Fronleichnam

Die Gegenwart Christi im Allerheiligsten Sakrament

Geliebte Gottes!

Die Kirche öffnet nach dem Pfingstfest ihre Schatzkammern, um uns mit den herrlichsten Geheimnissen unseres Glaubens vertraut zu machen; damit wir voll Freude und Dankbarkeit die geistigen Früchte bestaunen, anbeten und genießen, welche uns unser göttlicher Erlöser Jesus Christus aus der übernatürlichen Gnadenwelt Gottes mitgeteilt hat. Nachdem wir uns am vergangenen Sonntag durch einen Blick in das Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit in den unendlichen Tiefen Gottes verlieren konnten, wird uns heute in der Monstranz eine weitere geheimnisvolle Kostbarkeit der göttlichen Liebe vor das gläubige Auge gestellt. Es ist der Fronleichnam, der „Leib des Herrn“; auch „Allerheiligstes Altarsakrament“ genannt, weil es nur über den Altar des Opfers zu uns kommt und darüber hinaus auf dem Altar im Tabernakel aufbewahrt wird. Es wird mit recht „das Allerheiligste“ genannt, weil es verborgen unter der bescheidenen Gestalt von Brot und Wein den allheiligen Gottessohn Jesus Christus enthält.

Die drei Zwecke und Aspekte des Allerheiligsten Altarsakraments

In einer dreifachen Absicht hat unser göttlicher Erlöser das Allheiligste Sakrament des Altares eingesetzt. Er sah, daß so viele Menschen von Ihresgleichen verlassen, mit Haß und Neid, mit Geringschätzung und Gleichgültigkeit oder mit geheuchelter Freundschaft und verstellter Liebe behandelt werden. Was ist seltener auf dieser Welt als echte Freundschaft und uneigennützige Liebe? Darum wollte uns Christus selbst mit Seiner erbarmenden Liebe nahe sein. Also ersann Er einen Weg, wie Er, auch nach Seiner glorreichen Himmelfahrt, als unser treuester Freund und Wegbegleiter in diesem irdischen Jammertal an unserer Seite bleiben könne, um uns mit Seiner Gegenwart zu trösten und aufzurichten.

Ferner sah unser Herr, daß wir ohne Ihn außerstande wären, unsere höchsten Pflichten gegen Gott zu erfüllen. Die erste Pflicht aller Geschöpfe besteht bekanntlich in der Verherrlichung Gottes. Diese Verherrlichung bestünde an sich darin, daß wir Gott dadurch als unseren Schöpfer und höchsten Herrn anerkennen und ehren, indem wir Ihm das höchste Gut, das Er uns geschenkt hat – nämlich unser Leben – zurückschenken. Weil wir Ihm unser Leben jedoch nicht zurückschenken können, und weil dies auch nur ein einziges Mal geschehen könnte, deshalb müssen wir zu Anerkennung Seiner höchsten Majestät stellvertretend für unser Leben Opfergaben darbringen. Wir müssen Gott opfern. Doch wie gering, unvollkommen, wie mangelhaft und von Sünde befleckt sind unsere Gaben, die wir Gott darbringen könnten! Wo fände sich etwas in der weiten Welt, das Gott nicht schon gehört? Wo wäre etwas, das Seiner unendlichen Majestät würdig wäre? Darum hat uns unser göttlicher Erlöser Sich selbst, Sein Fleisch und Blut, als Opfergabe hinterlassen. Eine Opfergabe, die Gottes überaus würdig ist und die von uns täglich dargebracht werden kann.

Schließlich sah der Heiland, daß für den schwachen Menschen der Weg zur himmlischen Glorie sehr lang, sehr steil, sehr gefährlich ist und daß die meisten auf dem schmalen Gebirgspfad, der allein in den Himmel führt, nicht ausharren würden. „Wenn Ich sie ungespeist gehen lasse, so werden sie auf dem Weg zugrundegehen“ (Mk. 8, 3). Darum hat Er uns eine Speise zur Stärkung auf unserer irdischen Pilgerschaft hinterlassen, in deren Kraft wir den hl. Berg der Vollkommenheit bis zum Gipfel der Heiligkeit würden erklimmen können. Nicht irgendeine Speise, nicht irgend etwas Geschaffenes sollte uns dazu dienen. Er selbst will die Nahrung unserer Seele sein; Er selbst will mit Seiner göttliche Allmacht unsere Kraft und Stärke werden.

Entsprechend diesem dreifachen Zweck, zu dem unser Herr Jesus Christus das Allerheiligste Altarsakrament eingesetzt hat, gliedert auch die Kirche ihre Lehrverkündigung über die heilige Eucharistie in drei Abschnitte. Sie erklärt dieses wunderbare Sakrament, 1. insofern es die wirkliche Gegenwart Christi beinhaltet – die Realpräsenz; 2. insofern es das eine und einzige würdige Opfer des Neuen Bundes ist – das hl. Meßopfer; und 3. schließlich, insofern es in der hl. Kommunion dem geistlichen Leben unserer Seele Nahrung und Kraftquelle ist.

Fundament des Glaubens an die Realpräsenz

An den heutigen Hochfest Fronleichnam wollen wir uns nur mit der Wahrheit von der wirklichen Gegenwart Jesu Christi in der Gestalt der heiligen Hostie befassen und dabei der Frage nachgehen, woher wir denn so genau wissen, daß unser göttlicher Erlöser im Allerheiligsten Sakrament wahrhaft, wirklich und wesenhaft gegenwärtig ist. Eine Wahrheit, die ja bekanntlich von den Protestanten, Rationalisten und Modernisten bestritten wird. Drei Dinge geben uns diese Sicherheit: 1. die Worte Christi, mit denen Er dieses wunderbare Sakrament verheißen hat; 2. die Worte Christi, mit denen Er dieses wunderbare Sakrament eingesetzt hat, und 3. die unfehlbare Lehre der Apostel und der katholischen Kirche zu dieser Frage.

Die Worte Christ in der Verheißungsrede

Die wirkliche Gegenwart Christi im Allerheiligsten Sakrament geht zuerst hervor aus den Worten der sog. „Verheißungsrede“, aus der wir soeben im Evangelium einen kurzen Abschnitt gehört haben. Es war ungefähr ein Jahr vor dem letzten Abendmahl, da hat unser Herr Jesus Christus ein Versprechen gegeben. Er sagte zu den Juden, die sich in der Synagoge von Karpharnaum versammelt hatten: „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt“ (Joh. 6, 52). Die Protestanten, Rationalisten und Modernisten behaupten nun, diese Worte seien nur bildlich und im übertragenen Sinne, auf keinen Fall aber wörtlich zu verstehen. Nun geht aber aus dem ganzen Zusammenhang, in dem die Rede Christi steht, und insbesondere aus der Reaktion der Zuhörer eindeutig hervor, daß unser göttlicher Erlöser jedes Wort genau so gemeint hat, wie Er es gesagt hat: Er würde Sein Fleisch als Speise geben.

Rufen wir uns kurz den Kontext ins Gedächtnis zurück. Was war tags zuvor geschehen? Am Tag zuvor hatte der Heiland in der Wüste fünftausend Männer (vgl. Mt. 14, 21) mit nur fünf Broten gesättigt. Es waren wirkliche Brote – fünf Gerstenbrote (Joh. 6, 13) –, von deren Resten die Apostel zwölf Körbe voll aufsammelten, nachdem die Menschenmenge satt geworden war. Infolgedessen strömten am folgenden Tag große Scharen nach Karpharnaum, wohin sich der Herr inzwischen begeben hatte. Auch sie wollten von Christus auf so wunderbare Weise gespeist werden. Christus forderte von ihnen den Glauben. Was antworteten die Juden? Sie entgegneten Ihm: „Was für ein Wunderzeichen tust Du, damit wir glauben? Unsere Väter haben in der Wüste Manna gegessen“ (Joh. 6, 31.32). Die Juden wollten an Ihn glauben, wenn unser Herr auch ihnen das Manna geben würde, wie es Moses ihren Vätern in der Wüste gab. Wir halten fest: Die Juden forderten von Christus eine wirkliche Speise, und zwar eine wunderbare Speise, die Er ihnen geben solle; dann wollten sie an Ihn als den verheißenen Messias glauben.

Bedenken wir vor diesem Hintergrund nun erneut die Worte des Heilandes: „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt“(Joh. 6, 51). Er sagt: Manna werde ich euch nicht geben – weder heute, noch zu einem späteren Zeitpunkt –, aber eine andere Speise, die noch kostbarer und wunderbarer sein wird als das Manna, welches zur Zeit des Moses vierzig Jahre hindurch in der Wüste vom Himmel regnete: Mein Fleisch für das Leben der Welt! Sodann vergleicht Christus das Manna mit Seinem Fleisch: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist“(Joh. 6, 50). Das Manna regnete auf wunderbare Weise und doch real vom Himmel herab. Christus ist wirklich vom Himmel gekommen. Das Manna war eine Nahrung zum Erhalt des leiblichen Lebens. Das Brot, das der Heiland geben wird, dient zum Erhalt des ewigen Leben. „Eure Väter haben das Manna gegessen und sind gestorben. Das Brot, das Ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt“ (Joh. 6, 48.51).

Bedenken wir schließlich noch die Reaktion der Juden auf die Worte des Herrn. Sie ist der beste Beweis, daß Christus jedes Wort genauso gemeint hat, wie Er es gesagt hat. Die Juden murrten. Sie sprachen: „Wie kann uns dieser Sein Fleisch zu essen geben?“ (Joh. 6, 52). Wie hatten sie den Heiland verstanden? Wörtlich! Nämlich so, daß Sein Leib die Speise der Menschen werden solle. Sie konnten nicht begreifen, wie das möglich wäre. – Hatten sie den Herrn richtig verstanden? Ja, ganz richtig! Denn sonst hätte Christus, um das Mißverständnis auszuräumen, das Gesagte sofort richtiggestellt und gesagt: „Ihr habt Mich da nicht ganz richtig verstanden. Meine Worte sind nur im übertragenen Sinne zu verstehen. Das Brot, das Ich euch geben werde, wird nur ein Symbol für meine Leib, aber natürlich nicht Mein wirkliches Fleisch sein.“ So ähnlich hätte Er sprechen müssen. Doch wie ist Christus dem Protest der Juden begegnet? Statt zu relativieren bekräftigt Er Seine Worte nochmals mit Nachdruck und sagt: „Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch, wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht essen und Sein Blut nicht trinken werdet, so werdet ihr das Leben nicht in euch haben. Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und Ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag. Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank“ (Joh. 6, 53 f.). Christus blieb dabei, obwohl die Juden daran Anstoß nahmen: „Hart ist diese Rede; wer kann sie hören?“ (Joh. 6, 60). Er nahm es hin, daß viele Seiner Jünger sich daraufhin von Ihm abwandten: „Von da an zogen sich viele Seiner Jünger zurück und wandelten nicht mehr mit Ihm“ (Joh. 6, 66). Ja so wichtig war es unserem Herrn, richtig verstanden zu werden, daß Er sogar Seine Apostel vor die Wahl stellte, entweder der wörtlichen Bedeutung Seines Versprechens Glauben zu schenken oder Ihn zu verlassen: „Wollt auch ihr gehen?“ (Joh. 6, 67), bot Er den Zwölfen an. – Es kann keinen Zweifel daran geben: In Karpharnaum hat unser göttlicher Erlöser versprochen, ein Sakrament einzusetzen, welches Sein Fleisch und Blut enthalten sollte. Sein wirkliches Fleisch zur Speise und sein wirkliches Blut zum Trank.

Das letzte Abendmahl

Was Christus versprochen hatte, das hat Er binnen Jahresfrist auch wahr gemacht. Am Abend vor Seinem Leiden war Er mit Seinen Aposteln im Abendmahlssaal versammelt. Nachdem Er zusammen mit ihnen, der jüdischen Sitte gemäß, das Osterlamm gegessen hatte, nahm Jesus Brot, segnete es, brach es und gab es Seinen Jüngern mit den Worten: „Nehmt hin und esset, das ist Mein Leib“ (Mt. 26, 27). Dann nahm Er den Kelch mit Wein, segnete und reichte ihn Seinen Jüngern, indem Er sprach: „Trinket alle daraus, denn das ist Mein Blut des Bundes“ (Mt. 26, 27) „Tut dies zu meinem Andenken“ (Lk. 22, 19).

Wie bei der Verheißungsrede, so kommt auch hier alles darauf an, wie die Worte des Heilandes zu verstehen sind: „Das ist Mein Leib. Das ist Mein Blut.“ Und auch hier steht der wörtliche Sinn fest. Denn die Worte des Heilandes enthalten das Testament Christi. Wie aber wird ein Testament abgefaßt? In bildlichen Ausdrücken und Metaphern oder in klaren und eindeutigen Worten? Das Testament ist eine juristische Urkunde. Es regelt den Nachlaß und damit die Besitzverhältnisse. Deshalb müssen alle Dinge darin einfach und nüchtern genau so benannt werden, wie sie sind. – Ferner sind die Worte des Herrn die Grundlage des Neuen und ewigen Bundes. Ein Bund ist ein Vertrag. Wie werden Verträge abgefaßt? In blumiger Bildersprache? In vieldeutigen Ausdrücken? Gewiß nicht. Ein Vertrag ist so einfach gehalten, daß aus dem unmittelbaren Wortsinn klar hervorgeht, worauf sich beide Vertragspartner festgelegt haben. Ein Vertrag gilt stets in der Weise, wie er schwarz auf weiß geschrieben steht, also Wort für Wort. – Außerdem enthalten die Worte des Heilandes eine gesetzliche Anordnung: „Tut dies zu meinem Andenken“, befiehlt Er den Aposteln. Wie sollen aber Gesetze formuliert sein? Natürlich in klaren eindeutigen Worten, die genau das bedeuten, was sie besagen, sonst taugt ein Gesetz nichts. – Es kommt noch hinzu: Die Einsetzungsworte der hl. Eucharistie enthalten eine dogmatische Lehre, einen Glaubenssatz, den alle kommenden Geschlechter, unter Androhung der Strafe ewiger Verdammnis, im Glauben für wahr halten müssen. Wie müssen Glaubenssätze, also Dogmen, formuliert sein? Eindeutig und klar, damit ihr Inhalt nicht von dem einen in der richtigen Bedeutung, von einem anderen aber in einer falschen Bedeutung geglaubt werden kann! Die Mehrdeutigkeit war ja stets das Einfallstor der Irrlehrer gewesen. Deswegen bemühte sich Christus und in der Folge die katholische Kirche in ihren Definitionen stets um eine noch schärfere, noch eindeutigere Ausdrucksweise. Denken wir beispielsweise an das Apostolische Glaubensbekenntnis. Es findet sich darin kein einziges Wort, das nicht wörtlich zu verstehen wäre! Genauso ist es bei den Worten Christi. Sie meinen das, was sie besagen. Und darüber hinaus: Sie bewirken auch das, was sie besagen; Wort für Wort. – Bedenken wir, wer es ist, der diese Worte sagt. Es ist Jesus Christus, der menschgewordene Sohn Gottes. Derjenige, der mit einem einzigen, allmächtigen Wort die ganze Schöpfung aus Nichts hervorrief. Derjenige, dem alle Geschöpfe auf ein einziges Wort hin gehorchen: Dämonen, Krankheiten, Naturgewalten, ja selbst der Tod gehorchen Seinem Wort. Die Worte Jesu Christi sind göttliche Worte, schöpferische Worte; Worte, denen die Allmacht Gottes innewohnt und die deshalb genau das bewirken, was sie besagen. Auf der Hochzeit zu Kana konnten sich die Apostel bereits davon überzeugen, daß Christus die Macht hatte, eine Wesensverwandlung, eine „Transsubstantiation“, zu bewirken. Dort hatte er ohne ein Wort fades Wasser umgewandelt, ja umgeschaffen in den köstlichsten Wein. Wie sollte man noch daran zweifeln, daß im Abendmahlssaal durch Sein allmächtiges Wort „Das ist mein Leib“ tatsächlich das Brot in Seinen makellosen Leib umgewandelt, umgeformt wurde; und der Wein im Kelch durch die Macht Seines Wortes „Das ist Mein Blut“ wirklich in Sein kostbares Blut verwandelt und umgeschaffen wurde? Wenn Jesus Christus der Sohn Gottes ist, dann hat Er die Macht, Sein Wort Silbe für Silbe Wirklichkeit werden zu lassen. – Bedenken wir schließlich, zu wem der Heiland diese Worte gesprochen hat. Er sprach sie zu Seinen Aposteln, die ein Jahr zuvor auch die Verheißungsrede in Karpharnaum gehört hatten. – Wann hat Christus diese Worte gesprochen? Am Vorabend Seines blutigen Todes; bei Seinem Abschied; in einer so feierlichen und ernsten Stunde; bei einem so feierlichen Anlaß; nach gründlicher Vorbereitung, so daß man tausend Gründe hatte, auf den Sinn Seiner Worte genau zu achten! Und nun wollte da tatsächlich noch jemand ernsthaft behaupten, Er habe nichts anderes sagen wollen als: Das Brot ist lediglich ein Sinnbild, ein Symbol für meinen Leib. In Wirklichkeit bleibt es ein Stück Brot, das euch an mich erinnern soll? – Dann hätte Christus jedenfalls Sein Versprechen nicht gehalten! Wozu dann überhaupt die ganze Vorbereitung? Wozu das blumige Gerede? Christus hätte dann lediglich in Bildern gesprochen, und zwar ausgerechnet in Seinem Testament, in Seiner vertraglichen Bundesurkunde, in Seinem Gesetz, in Seiner Lehre. Dann hätten Ihn die Apostel und die katholische Kirche, trotz des unfehlbaren Beistandes des Heiligen Geistes, nahezu 1500 Jahre mißverstanden, bis der gesamten Christenheit dann ausgerechnet durch die Protestanten – von jenen also, die von der Einheit der Kirche abfielen – endlich die Erleuchtung gebracht worden wäre. Das alles ist absurd!

Die Lehre der Apostel und der katholischen Kirche

Daß unser Herr und Heiland im Allerheiligsten Sakrament wirklich gegenwärtig ist, geht noch aus einer dritten Quelle hervor, nämlich aus der Lehre der Apostel und der römisch-katholischen Kirche. Von den Aposteln soll heute der hl. Paulus das Wort erhalten. Er, der zwar bei der Einsetzung im Abendmahlssaal nicht dabei war, aber dann später von Christus auf übernatürliche Weise unterrichtet worden war, spricht an zwei Stellen des 1. Korintherbriefes vom Allerheiligsten Altarsakrament. Im 10. Kapitel schreibt er: „Der Kelch der Segnung, den wir segnen, ist er nicht die Mitteilung des Blutes Christi?“ (1. Kor. 10, 16). Was ist also nach Überzeugung des hl. Paulus in dem Kelch enthalten? Das Blut des Herrn. Und der Völkerapostel fährt fort: „Und das Brot, das wir brechen, ist es nicht die Teilnahme an dem Leib des Herrn?“ Was wird also im Allerheiligsten Sakrament empfangen? Der Leib des Herrn und Sein kostbares Blut. Das lehrt der hl. Paulus.

Im folgenden Kapitel, dessen zweiten Teil wir soeben als Epistel gehört haben, sagt der Völkerapostel, nachdem er die Einsetzungsworte aus dem Mund Christi wiederholt hat: „Wer unwürdig ißt und trinkt, der ißt und trinkt sich das Gericht, indem er den Leib des Herrn nicht unterscheidet!“ (1. Kor. 11, 29). Wie kann man nach solchen Worten noch behaupten, dieses Sakrament sei nur ein Bild, nur ein Symbol, das aber gar nicht in Wirklichkeit der Leib und das Blut Christi ist? Nur ein Zeichen, das uns an Ihn erinnern soll? Wenn es nach Auffassung der Protestanten und Modernisten so wäre, dann wäre dieses Zeichen nichts weiter als Brot und Wein. Und wie bitte soll man sich schuldig machen am Leib und Blut des Herrn, wenn man im Stande der Sünde nichts weiter tut als ein Stück Brot zu essen, das an Jesus erinnert? Gott soll das Essen von Brot, vollkommen unverhältnismäßig, mit der ewigen Verdammnis bestrafen? Das ist absurd! – Nein, wenn die Worte des hl. Apostels Paulus einen Sinn haben sollen, dann besagen sie das, was mit diesen Worten ausgedrückt ist. Und das ist genau dasselbe, was mit den Worten der Verheißungsrede und mit den Worten der Einsetzung beim letzte Abendmahl übereinstimmt; nämlich daß im Allerheiligsten Sakrament der wirkliche Leib und das wirkliche Blut Christi enthalten sind. Nur unter dieser Voraussetzung hat es einen Sinn, daß Gott den Mißbrauch dieser göttlichen Speise, die ja heiliger und wertvoller ist als die ganze Schöpfung zusammengenommen; nur dann gibt es Sinn, daß Gott eine solch räuberische Kommunion mit der Strafe der ewigen Verdammnis bedroht.

Nachdem wir die Worte des Heilandes und der hl. Apostel erwogen haben, sei schließlich noch auf die hl. Väter, die hl. Kirchenlehrer, die Erklärer der Heiligen Schrift, auf die gläubigen Katholiken aller Jahrhunderte, sowie auf die Definitionen der allgemeinen Konzilien der katholischen Kirche, insbesondere auf das hl. Konzil von Trient, verwiesen. Was sagen sie? Es ist, als ob sie uns wie aus mit einem einzigen Mund zuriefen: „In dem heiligsten Sakrament des Altares ist der wahre Leib und das wahre Blut unseres Herrn Jesus Christus wahrhaft, wirklich und wesenhaft gegenwärtig.“ Das ist der katholische Glaube. Das ist unser Glaube. Möge uns dieser Glaube ein Ansporn sein zur andächtigen Anbetung, zur größeren Ehrfurcht, zu innigerer Dankbarkeit und Liebe, sowie zum würdigsten Gebrauch dieses allerheiligsten Sakramentes, damit es für uns auch wirklich die Nahrung des ewigen Lebens werde. Amen.

Fest der Allerheiligsten Dreifaltigkeit

Das Athanasische Glaubensbekenntnis

Geliebte Gottes!

Das Dogma von der Allerheiligsten Dreifaltigkeit ist das vom Lehramt am deutlichsten definierte Dogma überhaupt. Die im 4. Jahrhundert aufkommenden Irrlehren zwangen die Kirche mehr als 350 Jahre hindurch immer wieder dazu, das richtige Verständnis des Dreifaltigkeitsgeheimnisses noch deutlicher herauszustellen, um es von der Häresie abzugrenzen. Die ersten sechs ökumenischen Konzilien (Nizäa, Konstantinopel I.-III., Ephesus, Chalzedon) befaßten sich in dem Zeitraum zwischen 325 bis 681 hauptsächlich mit der Trinitätslehre oder solchen Fragen, die damit in sehr engem Zusammenhang stehen.

Eine der schönsten Früchte dieses Ringens der Kirche um den Schutz und die Entfaltung des Dreifaltigkeitsgeheimnisses kann ein Text genannt werden, das „Glaubensbekenntnis des hl. Athanasius“, auch „Athanasianum“ genannt. Es geht auf den großen hl. Kirchenvater Athanasius von Alexandrien zurück, der im Kampf gegen die Arianer unnachgiebig den katholischen Glauben verteidigte und dafür nicht weniger als fünfmal die Vertreibung von seinem Bischofssitz und die Verbannung nach Trier, Rom und in die ägyptische Wüste erdulden mußte. Dieses Glaubensbekenntnis enthält die Essenz der Lehre über die Allerheiligste Dreifaltigkeit in komprimierter Form. Es ist von solcher Bedeutung, daß die Kirche neben dem Apostolischen Glaubensbekenntnis, das wir am Anfang des Rosenkranzes beten, und dem Nizäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis, das wir in der hl. Messe beten, auch das Athanasische Glaubensbekenntnis in die Liturgie des sonntäglichen Offiziums (Stundengebet) aufgenommen hat.

Was ist Person und Natur?

Schon gleich zu Anfang schärft das Athanasianum die Bedeutung des wahren Glaubens ein: „Wer auch immer gerettet sein will, der muß vor allem den katholischen Glauben festhalten. Wer diesen nicht unversehrt und unverletzt bewahrt, der wird zweifellos auf ewig zugrunde gehen. Der katholisch Glaube aber besteht darin, daß wir den einen Gott in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit verehren.“ Um unsere Seele zu retten müssen wir in der rechten Weise an die Dreifaltigkeit glauben. Wir müssen glauben, daß drei Personen in dem einen Gott sind – der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Zwei Punkte sind wesentlich: Wir müssen zum einen an die Einheit und Einzigkeit der göttlichen Natur glauben. Und zum anderen an die Dreiheit der Personen. – Zwei Begriffe müssen hierzu geklärt werden: Person und Natur. Was ist eine Person? Eine Person ist ein vernunftbegabtes, selbstbewußtes Ich. Weder ein Stein, noch ein Baum oder ein Tier ist Person. Ihnen allen fehlt das Bewußtsein ihrer selbst. Jeder Mensch hingegen ist Person. Er hat die geistige Anlagen der Vernunft und Selbstbewußtsein. Dasselbe gilt auch für einen Engel. Auch die Engel sind Personen. In Gott sind drei Personen, drei „Ichs“. Personen können nur dort sein, wo vernünftige geistige Naturen sind. So stellt sich also die Frage nach der Natur. Die Natur ist das, was eine Sache zu dem macht, was sie ist. Die menschliche Natur ist das, was den Menschen zum Menschen macht: Also ein menschlicher Körper aus Fleisch und Blut, mit zwei Armen und Beinen, sowie mit aufrechtem Gang. Außerdem eine unsterbliche Geistseele, begabt mit Vernunft und freiem Willen. Alle Menschen kommen darin überein. Aber jede menschliche Person besitzt eine menschliche Natur für sich. Jede menschliche Person ist Inhaber, Besitzer und Eigentümer einer bestimmten, einzigartigen menschlichen Natur. Sie besitzt diesen bestimmten Körper und diese bestimmte Seele. Bei den Menschen gibt es ebenso viele Naturen als Personen und ebenso viele Personen als Naturen. – Bei Gott ist das anders! Es gibt nämlich nur eine einzige göttliche Natur. Ja, es kann überhaupt nur eine göttliche Natur geben. Denn Gott ist per Definition der unendlich vollkommene Geist. Gott besitzt alle Vollkommenheiten in unendlichem Maß. Es kann aber nur einen unendlich Vollkommenen geben. – Gäbe es zwei unendlich Vollkommene – also zwei Götter –, dann wären sie in Wirklichkeit nur ein Vollkommener. Unendlich plus Unendlich ist nicht zweimal Unendlich, sondern bleibt Unendlich. Gäbe es zwei unendlich Vollkommene, so würden sie sich in nichts voneinander unterscheiden können und wären deshalb ein und dieselbe unendliche Vollkommenheit. Das ist der Grund, warum es nur einen einzigen Gott geben kann. Es kann unmöglich mehrere Götter geben, weil es nur eine einzige unendlich vollkommene göttliche Natur geben kann – einen einzigen Gott. Was nun unser menschliches Fassungsvermögen übersteigt, ist die Tatsache, daß diese eine und einzige göttliche Natur nicht nur einer, sondern drei Personen – Vater, Sohn und Heiliger Geist – vollkommen zu eigen ist. Dafür gibt es in der gesamten Schöpfung keine Entsprechung. Hier müssen wir glauben, wie uns das Athanasianum anleitet: „Der katholische Glaube besteht darin, daß wir den einen Gott in der Dreiheit der Personen und die Dreiheit der Personen in der Einheit der Gottheit verehren.“

Um die Dreiheit in der Einheit Gottes zu veranschaulichen, bediente sich später der hl. Patrick des Kleeblattes, um dem Volk der Iren das Dreifaltigkeitsgeheimnis nahezubringen. So wie das Kleeblatt aus drei Blattsegmenten besteht, die zusammen doch nur ein einziges Blatt sind, so sind, vereinfacht gedacht, auch in der Einheit der Gottheit die drei Personen: Vater, Sohn und Hl. Geist. 

Eins in der göttlichen Natur

Bevor wir auf die Unterschiede der drei göttlichen Personen eingehen, wollen wir noch vertiefen, wie es zu denken ist, daß die drei Personen das eine göttliche Wesen besitzen. Im Athanasischen Glaubensbekenntnis heißt es weiter: „Eine andere nämlich ist die Person des Vaters, eine andere die Person des Sohnes, eine andere die Person des Heiligen Geistes. Aber Vater, Sohn und Heiliger Geist besitzen eine Gottheit. Vater, Sohn und Heiliger Geist besitzen eine Gottheit, gleiche Herrlichkeit, gleiche ewige Erhabenheit.“ Alle drei göttlichen Personen besitzen die eine göttliche Natur vollständig. Sie sind wesensgleich. Was im Bezug auf die Gottheit vom Vater gilt, das gilt in derselben Weise vom Sohn und in derselben Weise auch vom Heiligen Geist: „Unerschaffen ist der Vater, unerschaffen der Sohn, unerschaffen der Heilige Geist. Unermeßlich ist der Vater, unermeßlich der Sohn, unermeßlich der Heilige Geist. Ewig ist der Vater, ewig der Sohn, ewig der Heilige Geist. Und dennoch sind nicht drei Ewige, sondern ein Ewiger; ebenso nicht drei Unerschaffene und auch nicht drei Unermeßliche, sondern ein Unerschaffener und ein Unermeßlicher. Ebenso allmächtig ist der Vater, allmächtig ist der Sohn, allmächtig ist der Heilige Geist. Und dennoch sind nicht drei Allmächtige, sondern ein Allmächtiger. So ist der Vater Gott, der Sohn Gott, der Heilige Geist Gott. Und dennoch sind es nicht drei Götter, sondern ein Gott. So ist der Vater Herr, Herr der Sohn und Herr der Heilige Geist. Und dennoch sind nicht drei Herrn, sondern nur ein Herr.“ In der Einheit der Gottheit gibt es kein größer und kleiner, kein älter und jünger, kein höher und niedriger. Jede der drei Personen besitzen die eine göttliche Natur vollständig für sich! Das bedeutet, daß hier auch der bereits erwähnte anschauliche Vergleich mit dem Kleeblatt an seine Grenzen stößt. Wenn wir uns nämlich die Dreifaltigkeit wie ein Kleeblatt denken, so scheint es ja so, als besäße jede der drei göttlichen Personen nur den dritten Teil von der göttlichen Natur. Es erscheint so, als würden sich die drei Personen die Gottheit untereinander aufteilen, wie man einen Kuchen in drei Teile schneidet. Aber nein! Der Vater besitzt das eine göttliche Wesen ganz für sich. Genauso besitzt es auch der Sohn vollkommen für sich. Und genauso auch der Heilige Geist. Die drei göttlichen Personen teilen sich die göttliche Natur nicht, sondern jede besitzt sie komplett für sich. Das bedeutet, daß Vater, Sohn und Heiliger Geist einander gleichsam überlagern und ineinander wohnen. Die drei göttlichen Personen leben ineinander. Wenn wir an die gegenseitige Einwohnung der drei göttlichen Personen – die sog. „Perichorese“ – denken, dann wird uns mit einem Mal auch das Verständnis einiger Worte unseres Herrn Jesus Christus im Evangelium in ihrer Bedeutungstiefe klar: Etwa wenn Jesus sagt: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh. 10, 30 ). Oder die Worte an den hl. Apostel Philippus beim letzen Abendmahl: „Philippus, wer Mich sieht, der sieht den Vater“(Joh. 14, 9). „Glaubt Mir, daß Ich im Vater bin und der Vater in Mir ist!“ (Joh. 14, 11). Diese Wahrheit, daß die drei göttlichen Personen die eine göttliche Natur jeweils vollständig besitzen und deshalb ineinander wohnen, ist der Kirche so wichtig, daß sie Eingang in die Liturgie der Messe gefunden hat. Vielleicht haben Sie sich schon einmal gefragt, warum eigentlich dreimal „Kyrie eleison“, dann dreimal „Christi eleison“ und wiederum dreimal „Kyrie eleison“ gebetet wird. Eben weil die drei göttlichen Personen ineinander wohnen, so daß wir, wenn wir beim ersten Kyrie den Vater anrufen, damit auch die beiden anderen göttlichen Personen, der Sohn und der Heiligen Geist, im Vater anrufen. Wenn wir dann im „Christe eleison“ den Sohn anrufen, so sind aufgrund der gegenseitigen Einwohnung auch der Vater und der Heilige Geist im Sohn mit angesprochen. Und beim dritten Ruf, der sich wiederum mit den Worten „Kyrie eleison“ an den Heiligen Geist richtet, werden auch der Vater und der Sohn im Heiligen Geist angerufen. Deshalb jeweils dreimal drei Anrufung. 

Drei im unterschiedlichen Besitz

Wenn aber die drei göttlichen Personen im Besitz der einen und einzigen göttlichen Natur vollkommen identisch sind, wodurch unterscheiden sie sich dann überhaupt? Müßte man nicht, statt von einem Vater, einem Sohn und einem Heiligen Geist, besser von drei Vätern, oder von drei Söhnen oder von drei Heiligen Geistern sprechen? Noch einmal die Frage: Wodurch unterscheidet sich der Vater vom Sohn, und diese beiden wiederum vom Heiligen Geist? Die Antwort auf diese Frage ist von großer Bedeutung! Sie lautet: Die drei göttlichen Personen sind in allem vollkommen identisch. Sie unterscheiden sich nur in ihren Beziehungen zueinander. Die drei Personen sind nur dadurch voneinander unterschieden, daß sie ein und dieselbe göttliche Natur auf verschiedene Weise besitzen. Der Vater hat sie aus sich selbst. Er empfängt die göttliche Natur von keiner anderen göttlichen Person. Der Sohn empfängt die göttliche Natur allein vom Vater. Der Heilige Geist besitzt die göttliche Natur, weil er sie sowohl vom Vater als auch vom Sohn empfängt. – Von äußeren Dingen ist es klar, daß sie von mehreren Personen auf verschiedene Weise besessen werden können. Denken wir beispielsweise an ein wertvolles Gemälde. Der Maler, der es gemalt hat, besitzt es, weil er es durch seine kunstfertige Hand hervorgebracht hat. Der Künstler verkauft es, und der Käufer besitzt es, weil er es bezahlt hat. Derselbe verschenkt es, und der Beschenkte besitzt es als Geschenk. Noch ein Vierter könnte es erlangen durch Tausch, ein Fünfter durch Erbschaft usw. Ob es nun durch Kauf, als Geschenk, durch Tausch oder Erbschaft besessen wird, ändert an dem Gemälde selbst gar nichts. Nur die Art des Besitzes ändert sich dadurch. Dieses zweifelsohne sehr unvollkommene Beispiel zeigt uns andeutungsweise, wie wir uns den Unterschied der göttlichen Personen untereinander vorstellen müssen. Sie besitzen alle drei von Ewigkeit dieselbe göttliche Natur. Aber der Vater ist deshalb Vater, weil Er und Er allein aus keiner anderen göttlichen Person hervorgeht. Er ist die einzige völlig ursprungslose Person in Gott. – Der Sohn ist deshalb der Sohn, weil Er auf die Weise der Zeugung aus dem Vater, und nur aus dem Vater, hervorgeht. Von Ewigkeit spricht der Vater: „Mein Sohn bist Du, heute habe Ich Dich gezeugt“ (Ps 2, 7). Aber wie wird der Sohn vom Vater gezeugt? Es ist eine geistige Zeugung und natürlich keine physische. Der Sohn wird durch der Erkenntnis des Vaters gezeugt. – An mehreren Stelle wird die zweite göttliche Person in der Heiligen Schrift „das Wort“ genannt. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort“ (Joh. 1, 1). Aber warum heißt der Sohn auch das Wort? Durch diesen Namen wird die Art seines Ursprungs aus dem Vater angedeutet. Worte gibt es nur, wo Gedanken sind. Das Wort ist nichts anderes als der Ausdruck eines Gedankens. Nun gibt es im Vater nicht viele Gedanken, die in ewigem bunten Wechsel dahintreiben, sondern nur einen einzigen Gedanken von ewiger Dauer. Einen Gedanken, der alles umfaßt, einen Gedanken, der von der göttlichen Natur nicht verschieden ist, einen Gedanken, der nichts anderes als die Wesenheit Gottes selbst ist. Spricht der Vater diesen Gedanken auch aus? Ja! In Seinem Wort! In einem einzigen Wort, weil es nur ein Gedanke ist. Er spricht es aus in einem einzigen Wort von ewiger Dauer, das nicht kommt und verhallt wie ein menschliches Wort. In diesem einen Wort ist die gesamte göttliche Natur des Vaters ausgesagt und enthalten. Deshalb ist das göttliche Wort wesensgleicher Gott, wie der Vater. Das Wort ist gezeugt aus der Selbsterkenntnis des Vaters und damit Sein eingeborener Sohn, die zweite Person in der Allerheiligsten Dreifaltigkeit.

Wenn die Erkenntniskraft Gottes so fruchtbar ist, dann liegt es nahe, daß auch der Wille oder die Liebe Gottes fruchtbar sein wird. Vater und Sohn sind sich vollkommen gleich, außer darin, daß der Vater nicht der Sohn und der Sohn nicht der Vater ist. Es gibt keinen stärkeren Beweggrund und kein festeres Band der Liebe als die Ähnlichkeit und die Gleichheit der Liebenden. Unter uns Menschen findet man die stärkste Liebe unter denjenigen, die verbunden sind durch das gleiche Blut der Abstammung, durch gleichen Stand, gleiche Interessen, gleiche Schicksale, gleiche Heimat, gleiche Grundsätze und Sitten. Die Ähnlichkeit zu sich selbst, die der Liebende im Geliebten entdeckt, ist das Fundament seiner Liebe. Der Grad der Ähnlichkeit verhält sich proportional zum Grad der Liebe. Je größer die Ähnlichkeit, um so größer die Liebe. Gott Vater und Gott Sohn sind einander nicht nur ähnlich. Sie sind vollkommen wesensgleich. Deshalb liebt der Vater den Sohn, den Er als den „Abglanz Seiner Herrlichkeit und die Gestalt seiner Wesenheit“ (Heb 1, 3) erkennt. Der Sohn erwidert die Liebe des Vaters, den Er als den Ursprung Seiner eigenen unendlichen Vollkommenheit erblickt. Die gegenseitige Liebe ist aber wiederum nichts von Gott unterschiedenes, sondern die göttliche Wesenheit selber. „Gott ist die Liebe“ (1. Joh. 4, 8). – Wie sich nun der Gedanke im Wort ausdrückt, so drückt sich die Liebe aus im Geschenk, in der Gabe, in der Hingabe an den Geliebten. Der Vater schenkt sich dem Sohn und der Sohn schenkt sich zugleich dem Vater. Die gegenseitigen Hingabe beider aneinander ist der Heilige Geist, die dritte Person der Dreifaltigkeit. Der Heilige Geist wird im theologischen Sprachgebrauch auch „donum“ genannt, d.h. Gabe, Geschenk. Der Heilige Geist ist die Gabe, welche der Vater dem Sohn und welche der Sohn dem Vater gibt; eine Gabe, die von Ewigkeit gegeben, die von Ewigkeit angenommen wird; eine Gabe, die vom Vater und vom Sohn ausgeht und beide umfängt und eint; eine Gabe, welche die wesenhafte Liebe Gottes ist; eine Gabe, die Gott selbst ist. 

Darin unterscheiden sich die drei göttlichen Personen also voneinander: Der Vater selbst ist ursprungslos. Der Sohn hat seinen Ursprung allein aus dem Vater, durch die Zeugung aus dem göttlichen Erkennen. Der Heilige Geist hat seinen Ausgang sowohl vom Vater als auch vom Sohn durch die Liebe. In dieser freilich nicht leicht zu fassenden und geheimnisvollen Weise unterscheiden sich die drei göttlichen Personen, die ansonsten vollkommen identisch sind. 

Das Athanasische Glaubensbekenntnis drückt diesen Sachverhalt in einfachen Sätzen aus: „Der Vater wurde von niemand gemacht, nicht erschaffen, nicht gezeugt. Der Sohn ist vom Vater allein, nicht gemacht und auch nicht erschaffen, sondern gezeugt. Der Heilige Geist ist vom Vater und vom Sohn, nicht gemacht, nicht erschaffen, nicht gezeugt, sondern hervorgehend. Ein Vater also, nicht drei Väter, ein Sohn, nicht drei Söhne, ein Heiliger Geist, nicht drei Heilige Geister. Und in dieser Dreieinigkeit ist nichts früher oder später, nichts größer oder kleiner, sondern alle drei Personen sind untereinander gleich ewig und vollkommen gleichartig, so daß in allem, wie oben schon gesagt wurde, sowohl die Einheit in der Dreifaltigkeit als auch die Dreifaltigkeit in der Einheit zu verehren ist.“ Mit anderen Worten: Die Hervorgänge der göttlichen Personen sind Vorgänge, die von Ewigkeit her und bis in alle Ewigkeit andauern. Es ist nicht so, daß erst der Vater war und dann der Sohn gezeugt wurde und schließlich der Heilige Geist aus beiden hervorging. Es gibt in Gott keine zeitliche Abfolge. Die göttlichen Hervorgänge hatten keinen Anfang und nehmen kein Ende, wie die Personen keinen Anfang und keine Ende nehmen. Der Sohn geht immerwährend auf dem Weg der Zeugung aus dem Vater hervor; genauso wie der Heilige Geist von Ewigkeit zu Ewigkeit vom Vater und vom Sohn gehaucht wird.

Zusammenfassend können wir also über das Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit festhalten: Es gibt nur einen einzigen Gott. In Gott sind jedoch drei Personen – der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Jede der drei Personen besitzt nicht nur den dritten Teil der göttlichen Natur, sondern die ganze vollständig für sich. Die drei Personen sind vollkommen identisch und wohnen ineinander. Der einzige Unterschied zwischen den einzelnen Personen besteht darin, daß sie die eine und einzige göttliche Natur auf unterschiedliche Weise besitzen. Der Vater als ursprungsloser Urgrund. Der Sohn auf die Weise der Zeugung allein vom Vater. Der Heilige Geist auf die Weise der Hauchung, sowohl vom Vater als auch vom Sohn. Ein Gott in drei Personen. Und der trinitarischen Teil des Athanasischen Glaubensbekenntnisses schließt feierlich: „Wer also gerettet werden will, muß in dieser Weise an die Dreifaltigkeit glauben.“

Anbetung

Alles menschliche Reden und Erklären bleibt letztlich nur unbeholfenes Gestammel. Viel besser und heilsamer, als das Geheimnis der Dreifaltigkeit mit unserem schwachen Geist durchdringen zu wollen, ist es einfach in die Knie zu gehen und anzubeten. Beten wir den dreifaltig-einen Gott an auf dem Thron des Himmels, mit dem Lobpreis des „Gloria Patri“. Beten wir Ihn an in unserer Seele, wo Er durch die heiligmachende Gnade in unserem Herzen wohnt. Beten wir zusammen mit der ehrwürdigen Elisabeth von der Dreifaltigkeit: „O mein Gott, Dreifaltiger, den ich anbete, hilf mir, mich ganz zu vergessen, um ganz in Dir zu ruhen, regungslos und friedlich. O Ihr meine hochheiligen Drei, mein Alles und meine Glückseligkeit, unendliche Einsamkeit und Unermeßlichkeit, in der ich mich verliere, Euch liefere ich mich aus wie eine Beute, versenkt Euch in mich, damit auch ich mich in Euch versenke, bis ich einmal in Eurem Lichte die Abgründe Eurer Größe betrachten kann.“ Amen.

Pfingstsonntag

Der übernatürliche Organismus der Seele

Geliebte Gottes!

Die Aussendung des Heiligen Geistes an Pfingsten ist die Krönung des göttlichen Erlösungswerkes. Mit Seinem blutigen Opfer am Kreuz hatte unser Herr Jesus Christus die Schuld für die Sünde beglichen und uns alle Gnaden verdient, derer wir bedürfen, um das ewige Leben zu erlangen. Aber die Gnade, die Christus verdient hatte, mußte in einem weiteren Schritt ausgeteilt werden. Das geschah durch die Aussendung des Heiligen Geistes an Pfingsten. Wir feiern heute den herrlichen Abschluß der Erlösungstaten Gottes. Das Pfingstfest ist das Fest der Heiligung. – Gott ist so gut, daß Er danach verlangt, sich Seinen Geschöpfen mitzuteilen. Er gibt ihnen das Dasein und erhält sie darin, weil Er der Seiende ist. Er gibt ihnen Anteil an Seinen Vollkommenheiten, weil Er der unendlich Vollkommene ist. Er gibt ihnen Anteil an Seiner Heiligkeit, weil Er der Heilige schlechthin ist. Gott teilt sich Seinen Geschöpfen mit durch die dritte Person der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, durch den Heiligen Geist. Der Heilige Geist ist der Liebeshauch, der Lebensatem Gottes. So wie Gott am sechsten Schöpfungstag dem Adam den Odem des Lebens einhauchte und ihn auf diese Weise lebendig gemacht hatte, so hat Gott an Pfingsten den Gliedern des mystischen Leibes Christi, den Gliedern Seiner Kirche, das übernatürliche Leben eingehaucht. Der Heilige Geist ist der „vivificator“, der „Lebendigmacher“. Er ist der „sanctificator“, der „Heiligmacher“. Es kommt dem Heiligen Geist zu, die Heiligkeit Gottes und das göttliche Leben mitzuteilen. Er macht uns heilig. Er macht uns Gott ähnlich. Er schenkt uns Anteil an dem Leben der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Er bringt das Samenkorn des ewigen Lebens, welches unserer Seele beim Empfang der hl. Taufe eingepflanzt wurde, zur Entfaltung und bildet in uns den ganzen übernatürlichen Organismus mit all seinen wunderbaren Bestandteilen aus: die Gnade, die übernatürlichen Tugenden, die sieben Gaben des Heiligen Geistes, die zwölf Früchte des Heiligen Geistes. All diese Dinge bilden den übernatürlichen Organismus unserer Seele. Jeder hat davon schon etwas von den genannten Dingen gehört. Aber nur wenige haben eine genauere Vorstellung davon bzw. kennen das Zusammenspiel dieser Dinge in dem übernatürlichen Organismus. Wir wissen zwar gut über unseren Körper bescheid. Wir kennen die verschiedenen Organe unseres Leibes. Wir wissen, welche Funktion sie haben. Wir wissen, daß wir die Lunge zum Atmen brauchen und den Magen zum Verdauen der Speise. Wir wissen, daß unser Herz das Blut in den Adern zirkulieren läßt und daß der ganze Organismus unseres Leibes durch das Gehirn gesteuert wird. Wir wissen, wozu Augen, Ohren und Hände dienen. Wir wissen auch, wie wir diesen Organismus pflegen müssen; durch gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf und körperliche Betätigung. Doch leider wissen die wenigsten Menschen auch nur annähernd so viel über den übernatürlichen Organismus ihrer Seele. Das ist um so erstaunlicher, als der Leib sterben und im Grab zerfallen wird, die Seele aber ewig bleibt. 

Der übernatürliche Organismus der Seele

Das übernatürliche Leben der Seele hat seine Wurzel in der heiligmachenden Gnade. Die heiligmachende Gnade ist das „semen gloriae“, das Samenkorn der übernatürlichen Herrlichkeit. Wie der Name schon sagt, wird die Seele durch die heiligmachende Gnade heilig gemacht. Sie wird erfüllt von der übernatürlichen Liebe zu Gott; sie wird damit Gott, der die Liebe ist, ähnlich und Ihm wohlgefällig. Die Seele wird so heilig und Gott so ähnlich, daß Er Selbst Wohnung in einer solchen Seele nimmt. Wenn der Seele die heiligmachende Gnade eingegossen wird, dann zieht der Heilige Geist in die Seele ein: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen, durch den Heiligen Geist“ (Röm. 5, 5). Und im Heiligen Geist kommen auch der Vater und der Sohn in die Seele, um dort Wohnung zu nehmen: „Wenn jemand mich liebt, … wird mein Vater ihn lieben; Wir werden kommen und Wohnung bei ihm nehmen“ (Joh. 14, 23). Und so wird der Mensch durch die heiligmachende Gnade wirklich zu einem lebendigen Tempel Gottes, wie der hl. Paulus einschärft: „Wußtet ihr nicht, daß ihr ein Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1. Kor. 6, 19).

Mit der heiligmachenden Gnade erhält die Seele eine ganze Reihe übernatürlicher Fertigkeiten – die sog. übernatürlichen Tugenden. Jede Seele im Stande der heiligmachenden Gnade ist im Besitz der drei göttlichen Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe, und außerdem auch der eingegossenen sittlichen Tugenden: Klugheit, Gerechtigkeit, Starkmut und Mäßigkeit. Die übernatürlichen Tugenden bilden den einen Teil des geistlichen Organismus, der aus der heiligmachenden Gnade erwächst. Zusätzlich zu den übernatürlichen Tugenden empfängt die Seele mittels der heiligmachenden Gnade auch noch die sieben Gaben des Heiligen Geistes mitgeteilt. Die sieben Gaben bilden den zweiten Teil des Organismus, durch den sich unsere Seele auf übernatürliche Weise betätigt: Es sind die Gaben der Weisheit und des Verstandes, des Rates und der Stärke, der Wissenschaft, Frömmigkeit und der Gottesfurcht. 

Wie das Blut durch unseren Körper zirkuliert und die Organe mit der nötigen Kraft versorgt, damit diese ihre Tätigkeiten und Funktionen ausführen können, so wird der Organismus der Seele durch die helfenden Gnaden mit der notwendigen Kraft versorgt. Unter der helfenden Gnade versteht man jene übernatürliche Kraft, die uns Gott unzählige Male am Tag in hinreichendem Maße bereitstellt, damit wir die Tugenden üben können. Sie regt uns zum Guten an, begleitet unser Tun und bringt es zur Vollendung. Sie ist die Kraft, welche uns für die Einwirkung der sieben Gaben des Heiligen Geistes empfänglich macht. Die helfende Gnade ist also die Kraftquelle des übernatürlichen Bewegungsapparates. Sie bleibt nicht dauernd, sondern wird nur für den Augenblick gegeben.

Nur dank dieser beiden „Bewegungsapparate“ – der übernatürlichen Tugenden einerseits und der Gaben des Heiligen Geistes andererseits – können wir die sog. „guten Werke“ tun; also solche Taten, die für das ewige Leben verdienstlich sind. Denn bekanntlich müssen unsere Werke, um von Gott ewigen Lohn zu erhalten, nicht einfach nur „gut“, sondern „übernatürlich gut“ sein. – Sowohl die übernatürlichen Tugenden als auch die Gaben des Heiligen Geistes wurzeln in der heiligmachenden Gnade. D.h. sie können ohne die Gnade in der Seele nicht bestehenbleiben. Dieser Zusammenhang läßt uns klarer erkennen, welchen Schaden eine einzige Todsünde anrichtet. Die Todsünde ist wie ein Kopfschuß. Sie tötet das Leben der heiligmachenden Gnade. Weil aber ohne die Gnade weder die übernatürlichen Tugenden noch die Gaben des Heiligen Geistes in der Seele Bestand haben können, kollabiert mit einem Mal der gesamte übernatürliche Organismus der Seele. Dabei gehen der Seele alle Fähigkeiten verloren, Verdienste für den Himmel zu erwerben. Alle an sich guten Werke, die im Stande der Todsünde getan werden, bleiben im Hinblick auf die Ewigkeit wertlos. Eine einzige Todsünde richtet den gesamten übernatürlichen Organismus zugrunde, weil sie mit der heiligmachenden Gnade den Lebensnerv des gesamten übernatürlichen Organismus trifft und ihm die Lebensgrundlage entzieht.

Die übernatürlichen Tugenden

Doch gehen wir noch etwas genauer auf die beiden Bereiche des übernatürlichen Organismus unserer Seele ein. Stellen wir uns zuerst einmal die Frage, was denn überhaupt eine Tugend ist? Die Tugend ist ein Habitus, der es uns einfach macht, gute Akte zu setzen. Um das Wesen der übernatürlichen Tugenden zu verstehen, müssen wir zunächst drei Begriffe klären: 1. Anlage, 2. Habitus und 3. Akt. 

Eine Anlage ist die allgemeine Möglichkeit irgend etwas zu tun. Wenn Sie von jemandem gefragt werden: Spielen Sie Klavier? So können Sie darauf antworten: Nun ja, ich habe zwei Hände. D.h. Ich habe prinzipiell die Anlage dazu, um das Spielen auf dem Klavier zu erlernen, obwohl ich derzeit nicht wüßte, wie ich den vielen Tasten das „Alle meine Entchen“ entlocken könnten. Das ist die Anlage. Sie stellt die Grundvoraussetzung dar, um eine bestimmte Handlung auszuüben, obwohl die Fertigkeit selbst noch nicht entwickelt ist. – Wenn aber jemand von sich sagen kann: Ich hatte von Kindesbeinen Klavierunterricht und immer die besten Lehrer. Ich kann alles mögliche von Bach, Mozart oder Chopin auswendig spielen. So hat diese Person durch langes, wiederholtes Üben den Habitus des Klavierspiels erworben. Die prinzipielle Anlage zum Klavierspielen wurde derart vervollkommnet, daß sie sich der Schüler vollkommen zueigen gemacht hat. In dem Wort „habitus“ steckt das lateinische Wort „habere“, was auf deutsch „haben“ bedeutet. Der Habitus ist eine durch stetige Wiederholung und permanente Übung erworbene Fertigkeit. Die Fertigkeit ist so zum erworbenen Besitz geworden, etwas „Gehabtes“. Durch täglich konzentriertes und angestrengtes Üben ist das Klavierspiel gleichsam zur zweiten Natur geworden. Es wurden immer und immer wieder dieselben Bewegungen geübt, bis die Finger ganz natürlich über die Tasten gleiten. Ein Zeichen für das Vorhandensein eines Habitus ist der Umstand, daß die Tätigkeit sehr einfach von der Hand geht und Freude bereitet. Wenn der Klavierschüler ganz am Anfang am Klavier die Tonleitern übt, so ist das für ihn langweilig und ermüdend. Der Schüler muß sich stark konzentrieren. Es geht nicht leicht von der Hand. Es macht keinen Spaß, Tonleitern rauf und runter zu spielen. Niemand hat daran Freude. Weder der Schüler noch die Menschen, die sich derlei Übungen anhören müssen. Es macht keine Freude, und doch eignet er sich durch die ständige Wiederholung der Bewegungsabläufe nach und nach den Habitus an. Wenn er sich eines Tages die Gesetze der Harmonielehre vollkommen angeeignet und verinnerlicht hat, dann wird er sich an das Instrument setzen, die Finger werden über die Klaviatur fliegen, ohne daß er noch groß dabei überlegen muß, und dabei werden die herrlichsten Melodien erklingen. Schwierige Stücke können mühelos vom Blatt gespielt werden. Das bereitet Freude, sowohl dem Spieler als auf dem Zuhörer. Pianisten setzen sich oft instinktiv an ein Klavier oder einen Flügel und fangen einfach an darauf zu spielen. Mühelos. Mit Freude. Die prinzipielle Anlage ist zum Habitus ausgebildet worden. – Bleibt noch die Erklärung des letzen Begriffes: der Akt. Der erworbene Habitus des Klavierspielens bleibt zwar dauerhaft im Pianisten, wird aber nicht die ganze Zeit „aktuell“ von ihm ausgeübt. Im Schlaf spielt er nicht Klavier. Der Akt ist die aktuelle Ausübung einer einzelne Handlung. Bei unserem Beispiel besteht der Akt im Spiel eines bestimmten Klavierstücks. Der Habitus des Klavierspiels wird aktuell, jetzt im Augenblick ausgeführt; z.B. indem der Pianist jetzt eben Chopins „Winter Wind“ (Op. 25 No. 11) spielt. Durch die wiederholten Akte wird ein Habitus erworben.

Jeder Mensch hat nun bestimmte Habitus – gute oder schlechte. Die guten Habitus nennt man Tugenden. Die schlechten Habitus nennt man Laster. Jeder Mensch erwirbt einen Habitus, indem er immer und immer wieder dieselben Akte setzt. Durch die Wiederholung der Akte übt er eine bestimmte Handlung oder Verhaltensweise ein, bis sie ihm leicht fällt und sie gleichsam zur zweiten Natur wird. Die Gewohnheit macht es leicht, den Akt immer wieder zu setzen. Er macht uns geneigt, aus Gewohnheit Gutes zu tun bzw. aus Gewohnheit zu sündigen. Man nennt die vom Menschen durch wiederholte Übung erworbenen Habitus natürliche Tugenden bzw. Laster. Die natürlichen Tugenden sind an sich für die Erlösung wertlos. Einige von ihnen finden sich in jedem Menschen, selbst im größten Sünder. Ein in der Todsünde lebender Mensch kann sehr wohl freundlich, höflich und hilfsbereit sein. Wir kommen aber in den Himmel nicht, weil wir einfach gute Menschen sind, sondern weil wir übernatürlich gute Menschen sind. – Durch die heiligmachende Gnade empfängt die Seele übernatürliche Tugenden: die eingegossene Klugheit, die eingegossene Gerechtigkeit, den eingegossenen Starkmut und die eingegossene Mäßigkeit. Diese von Gott geschenkten übernatürlichen Tugenden richten unsere guten Handlungen auf Gott aus. Sie machen es uns leicht, aus Liebe zu Gott klug, gerecht, tapfer und mäßig zu sein. Dies ist jedoch nur möglich, wenn in unserer Seele die den Tugenden entgegenstehenden Hindernisse – unsere ungeordneten Leidenschaften und Laster – aus dem Weg geräumt sind. – Hier kommen die an sich für das ewige Leben wertlosen natürlichen Tugenden ins Spiel. Indem wir die natürlichen Tugenden erwerben, räumen wir die Hindernisse aus, welche die übernatürlichen Tugenden an ihrer Betätigung hindern. Die Lebendigkeit der übernatürlichen Tugenden hängt nämlich vom Vorhandensein der durch Übung erworbenen Tugenden ab. Deshalb ist es auch so wichtig, daß wir sie uns durch mühsame Arbeit aneignen. Gewohnheit wird nur durch Gewohnheit überwunden. Eine schlechte Gewohnheit, ein Laster kann nur ausgeräumt werden, indem durch wiederholte Akte der entgegengesetzten Tugend eine gute Gewohnheit etabliert wird. Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling. Ein Akt der Mäßigkeit gibt noch nicht die Tugend. Erst recht nicht, wenn eine Gewohnheit vorliegen sollte, in der Regel unmäßig zu sein. Wir müssen uns die Tugenden mit Hilfe der helfenden Gnade erkämpfen, nur so können die aus der heiligmachenden Gnade erwachsenden übernatürlichen Tugenden ihre Wirktätigkeit entfalten. 

Bei der Übung der Tugenden überläßt uns Gott die Initiative. Wir selbst sind aktiv. Die Setzung tugendhafter Akte liegt in unserer Hand. Darin besteht ein wesentlicher Unterschied zu dem andern Bereich unseres geistlichen Organismus – den Gaben des Heiligen Geistes.

Die Gaben des Heiligen Geistes

Den Gaben des Heiligen Geistes gegenüber verhält sich die Seele passiv. Sie gleicht eher einer Funkantenne für die Anregungen und Einsprechungen Gottes. Das bedeutet nicht, daß Gott zu uns spricht wie wir miteinander reden. Aber die Gaben machen uns in einer unmittelbaren Weise empfänglich für das, was der Heilige Geist will daß wir denken, reden oder tun. Bei den Gaben liegt die Initiative bei Gott. Wir können die Gaben nicht aktivieren. Wir können die Seele nur auf Empfang geschalt halten. Ob wir von Gott angefunkt werden, liegt allein bei Ihm. Gott bewegt uns. Wir können uns nur bereithalten. 

Jeder kennt den Einfluß der Gaben wahrscheinlich aus eigener Erfahrung. Wenn uns etwa ein frommer Gedanke, eine klare Einsicht in den Sinn kommt, dann haben wir nicht vorher darüber nachgedacht: Ich könnte doch jetzt einen guten Einfall haben. Er kommt ungerufen über uns. Es ist ein guter Ein-fall. Gott ist sein Urheber. – Im Tierreich finden wir etwas vergleichbares in den Instinkten. Ein Tier denkt nicht nach. Es überlegt nicht, was es angesichts eines Feindes tun könnte. Ohne Überlegen ergreift es entweder die Flucht oder es wird kämpfen. Das Tier verfügt über Instinkte, die es bewegen. Und so sind die Gaben des Heiligen Geistes gleichsam übernatürliche Instinkte, welche die Seele dieses oder jenes denken oder tun lassen. Unter dem Einfluß der sieben Gaben denken wir nicht nach, wir folgen der Anregung Gottes, sofern wir dem Heiligen Geist kein Hindernis in den Weg legen. Dadurch wird jedoch unsere Freiheit nicht aufgehoben. Der Einfluß der Gaben lädt uns vielmehr zur Zustimmung ein. Je mehr die Seele vom Geist der Welt losgelöst ist, um so empfänglicher ist sie für den Einfluß des Heiligen Geistes; und um so selbstverständlicher wird sie die Einsprechungen des Heiligen Geistes aufnehmen und in die Tat umsetzen. 

Am deutlichsten sichtbar finden wir den Einfluß der Gaben des Heiligen Geistes im Leben der Heiligen. Beim Lesen ihre Lebensbeschreibungen staunen wir über ihre Weisheit, über die Tiefe ihrer Einsichten, wie sie so einfach über die schwierigsten Gegenstände des Glaubens sprechen. So lichtvoll, genau und vollständig. Kein Wort zuviel und keines zu wenig. Wir staunen über ihr Opfer, ihre Abtötungen, ihre Keuschheit, über die Tapferkeit bis hin zum Martyrium. – Als der hl. Thomas von Aquin gefragt wurde, gab er zu, daß er vor dem Kreuz kniend mehr gelernt habe, als aus irgendeinem Buch. Auf Knien flehte der hl. Thomas um die Gaben der Weisheit, des Verstandes und der Wissenschaft. Gott schenkte sie ihm. Und der hl. Thomas überließ sich freiwillig dem Einfluß der Gaben, wie man beim Studium seines Werkes staunend feststellen wird. 

Je mehr das geistliche Leben in einer Seele zur Entfaltung gelangt, um so mehr nimmt der Einfluß der Gaben des Heiligen Geistes auf ihre Tätigkeiten zu. Für den Anfänger, der nach seiner Bekehrung erst einmal den Rückfall in die Todsünde meiden, seine Laster überwinden und die freiwillige läßliche Sünde bekämpfen lernen muß, sind die Gaben zwar in der Seele vorhanden, aber die vorherrschende übernatürliche Tätigkeit der Seele erfolgt durch die Übung der Tugenden. Bei den Fortgeschrittenen, die in der Tugend gefestigt sind, tritt der Einfluß der Gaben mehr und mehr in den Vordergrund bis er eine derartige Vollkommenheit erlangt, wie wir ihn an den großen Heiligen finden. Unter dem Einfluß der Gaben haben die Heiligen gesagt, was Gott sagen würde. Unter dem Einfluß der Gaben haben die Heiligen getan, was Gott getan hätte.

Der Unterschied zwischen den Tugenden und den Gaben

Fassen wir nochmals zusammen: Die übernatürlichen Tugenden machen uns geneigt, mit Hilfe der helfenden Gnade übernatürlich gute und für die Ewigkeit verdienstliche Werke zu tun. Die Tugenden werden geübt durch die übernatürliche Klugheit. Wir müssen selbst abwägen, was hier und jetzt zu tun ist. Wir müssen überlegen. Wir selbst haben die Initiative. – Bei den Gaben hingegen sind wir passiv. Wir folgen den Anregungen, die von Gott kommen. Gott ist der Aktive. Sein Einfluß durch die Gaben dränt uns. Und zwar soweit, daß unsere Klugheit gar nicht mit einbezogen wird. Christus hab gesagt: „Wenn sie euch aber vor die Gerichte führen werden, so sorgt euch nicht, wie oder war ihr reden sollt; denn es wird euch zu der Stunde gegeben werden“ (Mt. 10, 19). Das ist die Wirkung der Gaben. Einige Bilder, um den Unterschied zwischen den Tugenden und den Gaben zu veranschaulichen: Die Tugenden üben ist vergleichbar mit dem Rudern eines Bootes. Es ist die eigene Muskelkraft, die das Boot voranbringt. Der Ruderer wiederholt immer und immer wieder dieselbe Bewegung. Der Ruderer hat die Initiative. Er bestimmt die Richtung. Er bestimmt das Tempo. Das Rudern ist anstrengend. Man muß immer wieder den Kurs korrigieren. Man kommt trotz aller Anstrengung vergleichsweise langsam voran. Die Gaben hingegen sind sieben Segeln am Maß der Seele vergleichbar. Wenn sie der Sturmwind des Heiligen Geistes wölbt, so übernimmt Er die Bewegung des Bootes. Die Initiative kommt allein von Ihm. Der Wind bestimmt die Richtung und die Geschwindigkeit. Das Vorwärtskommen ist mit viel geringerer Anstrengung verbunden und viel zielsicherer, weil der Wind stets in Richtung des Hafens der Ewigkeit weht. – Bei der Tugendübung ist Gott einem Vater vergleichbar, der seinem kleinen Kind dabei hilft Gehen zu lernen. Es dauert. Nur kleine Schritte sind möglich. Viele Stürze und wieder erneutes Aufstehen begleiten den mühsamen Lernprozeß. Durch die Gaben nimmt der Vater das Kind auf Seinen starken Arme und trägt es trittsicher und zielsicher nach Hause. – Schließlich kann man sich den Unterscheid zwischen den Tugenden und Gaben durch die Vorstellung von der Bewässerung eines Feldes veranschaulichen. Man kann einen Acker bewässern indem man aus einem Brunnen Wasser schöpft. Das ist die Tugend. Wasserschöpfen ist mühsam. Man muß den Eimer oft in den Brunnen hinablassen und wieder hochzeihen bis genug Wasser geschöpft ist. Mühelos wird der Acker bewässert, indem die Wolken des Himmel darüber abregnen. Das geschieht durch die Einwirkung der Gaben.

Bedingungen für die Entfaltung der Gaben in der Seele

Nun stellt sich vielleicht dem einen oder anderen die Frage: Wenn es unter dem Einfluß der Gaben doch viel einfacher und schneller ginge unsere Seelen zu retten, warum bemühen wir uns dann überhaupt um die Tugenden? Wenn die Tugenden viel ineffizienter sind als die Gaben, warum sollten wir sie uns dann überhaupt erst aneignen? Laßt uns doch einfach um die sieben Gaben beten, dann könne wir die Beine hochlegen und uns vom Sturmwind des Heiligen Geistes in den Hafen der ewigen Seligkeit tragen lassen.

So einfach ist es leider nicht. Der hl. Thomas von Aquin antwortet darauf, daß die Entfaltung der Gaben den Besitz der Tugenden voraussetzt. Der Mensch wird nämlich erst dadurch fähig, sich der unmittelbaren Leitung Gottes durch die Gaben des Heiligen Geistes zu unterwerfen, wenn er es zuvor zuwege gebracht hat, sich der rechten Vernunft zu unterwerfen. Der Mensch unterwirft sich aber der rechten Vernunft, indem er vernünftig handelt, d.h. indem er die Tugenden übt. Wenn wir uns nicht angewöhnt haben tugendhaft zu handeln, sind wir nämlich gar nicht in der Lage die Anregungen des Heiligen Geistes durch die Gaben aufnehmen und, von ihnen geleitet, handeln können. – Ehe sich ein meisterlicher Harfenspieler an ein Instrument setzt, um darauf eine virtuose Melodie zu spielen, müssen die einzelnen Saiten der Harfe gestimmt sein. Kein Meister rührt ein verstimmtes Instrument auch nur an. Warum? Nicht weil er arrogant ist, sondern weil er weiß, selbst der größte Meister einem verstimmten Instrument keine harmonischen Klänge entlocken kann. Der Heilige Geist ist der Meister. Die Seele ist die Harfe. Die Saiten sind die Kräfte des Menschen. Damit sie harmonisch klingen, d.h. gute Werke hervorzubringen, müssen die Saiten gestimmt sein; d.h. die Kräfte des Menschen müssen in der Stimmung der Tugenden sein. Nur auf einer in der Tugend gestimmte Seele kann der Heilige Geist durch die Gaben sein virtuoses Spiel der Heiligkeit entfalten.

Unsere Aufgabe

Um diese Stimmung zu erlangen, müssen wir zuvor die Mißtöne unsere Laster und Leidenschaften ausmerzen. Wir müssen den Geist der Welt aus unserem geistigen Organismus ausscheiden, wie der Körper, um zu gesunden, alle Schadstoffe ausscheidet. Denn der Geist dieser Welt steht dem Geist Gottes unversöhnlich gegenüber. Der hl. Paulus sagt: „Wir haben aber nicht den Geist diese Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott stammt“ (1. Kor. 2, 12). „Der weltlich gesinnte Mensch aber faßt nicht, was des Geistes Gottes ist; denn Torheit ist es ihm, und er kann es nicht begreifen, da es im Geiste zu verstehen ist“ (1. Kor. 2, 14). Was versteht man unter dem „Geist dieser Welt“? Der hl. Paulus beschreibt seine Werke. Es sind: „Unzucht, Unlauterkeit, Unschamhaftigkeit, Unkeuschheit, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Streitigkeiten, Eifersucht, Zorn, Hader, Zerwürfnisse, Spaltungen, Mißgunst, Mordtaten, Trunkenheit, Schwelgerei und diesen ähnliches“ (Gal. 5, 19-21). Stolz, Ehrgeiz, üble Nachrede, Unglaube, Auflehnung, Rebellion, Verachtung der Autorität. Also ungefähr alles, was wir aus den Nachrichten erfahren und was die Werbung an uns heranträgt; der Glitzer der Stars und Sternchen aus Film und Fernsehen; die liberale Haltung alledem gegenüber, was Gott verboten hat. Das alles ist zusammengefaßt in dem Ausdruck „Geist dieser Welt“. Es ist ein ungeheuer schädlicher Geist, der darauf abzielt aus Menschen Tiere zu machen. Der Geist Gottes hingegen schenkt uns Eifer im Glauben, in der Liebe, in der Demut, in der Abtötung der Sinne. Er bringt in der Seele Seine zwölf Früchte hervor: „Liebe, Freude, Friede, Geduld, Milde, Güte, Langmut, Sanftmut, Treue, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit, Keuschheit“ (Gal. 5, 22). Diese zwölf Fürchte bewirkt der Heilige Geist in uns.

Um den Geist dieser Welt in unserer Seele zurückzudrängen und dem Heiligen Geist mit Seinen Gaben mehr Raum zu verschaffen müssen wir vor allem zwei Mittel zur Anwendung bringen: das Gebet und die Abtötung. Diese Mittel beseitigen den hinderlichen Einfluß des Weltgeistes. Sie machen uns würdig vom Heiligen Geist als Instrumente gebraucht zu werden. Wenn wir alles in unserer Macht stehende getan haben; wenn wir beten; wenn wir unsere Laster und Leidenschaften bekämpfen, dann werden wir unfehlbar erhört werden, und auf den rechten Weg geführt werden. 

Dazu leitet uns die Kirche in dieser Pfingstwoche an. Sie befiehlt uns in dieser Woche besonders das Gebet um den Heiligen Geist und die Abtötung. Sie befiehlt uns die ganze Pfingstoktav über täglich nach der Epistel auf die Knie zu sinken und den Heiligen Geist auf uns herabzuflehen. Und die Kirche befiehlt uns, obwohl wir in einer Festwoche stehen, am Mittwoch, Freitag und Samstag durch das verordnete Fasten unsere Sinne abzutöten. Die Kirche erinnert uns an unsere Abhängigkeit vom Heiligen Geist, ohne dessen Einfluß der faszinierende übernatürliche Organismus unserer Seele nicht lebensfähig ist. Der Heilige Geist und Er allein, teilt uns die Ströme des Ewigen Lebens, welche vom Kreuz unseres Herrn Jesus Christus herabrieseln, mit. Deshalb rufen wir: „Komme Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer Deiner Liebe.“ Amen.

Sonntag i. d. Oktav v. Christi Himmelfahrt

Die Arche in der Sündflut der Apostasie

Geliebte Gottes!

Wir leben in finsteren und gottlosen Zeiten. Das ist uns erst recht im Verlauf des letzten Jahres bewußt geworden. Mehr und mehr verschärft sich im religiösen, gesellschaftlichen und politischen Bereich ein Klima der Bevormundung und Unterdrückung. Je mehr der Einfluß Gottes auf die Seelen abnimmt, um so mehr wächst der Einfluß und die Macht Satans über in der Welt. Deshalb versinkt die Welt immer tiefer in die Sünde. Und dieser Ozean scheint bodenlos zu sein. 

Die Arche

Wenn man die heutige Welt betrachtet, so kann man eine gewisse Ähnlichkeit mit den Verhältnissen zur Zeit Noes unmittelbar vor der Sintflut erkennen. Das Buch Genesis berichtet uns davon: „Der Herr sah, wie groß die menschliche Bosheit auf Erden war, und alles Denken ihres Herzens immerdar auf das Böse gerichtet war“ (Gen 6, 5). „Die Erde war verderbt; denn alle Menschen auf Erden gingen verderbliche Wege“ (Gen. 6, 12). Ein verdorbener Mensch lebt so, als gäbe es keinen Gott. „Aus dem Herzen [eines solchen] gehen hervor böse Gedanken, Mordtaten, Ehebrüche, Unzucht, Diebstähle, falsche Zeugnisse, Gotteslästerungen“ (Mt. 15, 19). Sie spotteten über alles was heilig ist, verlachten fromme Menschen als bigotte Sonderlinge, grenzten sie aus, verfolgten sie. Was der Herr im heutigen Evangelium den Aposteln vorhersagt, gilt für alle Zeiten: „Sie werden euch aus den Synagogen stoßen. Ja, es kommt die Stunde, da jeder, der euch tötet, Gott einen Dienst zu tun glaubt“ (Joh. 16, 2). Das war immer so und wird immer so bleiben. Erst Spott, dann Ausgrenzung und schließlich Haß bis zur Gewalttat. – Wie werden wohl schon die Zeitgenossen des Noe über diesen und seine Söhne gelacht und ihre Köpfe geschüttelt haben, als diese auf Geheiß Gottes damit begannen, auf trockenem Land die riesige Arche zu bauen? „Seht euch diese Verrückten an! Sie baut ein riesiges Schiff, fern jeglicher Meeresküste. Aber ja, Noes Gott hat es ihm gesagt!“ Kopfschütteln, Unverständnis, Spott waren Noes Los; vielleicht sogar Sabotage, weil es den Gottlosen aller Zeiten instinktiv Genugtuung bereitet, die Heilsmittel Gottes mit Füßen zu treten. Doch als sich die Schleusen des Himmel öffneten und die vierzigtägige Regenflut über die Welt hereinbrach, da wurde der einfache und gläubige Gehorsam Noes belohnt. Noe und seine Familie wurden durch die Arche gerettet, während die stolzen Lästermäuler in den Sturzbächen der Sintflut jämmerlich zugrunde gingen.

Das ist ein Vorbild für unsere Zeiten. Gott kommt auch uns, wie damals dem Noe, in unserer finsteren Zeit der Gottesferne, ja des dämonischen Gotteshasses, zu Hilfe. Auch uns bietet er eine rettende Arche an. Schwester Lucia von Fatima sagte wiederholt: „Der letzte Anker der Rettung, den Gott der Menschheit anbietet, ist das Unbefleckte Herz der Muttergottes.“ Das Unbefleckte Herz Mariens ist die von Gott bereitete Arche Noe, der Zufluchtsort vor der heutigen Sündenflut, welche über die Menschheit hereingebrochen ist, um alles Reine, alles Edle und alles Heilige unter ihren Schlammmassen zu begraben; um das übernatürliche Leben der Gnade in allen Seelen zu ersticken. In die Arche des Unbefleckten Herzens der Gottesmutter müssen wir uns flüchten, um diese stürmischen Zeiten zu überstehen, auch wenn man uns dafür auslacht, über uns den Kopf schüttelt, uns ausgrenzt oder sonstwie benachteiligt. Alle sind wir darum aufgerufen, die von Gott zu unserer Rettung geoffenbarte Andacht zum Unbefleckten Herzen Mariens zu kennen und, soweit es in unseren Kräften steht, auch zu üben. – Wie aber flüchten wir uns in jene Arche, die Gott zu unserer Rettung bestimmt hat? Wie nehmen wir Zuflucht zum Unbefleckten Herzen der Gottesmutter? Die Andacht zum Unbefleckten Herzen Mariens umfaßt im wesentlichen drei Übungen: 1. Das tägliche Rosenkranzgebet. 2. Die Bereitschaft zum Opfer. Und 3. die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens. 

Das tägliche Rosenkranzgebet

In Fatima hielt die allerseligste Jungfrau bei ihren Erscheinungen stets einen Rosenkranz in ihren Händen und wies bei allen sechs Erscheinungen auf die Bedeutung des Rosenkranzgebetes hin. Am deutlichsten geschah dies in der dritten Erscheinung, am 17. Juli 1917, in der Maria sagte: „Ich möchte, … daß ihr weiterhin jeden Tag den Rosenkranz zu Ehren Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz betet, um den Frieden für die Welt und das Ende des Krieges zu erlangen; – denn nur sie allein kann es erreichen.“ Jahre später sagte Schwester Lucia, die älteste der drei Seherkinder, zu Pater Augustin Fuentes: „Seitdem die heilige Jungfrau dem Rosenkranzgebet so großartige Wunderkraft verliehen hat, gibt es weder materielle oder geistige, nationale noch internationale Probleme, die sich nicht mit dem Rosenkranz und unseren Opfern lösen ließen. … Der brennendste Wunsch der Gottesmutter ist es, daß wir ihr durch das tägliche Rosenkranzgebet helfen, Seelen zu retten.“ Keiner von uns darf sagen, er habe dazu keine Zeit. Zeit haben wir sowieso nie. Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich! Für so viel nehmen sich die Menschen Zeit. Da sollte es doch möglich sein, täglich 25 bis 30 Minuten abzuzweigen, um andächtig den Rosenkranz zu beten. Ein bißchen weniger Zeit vor den diversen Bildschirmen, weniger herumspielen am Smartphone, und schon ließe sich die benötigte Zeit finden. Eltern sollten bestrebt sein, auch ihre Kinder behutsam dazu heranzuführen, daß sie lernen den Rosenkranz täglich zu beten und ihn auch gerne zu beten; denn, was Hänschen nicht lernt, das lernt Hans nur mehr schwer oder gar nimmermehr. Durch den täglichen Rosenkranz betreten wir die Arche des Unbefleckten Herzens. Wenn wir den Rosenkranz beten und dabei seine Geheimnisse betrachten, dann treten wir in die Gedankenwelt Mariens ein. In eine Welt heiliger Gedanken, tugendhafter Gedanken, die unseren Geist wachsam halten. Gedanken, die uns aneifern, dem Beispiel Jesu und Mariä zu folgen. Gedanken, die unsere Seele empfänglich machen, um die notwendigen helfenden Gnaden zu empfangen, derer wir so dringen bedürfen. Beim Beten des Rosenkranzes tauchen wir ein in die Gedanken, mit denen sich das Unbefleckte Herz der Gottesmutter zeitlebens befaßt; welche Maria selbst betrachtet und durchbetet hat, wie uns der hl. Evangelist Lukas zu verstehen gibt, wenn er etwa schreibt: „Und Maria bewahrte alles und erwog es in ihrem Herzen“ (Lk. 2, 19). Mit dem Rosenkranz verlassen wir die trübsinnigen, sorgenvollen und zerstreuenden Gedanken des Alltags und betreten die freudenreiche Geisteswelt der Gottesmutter. Darin finden wir Ermutigung, Stärke, Rat und Gnade.

Bereitschaft zum persönlichen Opfer

Schon im Jahr 1916 schärfte der Engel Portugals den drei Hirtenkindern von Fatima, die er auf die Erscheinung der Gottesmutter vorbereiten sollte, ein: „Macht aus allem was ihr könnt, ein Opfer zur Sühne für die Sünden, durch die Gott beleidigt wird, und als Bitte um die Bekehrung der Sünder.“ Später forderte auch Maria selbst, besonders bei ihrer vierten Erscheinung, am 19. August 1917, das persönliche Opfer der Kinder, um die Sünder zu retten; um die Sünder gleichsam auf die Arche des Unbefleckten Herzens zu ziehen und sie vor dem Ertrinken in den Feuerfluten der Hölle zu bewahren.„Betet, betet viel“, sagte Unsere Liebe Frau, „und bringt Opfer für die Sünder, denn viele Seelen kommen in die Hölle, weil sich niemand für sie opfert und für sie betet!“ Der Aufruf zum Opfer soll jedoch nicht als eine Aufforderung zu übermäßigen und außergewöhnlichen Kasteiungen aufgefaßt werden. Übermäßiges Fasten, Geißelungen, Nachtwachen etc. bergen zu große Tücken, welcher sich der Teufel bedienen könnte, um den Bußeifrigen in Stolz, Selbstgerechtigkeit und Selbstgefälligkeit zu stürzen, oder um ihn durch seinen selbstzerstörerischen Eifer derart zu schwächen, daß er außerstande ist seinen Pflichten nachzukommen. Was das Fasten und sonstige Bußübungen angeht, halte man sich an die Gesetze der Kirche bzw. hole den Rat des Beichtvaters ein. – Die Forderung des Himmels nach täglichen Opfern richtet sich primär auf solche Dinge, die jeder leicht bringen kann, selbst Kinder. Der Heiland selbst erklärte es Schwester Lucia mit den Worten: „Das Opfer, das Ich von jedem einzelnen fordere, ist die Erfüllung der persönlichen Pflichten unter Beobachtung Meiner Gebote. Dies ist die Buße, welche Ich jetzt erbitte und fordere.“ Das sind die Opfer, die Gott verlangt: Die Erfüllung unserer Pflichten gegen Gott, den Nächsten und uns selbst. Die treue Pflichterfüllung in der Familie, am Arbeitsplatz, als Staatsbürger, in allen Bereichen – und zwar als Katholik! Und das unter Beobachtung der göttlichen Gebote. Aller Gebote! – In einer Zeit wie der unsrigen ist es tatsächlich kein geringes Opfer, pflichtbewußt und treu nach den Geboten Gottes zu leben. Es bedarf großen Mutes und einer großen Festigkeit in einer Welt, die in der Unverbindlichkeit den Gipfel der Freiheit sieht, die sich an keine festen Grundsätze binden will, sich nicht vom Mainstream erfassen und mitreißen zu lassen. Maria, die Mittlerin aller Gnaden, hat uns in Fatima dazu ermutigt und versprochen: „Die Gnade Gottes wird eure Stärke sein!“ Ja, die Gnade Gottes! Die Kraft aus der Höhe, um die wir in diesen Tagen vor Pfingsten besonders beten, wird unsere Stärke sein. Wir sollen also nicht auf die eigenen Kräfte vertrauen, sondern auf die Gnaden und Gaben des Heiligen Geistes, die Er uns durch seine makellose Braut zukommen läßt. 

Bringen wir bereitwillig die Opfer des Alltags. Ertragen wir geduldig und im Vertrauen auf Gott, ohne Mißmut oder innere Auflehnung alles, was uns jeder Tag an Kreuzeslast bringt. Nicht alle Widrigkeiten kommen gleich vom Teufel. Gott läßt sie als Gelegenheiten zur Buße zu, damit für Sünder die Bekehrungsgnade mitverdient werden kann und wir selbst uns dabei heiligen. – Bringen wir gerne das Opfer des Gehorsams, der Unterordnung und der Friedfertigkeit. Schenken wir Jesus alles, was uns schwer fällt, indem wir in Gedanken sprechen: „O Jesus es ist aus Liebe zu dir, für die Bekehrung der Sünder und zur Sühne für die Sünden gegen das Unbefleckte Herz Mariens.“

Auch auf diese Weise betreten wir die Arche des Unbefleckten Herzens. In dem Opfer der täglichen Pflichterfüllung werden wir nämlich dem Unbefleckten Herzen in seinen schmerzhaften Stunden ähnlich. Durch die Opfer, die wir täglich aus der Hand Gottes entgegennehmen und bereitwillig annehmen, vereinigen wir uns mit Maria und werden hineingenommen in ihre Stunde, als sie auf dem Kalvarienhügel unter dem Kreuz ihres Sohnes stand und sich dabei mit Ihm zu einer Opfergabe für Gott verband. Wir treten hinein in die Stunde, da ihr Unbeflecktes Herz vom Schwert des Schmerzes durchbohrt wurde, als sie unter dem Kreuz Mutter zahlreicher Kinder wurde. Mutter derer, die zuvor Sünder waren, aber durch das Opfer des Kreuzes zu Gotteskindern geworden sind.

Die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariä

Schließlich forderte Maria in Fatima ausdrücklich die Weihe Rußlands durch den Papst und die Bischöfe an ihr Unbeflecktes Herz, um zu verhindern, daß Rußland seine sozialistischen und kommunistischen Irrtümer über die ganze Welt verbreitet. In ihrer Erscheinung im August 1917 sagte sie: „Um das zu verhüten, werde ich kommen, um die Weihe Rußlands an mein Unbeflecktes Herz und die Sühnekommunion an den ersten Samstagen des Monats zu verlangen. Wenn man auf meine Wünsche hört, wird Rußland sich bekehren, und es wird Friede sein. Wenn nicht, dann wird es seine Irrlehren über die Welt verbreiten und wird Kriege und Verfolgungen der Kirche heraufbeschwören. Die Guten werden gemartert werden; der Heilige Vater wird viel zu leiden haben; verschiedene Nationen werden vernichtet werden.“ Die geforderte Weihe Rußlands stieß stets auf große Schwierigkeiten. Zuerst waren es zu große menschliche Rücksichten und Furcht vor politischen Konsequenzen für die Kirche. Und Papst Pius XII. hatte in der Tat viel unter dem Verrat seiner eigenen Mitarbeiter zu leiden. Heute wird die Erfüllung des Wunsches der Gottesmutter durch das Faktum blockiert, daß es seit mehr als sechzig Jahren keinen Papst gibt. Schlimmer noch! Es fällt gar keinem auf, daß wir in einer papstlosen Zeit leben und der erste Schritt zur Besserung nur allein darin bestünde, den Himmel anzuflehen, daß endlich ein Nachfolger für Pius XII. gewählt werden kann. Daß dem Wunsch der Gottesmutter noch nicht entsprochen worden und die Weihe Rußlands immer noch erforderlich ist, ist heute offensichtlicher denn je. Die Prophezeiung unserer Lieben Frau von Fatima ist eingetroffen. Die Irrtümer des Sozialismus, der ja nur ein freundlich angestrichener Kommunismus ist, haben weltweit die Geister und Herzen der Menschen geflutet. Und beim Erreichen eines bestimmten Pegels – von dem wir nicht mehr weit entfernt zu sein scheinen – werden auch die Revolutionen und (Bürger-)Kriege losbrechen. 

Was bleibt uns zu tun? – Die Durchführung der von Maria geforderten Weihe scheint auch an die persönliche Weihe der Gläubigen gebunden zu sein. So hat schon Papst Pius XII. die Priester und die Gläubigen immer wieder dazu ermahnt, die Andacht zum Unbefleckten Herzen Mariä zu üben und durch ihre persönliche Weihe, die geforderte Weihe durch den Papst vorzubereiten. Durch die persönliche Weihe an Mariens Unbeflecktes Herz überlassen wir uns völlig der Führung der Gottesmutter. Sie soll nicht nur unsere Königin heißen, sondern es auch sein. Sie soll über uns bestimmen dürfen: Über unseren Leib, über unsere Seele, über unseren Besitz. Ihr wollen wir uns ganz verschreiben. Dazu ist eine wahre Liebe zu Maria und die Tugend der Demut von besonderer Wichtigkeit. Denn die Weihe an Mariens Unbeflecktes Herz erschöpft sich nicht in dem Hersagen irgendeiner Weiheformel. Sie muß vor allem im Alltag gelebt werden! Dazu müssen wir uns um die Demut gegenüber der allerseligsten Jungfrau bemühen; um den Dien-Mut eines Kindes seiner Mutter gegenüber. Das bedeutet: kein Hochmut, kein Besserwissen, kein Selber-machen-wollen, kein Eigenwille darf uns leiten. Statt dessen sollen wir versuchen Maria so gut wir können in unserem Leben nachzuahmen, die sich stets von der göttlichen Vorsehung führen ließ ohne ihr vorauszueilen oder widerwillig hinterher zu trotten. Wir ergreifen die Hand unserer himmlischen Mutter, wenn wir uns bemühen wie Maria zu denken – rein, demütig, wohlwollend; wie Maria zu reden – wahr, aufrichtig, bescheiden; wie Maria zu handeln – prompt, alles zur Ehre Gottes und alles in Ergebenheit annehmend. Wir müssen fest davon überzeugt sein, daß Maria, als Sachwalterin Gottes, keine Fehler macht, während unsere Einmischung nur alles verderben würde. Gott führt das Kommando auf der „Arche“ unserer Zeit. Er tut es durch Maria. Sie soll den Kurs in unserem Leben bestimmen. Sie gibt das Tempo vor. Mit der Weihe an ihr Unbeflecktes Herz erklären wir Maria zu unserer Herrin und zu unserem Vorbild. Im Gegenzug dürfen wir uns durch die Weihe des besonderen Schutzes und der sorgsamen Führung der Gottesmutter sicher sein. 

Das Halten der Herz-Mariä-Sühnesamstage

Aber! Die besondere Schwierigkeit dieser Andacht besteht darin, die Weihe lebendig zu halten. Wir Menschen sind so vergeßlich! Schlimm wäre es, wenn wir zwar die Weihe vollzogen hätten, uns also in auf die Arche geflüchtet hätten, aber dann aus Nachlässigkeit wieder in das frühere Lotterleben der Sünde zurückfallen würden, also nach einer Zeit wieder über Bord springen, um wieder in das weltliche Treiben, in die Lust der Sünder, einzutauchen und darin zugrunde zu gehen. Um uns vor dem Unglück der Nachlässigkeit zu bewahren, fordert Maria die Übungen der Herz Mariä-Sühnesamstage zu halten. Am 10. Dezember 1925 erschien die Gottesmutter Schwester Lucia in Pontevedra uns sprach: „Bemühe wenigstens du dich, mich zu trösten und teile mit, daß ich verspreche, all jenen in der Todesstunde mit allen Gnaden, die für das Heil dieser Seele notwendig sind, beizustehen, die fünf Monate lang jeweils am ersten Samstag beichten, die heilige Kommunion empfangen, einen Rosenkranz beten und mir während 15 Minuten durch Betrachtung der 15 Rosenkranzgeheimnisse Gesellschaft leisten in der Absicht, mir dadurch Sühne zu leisten.“ Maria verlangt nichts Schweres von ihren Kindern. Insbesondere, da bei Unmöglichkeit die Sühnekommunion am Sonntag nachgeholt bzw. die Sühnebeichte terminunabhängig den einzelnen Samstagen zugeordnet werden kann. Diese Andacht der ersten Monatssamstage mit seinen einfachen Übungen hilft uns den Geist der Verehrung des Unbefleckten Herzens in uns wach zu halten, damit wir nicht leichtsinnigerweise die Arche wieder verlassen. Bemühen wir uns darum, die Herz-Mariä-Sühnesamstage wieder besonders ernst zu nehmen und die Weihe an ihr Unbeflecktes Herz zu leben – durch den täglichen Rosenkranz, durch die persönlichen Opfer, welche uns ein pflichtbewußtes Leben nach den Geboten Gottes abverlangt werden und durch das Halten der ersten Monatssamstage. 

Das Herz der Gottesmutter ist die Arche des Heiles, die Gott unserer Zeit bereitet hat, damit wir vor der Sündenflut der Apostasie, der sittlichen Perversion und vor der ewigen Verdammnis Rettung finden können. Unbeflecktes Herz Mariä – sei unsere Rettung! Amen.

Christi Himmelfahrt

Der Himmel

Geliebte Gottes!

Nach Seiner Auferstehung von den Toten blieb unser Herr Jesus Christus vierzig Tage hier auf Erden. Dies geschah allein zu dem Zweck, um uns Beweise zu liefern, daß Er tatsächlich von den Toten auferstanden war. Er hat die Apostel im Glauben gestärkt. Er hat sie in dieser Zeit besonders unterweisen und geschult, wie sie die Kirche nach der Aussendung des Heiligen Geistes, an Seiner Statt ausbreiten und leiten sollten.

Grund und Ursache der Himmelfahrt Christi

Diese Erde als Ort des Werdens und Vergehens, war jedoch ungeeignet für den dauerhaften Aufenthalt dessen, der siegreich dem Grab entstiegen und dabei in den Zustand der verklärten Herrlichkeit eingetreten war, in das ewige Heute der Unveränderlichkeit. Deshalb ist Christus, nachdem Er den Glauben der Jünger gereinigt und gestärkt, ihre Hoffnung gefestigt und ihre Liebe mit der Sehnsucht nach dem Übernatürlichen entfacht hatte, am vierzigsten Tag nach Seiner Auferstehung in den Himmel aufgefahren.

Fragt sich, auf welche Weise das geschehen ist. Er fuhr aus eigener Kraft in den Himmel auf! Die unmittelbare Wirkursache der Himmelfahrt war die der Seele Christi innewohnende und auf Seinen Leib überströmende Glorie. Die Glorie der Seele unseres Herrn bewirkte die Verklärung Seines Leibes, sowie die wundersame Beweglichkeit Seines Körpers. Mehrmals hörten wir in den österlichen Evangelienberichten, daß Christus körperlich durch Wände und Türen hindurch schreiten konnte, daß Er plötzlich erschien und wieder entschwand. Sein Leib hatte die Fähigkeit, sich überallhin zu bewegen, wohin er wollte. Die Ursache dafür war die Seiner Seele innewohnende Glorie. Der hl. Thomas von Aquin folgert deshalb, daß eben diese auch die Ursache für Seine Himmelfahrt war. Weil aber die Glorie durch die Teilnahme an der Gottheit herrührt, so ist der letzte Grund der Himmelfahrt unseres Herrn die göttliche Kraft Christi. Der hl. Thomas erklärt: „So ist Christus also aus eigener Kraft in den Himmel aufgefahren, nämlich erstens aus Seiner göttlichen Kraft, zweitens aus der Kraft der verklärten Seele, die den Leib bewegt, wie sie will“ (III, 57, 3).

Unzureichende Vorstellungen vom Himmel

Segnend fuhr Christus in den Himmel auf. Die Blicke der Apostel folgten Ihm, bis Er ihren Blicken entschwand. Ohne ein einziges Wort erinnerte unser Herr Seine Jünger, wo das wahre Glück des Menschen zu finden sei. Nicht auf dieser Welt. Nicht in diesem irdischen Leben. Sondern jenseits des Horizonts, im Himmel. Und so richtet das Fest Christi Himmelfahrt auch unsere Gedanken auf das, was uns nach diesem irdischen Leben erwartet.

Wir wissen aus dem Katechismus: Der Daseinszweck des Menschen besteht darin, in den Himmel zu kommen. Dazu ist der Mensch geschaffen. Dazu ist er von Gott berufen. Doch was man sich unter dem Himmel genau vorstellen soll, das bleibt sehr dunkel.

Natürlich wissen wir, daß kindliche Vorstellungen von pausbackigen Engelchen, die über den Wolken miteinander wie bei einer Kissenschlacht herumbalgen, genauso unzutreffend sind, wie die von St. Petrus als Pförtner an der Himmelstür. Wir wissen, daß man weder mit Raumschiffen den Himmel entdecken, noch mit Bergwerken die Hölle ausgraben kann. Wir wissen, was uns der hl. Paulus, der immerhin in den dritten Himmel entrückt worden war, darüber geschrieben hat: „Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört und in keines Menschen Herz ist es gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben“ (1. Kor. 2, 9). Darüber hinaus ist uns von Gott, abgesehen von den zahlreichen Gleichnissen Christi vom Himmelreich, nichts Konkretes über den Himmel offenbart worden. Weil wir mangels genauer Kenntnisse eben keine konkrete Vorstellung vom Leben nach dem Tod haben, deshalb hängen wir so sehr an diesem irdischen Leben. Wir haben Angst vor dem Sterben, weil wir nicht genau wissen, was uns erwartet. 

Die meisten Menschen, auch Christen, haben sich außerdem eine falsche Vorstellung vom Leben nach dem Tod gebildet. Als würde es sich dabei um eine unendliche Fortsetzung des Lebens hier auf Erden handeln. Das aber ist eine heidnische Vorstellung. So dachten schon die Römer, Griechen und Ägypter. Deshalb findet man in heidnischen Gräbern Grabbeigaben. Gefäße mit Nahrungsmittel, Kleidung, Waffen, Schmuck, Fortbewegungsmittel und natürlich Geld. Alles, was man eben braucht, um in der jenseitigen Welt so weiterleben zu können wie hier auf Erden. Man stellte sich das Leben nach dem Tod lediglich als eine Fortsetzung des irdischen Lebens in einer Parallelwelt vor. Auch in der Konzilskirche wird diese Vorstellung vom Himmel gefördert. Bei Beerdigungen versuchen die Novus-Ordo-Priester die Leuten mit der Vorstellung zu trösten, daß der Verstorbene jetzt unsichtbar irgendwie ja doch noch unter seinen lieben Angehörigen verweilt. Daß der Verstorbene alles das, was er hier auf Erden gerne getan hat, jetzt im Himmel tut. Daß er dort etwa seinem geliebten Hobby nachgeht usw. Das sind heidnische Ideen, als wäre der Himmel eine unbeschwerte Fortsetzung dieses Lebens.

Annäherung

Stattdessen sollten wir bedenken, was Christus gesagt hat: „Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen. … Ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten“ (Joh. 14). Christus spricht von Wohnungen. Er spricht von einem anderen Ort. Wenn unser Herr von der Wohnung spricht, die Er ab dem Himmelfahrtstag bereiten will, dann steht Wohnung für die damaligen Zuhörer im Gegensatz zum Zelt der Nomaden und Halbnomaden, das sie alle noch in Sichtweite hatten. Wenn wir Menschen von heute, denen das Zelt zum Sport- und Freizeitartikel geworden ist, einen ähnlichen Kontrast spüren wollen, müssen wir Wohnung in Gegensatz stellen zum Flüchtlingslager. Unser Leben auf Erden, das uns so wichtig, so bewegt, so beglückend vorkommt, ist nur Barackendasein. Die Wohnung ist das ewige Leben an einem anderen Ort.

Außerdem ist es auch nicht so, wie unser zaghaftes Herz immer wieder fürchtet, als sei die Hauptsache hier in diesem Leben und drüben ein Schattendasein zu fristen. Es verhält sich genau umgekehrt! Die Hauptsache, das volle Leben, kommt erst. Es wäre also töricht, im Wohncontainer eines Auffanglagers letzten Komfort zu erwarten. Aber in der Wohnung, die uns der Gottessohn bereitet, möchte man sich gerne einrichten. – Denken wir einmal, ein ungeborenes Kind unter dem Mutterherzen hätte hellwaches Bewußtsein und würde sagen: „Was ist das schön, ich bin lebendig!“ Dann würden wir lächeln und denken: Natürlich bist du lebendig. Aber eigentlich bist du erst unterwegs zum Leben. Warte, bis du geboren bist und das Licht der Welt erblickst. Dann beginnt für dich erst das eigentliche Leben. Dieses Kind aber würde gewiß keinen Augenblick so fürchten wie den seiner Geburt; weil es weiß, was es mit der Geborgenheit des Mutterschoßes aufgibt, aber noch keine Vorstellung hat, was es gewinnt. So fürchtet der Mensch seine Geburt für die Ewigkeit; weil er weiß, was er aufgibt, aber noch keine Vorstellung geschweige denn eine Sehnsucht hat nach dem, was er gewinnt. Da hilft nur eines: Wir müssen dem glauben und vertrauen, der es wissen muß und der versichert: „Seid getrost. Dann wird euer Herz sich freuen, und eure Freude wird niemand mehr von euch nehmen“ (Joh. 16, 22). – Wir halten also fest: Gott hat für diejenigen, die Ihn lieben, einen Ort im Himmel vorbereitet. Wie Er uns dieses irdische Leben geschenkt hat, so beabsichtigt Er uns auch dorthin zu führen. Im Himmel werden wir ein Leben führen dürfen, das all unsere Erfahrungen und Erwartungen bei weitem übersteigt.

Das irdische Leben ohne Sünde

Gibt es aber nun wirklich gar keine Möglichkeit, uns eine genauere Vorstellung von dem Ort zu machen, an den Christus vorausgeeilt ist, um uns dort Wohnungen zu bereiten? – Durchaus. Wenn wir von unserem Leben hier auf Erden ausgehen, so müssen wir uns in einem ersten Schritt alles wegdenken, was mit der ewigen Glückseligkeit des Himmel unvereinbar ist. Konkret: Wir müssen uns die Sünde wegdenken und alle Folgen und Wirkungen, die aus der Sünde erwachsen.

Für die Welt des Himmel bedeutet das: Dort gibt es kein schlechtes Wetter. Keine kalten Winter. Keinen brütendheißen Sommer. Keine Stürme. Keine Erdbeben und Vulkanausbrüche. Keine Tsunami oder Überschwemmungen. Keine Erdrutsche und Schlammlawinen. Keine Naturkatastrophen. Jeder Tag ist einem wunderschönen Frühlingstag vergleichbar. Die Bäume und Sträucher stehen in beständiger Blüte und tragen doch schon Früchte. Der Himmel ist ein Ort ohne unbewohnbare Flächen – ohne Sandwüsten oder Eiswüsten. Ein Ort ohne lästiges Ungeziefer. Ohne wilde und gefährliche Tiere. Denn all diese Dinge waren in der Welt vor dem Sündenfall nicht zu finden. Sie kamen über die gesamte Menschheit als Strafe für die Sünden. Durch die Sünde hat sich der Mensch gegen den Schöpfer der Welt aufgelehnt. Deshalb trat ihm fortan die Schöpfung feindlich entgegen.

Denken wir an die körperlichen Lebensumstände des Menschen ohne Sünde und ohne die Wirkungen der Sünde: Immerwährende Jugend. Kein Altern. Keine Gebrechen. Kein Tod! Ein Leben in der beständigen Kraft und Schönheit eines Zwanzigjährigen. Keine Geburtsfehler, Behinderungen und Erbkrankheiten. Weder körperliche oder seelische Schmerzen. Keine Krankheiten. Keine Traurigkeit. Keine Depression. Ja, nicht einmal eine Träne. Keine Gefahren für Leib und Seele. Alles Notwendige, Gute und Schöne; Nahrung und sonstige Glücksgüter, sind für jeden vorhanden und steht jedem zur freien Verfügung. Es besteht keine Notwendigkeit zur Arbeit. Keine Mühe, keine Plage, kein Schweiß, keine Erschöpfung und Müdigkeit. Kein Erfolgsdruck. Keine Mißerfolge. So hatte es Gott ursprünglich für den Menschen geplant.

Denken wir schließlich an die sittliche und gesellschaftliche Verfassung des Menschen ohne Sünde: Keine Unwissenheit. Keine Neigung zum Bösen. Keine Habsucht oder Selbstsucht. Keine Ungerechtigkeit. Kein Ehebruch. Keine Unzucht. Keine sexuellen Exzesse und Abweichungen. Keine Obszönitäten. Kein Diebstahl. Keine Unehrlichkeit. Keine üble Nachrede. Weder Lüge noch Betrug. Weder Drogenrausch noch Sucht. Weder Eifersucht noch Neid. Kein Haß. Kein Zorn. Keine Fleischeslust. Keine Ungeduld. Keine Faulheit. Keine Streitereien. Keine Interessenkonflikte. Kein Konkurrenzkampf. Keine Kriege. Weder Mord noch Todschlag. Keine Gewalt, Brutalität oder Grausamkeit. Überhaupt keine Konflikte! – Keine korrupten Politiker und keine Parteien; keine Kommunisten oder Liberale. Keine diktatorischen Regierungen. Keine Sozialisten. Eine Welt ohne Angela Merkel als Bundeskanzlerin und ohne „Die Grünen“. Ohne Stolz und Eitelkeit. Ohne Abtreibung, ohne Selbstmorde.

Keine Häresien. Keine Modernisten. Keine Blasphemien. Keine Gottlosigkeit. Keine aufreizende Kleidung. Keine Atheisten. Keine Furcht vor irgend jemandem oder vor irgend etwas. – In einer Welt ohne Sünde und ohne die Wirkungen der Sünde wäre außerdem auch keine Aszese notwendig: Also keine Bußübungen und Abtötungen mehr. Keine Fastenzeit. Keine Quatember. Keine Selbstüberwindung. Nichts von alledem. 

Was wir soeben beschrieben haben, klingt wunderschön, ist aber nichts anderes als der ursprüngliche Zustand des Menschen im Paradies. Es ist lediglich das irdische Leben des Menschen ohne Sünde und deren schreckliche Wirkungen. So sehr hat Gott den Menschen geliebt, daß Er ihn genau so erschaffen hat. Wenn es dabei geblieben wäre und die Stammeltern nicht die erste Sünde begangen hätten; wenn wir alle in den Genuß dieses paradiesischen Zustandes gekommen wären, so würden wir uns niemals ein anderes Leben wünschen. Jeder wäre mehr als zufrieden. – Und doch! Das wäre noch nicht der Himmel! Es wäre nur eine Welt ohne Sünde, aber nicht der Himmel! Eine Welt ohne Sünde wäre nur ein schwacher Schatten des Himmels. Denn eine sündenlose Welt blieb trotz all ihrer Vorzüge immer nur ein schwacher Abglanz Gottes. Der Himmel aber besteht wesentlich in der unmittelbaren Anschauung Gottes. Der Himmel besteht darin, Gott zu schauen von Angesicht zu Angesicht, so wie Er in sich selbst ist!

Die Anschauung Gottes

Es besteht ein himmelweiter Unterschied, in den Geschöpfen nur die Auswirkungen der göttlichen Vollkommenheit zu bewundern und sich daran zu erfreuen oder aber die Quelle all dessen selbst und unmittelbar zu schauen. Keiner schaut sich das Photo einer Person an, wenn diese Person unmittelbar vor einem sitzt. Das ist es, was den Himmel wesentlich ausmacht! In ihrer Vorstellung vom Himmel haben das die Wenigsten überhaupt im Blickfeld. Der Himmel besteht wesentlich darin, bei Gott zu sein, Gott zu schauen wie Er ist. Selbst bei gläubigen Menschen scheint dies in ihrer Vorstellung vom Himmel nur etwas Zweitrangiges zu sein. Aber in Wirklichkeit wird gerade die selige Anschauung Gottes dasjenige sein, was uns vollkommen in Beschlag nehmen wird. Hinter der Anschauung Gottes wird alles andere, was am Leben im Himmel sonst noch schön ist, weit zurücktreten. – Zur Veranschaulichung stellen wir uns ein junges verliebtes Pärchen vor. Jedem, der schon einmal zwei verliebte Menschen beobachten konnte, wird aufgefallen sein, daß sie von dem Augenblick an, da sie sich ineinander verliebt haben, alles andere um sich herum vergessen. Sie lassen nichts mehr von sich hören. Sie schreiben nicht mehr, rufen nicht mehr an, kommen nicht mehr auf Besuch. Ihre Eltern, Geschwister und Freunde spielen keine besondere Rolle mehr, so sehr sind sie aufeinander fixiert. So sehr sind sie voneinander in Bann geschlagen. Sie denken nur noch an den anderen. Sie interessieren sich nur noch für den Geliebten. In der geliebten Person erblicken sie die Quelle für das Glück ihres Leben. Deshalb ist die geliebte Person der erste und primäre Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit. Angesichts dieser Liebe tritt die Liebe zu Eltern, Geschwistern und Freunden, die immer noch vorhanden ist, weit zurück. – Dasselbe trifft auf das Leben des Menschen im Himmel zu. Wenn wir einst Gott von Angesicht zu Angesicht schauen werden, dann wird unsere Liebe, Zuneigung und Verbundenheit zu allem anderen zweitrangig sein. Und das ist der tiefste Grund, warum das Leben im Himmel ein vollkommen anderes Leben sein wird; nicht einfach eine beschwerdefreie Fortsetzung des irdischen Lebens. 

Das Glück des Himmel wird nicht wesentlich in dem Wiedersehen mit dem Ehegatten, den Eltern, Geschwistern, Kindern und Freunden bestehen, wie wir es uns das vielleicht gerne ausmalen. Dabei ist es doch nicht einmal gesagt, daß wir unsere Familienangehörigen und Freunde dort überhaupt finden werden. Und selbst wenn wir im Himmel niemanden, den wir aus unserem Leben auf Erden kennen, wiedersehen würden; trotzdem wäre der Himmel das unvorstellbare und unüberbietbare Glück für uns. – Im Himmel gibt es kein Ehe mehr. Das Eheband wird vom Tod gelöst. Im Himmel besteht ein anderes Band. Im Himmel besteht das Liebesband zwischen Gott und der einzelnen Seele. Darin besteht das primäre Glück des Himmels. Freilich wird es auch eine sekundäre Freude geben. Sie wird zum einen in der freundschaftlichen Liebe zu den Engeln und Heiligen des Himmels, in der Gemeinschaft der Heiligen, bestehen; und zum andern in der Freude an dem „neuen Himmel“ und der „neuen Erde“, die Gott am Jüngsten Tag heraufführen wird.

Der Weg in den Himmel

Der Weg in den Himmel entspricht gerade den beiden Hauptmerkmalen des Himmels. Er beinhaltet die Überwindung der Sünde und die Vereinigung mit Gott. Der Weg in den Himmel ist der Kreuzweg. Es ist der Weg, den uns Christus uns exemplarisch vorangegangen ist. Er hat uns diesen Weg gewiesen: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Lk. 9, 23). – Der Weg in den Himmel besteht zuerst im Tod gegenüber der Sünde. Christus starb am Kreuz. Er hat den Fluch Adams, den Fluch der Sünde und des Todes, auf Sich genommen. Deshalb müssen auch wir tot sein für Sünde. – Und zweitens besteht der Weg in den Himmel in der Entfaltung der Gottesliebe. Christus starb aus liebendem Gehorsam gegen Seinen himmlischen Vater. Unser Herr war vollkommen unschuldig. Weder hatte Er eine Strafe verdient noch irgendeiner Abtötung bedurft. Er litt die Passion einzig aus Gehorsam gegen Seinen Vater. Und bekanntlich besteht im Gehorsam der einzige in den Augen Gottes gültige Beweis für die Echtheit der Liebe. Der Gehorsam ist Selbstverleugnung, Verzicht auf den eigenen Willen zugunsten des Geliebten, aus Liebe zu Gott. – Aus beidem besteht das Kreuz: Abtötung und Gottesliebe. Das ist der Weg, der in den Himmel führt. Das ist der Grund, warum das Kreuz im Zentrum unseres Lebens stehen muß. Das ist der Grund, warum das Kreuz im Zentrum unserer Religion steht. Das ist der Grund, warum wir uns um den Altar versammeln beim hl. Meßopfer. Alle Gnaden, die uns durch die Sakramente und durch das Gebet zufließen, um in uns die Sünde zu besiegen und die Gottesliebe zu entfachen, fließen aus dem Opfer des Kreuzes. Das muß uns beständig vor Augen stehen: Das Kreuz ist der Weg in den Himmel.

Deshalb ist Christus nach Seinem Sieg am Kreuz in den Himmel aufgefahren. Diese Erde mit ihrer Sünde, mit ihrer Verderbnis, ihrer Vergänglichkeit und ihrem Gotteshaß ist nicht mehr der richtige Ort für Ihn. Das ist der Grund, warum die allerseligste Jungfrau Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde. Nach der Vollendung ihres Erdenlebens war hier nicht mehr der richtige Platz für sie, die Unbefleckte, die Gnadenvolle. Und so soll es auch bei uns sein. Wir sollen dieses irdische Leben gebrauchen, um der Sünde abzusterben und Gott zu lieben. Wir sollen im Stande der heiligmachenden Gnade leben. Die heiligmachenden Gnade ist in unserer Seele wie die heiße Luft ein einem Heißluftballon. Sie hebt unser natürliches Leben empor, zieht es nach oben, in das Reich der Übernatur, dem Himmlischen entgegen. Sie läßt uns das Irdische aus der Perspektive des Himmels betrachten, läßt uns dieses Leben erkennen als das was es ist: eine Durchgangsstation. Ein vorläufiges Barackendasein. Ein Ort der Bewährung und der Prüfung. Ein Jammertal, ein Ort der Verbannung.

Das Verlangen nach dem Himmel

Gemäß der Lehre der Heiligen und der Erklärungen der geistlichen Schriftsteller besteht eines der Anzeichen geistlicher Vollkommenheit in dem Verlangen danach zu sterben. Wohlgemerkt! Das Motiv jener heiligen Todessehnsucht darf nicht die Kreuzesflucht sein, also der Überdruß an den Versuchungen und Leiden dieses Lebens. Als wäre der Tod an sich eine Erlösung, als wäre der Tod an sich etwas begehrenswertes. Nein! Die heilige Todessehnsucht erblickt im Tod den Zugang zum eigentlichen Leben. Sie erblickt im Tod freudig das Portal, welches den ersehnten Zugang zum unverlierbaren Besitz Gottes eröffnet. Nur so darf und soll der Tod ersehnt werden. 

Als Jünger Christi sollen wir den Tod nicht fürchten, sondern gläubig auf die Liebe Gottes vertrauen, der für uns nach dem Tod das eigentliche Leben bereithält. Ein Leben das so überwältigend schön ist, so herrlich, daß wir mit dem hl. Paulus ausrufen dürfen: „Christus ist mein Leben und Sterben ist mir Gewinn“ (Phil. 1, 21). „Ich sehne mich danach, aufgelöst zu werden und bei Christus zu sein“ (Phil. 1, 23). Amen.

5. Sonntag nach Ostern

Unser Reden im Spiegel Gottes

Geliebte Gottes!

In den Klöstern und Ordensgemeinschaften bestand die Regel, daß auf den Zellen der Mönche und Nonnen kein Spiegel sein durfte. – Wozu auch? Die Haare wurden nicht gekämmt, da sie komplett rasiert, zur Tonsur geschnitten oder kurz geschoren unter dem Schleier waren. Der Bart wurde nicht rasiert. Die Ordenstracht bzw. die Kutte saß immer richtig und war zu jedem Anlaß angemessen. Die Sauberkeit konnte allein durch gründliche Körperwäsche garantiert werden. Ein Blick in den Spiegel war unnötig und hätte vom Wesentlichen abgelenkt. Für den Gottgeweihten ist das Erscheinungsbild der Seele allein maßgebend. Darum sollten sie sich sorgen. Und dafür hatten sie einen ganz anderen Spiegel. Der Spiegel an der Wand gilt den Gottgeweihten als Ausdruck der Neugierde und Eitelkeit, weil er nur das vom Menschen sichtbar macht, was mit dieser Welt vergeht und zu Staub und Asche zerfällt. – Inzwischen ist vieles anders geworden. Erst recht in der Welt. In der Welt legt man heute, vielleicht wie niemals zuvor, größten Wert auf das äußere Erscheinungsbild. Jeder von uns muß, um in dieser Welt bestehen zu können, viel mehr Wert auf korrektes Aussehen legen als das früher der Fall war. Und wir müssen schon aus Nächstenliebe hie und da in den Spiegel schauen; und zwar aufmerksam.

Der Spiegel Gottes

Trotzdem dürfen wir den Spiegel der Gottgeweihten darüber nicht vergessen. Es ist jener Spiegel, von dem der hl. Jakobus in der heutigen Epistel spricht. Der Apostel Jakobus vergleicht das Wort Gottes mit einem Spiegel, in welchen der Christ aufmerksam hineinschauen muß. Nur ist es hier umgekehrt als beim „Spieglein an der Wand“: Wir sehen im Spiegel des Gotteswortes nicht wie wir sind, sondern wie wir sein sollten. Er stellt uns das Idealbild der christlichen Vollkommenheit vor Augen. Und unsere Aufgabe besteht darin uns dem „vollkommenen Gesetz der Freiheit“ (Jak. 1, 25)gleichförmig zu machen. Es bleibt dabei immer noch jedem Einzelnen überlassen, ob er einen Vergleich zieht zwischen dem christlichen Ideal im Spiegel des Gotteswortes und der ungepflegten Wirklichkeit seines Lebens; zwischen dem „Vollbringer des Werkes“ und dem noch unvollkommenen, ja vielleicht sogar traurigen Zustand der eigenen Seele. Es bleibt dahingestellt, ob sich der Mensch selbst darüber hinwegtäuscht – oder sein Gewissen erforscht und sich zur notwendigen Korrektur aufrafft.

Man kann morgens nur einen flüchtigen Blick in den Spiegel werfen und so an sein Tagewerk gehen. Dabei hat man gar nicht gemerkt, daß die Brille schmierig ist, die Haare verlegt und die Zähne nicht geputzt sind; daß die Rasur nicht sauber ist und außerdem auch noch die Krawatte schief sitzt. Man hat es eben eilig. Zu eilig! – Andererseits kann man sein Bild im Spiegel auch genauer anschauen und dabei feststellen: Du bist alt geworden. Deine Haare sind dünner. Deine Gesichtsfarbe ist ungesund. Die Ränder unter den Augen verraten, daß du zu wenig schläfst. – Ähnlich verhält es sich mit dem Spiegel, den Gott uns durch Sein Wort vorhält. Wer nur zuhört, ohne sein Gewissen zu erforschen, kommt gar nicht auf den Gedanken, sich beunruhigt zu fühlen und die Notwendigkeit zu spüren, etwas an seinem Leben ändern zu müssen. Er bleibt zeitlebens nur ein „Hörer des Wortes“ (Jak. 1, 22) und wird doch nie zum „Vollbringer des Werkes“, wie es der hl. Jakobus in der heutigen Epistel ausdrückt. – Um das zu verhindern, schaltet die Kirche an Sonn- und Feiertagen nach der Verlesung des Gotteswortes in der Epistel und dem Evangelium eine Predigt ein. Die Predigt soll es dem mit geistlicher Trägheit behafteten Menschen erleichtern, sich nicht mit dem bloßen Hören, d.h. mit dem oberflächlichen darüber Hinweghören zufrieden zu geben. Durch die Erklärung des Gotteswortes wird dem Menschen das von Gott geforderte Idealbild klar und deutlich vor Augen gestellt. Dadurch wird dem Hörer die vielleicht unangenehme Frage nicht erspart, wie es denn mit dem „Vollbringen“, mit dem „Befolgen des Wortes“ bei ihm in Wirklichkeit aussieht. Freilich: Wenn einer nicht will, wird er trotz der eindringlichsten Predigt ein „vergeßlicher Hörer des Wortes“ (Jak. 1, 25)bleiben. Einer, der zwar flüchtig gesehen hat, wie er nach Gottes Willen sein müßte, dann aber, noch ehe er wieder zu Hause angekommen ist, längst wieder darauf vergessen hat.

Wort Gottes – Worte der Menschen

Wie ein Pädagoge nimmt uns der hl. Jakobus auch gleich bei der Hand, um das Gehörte praktisch einzuüben. Er sagt: „Wenn einer meint, er sei fromm, aber seine Zunge nicht im Zaume hat und sich selbst betrügt: dessen Frömmigkeit ist eitel“ (Jak. 1, 26). Betrachten wir uns einmal im Spiegel dieses Gotteswortes. 

Beachten wir zuerst einmal den Unterschied zwischen Gottes Wort und unseren Worten. Gottes Wort will die Menschen zum Frieden bringen. Menschenwort ist oft Anlaß zum Streit. Unser Wort verspritzt oft Gift, wenn wir unsere Zunge nicht zügeln. – Gottes Wort kommt aus der Liebe zu allen Menschen. Unser Wort kommt meist aus übersteigerter Selbstliebe. Unsere Worte suchen oft Entschuldigungen, Ausflüchte und Ausreden. Meist sind sie Ausdruck unseres Stolzes und unserer Empfindlichkeit. Wir gebrauchen sie aus Mißgunst und Neid, aus Besserwisserei und Rechthaberei, ja sogar aus Bosheit und Haß dem Mitmenschen gegenüber. Und selbst wenn einer im Reden nicht gleich beleidigend wird, bleibt meist noch viel Freiraum übrig, bis wir sagen würden: „Er zügelt seine Zunge“. – Gottes Wort will Wahrheit ausdrücken. Menschenworte wollen nicht selten täuschen. Gemeint ist hier nicht nur die Lüge in jeder Schattierung – von der kleinen Notlüge bis zum Meineid – gemeint ist vor allem unser Stil. Der Wortlaut stimmt. Aber der Ton ist gefälscht. Die Worte sind freundlich, der Ton aber genervt, gelangweilt oder gar aggressiv. 

Doch schauen wir noch genauer in den Spiegel Gottes hinein. Verschaffen wir uns größere Klarheit über die Zungensünden. Unser Herr Jesus Christus selbst hat sich hierüber sehr klar ausgesprochen. Nur zwei Worte aus dem Mund Christi seien hier angeführt; Sätze, die wir nicht genug bedenken und beherzigen können. 

Die Quelle der Zungensünden

Hier das erste Wort: „Wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund“ (Mt. 12, 34). Mit diesem einfachen Wort aus dem Mund der göttlichen Wahrheit wird uns die Quelle aufgedeckt, aus welcher die Zungensünden entspringen. Diese Quelle ist – das Herz; das kranke, böse, stolze, lügnerische, verleumderische, rechthaberische, unwahrhaftige, vergiftete Menschenherz. Denn! – Gäbe es je ein unwahres Wort, wenn die Lüge nicht schon zuvor im Herzen säße? Oder wie könnte einem ein unsauberes Wort über die Lippen kommen, wenn sich nicht schon zuvor sittlicher Schmutz und Unrat im Herzen aufgestaut hätte? Ein boshaftes oder ungeduldiges Wort, das nicht aus einem boshaften und ungeduldigen Herzen käme? – So wird das vergiftete Wort zum Zeugen des vergifteten Inneren eines Menschen, der es ausspricht. Den Baum erkennt man bekanntlich an seinen Früchten; den Menschen an seinem Tun; das Menschenherz an dem, was daraus hervorgeht. „So bringt der gute Baum gute Früchte, der schlechte Baum aber bringt schlechte Früchte. Es kann ein guter Baum keine schlechten Früchte tragen, und ein schlechter Baum keine guten Früchte tragen.“ (Lk. 6, 17 f.). An einem Kaktus wachsen keine Datteln, aus einer schmutzigen Kloake fließt kein reines Quellwasser. – Wie viele lieblose, kritiksüchtige, besserwisserische, verleumderische, lügnerische und freche Worte offenbaren nicht doch den erbärmlichen Zustand eines Menschenherzens? Wenn wir so in den Spiegel des Gotteswortes blicken, liebe Gläubige, müßte uns da nicht Angst und Bange werden? Nein, nicht um diesen oder jenen Menschen, der uns da vielleicht in den Sinn kommt, sondern um unser eigene Herz! „Wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund.“

Die Verantwortung für die Zungensünden

Sollte dem noch nicht so sein, wird sich das vielleicht gleich ändern, wenn wir nämlich den Spiegel des Wortes Gottes so einstellen, daß wir auch noch ein zweites Wort unseres Herrn Jesus Christus darin aufleuchtet sehen. Es lautet: „Von jedem unnützen Wort, das die Menschen reden, müssen sie am Tage des Gerichts Rechenschaft geben“ (Mt. 12, 37)

Wenn wir schon vom kleinsten, geringfügigsten Wort, das wir sprechen – denn das ist der Sinn von „unnütz“ – wenn wir also von jedem unbedeutenden Wort Rechenschaft ablegen müssen, wie schwer wird es sein, all jene Worte zu verantworten, die wir durchaus um eines gewissen Nutzens willen, d.h. mit der Absicht, einen bestimmten Zweck zu erreichen, ausgesprochen haben? Für alle unwahren, unguten, unsauberen, herabsetzenden und verdächtigenden Worte in unserem Leben. Für alle Worte, mit denen wir unser wahren Absichten verschleiert haben.

Hinzu kommt, daß wir ja nicht nur für die Worte allein vor Gottes Richterstuhl zur Verantwortung gezogen werden, sondern auch für die Wirkungen, welche sie in den anderen Menschen hervorgebracht haben. Nicht nur für die tiefen seelischen Verletzungen, die wir bisweilen mit dem Schwert unserer Zunge geschlagen haben und deren Narben kein menschliches Auge je gewahr werden wird. Sondern dafür, daß das eine Wort aus unserem Mund durch die anderen Menschen vervielfältigt wurde und so die einzelne Verdächtigung, die einzelne Lieblosigkeit und Halbwahrheit, das eine vorschnelle Urteile weitergetragen und dabei nicht selben auch noch vergrößert wurde; daß das Gift aus unserem Herzen die Gedanken, Urteile und Herzen anderer Menschen infiziert. Können wir dafür die Verantwortung tragen?

Vom heiligen Don Bosco wird berichtet, daß einst eine Frau öfters bei ihm gebeichtet hat und sich dabei regelmäßig ihrer Zungensünden anklagte. Der Heilige ermahnte die Dame wiederholt auf gütige Weise. Nach und nach gewann er jedoch den Eindruck, daß sie sich seine Mahnung zwar jedesmal geduldig anhörte, darüber hinaus aber keine tiefere Reue, keine ernsthafte Absicht sich zu bessern, erkennbar wurde. Sie schien die ganze Tragweite des Schadens, den sie durch ihr schlechtes Reden angerichtet hatte, gar nicht zu begreifen. „Meine Dame“, sagte der Heilige, „zur Buße, nehmen Sie, sobald Sie zu Hause angekommen sind, ein Federkissen zur Hand, zerreißen dasselbe und werfen die Federn vor ihrer Haustür auf die Straße hinaus. Sodann kommen sie wieder hierher zu mir in den Beichtstuhl.“ – Mit äußerstem Erstaunen über diese seltsame Bußübung machte sich die Frau auf den Nachhauseweg, zerriß folgsam eines ihrer Federkissen und leerte den Inhalt in die Turiner Straßen. Dann ging sie mit gespannter Erwartung zurück in die Kirche. „Und jetzt?“, wollte sie von ihrem Beichtvater wissen. Der Heilige antwortete ihr: „Jetzt folgt der zweite Teil Ihrer Buße. Sie sollen hingehen und jede einzelne Feder aus ihrem zerrissenen Kissen wieder einsammeln.“ – Die Dame fühlte sich verspottet und protestierte: „Das ist ausgeschlossen! Der Wind hat die Federn längst in alle Himmelrichtungen fortgetragen. Was soll dieses Theater überhaupt?“ – „Sehen Sie“, sagte der Priester, „genauso geschieht es mit unseren Worten. Einmal ausgesprochen, können wir sie nicht wieder einfangen. Sie werden durch den Wind der Ohrenbläserei in alle Welt hinausgetragen und leben in den Herzen anderer Menschen fort. Wir können nichts mehr daran ändern; selbst wenn wir wollten. Und doch müssen wir für jedes von ihnen Verantwortung vor Gottes Gericht ablegen.“

Vollbringer des Werkes

Wir sind also gewarnt. Wir müssen unsere Zunge im Zaum halten. Und wir sollten nicht „bloße Höher des Wortes“ sein, sondern auch „Befolger“ und „Vollbringer des Werkes“ sein. Wir müssen nach Kräften die richtigen Konsequenzen aus dem Gotteswort ziehen und tatsächlich in die Praxis umsetzen. – Was ist also zu tun? Die Antwort ist eigentlich sehr einfach, aber doch schneidend unbequem. 

Erstens: Wir müssen unser Herz rein machen – und rein bewahren. Dann wird auch unser Wort gut und rein werden. „Wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund.“ Jedes anmaßende, vorschnelle Urteil, jede stolze Empfindlichkeit, jede Falschheit, Unlauterkeit und Lieblosigkeit muß aus unserem Herzen ausgetilgt werden. Wir müssen unser Herz im richten Sinne „liebevoll“; d.h. zu einem Quell der Güte und des Wohlwollens, machen. Wenn das gelingt, werden wir auch nicht mehr durch böse und lieblose Worte fehlen. – Wir müssen unser Herz wahr und aufrichtig machen. Dann hören auch die unwahren, unehrlichen Worte von selbst auf. Das ist freilich keine leichte, sondern schwere Arbeit. Schwierig deshalb, weil es ans Eingemachte geht – an unseren selbstverliebten Charakter. Es ist eine schwere Arbeit, den Charakter zu bessern, jedoch ist sie leichter als böse Wort wieder einzufangen. Jede Radikalkur gegen die Zungensünden läuft letzten Endes darauf hinaus unser Herz von der Eigenliebe zu entgiften und statt dessen in der übernatürlichen Liebe zu Gott und dem Nächsten zu wachsen. Erst wenn unser Selbstsucht von der übernatürlichen Liebe überwunden ist, können wir das bekannte Worte des hl. Augustinus im richtigen Sinn beherzigen: „Liebe, und dann tue, was du willst! Schweigst du, so schweige aus Liebe. Redest du, so rede aus Liebe. Rügst du, so rüge aus Liebe. Schonst du, so schone aus Liebe. Trage Liebe in deinem Herzen. Aus dieser Wurzel kann nichts anderes als Gutes hervorgehen.“

Bis uns aber dies gelungen ist, müssen wir – zweitens – unsere Zunge im Zaum halten. Wir dürfen ihr kein Wort genehmigen, das nicht vor Gott bestehen kann. Jeder kann das. Denn jeder kann doch wenigstens schweigen, solange er noch nicht fehler- und sündenfrei reden gelernt hat. Schweigen aus Liebe! Und wenn wir uns doch wieder einmal vergessen haben und im Reden gefehlt haben sollten, dann versäumen wir es nicht, uns selbst doch wenigstens eine kleine Buße aufzuerlegen, damit Gott sieht, daß es uns ernst ist und wir aufrichtig gewillt sind uns zu bessern! 

Und noch ein Letztes. Wenn wir mit unseren Worten Schaden angerichtet haben, dann sind wir auch zur Wiedergutmachung verpflichtet. Jeder Schaden muß wiedergutgemacht werden. Im Zusammenhang mit materiellen Dingen leuchtet das jedem ein. Dafür schließ man eine Haftpflichtversicherung ab. Deshalb ist jeder geneigt, den Schaden, den er selbst angerichtet hat, nach Möglichkeit wieder gut zu machen. Hinsichtlich des Schadens, der aus Worten entsteht, ist das leider nicht allen so klar. Üble Nachrede und Verleumdungen verlangen eine Richtigstellung! Ungerechte Anschuldigungen und Beleidigungen verlangen nach einer Entschuldigung! Ansonsten besteht die begründete Furcht, daß Gott, obwohl wir im Bußsakrament von unseren Zungensünden losgesprochen werden, Selbst eine gerechte Buße festsetzen wird.

Selig der Mensch, der sich nicht mit seinem Munde verfehlt!“ (Sir 14, 1). Blicken wir schließlich noch auf einen solchen Menschen. Blicken wir, wie es sich ganz besonders für den Monat Mai gebührt, auf das Beispiel der allerseligsten Jungfrau Maria. Die lauretanische Litanei preist sie als „speculum iustitiae“ – als den „Spiegel der Gerechtigkeit“. Auch Maria ist ein Spiegel, der uns das Ideal der Worte Gottes, lebendig im Fleisch verwirklicht, vor Augen stellt. Das Evangelium berichtet uns nicht viele Worte aus dem Mund der Gottesmutter; nur daß sie zunächst schwieg und nachdachte, ehe sie dem Erzengel Gabriel ihre wohlüberlegte Antwort gab. Sie ist die verschwiegene Jungfrau. Die Jungfrau, die denkt, bevor sie redet! Hätten wir doch ihr Tugendvorbild stets vor Augen! Deshalb wollen wir sie anrufen: Maria, Du „Spiegel der Gerechtigkeit – bitte für uns.“ Amen.

4. Sonntag nach Ostern

Der Heilige Geist – Geist der Wahrheit – Unfehlbarer Beistand

Geliebte Gottes!

Das heutige Evangelium versetzt uns zurück in die Stunde des letzten Abendmahls. Unser Herr Jesus Christus spricht Seine Apostel auf ihre Traurigkeit an. Sie haben aus Seinen Worten bereits herausgehört, daß Er sie in Bälde verlassen, ja sogar sterben werde. Als Ihn die Zwölf aus betretenen Gesichtern anblickten sprach Er: „Ich gehe zu Dem der Mich gesandt hat, und niemand von euch fragt Mich: Wohin gehst Du? Vielmehr, weil Ich euch das gesagt habe, hat Traurigkeit euer Herz erfüllt“ (Joh. 16, 5 f.). Die Traurigkeit hatte die Apostel derart gelähmt, daß sie nicht dazu in der Lage waren diese wichtige Frage zu stellen. „Wohin gehst Du?“ Christus rügt sie sanft, weil sie sich, ganz vom Trennungsschmerz gefangen, nicht dafür interessieren, wohin Er gehe. Ohne diese Frage aber würden die Apostel nicht erfahren, daß Er zu Seinem Vater geht; daß Er in Seine Herrlichkeit eingeht und daß ihnen eben daraus der größte Nutzen erwachsen würde. Deshalb fährt Er fort: „Aber Ich sage euch die Wahrheit. Es ist gut für euch, daß Ich hingehe. Denn wenn Ich nicht hingehe, wird der Tröster nicht zu euch kommen. Gehe ich aber hin, so werde Ich Ihn zu euch senden“ (Joh. 16, 7).

Das Problem, welches die Apostel in diesem Augenblick hatten, war, daß sie unseren Herrn Jesus Christus auf eine zu menschliche Art und Weise liebten. Sie liebten Ihn. Sie liebten Ihn sehr. Das ist gut! Aber sie liebten Ihn zu menschlich, zu natürlich, zu selbstsüchtig. Sie wollten, daß Er für immer bei ihnen bliebe. Die letzten drei Jahre mit Jesus waren für die Apostel voller schöner Erinnerungen. Sie hatten mit Ihm die schönste Zeit ihres Lebens verbracht; haben Seine Lehre gehört, Seine Wundermacht gesehen und Seine staunenswerte Güte und Menschenfreundlichkeit bewundert. Deshalb wollten sie Ihn bei sich behalten. Faszinierende, besondere Menschen hat man immer gerne in seiner Nähe. Das ist eine ganz natürliche Reaktion. Aber diese Liebe, diese Anhänglichkeit an Ihn war zu menschlich. – Und gerade diese Anhänglichkeit an Seine unmittelbare menschliche Gegenwart ist der eigentliche Grund dafür, daß Christus Seine Jünger verläßt. Er mußte ihre Liebe reinigen, sie veredeln und vergeistigen, sie auf eine übernatürliche Ebene stellen. Anders könnten sie den Heiligen Geist nicht empfangen. Damit die Apostel an Pfingsten den Heiligen Geist empfangen können, mußte Christus sie verlassen! Der Heilige Geist sollte fortan den Platz an Seiner Stelle einnehmen. Dieser sollte die Kirche fortan durch Seine geistige Tätigkeit und durch Seinen unsichtbaren Beistand leiten. 

Die göttliche Person des Heiligen Geistes

Der Heilige Geist wird von Christus „Tröster“ genannt. Das bedeutet, daß der Heilige Geist jene, die Ihn empfangen, mit innerlicher Freude erfüllen wird, allen äußerlichen Trübsalen, Schmerzen und Leiden zum Trotz. – Damit ist auch ausgesagt, daß der Heilige Geist eine eigenständige Person in der Allerheiligsten Dreifaltigkeit ist. „Gehe ich aber hin, so werde Ich den Tröster zu euch senden“ (Joh. 16, 7). Unser Herr sendet einen Tröster. Ein Tröster ist immer eine Person; immer ein „Jemand“ und nicht nur ein „Etwas“. – Der Heilige Geist ist eine eigenständige Person, verschieden von der Person Christi. Unser Herr könnte den Heiligen Geist nicht senden, wenn Er nicht eine von Ihm verschiedene Person wäre. Senden kann man nur Jemand anders, nicht sich selbst. – Die Person des Heiligen Geistes wird von der Person des Sohnes gesandt. Das aber ist nur möglich, weil die Person des Heiligen Geistes von Ewigkeit her nicht nur aus der Person des Vaters hervorgeht, sondern auch aus der Person des Sohnes. Deshalb beten wir im Credo der hl. Messe im Hinblick auf den Heiligen Geist: „Qui ex Patre Filioque procedit – Ich glaube an den Heiligen Geist … der vom Vater und vom Sohn ausgeht.“ – Darin besteht der einzige Unterschied zwischen den drei göttlichen Personen. Wir bekennen, daß es nur einen einzigen Gott gibt, nur ein einziges göttliches Wesen. Aber daß drei Personen dieses und einzige göttliche Wesen vollkommen besitzen. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind gleichermaßen Gott; gleich ewig, gleich allwissend, gleich allmächtig usw. Der einzige Unterschied, den es zwischen den drei Personen gibt, findet sich in der unterschiedlichen Art und Weise der Beziehung bzw. des Hervorgehens der drei Personen auseinander: Der Vater ist ursprungslos. D.h. Er geht aus keiner der anderen beiden göttlichen Personen hervor. Die Person des Sohnes geht nur aus dem Vater hervor, und zwar auf die Weise der „Zeugung“. Der Heiligen Geistes schließlich geht als dritte eigenständige Person aus dem Vater und dem Sohn hervor, und zwar auf die Weise der „Hauchung“. Die drei göttlichen Personen unterscheiden sich also einzig und allein dadurch voneinander, daß der Vater aus keiner anderen Person hervorgeht; der Sohn nur aus einer Person – nämlich aus dem Vater; und der Heilige Geist aus zwei Personen – aus dem Vater und dem Sohn.

Sabellius und der Dialog der Weltreligionen

Im 3. Jahrhundert kam in der Christenheit eine Häresie auf. Ihr erster Vertreter hieß Sabellius, weshalb diese Irrlehre nach ihm „Sabellianismus“ genannt wurde. Diese Häresie behauptet, es gäbe in Gott nicht drei, sondern nur eine einzige Person. Die Bezeichnungen Vater, Sohn und Heiliger Geist seien nur menschliche Vorstellungen, die daher kämen, daß sich die eine göttliche Person dem Menschen im Laufe der Geschichte auf verschiedene Art und Weise geoffenbart hätte. Es verhielte sich so, als hätte sich die eine und einzige Person Gottes wie ein Schauspieler abwechselnd drei verschiedene Masken aufgesetzt. Gott hätte nacheinander drei verschiedene Rollen gespielt, hinter denen sich aber in Wahrheit nur eine Person, ein Ich verbirgt: In der Schöpfung offenbare sich Gott als Vater; in der Erlösung als Sohn, im Werk der Heiligung als Heiliger Geist. Zur Zeit des Alten Bundes trug Gott die Maske des Vaters, bis zur Himmelfahrt Christi die Maske des Sohnes und seit Pfingsten die Maske des Heiligen Geistes. Sabellius behauptete, es gibt nur einen einzigen Gott, der aber nur eine einzige Person, ein einziges Ich besitzt und sich verschiedener Erscheinungsformen in der Geschichte bedient. – Papst Kallistus (217-222) exkommunizierte Sabellius für diese Irrlehre und Papst Dionysius (259-268) verurteilte diese Häresie nochmals feierlich (vgl. Denz. 112-115). – Heute, im 20./21. Jahrhundert, lebt diese Häresie wieder auf. Seit dem 2. Vatikanum ist eben diese Idee des Sabellius die Grundlage für den Dialog der Weltreligionen: In Wirklichkeit verberge sich nämlich der eine und einzige Gott nicht nur hinter drei Masken. Die Requisitenkammer Gottes scheint nahezu unerschöpflich zu sein, denn bei allen Weltreligionen soll er jeweils eine andere gewählt haben. Das dogmatische Fundament des Dialogs der Weltreligionen gründet auf der Behauptung: Es gibt nur einen Gott, der aber je nach Epoche und je nach Kultur unter einer anderen Maske erschienen ist. Den Arabern habe er sich als Allah offenbart, den Indianern als Manitu, den Indern als Shiva und Vishnu, den Christen als Vater, Sohn und Heiliger Geist usw. Alle Weltreligionen verehrten zwar also verschiedene Masken, aber in Wirklichkeit doch den einen wahren Gott, der sich ja hinter jeder Religion verberge. Diese häretische Denkweise müssen wir im Hinterkopf behalten, wenn wir etwa die Texte des 2. Vatikanums lesen, die Reden und Ansprachen der Konzilspäpste hören oder ihre Handlungsweise verstehen wollen. Nur wenn wir den Sabellianismus im Hinterkopf behalten, verstehen wir, was sie uns eigentlich sagen wollen. Etwa das 2. Vatikanum selbst, wenn es höchstfeierlich in der Konstitution „Lumen gentium“ (Nr. 16) die Behauptung aufstellt: „Die Heilsabsicht [Gottes] umfaßt aber auch die, welche den Schöpfer anerkennen, unter ihnen besonders die Muslim, die … mit uns zusammen den einzigen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird“ (DH 4140). In der Erklärung „Nostra aetate“ (Nr. 3) „lehrt“ das 2. Vatikanum: „Mit Wertschätzung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat“ (DH 4197). Wenn wir den Sabellianismus im Hinterkopf behalten, dann verstehen wir auch, warum Johannes Paul II. und seine Nachfolger die Welt bereisen, um alle sich bietenden Gelegenheiten wahrzunehmen, dabei Synagogen, Moscheen und heidnische Tempel zu besuchen. Wir verstehen dann, warum die Konzilspäpste die Weltreligionen immer wieder nach Assisi zum gemeinsamen Gebet zusammenriefen. Jede Weltreligion sollte ihren eigen Kult vollziehen, weil ja alle Religionen angeblich in Wirklichkeit den einen und einzigen Gott ehren würden. Der Sabellianismus läßt uns auch Benedikt XVI. recht verstehen, als er 2009 bei seinem Besuch in Jordanien über die Moscheen folgendes gesagt hat: „Stätten des Kultes, wie diese prachtvolle … Al-Hussein-Bin-Talal-Moschee, erheben sich wie Juwelen über den ganzen Erdkreis. Die alten wie die modernen Stätten, die herrlichen wie die einfachen, sie alle verweisen auf das Göttliche, auf den Einen Transzendenten, auf den Allmächtigen. Und Jahrhunderte hindurch haben diese Heiligtümer [die Moscheen wohlgemerkt!] Menschen zu ihren heiligen Orten angezogen, damit sie dort verweilen, beten, sich der Gegenwart des Allmächtigen bewußt werden und erkennen, daß wir alle seine Geschöpfe sind“ (DT; 2009/56). Schließlich verstehen wir auch, warum Franziskus die heidnische Götzenfigur der Pachamama in den Petersdom tragen und verehren ließ und worauf seiner „Ansicht“ nach die Geschwisterlichkeit aller Menschen gründet, wie er in Abu-Dhabi erklärte. – Das sind keine übertriebenen Einzelaktionen, keine gedankenlosen Gesten, um sich der modernen Welt anzubiedern. Den Reden und Gesten der Konzilspäpste liegt eine Theologie zugrunde. Ihre Reden und Gesten entsprechen genau den Texten des sog. 2. Vatikanums. Sie fußen auf einem neuen Gottesbegriff, auf einem neuen Glauben. Grundlage ist nicht der katholische Glaube an den einen Gott in drei Personen, sondern der Glaube an den einen Gott in einer Person, der wie ein Schauspieler in jeder Epoche und Kultur eine andere Maske trägt und dabei die widersprüchlichsten und entsetzlichsten Rollen spielt. Wenn wir das verstanden haben, dann begreifen wir auch, was die Konzilspäpste mit „Neuevangelisierung“ meinen. Nicht die Verkündigung des Evangeliums, wie es die katholische Kirche alle Jahrhunderte hindurch getan hat, sondern die Verbreitung dieser neuen Auffassung, daß alle Religionen wahr und richtig sind; daß alle Religionen ihre Berechtigung, ja ihre Notwendigkeit haben. Denn jede verehrt zwar eine andere Maske, hinter der sich aber doch in Wirklichkeit der Gott aller verbirgt. Das ist genau das, was die meisten Menschen heute glauben. – Weil dieser Glaube einen Gottesbegriff hat, der sich wesentlich von dem der katholischen Offenbarungslehre unterscheidet, sollte eigentlich klar sein, daß der Gott, den die „konziliare Kirche“ und ihre Hierarchie verkündet, zu dem sie sich in den Dokumenten des sog. 2. Vatikanums bekennt und ihn anbetet, nicht der dreifaltige Gott ist, den die katholische Kirche bekennt und den wir als Katholiken anbeten. Damit ist klar, daß die Konzilsreligion nicht die katholische, sondern eine andere Religion ist! – Denn schon der hl. Paulus schärfte den ersten Christen ein: Die Götzen der Heiden sind Dämonen (vgl. 1. Kor. 10, 20 ff.)! Um den wahren Gott anzubeten, muß man Ihn in Seinen drei Personen anbeten. Dazu ist die Kirche in die Welt gesandt, um den dreifaltigen Gott zu verkünden: „Lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt. 28, 19).

Der Geist der Wahrheit

Nachdem Christus im heutigen Evangelium auf die Tätigkeit des Heiligen Geistes gegenüber den Ungläubigen eingegangen ist, indem Er den Aposteln erklärte, daß der Heilige Geist der Welt beweisen werde, daß es eine Sünde, eine Gerechtigkeit und ein Gericht gibt, hebt Er dazu an, dessen Wirken auf die katholische Kirche zu offenbaren. Er sagt: „Wenn aber jener Geist der Wahrheit kommt, wird Er euch alle Wahrheit lehren“ (Joh. 16, 12). Mit „alle Wahrheit“meint Christus nicht alle denkbare Wahrheit, etwa über Geographie, Chemie und Physik. Er meint damit alle Wahrheit, die zur Erlangung des ewigen Heiles der Seele notwendig ist. – Außerdem wird der Heilige Geist die gesamte Heilswahrheit auch nicht auf einmal lehren. Nach und nach wird Er sie in das rechte Verständnis einführen. Er beginnt an Pfingsten und wird damit im Laufe der Zeit fortfahren. Er wird die göttliche Wahrheit verdeutlichen, entfalten und vertiefen. Schon die Apostel wurden vom Heiligen Geist schrittweise in die Wahrheit eingeführt. Etwa daß auch die Heiden zur Gemeinschaft der katholischen Kirche zugelassen sind, war den Aposteln am Pfingsttag noch nicht klar. Auch die Erkenntnis, daß das jüdische Gesetz fortan nicht mehr befolgt werden muß, bedurfte einer gewissen Zeit, in welcher der Heilige Geist den Aposteln Schritt für Schritt die richtigen Schlußfolgerungen, die sich aus dem Tod, der Auferstehung und der Himmelfahrt Jesu Christi ergeben, aufzeigte. Und als mit dem Tod des letzten Apostels die Offenbarung abgeschlossen war, da betrachtete die Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes den großen Schatz der göttlichen Wahrheit, den sie von Gott anvertraut bekam. Sie legt ihn im Laufe der Jahrhunderte immer klarer offen. Oft wurde die Kirche durch das Auftreten von Irrlehren dazu gezwungen, das, was wirklich von Gott geoffenbart wurde, genauer zu untersuchen und durch noch klarere Erklärung gegen den Irrtum abzugrenzen. Gerade darin besteht sogar der Zweck der Häresien. Gott läßt Irrlehren zu: Erstens, um unsere Glaubenstreue zu prüfen; und zweitens, um die Wahrheit noch klarer als zuvor zur Geltung zu bringen.

Dabei ist jedoch besonders wichtig im Gedächtnis zu behalten, daß der Beistand des Heilige Geist gerade darin besteht, daß die Kirche unter Seinem Einfluß keine andere, keine neue Wahrheit verkünden kann. „Denn Er wird nicht von Sich selbst reden, sondern was Er hört, wird Er reden und das Zukünftige euch verkünden“ (Joh. 16, 13). Der Heilige Geist kann und wird keine andere Wahrheit verkünden als diejenige, welche Christus verkündet hat. Christus ist das fleischgewordene Wort, das uns aus dem Schoß des göttlichen Vaters Kunde gebracht hat (vgl. Joh. 1, 18). Christus ist die Wahrheit (vgl. Joh. 14, 6). Und deshalb ist der Heilige Geist, den Christus sendet, der „Geist der Wahrheit“. Die Wahrheit, die vom Heiligen Geist kommt, kann sich nicht von der Wahrheit unterscheiden, die Christus verkündet hat. Die Wahrheit ist immer dieselbe. Sie kann sich nicht ändern. Der Heilige Geist kann keine andere, keine neue Religion gründen. Er verkündet das, was Er vom ewige Wort, das vom Vater ausgeht, hört. Der Heilige Geist tut das, weil er aus dem Vater und dem Sohn gleichermaßen hervorgeht. Alle drei göttlichen Personen besitzen gleichermaßen das eine göttliche Allwissen. Deshalb ist Ihre Lehre widerspruchslos ein und dieselbe. „Er wird Mich verherrlichen, denn Er wird von dem Meinigen nehmen und euch verkünden“ (Joh. 16, 15).

Schlußfolgerungen im Hinblick auf die katholischen Kirche

Welche Schlüsse müssen wir aus diesem Evangelium ziehen? – 1. Die katholische Kirche lehrt mit göttlicher Autorität. – Weil die katholische Kirche den Beistand des „Geistes der Wahrheit“ besitzt, deshalb lehrt sie nicht mit menschlicher Autorität, sondern mit der Autorität Gottes selbst. Wir müssen insbesondere dem Statthalter Jesu Christi auf Erden, dem Papst, gehorchen „wie Gott“, wie Papst Leo XIII. lehrt. Wenn die katholische Kirche nicht über den Beistand des Heiligen Geistes verfügen würde, dann bestünde ihre Glaubwürdigkeit, wie bei jeder andere Religionsgemeinschaft auch, allein auf der Glaubwürdigkeit fehlbarer Menschen. Weil die katholische Kirche aber mit der unfehlbaren Autorität Gottes spricht, so verdient sie den Gehorsam der Gläubigen – in ihrer Glaubenslehre, in ihrem liturgischen Kult und in ihren sittlichen Vorschriften. Es kann darin nichts Mangelhaftes finden. Alles, was die katholische Kirche lehrt und vorschreibt, ist sinnvoll. Alles ist logisch. Alles ist wahr. – Warum? Weil sie die eine und einzige Kirche Gottes ist, deren Glaubwürdigkeit auf der Unfehlbarkeit Gottes Selbst gründet! – Ohne den Beistand des „Geistes der Wahrheit“ könnte und dürfte die katholische Kirche keinen derartigen Anspruch auf Gehorsam einfordern, wie sie es tut.

Aus demselben Grund ist die Kirche selbst unfehlbar und unwandelbar in ihrer Lehre, in ihrem Kult und in ihrer Disziplin. Die katholische Kirche muß unfehlbar sein! Das müssen wir gut verstehen. Warum muß die Kirche unfehlbar sein? Weil das ewige Heil der Seelen von ihrer Zuverlässigkeit abhängt! Könnte sie falsche Lehren verkünden, eine falsche Liturgie feiern und durch ihre Disziplin die Sünde zulassen oder gar vorschreiben, dann bestünde die Möglichkeit, daß die Seelen, gerade weil sie der Kirche Gehorsam leisten, sich selbst verdammen und zur Hölle fahren. Wenn das möglich wäre, so hätte Christus besser keine Kirche gegründet. Denn gerade dazu hat Er sie gegründet, damit die Seelen durch den Gehorsam leicht und zielsicher, d.h. unfehlbar zum Heil gelangen können. Das geht jedoch, nur wenn die Kirche absolut zuverlässig lehrt und gebietet, was tatsächlich zum Heil führt. Das ist nur möglich durch den unfehlbaren Beistand des Heiligen Geistes, der ihrer Weisung Gewißheit und göttliche Autorität verleiht.

Eine weitere Wahrheit, die wir aus dem heutigen Evangelium festhalten müssen ist: Die Kontinuität der Lehre. Die Lehre der Kirche Gottes kann sich nicht widersprechen und kann sich nicht ändern. Wenn der Heilige Geist der Geist der göttlichen Wahrheit ist, dann wird in der Kirche Gottes bis zum Ende der Welt ein und dieselbe göttliche Wahrheit vorgetragen. Daß die Konzilskirche, die auf dem sog. 2. Vatikanum gegründet wurde, nicht die katholische Kirche sein kann, erkennen wir gerade an dieser Tatsache. – Nicht nur aufgrund ihres sabellianischen Gottesbegriffs, das dem Ökumenismus und dem Interreligiösen Dialog zugrundeliegt, weicht die „konziliare Kirche“ von der überlieferten katholischen Doktrin ab. Sie tut es auch in sittlichen Fragen. Beispielsweise in der Moral über Ehe und Familie. Obwohl das konziliare Rom in der Kontroverse um das Dokument „Amoris laetitia“ behauptet hat, an der katholischen Lehre von der Ehe nichts geändert zu haben, geschah die Änderung auf der Ebene der pastoralen Praxis. Der Novus-Ordo-Priester kann solchen Personen, die durch „Wiederverheiratung“ öffentlich im Ehebruch leben, oder solchen, die in „wilder Ehe“ zusammenleben, die Erlaubnis zum hl. Kommunionempfang geben. Das ist nichts anderes als eine praktische Erlaubnis für Ehebruch und Unzucht. Es wird nicht ausdrücklich gelehrt, sondern es werden einfach Fakten geschaffen, die mit der Lehre in Widerspruch stehen. Bekanntlich prägt das Tun der Menschen ihr Denken: Was mir erlaubt ist zu tun, das ist auch gut. Denn wäre es nicht gut, dann wäre es ja verboten. Daraus ergibt sich: Wenn Unzucht und Ehebruch unter gewissen Umständen erlaubt ist, dann sind sie unter gewissen Umständen auch gut. – Auf diese Weise unterminiert die konziliare Praxis die katholische Glaubens- und Sittenlehre. Damit liefert die Konzilskirche aber gleichzeitig den Beweis, daß sie nicht in der Kontinuität der unveränderlichen Wahrheit steht und unmöglich den Beistand des Heiligen Geistes besitzen kann. Weil aber die katholische Kirche immer über den Beistand des Heiligen Geistes verfügt, ist eben dadurch bewiesen, daß die Konzilskirche nie und nimmer die katholische Kirche sein kann. 

Drittens folgt aus der Lehre vom göttlichen Beistand, daß einer kirchlichen Hierarchie, die uns eine neue Religion, d.h. eine andere, eine neue Glaubenslehre, einen neuen Kult und eine neue Disziplin vorlegt, nicht nur der göttlichen Beistand mangelt, sondern daß die Vertreter der konziliaren Hierarchie deshalb auch unmöglich Papst und Bischöfe der katholischen Kirche sein können. Wohlgemerkt! Denn nicht der katholischen Kirche ganz allgemein, sondern gerade dem Papst und den mit ihm in Einheit stehenden Bischöfen ist der Beistand des Heiligen Geistes zugesichert. Und deshalb ist es ganz und gar ausgeschlossen, daß ein wahrer Papst mit seiner Hierarchie von der katholischen Wahrheit abweichen kann. – Warum bestehen wir also auf der Feststellung, daß wir in einer Zeit der Sedisvakanz leben? Weil die Kontinuität der wahren Lehre in der Konzilskirche zerbrochen ist. Man kann die Irrtümer des sog. 2. Vatikanums nicht mit der Lehre der katholischen Kirche in Einklang bringen. Würde man die Konzilskirche mit der katholischen Kirche identifizieren, was heute leider die meisten Menschen tun, dann würde man einschlußweise behaupten: Entweder, daß die katholische Kirche nicht den Beistand des Heiligen Geistes besitzt. Das würde aber bedeuten, daß Christus ein Lügner und Betrüger war! Denn Er hat doch der Kirche, wie wir dem heutigen Evangelium entnehmen, den „Geist der Wahrheit“ verheißen. Diese Annahme führt also zu einer Gotteslästerung. Die andere Schlußfolgerung, die sich aus der Gleichsetzung der Konzilskirche mit der katholischen Kirche ergäbe, ist nicht minder anstößig. Es würde bedeuten, daß die gesamte katholische Lehre eine willkürliche, zusammenhanglose Doktrin ist, die sich beliebig ändern läßt, wie es die Erfordernisse der Zeit verlangen. Es würde bedeuten, daß es möglich ist, daß eine Pastoral der Sünde trotz des Beistandes des Heiligen Geistes möglich ist. Ja, daß der Heilige Geist der Kirche sogar dazu beistehen könnte, um die Sünde gutzuheißen! Das ist genauso Blasphemie! – Nein, es ist offensichtlich: Die Modernisten sind Eindringlinge, sind Hochstapler, welche die Machtstrukturen der katholischen Kirche erobert haben und besetzt halten. Sie zerstören das Seelenheil und verdunkeln die Sichtbarkeit der Kirche in der Welt. Auf sie trifft das Wort des hl. Paulus an die Galater zu: „Selbst wenn ich oder ein Engel des Himmels käme, um euch ein anderes Evangelium zu verkünden als das, was wir euch verkündet haben, der sei ausgestoßen (anathema sit)“ (Gal. 1, 8). Die Modernisten lehren ein anderes Evangelium und sind deshalb automatisch aus der Kirche ausgestoßen. Und der hl. Kirchenlehrer und Kardinal Robert Bellarmin macht die Anwendung auf einen „häretischen Papst“, wenn er über einen solchen sagt (vgl. „De Rom. Pont.“ II,30): Wenn ein Häretiker aber nicht mehr Teil der Kirche ist, wie könnte er dann gleichzeitig ihr Oberhaupt sein? Ein Irrlehrer kann nicht Papst sein! – Warum? Weil das Papstamt gerade durch den Beistand des Heiligen Geistes und die aus ihm fließende göttliche Autorität definiert ist! Das macht gerade den Papst aus, daß er den Beistand des Heiligen Geistes besitzt und mit der Autorität Gottes spricht. Deshalb besitzt er den Primat, dem sich alle um ihres Heiles willen unterwerfen müssen. – Die Wahrheit der Glaubenslehre ist eben aufs engste mit dem Beistand des Heiligen Geistes und der katholischen Kirche in ihrem Oberhaupt verbunden. Katholische Kirche, göttliche Wahrheit und der Beistand des Heiligen Geistes. Diese drei Dinge können nicht voneinander getrennt voneinander sein. In der katholischen Kirche findet sich stets die göttliche Wahrheit, weil sie den Beistand des Heiligen Geistes hat und der „Geist der Wahrheit“ bis zum Ende der Welt nicht von ihr weichen kann.

Was haben wir zu tun? – Zweifelsohne müssen wir zum Heiligen Geist um Gelehrigkeit beten. Wir müssen Ihn anflehen, daß Er der katholischen Kirche wieder einen Papst schenke, der Bischöfe aussendet, welche die Herde der Gläubigen zuverlässig in der Wahrheit weiden. Wir müssen den Heiligen Geist anflehen, daß wir den katholischen Glauben, solange das Elend der papstlosen Zeit weiter anhält, bewahren können; daß wir fügsam die Anregungen Seiner sieben Gaben aufnehmen und folgsam gegenüber den Einladungen Seiner helfenden Gnade handeln. Bitten wir in diesen Anliegen, den Monat Mai über, auch ganz besonders die makellose Jungfrau und Gottesmutter Maria, „Braut des Heiligen Geistes“, um ihre Fürbitte. Amen.

Fest des hl. Evangelisten Markus

Der Jünger des Herrn

Geliebte Gottes!

Der hl. Evangelist Markus erscheint unter den vier Evangelisten meist als der farbloseste Charakter. Von ihm ist den meisten Katholiken nur wenig bekannt. – Vom hl. Matthäus wissen wir, daß er Zöllner war, ehe ihn der Herr von der Zollstelle weg zu Seinem Apostel berief. Er hat das erste Evangelium verfaßt. Vermutlich in hebräischer Sprache. Denn es richtet sich in erster Linie an die Angehörigen des jüdischen Volkes. Mit dem Stammbaum Jesu am Beginn seines Berichtes versuchte er insbesondere die wahre Menschennatur des Gottessohnes nachzuweisen. Deshalb wurde ihm aus den vier Symbolen der Evangelisten das Menschengesicht zugeordnet. – Vom hl. Lukas wissen wir, daß er ein gebildeter Grieche war. Er war Arzt. Außerdem wissen wir von ihm, daß er mit der akribischen Gründlichkeit eines Wissenschaftlers genaue Nachforschungen über Jesus Christus angestellt hat, die er in seinem Evangelium zusammengetragen hat. Er hat den Herrn zwar nicht persönlich gekannt, wohl aber Seine Mutter, die Jungfrau Maria. So wäre es zu erklären, daß uns das dritte Evangelium einen so großen Einblick in die Kindheit des Erlösers gewährt. Sein Symbol ist der Stier. – Vom hl. Apostel und Evangelisten Johannes wissen wir schließlich, daß er der Jüngste unter den Zwölfen war, der Jungfräuliche, der Lieblingsjünger, der dem Herzen Jesu wie kein zweiter nahe stand – nicht nur beim letzten Abendmahl. Sein Evangelium ist das vierte und letzte. Es entstand erst um die Jahrhundertwende, als Johannes bereits ein Greis war. Es ist geprägt von großem Tiefgang. Wie ein Adler, das Symbol des Johannes, am Himmel kreist, so kreisen die Gedanken seines Evangeliums um das Geheimnis der Gottheit Jesu Christi und geben uns tiefere Einblicke in Seine Präexistenz, Seine Einheit mit dem Vater und die Wirkungsweise des Heiligen Geistes. Das Johannesevangelium ist eine Ergänzung zu den damals bereits bestehenden drei anderen Evangelienberichten. Deshalb läßt es Bekanntes weg und füllt statt dessen bestehende Lücken aus. – Was aber wissen wir vom hl. Markus, außer daß sein Symbol der Löwe ist?

Herkunft & Familienbande

Im Neuen Testament wir Markus zehnmal an Rande erwähnt. Immerhin! – Ähnlich wie der Völkerapostel über einen zweifachen Namen verfügte – sein jüdischer Name war „Saulus“, sein lateinischer Name „Paulus“ – so war es auch bei Markus. In der Heiligen Schrift wir er teils nur mit seinem hebräischen Namen „Johannes“, teils nur mit seinem römischen Namen „Markus“, teils mit dem Doppelnamen „Johannes Markus“ benannt. Wie beim hl. Paulus trat der hebräische Name auch bei ihm allmählich in den Hintergrund, so daß er später in Rom ausschließlich als Markus bekannt war.

Markus war Jude; genauer aus dem Stamme Levi. Das arabische Synaxárion der koptischen Kirche gibt als Vater des Markus einen gewissen Aristobul an. Die Heilige Schrift erwähnt nur seine Mutter, und die Art und Weise, wie das geschieht, läßt darauf schließen, daß der Vater wohl schon bald nach dem Gründonnerstag gestorben sein mußte. Auch die beste Mutter kann den Vater nicht ganz ersetzen. Es fehlt ihr die feste, zielstrebige und wenn nötig auch harte Hand, die für die Entwicklung eines heranwachsenden Jugendlichen, wie es Markus damals gewesen ist, zuträglich gewesen wäre. Der Mangel an innerer Sicherheit, Konsequenz und Härte in der Erziehung scheint sich auch später bei Markus negativ ausgewirkt zu haben. Die Mutter des Markus trug den Namen Maria. Sie war eine fromme, gebildete und reiche Frau. Sie war auch über den Tod ihres Mannes hinaus noch derart begütert, daß sie ein großes Stadthaus in Jerusalem besaß, das ihr frommer Sinn der jungen Christengemeinde für die gottesdienstlichen Versammlungen zur Verfügung stellte. Der Kirchenhistoriker Nikephorus berichtet, sie sei eine „Schwester“ des hl. Petrus gewesen. Genauer: „Eine Tochter der Tante der Frau des Petrus.“ Ein verwandtschaftliches Verhältnis zum hl. Petrus würde auch später dessen offensichtliches Wohlwollen gegenüber Markus gut erklären. Maria war sehr begabt und unterrichtete ihren Sohn Markus selbst in mehreren Fremdsprachen: in Griechisch, Lateinisch und natürlich Hebräisch, wie wiederum das Synaxárion zu berichten weiß. Diese Sprachkenntnisse waren die Grundlage für den späteren Dienst des Markus als Dolmetscher der Apostel.

Die Heilige Schrift erwähnt noch eine weitere verwandtschaftliche Bindung des Markus. Er war der „anepsiós“, also der Vetter bzw. der Neffe des Barnabas. Der Apostel Barnabas, den die Apostelgeschichte selbst als „vortrefflichen Mann voll des Heiligen Geistes und des Glaubens“ (11, 24) rühmt, wäre demnach der Onkel des Markus gewesen; wahrscheinlich väterlicherseits, da er nach dem ausdrücklichen Zeugnis der Schrift auch dem Stamme Levi zugehörte (vgl. Apg. 11, 24). Aus der Apostelgeschichte geht außerdem hervor, wie gütig und treu Barnabas zu seinem Neffen Markus stand, dem er vielleicht eine Art Vaterersatz sein wollte. Lieber ließ Barnabas später seine Freundschaft mit dem hl. Paulus in die Brüche gehen, als daß er von der Seite des Markus gewichen wäre.

Das äußere Erscheinungsbild des Evangelisten beschreiben die Markusakten, eine Schrift aus der Mitte des 4. Jahrhunderts, mit den Worten: „Er war von edler Haltung und gewandt. Er hatte schöne Augen und ein Gesicht goldfarben wie ein Weizenfeld. Nicht eine gebogene, sondern eine gerade Nase und zusammengewachsene Augenbrauen.“

Trägt man diese verschiedenen kleinen Mosaikstücke zusammen, so ergibt sich daraus folgendes Gesamtbild: Markus stammte aus wohlhabendem Haus, war gebildet, von sympathischem Äußeren, umsorgt und der Liebling aller. Ob des Verlustes seines Vaters scheint er, wegen des Mitgefühls seiner Umwelt, etwas verwöhnt worden zu sein.

Das Elternhaus

Wieviel kommt doch darauf an, in welchem Haus ein Mensch aufwächst! Ein frommes Elternhaus kann für einen Menschen sehr segensreich, eine religiös gleichgültiges Haus hingegen zu großem Unheil werden. – Nach sehr alter und glaubwürdiger Überlieferung befand sich im Jerusalemer Haus seiner Mutter jenes Obergemach, in dem unser Herr Jesus Christus die Feier des letzten Abendmahles anberaumt hatte; wo Er Sich drei Tage später am Osterabend bei verschlossenen Türen erstmals Seinen Aposteln in der Herrlichkeit Seines verklärten Auferstehungsleibes zeigte; wo 50 Tage später der Sturmwind des Heiligen Geistes an Pfingsten wehte. Jenes Haus, welches den Gläubigen auch später, bis zur Verfolgung des Herodes Agrippa, gleichsam als erste Kirche für ihre Versammlungen diente (vgl. Apg. 12, 12). Das Stadthaus der Maria erhielt darum den Ehrentitel „Mutter aller Kirchen“, „Heiliges Sion“, „Kirche der Apostel“. Einige der wichtigsten Ereignisse der christlichen Religion fanden demnach im Elternhaus des hl. Markus statt. Und Markus war dabei. Freilich nicht unmittelbar in den Kreis der Apostel und Jünger Jesu einbezogen, aber doch als Sohn des Hauses zugelassen. Wer hätte den Sohn der gastfreundlichen Hausfrau auch schon verscheuchen wollen? Still, staunend, nur Auge, nur Ohr erlebte Markus den Sohn des Allerhöchsten aus allernächster Nähe und in ungezwungener Atmosphäre, fernab der Volksaufläufe und des Massenandrangs. Er erlebte die heiligsten Stunden und Wochen, da Jesus im Haus seiner Eltern so wundersam aus und ein ging. 

Alles begann am Gründonnerstag, als ihm die beiden Apostel Petrus und Johannes vom Brunnen weg, wo Markus Wasser geholt hatte, durch alle Straßen bis zu seinem Elternhaus gefolgt waren. Einige Ausleger identifizieren jenen jungen Mann mit dem Wasserkrug, den Christus Seinen beiden Aposteln als Erkennungszeichen gegeben hatte, mit dem jungen Markus: „Geht in die Stadt! Dabei wird euch ein Mann begegnen, der einen Wasserkrug trägt. Dem folget! Wo er dann hineingeht, da sagt dem Hausherrn: Der Meister spricht: Wo ist meine Herberge, worin Ich das Osterlamm mit meinen Jüngern essen kann? Der wird euch dann einen großen, mit Teppich ausgelegten Obersaal zeigen. Dort richtet her für uns!“ (Mk. 14, 13-15). Vielleicht half Markus den beiden von Christus gesandten Aposteln Petrus und Johannes mit freudiger Hilfsbereitschaft beim Herrichten des letzten Abendmahles, wie er ihnen später auch dabei helfen würde, die Ankunft des wahren Osterlammes in den Seelen der Menschen vorzubereiten. – Am Abend kam Jesus mit den übrigen zehn Aposteln. Nach der Begrüßung zog Maria ihren Markus vom Kreis der Männer weg. Aber wer hätte es ihm übel genommen, wenn er ganz von der Gestalt des stadtbekannten Jesus von Nazareth in Bann geschlagen, bald wieder vor der verschlossenen Tür des Saales stand. Er hörte feierliche Worte, von ferne nur, nicht so nahe wie der Lieblingsjünger, der sie später aufschrieb. Er fuhr erschreckt zurück, als Judas die Türe aufriß und an ihm vorbeistürmte. Er hörte wach im Bett die verhallenden Schritte der Apostel, als sie mitten in der Nacht das Haus wieder verließen, um sich zusammen mit ihrem Meister zum Gebet an den Ölberg zu begeben. 

Der Freund Jesu

Markus selbst hatte in seinem Evangelium eine an sich belanglose Einzelheit jener Nacht festgehalten, die sich nur in seinem Bericht findet. Wir lesen bei der Gefangennahme Jesu im Garten Gethsemane: „Hierauf ließen Ihn alle [Apostel]im Stich und flohen. Ein Jüngling aber, der nur ein Linnentuch auf dem bloßen Leibe trug, folgte Ihm. Als man ihn ergreifen wollte, ließ er das Linnentuch los und floh nackt davon“ (Mk. 14, 50). Allgemein wird angenommen, daß sich der hl. Markus an dieser Stelle selbst in seinem Evangelium verewigt hat, so wie sich gelegentlich ein Künstler in eines seiner Gemälde einzeichnet. Noch im Mittelalter erinnerte jedenfalls ein Markuskirchlein auf dem Ölberg an diese Begebenheit. Wieviel verrät uns doch dieses Selbstporträt? – Markus hatte in der Nacht auf Karfreitag nicht schlafen können. Er spürte die Spannung, die über diesem Abend lag. Manche Silbe der Abschiedsreden Jesu hatte er vielleicht aufgeschnappt, und im Halbschlaf war es ihm, als ob auf der Straße vor seinem Fenster Schwerter klirrten und Soldaten marschierten. Heimlich stahl er sich aus dem Haus; nur mit seinem dünnen Bettuch und der nächtlichen Finsternis bekleidet. Von der Dunkelheit geschützt fand er am Ölberg ein Versteck. Verwirrt hörte er das flehentliche Gebet Jesu: „Abba, Vater, alles ist Dir möglich; nimm diesen Kelch von mir hinweg! Doch nicht, was Ich will, sondern was Du willst!“ (Mk. 14, 36). Er vernahm das Schnarchen der Jünger und das Lärmen der herannahenden Häscher. – Dieses erste und einzige Mal, da Markus im Evangelium auftritt, wird seine Anhänglichkeit an Jesus offenbar. Die Apostel „flohen“. Selbst Petrus und Johannes folgten nur „von ferne“. Markus aber hielt sich dicht bei Jesus. So dicht, daß er in den Fackelschein geriet und ihn das Leuchten des dünnen weißen Leinentuches, womit er seine Blöße notdürftig bedeckt hatte, verriet. Die Soldaten griffen nach dem jüngsten und letzten Freund Jesu. Sie packten ihn, zerrten an ihm. Er ließ das Laken, das einzige, was er in diesem Augenblick besaß, los. Seine Entblößung weist bereits wie ein Sinnbild in die Zukunft des Jungen hin: Markus, das umhegte, gepflegte Muttersöhnchen, wird um Jesu willen alles verlassen und durch seine Loslösung von allem Irdischen beweisen, daß er ein echter Jünger Jesu Christi ist, den die Welt nicht zurückhalten, nicht packen und festhalten kann.

Der Geist des Jünger Christi

Zwei Charakteristika des Jüngers Jesu Christi wurden in dieser Nacht an Markus sichtbar, die auch der Herr im heutigen Evangelium benennt: „Ich sende euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe“ (Lk. 10, 3). Nicht Wolf gegen Wolf; oder Wolf unter Wölfen, sondern Lamm unter Wölfen ist der Jünger Jesu. Er kämpft nicht mit gleichen Waffen wie die Gegner. Er kämpft nicht mit Gewalt gegen Gewalt, nicht mit List gegen List, nicht mit größeren Finanzen oder stärkeren Organisationen, sondern mit der Nähe zu Jesus. Je näher der Jünger dem Meister ist im Gebet, in der Nachahmung Seiner Friedfertigkeit, Duldsamkeit und Opferbereitschaft, um so unangreifbarer ist er für die Welt. Damit ist aber auch klar, daß der wahre Jünger Christi in der Welt ein Fremdkörper ist, wie ein Lamm unter den Wölfen. Anders als die andern, fremdartig, auffallend. Es ist das Normale, daß die katholische Kirche und die Katholiken vor dem Staat ohnmächtig dastehen, hoffnungslos ausgeliefert, menschlich gesehen erledigt, einzig und allein gehalten und erhalten von der Kraft des Glaubens und der Macht Gottes.

Das andere Kennzeichen Seiner Jünger beschreibt der Herr mit den Worten: „Tragt weder Beutel, noch Tasche, noch Schuhe“ (Lk. 10, 4). In der Jüngerschaft Jesu geht es nicht um menschliche Sicherung und das Anlegen von großen Vorräten, nicht um möglichst gute Ausstattung, nicht um das Einplanen jeder erdenklichen Situation, nicht um ein Gerüstet-Sein für alle Eventualitäten. Nicht auf irdische Mittel darf der Jünger des Herrn seine Hoffnungen setzen, sondern auf die übernatürlichen. Der Jünger Jesu soll schlicht und einfach, so wie er ist, zum Mitmenschen gehen, ohne viel Drum und Dran, ohne besondere Aufmachung und Ausstattung. Nur mit dem Glauben und Vertrauen eines Jüngers kann der Mensch zum Werkzeug Gottes werden. – Die Nacht am Ölberg war für Markus der Beginn seiner Jüngerschaft. In dem Jungen mußte der Geist des Jüngers noch einwurzeln. Aber der Same war aufgekeimt; bereit, um hundertfältige Frucht zu bringen.

Eine Bemerkung des Papias von Hierapolis, eines angesehenen Schülers des hl. Apostels Johannes, scheint zu behaupten, daß Markus unseren Herrn Jesus Christus überhaupt nicht gekannt haben soll. Er sagt: „Markus hat nämlich weder den Herrn gehört, noch Ihn begleitet.“ „Er hat den Herrn nicht im Fleische gesehen und Ihn auch nicht gehört“ (Euseb.; PG 20, 299 f.). Aber dieses und ähnlich alte Zeugnisse, die Markus als Evangelisten (!) im Auge haben, wollen wohl nur aussagen, daß er nicht wie die Evangelisten Matthäus und Johannes unmittelbarer Augen- und Ohrenzeuge der im Evangelium berichteten Begebenheiten gewesen sei. Markus hat den Herrn gesehen, aber noch mit den Augen eines Jugendlichen, nicht mit denen eines reifen Mannes. Die Glaubwürdigkeit und Autorität seines Evangeliums beruht deshalb nicht in seiner persönlichen Zeugenschaft wie bei Matthäus und Johannes, sondern in dem treuen Dienst, den er später dem hl. Apostel Petrus in Rom leisteten würde. Das ist es, was der ehrwürdige Papias sagen wollte.

Der „Begleiter“ des hl. Paulus

Zunächst aber sollte sich Markus seinem Onkel Barnabas und dessen Freund Paulus auf eine Mission nach Zypern anschließen. Als Markus jedoch als Großstadtmensch und Muttersöhnchen die Strapazen der ersten Missionsreise zu viel wurden, da verließ er die beiden Apostel eigenmächtig und kehrte nach Jerusalem zu seiner Mutter zurück. Dadurch fiel Markus in den Augen des hl. Paulus in Ungnade. Obwohl sich später sein Onkel Barnabas abermals für Markus als Begleiter auch auf der zweiten Missionsreise erklärte, lehnte ihn Paulus vehement und unerbittlich ab. Deshalb entbrannte ein heftiger Zwist, woran die Freundschaft der beiden Apostel zerbrach. Dieser Schreckschuß, den der strenge Völkerapostel dem jungen Markus versetzte, hatte sich in der Folge heilsam ausgewirkt. Markus wurde vor das unerbittliche Entweder-Oder eines Jüngers Jesu gestellt: Entweder ganz oder gar nicht! Entweder Mann oder Memme! Der hl. Johannes Chrysostomus sagt: Diese Lektion „hat ihn gebessert“. – Doch brachte diese Episode nicht nur eine Gesinnungsänderung mit sich, sondern auch eine entscheidende Wendung im Leben des Markus. 

Der Diener Petri

Aufgrund seiner Weichlichkeit war er als Missionar für die zukünftigen Reisen des hl. Paulus ausrangiert. Da nahm sich der hl. Petrus des sprachbegabten jungen Mannes an. Der Papst nahm ihn mit sich nach Rom, um sich seiner als Dolmetscher und Sekretär zu bedienen. Am Schluß des ersten Briefes, den Petrus von Rom aus an die kleinasiatischen Gemeinden sandte, lesen wir: „Es grüßt euch die mit auserwählte Gemeinde in Babylon [d.h. Rom] und Markus, mein Sohn“ (1. Petr. 5, 13). Clemens von Alexandrien weiß aus dieser Zeit zu berichten, daß Markus von Offizieren am römischen Kaiserhof gebeten wurde, die Lehrvorträge, welche ihnen von Petrus gehalten worden waren, aufzuschreiben. Als Petrus davon erfuhr, habe er Markus weder daran gehindert, noch ihn dazu ermuntert, doch hatte Petrus das vollendete Evangelium ausdrücklich genehmigt, wie wiederum Eusebius von Cäsarea wußte, und zur Verlesung in den Kirchen bestimmt. So weisen die ältesten kirchlichen Schriftsteller einmütig darauf hin, daß das Markusevangelium nicht seine eigenen Erfahrungen oder Forschungsergebnisse beinhaltet, sondern einzig das Echo der Predigt des hl. Petrus in Rom darstellt. – So ist es auch nicht verwunderlich festzustellen, daß im Markusevangelium im Vergleich zu den anderen Evangelien öfter und ausführlicher von Petrus die Rede ist. Wenn es aber um den Vorrang und die Privilegien des hl. Petrus geht, so wird Markus schweigsam. Zwar konnte er den Primat Petri unter den Aposteln als göttliche Setzung nicht verschweigen, doch scheint Markus nichts davon zu wissen, daß Petrus in einem Wunder auf dem Wasser des Sees wandelte; daß ihm durch ein Wunder die Steuer bezahlt wurde; daß ihm ein wunderbarer Fischfang das Boot bis zum Versinken füllte; daß ihm durch das Gebet Christi die Unfehlbarkeit im Glauben erwirkt wurde. Hingegen berichtet Markus die Schwächen des ersten Papstes überraschend deutlich. Bereist der hl. Johannes Chrysostomus hat auf die petrinische Demut des Markusevangeliums hingewiesen: „Markus, der Schüler des Petrus, hat … seine Verleugnung aufgeschrieben; das was angesehen machte, verschwieg er. Vielleicht hatte ihm sein Lehrer verboten, Großes in betreff seiner Person mitzuteilen.“

Nicht nur im Ölgarten, auch in seinem Evangelium erscheint uns der hl. Markus losgelöst; losgelöst von sich selbst. Nicht ihn hören wir aus seinem Bericht. Selbstlos nimmt er sich komplett zurück. Ja, selbst der Stil des Ausdrucks weist in seinem Evangelium auf Petrus hin. Eine Analyse des Wortschatzes und der Diktion fördert eine erstaunliche Entsprechung zutage. Die Ausdrucksweise des Markusevangeliums entspricht den beiden Briefen des hl. Petrus genauso wie dessen Reden, die uns der hl. Lukas in seiner Apostelgeschichte überliefert hat. Ohne an dieser Stelle auf weitere Einzelheiten eingehen zu wollen, läßt sich zusammenfassend sagen, daß das Markusevangelium die Ereignisse des Lebens Jesu derart lebhaft und anschaulich, hingegen weder systematisch noch chronologisch schildert; eben gerade so, wie man es von dem prompten sanguinischen Temperament des hl. Petrus erwarten würde, als er den Römern die Frohe Botschaft von Jesus Christus verkündete.

Der Blutzeuge

Als der hl. Paulus erstmals gefangen nach Rom kam, suchte Markus ihn auf und gewann das einst verscherzte Vertrauen des Völkerapostels wieder zurück. Er hatte sich inzwischen als zuverlässig bewährt. Und so bediente sich seiner der hl. Paulus, sandte ihn nach Kolossä in Kleinasien, von wo aus der Evangelist nach einiger Zeit Ägypten besuchte, dort die erste Christengemeinde in Alexandria gründete, wo er auch das Bischofsamt versah. Als die Neronische Verfolgung in Rom losbrach und die beiden Apostelfürsten Petrus und Paulus erneut im Kerker gefangengehalten wurden, da sehnte Paulus den Neffen seines alten Freundes Barnabas in seinem zweiten Brief an Timotheus (vgl. 4, 11) herbei. Markus scheint auch tatsächlich nochmals nach Rom gekommen zu sein, um den ersten Papst und den Völkerapostel vor ihrem Martertod nochmals zu sehen. Er selbst erlitt in Alexandria im achten Jahr des Nero den Martertod, wie uns das Römische Martyrologium versichert. Später wurden seine Reliquien nach Venedig überführt, wo sie heute im den ihm geweihten Dom der Markusstadt aufbewahrt werden.

Johannes Markus hat Jesus gekannt, Paulus begleitet, Petrus gedient und wurde auf diese Weise nicht nur ein wahrer Jünger des Herrn, sondern auch Vorbild für jeden echten Katholiken. Denn jeder Katholik muß Jesus kennen; jeder Katholik muß das Missionswerk der Kirche begleiten – wenigstens mit seinem Gebet und Opfer; und jeder Katholik, der diesen Namen zu recht trägt, muß dem Nachfolger Petri gehorsam dienen. Jeder nach seinen Fähigkeiten und Begabungen, als wahrer Jünger des Herrn. Amen.

Gut-Hirten-Sonntag

Die guten Hirten

Geliebte Gottes!

Das Bild vom Hirten und von den Schafen wird schon im Alten Testament häufig gebraucht, um die Beziehung von Gott zum Seinem auserwählten Volk zu beschreiben. Aber auch die König, Fürsten und die Priesterschaft der orientalischen Kulturen sahen sich im Bild des Hirten, der seine Herde weidet. Daran knüpft unser Herr Jesus Christus in Seiner Hirten-Rede an. Diese ist bei weitem umfangreicher als das heutige Evangelium, das uns nur einen kurzer Auszug daraus wiedergibt. Viele Einzelheiten des Umgangs eines Hirten mit seinen Schafen lassen sich nämlich übertragen auf das Verhältnis insbesondere des Seelsorgers zu seiner Gemeinde und auch des Familienoberhauptes, des Vaters, zur Familie. 

Die Hirten haben die Verantwortung für die Schafe. Sie müssen besorgt sein für ihr Wohlergehen und ihren Schutz. Wenn sie sich verletzt oder ein Glied gebrochen haben, so müssen die Hirten es verbinden. Wenn sich ein Schaf verlaufen hat, müssen sie es suchen. Wenn die Tiere unbekümmert auf den Abgrund zusteuern, müssen die Hirten sie davor zurückhalten. – Die Hirten kennen ihre Herde. Sie führen die Schafe auf die Weide, dort finden sie Nahrung. Wenn dann der Abend hereinbricht, dann treibt sie der Hirt in den Pferch. Dort finden die Schafe Schutz vor Dieben und räuberischen Tieren, während die Hirten des Nachts abwechselnd Wache halten. 

Die Diebe

Bevor unser Herr Jesus Christus in Seiner Rede über den guten Hirten spricht, kommt Er zuvor auf die schlechten zu sprechen: Er nennt sie Diebe und Räuber. Darunter sind all jene zu verstehen, die neben Christus auftreten und in Konkurrenz zu Ihm um die Gunst der Seelen buhlen. Sie geben vor, um das Wohl der Schafe besorgt zu sein, ihnen Gutes zu tun, ihnen „Heil“ zu bringen. Doch tatsächlich sind sie falsche, verderbliche Hirten, welche die Einheit der Herde spalten, indem sie Zwietracht säen, die Schafe auseinandertreiben, zerstreuen und verderben. Die Propheten des Alten Testament haben wiederholt vor den schlechten Hirten und ihren selbstsüchtigen Motiven gewarnt. Beim Propheten Jeremias heißt es etwa: „Wehe den Hirten, die die Schafe meiner Weide sich verirren und sich zerstreuen lassen!“ (Jer. 23, 1). Und beim Propheten Ezechiel lesen wir: „Wehe den Hirten, welche sich selber weiden!“ (Ez. 34, 2). Das Wort, daß die konkurrierenden Hirten Diebe und Räuber sind, hat grundsätzlichen Sinn. Alle, die nicht mit der Stimme Christi sprechen, d.h. die ihre Schutzbefohlenen nicht nach den Grundsätzen der katholischen Glaubens- und Sittenlehre führen, sondern dieselben umdeuten und verfälschen, sind falsche Hirten und Verführer der Seelen. Auf kirchlichem Gebiet sind darunter die Schismatiker zu verstehen, die ohne kirchlichen Auftrag die Seelen von der Einheit der Kirche Christi, welche allein die katholische Kirche ist, zu lösen versuchen. Sie sind Irrlichter, sind falsche, sind nicht von Gott berufene Hirten. Unrechtmäßig bemächtigen sie sich der Seelen und werden deshalb von Christus zurecht Diebe genannt. Sie rauben, was Gott gehört. Sie stehlen aus dem einen Schafstall Christi, was unser göttliche Erlöser durch Sein kostbares Blut teuer erkauft hat.

Die Tür zum Schafstall

In Gegensatz zu den Dieben und Räubern stellt Christus Sich Selbst. Er nennt sich „die Tür“; die Tür zum Schafstall. – Was ist damit gemeint? Unser Herr Jesus Christus ist die Tür zu den Schafen. D.h. wer zu den Schafen gehen will und ihr Heil befördern will, der muß durch diese Tür hindurchgehen. „Wer nicht durch die Türe in den Schafstall hineingeht, sondern anderswoher einsteigt, der ist ein Dieb und Räuber. Wer aber durch die Tür hineingeht, der ist der Hirt der Schafe“ (Joh. 10, 1-2)„Ich bin die Tür zu den Schafen“ (Joh. 10, 7). D.h. jeder, der berechtigter Weise die Seelen weiden will, braucht die Befugnis dazu. Er muß durch Christus „hindurchgehen“. Er muß zuerst die Schule Christi durchlaufen haben. Er muß sich die standesgemäße Kenntnis der Lehre Christi aneignen, damit er in der Lage ist, mit der Stimme Christi den wahren Glauben weiterzugeben. Der Seelsorger muß durch Christus „hindurchgehen“, indem er durch den gültigen Empfang des Weihesakraments in einen „zweiten Christus“ umgestaltet wird. Schließlich muß der rechtmäßige Hirte durch Christus, „die Tür“, den Schafstall, die katholischen Kirche, betreten indem er von Petrus, dem Türhüter des Himmelreiches, oder durch dessen Stellvertreter – den Bischof – den Auftrag erhält, die Herde Christi zu weiden. „Diesem macht der Türhüter auf, und die Schafe hören auf seine Stimme“ (Joh. 10, 3). Wer ohne Kenntnisse, ohne Weihe, ohne kirchlichen Auftrag weidet, der ist kein Hirt, sondern ein Dieb, durch dessen Hand die Seelen zugrunde gehen. „Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu morden und zu verderben“ (Joh. 10, 10). Christus ist die Tür. Das hat nicht nur eine Bedeutung für die Hirten, sondern auch für die Schafe! „Ich bin die Tür. Wenn einer durch Mich eingeht, wird er gerettet werden. Er wird eingehen und ausgehen und Weide finden“ (Joh. 10, 9). Es gibt keinen anderen Zugang zum sicheren Schafstall der katholischen Kirche und zur Weide der ewigen Glückseligkeit. Nur innerhalb der Kirche ist die Seele unter der Obhut der rechtmäßigen Hirten sicher vor den Angriffen der Wölfe und Räuber. Der Weg durch die Tür, welche Christus ist, ist der einzige Weg zum Heil. Jeder einzelne muß durch die Annahme des katholischen Glaubens durch Christus „hindurchgehen“, in die Kirche eintreten, um dort die ewige Gemeinschaft mit Gott zu finden, wie Jesus an anderer Stelle ausdrücklich gesagt hat: „Niemand kommt zum Vater, außer durch mich“ (Joh. 14, 16). Das meint die Kirche mit dem Dogma: Außerhalb der Kirche kein Heil! Wer zum ewigen Heil Eingang finden will, kann das allein durch den wahren Glauben an Jesus Christus tun. Nur dann ist er eines „Seiner“ Schafe! Nur Seine Schafe kennen den Hirten am Klang der Stimme.

Wenn der Hirt seine Schafe herausgeführt hat, geht er ihnen voran und sie folgen ihm (vgl. Joh. 10, 4). – Warum folgen sie ihm? Weil sie seine Stimme kennen, weil sie ihm gehören, weil sie mit ihm vertraut sind, weil er der einzige rechtmäßige Besitzer ist, ihr Herr. Deswegen folgen sie ihm. Die echten Schafe Christi sind geschult. Sie haben ein gut gebildetes Glaubensgehör. Sie kennen die Stimme ihres Hirten, d.h. die Lehre Christi. Niemals werden die Schafe deshalb einem fremden Hirten nachlaufen (vgl. Joh. 10, 5). Sie werden vielmehr vor seinen Lockrufen flüchten, weil ihnen seine Stimme unbekannt ist. Ihr Glaubenswissen befähigt sie genau heraushören, ob da Christus spricht, oder ob da irgend etwas nicht ganz stimmt. Deshalb werden diejenigen Seelen, die aufgrund von Erwählung zu Christus gehören, nie und nimmer ihrem Hirten davonlaufen, um auf die falschen Heilsprediger, auf fremde Hirten zu hören. Mit sicherem Glaubensinstinkt, erworben durch aufmerksame Gelehrigkeit und eifrige religiöse Praxis, werden sie vor solchen Gestalten Reißaus nehmen, deren Stimme sie nicht kennen. 

Der Gute Hirt

Erst jetzt, nach dieser Vorbereitung, kommt Jesus zu der entscheidenden Aussage über sich selbst, die im heutigen Evangelium vorgelegt wird: „Ich bin der gute Hirt“ (Joh. 10, 11). – Worin besteht das Wesen des Gutseins? Der Herr beantwortet die Frage unmittelbar indem er hinzufügt: „Der gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe“ (ebd.). Das Gutsein zeigt sich in der Gefahr. Es zeigt sich dann, wenn der Wolf kommt. Der gute Hirt verläßt seine Herde nicht. Er setzt vielmehr sein Leben ein, damit die Schafe dem sicheren Tod entkommen. Er stirbt an ihrer statt. Sie sind ihm teurer als sein eigenes Leben! Unser Herr hat in Seinem Leiden und Sterben am Kreuz gezeigt, daß Er ein Hirte aus solch gutem Holze ist. Er hat den Wolf der Sünde, welcher das Leben der Schafe bedrohte, auf Sich gelenkt. Er hat sich an unserer statt vom Wolf zerreißen lassen. „Er trug unsere Sünden an Seinem Leibe auf das Kreuzesholz hinauf, damit wir … leben“ (1. Petr. 2, 24). Jesus liebte die Seinen mehr als Sein eigenes Leben. Damit hat Er Sein Gut-Sein, Sein Guter-Hirt-Sein unter Beweis gestellt. Er ist der Gute Hirt schlechthin. – In Seinem Tod hat Er gemäß der Prophetie des Zacharias dafür gesorgt, daß die Schafe davonkommen: „Schlage den Hirten, daß die Schafe sich zerstreuen!“ (Zach. 13, 7); damit sie ihr Leben retten können. Durch Sein Opfer erfüllt der Gute Hirt Sein Heils-Wort: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh. 10, 10). Zwischen dem Guten Hirten und Seinen Schafen besteht eine sehr enge Beziehung – nämlich Hingabe, Vertrauen und Liebe. Diese betrifft sowohl den Einzelnen als auch die Gesamtheit. Den Einzelnen: Der Hirt ruft die Schafe bei ihrem Namen. Jedes Schaf hat seinen eigenen unverwechselbaren Namen. Jesus sorgt sich um jede einzelne Seele, als gäbe es nur diese eine. Genauso bekümmert ist Er um die Gemeinschaft: Alle folgen dem Hirten auf die Weide des Lebens. Alle die Seinen hat Christus auserwählt. Seine gesamte Herde empfängt Leben und Heil von Ihm. Diese Vertrautheit und Nähe zwischen dem Hirten und den Schafen gründet auf deren Erwählung durch Christus und auf Seinem Lebensopfer für sie. 

Der Mietling

Der Gegensatz zum guten Hirten erscheint der Mietling. Der Mietling ist der Tagelöhner, der für Bezahlung die Schafe weidet, aber dem die Schafe nicht gehören. Er ist nicht Hirt, die Schafe sind nicht sein eigen. Der Mietling ist Tagelöhner. Er hütet die Schafe eines Fremden, ohne eine persönliche Beziehung zu ihnen zu entwickeln. Das zeigt sich, wenn der Wolf kommt. Der Wolf ist das charakteristische Tier, das für die Gefährdung der wehrlosen Lämmer und Schafe im Allgemeinen steht. Der Mietling ergreift die Flucht. Er geht nicht auf den Wolf zu, er wehrt ihn nicht ab, er überläßt die Herde dem räuberischen Eindringling. Der Wolf fällt über die Herde her, jagt und reißt die Schafe. Der hl. Papst Gregor sagt: „Mietling nämlich ist der, welcher das Hirtenamt besetzt, aber um das Heil der Seelen nicht besorgt ist, sondern nur zeitlichen Vorteilen nachjagt.“ Wie könnte man besser die „Hirten“ der „konziliaren Kirche“ beschreiben? Sie halten das Hirtenamt besetzt. Durch ihren Ökumenismus jagen sie dem zeitlichen Applaus der Welt hinterher und überlassen die Seelen dem Wolf der Häresie, der Sünde, der ewigen Verdammnis. – Der Mietling ist der bezahlte Schafhüter. Er arbeitet nicht für den übernatürlichen, ewigen, sondern für einen natürlichen zeitlichen Gewinn – Geld, materielles Abgesichert-Sein, Ruhe und Lebensgenuß. Er findet sich nicht nur im Klerus, sondern auch in zahllosen Familien. – Der Vorwurf, der insbesondere dem „konservativen Mietling“ gemacht wird, ist – ob nun im Kleriker- oder Laienstand, ist einerlei – daß er dem Kampf mit den Irrlehrern aus dem Wege geht; daß er den Wolf „Papst“ nennt; daß er schweigt, wo er reden müßte; daß er nicht handelt, wo es dringend seines Eingreifens bedürfte; daß er die schlechten Gewohnheiten der ihm Anvertrauten und deren schlechten Umgang durch sein Schweigen gutheißt; daß er die eigene Ruhe und Behaglichkeit dem notwendigen Opfer der Pflicht konfliktscheu vorzieht und die ihm anvertrauten Seelen auf diese Weise dem Verderben anheimfallen läßt.

Der Wolf

Der Wolf im Leben des Hirten ist das Raubtier, welches die Schafe anfällt und reißt. Übertragen auf das Gebiet der Religion ist der Wolf ein Bild für die Irrlehrer, für die Häretiker, vor denen der Herr schon in der Bergpredigt gewarnt hat. Christus spricht dort von den „falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, in Wirklichkeit aber reißende Wölfe sind“ (Mt. 7, 15). Als der hl. Apostel Paulus in Milet von seiner Gemeinde Abschied nahm, da ließ er die Bischöfe und Priester zu sich kommen und hielt ihnen eine Ansprache: „Ich weiß, nach meinem Weggang werden reißende Wölfe bei euch eindringen und die Herde nicht schonen.“ Der Wolf steht also für die tödliche Gefahr, die sich einschleicht und das Seelenheil bedroht. Den Wölfen in Menschengestalt ist es eigen, ihre eigene Natur zu verbergen. Sie geben sich harmlos, ja wohltätig. Man blicke nur auf die weißgekleideten Menschenfreunde in Rom. Wir kennen sie. Sie und ihr Rudel suchen das Evangelium zu entkräften, zu entschärfen und die Gnade zu verbilligen. Das gefällt vielen Menschen natürlich. Sie reden den Menschen ein, keine Sünde zu haben, der Beichte nicht zu bedürfen. Glaube, religiöse Praxis und Kirchenzugehörigkeit spielten keine Rolle. Sie versprechen den Menschen den Himmel auch ohne Anstrengung, ohne Besserung der Sitten, ohne Streben nach Reinheit und Heiligkeit. 

Priesterliche Hirtensorge

Es ist klar, daß dem Evangelium daran gelegen ist, an dem Bild vom Hirten und von seiner Herde zuallererst das Verhältnis von Priester und Volk zu erläutern. Der Herr selbst hat die Begriffe von Hirt und Herde auf die christlichen Gemeinden und ihre Seelsorger übertragen. Als Jesus den hl. Apostel Petrus zu Seinem Statthalter auf Erden einsetzt, da spricht Er von ihm als dem Hirten der Kirche- „Weide meine Lämmer! Weide meine Schafe!“ sprach Er, und das dreimal. Den Priestern ist die Sorge für die einzelne Gemeinde anvertraut, und dem rechtmäßigen Papst die Leitung der gesamten Kirche. Er ist „der Hirt und Bischof eurer Seelen“ (1. Petr. 2, 25). Der große Papst Pius XI. ruft in der bedeutenden Enzyklika „Ad catholici sacerdotii“ vom 20. Dezember 1935 in Erinnerung, daß der Priester ein „zweiter Christus“ ist. Ein zweiter Christus ist er deswegen, weil er durch den unauslöschlichen Weihecharakter in seiner Seele dem ewigen Hohenpriester Jesus Christus ähnlich gestaltet wurde und so das Amt Christi fortführt und gegenwärtig macht. „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh. 20, 21). Der Priester ist somit Werkzeug und Diener des Hirten Jesus Christus. Er macht das Hirtenamt Christi gegenwärtig und wirksam. Der Gute Hirt Jesus Christus übt Sein Amt seit Seiner Himmelfahrt durch den geweihten und von der Kirche bestellten Priester aus. Der Priester muß aber auch die Eigenschaften erwerben, die Christus von einem Hirten erwartet. Also der Eifer für die Ehre Gottes und für das Heil der Seelen muß ihn verzehren. Dieser Eifer muß ihn dahin bringen, sich selbst und alle irdischen Interessen zu vergessen. Wenn der Priester die Klage des Guten Hirten hört: „Noch andere Schafe habe ich, die nicht aus diesem Schafstall sind. Auch sie muß ich heimführen“ (Joh. 10, 16), dann muß in ihm die Sehnsucht entbrennen, solche Seelen zum guten Hirten zu führen. Er muß sich Christus als unermüdlichen Arbeiter anzubieten. Er darf sich nicht scheuen das geistige Schlachtfeld zu betreten, um dort den Kampf der Wahrheit gegen den Irrtum, des Lichtes gegen die Finsternis, des Reiches Christi gegen das Reich des Satans zu führen. Es ist offensichtlich, daß Jesus Christus vom hl. Petrus und Seinen Aposteln, ebenso aber auch von deren Nachfolgern, also den Päpsten, Bischöfen und Priestern, den Einsatz ihres Lebens für das Zeugnis der Wahrheit verlangte, d.h. Er verpflichtet sie zum Heroismus. 

Das Hirtenopfer

Das Priestertum verlangt außerordentliche Opfer, darunter jenes besondere und vollständige Erstlingsopfer der liebenden Selbsthingabe an Christus durch den Zölibat. Wohlgemerkt! Der Zölibat ist kein Gesetz, das die Kirche dem Priester aufzwingt, sondern er ist eine freie Entschließung, die der Priesteramtskandidat selbst faßt. Lediglich will die Kirche keine Diener in ihre Reihen aufnehmen, welche einer solchen Aufopferung ihrer selbst nicht fähig sind. Ein Hirte nach dem Vorbild Jesu Christi muß aber dazu in der Lage sein, sein Leben hinzugeben. Die Kirche will deshalb nur Diener haben, deren Streben ungeteilt auf Gott ausgerichtet ist. Sie will Hirten haben, die großmütig genug sind, wenn es erforderlich ist, sogar ihr Leben für ihre Schafe hinzugeben. Wie könnte sie dies von denjenigen erwarten, die nicht einmal ein natürliches Verlangen opfern können oder wollen? – Viele Priester haben am Ende des Zweiten Weltkrieges, als die Rote Armee immer weiter vorrückte, diesen Zusammenhang nicht nur verstanden, sondern im Leben wie im Sterben bewährt. Der Priester Johannes Frank betreute seit 1942 die Gemeinde in Flamberg in Ostpreußen. Bei einer Zusammenkunft mit seinen Gemeindemitgliedern wurde er 1944 gefragt: „Herr Pfarrer, wenn die Russen auch nach Flamberg kommen, werden Sie uns wohl verlassen?“ Der Priester antwortete: „Ich bleibe bei Euch, und wenn wir alle von den Russen erschossen werden.“ Er blieb. Die eindringenden Russen ergriffen und deportierten ihn; und er ist an einem unbekannten Ort zugrunde gegangen. „Der gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe.“ – Der damalige Pfarrer Bruno Weichsel von Saalfeld (Ostpreußen) sah die russischen Truppen im Januar 1945 heranrücken. Man riet ihm zur Flucht. Er aber gab zur Antwort: „Solange noch ein Mitglied meiner Gemeinde hier ist, gehe ich nicht von meinem Platz.“ Die Russen besetzten den Ort. Er befand sich in der Kapelle. Ein Soldat zerschmetterte ihm mit dem Gewehrkolben den Kopf. Sein Blut spritzte an die Wand. „Der gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe.“ – Der Priester Norbert Sobel betreute eine Schwesterngemeinschaft in Naumburg in Schlesien. Als die Rote Armee anrückte, schrieb er in seinem letzten Brief vom 18. Februar 1945: „Es ist notwendig, daß ich als Hirt bei meiner Herde bleibe, die noch etwa dreißig an der Zahl mißt. Es wird zwar mein irdisches Leben kosten, aber ich hoffe auf das himmlische.“ Am 2. März 1945 wurde er erschossen. „Der gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe.“

Es ist an der Zeit, sich auf das Gleichnis und die Wirklichkeit von Hirt und Herde zu besinnen und um gläubige, fromme, opferbereite Priester und Familienväter zu beten. Wir wissen, wie solche Priester und Väter aussehen müssen: Wie der gute Hirt! Es sollen gute Hirten sein, die ihre Herde kennen, die sich für ihre Herde aufopfern, die dem Wolf, sowohl in Form schlechter Menschen, schlechter Vorbilder und Freunde als auch in unsichtbarer Gestalt, schlechter Ideen, Überzeugungen und Lebensgewohnheiten entgegentreten und ihn abwehren. Die Schäfchen sollen sich als willige Gemeinschaft um ihren Hirten versammelten. Sie sollen Gläubige oder Familienmitglieder sein, die ihrem Vater vertrauen, die ihm folgen und die für ihn eintreten. „Christus hat für uns gelitten und euch ein Beispiel hinterlassen, damit auch ihr in Seine Fußstapfen tretet“ (1. Petr. 2, 21). Amen.

Weißer Sonntag

Die Bedeutung der Auferstehung Christi

Geliebte Gottes!

Die Tatsache der Auferstehung unseres Herrn ist durch zahlreiche und vor allem glaubwürdige Zeugnisse gesichert. Alle dagegen vorgebrachten Einwände halten einer genauen Prüfung nicht stand, wie wir am Ostersonntag gezeigt haben. Die Tatsache der Auferstehung ist als ein historisches Faktum in der Menschheitsgeschichte verankert und hat aufgrund dessen Auswirkungen auf uns; Auswirkungen von sehr großer Bedeutung. Welche Bedeutung hat die Auferstehung für uns? Man kann sie im Wesentlichen in drei Punkten zusammenfassen: 1. Die Auferstehung Christi stärkt unseren Glauben an die Wahrheit des katholischen Bekenntnisses. 2. Sie gibt uns Hoffnung auf unsere eigene künftige Auferstehung am Jüngsten Tag. Und 3. soll sie uns ein Vorbild zu einem neuen, besseren, heiligen Leben nach unserer Bekehrung sein.

Das Fundament des katholischen Glaubens

Die nächste und erste Bedeutung der tatsächlichen Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus besteht in einer Stärkung des Glaubens. Wieso? Das ist nicht schwer zu erklären. Jesus hat im Laufe Seines irdischen Lebens oft und deutlich von Sich bekannt, daß Er der Sohn Gottes ist. Deshalb wurde Er von Seinen Feinden angegriffen, weil Er, der in ihren Augen ein bloßer Mensch sei, sich selbst zu Gott mache (vgl. Joh. 10, 33). Deshalb hat Christus durch zahllose Wunder die Wahrheit Seiner Worte bewiesen. Er hat Wunder gewirkt, die noch nie zuvor gesehen worden waren: etwa die Heilung eines Blindgeborenen, der Gehorsam der Sturmgewalten auf dem See Genesareth, die beiden Brotvermehrungen, die zahlreichen Dämonenaustreibungen und Totenerweckungen. Aber die letzte und stärkste Demonstration, sozusagen der alles erdrückende Beweis für Seine göttliche Allmacht, liegt in Seiner Auferstehung von den Toten. Denn noch nie zuvor ist ein Mensch aus eigener Kraft von den Toten auferstanden. Jesus hatte Seine Auferstehung mehrmals angekündigt: „Ich werde in die Hände meiner Feinde überliefert werden; sie werden mich töten, aber nach drei Tagen werde ich auferstehen“ (vgl. Lk. 9, 22; Mt. 17, 22; Mk. 10, 32). Sowohl Seine Feinde als auch Seine Jünger wußten, daß Er so gesprochen hatte. Seine Feinde fürchteten, daß sich Sein Wort bewahrheiten könnte, und ließen das Grab bewachen. Seine Freunde hatten diese Rede nicht verstanden oder darauf vergessen, so daß sie sich nach der Erschütterung des Karfreitags ängstlich und verzweifelt im Abendmahlssaal verbarrikadiert hatten. Und die angekündigte Auferstehung ist wahr geworden. Unser Herr Jesus Christus ist am dritten Tag von den Toten auferstanden. – Doch was folgt daraus? Nichts anderes, als daß Er wirklich der Sohn des allmächtigen Gottes ist. – Hätte etwa ein Betrüger aus eigener Kraft vom Grabe auferstehen können? Niemals! Gott würde niemals Seine Allmacht dazu hergeben, um einem Lügner und Betrüger zur Bekräftigung seiner Lüge zu verhelfen! Gott ist die Wahrheit und steht deshalb von Seiner Natur her einer jeden Lüge feindselig gegenüber. – Christus ist auferstanden. Also ist Er wirklich Gottes Sohn. So bekennt es im heutigen Sonntagsevangelium der von seinem Zweifel geheilte Apostel Thomas: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh. 20, 28). – Daraus folgt aber dann: Seine Lehre und Seine Vorschriften, sind nicht Wort eines Menschen, sondern Worte Gottes. „Ich und der Vater sind eins“ (Joh. 10, 30). „Wer mich sieht, der sieht den Vater“ (Joh. 14, 9). „Meine Lehre ist nicht mein, sondern dessen, der Mich gesandt hat“ (Joh. 7, 16). Mit anderen Worten: Wer mich hört, der hört Gott sprechen. Deshalb müssen wir von der Wahrheit der Worte Christi felsenfest überzeugt sein und sowohl Seiner Lehre als auch Seinen Vorschriften im Glauben gehorchen. Wir können Seine Worten nie fest genug glauben. Auch wenn wir die Geheimnisse des Glaubens niemals vollkommen verstehen können, so müssen wir um so fester für wahr halten. Und zwar allein deshalb, weil Er, Jesus Christus, der Sohn Gottes und die ewige Wahrheit Selbst, die Sich nicht irren und andere nicht täuschen kann es uns zu glauben vorgelegt hat. Allein, weil Er es gesagt hat! 

Es ist in diesem Zusammenhang kein bedeutungsloses Detail, daß Christus aus einem Felsengrab von den Toten auferstanden ist. Christus, der sich als Gott erwiesen hat, ist der Fels. In der Wüste schlug Moses einen Wasserquell aus dem Felsen, um das Volk zu tränken. Christus ist der Fels, aus dessen Brust der klare Quell der göttlichen Wahrheit sprudelt. Christus ist der Petrus, unseres Glaubens. Seine Gottheit ist das Fundament unseres Glaubens. Er ist der Stein, den die Bauleute verworfen haben. Und Er ist zum Eckstein geworden (vgl. Ps. 117, 22). So hat es Gott durch den Propheten Isaias angekündigt: „Seht, ich lege in Sion einen auserwählten kostbaren Eckstein und wer an ihn glaubt, der wird nicht zuschanden“ (Is. 28, 16).

Auch folgt ferner aus der Tatsache der Auferstehung: Wenn sich Christus als Herr über Leben und Tod und damit als wahrer Gott erwiesen hat, dann ist die katholische Kirche, die Christus gestiftet hat, die Kirche des lebendigen Gottes. Sie ruht auf dem Fundament, das Christus ist, die göttliche Wahrheit. Die katholische Kirche ist es, die wir während der österlichen Zeit im „Vidi aquam“ besingen: „Ich sah Wasser hervortreten aus dem Tempel von der rechten Seite, alleluja, und alle, zu denen dieses Wasser gelangte, wurden gerettet.“ Die katholische Kirche gibt uns das klare Wasser, das zur Rechten ihres Felsenfundaments hervorquillt. Sie tränkt uns mit der göttlichen Wahrheit in Form ihrer Lehre und durch ihre Vorschriften. Niemals kann uns die Kirche trübe Wasser des Irrtums und der Unmoral geben, sondern nur die kristallklare Wahrheit, die aus ihrem Fundament, aus dem Gottessohn Jesus Christus hervorquillt. Durch das Trinken dieser Wahrheit, d.h. durch die gläubige Annahme der gesamten katholischen Lehre, werden wir gerettet. Deshalb ruft uns der hl. Petrus zu: „Zu Ihm nun tretet hinzu, dem lebendigen Steine, der zwar von den Menschen verworfen, von Gott aber auserwählt und hoch geehrt ist; und werdet auch ihr als lebendige Steine gebaut auf Ihn als ein geistiger Tempel“ (1. Petr. 2, 4 f.).

Ferner folgt aus der Auferstehung Christi von den Toten, daß Seine menschlichen Stellvertreter auf Erden, die Apostel und ihre Nachfolger, d.h. die Päpste und Bischöfe der katholischen Kirche, nicht mit einer bloß menschlicher Autorität sprechen, sondern in der Autorität Gottes. „Wie Mich der Vater gesandt hat, so sende Ich euch“ (Joh. 20, 21). Deshalb hat der Sohn Gottes zu den Aposteln gesagt: „Wer euch hört, der hört mich. Und wer euch verachtet, der verachtet mich. Wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat“ (Lk. 10, 16). Dem Simon Petrus gab Christus nicht nur durch die Namensbezeichnung „Petrus, Fels“ Anteil an Seiner unüberwindlichen Festigkeit in der göttlichen Wahrheit, sondern auch Seinen göttlichen Beistand, daß Petrus niemals vom Glauben abweichen könne: „Was auch immer du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein. Und was auch immer du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein“ (Mt. 16, 18). Die rechtmäßigen Nachfolger Petri und der Apostel sprechen also mit der Autorität Christi. Deshalb schulden wir ihrem Wort Glaube und Gehorsam, wie wir Christus selbst Glaube und Gehorsam schulden; ja, wie wir Gott Glaube und Gehorsam schulden. Aus der Stimme der Päpste hören wir Petrus, der in seinen Nachfolgern durch die Geschichte hindurch fortlebt und die Menschheit mit der göttlichen Wahrheit tränkt und vor dem ewigen Verdursten rettet. Mit anderen Worten: Nicht Linus, lehrt, sondern Christus. Nicht Kletus, nicht Clemens, nicht Gregor, nicht Innozenz, Urban oder Damasus; nicht Leo und auch nicht Pius, sondern Christus lehrt, dessen Stelle sie alle vertreten haben. – Und weil jene, die heute für Päpste und Bischöfe gehalten werden wollen, Dinge lehren, die Christus durch den Mund früherer Päpste verdammt und verurteilt hat, wissen wir, daß jene niemals die Autorität Gottes haben können. Denn Gott ist die Wahrheit. Er kann sich nicht widersprechen. Weil also jene, die heute die kirchlichen Ämter beanspruchen, Irrtümer lehren, so können wir vollkommen gewiß sein, daß diese unmöglich die Autorität Jesu Christi besitzen, d.h. daß sie keine wahren Päpste und Bischöfe der katholischen Kirche sind, sondern Scheinpäpste und Gegenpäpste, wie sie immer wieder im Verlaufe der Kirchengeschichte aufgestanden sind.

Wir sehen also, wie weit sich der göttliche Machterweis der tatsächlichen Auferstehung Christi von den Toten auf unseren Glauben auswirkt. Wie der Zement in einem Gebäude alle Bauteile zu einer einzigen Einheit zusammenzieht, verbindet und aushärtet, so gibt die Tatsache der Auferstehung unseres göttlichen Erlösers dem gesamten katholischen Glaubensgebäude sowohl ihre kompakte Einheit als auch eine Festigkeit, die härter ist als Diamant – nämlich die unumstößliche Unfehlbarkeit. 

Aus der Auferstehung Christi folgt außerdem, daß nicht nur die Lehre, sondern auch die Sakramente dieser Kirche wahrhaft göttliche Heilsmittel für unsere Seele sind, sofern wir sie andächtig und würdig empfangen; ebenso, wie es die Kirche im Name Christi vorschreibt. In einem Wort: Aus der Tatsache der Auferstehung folgt die Wahrheit unseres Glaubens. Wie wir den hl. Paulus haben sagen hören: „Wenn Christus nicht auferstanden ist, so ist euer Glaube eitel“ (1. Kor. 15, 17). Folglich gilt auch umgekehrt: Wenn Er aber auferstanden ist – und das steht felsenfest – so ist unser Glaube in all seinen Teilen felsenfest gegründet. Und deshalb gilt vom katholischen Glauben dasselbe, wie von Christus selbst: „Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschmettert werden; auf wen er aber fällt, den wird er zermalmen“ (Mt. 21, 44).

Der Grund der christlichen Hoffnung

Ähnlich wie durch die Tatsache der Auferstehung unser Glaube gestärkt und gefestigt wird, so wird durch dieselbe auch unsere Hoffnung bis in ihr tiefstes Fundament hinein verankert. – Was haben wir Menschen von diesem Leben zu „erhoffen“? – Vieles, doch nur eines ist sicher. Der Tod. Der Tod ist das sicherste im ganzen Menschenleben. Jeder von uns wird sterben. Das steht seit dem Augenblick unserer Empfängnis im Mutterschoß fest. – Allein der katholische Glaube gibt uns darüber hinaus eine tiefere, eine freudige Hoffnung. Was ist der eigentliche Gegenstand der christlichen Hoffnung? Ein Verheißung. Nämlich das, was Christus versprochen hat. Was hat Er versprochen? Ein Leben nach dem Tod. Die Auferweckung unseres toten Leibes am Jüngsten Tag. Ein ewiges Leben. Ein Leben unvorstellbarer Herrlichkeit in einer anderen Welt. Ein Leben ewiger Glückseligkeit – ohne Tränen, ohne Jammer und ohne Klagen. – Große Dinge! Kann Christus das halten? Wird Er dieses Versprechen halten? Schauen wir auf die Tatsache Seiner eigenen Auferstehung, und jeder Zweifel muß schwinden. – Wenn einer das Schwierige kann, sollte er dann nicht auch das Leichtere können? Wenn Christus glorreich aus Seinem eigenen Grabe auferstanden ist, da Er tot war, wie sollt es Ihm schwer fallen, uns aufzuerwecken, da Er doch jetzt lebendig ist? – Christus hat versprochen, selbst aufzuerstehen. Er hat Wort gehalten. Er wird also auch Wort halten und uns auferwecken. – Er hat versprochen, am dritten Tage aufzuerstehen. Er hat Wort gehalten. Also wird Er auch bei uns den Tag und sozusagen den von Gott genauen festgesetzten Termin der Auferstehung des Fleisches nicht vergessen. Am Jüngsten Tag. – Christus hat versprochen, aufzuerstehen und Seinen Jüngern zu erscheinen und ihnen voranzugehen nach Galiläa. Er hat Wort gehalten. Er ist Seinen Jüngern in wunderbarer Herrlichkeit erschienen. Auch uns wird Er Wort halten und uns nicht bloß auferwecken, sondern auferwecken in Herrlichkeit. Wie sagt doch der hl. Paulus? „Es wird gesät in Verweslichkeit, es wird auferstehen in Unverweslichkeit. Es wird gesät in Niedrigkeit und auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Schwachheit und auferweckt in Kraft. Es wird gesät ein sinnlicher Leib und auferstehen wird ein geistiger Leib“ (1. Kor. 15, 42 ff.). Ja, betrachten wir den verklärten Leib des Auferstandenen und vergleichen wir ihn mit unserem eigenen Leib. Welche Verschiedenheit! Welche Unterschiede! Dort Glanz und Licht – hier das Dunkel und die Nacht des Grabes, dem unser Leib entgegengeht. Dort Unsterblichkeit – hier der Tod und seine Vorboten: Krankheit, Schmerz, und Schwäche. Dort unvergängliche Jugend und Schönheit – hier die Runzeln und Flecken des Alters bis hin zur fahlen, ausgemergelten Häßlichkeit der Leiche. Dort Unverweslichkeit und hier die grauenhafte Entstellung durch die Verwesung. Hier Altersschwäche und Gebrechlichkeit – dort ewige Jugend und unsterbliche Kraft. Angesichts dieser drastischen Unterschiede darf uns als österliche Menschen kein Schwermut und kein Jammer packen. Christus, der Auferstandene, wird unseren Leib auferwecken und dem Seinigen gleichgestalten, wie der hl. Paulus den Philippern schreibt: Er „wird den Leib unserer Niedrigkeit umgestalten, daß er gleichgestaltet werde dem Leibe Seiner Klarheit, vermöge der Kraft, durch welche Er Sich auch alles unterwerfen kann“ (Phil. 3, 21). Was dürfen wir also erhoffen? Was dürfen wir für einen Hoffnung schöpfen aus dem Gedanken, daß Christus von den Toten erstanden ist? Eine tröstliche Hoffnung! Eine Hoffnung der Zuversicht und Freude! Mag unser Leib jetzt so manchen Unzulänglichkeiten und Gebrechen unterworfen sein; mag er häßlich sein, kränklich, alt, runzlig, entstellt; mag ihn eine Krankheit lähmen und verwüsten, der Tod ihn zerstören, das Grab ihn verschlingen, die Verwesung ihn zu Staub zermahlen und auflösen. – Der Tag wird kommen, so sicher wie der „dritte Tag“ nach Seiner Kreuzigung. So sicher wie der Ostertag herannahte, so gewiß wird der Tag kommen, wo der Gottessohn den Staub unseres Leibes wundersam auferwecken, umgestalten und Seinem verklärten Leib gleichförmig machen wird – in unverwüstlicher Frische; in einer Jugend, die niemals altert; in einer Kraft die nicht abnimmt; in einer Schönheit, die alles bezaubert und durch und durch übernatürlich ist; in einem Leben, das nicht mehr stirbt. Der von den Toten auferstandene Christus wird uns auferwecken zum ewigen Leben.

Das Vorbild der wahren Bekehrung

Schließlich wollen wir noch kurz die tiefe Bedeutung der Auferstehung unseres Herrn im Hinblick auf unser sittliches Leben beleuchten. Schon der hl. Paulus hat nämlich die Auferstehung des Heilandes als ein Vorbild für unsere eigene sittliche Erneuerung gebraucht. Er sagt: „Wie Christus auferstanden ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vater, so laßt auch uns in einem neuen Leben wandeln“ (Röm. 6, 4). In der Tat, die Auferstehung Christi kann ein Vorbild für unsere geistige Erneuerung sein, sowohl bezüglich der Schwierigkeit, der Vollständigkeit, als auch der Zeichen der Bekehrung.

Bezüglich der Schwierigkeit der Bekehrung ist die Auferstehung des Heilandes ein Vorbild. Was schien schwerer zu sein als Seine Auferstehung? Er war tot. Sein Leib war tödlich verwundet. Der schreckliche Lanzenstich. Der große Blutverlust. Die Länge des qualvollen Todeskampfes. Der unermeßliche Schmerz. Dazu der harte Fels des Grabes. Der schwere Stein vor seiner Öffnung. Das Siegel der höchsten Obrigkeit. Die zahlreichen und bewaffneten Wächter vor dem Eingang. – Alles Hindernisse. Aber nur scheinbare Hindernisse für die Allmacht des Gottessohnes. In einem Augenblick, in der ersten Bewegung Seines auferstehenden und auferstandenen Leibes sind die Hindernisse überwunden. Ihm kann kein Siegel, Grab noch Stein, kein Felsen und keine Waffengewalt widerstehen.

Auch für die Auferstehung zu einem heiligen Leben scheinen bei manchen Sündern große, ja fast unüberwindliche Hindernisse im Weg zu stehen. Der Sünder ist tot, d.h. tot für das übernatürliche Leben der Gnade. Nicht bloß eine, sondern wer weiß wie viele Todsünden lasten auf seinem Gewissen. Das sind die tödlichen Wunden an seiner Seele, die ihn dem ewigen Tod der Verdammnis weihen. Auch das Felsengrab ist da. Die langjährige Gewohnheit, die Sklaverei der Leidenschaft hält ihn wie in einem undurchdringlichen Felsenkerker gefangen. Da ist das Siegel der falschen Scham, das ihn am Bekenntnis seiner Sünden im Bußgericht hindert. Auch die Wächter fehlen nicht. Es sind die Gefährten seiner Sünde, die schlechten Freunde, welche ihn von jedem Schritt, mit der Bekehrung ernst zu machen, zurückhalten. – Und doch! So groß die Hindernisse auch sein mögen, sie werden die sittliche Erneuerung nicht aufhalten können, wenn nur der Sünder, dem Zug der göttlichen Gnade kompromißlos folgt. „Alles vermag ich in dem der mich stärkt“ (Phil. 4, 13)! Der Sünder vermag die Ketten zu sprengen, wenn er im Vertrauen auf die Gnade des Auferstandenen den Entschluß faßt: „Ich will und werde ein neues Leben beginnen. Im Vertrauen auf die Gnadenhilfe Gottes will ich mit der Sünde brechen. Ich will beichten.“ Das Bußsakrament ist das österliche Sakrament. Es ist das Sakrament der Auferstehung des Sünders zum übernatürlichen Leben der Gnade. Es stellt den Osterfrieden mit Gott wieder her. Deshalb hauchte der Herr die Apostel am Osterabend an uns sprach: „Friede sei mit euch! … Empfanget den Heiligen Geist. Welchen ihr die Sünden nachlassen werdet, denen sind sie nachgelassen; und welchen ihr sie behalten werdet, denen sind sie behalten“ (Joh. 20, 21-23)

Auch bezüglich der Vollständigkeit der Lebensbesserung kann uns die Auferstehung Jesu als Vorbild dienen. Wie stand der Heiland nach der Auferstehung da? Es war derselbe Leib, der am Kreuz gehangen ist, aber in anderer Gestalt. Vorher war er zerrissen, zerschlagen, verrenkt, mit Striemen übersät, mit Blut und Wunden bedeckt. Aber von seiner Auferstehung an war er so schön, so rein, so glänzend in himmlischer Schönheit, eine Augenweide für seine Betrachter. Vorher sterblich, jetzt unsterblich. „Christus ist auferstanden und stirbt nicht mehr; der Tod hat keine Gewalt mehr über Ihn“ (Röm. 6, 9). – So soll auch der Sünder zu einem heiligen Leben aufstehen. Er bleibt derselbe und doch ist er ein anderer. Vorher träge und säumig im Gebet; jetzt ein eifriger Beter. Vorher ohne nennenswerte gute Werke; jetzt eifrig in allen Werken der Gottes- und Nächstenliebe. Vorher stets geneigt zum Rückfall in die alten, schlechten Gewohnheiten, jetzt nicht mehr. Jetzt sagt er sich: „Nie mehr schwer sündigen! Lieber sterben als eine Todsünde begehen! Endlich Schluß mit den alten Leidenschaften und den schlechten Gewohnheiten!“

Schließlich gibt uns der Auferstandene des Herrn auch ein Vorbild für die Anzeichen einer echten Lebensbesserung. Obwohl an dem Leib des auferstandenen Heilandes eine so große Veränderung vonstatten gegangen war, so war doch ein Zeichen seines früheren Zustandes geblieben: Die hl. fünf Wundmale! Freilich, die Wunden waren verklärt. Sie leuchteten wie Sterne. Aber sie sind doch Zeichen und Beweis geblieben, daß es sich noch immer um denselben Leib handelt, der am Kreuz gehangen und der im Grab gelegen hatte. – Auch der Sünder, der durch die sakramentale Lossprechung zum übernatürlichen Leben der heiligmachenden Gnade auferweckt worden ist, soll in diesem übernatürlichen Zustand das Andenken an die früheren Sünden mitnehmen. Die Stigmata seiner Todsünden sind keine tödlichen Wunden für seine Seele. Nach der Beichte sind sie verklärt durch das Leben der Gnade. Dennoch bleiben die alten Sünden dem Gedächtnis des Menschen eingeprägt, nicht um sie bei der Erinnerung daran erneut zu wiederholen, sondern um sich zu demütigen, um sie immer wieder und immer tiefer zu bereuen, um sie abzubüßen, um sie zu beweinen, um aus ihnen die Wachsamkeit zu lernen, um aus ihnen die Größe der göttlichen Barmherzigkeit zu lesen und um Gott um so mehr zu lieben. Je tiefer der Abgrund gewesen ist, aus dem uns Gott errettet hat, um so tiefer wird die Dankbarkeit sein.

Ja, wieviel kann uns die Auferstehung Jesu Christi nützen! Welch große Bedeutung hat das österliche Geheimnis! Welche Kraft des Glaubens liegt in dieser Tatsache! Welch tiefen Ankergrund findet unsere Hoffnung! Welches Vorbild zu einem heiligen und wahrhaft erneuerten Leben! „Wie Christus auferstanden ist von den Toten, so laßt auch uns wandeln in einem neuen Leben“ (vgl. Röm. 4, 6). Amen.