erhoben haben, dann werden wir zur Hölle verdammt werden, weil wir eben das geliebt haben, was die Hölle ist – ein Geschöpf ohne Gott, ohne Gottes Ordnung, ohne Gottes Liebe! – Wenn wir hingegen Gott geliebt haben und Ihm den Vorzug vor allem Geschaffenen gegeben haben, indem wir beharrlich und tapfer den Kampf wider die Versuchungen gekämpft haben, dann dürfen wir das ewige Leben erhoffen. Aber selbst dann werden wir noch beurteilt nach dem Maß, nach dem Grad unserer Gottesliebe: „Bist du auf all Meine Gnadenerweise eingegangen? Hast du treu mit der Gnade, die Ich dir angeboten habe mitgewirkt? Hast du Mich geliebt, aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Gemüt und aus allen deinen Kräften? Hast du deinen Glauben offen bekannt wenn es erforderlich war? Hast du die Opfer gebracht, die Ich von dir gefordert habe?“ – Das sind die Fragen der Liebe, die uns Gott stellen wird. Und unsere Antworten werden unsere Ewigkeit bestimmen. Denn die Gottesliebe ist der Sinn des Lebens hier auf Erden und sie ist der Sinn des Lebens in der Ewigkeit.

Das ist der Grund, warum die Kirche Männer und Frauen zur Ehre der Altäre erhebt. Die Märtyrer, Bekenner, Jungfrauen, einfach alle Heiligen, sind Menschen, die mit ihrem Leben das gemacht haben, was sie damit tun sollten – Gott in aller Reinheit zu lieben. Gott über alles zu lieben, selbst mehr als ihr eigenes Leben. In dieser Hinsicht haben die Heiligen im Grunde nichts Außerordentliches geleistet. Gott erwartet das von allen Menschen. Was hingegen an den Heiligen, deren Feste die Kirche feiert, außerordentlich ist, das ist, daß sie sich selbst überwunden haben. Dem hl. Dominikus wird der Satz zugeschrieben: „Der größte Sieg ist der Sieg über sich selbst.“ Dieser Sieg der Heiligen besteht in dem Triumph über die sündhaften Neigungen in ihrem Herzen. Wer Gott wirklich treu und über alles liebt, der wird mit Seiner Gnadenhilfe auch über die ungeordneten Begierden und Neigungen seiner niederen Natur siegen. Dieser Sieg ist das Außerordentliche, das die Heiligen ausmacht! – Hingegen daß der Mensch Gott im allgemeinen liebt, ist noch nichts Außerordentliches. Dazu ist der Mensch geschaffen. Wenn Sie ihren Autoschlüssel ins Zündschloß stecken, drehen und daraufhin der Motor anspringt, so daß sie wegfahren können, werden Sie sich nicht darüber verwundern, denn dazu ist ihr Auto gebaut worden. Unser Herz ist „gebaut“, um Gott über alles zu lieben. Damit wir aber auch den Sieg der Heiligen erringen können, gibt uns Gott durch die Kirche das Unbefleckte Herz Mariens zum Leitstern und zur Zuflucht. 

So wollen wir am Fest des Unbefleckten Herzens Mariä, dem „Herz, das Gott liebt“, unsere besondere Verehrung erweisen. Denn es ist jenes reine, makellose Herz, das Gott für sich selbst erschaffen hat, wie er auch unser Herz für Sich erschaffen hat. Das Herz der Gottesmutter ist uns darin Vorbild. Und so soll sich unsere Verehrung vor allem darin ausdrücken, daß wir versuchen, das Unbefleckte Herz in seiner Reinheit nachzuahmen. D.h. aus Liebe zu Gott die Sünde verabscheuen, die Versuchungen überwinden, die ungeordneten Begierden bekämpfen. Wenn wir Maria in unseren Kämpfen um die Herzensreinheit, um die Reinheit unserer Liebe anrufen, dann wird sie uns helfen, den Grand der Reinheit zu erreichen, den Gottes Vorsehung uns zugedacht hat. Dann wird sich die Verheißung der siebten Seligkeit auch bei unserem Eintritt in die Ewigkeit erfüllen: „Selig die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ Amen.

Mariä Himmelfahrt

Mariens Sieg über Sünde, Tod und Teufel

Geliebte Gottes!

Das Fest Mariä Himmelfahrt ist das höchste Marienfest des Kirchenjahres. In der Himmelfahrt der Gottesmutter feiern wir den Sieg der allerseligsten Jungfrau über Sünde, Tod und Teufel. Jedes Heer hält nach einer siegreichen Schlacht einen Triumphzug, um den errungenen Sieg zu feiern. Heute feiern wir den Triumphzug der Jungfrau Maria, wie sie in Begleitung der himmlischen Heerscharen Einzug hält am himmlischen Hof.

Der Kampf, den Unsere liebe Frau hier auf Erden geführt hat, war derselbe wie der unseres göttlichen Erlösers, Jesus Christus. Maria hatte nicht mit Versuchungen zu kämpfen wie wir. Auch nicht mit der Sünde. Genauso wie auch Christus nicht gegen Versuchung und Sünde kämpfen mußte. Denn Versuchung und Sünde gehen hervor aus der Begierlichkeit, aus den ungeordneten Leidenschaften; aus Leidenschaften, die nicht unter der Herrschaft der Vernunft und des Willens stehen; aus Leidenschaften, die nicht unter der Ordnung der übernatürlichen Gnade stehen. – Weder in der Seele Christi noch in der Seele Seiner heiligsten Mutter fand sich irgendeine Unordnung. Folglich gab es für diese beiden im Innern ihrer Seele kein Ringen, keine Kämpfe gegen die Sünde; keine Kämpfe, um die ungeordneten Leidenschaften zu unterdrücken.

Und dennoch führte die allerseligste Jungfrau Maria Krieg. Sie führte Krieg gegen die Sünde und gegen den Satan, weil sie in den Kampf, den unser göttlicher Erlöser führte, innigst eingebunden war. Ihr Anteil an diesem Kampf bestand hauptsächlich in der opferbereiten Hingabe und Annahme des Leidens und Sterbens ihres geliebten Sohnes. Jesus und Maria waren gleichsam ein Herz und eine Seele. Denn die Bande der Liebe zwischen Christus und Seiner jungfräulichen Mutter waren so stark, so daß sie darin praktisch eins waren. D.h. es gab keinen Schmerz, kein Leiden, keine Demütigung, die Christus erlitten hätte, welche nicht auch das unbefleckte Herz Seiner Mutter getroffen und von ihr mit derselben Heftigkeit empfunden worden wäre, die unser Herr empfunden hatte. Ihre Einwilligung in diese Leidensgemeinschaft aus Liebe gab Maria in dem Augenblick, als sie vor dem Erzengel Gabriel ihr Zustimmung gab, Muttergottes zu werden: „Siehe ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort“ (Lk. 1, 38).

Der Zweck für die Menschwerdung bestand in der Erlösung von der Sünde. Gemäß der göttlichen Offenbarung gab es keinen anderen Grund, warum die zweite göttliche Person eine menschliche Natur hätte annehmen sollen, als unsere Erlösung von der Sünde und ihren Folgen.

Die göttliche Heilsökonomie

Der Tod ist die einzige Folge der Sünde, worin der Satan über die gesamte Menschheit immer noch seine Herrschaft behauptet. – Wie wir wissen, beinhaltete der ursprüngliche Plan Gottes den Tod des Menschen nicht. Der Mensch sollte nicht sterben. Der ursprüngliche Plan sah zwar genauso vor, daß die Menschen Verdienste für das ewige Leben sammeln sollten. Sie sollten sich die ewige Glückseligkeit verdienen. Aber wodurch sollten sie Verdienste sammeln? Ursprünglich sollten sie Verdienste sammeln durch ihre Freude; durch die Freude am Genuß all der wunderbaren Dinge, die Gott geschaffen hatte; durch die Freude am Genuß der natürlichen und der übernatürlichen Gaben, die Gott dem Menschen geschenkt hat. Nach einer gewissen Weile der Freude an all dem – und zwar in einer tugendhaften Weise – sollte der Mensch, ohne zu sterben, in den Himmel entrückt werden. Sein Verdienst hätte ursprünglich also in seiner dankbaren Freude bestanden. Deshalb ist das Menschenherz für die Freude erschaffen. Jeder kann das an sich selbst feststellen. Der Mensch sehnt sich nach Glück und Freude. Und deshalb flieht er die Ursachen für Unglück und Traurigkeit. – Durch die dankbare Freude an den geschaffenen Gütern sollte sich der Mensch nach dem ursprünglichen Plan Gottes die höchste Freude verdienen; die ewige Freude an dem unerschaffenen Gut, welches Gott selbst ist.

Doch dann brach die erste Sünde über das Menschengeschlecht herein. Weil Gott gerecht ist, konnte Gott nicht anders mit der Sünde verfahren, als sie zu strafen. Aufgrund der Erbsünde, die auf alle Menschen übergegangen war, ging auch die Strafe, die Gottes Gerechtigkeit für die Sünde vorsieht, auf die gesamte Menschheit über. Selbst die unvernünftigen Geschöpfe und die Schöpfung insgesamt wurden von der notwendigen Strafe für die Sünde des Menschen getroffen. Die Naturkatastrophen – Dürre, Flutkatastrophen, Erdbeben etc. – von denen wir heimgesucht werden; die Krankheiten und Gebrechen, die wir in diesem Erdenleben zu leiden haben; all diese Dinge rühren her von Bestrafung der Sünde. 

Für den Menschen galt fortan ein anderer Heilsplan. Der Mensch sollte fortan nicht mehr durch die unschuldige Freude am Genuß der geschaffenen Güter sein ewiges Verdienst erwerben. Er sollte von jetzt ab Verdienste sammeln durch Leiden. 

Zunächst war jedoch keines der Kinder Adams in der Lage, überhaupt irgend ein Verdienst zu erwerben. Solange der gefallene Mensch nicht von der Schuld der Sünde erlöst war, war jedes Verdienst vor Gott ausgeschlossen. Solange kein Erlöser auftrat, blieb die Schuld der Sünde. Solange die Schuld der Sünde nicht getilgt war, blieb das Leiden ohne jedes Verdienst. Es war vor der Gerechtigkeit Gottes wertlos, weil es nur die gerechte Strafe für die bestehende Sündenschuld war. – Der Mensch hat mit der Sünde eine unendliche Schuld vor Gott aufgehäuft. Diese unendliche Schuld konnte nur durch eine unendliche Genugtuung aufgewogen werden. Da der Mensch jedoch nur ein endliches Wesen ist und deshalb selbst die Sühne aller Menschen zusammengenommen stets nur eine endliche Genugtuung bliebe, war es für den Menschen unmöglich, sich aus eigener Kraft von der Sünde zu erlösen. Selbst wenn jeder Mensch sein ganzes Erdenleben die schrecklichsten Qualen ausstehen würde, ja selbst wenn jeder die ewigen Qualen der Hölle erleiden würde, könnte der Mensch die unendlich Schuld vor Gott nicht wiedergutmachen. Erst das Leiden und der Tod Christi hat eine Genugtuung von unendlichem Wert gebracht, weil seine Würde als Gottessohn unendlich ist. Durch die Taufe erhalten wir Anteil an der unendlichen Sühne unseres Erlösers. Und ab diesem Zeitpunkt ist unser Leiden nicht mehr nur Strafe für die Sünde, sondern vor allem Quelle des Verdienstes. Das Leiden und der Tod unseres göttlichen Erlösers hat unser Leiden auf die Stufe des übernatürlichen Verdienstes erhoben.

Ewiges Verdienst durch Leiden und Drangsale

Die Erbsünde hatte für den Menschen mehrere negative Folgen: 1. den Tod, 2. die Verfinsterung des Verstandes, 3. die ungeordnete Begierlichkeit der Leidenschaften. – Die Verfinsterung des Verstandes und die ungeordnete Begierlichkeit können bereits in diesem Leben überwunden werden durch die Gnade. Der übernatürliche Glaube überwindet die Verfinsterung des Verstandes. Die helfende Gnade, welche unseren Willen darin stärkt, die Gebote Gottes zu befolgen, und uns befähigt, den Versuchungen zu widerstehen, überwindet die ungeordnete Begierlichkeit. Was jedoch unabänderlich in diesem Leben bleibt, das ist das Leiden und der Tod. Alles Leid ist in Wirklichkeit eine Vorstufe des Todes. Die Ursache jedes Schmerzes und aller Leiden liegt im Näherrücken des Todes begründet. Unsere verschiedenen Krankheiten und Gebrechen sind nichts anderes als ein Herannahmen des Todes – Schritt für Schritt. Und die Tatsache, daß wir Leiden und Gebrechen unterworfen sind, rührt von dem Todesurteil her, das Gott über das Menschengeschlecht verhängt hat. Mit anderen Worten: Ohne den Tod als letzte Konsequenz gäbe es kein Leiden auf dieser Welt. – Der Tod tritt ein, weil der Körper des Menschen entweder so schweren Schaden genommen hat oder so gebrechlich und verschlissen ist, daß er fürderhin den lebendigen Impuls der Seele nicht mehr aufnehmen kann. Weil der Körper außerstande ist, die Seele zu beherbergen, deswegen muß sie scheiden. Das geschieht beim Sterben. Im Tod trennt sich die Seele vom Körper, weil der Körper außerstande ist, die Seele weiter zu beherbergen. Darin besteht der Sieg Satans. Der Tod ist sein Sieg. Und die Sünde ist sein Stachel.

Warum hat Gott auch nach der Erlösung durch das Kreuzesopfer Christi dabei belassen, daß die Menschen sterben müssen? Warum hat Er nicht das Leiden und den Tod zusammen mit der Sündenschuld aus der Welt geschafft? Warum hat Er nicht auch eine Möglichkeit gegeben, den Tod zu überwinden, wie in diesem Leben doch die Möglichkeit besteht, durch die Gnade die Verfinsterung des Verstandes und die ungeordnete Begierlichkeit zu überwinden? – Die Antwort lautet: Weil wir uns den Himmel verdienen müssen. Weil wir Verdienste sammeln müssen, um in den Himmel zu gelangen. – Das war immer schon notwendig. Auch vor dem Sündenfall, wie wir sagten. Damals durch die dankbare Freude. Jetzt durch das Leiden. Der Mensch sollte den Himmel nicht einfach nur geschenkt bekommen, sondern er sollte ihn auch mit verdienen. Die ewige Glückseligkeit sollte nicht nur ein reines Geschenk von Seiten Gottes sein, sondern der Mensch sollte einen gewissen Anteil selbst beisteuern. – Stellen wir uns nun kurz vor, was wohl zu erwarten wäre, wenn mit der Taufe, in welcher bekanntlich die Erbschuld von der Seele abgewaschen wird, auch das Damoklesschwert des Todes von unseren Häuptern verschwinden würde; wenn die Taufe auch den Tod von uns nehmen würde. Was wäre zu erwarten? – Die Menschen würden die Kirchen stürmen. Sie würden die Taufe erbetteln, damit sie nicht sterben müßten. Gewiß! Würde aber dann wohl noch einer von ihnen bemüht sein, in seinem weiteren Leben verdienstlich zu leiden? Würde sich wohl noch einer von ihnen freiwillig mit dem Leiden Christi am Kreuz vereinen und mit Ihm leiden wollen? Würden das die Menschen tun? – Fest steht jedenfalls, daß die Heilsordnung, die Heilsökonomie, bestehenbleibt. Weil der Tod und die ihm vorausgehenden Leiden weiterhin Bestand haben, deshalb läßt Gott Leiden zu. Und Er will sie insofern, als sie uns dem gekreuzigten, dem leidenden und sterbenden Erlöser ähnlich machen. Gott will die Leiden, damit wir uns auf diese Weise das ewige Leben verdienen. – Viele Katholiken vergessen das. Viele fragen unwillig: Warum? Warum läßt Gott so viel Leid auf dieser Welt zu? Warum so viel Leid? Warum muß ich so viel leiden? – Sie vergessen das Fundament des gesamten Evangeliums, nämlich daß wir die Erlösung nur durch das Kreuz finden können. „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge Mir nach“ (Lk. 9, 23). Nur so können wir unter der geltenden Heilsordnung unsere Erlösung erlangen. Wir müssen leiden, um uns das Heil zu verdienen, um Anteil an den Schätzen der Erlösung zu finden, die Christus erworben hat, gerade indem Er litt und den Tod auf sich nahm. Wenn wir das verstehen, wird uns der Sinn unserer Kreuze der zahlreichen Drangsale in unserem Leben klarer. Sie bekommen Sinn. Ihre Last wird leichter.

Die Herrschaft des Todes

Der Tod beherrscht unser Leben. So vieles, was wir Tag für Tag tun, ist entweder darauf gerichtet, das Leben zu erhalten – Essen, Trinken, die Pflege unserer Gesundheit, die Sicherung unseres Lebensunterhalts; oder es ist darauf gerichtet, einen guten Tod, eine selige Sterbestunde vorzubereiten. – Die Gerechten, die Katholiken, bereiten sich auf den Tod vor. Und je weiter sie im geistlichen Leben vorangeschritten sind, je mehr sie sich geheiligt haben, um so willkommener ist ihnen der Tod. Um so mehr erwarten sie den Augenblick des Todes, den Augenblick, in dem sie mit Gott vereint werden. Selbst der Gedanke an das Fegfeuer hält sie nicht zurück. Denn das Fegfeuer ist ihnen ein Werkzeug zur Vervollkommnung der göttlichen Ordnung, an dessen Ende die durch und durch gereinigte, geheiligte, vollendete Seele steht, die dann erst würdig ist, sich eine Ewigkeit an Gott zu erfreuen. Um so gerechter eine Seele ist, je mehr Gottesliebe eine solche Seele hat, um so mehr sehnt sie sich danach zu sterben, um so mehr sehnt sie sich nach dem Augenblick, mit Gott in alle Ewigkeit vereint zu sein. Der Gedanke an den Tod beherrscht in gewisser Weise die Gedankenwelt des Katholiken.

Die Sünder auf der anderen Seite versuchen die egoistischen Genüsse und Freuden dieses Lebens soweit zu steigern, um den Tod auszublenden, um das Damoklesschwert, das beständig über ihren Häuptern schwebt, vergessen zu können. In der Tiefe ihres verfinsterten Herzens wissen sie, was sie erwartet. Sie ahnen ihre Verdammnis. Sie nehmen den Gestank der Sünde an ihrer Seele irgendwie wahr. Doch statt sich in einer ernsten Bekehrung davon zu reinigen, übergießen sie sich mit einem noch stärkeren Parfüm, welches den Gestank der Sünde übertünchen soll. Statt sich zu bekehren, steigern sie die Lebensgenüsse der Lust, des Besitzes oder der Macht, um sich von der ungeliebten Wahrheit ihres Seelenzustandes abzulenken. Zu diesem Zweck melden sie auch Zweifel an der Existenz Gottes an; Zweifel an der Gerechtigkeit Gottes; oder stellen die Behauptung auf, Gott würde in Seiner unendlichen Barmherzigkeit schließlich doch alle Menschen irgendwie und irgendwann in den Himmel aufnehmen. – Egal wie sehr sich diese Menschen solche oder ähnliche Dinge einreden, sie wissen in ihrem tiefsten Innern, daß Gott, wenn sie im Zustand der Sünde einst vor Seinen Richterstuhl erscheinen werden, nur eines zu ihnen sagen kann: „Weicht von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinem Anhang bereitet ist“ (Mt. 25, 41). D.h.: Du bist verdammt zum ewigen Tod! – Ja, was anderes hätte ein Mensch, der Gott sein Leben lang zurückgewiesen hat und sich nicht zu Ihm hinwenden wollte, anderes zu erwarten? Was anderes könnte ihm Gott sagen? Welches Verdienst könnte er Gott vorweisen? Da ist keines! Kein übernatürliches Verdienst! Leere Hände! Obwohl auch der verstockte Sünder die Möglichkeit gehabt hätte, durch die hinreichende Gnade Verdienste zu erwerben. – Solche Menschen wissen insgeheim, was sie erwartet. Und deshalb steigern sie ihre weltlichen Genüsse. 

Verschlungen ist der Tod im Sieg

Die allerseligste Jungfrau war ausgenommen von den Banden des Todes. Weil Maria durch ihre Unbefleckte Empfängnis von der Erbsünde ausgenommen war, so hatte sie auch keinen Anteil an deren Folgen. Sie war ausgenommen von der Verfinsterung des Verstandes und von der ungeordneten Begierlichkeit. Sie war ausgenommen von dem menschlichen Verfall, der im Tod endet. Deshalb bestand ihr Anteil an Leiden und Tod, den sie in ihrem Leben ertrug, genauso wie bei unserem Herrn Jesus Christus, allein im Hinblick auf unsere Erlösung von der Sünde. Jede Form des Leidens, welches Maria traf, geschah einzig und allein dazu, um Christus nachzuahmen; um mit Ihm zusammenzuwirken in dem großen Werk der Erlösung. Maria hat durch ihr „fiat“ Leiden und Tod freiwillig angenommen, obwohl sie ihnen nicht unterworfen war, wie wir es sind aufgrund des Fluches der Sünde. Einige Theologen vertreten deshalb die wohlbegründete Meinung, daß Maria auch tatsächlich nicht gestorben ist. Sie sagen: Weil unser göttlicher Erlöser als Sühneopfer für die Sünden der Welt den Tod auf sich genommen hat und damit unendliche Genugtuung geleistet hat, hätte der Tod der Gottesmutter nichts mehr zur Erlösung hinzugefügt. Deshalb blieb Maria, nach der Meinung dieser Theologen, vom Stachel des Todes, vom Stachel des Teufels verschont. Das ist auch der Grund, warum Papst Pius XII. bei der Dogmatisierung der lieblichen Aufnahme Mariens in den Himmel den tatsächlichen Tod der Gottesmutter offen gelassen hat. Er hat nicht definiert, daß Maria gestorben sei. Er wählte die Formulierung, daß sie „nach Vollendung ihres irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen“ worden ist.

Der zweite Grund, warum Maria von den Banden des Todes ausgenommen war, bestand in dem außerordentlichen Verdienst, das sie sich unter dem Kreuz erwarb. Durch ihr Mitleiden mit ihrem göttlichen Sohn bei Seinem Erlösungsopfer hat sich auch seine unbefleckte Mutter das Privileg einer vorweggenommenen Auferstehung und Himmelfahrt verdient. Durch ihr geheimnisvolles Mitleiden und ihr geistiges Sterben am Fuß des Kreuzes hat sie sich die Verherrlichung ihres Leibes und die Aufnahme in den Himmel erworben. Die irdische Welt konnte Maria nicht zurückhalten, und zwar in derselben Weise wie sie unseren Herrn Jesus Christus nicht zurückhalten konnte. Diese Welt ist eine Welt voll Sünde, Verfall und Tod. Der Gottessohn hatte daran keinen Anteil. Deswegen ist Sein Platz nicht in dieser Welt. In gleicher Weise hatte auch Maria keinen Anteil an dieser Welt. Folglich war auch ihr Platz woanders. – Und genauso ist es auch für die Kinder Mariens, welche die Kinder Gottes sind. Unser Platz ist nicht hier auf Erden. Unsere Heimat ist im Himmel. Deshalb erwarten wir die glorreiche Auferstehung des Fleisches, unseres Fleisches, dieses Fleisches. 

Der Tag an dem wir sterben müssen, wird für jeden von uns kommen. Und genauso wird der Tag kommen, an dem unsere Leiber von den Toten auferstehen werden. – Am heutigen Tag werden viele Menschen sterben. Viele von ihnen können damit rechnen. Andere wird der Tod heute überraschend ereilen. Viele junge Menschen werden heute sterben. Die meisten an Unfällen. Heute ist der letzte Tag ihres Lebens, aber sie wissen nichts davon. Wenn die Sonne heute abend untergeht, werden sie nicht mehr unter den Lebenden sein. Das geschieht überall auf der Welt – durch Gewalt, durch Krankheit, durch Unfall. 

Doch eines Tages werden wir wieder auferstehen – mit Leib und Seele. Das ist die Lehre des katholischen Glaubens: „Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches“, so bekennen wir im Apostolischen Glaubensbekenntnis. Nach dieser Lehre werden die Sünder mit ihren häßlichen, entstellten Leibern an den Ort unauslöschlichen Feuers verworfen, während die Gerechten mit ihren verklärten Leiben, dem Vorbild Christi und Seiner jungfräulichen Mutter entsprechend, in den Himmel einziehen werden. Hören wir, wie der hl. Paulus diese Lehre vorträgt: „Seht, ich verkünde euch ein Geheimnis: Wir werden zwar alle auferstehen [Gerechtfertigte und Verdammte], aber nicht alle umgewandelt [verklärt] werden. Ganz plötzlich in einem Augenblick, beim letzten Posaunenstoß wird das geschehen. Die Posaune wird erschallen, dann werden die Toten auferstehen, unverweslich, und auch wir [die noch lebenden] werden umgewandelt werden. Denn dieses Verwesliche muß die Unverweslichkeit anziehen, und dies Sterbliche die Unsterblichkeit. Wenn aber dies sterblich die Unsterblichkeit angezogen hat, dann erfüllt sich das Wort der Schrift: Verschlungen ist der Tod im Sieg. Tod wo ist dein Sieg? Tod wo ist dein Stachel? Der Stachel des Todes ist die Sünde, die Macht der Sünde das Gesetz, Gott aber sei Dank, der uns den Sieg verleiht durch unseren Herrn Jesus Christus“ (1 Kor. 15, 51-57).

Was an Maria bereits Wirklichkeit geworden ist, soll auch an uns wahr werden. Nehmen wir also unsere Zuflucht zu ihr und lernen wir von ihrem Vorbild. Lernen wir von ihr aus Liebe zu Gott unser „fiat“ sprechen. Geben wir unsere großherzige Zustimmung zu dem Weg der Erlösung, den Gott für uns in Seiner Weisheit angeordnet hat. Lernen wir von Maria unser Kreuz tragen in dem Wissen, daß wir uns nur so das ewige Leben und die ewige Freude verdienen können. Bitten wir schließlich unsere himmlische Mutter um die Gnade einer seligen Sterbestunde, die auch für uns der Eintritt in die Herrlichkeit Gottes sei. Dort dürfen wir dann zusammen mit der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter, die bereits mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde, in alle Ewigkeit die höchste Majestät Gottes preisen und rufen: „Verschlungen ist der Tod im Sieg. Tod wo ist dein Sieg? Tod wo ist dein Stachel?“ Amen.

11. Sonntag nach Pfingsten

Die Vollkommenheit des hl. Meßopfers

Geliebte Gottes!

Außer den Fragen, die wir bisher bezüglich der hl. Messe betrachtet haben und welche sich auf das Wesen, die Vorbilder, die Einsetzung, den Wert und die Früchte des hl. Meßopfers bezogen haben, wären noch manche andere Fragen übrig, die mit Nutzen betrachtet werden könnten: Fragen etwa über den Meßaufbau und die Teile der hl. Messe; über den schier unerschöpflichen Reichtum und Sinn ihrer Zeremonien; über den hl. Ort zur Feier der hl. Messe; über die Bedeutung der hll. Gewänder, die der Priester bei der hl. Messe trägt; über die Gebete des Meßbuches und über den Sinn der lateinischen Kultsprache, in welcher sie gebetet oder gesungen werden. Um Ihnen jedoch durch eine ausufernde Darlegung nicht zur Last zu fallen, wollen wir all diese Fragen, deren Beantwortung ohnehin teilweise bereits angeklungen sind, übergehen und zum Abschluß dieser Predigtreihe nur noch einer letzten nachgehen. Nämlich der Frage: Warum ist die hl. Messe das vollkommenste aller Opfer? Die Antwort lautet: Die hl. Messe ist deshalb das vollkommenste aller Opfer, weil sie das vollkommenste Lobopfer, das vollkommenste Dankopfer, das vollkommenste Bittopfer und das vollkommenste Sühneopfer ist.

Das vollkommenste Lobopfer

Die hl. Messe ist das vollkommenste Lobopfer. Dies ist die erste und wesentlichste Pflicht, die wir als Geschöpfe dem Schöpfer gegenüber zu erfüllen haben: Das Lob Gottes! Die Ehre und Verherrlichung Gottes! – Diese Pflicht ist so tief begründet, daß sie alle Geschöpfe angeht, die vernünftigen und die unvernünftigen, die geistigen und die körperlichen, die himmlischen und die irdischen. Diese Pflicht hat Bestand, solange die Welt besteht, und wird darüber hinaus ewig fortdauern. Denn Gott hat alles, was Er geschaffen hat, zu Seiner eigenen Ehre geschaffen. Der erste Zweck der Schöpfung ist das Lob Gottes. Deshalb kann es von diesem Gesetze keine Dispens geben. Nicht einmal Gott selbst könnte es aufheben, eben weil Er Gott ist. – Das Gesetz des Gotteslobes wird erfüllt von der unvernünftigen Kreatur. Jedes Blatt, das im Frühjahr grünt, sich im Herbst verfärbt, welkt und zur Erde fällt, sagt: Wie weise und schön ist Gott! Jede Woge des Meeres, die steigende und die fallende, sagt: Wie groß ist Gott, der Schöpfer des Meeres! Die Gestirne des Nachthimmels rufen: Wie unermeßlich groß ist Gott! Jede Tier ruft: Wie unvorstellbar kunstfertig und genial ist der lebendige Gott! Dasselbe kann man von allen unvernünftigen Geschöpfen mit Recht behaupten. Sie alle loben Gott, indem sie die in sie eingeschaffenen Gesetze Gottes, die Naturgesetze, „gehorsam“ erfüllen. – Auch die vernünftigen Geschöpfe verherrlichen Gott. Einige unfreiwillig. Etwa die Verdammten in der Hölle. Alle Flammen der Hölle sagen: Wie gerecht ist Gott, der die Sünder straft! – Doch es gibt auch viele Menschenherzen und Menschenlippen auf Erden, die Gott freiwillig loben. Und erst recht im Himmel! Dort wird der ewige Lobgesang Gottes von den Chören der hll. Engel und von den Scharen der Seligen gesungen: „Heilig, heilig, heilig bist du, Gott der Heerscharen, denn durch Deinen Willen ist alles gemacht.“ Wovon aber wird Gott am vollkommensten geehrt? – Vielleicht käme uns zuallererst die unbefleckte Jungfrau und Gottesmutter Maria in den Sinn, die ihren Gott und Schöpfer im Himmel lobt, und deren Loblied gewissermaßen alle Chöre der Engel und alle Heiligen übertönt. Aber doch noch mehr wird Gott geehrt im Opfer der hl. Messe. – Es ist ein Gotteslob nicht in Worten, sondern in der Tat. Da verbeugt sich der ewige Sohn vor dem himmlischen Vater, der Wesensgleiche vor dem, mit dem Er Eins ist in der Gottheit. – Wie tief ist diese Verbeugung? Bis zur Erde. Bis auf den Altar. Bis in die Hände eines Sünders. Bis unter die Gestalten von Brot und Wein. – Und wie lange verharrt Er in dieser demütigen Stellung? Tag und Nacht. Jahraus jahrein! – Welch unendliche Ehre und Verherrlichung erwächst Gott daraus! Hier wird Gott endlich so geehrt, wie Er geehrt zu werden verdient – nämlich in unendlichem Maß! – Was soll unser Lob im Vergleich mit dieser Ehre? Was sollen alle Worte der Sünder zusammen, was soll aller Lobpreis der Engel, was sollen alle Gaben, die wir Gott sonst darbringen könnten, im Vergleich mit dem Opfer des Eingeborenen, des ewigen Gottessohnes? Sie sind nichts im Vergleich dazu! – Wenn man die ganze Erde mit der Sonne und mit allen Sternen, ja wenn man den ganzen Kosmos zusammenfassen und wie ein einziges Weihrauchkörnchen zur Ehre Gottes verbrennen könnte, es wäre noch immer nichts im Vergleich zu der Ehre, die Gott erwiesen wird durch Seinen göttlichen Sohn im hl. Meßopfer. Es ist wirklich und unbestreitbar das vollkommenste Lobopfer.

Das vollkommenste Dankopfer

Die hl. Messe ist außerdem das vollkommenste Dankopfer. Dank ist man demjenigen schuldig, von dem man Wohltaten empfangen hat. Die lateinische Sprache kennt kein Wort für „umsonst, kostenlos“. Um den Umstand auszudrücken, daß eine Wohltat erwiesen wird ohne eine entsprechende Gegenleistung zu fordern, wird das Wort „gratis“ gebraucht. Auch wir kennen diese Wort. Hingegen nicht seine wörtliche Bedeutung. „Gratis“ bedeutet wörtlich „um Dank“. In der Perspektive der alten Römer ist der Dank also die allermindeste Gegenleistung, welche in jedem Fall zu leisten ist. Billiger geht nicht. – Für die kleinste Gefälligkeit erweist man sich deshalb dankbar, wenigstens durch einen freundlichen Blick oder ein Wort des Dankes. – Bedenken wir wohl, wie groß die Summe des Dankes ist, den wir Gott schuldig sind. Seine Wohltaten sind so zahlreich, daß wir sie nicht zählen können. So groß, daß wir in Ewigkeit nicht hinreichend dafür danken können. Leibliche Wohltaten und geistige, natürliche Wohltaten und übernatürliche, vergangene und zukünftige, zeitliche und ewige. Wohltaten, die darin bestanden, daß Gott uns vor großen Übeln verschont, uns aus Gefahren befreit, von uns größeren Schaden abgewendet hat. Und noch andere Wohltaten, die darin bestanden, daß Er uns Seine Güter mitteilte. Schauen wir um uns: Alles, was wir sehen am Himmel und auf Erden, sind Geschöpfe und zugleich Wohltaten Gottes, die uns zum zeitlichen Wohl und zum ewigen Heile gereichen sollen. – Schauen wir in uns: Die unsterbliche Seele, von Gott persönlich geschaffen, einem jeden von uns ganz einzigartig gegeben. – Schauen wir hinab in die Unterwelt: Der Abgrund der Hölle, vor dem Er uns bewahrt hat. – Schauen wir hinauf in die Herrlichkeit Gottes: Das ewige Leben, die Anschauung Gottes von Angesicht zu Angesicht und die daraus erwachsende ewige Glückseligkeit, zu der Er uns berufen hat. – Welche Gegenleistung könnte all dieser Wohltaten würdig sein?

Hinzu kommt, daß Er uns diese Wohltaten erwiesen hat aus reiner, uneigennütziger Liebe: ohne Berechnung, ohne einen Vorteil für Sich und ohne jedes Verdienst unsererseits. Ja ohne jeden Anspruch, den wir Ihm gegenüber geltend machen könnten. – Und was dem ganzen noch die Krone aufsetzt: Bedenken wir, daß Er all diese Wohltaten einem unwürdigen Geschlecht von Sündern erwiesen hat und fortwährend erweist. – Noch einmal: Womit könnten wir solche Wohltaten würdig vergelten? – Der junge Tobias hatte damals dieselbe Frage gestellt, als er seinem greisen Vater nach seiner glückliche Heimkehr aufgezählt hatte, wieviel Wohltaten ihm sein Reisebegleiter, der hl. Erzengel Raphael, erwiesen hatte. – Was könnten wir Gott geben für alles, was Er uns getan hat? Wir haben nichts. Wenigstens nichts, das Er uns nicht zuvor gegeben hätte. Und erst recht nichts, was Seinen Wohltaten entspräche! – Sollen wir dann eben als Undankbare vor Gottes Angesicht leben? – Nein! Wir haben das hl. Meßopfer, und indem wir es als Dankopfer darbringen, können wir zu Gott sagen: Siehe herab, gütiger Vater! Wir bringen Dir das hl. Opfer Deines vielgeliebten Sohnes dar. Eine Gabe, so kostbar, daß auch Du uns nie etwas Besseres geschenkt hast. Es ist zwar wahr, daß auch Du es warst, der Deinen Sohn einst auf die Erde herab gesandt hat. Einmal! Aber siehe, täglich bringen wir Ihn Dir zum Opfer dar. Möge Er Dir in unserem Namen danken für alles, was Du uns Gutes getan hast, und wofür wir Dir in Ewigkeit nie genug werden danken können. Nimm an das vollkommene Dankopfer der hl. Messe!

Das vollkommenste Bittopfer

Jedoch besteht für uns nicht nur eine Pflicht, Gott zu loben und Ihm zu danken. Wir haben auch die Pflicht, alles, was gut ist und was wir für Zeit und Ewigkeit brauchen, von Gott zu erbitten. – Um auf Erhörung hoffen zu dürfen, sind wir aufgrund der Folgen der Erbsünde, die wir in uns tragen, in einer mißlichen Lage. Einerseits haben wir nämlich, je ärmer und elender wir aufgrund unserer Bosheit und Schwäche sind, die Unterstützung der göttlichen Gnade um so mehr nötig. Aber andererseits, sind wir, je elender und erbärmlicher wir sind, je mehr Schuld wir Tag um Tag auf uns laden, um so unwürdiger, von dem heiligen und gerechten Gott erhört zu werden. – Diejenigen, die bei einem einflußreichen, angesehenen Menschen oder bei einem großen König als Bittsteller erscheinen, was tun sie? Sie versuchen, ihn gewogen zu stimmen. Wie versuchen sie, das zu erreichen? Um in ihren Anliegen gehört zu werden, weisen sie hin auf ihre Verdienste für das Gemeinwohl, für das Königreich, für den Frieden, für den Schutz der Schwachen und für die Einhaltung der Gerechtigkeit. Sie verweisen auf ihre Verdienste um die Person des Königs oder um den Staat. Oder sie erzählen, wie lange sie schon im Dienste ihres Herrn stehen, wieviele Jahre sie sich tadellos und pflichtbewußt gehalten oder welche Orden und Auszeichnungen sie erhalten haben. Sie versprechen Treue und Ergebenheit für die Zukunft, ja sie rühmen die Freigebigkeit, das Mitleid, die Güte des Königs, und es wäre merkwürdig, wenn sie schließlich nicht das erhielten, was sie angesichts solcher Verdienste erbitten. – Das sind Kunstgriffe, die wir bei dem ewigen König nicht gebrauchen können. – Wo sind schon unsere Verdienste? Wo sind die Jahre des treuen, tadellosen Gottesdienstes? Kein Jahr, kein Monat, keine Woche, kein Tag vergeht, wo wir nicht fehlen, wo wir nicht sündigen. – Wo sind die Auszeichnungen und Wohltaten Gottes an uns sichtbar geworden? Ja, zahlreiche und große Wohltaten sind uns zuteil geworden. Aber wie oft wurden sie nicht von uns vertan oder gar mißbraucht? – Wir mögen zwar für die Zukunft vieles und Großes versprechen. Gottes Auge sieht, was daraus werden wird. – Wo ist also das Fundament, das unserem Gebet seine fürbittende Kraft am Throne Gottes verleihen sollte?

Sie liegt nicht bei uns, sondern bei Christus. „Um was ihr auch immer den Vater in Meinem Namen bitten werdet, das wird euch zuteil werden“ (Joh. 14, 13). Das, was unserem Gebet Kraft gibt, liegt im Opfer unseres göttlichen Erlösers, im hl. Meßopfer. Da tritt Jesus Christus, der Sohn Gottes, für uns vor den Thron des himmlischen Vaters und bittet für uns. Was für ein Fürsprecher! Was für ein Gebet! Er weist hin auf Sein Verdienst, auf Sein heiliges Leben, auf Sein unschuldiges Leiden, auf Seine heiligen Wunden, auf Sein kostbares Blut, auf Sein Kreuz, auf das heilige und makellose Opfer, worin Er sich stündlich auf den Altären zum Opfer bringt, auf die unendliche Liebe, womit Er dieses Opfer beständig erneuert. Ja, wer könnte diesem Fürsprecher widerstehen? – Niemand! Niemand, und am allerwenigsten der göttliche Vater Seinem vielgeliebten Sohn.

Ja, gibt es auch nur einen von uns, der hier beim hl. Meßopfer anwesend ist und der nichts zu erbitten hätte? Gewiß keinen! Anliegen der Frau für den Mann, des Mannes für die Frau, der Eltern für die Kinder, der Kinder für die Eltern, der Untergebenen für die Vorgesetzten in Kirche, Staat, Betrieb, Schule usw.; für die verantwortlichen Herrscher und Politiker in aller Welt; für die Gottgeweihten, für die Bedürftigen, für die Kranken, für die Sterbenden, für die Ungläubigen, für die Sünder, für die schwer Versuchten, für die Armen Seelen. Man könnte die Kette der Anliegen, die uns auf dem Herzen liegen, beliebig verlängern. – Vereinigen wir unser Gebet mit dem Gebet unseres Heilandes Jesus Christus, der sich in der hl. Messe für uns opfert. Es ist das vollkommenste Bittopfer.

Das vollkommenste Sühneopfer

Schließlich und endlich ist das hl. Meßopfer auch das vollkommenste Sühneopfer. Es handelt sich ja nicht bloß darum, Gott als den höchsten Herrn und Gebieter zu ehren, Ihm zu danken und Ihn um den Erweis von Wohltaten zu bitten. Es handelt sich auch darum, den beleidigten Gott zu versöhnen! – Gott wird beleidigt durch die Sünden Seiner Geschöpfe. Wenn wir nun bedenken, wie viele Sünden bereits geschehen sind und fortwährend geschehen. Wie viele schwere Sünden, von den läßlichen ganz zu schweigen! Und wenn wir dann noch berücksichtigen, aus wie viel bösen, selbstsüchtigen und nichtigen Motiven Gott beleidigt wird! Wie unbegreiflich groß und erhaben die Majestät Gottes ist, dem jede Sünde frech ins Gesicht schlägt; hingegen wie gering und nichtig die Person eines jeden Sünders ist! Der Mensch ist ja nur ein zerbrechliches Gebilde in der Hand des allmächtigen Schöpfers, ein Windhauch, etwas rebellischer Erdenstaub, der sich aufbläht und erdreistet. – Ja, wenn wir dann auch noch bedenken, wie gerecht Seine Rache, und wie leicht es Ihm wäre, an den Sündern Rache zu nehmen! – Müßten wir da nicht fragen: Wer wird wohl imstande sein, den von unseren Sünden entehrten, beleidigten und erzürnten Gott zu versöhnen? Ja, wer kann das? – Wir können es genausowenig, wie der Knecht im Evangelium imstande war, die Schuld von 10.000 Talenten zu bezahlen, die er bei seinem Herrn aufgehäuft hatte. – Wer kann Gott versöhnen? – Einzig das unschuldige „Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt“. Der göttliche Erlöser ist gerade dazu in die Welt gekommen, um die Schuld der ganzen Welt auf sich zu nehmen und in Seinem unschuldigen Leiden und Sterben zu büßen; sie durch Seinen Tod zu sühnen. Indem Jesus Christus das Opfer am Kreuz beständig in der hl. Messe erneuert, spricht Er gewissermaßen zu Seinem Vater: Halte ein mit Deinen Strafen! Schone die Sünder! Verschone sie um Meinetwillen, um Meines Leidens, um Meiner Wunden, um Meines blutigen Opfertodes willen. „Ecce venio!“ „Einen Leib hast Du mir bereitet. Siehe, Ich komme!“ Ich komme als Menschensohn. Ich komme, mein kostbares Blut für die Sünden der Welt zu vergießen. Ich ehre Dich damit mehr, als alle Sünden der Welt Dich beleidigen und Deine Ehre beschmutzen können! 

Vielleicht verstehen wir jetzt, warum im Neuen Bund Gott so viel gnädiger und milder mit den Sündern umgeht, als es noch unter dem Alten Bund der Fall war. – Wegen eines einzigen Ehebruchs wurden damals Tausende der Benjaminiten erschlagen. Wegen eines einzigen überheblichen Gedankens des Königs David wütete die Pest unter seinem Volk und hielt eine reichliche Ernte des Todes. Nur wegen ihrer unehrerbietigen Blicke auf die Bundeslade wurden tausende Bethsamiten plötzlich vom Tod dahingerafft. – Schauen wir auf unsere Zeit. Gibt es heute denn keinen Ehebruch mehr? Keine stolzen, überheblichen Gedanken, Worte und Werke? Keine Unehrerbietigkeit im Hause Gottes? – Wie viele müßten sofort sterben, wenn heute all diese Sünden mit derselben Gerechtigkeit wie im Alten Bund bestraft würden! – In der Sintflut vertilgte Gott das ganze Menschengeschlecht bis auf wenige. Warum? Weil sie Fleisch waren, d.h. wegen der Sünden des Fleisches, wegen der ausgelebten bösen Lust und Begierlichkeit des Fleisches. Sodom und Gomorrha wurden im Feuer und Schwefel ausgetilgt. Das Salzmeer im Heiligen Land, das „Tote Meer“, legt heute noch ein Zeugnis von diesem Strafgericht Gottes ab. – Gibt es heute solche Sünden etwa nicht mehr? Wo wäre die Welt und wo wäre das Menschengeschlecht, wenn der beleidigte Gott die Sünden des Fleisches jetzt genauso strafen wollte, wie Er es zur Zeit des Noe und des Abraham getan hat? – Dem Opfer des Neuen Bundes, das täglich auf unseren Altären erneuert wird, ist zuzuschreiben, daß Gottes gerechte Rache zurückgehalten wird und sich der beleidigte Gott im Bußsakrament so schnell und so leicht wieder versöhnen läßt. Das hl. Meßopfer enthält das Opfer des Neuen Bundes. Es ist wesentlich dasselbe Opfer wie am Kreuz, und deshalb ist es das vollkommenste Sühneopfer.

Der hochverschuldete Knecht in dem erwähnten Gleichnis sprach zu seinem Herrn: „Habe Geduld mit mir, ich will dir alles bezahlen!“ (Mt. 18, 26). So können und sollen auch wir zu Gott sagen: Habe Geduld mit mir, ich will Dir alles bezahlen! Ich kann Dich zwar nicht so ehren, wie Du es verdienst, aber Dein menschgewordener Sohn kann es und tut es, indem Er sich in Seinem Leiden und Sterben so tief vor Dir demütigt. – Ich bin zwar unmöglich in der Lage, Dir für die geringste Deiner unzähligen Wohltaten zu danken. Aber Jesus Christus kann es und tut es! – Ich bin nicht wert, daß Du mich anhörst, geschweige denn meine Bitten erhörst. Aber Jesus Christus bittet für mich und ich mit Ihm. Ihn wirst Du erhören. – Niemals würde ich imstande sein, Dir hinreichende Genugtuung für meine Sünden zu leisten, aber schau auf das hl. Opfer, das Dein vielgeliebter Sohn Dir darbringt, und Du findest darin übermäßige Sühne. So laß Dich versöhnen, Herr! „Habe Geduld mit mir, ich will dir alles bezahlen.“

Der Kampf gegen das hl. Meßopfer

So halten wir also fest: Die hl. Messe ist das vollkommenste Lob-, Dank-, Bitt- und Sühneopfer. – Wenn wir den Reichtum dieses Opfer betrachten, wird uns vielleicht auch klar, warum Satan soviel Energie darauf verwendet hat, um dieses Opfer zu unterdrücken, zu zerstören, es möglichst zum Verschwinden zu bringen, ja wenn es ihm möglich wäre, es mit Stumpf und Stiel auszurotten. Die Liturgiereform des sog. 2. Vatikanums war sein mit großem Erfolg gekrönter Versuch, dieses Vorhaben möglichst flächendeckend zu verwirklichen. Bei diesem Attentat hat man bekanntlich den vierfachen Zweck das hl. Meßopfers in ein Gemeinschaftsmahl umgewandelt. Aus dem Kult Gottes wurde der Kult des Menschen geschaffen. Gezielt wurde in dem Machwerk der „Neuen Messe“ auf alles verzichtet, was an ein Opfer, vor allem an ein Sühneopfer, erinnern könnte. Die „Konzilspäpste“ haben das erhabenste Opfer zerstört, welches Gott Selbst durch die Jahrtausende hindurch vorbereitet hat, welches Sein göttlicher Sohn vollzogen, eingesetzt und vorgeschrieben hat, welches der katholischen Kirche anvertraut wurde, damit die Menschen bis zum Ende der Zeit Gott jene Verherrlichung erweisen können, die Ihm gebührt. Sie haben aus dem erhabenen Opfer der hl. Messe eine ungültige, völlig beliebige, banale und blasphemische Theateraufführung gemacht. – Die Folgen sind mit Händen greifbar. Der religiöse, sittliche und gesellschaftliche Niedergang; die Verblendung der Menschen, die Häufung der Naturkatastrophen, die sich steigernde Kriegsgefahr und alle damit im Zusammenhang stehenden Faktoren geben ein beredtes Zeugnis davon. Wie lange die vergleichsweise wenigen gültigen und würdigen hll. Messen das aufgestaute Strafmaß zurückzuhalten vermögen, wissen wir nicht.

Die größte Wohltat Gottes

Was wir jedoch wissen, ist, daß das hl. Meßopfer die größte Wohltat Gottes und der größte Schatz der katholischen Kirche ist. Es ist das Opfer Christi, aber auch unser Opfer. Wenn wir danach streben, dem hl. Meßopfer oft, andächtig und mit großer Hingabe beizuwohnen, dann werden wir gewiß zur Reue über unsere Sünden, zur Erlangung aller notwendigen Gnaden, zum Trost im Leiden, zur Beharrlichkeit im Guten und zu einem seligen Tod gelangen. Zu einem Tod, der übergeht in das Licht der ewigen Herrlichkeit Gottes. Amen.

10. Sonntag nach Pfingsten

Die Früchte des hl. Meßopfers

Geliebte Gottes!

Als wir zuletzt die Würde und Erhabenheit des heiligen Meßopfers betrachtet haben, fanden wir dieselbe in der Tatsache begründet, daß das hl. Meßopfer wesentlich dasselbe Opfer ist wie das Opfer am Kreuz. – Hieraus haben wir sodann die ganz selbstverständliche Anwendung gemacht, daß wir dem hl. Meßopfer so aufmerksam, so andächtig, so ehrerbietig beiwohnen müssen, als wären wir selbst auf dem Kalvarienberg unter dem Kreuz des Heilandes gestanden.

Es läßt sich jedoch aus der Wahrheit, daß das hl. Meßopfer dasselbe Opfer wie das Opfer am Kreuz ist, noch eine weitere Schlußfolgerung ziehen, die einer eingehenderen Betrachtung wert ist. Wir haben des öfteren gehört, zu welchem Zweck unser göttlicher Erlöser das heilige Meßopfer eingesetzt hat. Christus hat das hl. Meßopfer eingesetzt, damit Sein Kreuzesopfer allezeit vergegenwärtigt werde, damit es „vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang“, und das „alle Tage bis ans Ende der Welt“, dem himmlischen Vater dargebracht werde, um Ihn zu verherrlichen. Das ist der erste und hauptsächliche Zweck: die Verherrlichung Gottes. Die Einsetzung des hl. Meßopfers geschah aber auch zu dem Zweck, damit den Menschen aller Jahrhunderte die Früchte des Kreuzesopfers zugewendet werden. Wenn das hl. Meßopfer dasselbe Opfer ist wie das am Kreuz, dann können wir bei der Darbringung des hl. Meßopfers auch dieselben Früchte erlangen, als wären wir damals persönlich beim Opfer Christi am Kreuz dabeigewesen. Das Meßopfer eröffnet uns nicht nur die Möglichkeit, Gott das vollkommene Opfer des Neuen Bundes darzubringen, den vollkommenen Kult und die vollkommene Verherrlichung zu erweisen. Es ermöglicht uns auch, fortwährend in den Genuß der Früchte des Kreuzesopfers zu kommen.

Betrachten wir also den Baum des heiligen Kreuzes, den neuen „Baum des Lebens“, den Gott nach der Vertreibung aus dem Paradies in diesem Erdental gepflanzt hat. Betrachten wir die reichen Früchte, die sich daran, sowohl für Sünder also auch für Gerechte, finden lassen. Dabei werden wir erkennen, wie reich, wie groß, wie vielfältig die Gnaden sind, die wir durch die andächtige Mitfeier der hl. Messe gewinnen können.

Früchte für die Sünder

Beginnen wir mit den Früchten, welche den Sündern zuteil geworden sind. – Man kann ohne Übertreibung sagen, daß das Volk, welches der Kreuzigung des Heilandes beiwohnte, zum großen Teil aus Sündern bestand. Es waren diejenigen anwesend, die den Tod Jesu gefordert hatten. „Hinweg, hinweg, kreuzige ihn!“ (Joh. 19, 15), hatten sie geschrien. Es waren diejenigen, die ohne Furcht vor Gottes Gerechtigkeit leichtfertig die Verantwortung für den blutigen Tod des unschuldigen Erlösers auf sich geladen hatten, indem sie riefen: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ (Mt. 27, 25). Sie hatten dem Opfer des Kreuzes beigewohnt ohne Andacht. „Das Volk stand da und schaute zu. Es verhöhnte Ihn“ (Lk. 23, 35). Aus Neugier, aus boshafter Grausamkeit. – Trotzdem hat das Opfer des Heilandes auch in den gleichgültigen, harten, neugierigen, grausamen Herzen dieses Volkes eine heilsame Frucht hervorgebracht. Das Evangelium berichtet uns: „Und alles Volk, das sich zu diesem Schauspiel eingefunden hatte und sah, was geschah, schlug an seine Brust und ging von dannen“ (Lk. 23, 48). Sie hörten, wie der Heiland für Seine Feinde betete. Sie sahen, wie geduldig Er litt, wie standhaft Er litt. Sie fühlten die Erde unter ihren Füßen erbeben. Sie sahen die Sonne sich verfinstern. Was nun? – Sie schlichen davon und schlugen an ihre Brust. Furcht hatte sie ergriffen; die Beklemmung, daß sie am Tod eines Unschuldigen mitgewirkt hatten; die Angst, Sein Blut würde womöglich jetzt wirklich über sie kommen. – Ein Strahl der Gnade Gottes hatte ihre Herzen getroffen. Etwas von Furcht, etwas Mitleid mit dem Heiland, etwas wie Reue über das, was sie getan hatten. – Vielleicht war dies für viele von ihnen der Anfang zu ihrer späteren Bekehrung. Gut sechs Wochen später bekehrten sich nämlich am Pfingstfest auf die Predigt des hl. Apostels Petrus hin dreitausend Juden und ließen sich taufen. Sollten darunter nicht viele von denen gewesen sein, die auch bei der Kreuzigung anwesend waren? – Wenn also sogar diejenigen, die bloß müßige, neugierige und gleichgültige Zuschauer beim hl. Kreuzesopfer waren, dennoch einen gnadenreichen und heilsamen Anteil an den Früchten dieses Opfers bekommen haben, wie groß, wie reich wird dann der Strom der Gnade denjenigen zufließen, die dem hl. Meßopfer mit wirklicher Andacht, mit großer Demut und Ehrerbietigkeit beiwohnen?

Auch der Hauptmann unter dem Kreuz war ein Sünder, ein Heide, ein Ungläubiger. Er war von Amts wegen da, um die Soldaten bei der Kreuzigung zu beaufsichtigen und zu befehligen. Gewiß hatte er ein scharfes Auge für alles, was geschah. Er war durchaus nicht aus Andacht gekommen. Nichtsdestoweniger hatte auch seine Seele unverhofft Anteil an den Früchten des hl. Opfers erhalten. Der Passionsbericht sagt uns: „Da der Hauptmann, sah, was geschehen war, verherrlichte er Gott“ (Lk. 23, 46). Und mit welchen Worten verherrlichte er Gott? Der Hauptmann bekannte: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen“ (Mt. 27, 54). – Was hat er erhalten? Die Gnade des Glaubens, den Anfang und die Wurzel aller Rechtfertigung, das Fundament des übernatürlichen Lebens. Aus der Finsternis des Unglaubens ist er bis zum Licht des Glaubens, aus dem Heidentum zum Christentum gelangt. – Wenn der Heide, der unter dem Kreuz zugegen war, aus dem Opfer des Heilandes so große übernatürliche Vorteile gezogen hat, werden dann etwa die Gläubigen, die der Erneuerung des Kreuzesopfers andächtig beiwohnen, nicht ähnliche Gnaden erhoffen dürfen: etwa die Befestigung im wahren katholischen Glauben, die Bewahrung des Glaubens, die tiefere Erkenntnis des Glauben und das Leben aus dem Glauben? Wird unser Gebet etwa nicht gesegnet sein, wenn wir beim hl. Meßopfer um die Ausbreitung des Glaubens beten? Um die Ausrottung der Häresien und Irrtümer? Um das Verschwinden der religiösen Gleichgültigkeit, welche heute so viele Menschen in dem finsteren Verließ des Unglaubens zurückhält? Gewiß dürfen wir auf die Erhörung solcher Gebete hoffen.

Es ist noch ein anderer Sünder übrig, der von dem Baum des Kreuzes die herrlichsten Früchte ernten durfte – Dismas, der reumütige Schächer. Ohne Zweifel war er ein Sünder. Hinter ihm lag ein Leben voll Raub, voll Ungerechtigkeit und vielleicht auch voll Mord, Hurerei und Ausschweifung. – Was lag vor ihm? Unabwendbar der Tod. Der Tod am Kreuz. Und nach dem Tod? Das Gericht und eine Ewigkeit, entsprechend einem solchen Leben, das er geführt hat. – Er hatte aber das große Glück, ganz nahe neben dem Hohenpriester des Neuen Bundes zu leiden und zu sterben. Er hatte das Glück, daß seine Todesstunde zusammenfiel mit der Stunde, in der das Opfer des Neuen Bundes dargebracht wurde. In dieser Stunde bekehrte er sich. Durch die Gnade, die vom Kreuz auf ihn überging, kam er Angesichts der Unschuld des Heilandes zur Einsicht in seine Schuld. Er bekannte seine Schuld: „Mit Recht! Wir empfangen nur die gebührende Strafe für unser Missetaten. Dieser aber hat nichts Unrechtes getan“ (Lk. 23, 41). Er kam zum Glauben, bekannte Jesus Christus als seinen Herrn und König; als einen König, der auch nach dem Tod noch ein Reich hat. Er bereute, er vertraute, er betete – und: Er erhielt die Verzeihung seiner Sünden. Er starb mit der Gewißheit, ins Paradies zu gelangen. „Wahrlich, Ich sage dir, heute noch wirst du mit Mir im Paradiese sein“ (Lk.23, 43), so lauteten die Worte der Lossprechung aus dem Munde Christi für ihn. – Welchen Weg hat diese Seele in den Stunden des Kreuzesopfers zurückgelegt? Aus dem Abgrund des Verbrechens bis an die Schwelle des Paradieses. Von der Sicherheit ewiger Verdammnis bis zur Gewißheit der ewigen Glückseligkeit im Himmel.

Ohne Zweifel sind unter denjenigen, die dem hl. Meßopfer beiwohnen, oftmals Sünder, vielleicht große Sünder. Sünder, die noch nicht an Bekehrung denken; die sich ihre Schuld nicht eingestehen wollen; die erklären, das sei ja gar nicht Sünde, was sie getan haben. Sünder, welche die Bekehrung aufschieben oder gar von sich weisen; denen die Bekehrung zu unbequem erscheint, weil man dabei ernsthaft sein Leben ändern müßte; denen die Bekehrung zu schwierig, ja gar unmöglich erscheint. – Wenn sie andächtig, ehrfürchtig, vertrauensvoll dem hl. Meßopfer beiwohnen, wenn sie um die Gnade der Reue beten, dann werden ihnen die Gnaden des hl. Opfers das Schwere leicht, das Unmögliche möglich, ja das, was sie bisher als unbequem zurückgewiesen haben, erwünscht und willkommen machen.

Früchte für die Gerechten

Doch gehen wir nun dazu über, die Früchte zu betrachten, welche den Gerechten, d.h. den Seelen im Stande der heiligmachenden Gnade, die durch Taufe und Buße gerecht gemacht worden sind, vom Baum des hl. Kreuzes zuteil werden.

Von den Frauen, die unter dem Kreuz des göttlichen Erlösers standen, wollen wir nur Maria Magdalena nennen. Sie hatte schon früher aus dem Munde Christi die Verzeihung ihrer Sünden erlangt. Sie lebte in der Gnade Gottes. Es sind aber zwei verschiedene Dinge, die Gnade zu erlangen und die Gnade zu bewahren; darin auszuharren bis ans Ende, bis zum letzten Atemzug. – Die Beharrlichkeit bis ans Ende ist eine schwierige Sache! Besonders für diejenigen, welche ein langes lasterhaftes Leben zugebracht haben. Die immer und immer wieder schwer gesündigt haben; und die bis zu ihrer Bekehrung lange Zeit freiwillig in der allernächsten Gelegenheit zur Sünde gelebt haben. Genau das war bei Maria Magdalena der Fall. – Ja und selbst für diejenigen, die lange gerecht und gottesfürchtig gelebt haben, ist die Gnade der Beharrlichkeit bis ans Ende eine besondere Gnade. Man könnte sie die „Gnade aller Gnaden“ nennen; die letztlich entscheidende Gnade! Denn nur, „wer ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden“ (Mt. 24, 13). – Allzuoft geschieht es, daß die erste Liebe nach einer gewissen Zeit erkaltet, daß der erste Eifer erlahmt, daß die Gottesliebe lau wird. Schreckliche Worte hält Gott für die Laugewordenen bereit: „Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, so will Ich dich ausspeien aus Meinem Munde“ (Off. 3, 16)

Schauen wir, wie Maria Magdalena dem Kreuzesopfer beigewohnt hat: Von Anfang bis zum Ende, aufgelöst in Tränen des Mitleids und der Reue; das Kreuz mit beiden Händen umklammernd. Welche Gebete mögen wohl damals aus ihrem Herzen aufgestiegen sein? „O Herr, verlaß mich nicht! Nie mehr will ich von Dir weichen!“ Welche Vorsätze! Welche heiligen Versprechen! Welch aufrichtiger Wille, wirklich ernst damit zu machen! – Und welche Gnaden hat sie vom Opfer des Kreuzes empfangen? Welche Früchte durfte sie ernten? – Die Gnade ihre Vorsätze halten zu können! Ihre Liebesglut nicht nur zu bewahren, sondern sogar noch zu vermehren. Von da an ist sie beharrlich geblieben und hat fern von der nächsten Gelegenheit zur Sünde ein Leben in strengster Buße geführt – bis zu ihrem seligen Tod.

Die Gnade der Beharrlichkeit sollen auch wir jedesmal, wenn wir dem hl. Meßopfer beiwohnen, mit großer Andacht und mit großem Vertrauen erbitten. Die Gnade der Standhaftigkeit in der Versuchung. Die Gnade des Eifers, in allen guten Werken fortzuschreiten. Die Gnade auszuharren bis ans Ende. Die Gnade einer seligen Sterbestunde. Das ist die letzte, die größte, ja die notwendigste aller Gnaden. Wie sie für Maria Magdalena unter dem Kreuz zu finden war, so werden auch wir sie finden beim Opfer der heiligen Messe.

Wir finden unter dem Kreuz noch andere Gerechte stehen. Etwa den Lieblingsjünger, den hl. Johannes. Er ist Apostel und Evangelist. Er ist der einzige Apostel, der dem Heiland bis unter das Kreuz gefolgt war. Unser Herr Jesus Christus hat ihn begünstigt, indem Er ihn Seine Verklärung auf dem Berge Tabor schauen, indem Er ihn beim letzten Abendmahl an Seiner Brust, an Seinem heiligsten Herzen, ruhen ließ. Welche Gunst hat Christus diesem treuen Apostel erwiesen, als dieser, allen Widrigkeiten zum Trotz, als einziger von allen Aposteln, Seinem Opfer beiwohnte? Eine ganz einzigartige Bevorzugung! Jesus sprach zu ihm: „Siehe da, deine Mutter!“ (Joh. 19, 26). Johannes tritt gegenüber der allerseligsten Jungfrau Maria in alle Rechte und Pflichten Jesus Christi ein. – Große Rechte! Den Anspruch auf den mütterlichen Beistand und die mütterliche Fürsorge Mariens in allen Lebenslagen, vor allem in allen Nöten und Prüfungen. Sowie die Pflichten, Maria zu ehren wie die leibliche Mutter. Sie zu ehren, wie Jesus sie geehrt hat. „Und von jener Stunde an, nahm sie der Jünger zu sich“ (Joh. 19, 27). Welch Auserwählung! Welchen Lohn für seine Treue hat doch der hl. Johannes dafür erhalten, daß er dem hl. Opfer beiwohnte!

Es liegt nahe, wie die Anwendung auf uns zu machen ist. Wenn wir, ähnlich wie der hl. Johannes, in treuer Reinheit und Liebe zu unserem göttlichen Meister dem hl. Meßopfer beiwohnen, so erhalten wir ein Anrecht auf den Schutz, die Fürsorge, die Fürbitte und Liebe der jungfräulichen Gottesmutter. Dann gelten die Worte auch von uns: „Und von jener Stunde an“ – der Stunde des hl. Meßopfers – „nahm sie der Jünger zu sich.“ Dann sind wir der glückliche Jünger. Und kann derjenige verlorengehen, der Maria zur Mutter hat? Gewiß nicht! Niemals!

Schließlich schauen wir noch auf die reinste, die heiligste, die gerechteste von allen; auf die Gnadenvolle, die unter dem Kreuz stand; auf die schmerzensreiche Jungfrau und Gottesmutter Maria. Wer könnte sagen, wie sie dem Opfer ihres Sohne beigewohnt hat? – So manche Mutter freut sich, wenn sie am Primiztag dem ersten Meßopfer ihres gerade zum Priester geweihten Sohnes beiwohnt. Wie hat diese Mutter dem großen Opfer dieses göttlichen Sohnes beigewohnt? Es war Sein erstes Opfer. Er opferte dabei Sich selbst. Und in welchen Schmerzen! Auch Seine hl. Mutter fühlte Seine Schmerzen mit Ihm. Auch ihre Seele wurde vom Schwert des Schmerzes durchbohrt (vgl. Lk. 2, 35). – Es ist wenig oder fast nichts damit ausgesagt, wenn man sagen wollte, die allerseligste Jungfrau habe beim Opfer ihres Sohnes am Kreuz „andächtig“, oder sie habe „aufmerksam“, oder sie habe „voll Mitleid“, oder sie habe „standhaft“ mitgeopfert. Das haben auch die anderen getan. – Aber nie hat ein Mensch dem hl. Opfer der Messe in all den Jahrhunderten, in denen die hl. Messe gefeiert worden ist, mit solcher Hingabe, mit einer solchen Tiefe des Mitleidens, mit einer solch freiwilliger Zustimmung und Ergebung in das eigene Leid, mit einer solchen Summe des Schmerzes beigewohnt, wie Maria dem Opfer ihres göttlichen Sohnes am Kreuz. – Ja, die Andacht, die Innigkeit, das Mitleid, der Schmerz aller Gläubigen aller Zeiten zusammengenommen erreicht nicht ihrer Andacht, ihre Ergebenheit, ihr Mitleid, ihren Schmerz. 

Wenn unser göttlicher Erlöser schon alle jene belohnt, die auch nur mit ein klein wenig Andacht Seinem Erlösungsopfer beigewohnt haben, welchen Lohn hat Er dann erst Seiner hl. Mutter zuteil werden lassen? – Etwa die Gnade des Glaubens, wie dem Hauptmann? Maria hatte den Glauben längst. – Oder etwa die Verzeihung der Sünden, wie dem Schächer? Sie ist makellos, ganz und gar ohne Sünde. Sie ist die Unbefleckte Empfängnis. – Dann aber vielleicht die Beharrlichkeit bis zum Ende, wie bei Maria Magdalena? Die Gottesmutter ist bereits in der Gnade befestigt. – Welchen Lohn wird dann die Gottesmutter empfangen? – Eine Sache, die von uns wohl zu beherzigen ist! Der Heiland läßt Seine heiligste Mutter teilnehmen an Seiner Bitterkeit: Mit Ihm leiden; durch Ihn leiden; für Ihn leiden. Ergeben und standhaft leiden. Und genau dementsprechend die Seligkeit, die der verheißene Lohn solchen Leidens ist. – Der endlose Chor der Heiligen lehrt uns: Nichts ist schöner, nichts ist verdienstlicher, nichts wird in der Ewigkeit herrlicher belohnt, als zusammen mit Christus zu leiden. Für uns irdisch Gesinnte kaum faßbar. „Mysterium fidei! – Geheimnis des Glaubens!“ – „Maria hat den besseren Teil erwählt“ (Lk. 10, 42). Sie wird mit Christus eins im Leiden. Sie wird mit Ihm eins in Seiner Opfergesinnung. Sie wird mit Ihm eins in ihrer Opferbereitschaft. So ist Maria mit ihrem Sohn zu einer Opfergabe geworden. Aus zwei Herzen wurde in der Flamme des Leidens eins. Deshalb spricht man zurecht von den vereinten Herzen Jesu und Mariä. Maria hat sich durch ihren göttlichen Sohne vollkommen Gott dem Allerhöchsten aufgeopfert.

Und das kann und soll bei der hl. Messe auch mit uns geschehen. Bei der Opferung sollen wir uns geistig zusammen mit Jesus zu einer Opfergabe verbinden. Bei der hl. Wandlung sollen wir Christus, und durch Ihn uns selbst, Gott dem Allerhöchsten aufopfern. Und in der hl. Kommunion vereinigen wir uns mit Christus, und es wird tatsächlich aus zwei Herzen eins. – In der hl. Kommunion reicht uns Christus vom Kreuz herab die Hand, um uns an Sich, an den Baum des Lebens, an das Holz des hl. Kreuz empor zu ziehen. Und wir sollen uns mit Ihm verbinden, wie Maria sich unter dem Kreuz mit ihm vereinigt hat. Die hl. Kommunion ist nicht nur ein Empfangen. Sie ist auch Hingabe. Sie ist die Vereinigung mit dem „Christus passus“, wie der hl. Thomas von Aquin sagt, mit dem leidenden Jesus Christus. 

Und welcher Lohn wird denen zuteil, die in den Gesinnungen der Gottesmutter der hl. Messe beiwohnen? – Wie der Leib des ewigen Hohenpriesters am Kreuz gestorben und am dritten Tag aus dem Grab glorreich auferstanden ist, so ist der Leib der allerseligsten Jungfrau nach der Kommunion des Leidens verklärt in den Himmel aufgenommen worden. Für sie in der ewige Ostermorgen angebrochen, jener ewige Tag, der kein Ende nimmt. Diese Frucht trägt der Baum des hl. Kreuzes auch für uns. Wenn wir unser Fleisch durch ein gottesfürchtiges Leben gekreuzigt und in Vereinigung mit Christus geopfert haben. Wenn unser Leib Seinen heiligsten Leib in der hl. Kommunion berührt, dann empfangen wir damit das Unterpfand unserer glorreichen Auferstehung am Jüngsten Tag. Für sie ist der ewige Ostermorgen bereits angebrochen. Und er wird niemals enden. Die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel ist die Frucht des Kreuzesopfers. Die Auferstehung und Verherrlichung unseres Leibes am Jüngsten Tag ist für uns die wertvollste Frucht des hl. Meßopfers, wenn wir es so mitfeiern lernen, wie die unbefleckte Gottesmutter Maria es getan hat.

Machen wir schließlich noch eine letzte und vielleicht die nützlichste Anwendung: Wir wohnen der hl. Messe bei. Sie ist die unblutige Erneuerung des Opfers am Kreuze. Es wird nicht selten geschehen, daß wir zur hl. Messe kommen mit einem Herzen voll Sorgen und Leid. Es bedrücken uns bittere Erinnerungen an die Vergangenheit; schwere Nöte und Bedrängnisse in der Gegenwart; Sorgen für die nächste oder für die fernere Zukunft: häusliche Probleme, Probleme am Arbeitsplatz, in der Politik, in der Gesellschaft; Krankheiten in der Familie, Unglück in der Ehe, Sorgen wegen der Kinder. – Derlei Gedanken stören nicht selten die Andacht beim hl. Opfer. Und doch könnten sie uns den Weg zeigen, um aus dem hl. Meßopfer die besten Früchte zu gewinnen, indem wir nämlich unsere Leiden, Sorgen und Nöte dem Heiland aufopfern; indem wir um die Gnade der Geduld bitten, um die Gnade der Standhaftigkeit, um die Gnade der vollen Ergebung in den göttlichen Willen, ja um die Gnade, dem leidenden Heiland und Seiner schmerzhaften Mutter ähnlich und immer ähnlicher zu werden. – Diese Gnaden werden uns sicherlich nicht versagt werden. Das ist gewiß! Und wenn wir diese Gnade erlangen, was wollen wir mehr? Der Weg des hl. Kreuzes ist der Weg des Verdienstes, der Weg des Triumphes und der Weg ewiger Glückseligkeit. Es ist der geradeste Weg zum Ziel. Der direkte Weg zum Himmel. Amen.

Am Fest des hl. Jakobus

Erhabenheit des hl. Meßopfers

Geliebte Gottes!

Zuletzt sagten wird, daß das einmalige unüberbietbare Opfer des Neuen Bundes, das Kreuzesopfer unseres göttlichen Erlösers, als unblutiges Opfer in Gestalt der hl. Messe fortbestehen und von Mal zu Mal aufs Neue vergegenwärtigt werden sollte. Wir haben bewiesen, daß dieser Glaubenssatz von den Verheißungen des Alten Bundes, von den Worten Jesu Christus beim letzten Abendmahl und auch von der Praxis der katholischen Kirche durch alle Jahrhunderte hindurch eindeutig bezeugt wird.

Mit den Worten „Tut dies zu Meinem Andenken“ (Lk. 22, 19), hat Christus befohlen, immer wieder, kraft der Wandlungsworte, Seinen heiliger Leib unter der Gestalt des Brotes sowie Sein kostbares Blut unter der Gestalt des Weines getrennt voneinander dem himmlischen Vater aufzuopfern. Die heilige Messe ist damit „das immerwährende Opfer des Neuen Bundes.“

Hieraus folgen weitere Gedanken, die wir heute eingehender beleuchten wollen. Zum einen stellt sich die Frage nach der Würde des hl. Meßopfers. Steht höher als das Kreuzesopfer? Oder ist es verglichen mit dem Kreuzesopfer geringer einzuschätzen? In welchem Zusammenhang steht das einmalige Kreuzesopfer mit dem fortwährenden Meßopfer genau? Worin stimmt das Meßopfer mit dem Kreuzesopfer überein? Wodurch unterscheiden es sich davon? – Sobald wir Würde und Wert der hl. Messe erfaßt haben, müssen wir uns dann natürlich fragen, welche Verpflichtungen für uns aus diesem Zusammenhang mit dem Kreuzesopfer erwachsen.

Übereinstimmung: Kreuzesopfer – Meßopfer 

Die ganze Würde und die volle Erhabenheit des hl. Meßopfers kann nicht kürzer ausgedrückt werden als in dem Satz: Das hl. Meßopfer ist wesentlich dasselbe Opfer wie das Opfer am Kreuz. Das ist die einfache Wahrheit. Denn worauf kommt es bei einem Opfer an? Wir haben es schon öfters gesagt und wiederholen es gern, weil es so wichtig ist: Zuerst die sichtbare Gabe. – Was für eine Opfergabe wurde am Kreuz geopfert? Der Leib Christi; sein blutiger, zerschlagener, gekreuzigter Leib. – Des weiteren das kostbare Blut des göttlichen Erlösers, welches aus Seinen zahllosen Wunden hervortrat. – Sodann wurde geopfert: Sein Leben, Seine Seele. „Vater, in Deine Hände befehle Ich meinen Geist!“ (Lk. 23, 46). – Wenn wir sodann auf die hl. Messe blicken, was wird dort geopfert? Nichts Größeres als am Kreuz; aber auch nichts Geringeres! Der Leib Christi in der Gestalt des Brotes, das Blut Christi unter der Gestalt des Weines, der ganze Christus. Also dieselbe Opfergabe wie beim Kreuzesopfer.

Das zweite Wesensmerkmal jedes Opfers besteht darin, daß die Gabe Gott dargebracht wird. Diese Darbringung hat durch einen Priester zu geschehen. – Vergleichen wir also. Wer war der Priester, der das Opfer am Kreuz darbrachte? Wir haben es uns bereits an den letzten Sonntagen erarbeitet. Jesus Christus, der heilige, der unschuldige, der unbefleckte Hohepriester des Neuen Bunde, der ausgesondert von den Sündern und erhabener ist als der Himmel. Das ist der Priester am Kreuz. – Wer ist aber der Priester, der das hl. Meßopfer darbringt? Lassen wir uns nicht täuschen, wenn wir einen bloßen Menschen in seiner ganzen Armseligkeit die Stufen des Altares hinaufsteigen sehen! Der geweihte Priester handelt beim hl. Meßopfer nicht im eigenen Namen, sondern im Namen Jesu Christi, dessen Stelle er am Altar vertritt. – Das zeigen uns die liturgischen Gewändern, die der Priester vor Beginn der Messe anlegt. Durch diese Gewänder wird der Priester mit Christus bekleidet. Ja, er verwandelt sich sozusagen in den einen und einzigen Hohenpriester des Neuen Bundes. Darum trägt er die Albe, das weiße Gewand, weil er dasteht, spricht und handelt im Namen des heiligen, unbefleckten und makellosen Hohepriesters Jesus Christus. Darum trägt er das Zingulum um die Hüften geschnürt, weil er opfert an Stelle des ehelosen und keuschen Hohenpriesters des Neuen Bundes. Darum trägt er das Manipel am linken Unterarm, zur Erinnerung an die Fesseln des göttlichen Willens, mit denen sich das Lamm Gottes an den Opferaltar des Kreuzes führen ließ und dabei Seinen Mund nicht auftat, um zu klagen und zu jammern. Darum trägt er das Bild des Kreuzes auf dem Meßgewand, weil er Stellvertreter des Hohenpriesters ist, der am Kreuz angenagelt Sein Blut darbrachte. Darum trägt die Stola auf den Schultern, weil er Denjenigen repräsentiert, Der die Sündenlast der ganzen Welt auf sich genommen und getragen hat. – Das Anlegen der heiligen Gewänder durch den Priester darf jedoch nicht mit der Kostümierung eines Schauspielers, der nur rein äußerlich in die Rolle eines anderen schlüpft, verwechselt werden. Durch die heiligen Gewänder wird lediglich das nach außen sichtbar gemacht, was in der Seele des Priesters, seit dem Augenblick seiner Priesterweihe, unsichtbare Wirklichkeit ist. Durch die Handauflegung des Bischofs ist der Seele des Priesters der bis in alle Ewigkeit unauslöschliche Weihecharakter eingeprägt worden. D.h. seine Seele ist dabei dem ewigen Hohenpriester Jesus Christus verähnlicht worden. Er handelt seither nicht mehr in seiner eigenen Person, sondern in „persona Christi“; er ist zu einem zu einem „alter Christus“, zu einem „zweiten Christus“ geworden. Mit einem Wort: Nicht der menschliche Priester ist derjenige, der das hl. Meßopfer vollzieht. Sondern Jesus Christus Selbst handelt durch den geweihten Priester hindurch. Der Priester am Altar ist nur das Werkzeug, durch welches der eine und einzige Hohepriester des Neuen Bundes wirkt. Besonders deutlich wird das gerade im Augenblick der hl. Wandlung. Der Priester spricht nicht die Worte: „Das ist der Leib Christi.“ – „Das ist der Kelch des Blutes Christi.“ Nein. Der geweihte Stellvertreter spricht bei der hl. Wandlung die Worte der Konsekration so, als wenn er selbst Jesus Christus wäre: „Das ist MEIN Leib“ – „Das ist der Kelch MEINES Blutes.“ Und dabei werden nicht Leib und Blut des Zelebranten, sondern der Leib und das Blut Christi gegenwärtig. Das hl. Meßopfer wird also tatsächlich von Jesus Christus Selbst dargebracht, der sich dabei der Hände, der Zunge, der Worte und der Person des menschlichen Priesters bedient. Christus selbst wirkt im Priester und durch den Priester. – Wir müssen also feststellen: Wir haben beim hl. Meßopfer nicht nur ein und dieselbe Gabe, die geopfert wird, sondern wir haben auch ein und denselben Priester wie beim Kreuzesopfer.

Nachdem wir diese Übereinstimmung gesehen haben, ist es offensichtlich, daß das Kreuzesopfer und das Meßopfer natürlich auch in dem dritten Wesensmerkmal eines wahren Opfers absolut deckungsgleich sind; nämlich darin, daß Gott und Gott allein dadurch die höchste Verherrlichung erwiesen und angebetet werden soll. Das ergibt sich von selbst. Wenn es derselbe Opferpriester ist, dann stimmt auch die Absicht, in der Christus opfert, bei beiden überein. – Halten wir fest: Beim Kreuzesopfer und beim hl. Meßopfer werden dieselben Gaben durch denselben Priester in derselben Meinung Gott dargebracht. Es ist also ein und dasselbe Opfer! – Durch das Meßopfer wird das Kreuzesopfer, jenes Ereignis, um das sich die ganze Menschheitsgeschichte dreht, in den gegenwärtigen Augenblick versetzt. Mit seiner ganzen Heiligkeit, Macht und Größe! Welch ein erhabenes Schauspiel vollzieht sich da ganz unscheinbar vor uns auf dem Altar! Es ist also keine Übertreibung zu sagen: Wenn wir dem hl. Meßopfer beiwohnen, befinden wir uns auf Golgotha, zusammen mit der allerseligsten Jungfrau Maria, so wie der Lieblingsjünger, der hl. Apostel Johannes, unter dem Kreuz, während der ewige Hohepriester höchstpersönlich Seines erhabenen Amtes als Mittler zwischen Gott und den Menschen waltet. Das hl. Meßopfer steht also in keiner Weise hinter dem Opfer, welches nur ein einziges Mal am Kreuz dargebracht wurde, sondern beinhaltet es geheimnisvoll: „Mysterium fidei“ – „Geheimnis des Glaubens“.

Unterschiede: Kreuzesopfer – Meßopfer 

Aber gibt es nicht doch auch Unterschiede? Ja, Kreuzesopfer und Meßopfer unterscheiden sich auch voneinander. Aber diese Unterschiede betreffen nicht das Wesen des Opfers, sondern nur akzidentelle, also nebensächliche Dinge. – Am Kreuz opfert sich Christus in Seiner eigenen menschlichen Gestalt. Man sah Seine ausgespannten Arme, man sah das fließende Blut, das Verbluten, den Todeskampf des Opfers. – In der hl. Messe opfert Er sich, wenn man so sagen darf, unter den fremden Gestalten des Brotes und des Weines. Gewiß, das ist ein Unterschied. Aber kein Unterschied, der das Wesen des Opfers berührt. – Ein ehrliches Herz ist ebensoviel wert unter dem schäbigen Gewand eines Bettlers, wie unter dem prunkvollen Mantel eines Königs. Eine Goldmünze behält denselben Wert, wenn sie in ein Papierstück eingewickelt ist, oder wenn sie vor aller Augen offen auf dem Tisch liegt. – Ist etwa der Leib Christi weniger heilig, oder ist Sein heiliges Blut weniger kostbar, weil beide in der hl. Messe unter den unscheinbaren Gestalten des Brotes und des Weines geopfert werden? Keineswegs! Oder wird der himmlische Vater etwa nicht wissen, was unter jenen Gestalten zugegen ist? Natürlich weiß Er es. – Wir glauben es. Gott weiß es.

Es ist aber noch ein zweiter Unterschied vorhanden: Das Kreuzesopfer war blutig. Es fing an, als unserem Herrn die heiligen Wunden geschlagen wurden. Es wurde fortgesetzt, solange das hochheilige Blut floß. Es war begleitet von unsäglichen Schmerzen. Es war vollendet, als der letzte Tropfen des hl. Blutes geflossen war. Beim Kreuzesopfer waren Schmerz, Wunden, Blut und Tod, wohin man sehen konnte. – Beim hl. Meßopfer nichts dergleichen. Es ist unblutig. Warum? Weil Christus, von den Toten auferstanden und verklärt, nicht mehr stirbt. Er kann nicht mehr verwundet werden. Er kann nicht mehr leiden. Er kann nicht mehr sterben. Ja, aber ändert das nicht etwas an dem Wesen des Opfers? – Überhaupt nicht! Was ist schöner und kostbarer: ein sterbender Leib, ein gestorbener Leib oder der auferstandene Leib, der verklärte Leib, strahlend wie die Sonne, reiner als Schnee, bestaunt vom ganzen Himmel? Gott weiß es! Fest steht: der sterbende Heiland und der verklärte Heiland sind in den Augen Gottes eine gleich wohlgefällige Opfergabe.

Dann noch ein dritter Unterschied: Das Opfer am Kreuz ist, wie schon öfters erwähnt wurde, nur ein einziges Maldargebracht worden. – Das hl. Meßopfer wird hingegen täglich, an wer weiß wie vielen Orten, durch wer weiß wie viele Priester, und wer weiß wievielmal dargebracht. Das ist richtig. – Aber auch das ist richtig, daß das hl. Meßopfer eben die unblutige Erneuerung des einmaligen Kreuzesopferst ist. Es wird durch die erneute Vergegenwärtigung kein wesentlich anderes Opfer. – Liegt nun darin etwa ein Grund, das hl. Meßopfer geringer zu schätzen als das Kreuzesopfer? Durchaus nicht. – Bedauerlicherweise sind wir Menschen so, daß wir das wenig achten und geringer einschätzen, was sich täglich wiederholt. Ein Sprichwort sagt: „Das Alltäglich wird gering geschätzt.“ – Jeden Morgen geht die Sonne auf. So viele Jahre und Jahrhunderte ohne Unterbrechung. Wir erleben es alle Tage, und weil es täglich geschieht, achten wir kaum noch darauf. Und doch, was wäre die Erde ohne ihr Licht, ohne ihre Wärme? Eine Eiswüste, ohne Pflanzen, ohne Blumen, ohne Wachstum, ohne Leben. Sie würde bald erstarren in unerträglicher Kälte. Was würde geschehen, wenn sie nur einige Tage ausbliebe? Wie würde man sie erwarten! Wie ängstlich würden sich alle Blicke nach Osten richten und Ausschau nach ihr halten. Mit welchem Jubel würde man ihr Wiederkehren begrüßen. Und doch würde die neuaufgehende Sonne nichts anderes und nichts Besseres sein und bringen, als was sie früher gewesen und früher alle Tage gebracht hat. – Ist also deswegen das hl. Meßopfer geringer, weil es im wahrsten Sinne des Wortes alltäglich ist? Padre Pio von Pietrelcina sagte zurecht das bekannte Wort: „Eher könnte die Welt ohne Sonne bestehen, als ohne das heilige Meßopfer.“

Unsere Pflichten hinsichtlich des hl. Meßopfers

Vergessen wir das nie, wenn man auf das Wesen der Sache blickt, so ist das hl. Meßopfer dasselbe Opfer wie das Opfer am Kreuz. Aus dieser Erhabenheit des hl. Meßopfers ergeben sich aber nun für uns sehr deutliche und bestimmte Verpflichtungen.

1. Wenn das hl. Meßopfer dasselbe Opfer ist wie das Opfer am Kreuz, dann ist der Altar, auf dem das hl. Meßopfer dargebracht wird, nicht weniger heilig als jenes Holz des Kreuzes, welches als Altar für das Kreuzesopfer diente. Bedenken wir, mit welchem Einsatz man jenes Holz des Kreuzes gesucht hat, mit welcher Freude man es fand, mit welcher Sorgfalt es bis auf den heutigen Tag aufbewahrt, mit welcher Ehrfurcht es behandelt und mit welcher Vorsicht es in Reliquienkapseln aufbewahrt wird. – Mit welchem Eifer sollten also auch wir den Altar aufsuchen, mit welcher Ehrfurcht vor dem Altar knien, auf dem das Kreuzesopfer unblutig erneuert wird. – Die Verwüstung der „Liturgiereform“ des sog. 2. Vatikanums hat das heilige Meßopfer fast zum Verschwinden gebracht. Heute wird es nur noch an wenigen Orten erlaubterweise, gültig und unverstümmelt dargebracht. In der Generation, welche es miterleben mußte, wie mit der „Neuen Messe“ der Greuel der Verwüstung in die heimatliche Pfarrkirche eingezogen ist, wurde wieder eine große Wertschätzung für das hl. Meßopfer geweckt. Der Meßbesuch war mit einem Mal eben doch nicht mehr ganz so alltäglich und leicht möglich, wie damals in den „guten alten Zeiten“ vor „dem Konzil“. Möge auch die jüngere Generation zu derselben hohen Wertschätzung des hl. Meßopfers gelangen wie ihre Eltern und Großeltern. Sobald ihnen die Erhabenheit der hl. Messe vermittelt wurde und sie erfaßt haben, was es bedeutet an ihr teilnehmen zu dürfen (!), werden auch sie jenen Eifer an den Tag legen und die mit dem Meßbesuch in Verbindung stehen Mühen und Schwierigkeiten gerne auf sich nehmen.

Weil das Opfer am Kreuz, jenes Ereignis, um das sich die gesamte Menschheitsgeschichte dreht, täglich im hl. Meßopfer erneuert wird, so sollten wir täglich Gott dafür danken, so oft wir können daran teilnehmen und uns doch wenigstens täglich in die hl. Messe einschließen, wenn wir aufgrund der weiten Entfernung oder aufgrund unserer Standespflichten verhindert sind, persönlich dem hl. Opfer beizuwohnen. Sowohl das bekannte Schutzengelgebet stellt eine Möglichkeit hierzu dar, als auch eine große Zahl anderer schöner Gebete, durch die man sich in die hl. Messen, die andernorts gefeiert werden, empfehlen kann.

2. Wenn das hl. Meßopfer wesentlich dasselbe Opfer ist wie das Opfer am Kreuz, dann ist der Ort, an dem die hl. Messe gefeiert wird, nicht weniger heilig als Golgotha. Nun ist der Kalvarienhügel den Christen früher so heilig gewesen, daß sie mit den wenig komfortablen Verkehrsmitteln ihrer Zeit aus allen Länder der christlichen Welt nach Jerusalem pilgerten, daß sie an diesem Ort niederfielen und den Boden geküßt haben. Daß hunderttausende Männer die Waffen ergriffen und ihr Blut und Leben riskierten, um diesen Ort vor mordbrennenden Ungläubigen zu verteidigen und den christlichen Pilgern offen zu halten. – Wäre es da zuviel verlangt, wenn man sagt, wir Katholiken sollten den Ort, an welchem das Kreuzesopfer unblutig erneuert wird, wenigstens insoweit ehren, daß wir uns ehrerbietig an diesem Ort verhalten? Daß wir einander durch ehrfürchtiges Benehmen erbauen und unseren Kinder ein gutes Beispiel zur Nachahmung geben? – Die Ehrfurcht vor dem heiligen Ort zeigt sich schon in der Kleidung, mit der wir die hl. Messe besuchen. Jeder kennt die Kleiderordnung, welche die katholische Kirche schon allein für das Betreten einer Kapelle oder Kirche wünscht. – Daß wir ferner den hl. Ort nicht durch Lachen, durch Schwätzen, oder durch sonstige Unehrerbietigkeiten profanieren und entehren dürfen, bedarf keiner eingehenderen Erklärung. – Man kann nicht weniger als das verlangen! 

3. Wenn das hl. Meßopfer dasselbe Opfer ist wie das Opfer am Kreuz, dann folgt daraus auch, daß wir das hl. Meßopfer mit solcher Aufmerksamkeit und Andacht mitfeiern müssen, als wären wir damals auf dem Berg Golgotha mit dabeigewesen. – Wenn wir dabeigewesen wären, als Christus dort todmüde ankam, dort entkleidet, dort angenagelt und am Kreuzesstamm erhöht wurde; als Er litt und starb – was hätten wir getan? Hätten wir wie die Henkersknechte die Zeit unter dem Kreuz abgesessen, bis es endlich vorbei ist? Hätten wir uns die Zeit vertreiben mit Würfelspielen oder sonstigen Zerstreuungen? Hätten wir angesichts der geöffneten Wunden Jesu wie das Volk gelacht, geschwätzt oder sonstwie gestört? Wohl kaum! – Wie wir uns in angemessener Weise angesichts des erschütternden Opfers unseres Herrn verhalten sollen, zeigen uns die heiligen Personen, die wir unter dem Kreuz Christi finden: Da ist der römische Hauptmann, der sich an die Brust schlägt und die Gottheit Christi bekannt. Laut vernehmbar bekennt er seinen Glauben: „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn!“ (Mk. 15, 39). Da ist der reumütige Schächer Dismas, der sein eigenes Kreuz und seinen Tod als gerechte Strafe für seine Sünden anerkennt und Jesus um Erbarmen anfleht: „Gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst“ (Lk. 23, 42). Wir sehen dort die hl. Maria Magdalena, wie sie das Kreuz voll Mitleid, voll Dankbarkeit und voller Liebe umfaßt und von innerster Ergriffenheit übermannt gar nicht auf das achtet, was um sie herum geschieht. Sie ist ganz von dem Gedanken beherrschen: „Der, den meine Seele liebt, Er leidet! Er leidet für mich! Was tue ich für Ihn? Was will ich für Ihn tun?“ – Wir sehen dort den Lieblingsjünger, wie er aufmerksam und andächtig das blutige Erlösungsopfer mit dem scharfen Blick des Adlers betrachtet und seinem Herzen einprägt; wie seine Gedanken immer und immer wieder meditierend um die Bedeutung dieses Ereignisses kreisen; wie sein Herz beflügelt wird von der Erkenntnis der unendlichen Liebe Gottes, die vor dem Opfer des eingeborenen Sohnes nicht zurückschreckt, um den sündigen Menschen zu retten; das aber auch gleichzeitig zermalmt wird von der erschreckenden Einsicht, wie schlimm doch jede einzelne Sünde sein muß, wenn sie nur durch ein so grausames Opfer aus der Welt geschafft werden konnte. – Schließlich sehen wir dort die Allerseligste Jungfrau Maria, wie sie sich ganz mit ihrem göttlichen Sohn vereint; wie sie mit Ihm zu einer Opfergabe wird. Wie sie ihren menschlichen Willen ganz in Übereinstimmung mit dem göttlichen Willen bringt und ihr einmal gegebenes „fiat“ zur höchsten Vollendung bringt. Wie sie alles Unrecht und allen Schmerz, den Gott zuläßt, willig annimmt und zur Verherrlichung Seiner göttlichen Majestät aufopfert. Ihr unbeflecktes Herz war bei diesem Opfer vereint mit dem heiligsten Herzen Jesu. Maria litt mit Ihm und hat dort ihr mystisches Martyrium erlitten. Sie hat sich mit Ihm geopfert und wird deshalb zurecht als „Königin der Martyrer“ verehrt. – So wie diese großen Heiligen müßten auch wir die hl. Messe mitfeiern. 

Wir müßten des weiteren tun, was die Erde tat: Sie bebte. Was der Himmel tat: Er verfinsterte sich und trauerte. Wir müßten tun, was die Engelwelt tat. – Was tat diese? In der Geheimen Offenbarung schildert es der hl. Apostel Johannes, was im Himmel geschehen ist, als das Lamm Gottes die sieben Siegel mit denen das geheimnisvolle Buch des Lebens verschlossen war, gelöst hatte. „Da wurde es still im Himmel, wohl eine halbe Stunde lang“ (Offb. 8, 1). – Wer ist das Lamm? Christus. Was sind die sieben Siegel? Das Werk der Erlösung. Wann wurde das letzte Siegel gelöst und das Buch des Lebens geöffnet? Damals, als sich das Lamm Gottes am Kreuz opferte. – Und was geschah damals im Himmel? Da verstummten die Lobgesänge der Heerscharen Gottes, die seit Erschaffung der Welt immerfort das Dreimalheilig singt. Es verstummt eine halbe Stunde lang. Der ganze Himmel war in Erstaunen, in Entsetzen, in Verwunderung, in Anbetung, in Stillschweigen versunken angesichts des hl. Opfers am Kreuz. 

Übung macht den Meister!“

Noch einmal: Die hl. Messe ist dasselbe Opfer wie das Opfer am Kreuz. Wenn bei dem hl. Opfer am Kreuz die Cherubim und Seraphim in Schweigen und Andacht versinken, was kann dann der gebrechliche Mensch beim hl. Meßopfer anderes tun, als seine Andacht durch die größtmögliche Ehrerbietung des Leibes und die äußerste Aufmerksamkeit des Geistes bezeigen? Das geschieht, wenn wir dem hl. Meßopfer beiwohnen, wie der römische Hauptmann, wie der reumütige Schächer, wie Maria Magdalena, der Apostel Johannes und wie die schmerzhafte Gottesmutter Maria, so wie Himmel und Erde dem Kreuzesopfer beigewohnt haben. Weil es dabei aber wohl noch keiner von uns zur Vollkommenheit gebracht hat, müssen wir uns üben. Wir müssen uns immer und immer wieder üben und von ihrem Beispiel lernen. Jede hl. Messe, an der wir teilnehmen, ist eine neue Gelegenheit, um dem Opfer von Golgotha noch andächtiger, noch hingegebener, mit noch größerem Glauben, mit noch größerer Liebe, mit noch größerer Reue und Opferbereitschaft beizuwohnen als es bisher geschehen ist. Wenn wir uns darum bemühen, so werden auch dementsprechend Anteil an den übernatürlichen Früchte dieses hl. Opfers erlangen. – „Tut dies zu Meinem Andenken.“Amen.

8. Sonntag nach Pfingsten

Einsetzung des hl. Meßopfers

Geliebte Gottes!

Das große und blutige Opfer des Neuen Bundes, welches unser Herr Jesus Christus ein einziges Mal am Kreuz dargebracht hat, kann in seiner Würde und Wirksamkeit nicht überboten werden. Deshalb bedurfte es keiner Wiederholung. – Das einmalige Kreuzesopfer Christi sollte aber nach dem Ratschluß Gottes sehr wohl an allen Orten und zu allen Zeiten, bis ans Ende der Welt, erneuert werden. Und zwar in einem unblutigen Opfer. Ein Vorbild dieses unblutigen Opfers war, wie wir zuletzt gesehen hatten, das Opfer des Melchisedech. Der Priesterkönig von Salem opferte Brot und Wein. – Desgleichen war ein unblutiges Opfer, das an die Stelle der jüdischen Opfer treten sollte, von Gott durch den Propheten Malachias vorherverkündet worden. Das Vorbild des Melchisedech und die Weissagung des Malachias haben ihre Erfüllung gefunden im heiligen Meßopfer; also in dem Opfer, in welchem Christus sich Selbst unblutigerweise, und zwar unter den Gestalten von Brot und Wein, immerfort Seinem himmlischen Vater darbringt.

Tut dies zu meinem Andenken.“

Wann Christus das heilige Meßopfer eingesetzt hat, ist uns allen bekannt. Es war in der Nacht vor Seinem Leiden, beim letzten Abendmahl, das Er mit den zwölf Aposteln abhielt. Die Einsetzung selbst geschah durch den Befehl: „Tut dies zu meinem Andenken“ (Lk. 22, 19) Mit diesen wenigen, aber sehr inhaltsreichen Worten unseres göttlichen Erlösers, welche meist nur wenig Beachtung finden, weil sie nur als ein Nachsatz der entscheidenden Wandlungsworte erscheinen, sollen sich unsere heutigen Überlegungen befassen. Dabei werden wir beweisen, daß die hl. Messe tatsächlich ein wahres, von Christus eingesetztes Opfer ist. Und damit wird gleichzeitig der von Protestanten und Modernisten geführte Vorwurf, die katholische Kirche habe in späterer Zeit aus dem Abendmahl ein Opfer gemacht, endgültig widerlegt sein. – Wir wollen dabei in drei Stufen vorgehen. Und zwar wollen wir uns fragen, was den Worten „Tut dies zu meinem Gedächtnis“voranging; sodann was diese Worte begleitete; und schließlich was darauf folgte.

Was dem Befehl voranging

Zunächst müssen wir freilich zugeben – in den Worten „Tut dies zu meinem Andenken“ ist von keinem Opfer und auch nicht vom Meßopfer die Rede. – Wie kann man also behaupten, mit diesen Worten habe unser Herr das hl. Meßopfer eingesetzt? – Man kann dies nur verstehen, wenn man bedenkt, was diesen Worten vorausgegangen war. „Tut DIES zu meinem Andenken.“ Was heißt „tut dies“? – Es heißt: Tut das, was ich gerade getan habe. Was hatte der Heiland getan? Er hatte Brot und Wein in Seine heiligen Hände genommen. – Auch die Apostel werden das fortan tun. Das ist jedoch kein Opfer. – Christus hatte das Brot in Sein heiliges Fleisch und den Wein in Sein kostbares Blut verwandelt, indem Er sprach: „Das ist mein Leib“ (Mk. 14, 23). – „Das ist mein Blut “ (Mk. 14, 24). Gewiß! Auch die Apostel werden die Wesensverwandlung des Brotes und des Weines vollziehen. Aber auch die Verwandlung der Gaben in den Leib und das Blut Christi ist nicht das Opfer. – Der Herr hat Seinen heiligen Leib und Sein heiliges Blut den Aposteln zur Speise und zum Trank gereicht. „Nehmet hin und esset“ (Mt. 26, 26). – „Trinket alle daraus “ (Mt. 26, 27), sprach Er. Auch die Apostel werden fortan das hl. Sakrament genießen und an die Gläubigen austeilen. Auch dabei handelt es sich um kein Opfer. – Wo aber findet es sich denn? – Der Heiland hatte noch etwas mehr getan. Er hatte, bevor Er sprach, „Tut dies zu meinem Andenken“, Seinen heiligen Leib und Sein kostbares Blut unter den Gestalten von Brot und Wein Gott geopfert. – Ja, aber wie, wird man einwenden? Wo steht das? Woher wissen wir das? – Zunächst aus dem, was diesen Worten in der Heilsgeschichte vorangegangen war. Was aber war diesen Worten heilsgeschichtlich vorangegangen?

Es waren die Vorbilder vorangegangen. Das Opfer des Melchisedech zu der Zeit, als Abraham lebte. Was opferte Melchisedech? Er opferte Brot und Wein. Dieses Opfer ist ein Vorbild und zwar das Vorbild von einem Opfer! Wie jedes Vorbild harrte es seither auf seine Erfüllung. In Jesus Christus mußte es seine Erfüllung finden. Denn Gott selbst spricht zum göttlichen Erlöser: „Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung des Melchisedech“ (Ps. 109, 4). Wo und wann hat aber unser Herr Jesus Christus nach der Ordnung, d.h. entsprechend wie Melchisedech geopfert? – Etwa am Kreuz? – Nein! Denn beim Kreuzesopfer handelte es sich um ein blutiges Opfer, nicht um ein unblutiges Opfer nach der „Ordnung des Melchisedech“. Das Kreuzesopfer war ein einmaliges Opfer. Nach der Ordnung des Melchisedech wird der Heiland ewig opfern. Nur wenn sich Christus beim letzten Abendmahl unter den Gestalten von Brot und Wein Seinem Vater geopfert(!) hat, hätte das alttestamentliche Vorbild des Melchisedech seine Erfüllung gefunden, sonst nicht.

Ferner war in der Heilsgeschichte die Weissagung des Propheten Malachias über das neue Opfer vorangegangen, welches an die Stelle der jüdischen Opfer treten sollte. Mußte diese Weissagung erfüllt werden? Gewiß, so wahr es eine göttliche Weissagung war. – Ist sie in Erfüllung gegangen? Ja, aber nur unter der Voraussetzung, daß Christus tatsächlich beim letzten Abendmahl unter den Gestalten von Brot und Wein sich Selbst geopfert hat. Wenn Er also dieses Opfer in der hl. Messe auf dem ganzen Erdenrund „vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang“ immerdar wiederholt. Dann und nur dann ist die Weissagung in Erfüllung gegangen. Sonst hätte Gott etwas verheißen, was Er später nicht erfüllt hätte. Wo ein Schatten ist, da ist auch ein Körper. Wo die Vorbilder und Weissagungen sind, da muß sich notwendigerweise auch ihre Erfüllung finden.

Also: Das Opfer des Melchisedech und die Weissagung des Malachias fordern notwendigerweise, daß Jesus Christus ein unblutiges Opfer unter den Gestalten von Brot und Wein dargebracht und eingesetzt hat. – Das kann nicht anders als beim letzten Abendmahl geschehen sein. Weder die Evangelien, noch die Briefe der Apostel, noch die mündliche Überlieferung weiß uns von einem anderen Ereignis zu berichten, da unser Herr Jesus Christus Brot und Wein dargebracht hätte. Folglich bleibt nichts anderes übrig, als in dem Ereignis beim letzten Abendmahl die Erfüllung der jahrtausendealten Verheißung Gottes zu erblicken. Wenn die Verheißung Gottes, daß einst ein unblutiges Opfer eingesetzt werden würde, beim letzten Abendmahl in Erfüllung gegangen sein muß, dann ist mit dem Befehl Christi „Tut dies zu meinem Andenken“ notwendigerweise der Befehl ergangen, ein Opfer darzubringen. Ein unblutiges Opfer. Das hl. Meßopfer.

Was den Befehl begleitete

Daß unser Herr Jesus Christus beim letzen Abendmahl sich selbst unter den Gestalten des Brotes und Weines als Opfer dargebracht hat, geht aber auch aus den Worten selbst hervor, die unser göttlicher Erlöser bei der Einsetzung des Allerheiligsten Altarsakraments gesprochen hat. „Nehmet hin und esset: Das ist mein Leib.“ Und Er fügte hinzu: „Der für euch hingegeben wird“ (Lk. 22, 19). – Was wurde hingegeben? – Der Leib Christi. „Dies ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.“ – Wann fand diese Hingabe statt? Am Kreuz? – Ja gewiß, auch am Kreuz hat Er Seinen Leib hingegeben. Er sprach aber auch von einer gegenwärtigen Hingabe, die damals schon im Abendmahlsaal stattfand. – Die Protestanten wenden an dieser Stelle ein, mit dem Zusatz „der für euch hingegeben wird“ sei nur die „Hingabe“, als eine „Darreichung zur Speise“ an die Jünger gemeint gewesen. Doch das ist ein Irrtum. Denn einerseits hatte Christus bereits gesagt, daß Sein heiliger Leib auch zur Speise dienen sollte: „Nehmet hin und esset.“ Und es lag kein Grund vor, dasselbe in einem und demselben Satz noch ein zweites Mal zu sagen. – Zum anderen aber sagte der Herr nicht: Dies ist mein Leib, der „euch“ hingegeben wird, sondern „der FÜR euch“ hingegeben wird. – Wenn der Vater die Schulden des Sohnes bezahlt, so kann er mit Recht sagen: „Das ist das Geld, das FÜR dich bezahlt wird.“ Aber der Sohn bekommt dann das Geld nicht, sondern allein der Gläubiger. Indem der Heiland sagt: „Das ist mein Leib, der FÜR euch hingegeben wird“, meint Er nicht die Hingabe zur Speise an die Jünger, sondern die Hingabe als Lösepreis an einen anderen. – Halten wir kurz fest: Jesus meint mit den Worten von der Hingabe Seines Leibes in der Gestalt des Brotes nicht Seine Hingabe am Kreuz. Er meint nicht die Hingabe als Speise. Welche Hingabe meint Er aber dann? – Es bleibt kein anderer Ausweg und keine andere Auslegung übrig als die Hingabe an den himmlischen Vater. Indem unser Herr Jesus Christus sagte: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird“, war es dasselbe, als wenn Er gesagt hätte: „Das ist mein Leib, der für euch dem himmlischen Vater dargebracht; der jetzt dem himmlischen Vater geopfert wird.“ – Es war ein wahres Opfer! Die drei Wesensmerkmale eines Opfers finden sich an dieser Stelle. Keines fehlt! 1. Die sichtbare Gabe – der Leib Christi unter der Gestalt des Brotes. – 2. Diese Gabe wird Gott dargebracht. Das haben wir soeben bewiesen. Es kann nicht anders sein. – Und wer wollte daran zweifeln, daß Christus Seinen Leib opferte, um 3. den himmlischen Vater damit zu verherrlichen und zu ehren? Der Heiland hat beim letzten Abendmahl also zuerst selbst ein unblutiges Opfer dargebracht. Danach erst sprach er: „Tut dies zu meinem Andenken.“ – Somit ist klar, was die Apostel tun sollten. Sie sollten den Leib Christi in der Gestalt des Brotes Gott aufopfern, wie Er es getan hatte.

Das Gleiche folgt, noch viel deutlicher, aus den Worten des Heilandes bei der Darbringung des Kelches. Christus nahm den Kelch mit Wein in Seine heiligen, ehrwürdigen Hände, segnet und reicht ihn Seinen Jüngern indem Er sprach: „Trinket alle daraus. Denn das ist mein Blut“ (Mt. 27, 26 f.). Hier haben wir die Wandlung des Weines: „Das IST mein Blut.“ Außerdem, daß das Blut als Trank dargereicht werden soll: „Trinket alle daraus.“ – Wo ist die Rede vom Opfer? – Es findet sich deutlich ausgesagt in den Worten: „Das ist mein Blut, das Blut des Neuen Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“ (Mt. 26, 28). Die Wendung „das Blut, das vergossen wird“, ist eine Redensart, die unzweideutig auf ein Opfer hinweist. Im jüdischen Tempel mußte das Blut des geopferten Tieres am Fuß des Altares ausgegossen werden. Darin bestand der eigentliche Opferakt, die eigentliche Darbringung. Während die Schlachtung der Lämmer, Stiere und Widder von den niederen Dienern, den Leviten, vorgenommen wurde, war die Ausgießung des Blutes allein den Priestern vorbehalten. – Noch deutlicher wird es, wenn wir die Worte vom „Blut des neuen und ewigen Bundes“ mit einbeziehen. Indem Jesus Christus Sein heiliges Blut „das Blut des Neuen Bundes“ nennt, knüpft Er an das Blut des Alten Bundes an, dem Er Sein eigenes Blut entgegensetzt. – Gibt es denn ein „Blut des Alten Bunden“? In der Tat! Im 2. Buch Moses, dem Buch Exodus (24, 1-8), wird berichtet, daß Moses das Gesetz Gottes am Berg Sinai in einem Buch niederschrieb. Dann wurden junge Männer ausgesandt, welche Opfertiere zum Brand- und Friedopfer darbrachten. Der Altar war aufgerichtet, das Volk versammelt, die Opfer wurden geschlachtet. Das Blut der Opfertiere wurde gesammelt in zwölf Krügen. Das Blut aus sechs Krügen wurde an den Seiten des Altares ausgegossen. Die übrigen sechs Krüge wurden auf den Altar gestellt. – Beachten wir wohl, es war Opferblut! Es war das Blut der Opfertiere. Es stand in Gefäßen auf dem Altar. Dann nahm Moses das Buch des Bundes und las es dem Volk laut vor. Nach der Lesung fragte er das Volk, ob sie den Bund mit Gott annehmen wollten. Die Hebräer antworteten: „Alles, was der Herr gesagt hat, werden wir tun und wir werden gehorsam sein“ (Ex. 24, 7). Da war der Bund zwischen Gott und dem Volk Israel, also der Alte Bund, geschlossen. Daraufhin nahm Moses das Blut, das auf dem Altar stand, und besprengte damit das Volk, und dabei sagte er wörtlich: „Das ist das Blut des Bundes“ (Ex. 24, 8). – Moses war der Mittler des Alten Bundes. Christus ist der Mittler des Neuen Bundes. – Moses machte dem Volk das Gesetz des Alten Bundes bekannt. Christus macht während Seines öffentlichen Lebens dem Volk das Gesetz des Neuen Bundes bekannt. – Moses besiegelt den Alten Bund im Blute der Opfertiere. Christus besiegelt den Neuen Bund in Seinem eigenen Blut, welches wirklich Opferblut ist. Die Parallelen sind offensichtlich. – Dürfen wir also nicht sagen: Christus hat beim letzten Abendmahl Sein kostbares Blut in der Gestalt des Weines Gott geopfert? Mit Gewißheit! Wir können es mit absoluter Sicherheit sagen und wir müssen es sogar genau so sagen. Denn Er nennt es „das Blut des Neuen Bundes“. So gewiß das Blut des Alten Bundes Opferblut war, ebenso sicher muß auch das Blut des Neuen Bundes Opferblut gewesen sein. 

Was bedeuten nun also die Worte, die der Heiland zu den Aposteln sprach: „Tut dies zu meinem Andenken“? – Sie bedeuten: Ich habe Mein Fleisch und Blut unter den Gestalten von Brot und Wein dem himmlischen Vater aufgeopfert. Tut dasselbe! Auch ihr sollt fortan dasselbe tun. – Kurz: Diese Worte bedeuten die Einsetzung eines neuen Opfers, eines unblutigen Opfers, des hl. Meßopfers. 

Doch fragen wir noch weiter: Worin genau besteht denn das Opfer bei der hl. Messe? Hierfür müssen wir uns noch etwas eingehender mit den beiden Gestalten befassen. Auch die Gestalten von Brot und Wein versichern uns der Wahrheit, daß die hl. Messe ein wahres Opfer ist. Es steht auf das deutlichste in der Hl. Schrift, daß der Heiland das allerheiligste Sakrament in zwei Gestalten eingesetzt hat – unter Brot und Wein. – Was mag hierfür wohl der Grund gewesen sein? Warum zwei Gestalten? Etwa, damit Christus vollständiger gegenwärtiger wäre? – Dazu sind keine zwei Gestalten nötig. Unter einer Gestalt ist Christus ebenso vollständig gegenwärtig als unter zweien. – Dann vielleicht, damit Er vollständig empfangen würde? – Nein. Wir wissen, wer die hl. Kommunion unter einer Gestalt empfängt, der empfängt den ganzen Christus mit Leib und Seele, mit Fleisch und Blut, mit Gottheit und Menschheit; er kommuniziert genauso vollständig wie der Priester, der beide Gestalten genießt. – Sind die beiden Gestalten dann etwa dazu da, damit die hll. Geheimnisse leichter gefeiert werden könnten? – Auch das ist mit Sicherheit zu verneinen. Es ist ja leichter, Brot allein oder Wein allein zu beschaffen als beides zusammen, Brot und Wein. – Warum also die beiden Gestalten? Es muß doch einen Grund geben! – Und es gibt ihn! Die beiden verschiedenen Gestalten von Brot und Wein sind nicht notwendig zum Sakrament, auch sind sie nicht notwendig für die vollständige Gegenwart oder zur vollständigen Kommunion. Aber sie sind notwendig zum Opfer! – Wieso das? – Das hl. Meßopfer soll die fortwährende Vergegenwärtigung und Erneuerung, die unblutige Darstellung des Kreuzesopfers Jesu sein. Es muß also in der hl. Messe in irgendeiner Weise das dargestellt werden, was am Kreuz geschehen ist. Was aber ist am Kreuz geschehen? – Christus hat sich am Kreuz Selbst geopfert. – Wodurch? – Durch Seinen Tod. – Wodurch wurde Sein Tod herbeigeführt? – Durch die Trennung Seines heiligen Blutes von Seinem verwundeten Leib. Die Blutvergießung und der Blutverlust war die letzte Todesursache des göttlichen Opferlammes. – Wenn also im hl. Meßopfer der Tod Christi dargestellt werden soll, so muß die Trennung des Blutes Christi von Seinem hl. Leib in irgendeiner Weise sichtbar zur Darstellung kommen. In Wirklichkeit können Leib und Blut Christi nach Seiner glorreichen Auferstehung nicht mehr voneinander getrennt werden! Er ist verklärt. Er thront im Himmel, wie uns der hl. Paulus versichert: „Wir wissen ja, daß Christus auferweckt von den Toten, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht über ihn“ (Röm. 6, 9). – Wie soll nun die Trennung von Fleisch und Blut Christi vollzogen werden? Wie soll das Kreuzesopfer auf unblutige Weise erneuert werden? – Dazu eben sind die beiden Gestalten notwendig. Zwei Gestalten. Zwei verschiedene Gestalten, die eine fest, die andere flüssig. Zwei getrennte Gestalten, unter denen Christus gegenwärtig ist. Sie versinnbilden die Trennung des Leibes und Blutes Jesu Christi am Kreuz. Sie sind die unblutige Darstellung und Erneuerung des Kreuzesopfers. In der sakramentalen Trennung von Leib und Blut Christi auf dem Altar wird das Kreuzesopfer von Kalvaria auf unblutige Weise unter den Gestalten von Brot und Wein vollzogen, erneuert und vergegenwärtigt. So wahr es ist, daß Christus unter den Gestalten von Brot und Wein gegenwärtig ist, genauso wahr ist es, daß durch die sakramentale Scheidung von Leib und Blut Christi auf dem Altar das Kreuzesopfer des göttlichen Erlösers wahrhaft erneuert wird.

Was auf den Befehl folgte

Wenden wir uns abschließend noch dem zu, was auf die Worte Christi „Tut dies zu meinem Andenken“ gefolgt ist. Wie haben die hll. Apostel, wie hat die katholische Kirche Seine Worte verstanden und befolgt? – Unzweifelhaft als eine Vollmacht, einen Auftrag, einen Befehl, den Leib und das Blut Jesus Christi dem himmlischen Vater als ein Opfer darzubringen. Im Hebräerbrief des hl. Paulus erklärt der Apostel: „Wir haben eine Opferaltar, von dem diejenigen nicht essen dürfen, welche dem Zelte dienen“ (Heb. 13, 10). Diejenigen, welche dem Zelte dienen, das sind die ungläubigen Juden, welche Christus als den verheißenen Messias und Gottessohn zurückweisen. – Die Christen haben also einen Altar. Kann ein Altar ohne Opfer sein? Nein. Also haben wir auch ein Opfer. – Was für ein Opfer? Ein Opfer, das zugleich Speise ist. „Wir haben einen Altar, von dem diejenigen nicht ESSEN dürfen, die dem Zelte dienen.“ – Was ist das für ein Opfer? Was ist das für eine Speise? Es gibt keine andere Antwort als die: Das Altarsakrament ist Speise und Opfer, das hl. Meßopfer.

Diese Lehre geht, wie wir bewiesen haben, aus der Hl. Schrift hervor, und sie wird durch alle Jahrhunderte bezeugt von allen Päpsten und Konzilien, von den hll. Kirchenvätern und Kirchenlehrern, welche über das hl. Meßopfer gelehrt, gepredigt und geschrieben haben; alle Altäre, auf denen das hl. Meßopfer dargebracht worden ist; alle Meßbücher und Meßgebete, die jemals gedruckt, geschrieben und gebetet worden sind; alle Priester, die dieses hl. Opfer dargebracht haben; alle Gläubigen, die jemals dem hl. Meßopfer beigewohnt haben; alle Irrlehrer und Schismatiker, die sich zwar von der katholischen Kirche getrennt, aber auch nach ihrem Abfall das hl. Opfer beibehalten haben. Welch eine Menge von Zeugen! – Was sagen sie? Welches Zeugnis legen sie ab?

Einhellig: Die hl. Messe ist ein wahres Opfer. – Wer hat es eingesetzt? Christus hat es beim letzten Abendmahl eingesetzt. – Was ist die Opfergabe? Christus selbst, Sein heiliger Leib und Sein kostbares Blut. – Wie wird das Opfer vollzogen? Dann, wenn durch die Worte der heiligen Wandlung das kostbare Blut vom heiligen Leib Christi getrennt wird. Die hl. Väter haben übrigens deshalb die Zunge des Priesters mit einem Schlachtmesser verglichen, weil der Priester durch das Aussprechen der Konsekrationsworte Leib und Blut Christi voneinander scheidet. – Wem wird dieses Opfer dargebracht? Gott. – Wozu? Zu Seiner Anbetung und höchsten Verherrlichung.

Vereinigen wir uns mit dieser gewaltigen Schar von Zeugen und bekennen auch wir: Ja, ich glaube und glaube fest, daß unser göttlicher Erlöser Jesus Christus in diesem heiligsten Sakrament Seiner Kirche auch zugleich ein wahres Opfer, das Opfer des Neuen Bundes, hinterlassen hat, in dem alle alttestamentlichen Vorbilder und Weissagungen in Erfüllung gegangen sind!

Und ist es nicht recht und billig, daß wir Gott das Beste, das Reinste und Heiligste, was wir auf Erden haben, zum Opfer bringen? Was haben wir Reineres, Heiligeres und Kostbareres als den Leib und das Blut Jesu Christi unter den unblutigen Gestalten von Brot und Wein? – Was anderes könnten wir also Gott zum Opfer darbringen? Christus Selbst hat es getan. Er hat es Seinen Apostel aufgetragen. Er hat die heilige Kirche damit beauftragt, indem Er sprach: „Tut dies zu meinem Andenken.“ Amen.