Ostersonntag

„Am dritten Tage auferstanden von den Toten.“

Geliebte Gottes!

Am dritten Tage nach seiner Hinrichtung ist der Herr glorreich aus dem Grabe erstanden. Die Wahrheit der Osterbotschaft des Engels: „Er ist auferstanden, wie Er gesagt hat“ (Mt. 28, 6), ist der Inhalt aller katholischen Glaubensbekenntnisse. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt unserer ganzen katholischen Religion, wie uns der hl. Paulus sagt: „Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist nichtig euer Glaube, und ihr seid noch in euren Sünden. Demnach sind auch die in Christus Entschlafenen verloren. Wenn wir in diesem Leben nur auf Christus hoffen, sind wir die erbärmlichsten unter allen Menschen“ (1. Kor. 15, 17-19). Mit der Tatsächlichkeit der Auferstehung Jesu von den Toten steht und fällt unsere Erlösung von den Sünden, steht und fällt unsere Hoffnung auf ein ewiges Leben, steht und fällt Sinn und Zweck der katholischen Religion insgesamt. Deshalb ist es um so wichtiger, nicht nur zu verstehen, was unter diesem Glaubensartikel zu verstehen ist, sondern auch von einer tiefen Glaubensüberzeugung durchdrungen zu sein, daß das, was die Kirche von der Auferstehung Christi lehrt, gewiß wahr ist und genau den historischen Tatsachen entspricht. Wenn wir natürlich das Wunder der glorreichen Auferstehung unseres Herrn als Erweis Seiner göttlichen Allmacht nicht beweisen könne, so können wir doch beweisen, daß es stattgefunden haben muß. Wir wollen hier zwei Punkte eingehender betrachten: 1. Die zahlreichen Zeugen für die Tatsache der Auferstehung unseres Herrn; und 2. die Nichtigkeit der Einwände, die dagegen erhoben werden.

Eine historische Tatsache

Die Auferstehung Christi ist eine historische Tatsache. Sie hat sich vor vielen hundert Jahren im Heiligen Land – genauer in Jerusalem – ereignet, und zwar genau an dem Ort, über dem sich heute die Grabes-Kirche erhebt. Bei einer Tatsache kommt vor allem die genaue Zeit in Betracht, zu welcher sich das jeweilige Ereignis zugetragen hat. Dieser Umstand ist deshalb auch in jedes Glaubensbekenntnis aufgenommen worden: „Am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten.“ Am dritten Tage ist der Heiland auferstanden. Das ist ein beschleunigter, vorweggenommener Zeitpunkt. Christus hat Seine Auferstehung nicht auf spätere Zeiten verschoben oder gar bis zur allgemeinen Auferstehung am Ende der Welt – was zweifelsohne möglich gewesen wäre. Das eigentliche Erlösungswerk unseres Heilandes bestand in der Versöhnung des gefallenen Menschengeschlechtes mit Gott. Diese Aussöhnung war mit Seinem Sühnetod am Kreuz vollendet worden. Seine Auferstehung von den Toten hatte keinen weiteren Verdienst im Hinblick auf unsere Erlösung. Daß Christus schon am dritten Tag wieder von den Toten auferstand, war in erster Linie der Würde Seines heiligsten Leibes geschuldet; Er sollte nicht zu lange im Staub des Grabes ruhen. Außerdem sollte mit Seiner glorreichen Auferstehung der Glaube an Seine Gottheit befestigt und uns ein Vorbild unserer eigenen Auferstehung am Jüngsten Tag gegeben werden. 

Obwohl die Auferstehung sehr zeitnah auf Seinen Tod erfolgte, so ereignete sie sich doch nicht schon unmittelbar nach Seinem Tod am Abend des Karfreitags. Sie wurde auf den dritten Tag verschoben. Die Verzögerung geschah besonders dazu, um die Wahrheit Seines Todes und damit zugleich die Echtheit Seiner Auferstehung von den Toten zu verbürgen. „Am dritten Tage“ ist also zum einen ein vorgezogener, ein verzögerter und doch ein bestimmter Zeitpunkt. Die Auferstehung Christi hat damit das Vorbild des Propheten Jonas erfüllt, der sich drei Tage und drei Nächte im Bauch des Walfisches befand, ehe er von ihm wieder ausgespien wurde. – Und mehr noch! Christus hat Seine eigene Weissagung an Sich Selbst erfüllt. Mehrmals hatte Er vorhergesagt: „Am dritten Tage werde ich wieder auferstehen“ (vgl. Lk. 18, 33).

Glaubwürdige Zeugen

Aber woher wissen wir, daß es sich hierbei nicht bloß, wie alle Ungläubigen behaupten, um eine fromme Legende handelt? Woher wissen wir, daß Jesus wirklich auferstanden ist? – Wir wissen es von Zeugen! Wir wissen es aus den Zeugnissen der Apostel und der Jünger Jesu. Ganz zurecht! Tatsachen werden durch Zeugen bewiesen; durch Aussagen von Personen, die dabeigewesen sind. Das ist ein Beweis, der in der ganzen Welt und vor allen Gerichten heute in Geltung ist, stets in Geltung gewesen ist und bleiben wird. Schon durch das alttestamentliche Gesetz hat Gott verfügte: „Auf Aussage zweier oder dreier Zeugen werde bestätigt jede Sache“ (Deut. 19, 15). – Aber, so wird gewiß gleich einer einwenden: Die hll. Apostel und Jünger sind doch gar nicht dabei zugegen gewesen, als der Heiland von den Toten auferstand. Niemand war als Zeuge des Auferstehungsvorganges zugegen. Die Auferstehung ereignete sich in der Nacht, in dem verschlossenen und versiegelten Felsengrab. Wenn überhaupt, dann könnten höchstens die Wächter und Soldaten etwa davon mitbekommen haben. – Freilich, das ist wahr! Und trotzdem können die Apostel und Jünger als Zeugen für die Auferstehung Jesu Christi auftreten. Warum? – Weil sie das Grab leeer und unseren Herrn und Heiland nach Seinem Tod und nach Seinem Begräbnis lebend und mit eigenen Augen gesehen haben. – Wenn wir z. B. gestern mit eigenen Augen gesehen haben, wie einer unserer Freund am Bahnhof in den Zug eingestiegen ist, um zu verreisen, und wir ihm heute auf der Straße wieder begegnen, dann können wir sehr wohl bezeugen, daß er inzwischen wieder zurückgekommen ist. – Selbst dann, wenn wir nicht dabeigewesen sind, als er bei seiner Heimkehr in der Nacht wieder aus dem Zug ausgestiegen ist. Wir wissen sicher, daß genau das geschehen sein mußte, weil er sonst ja heute nicht vor uns auf der Straße stehen könnte. – Bedenken wir also, wie viele Zeugen den Heiland wirklich gesehen haben! Da ist zuallererst die kleine Frauengruppe zu nennen, die sich am Ostermorgen zum Grab aufgemacht hatte, es leer vorfand und von der Engelserscheinung zu den Aposteln geschickt wurde. Auf dem Heimweg wurde ihnen, ob ihrer liebevollen Treue und Fürsorge, die erste Erscheinung des Auferstandenen zuteil. Sodann Maria Magdalena. Auf dem Weg nach Emmaus sahen Ihn zwei Jünger. Am Osterabend erschien Christus den Aposteln im Abendmahlssaal in Jerusalem. Lediglich der hl. Thomas fehlte. Acht Tage später erschien Er abermals den Aposteln, während Thomas diesmal dabei war. Darauf erschien Er sieben Aposteln am See Genesareth; später mehr als fünfhundert Jüngern auf einem Berg in Galiläa – vermutlich auf dem Berg der Verklärung, auf Tabor. Schließlich und endlich erschien Er den Aposteln und zahlreichen Jüngern in Jerusalem vor Seiner Himmelfahrt. Und auch Seine Himmelfahrt auf dem Ölberg fand statt unter den Augen sehr vieler Zeugen.

Das sollten eigentlich Zeugen genug sein. Ja, mehr als genug Zeugen, die durchaus dazu imstande waren, ein glaubwürdiges und vollgültiges Zeugnis abzulegen. Sie kannten unseren Herrn Jesus Christus gut. Drei Jahre hatten sie mit Ihm einen vertrauten Umgang gepflegt. Die Züge Seines hl. Antlitzes waren ihrem Gedächtnis tief eingeprägt. Der Klang Seiner Stimme war ihnen bestens bekannt. An den heiligen fünf Wundmalen konnten sie mit der denkbar größten Gewißheit erkennen, daß Er derselbe ist, der am Kreuz gestorben ist. Insbesondere an Seinem durchbohrten Herzen, das trotz der tödlichen Wunde lebendig schlägt, konnten sie sehen, wie wunderbar und herrlich das Leben des Auferstandenen ist; daß es nicht dasselbe Leben wie vorher ist, sondern ein unerhört kräftigeres und mächtigeres; ein Leben, das stärker ist als der Tod. Sein verklärter Leib trägt die an sich todbringenden Wunden immer noch in Seinem Fleische eingeschrieben. Doch ist der Tod entmachtet und überwunden im Sieg des göttlichen Lebens. – Die Zeugen der Auferstehung sahen den Auferstandenen nicht etwa im Dunkel, sondern auch am hellen Tag. Sie sahen Ihn nicht bloß einmal, sondern oft; nicht bloß aus der Ferne, auch aus der nächsten Nähe. Sie sahen Ihn nicht bloß, sie redeten mit Ihm, sie aßen mit Ihm, die berührten und betasteten Ihn. Ein Sinn kann sich vielleicht täuschen, doch nicht alle fünf Sinne. Ein Mensch kann sich im Wahnsinn etwas einbilden, doch nicht hunderte. Eine Verwechslung ist absolut ausgeschlossen. – Was aber noch wichtiger für die Glaubwürdigkeit dieser Zeugen ist: Unter ihnen waren nicht bloß solche, die zum Glauben bereit und geneigt waren, sondern auch solche, die schwer zu überzeugen gewesen sind, wie etwa der erwähnte hl. Apostel Thomas. „Wenn ich nicht meine Finder in den Ort der Nägel und meine Hand in Seine Seite lege, so glaube ich nicht“ (Joh. 20, 25). D.h. wenn ich es nicht mit Händen greifen kann, daß Er der derselbe Jesus Christus ist, der gegeißelt, mit Dornen gekrönt, gekreuzigt, mit einer Lanze durchbohrt und zu Grabe getragen wurde, so glaube ich dem Gerede von der Auferstehung niemals. Der hl. Papst Gregor der Große bemerkte, daß der Zweifel des hl. Thomas für unseren Glauben nützlicher ist als der sofortige Glaube der übrigen: „Maria Magdalena, die schnell glaubte, hat uns weniger genützt als Thomas, der lange zweifelte. Denn er durfte wegen seines Zweifels die Wundmale des Herrn berühren und nahm so die Wunde des Zweifels aus unserem Herzen.“ – Unter den Zeugen der Auferstehung befindet sich ferner auch der hl. Paulus, der zunächst ein Feind des Auferstandenen und ein Verfolger der Kirche war, welche die Auferstehung Christi predigte. Durch den plötzlichen Anblick des auferstandenen Heilandes wurde aus Saulus, dem Verfolger der Kirche, der verdiente Völkerapostel Paulus. „Zuletzt“, sagt der hl. Paulus, „ist Er auch mir erschienen, gleich einer Mißgeburt“ (1. Kor. 15, 8). Also wahrlich Zeugen genug.

Und was sind das für Zeugen! Etwa solche, die nur im verborgenen Zeugnis ablegen? Nur mit unbestimmten, mehrdeutigen Aussagen? Verschämte Zeugen? Nein! „Mit großer Kraft“ (Apg. 4, 33) predigten die Apostel Ihr Zeugnis von der Auferstehung Jesu Christi. – Und wo gaben sie Zeugnis und vor wem? Etwa an fernen Orten, wo ihnen niemand widersprechen konnte, weil man keinen Zugriff auf die Fakten und Indizien der Vorgänge des Karfreitags und des Ostermorgens hatte? Etwa bloß vor Freunden, die ihnen nicht widersprechen wollten? Im Gegenteil! Schon am Pfingstfest trat der hl. Petrus öffentlich auf. Also nur wenige Wochen nach der Auferstehung, in derselben Stadt, wo Christus gekreuzigt worden und gestorben war, dort, wo sich Sein Grab befand; vor Seinen erklärten Feinden, vor Seinen Anklägern und Mördern, vor derselben Menge, die am Karfreitag „Kreuzige! Kreuzige!“ skandierte und sich an den Todesqualen Christi ergötzte. Der hl. Petrus sagte es ihnen allen ins Gesicht: „Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Den Jesus von Nazareth, den ihr getötet habt, Ihn hat Gott auferweckt“ (vgl. Apg. 2, 22-24). Keiner stand damals gegen Petrus auf, um ihn öffentlich einer Lüge zu überführen, was damals ein Leichtes gewesen wäre. Statt dessen ließen sich dreitausend taufen!

Waren es vielleicht bestochene Zeugen, verlogene, niedriggesinnte Zeugen? – Was für ein hirnrissiger Einwand! Welchen Lohn konnten die Apostel von der Welt für ihr Zeugnis erwarten? Keinen anderen als den sie auch erhalten haben. Nicht Ehre! Nein, Spott, Verachtung, Verfolgung. – Nicht Bequemlichkeit! Stattdessen Mühsal und Schmerz! – Kein friedliches Leben, sondern Qualen, Marter und einen blutigen Tod. – Eines ist jedoch wahr! Sie haben ihr Zeugnis abgelegt in der Hoffnung auf einen Lohn – auf die übernatürliche Belohnung des ewigen Lebens, auf die Belohnung, eines Tages selbst Anteil an der Auferstehung Jesu Christi zu erlangen. Freilich durften sie an diesen Lohn nur unter der Voraussetzung denken, daß ihr Zeugnis von der Auferstehung Jesu in allen Teilen der Wahrheit entsprach. 

Man muß also zusammenfassend sagten: Für die Tatsache der Auferstehung Jesu Christi haben wir so viele, so übereinstimmende, so glaubwürdige Zeugen, daß man diesem Zeugnis vernünftigerweise Glauben schenken muß. Und umgekehrt ist es über die Maßen unvernünftig, die Tatsache der Auferstehung Christi weiterhin ernsthaft in Zweifel ziehen zu wollen.

Unhaltbare Einwände

Das Zeugnis der Apostel und Jünger Christi erhält aber noch neue Kraft, wenn wir erwägen, wie nichtig die Einwände sind, welche von den Gegnern der wahren Auferstehung des Erlösers erhoben werden.

Da wäre zuerst die sogenannte „Scheintod-Hypothese“. Jesus sei gar nicht wirklich tot, sondern nur scheintot gewesen. Man hätte Ihn vom Kreuz abgenommen und bestattet. Im Grab sei Er dann wieder zu sich gekommen. Man hätte Ihn daraus befreit und von in der Folge von „Auferstehung“ gesprochen. Das wäre selbstverständlich keine wirkliche Auferstehung gewesen. Die Scheintod-Hypothese widerspricht zunächst den Worten des gekreuzigten Heilandes: „Vater, in Deine Hände befehle Ich Meinen Geist“ (Lk. 23, 46). Das sind Worte eines Sterbenden. Diese Einwendung widerspricht außerdem den Worten der Heiligen Schrift. Sie sagt vom Gekreuzigten: „Und Er neigte Sein Haupt und starb“ (Joh. 19, 30). Dieser Einwand wird vor allem widerlegt durch die scharfe Lanze des Soldaten. Denn warum stach er in die Seite des Heilandes? Doch um sicherzustellen, daß auch der geringste Lebensfunke, der in Ihm womöglich noch vorhanden gewesen wäre, durch den Stick ins Herz mit absoluter Gewißheit ausgelöscht sein mußte. – Dieser Einwand wird außerdem widerlegt durch den kaiserlichen Statthalter Pontius Pilatus. Als der Ratsherr Joseph von Arimathäa um die Erlaubnis bat, den hl. Leichnam Jesu vom Kreuze abzunehmen, da erkundigte sich Pilatus zuerst, ob Jesus auch wirklich tot wäre. Nie würde er die Erlaubnis zur Kreuzabnahme gegeben haben, wenn er nicht über den Tod des Heilandes Gewißheit gehabt hätte. – Schließlich wird dieser Einwand widerlegt durch die Mutter Jesu. Die allerseligste Jungfrau Maria hielt den Leichnam ihres Sohnes nach der Kreuzabnahme in ihrem Schoß. Würde sie zugelassen haben, daß der Leichnam ins Grab gelegt würde, wenn sie auch nur den geringsten Zweifel am Tod ihres Sohnes gehabt hätte? Niemals! – Jesus war nicht scheintot sondern wirklich tot. „Gekreuzigt, gestorben und begraben.“

Der zweite Einwand wird von den Modernisten vertreten. Der Erzhäretiker Walter Kasper – Kardinal der Novus-Ordo-Religion und vormals Konzilsbischof von Rottenburg-Stuttgart – behauptet in seinem Buch „Jesus der Christus“, die Auferstehung hätte sich nur im Bewußtsein der Jünger ereignet. Mit anderen Worten, Jesus war wirklich tot. Und Er sei auch tot geblieben. Wenn man am Karfreitag eine Videokamera in der Grabeshöhle installiert hätte, um die Vorgänge des Ostermorgens zu dokumentieren – so ist sich Kasper sicher –, daß auf dem Film nichts zu sehen gewesen wäre. Keine Veränderung am Leichnam Jesu. Er war mausetot und sei es auch geblieben, postuliert er. Die Auferstehung, oder wie Kasper sagt, der „Auferstehungsglaube“ setzte im Bewußtsein der Jünger ein. Sie seien so von Jesus begeistert gewesen, daß sie sich sagten: Die Sache Jesu braucht Begeisterte und dürfe nicht sterben. „Jesus würde weiterleben, wenn wir, Seine Jünger, die Botschaft Seiner Barmherzigkeit, Seiner Liebe und Solidarität in die weite Welt hinaustragen.“ Die Apostel hätten also in einer wahnwitzigen Fiktion gelebt, indem sie nur so getan haben, als wäre Jesus auferstanden. Kasper trägt seinen Namen zu recht! Was er übersieht ist die Tatsache, daß die Apostel 1. in der Folge des am Karfreitag erlittenen Schocks alles andere als von frenetischer Begeisterung über die Botschaft Jesu von dessen Liebe, Barmherzigkeit und Solidarität entflammt waren. Und 2., daß die Apostel ihres Irrsinnes leicht hätten überführt werden können. Die Hohenpriester, die einen Betrug witterten (vgl. Mt. 27, 64), hätten allen in Jerusalem anwesenden und zum Christentum hin tendierenden Juden lediglich den unverändert im Grab liegenden und inzwischen verwesenden Leichnam zeigen müssen, um das begeisterte Zeugnis der Apostel der Lächerlichkeit preiszugegeben. – Man kann sich nur sehr darüber verwundern, wie die auf dem 2. Vatikanum gegründete Novus-Ordo-Religion, deren Anhängerschaft das Selbstverständnis pflegt, mündige, kritisch denkende Christen zu sein, auf dieses Kasperletheater hereinfallen konnte.

Der dritte Einwand schließlich ist der Klassiker. Er geht in die Tage der Auferstehung selbst zurück und wurde von Seiten der Juden erhoben. Dieser klingt schon ernsthafter. Er besagt: Jesus war tot. Er blieb es auch. Die Geschichte von der Auferstehung ist nicht Irrsinn, sondern ein niederträchtiger Betrug. – Wir halten diesem Vorwurf entgegen: Wenn Christus nicht auferstanden ist, wo ist dann Sein Leichnam geblieben? Warum zeigte Ihn die Feinde Jesu nicht? Sie hatten doch das Grab in ihrer Gewalt. Sie hatten es mit Wächtern besetzt. Sie hatten es versiegelt. – Sie sagten uns: „Der Leichnam ist gestohlen worden.“ Von wem? „Von den Jüngern Jesu.“ Die Hohenpriester und Ältesten hatten die römischen Wächter bestochen und sie angewiesen: „Sagt, Seine Jünger sind bei der Nacht gekommen und haben Ihn gestohlen, als wir schliefen“ (Mt. 28, 13). Wie war das möglich, da doch bewaffnete Soldaten das Grab bewachten? „Die Wächter haben geschlafen, und während ihres Schlafes ist der Leichnam entfernt worden.“ – Merkwürdig, nicht wahr? Ist es zu vermuten, daß ein römischer Soldat auf seinem Wachposten schlief? Darauf stand die Todesstrafe! Es war aber nicht genug, wenn einer schlief, es wäre nötig gewesen, daß alle Soldaten geschlafen hätten. Und auch das war nicht genug. Es wäre nötig gewesen, daß alle zugleich geschlafen hätten. Darüber hinaus hätten alle Wachen so tief und fest schlafen müssen, daß man in ihrer allernächsten Nähe unbemerkt den schweren Stein vor dem Eingang des Grabes zur Seite wegwälzen, den Leichnam Jesu nehmen und wegtragen können müssen. Alle diese Dinge wären nötig gewesen, und jedes einzelne von ihnen widerspricht so sehr aller Wahrscheinlichkeit, daß man es einfach als unmöglich bezeichnen muß, daß alle diese unwahrscheinlichen Dinge gleichzeitig eingetroffen sind. – Aber noch etwas viel sonderbareres sei passiert; etwas, das das Husarenstück der Jünger bei weitem übertroffen und schließlich sogar entlarvt habe. Der hl. Augustinus macht uns darauf aufmerksam, indem er dem jüdischen Vorwurf entgegnet: „Unselige Verschlagenheit! So weit irrst du vom Licht der Klugheit und des Rechtes ab, und so tief sinkst du in deiner Bosheit, daß du sagst: ‚Saget, Seine Jünger sind bei Nacht gekommen, während wir schliefen, und haben Ihn gestohlen.‘ Du führst also schlafende Zeugen an! Wahrlich, du hast selbst geschlafen. Darum hast du bei deinem Sinnen und Brüten so daneben gegriffen“. Wenn die Soldaten schliefen, wie hätten sie sehen können, daß es Seine Jünger waren, die den Leichnam aus dem Grab entwendet haben. Welches Gewicht hat schon die Aussage eines schlafenden Zeugen? Er kann doch nur von seinen Träumereien berichten.

Und selbst wenn! Wie bekamen die Jünger Mut zu einem so waghalsigen Unternehmen? Woher wußten sie, daß die Wächter alle einschlafen würden? Und wenn man das Unmögliche für möglich halten wollte, daß die Wächter geschlafen und die Jünger das Unternehmen gewagt und ausgeführt hätten, was hatten sie damit gewonnen? Einen Leichnam, den sie verstecken mußten. Was war damit erreicht? Nichts!

Nein, die Zeugen für die Auferstehung Christi sind so zahlreich und glaubwürdig. Die Einwände sind so fadenscheinig, nichtig und irre, daß man nicht nur Kasper heißen, sondern auch ein Kasper sein müßte, um sich nicht die Worte des Engels am hl. Grab zu eigen zu machen: „Er ist wahrhaft auferstanden.“ Das ist eine Tatsache, die so gut bezeugt, so fest begründet ist, und bis heute nicht widerlegt werden konnte. Sie ist so sicher wie nur irgend etwas, was im Laufe der Menschheitsgeschichte sich zugetragen hat. So dürfen auch wir mit dem hl. Paulus bekennen: „Nun ist aber Christus auferstanden von den Toten, als Erstling der Entschlafenen. Da nämlich durch einen Menschen der Tod kam, kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, werden in Christus auch alle lebendig gemacht werden“ (1. Kor. 15, 20-22). So wollen wir besonders heute mit Freude zusammen mit der gesamten katholischen Kirche zweier Jahrtausende in tiefer Glaubensüberzeugung beten: „Er ist auferstanden am dritten Tage, gemäß der Schrift.“ Amen.

Gründonnerstag

„Er stand vom Mahle auf, legte die Oberkleider ab, nahm ein Linnentuch und umgürtete sich damit.“ (Joh. 13, 4)

Geliebte Gottes!

Es kommt uns vielleicht seltsam vor, wenn die Kirche für die Liturgie des Abendmahlsamtes ausgerechnet den Evangelienabschnitt von der Fußwaschung ausgewählt hat. Würden wir uns für den Hohen Donnerstag, also die jährliche Gedächtnisfeier von der Einsetzung des Allerheiligsten Altarsakramentes und des hl. Meßopfers sowie von der Stiftung des neutestamentlichen Priestertums, nicht wünschen, ja sogar zurecht erwarten, daß der Evangelientext genau einen dieser erhabenen Gegenstände näher beleuchtet? 

Ein peinlicher Zwischenfall

Stattdessen hören wir ausgerechnet von der Fußwaschung. Von einem scheinbaren Randereignis beim Letzten Abendmahl, welches nur deshalb überhaupt stattfand, weil die Apostel die Bedeutung der hohen Stunde verkannt hatten und im Streit aneinander geraten waren. Gegenstand der Streitigkeiten war die Frage der Rangordnung (vgl. Lk. 22, 24). Ein Thema, das den Jüngern schon zuvor immer wieder Anlaß zu bösen Worten gab. Dieses Mal geschah es vermutlich, als die Apostel nach dem Paschamahl, das stehend und in Eile eingenommen werden mußte, ihre Sitzplätze bei Tisch aufsuchten. Wer hat den Vorrang? Wer bekommt den vornehmsten Platz dem Heiland zunächst? Natürlich der Größte, der Würdigste. – Jesus begegnet dem Kampf um die ersten Plätze mit dem Beispiel der Selbsterniedrigung und der dienenden Liebe. Schon früher hatte Er die Jünger ermahnt: „Wer von euch der Größte sein will, soll euer Diener sein“ (Mt. 11, 23). Die Entgleisung der Apostel nötigte Ihn, sich zu wiederholen: „Der Größte unter euch werde wie der Geringste, und der Vorsteher wie der Diener“ (Lk. 22, 26). Doch warum lenkt die Kirche unsere Aufmerksamkeit heute ausgerechnet auf diesen peinlichen Zwischenfall?

Ist damit nicht das Thema des heutigen Hohen Donnerstag ganz ordentlich verfehlt? Vorbei am wesentlichen? Vorbei an den erhabensten Geheimnisse der christlichen Religion? Oder hat die Szene der Fußwaschung etwa doch irgend etwas damit zu tun?

Die Sendung des Erlösers

Versuchen wir uns gemeinsam auf die Suche nach einer tieferen Bedeutung der Fußwaschungsszene zu machen. Einen Schlüssel hierfür liefert uns eine Stelle, die wir bereit am Palmsonntag gehört haben. Der hl. Apostel Paulus beschreibt den Philippern die Gesinnung unseres göttlichen Erlösers mit den Worten: „Er, der in Gottesgestalt war, erachtete das Gottgleichsein nicht als einen Raub; sondern Er entäußerte Sich Selbst, nahm Knechtsgestalt an und wurde den Menschen gleich. In Seiner äußeren Erscheinung als ein Mensch erfunden erniedrigte Er Sich Selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuze“ (Phil 2, 6-8). – Die Fußwaschungsszene bringt die nämliche Gesinnung unseres Heilandes in Form Seines äußeren Handelns zum Ausdruck. Mit anderen Worten: In der Fußwaschung erschließt uns Jesus die Bedeutung Seiner Sendung als Erlöser sowie die Wirkungen Seines Erlösungsopfers, welches ja auf geheimnisvolle Weise bei jeder hl. Messe vergegenwärtigt wird. Um das Gemeinte besser zu verstehen, wollen wir die Schilderung der Fußwaschung etwas eingehender betrachten. 

Der Lauf des Erlösers

Was auffällt ist, daß der hl. Evangelist Johannes auf den scheinbaren „Zwischenfall“ mit ganz anderen Augen blickt. Die einleitenden Worte seines Berichtes heben das „Randereignis“ jenes Abends auf eine viel höhere, überzeitliche Ebene:„Er [Christus] wußte wohl, … daß Er von Gott ausgegangen sei und zu Gott zurückkehre“ (Joh. 13, 3). Es ist die Rede vom Ausgang und von der Rückkehr Christi. Der Lieblingsjünger sieht mit stechendem Adlerblick die Handlungen Jesu bei der Fußwaschung damit in Zusammenhang stehen. Genauer: Er sieht in der Fußwaschung den genauen Ablauf der Sendung Jesu; von Seinem Ausgehen vom Vater bis zu Seiner Rückkehr, nachdem Er das Erlösungswerk vollbracht hatte. Der Ausgang Christi vom Vater ist bei der Fußwaschung im Abendmahlssaal angedeutet durch das Sicherheben des Herrn vom Tisch. Die Rückkehr durch das erneute Sichsetzen nach der Waschung. 

Fußwaschung und Erlösung

Wir wissen: Unser Herr Jesus Christus ist der eingeborene Sohn des Vaters. Gott von Gott. Licht vom Licht. Wahrer Gott vom wahren Gott. Er ist vor aller Zeit. Gott von Ewigkeit! Aufgrund Seiner Gottheit steht Er in unendlicher Majestät über der gesamten Schöpfung. Von Ewigkeit genießt er eine unermeßliche Herrlichkeit und Seligkeit im Schoß des Vaters, in der Einheit des Heiligen Geistes. Von Ewigkeit trägt Er den Glanz Seiner Gottheit wie jenes strahlend weiße Obergewand, welches Er an jenem Abend zur Feier des Pascha getragen hatte. – Doch der Sohn Gottes hielt nicht eifersüchtig an Seiner göttlichen Herrlichkeit fest. Er klammerte sich nicht an Seine unermeßliche Würde. Nein, Er entäußerte Sich Selbst. Er nahm Knechtsgestalt an. Er wurde Mensch. Im Augenblick Seiner Menschwerdung erhob Sich der Sohn gleichsam vom Liebesmahl der Allerheiligsten Dreifaltigkeit und legte dabei bereitwillig den Glanz und die Herrlichkeit Seiner Gottheit ab, so wie Er in der Nacht vor Seinem Leiden Sich vom Mahle erhob und das festliche Obergewand ablegte. – Bei der Menschwerdung im Schoß der allerseligsten Jungfrau Maria „nahm Er Knechtsgestalt an“, d.h. Er bekleidete Sich mit einer menschlichen Natur aus Fleisch und Blut. Im Abendmahlssaal sehen wir, wie sich Jesus mit einer Schürze, mit dem Gewand des Sklaven, des Dieners umgürtete. Der hl. Johannes bemerkt sehr aufmerksam, daß diese Schürze aus Leinen gewirkt war. Das Leinen kann als ein Sinnbild für die Beschaffenheit der menschlichen Natur Christi gedeutet werden. Denn Leinen wird aus Flachs hergestellt. Dabei muß der Flachs zuvor solange geschlagen werden, bis er weich und geschmeidig ist, ehe er zu Leinen weiterverarbeitet werden kann. Der Flachs muß leiden. Er muß „gegeißelt“ werden. Er muß eine Passion durchleiden, ehe er dem Menschen dienlich sein kann. So ist das Leinen um die Hüften des Herrn ein Bild für Seine leidensfähige Menschennatur, welche Er aus der makellosen Jungfrau Maria angenommen hatte. Eine Menschennatur, die geschlagen und gegeißelt werden mußte, um als Erlösungsopfer „dienlich“ zu sein. Und wie dienlich? – Christus band sich die Schürze um die Hüften, um den Sklavendienst zu verrichten. Den Gästen eines orientalischen Festmahles die Füße zu waschen, war damals Sache der Sklaven. Jesus erniedrigt sich in Seiner Knechtsgestalt. Er macht sich für Seine Jüngern zum Sklaven: „Der Menschensohn ist nicht gekommen um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen“ (Mt. 20, 28). Dazu gießt Er Wasser in eine Schale und beginnt, allen, die es zulassen, die schmutzigen Füße zu waschen. Er löst den Schmutz mit Wasser und nimmt ihn mit dem Leinentuch auf. So, wie Er durch Sein kostbares Blut den Schmutz der Sünde von den Seelen der Menschen loslöst und ihn mit dem Linnen Seiner menschlichen Natur aufnimmt. In Form der Striemen und Wunden Seiner Passion werden Ihm unsere Sünden ins Fleisch geschrieben, damit unsere Schuld an Ihm haftet und wir davon gereinigt sind und heil würden. „Durch Seine Wunden sind wir geheilt“ (Is. 52, 13). Er macht sich zur Sünde, nimmt die Strafe auf sich. Wir sind davon erlöst. So wäscht Christus die Kinder Adams rein von ihren Sünden. Nicht nur die Apostel, sondern allen Menschen, „die eines guten Willens sind“ (Lk. 2, 14). Nicht allein mit bloßem Wasser, sondern mit kostbaren Lösepreis Seines Blutes. Nicht gezwungenermaßen, sondern aus Liebe; aus Liebe bis an Ende: „Da Er die Seinen liebt, liebte er sie bis ans Ende.“ (Joh. 13, 1). „Er erniedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz“ (Phil. 2, 8). Durch Seinen Tod wird Christus uns „dienstbar“. Durch Sein Leiden, durch Sein Blutvergießen am Kreuzesstamm reinigt Er alle Seine Jünger vom Sündenschmutz. Nicht alle Menschen! Sondern nur „die Seinen“! Deshalb sprach der Herr nicht davon, als würde Er Sein Blut „für alle“vergießen. Er tut es lediglich „für die Vielen“! Nicht weil er für die anderen nicht wollte. Doch die nicht zu den Seinen zählen, verwehren es Ihm. Nur jenen kann Er „dienlich“ sein, welche den Dienst Seiner Niedrigkeit im Glauben zulassen und durch Reue und Vorsatz annehmen. – Es gibt keine Allerlösung! Jedem Menschen müssen die Verdienste Christi aus der Schale des Erlösungsopfers einzeln zugewandt werden. Das geschieht insbesondere durch das hl. Meßopfer und durch die hll. Sakramente – vor allem durch das Bad der hl. Taufe und die Reinigung im Bußsakrament. In der Heilsökonomie gibt es keinen Automatismus. Wer sich vor dieser Reinigung verschließt oder dem Wirken Christi Hindernisse in den Weg legt, dem kann nicht geholfen werden. Zu demjenigen, der die hll. Sakramente nicht empfangen will, sagt Christus genauso wie damals zu Petrus, der sich anfänglich sträubte: „Wenn Ich dich nicht wasche, hast du keine Gemeinschaft mit Mir“ (Joh. 13 ,8). Ein anderer, der die hl. Sakramente zwar rein äußerlich empfangen will, sich aber nicht innerlich zum würdigen Empfang disponiert, der muß sich von den Worten getroffen fühlen: „Auch ihr seid rein. Aber nicht alle! Er kannte nämlich Seinen Verräter. Darum sagte Er: Nicht alle seid ihr rein“ (Joh. 13, 11). Für den einen wie den anderen gilt: „Du hast keinen Gemeinschaft mit mir.“ Du hast keinen Anteil an Meinem Blut; keinen Anteil an Meinem Opfer, keinen Anteil an den Verdiensten Meines Erlösungswerkes. Wenn Ich dich nicht wasche, dann bleibt der Sündenschmutz an dir haften und du wirst darin elendiglich zugrunde gehen. Du wirst verhaftet bleiben im rein Irdischen, Triebhaften, Niederen und bleibst für immer ohne Rechtfertigung und damit unwürdig an der ewigen Tischgemeinschaft der Allerheiligsten Dreifaltigkeit teilzunehmen. 

Schließlich wird unser Herr jedoch nicht im Zustand der Erniedrigung bleiben. Wie Er von der Fußwaschung aufstand und Sein Obergewand anlegte und Sich wieder zu Tische legte, so wird Er Sich nach Seinem Erlösungsopfer im verklärten Kleid Seines Auferstehungsleibes vom Tode erheben und Sich am Tag Seiner triumphalen Himmelfahrt wieder an den Platz setzen, von dem Er ausgegangen war – zur Rechten Gottes, des Vaters. So wird durch Christus bereits im Abendmahlssaal zeichenhaft – man könnte sagen, auf zeremonielle, liturgische Art und Weise – angedeutet, was bei Seiner heiligen Menschwerdung geschehen ist; was bei Seinem Kreuzesopfer, bei Seiner glorreichen Auferstehung und Himmelfahrt geschehen wird.

Fußwaschung und Meßopfer

Der Zusammenhang zwischen der Fußwaschung und dem Opfer des Neuen Bundes, das Christus beim letzten Abendmahl eingesetzt hat, ist jetzt nicht mehr schwer zu verstehen. Das, was uns Jesus sichtbar in der Zeremonie der Fußwaschung andeutet, ist nichts anderes als was sich fortan, unseren natürlichen Augen verborgen, bei jeder heiligen Messe vollzieht. Nur der Glaube kann es sehen: Jesus legt Seine Herrlichkeit, wie Er sie jetzt im Himmel genießt, ab. Er verzichtet auf die „Gloria Dei“ und „umgürtet“ sich mit der Knechtsgestalt des Brotes. Er entäußert Sich und erniedrigt Sich bei der Wandlung in der Vergegenwärtigung der Stunde Seiner größten Schmach am Kreuz. Er wird uns „dienlich“, indem Er Sich für uns zur Speise macht. Wie die irdische Speise dem Menschen dient, damit er leben kann, so dient uns Christus in der Gestalt des Brotes, daß unsere Seele das Leben der übernatürlichen Gnade in sich bewahren kann. In der hl. Kommunion, ob geistig oder sakramental, wäscht Christus „die Seinen“(!) rein vom Staub der läßlichen Sünde, mit dem sie sich täglich aus Schwäche, Nachlässigkeit oder Bosheit beflecken. Nicht anders lehrt es die Kirche: Durch jede andächtige und reuevolle hl. Kommunion werden die läßlichen Sünden getilgt. Bei jeder hl. Messe und in jeder hl. Kommunion vollzieht sich somit die Fußwaschung geheimnisvollerweise von neuem. Darin erkennen wir warum es sehr sinnvoll ist jährlich am Hohen Donnerstag davon beim Abendmahlsamt zu hören. 

Ein Beispiel habe Ich euch gegeben.“

Schließlich sagt Christus: „Versteht ihr, was Ich euch getan habe? Ihr nennt Mich Meister und Herr, und mit Recht, denn Ich bin es. Wenn nun Ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so müßt auch ihr einander die Füße waschen. Ein Beispiel habe Ich euch gegeben, damit auch ihr tut, wie Ich euch getan habe“ (Joh. 13, 12-15). Diese Worte sind selbstverständlich im übertragenen Sinn zu verstehen. Doch wie sollen wir dieser Forderung konkret nachkommen und „einander die Füße waschen“? Es erscheint naheliegend, aus den Worten Jesu einen Appell zur Übung der Demut herauszuhören. Indem wir etwa hilfsbereit dem Nächsten zur Seite stehen. Indem wir Besserwisserei, den falschen Ehrgeiz, die Überheblichkeit anderen gegenüber ablegen und schneller bereit sind, den Mitmenschen zu dienen als zu befehlen; das Unbeachtet- und Kleinsein der äußeren Größe und Bekanntheit vorziehen. Das ist der eine, ganz offensichtliche Aspekt, wie wir Jesus in Seiner Erniedrigung nachahmen sollen.

Eine zweite und tiefere Bedeutung der Forderung Christi, einander die Füße zu waschen, könnten wir uns aus dem engen Zusammenhang der Fußwaschung mit dem Erlösungsopfer am Kreuz bzw. in der hl. Messe erschließen. Bekanntlich besteht die wesentliche Teilnahme an der hl. Messe nicht in der Kommunion, sondern im „Mitopfern“. Wir sollen uns durch Christus und mit Ihm und in Ihm zu einer gottwohlgefälligen Opfergabe machen. Das kann nur gelingen, wenn wir die Gesinnungen Christi in unserer Seele annehmen. Nicht nur während der dreiviertel Stunde zu Füßen des Altares, sondern unentwegt. – Von mehreren Heiligen ist bekannt, daß sie den innigen Wunsch hatten, für Jesus wie eine zweite Menschheit zu sein; wie ein Leinentuch, mit dem Er sich erneut umgürten kann, um damit den Schmutz der Sünde eines anderen aufnehmen, damit dieser rein werde. Auch wir sollen unsere Menschennatur, unseren Leib und unsere Seele gleichsam als Leintuch für den Dienst des Erlösers an den Seelen der Sünder zur Verfügung stellen, indem wir bereits sind stellvertretend für die anderen zu sühnen. Wir sollen unseren Alltag, unsere täglichen Mühsale, Mißgeschicke, Mißerfolge, Krankheiten, Sorgen und Ängste aufopfern und Ihm gleichsam erneut das zur Fußwaschung nötige Wasser schenken. So leisten wir einander, dem Beispiel Christi folgend, den Sklavendienst der Liebe – zur Entsühnung der Welt. Wir sind dazu aufgerufen „Miterlöser“ zu sein; einem Sünder die Gnade der Bekehrung, der Besserung, der Heiligung „mitzuverdienen“. „Ein Beispiel habe Ich euch gegeben, damit auch ihr tut, wie Ich euch getan habe.“ „Er erniedrigt Sich Selbst und wurde gehorsam bis zum Tode, ja, bis zum Tod am Kreuze.“ Amen.

Passionssonntag

Das verhüllte Kreuz

Geliebte Gottes!

Mit dem verhüllten Kreuz fängt es immer an. Am heutigen Passionssonntag, der die Leidenszeit unseres Herrn einleitet, sind alle Kreuze mit einem violetten Tuch bedeckt. Diese tiefsinnige Zeremonie geht auf das feine Empfinden der frühen Christenheit zurück. Während der Leidenszeit verhüllte die Kirche damals schon die mit Gold und Edelsteinen geschmückten Altarkreuze. Die Pracht von Gold und Edelsteinen wollten nicht recht zum Leiden des Herrn passen, und so verbarg man sie zum Zeichen der Trauer unter dunklen Tüchern. – Später wollten einige Schriftausleger die Kreuzverhüllung mit dem Evangelium des heutigen Sonntags in Zusammenhang gesehen wissen: Jesus verbarg sich vor den Juden, die ihn steinigen wollten. Zum Andenken daran verhülle man in den Kirchen die Kreuze. – Auch diese Deutung hat etwas Sinnvolles. Sie weist weniger auf die Trauer der Kirche hin, sondern ist eher eine Mahnung und soll auf die Gefahr hinweisen, wie der Haß, den die Feinde Jesu im heutigen Evangelium an den Tag legen, gleichzeitig blind macht. Daß sich der Herr fleischlich gesinnten Menschen entzieht; sich vor den Stolzen und in ihren Sünden verhärteten Seelen verbirgt, weil sie nicht „aus Gott sind“ (Joh. 8, 47). – Ja, die Sünde generell und insbesondere der Haß gegen die erkannte Wahrheit machen blind. Durch Sein Sich-verbergen und Weggehen aus dem Tempel straft Jesus diejenigen, die Ihn nicht anerkennen wollen, die sich Seinem sanften Joch widersetzen. Er überläßt sie sich selbst.

Das verhüllte Kreuz

Damit scheint der Sinn des verhüllten Kreuzes am Passionssonntag eigentlich schon gut und hinreichend erklärt zu sein. Ein sorgenfreier Mensch wüßte wohl nicht, warum man noch weiter über das verhüllte Kreuz nachdenken sollte.

Doch wenn der Mensch dann irgendwann einmal im Laufe seines Lebens dem Kreuz begegnet – und früher oder später tritt das Kreuz in das Leben eines jeden Menschen ein; wenn der Mensch dem Kreuz begegnet, dann wird er zunächst feststellen: Es ist verhüllt. Viele Kranke und Leidende bestätigen das. Ihr Kreuz sei am Beginn verhüllt gewesen.

Am Anfang jeder Leidenszeit steht das verhüllte Kreuz – in der Liturgie wie im Leben des Einzelnen; und überall, wo das Kreuz verhüllt ist, steht man noch am Anfang. Das verhüllte Kreuz ist das unverstandene und mißverstandene Kreuz. – Man erkennt seinen Sinn und seinen Segen noch nicht. Das Kreuz ist in diesem Stadium ein Rätsel. Es erscheint als eine Plage, eine drückende Last, vielleicht auch eine Torheit und ein Ärgernis. 

Wenn wir auf unser Leben blicken, ist uns da nicht auch das eigene Kreuz am Beginn unserer Passionswochen wie verhüllt erschienen? Wir konnten oder können es immer noch n nicht verstehen, daß da das Kreuz in unser Leben eintritt. Warum? Wie kann Gott das zulassen? Warum ausgerechnet dieses Kreuz? Sei es eine schwere und schmerzhafte Krankheit, der Verlust eines geliebten Menschen, der Verlust der Existenzgrundlage. Die drückende Last auf dem Herzen der Eltern, wenn sie die Schicksale ihrer Kinder miterleben. Oder auch das Kreuz, verursacht durch böswillige Menschen, die sich auf unredliche Weise Vorteile verschaffen, während ein guter Katholik, gerade weil er sich um Redlichkeit bemüht, im privaten wie im beruflichen Bereich auf der Strecke bleibt. Noch unzählige andere Kreuze ließen sich aufführen: das Scheitern einer Ehe; Arbeitslosigkeit; Überlastung in der Arbeit oder in der Erziehung; eine Depression; die Isolation und Vereinsamung, nicht nur bedingt durch die politischen Entscheidungen unserer Regierung, sondern auch die geistige Isolation, bedingt durch den großen Glaubensabfall, und, und, und. – Grübeln, Hadern, Verzagen und bisweilen sogar Verzweiflung kann einen Menschen in den ersten Momenten erfassen, wenn er fassungslos auf sein verhülltes Kreuz blickt. Da möchten wir weinen, wie der hl. Evangelist Johannes, als er in der Geheimen Offenbarung das mit sieben Siegeln verschlossene Buch sah. Aber niemand im Himmel und auf der Erde und unter der Erde vermochte das Buch zu öffnen und einzusehen. – Und mit der lauten Stimme des gewaltigen Engels aus der Apokalypse, wird uns und der ganze Welt zugerufen: „Wer ist würdig, das Buch zu öffnen und seine Siegel zu lösen?“ (Offb. 5, 2). Wer vermag der leidenden Menschheit das Kreuz zu enthüllen und ihm einen Sinn zu geben? – Die Antwort lautet: Einzig das Lamm Gottes vermag das, und Seine Braut, die heilige Kirche.

Kreuzenthüllung

In der katholischen Kirche wird das Kreuz am Karfreitag enthüllt. Der zelebrierende Priester begibt sich, angetan mit der Albe, schwarzem Manipel und schwarzer Stola auf die rechte Seite, vor die Stufen des Hauptaltares auf der Epistelseite. Er hält das verhüllte Kreuz den Anwesenden entgegen und das erste Band wird gelöst, welches das Tuch oben am Längsbalken zusammenhält. Ein dornengekröntes Haupt wird sichtbar. Der Priester singt in die lautlose Stille der Kapelle:„Ecce lignum crucis, in quo salus mundi pependit – Seht da, das Holz des Kreuzes, daran das Heil der Welt gehangen!“Der Priester steigt die Stufen an der Epistelseite empor und macht dabei ein paar Schritte gegen die Mitte des Altares. Nun werden die beiden Bänder an den Querbalken gelöst. Man sieht zwei durchbohrte Hände. Der Priester singt wiederum, diesmal mit höherer Stimme: „Ecce lignum crucis – Seht da das Holz des Kreuzes, daran das Heil der Welt gehangen!“ Nur noch lose hängt die Hülle über dem Kreuz. Mitten vor dem Altar wird schließlich das letzte Band unter dem Längsbalken des Kreuzes weggenommen. Der Schleier fällt vom Kreuz. Der Priester singt, noch ergreifender: „Ecce lignum crucis – Seht das Holz des Kreuzes, daran das Heil der Welt gehangen!“ Wenn das Kreuz ganz enthüllt ist, sieht ein jeder der anwesenden Gläubigen, daß Christus am Kreuz hängt, daß am Kreuz „Heil und Erlösung“ ist.

Es sollte uns am Karfreitag, wenn die Schleier von den Kreuzen fallen, eine tiefe Bestürzung erfassen. Denn das ist das Unfaßbare: Gottes Sohn hängt am Kreuz! Am Holz der Schade, des Schmerzes und der Qualen. Das jüdische Recht kannte die grausame Hinrichtung durch Kreuzigung nicht. Die Römer brachten sie nur bei den allerschlimmsten Verbrechen zur Anwendung. Keiner, der damals das römische Bürgerrecht besaß, durfte gekreuzigt werden. Das Ansehen des römischen Bürgerrechtes durfte mit einer solchen Schade nicht beschädigt werden. Mochte der Römer auch noch so abscheuliche Schandtaten verübt haben, die Kreuzigung mußte ihm erspart bleiben. – Unerhört und unfaßbar ist darum der Gesang: „Seht da, das Holz des Kreuzes, daran das HEIL der Welt gehangen!“ Noch die Schriften des Alten Testamentes hatten gedroht: „Verflucht sei, wer am Holze hängt!“ (Deut. 21, 23). – Christus und Kreuz und damit Kreuz und Heil der Welt, Kreuz und ewige Glückseligkeit, welch unglaublich empörende Vermählung! Welch bittere Offenbarung wird uns da gezeigt! – Gibt es jedoch nicht selbst in unserem eigenen Leben Kreuzenthüllungen, die zu ungeahnten Offenbarungen werden? Da galt uns lange, lange ein Kreuz nur als Schicksal und Verhängnis; es war verhüllt. – Nun fallen die Schleier. Das Kreuz wird – plötzlich und endlich! – in seinem Sinn, in Segen und Leben erkannt. Solche Kreuzenthüllungen sind feierliche Stunden in einem Menschenleben. Sie können nur geschehen, weil zuvor die Hülle vom Kreuz Christi gefallen ist.

Als der hl. Apostel Johannes im Schmerz weinte, weil niemand sich fand, der jenes siebenfach versiegelte Buch öffnen konnte, sagte einer der Ältesten zu ihm: „Weine nicht! Siehe, gesiegt hat der Löwe aus dem Stamme Juda, der Sproß Davids, um das Buch mit seinen sieben Siegeln zu öffnen. Und es kam das Lamm und nahm das Buch … und ich hörte rufen: ‚Komm und sieh!‘“ (Offb. 5, 6).

Ja, „Komm und sieh!“ Auch wir dürfen nicht mehr weinen. Statt dessen sollen wir erkennen. „Komm und sieh!“ Seit dem Kreuzesopfer unseres Herrn ist das Kreuz enthüllt, ist der sühnende und erlösende Sinn des Kreuzes offengelegt. Die Kirche singt von heute an in der Präfation vom Heiligen Kreuz mit den tiefsinnigen Worten: „Dein Wille, ewiger Gott, war es, daß vom Holz des Kreuzes das Heil der Menschheit ausgehe. Von einem Baum kam der Tod, von einem Baume sollte das Leben erstehen. Der am Holze (des Paradiesesbaumes) siegte – der Satan –, sollte auch am Holze (des Kreuzesbaumes) besiegt werden.“ Durch unseren Herrn Jesus Christus kann auch unser Kreuz, dieses verhaßte Holz des Todes und der Qual, zu einem Holz des übernatürlichen Lebens und des Sieges über Sünde, Tod und Teufel gewandelt werden. Durch Ihn wird jedes Kreuz Gottes Kraft und Weisheit.

Vielleicht sind wir noch nicht so weit zur Einsicht unseres Kreuzes vorgedrungen. – Verzagen wir nicht! Das Kreuz wird ja nur nach und nach enthüllt: in der Liturgie des Karfreitags, wie an den Karfreitagen des Lebens. Oft sehen wir erst nach Jahren das Kreuz in seiner ganzen Enthüllung, in seinem vollen Segen, in seiner nie geahnten Bedeutung. Ja, der letzte Schleier wird erst in der Ewigkeit von unserem Kreuz genommen. – Selbst über dem Kreuz Christi lagert trotz der Enthüllung immer noch eine Lichtwolke des Geheimnisvollen.

Es genügt indes, wenn das Leid allmählich den unsinnigen, qualvollen Charakter verliert, wenn uns das Leid nicht mehr nur als blindes Schicksal, als Unglück oder gar als Unrecht gilt. Das ist die erste Kreuzenthüllung. Es folgt eine zweite, eine dritte. – Ja, manche selbstlose und von großer Gottesliebe erfüllte Seelen sind so weit gekommen, daß sie mit dem frommen Verfasser der „Nachfolge Christi“ aufrichtigen Herzens mitsprechen können: „Im Kreuz ist Heil. Im Kreuz ist Leben. Im Kreuz ist Schutz vor Feinden. Im Kreuz ist Stärke des Gemütes. Im Kreuz ist höchste Gunst. Im Kreuz ist vollendete Heilung zu finden. Es ist kein Heil der Seele, keine Hoffnung des ewigen Lebens außer im Kreuz“ (II. 12).

Kreuzverehrung

Im Bezug auf die Zeremonien der Kreuzenthüllung am Karfreitag ist noch etwas Wichtiges nachzutragen. – Auf den Ruf des Priesters: „Ecce lignum crucis – Seht da das Holz des Kreuzes, daran das Heil der Welt gehangen!“ antworten die Anwesenden: „Venite, adoremus – Kommt, lasset uns anbeten!“, und alle fallen auf die Knie nieder. – Unmittelbar auf die Kreuzenthüllung folgt die Kreuzverehrung. In ernster, schweigender Prozession zieht der Priester in einige Entfernung zum enthüllten Kreuz, das inzwischen vorne auf die Altarstufen gelegt wurde. Zum Zeichen scheuer, ehrfürchtiger Hochschätzung hat er, wie einst Moses am brennenden Dornbusch, die Schuhe ausgezogen. Fernab kniet er sich nieder, erhebt sich, tritt ein paar Schritte näher zum Kreuz hin, kniet abermals hin, wartet und dann wieder. Das geschieht dreimal so, wohl zum Sinnbild dafür, daß wir alle nur zögernd und langsam dem Kreuz entgegengehen können. Am Schluß dieser Zeremonie erfolgt aber das Entscheidende: Das Kreuz wird geküßt.

Man mag nichts Besonderes daran finden, daß man am Karfreitag das Kreuz küßt. Wenn wir jedoch darüber nachdenken, so gibt es von allen Kreuzen nur ein einziges, welches der Mensch küssen kann – jenes, an dem der Erlöser, das Heil der Welt, hängt. Und wo immer Menschen ein Kreuz „küssen“, das heißt es bejahen, es innerlich annehmen, ja es vielleicht sogar freudig umarmen sollen, so muß der göttliche Heiland daran hängen. – Es wurden viele vor und nach Christus gekreuzigt. Die Kirche besingt keines jener Kreuze. Denn das Heil findet sich nur an dem Kreuz, an dem er eine und einzige Erlöser der Welt hängt.

Es gibt heute unermeßlich viel Leid, Schmerz, Depression und Weh. Und wir müssen leider feststellen: Es ist zu einem großen Teil Leiden ohne übernatürliches Verdienst, unfruchtbarer Schmerz, unseliges Kreuz. – Warum? – Weil den Kreuzen der meisten Menschen Christus fehlt und ihrem Leid die christliche Auffassung. Es fehlt der Kuß der Annahme.

Freilich dürfen wir nicht vergessen, daß Krankheiten und Leiden aller Art an sich immer Übel bleiben, die der Mensch flieht, die er fürchtet, ja sogar haßt. Wer in seinem Leiden nicht den tiefen, den christlichen Sinn findet, dem muß sein Kreuz nur Unheil und Fluch bedeuten, trotz der schönen Theorien zur Leidensbewältigung, welche sich die Weisen der Welt und die modernen Psychologen zum Trost für kummervolle Menschen ausgedacht haben. – Nur einer ist imstande, uns mit dem Leiden zu versöhnen: Unser Erlöser Jesus Christus, der auch das Leiden selbst erlöst hat, indem Er uns gerade durch das Leiden erlöste. Seit Christus und durch Christus haben die Menschen die übernatürliche Kraft der Gnade, das Kreuz zu küssen. – Jene Unglücklichen aber, die zwar ein Kreuz, aber nicht Christus daran haben, sind tief zu bedauern. Wenn wir also wollen, daß sich unsere Lebenskreuze nach und nach vor uns enthüllen, dann muß Christus an unserem Kreuz sein! Wir müssen das Leidensbild und das Leidensvorbild Christi vor unseren Augen – und noch wichtiger – in unseren Seelen präsent halten. – Daher rührt der Brauch, in jedem Zimmer eines christlichen Haushaltes, insbesondere in einem Schlafzimmer, das ja dann zumeist auch Krankenzimmer sein wird, ein Kreuz aufzuhängen. Es wird den Kranken an das Kreuz des Heilandes erinnern, ihn trösten und ermuntern, das seine tapfer anzunehmen, es zu küssen. – Auch die Andachtsübungen, wie etwa der schmerzhafte Rosenkranz, die Kreuzwegandacht oder sonst eine Frömmigkeitsübung, welche die Passion unseres Herrn zum Gegenstand hat, sind Mittel dazu, das Leidensvorbild Jesu im Herzen lebendig zu machen und lebendig zu halten. – Trifft uns dann ein Kreuz, so hören wir sofort den Gekreuzigte rufen: „Im Kreuz ist Heil. Im Kreuz ist Leben. Im Kreuz ist höchste Gunst.“ Wenn wir den Gekreuzigten umfangen, indem wir uns Ihm ergeben, dann sind wir nicht mehr allein mit unserem Kreuz, sondern mit Christus sind wir an das Kreuz geheftet – und Christus ist an unser Kreuz geheftet. Dann wird auch an uns Wirklichkeit, was der hl. Paulus von sich sagt: „Ich bin mit Christus an das Kreuz geheftet“ (Gal. 2, 19). „Wohin wir auch kommen, immer tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserem Leibe offenbar werde“ (2. Kor. 4, 10). „Nun freue ich mich in den Leiden, die ich für euch leide, und ergänze das an meinem Fleische, was an den Leiden Christi noch aussteht“ (Kol. 1, 24). Christus lebt und leidet mit und in uns, Seinen Gliedern. In dieser Auffassung wird unser Leid zum Heile werden. Es verähnlicht und vermählt uns mit dem gekreuzigten Menschensohn, damit wir nach dem Maß dieser Ähnlichkeit Kraft der göttlichen Gnade auch Anteil gewinnen an Seiner österlichen Herrlichkeit, an der ewigen Glorie des auferstandenen Gottessohnes.

Knien wir in diesen Tagen ganz bewußt vor dem Kreuz nieder und beten wir: „Gekreuzigter Heiland, König der Schmerzen! Gib, daß sich der innere Aufruhr über mein Kreuz lege, daß ich still werde vor Deinem Kreuz! Gewähre mir eine Ahnung davon, daß auch an meinem Kreuz, ewiges Heil reifen muß. Gib meiner schwachen, gebrechlichen Seele die Kraft Deiner Gnade, damit ich auch kreuzbeladen, Dir, dem Gekreuzigten, zu folgen vermöge – durch den Kuß Deiner Liebe.“ Amen.

Fest des hl. Joseph

Die Größe und Würde des hl. Joseph

Geliebte Gottes!

Das Alte Testament ist Schatten und Vorbild des Neuen. Es berichtet auf prophetische Weise von Personen, von deren Charaktereigenschaften, Lebensumständen und Schicksalen, die aufgrund ihrer Ähnlichkeit wie schattenhafte Schemen, Typen und Vorbilder des Neuen Testamentes erscheinen. Große Menschen werfen einen großen Schatten. Eine solche Person, die aufgrund ihrer hohen Würde einen besonders großen Schatten in der Heilsgeschichte vorausgeworfen hat, ist der hl. Joseph. 

Der Schatten des ägyptischen Joseph

Es gibt eine alttestamentliche Figur, die auf prophetische Weise die ganze Größe und Würde des hl. Joseph ausdrückt. Der hl. Bernhard von Clairvaux weist darauf hin, daß der alttestamentliche Joseph, jener elfte Sohn des Patriarchen Jakob, nicht nur ein Namensvetter des Bräutigams der Gottesmutter ist, sondern gleichsam dessen Silhouette. Im ägyptischen Joseph finden wir die Umrisse des Pflegevaters Jesu vorgezeichnet. Dadurch wird uns ein leichterer Zugang zur Persönlichkeit des hl. Joseph eröffnet, der in den neutestamentlichen Offenbarung zumeist nur eine Randnotiz darstellt. 

Rufen wir uns nur die visionären Träume des ägyptischen Joseph aus dem Buch Genesis in Erinnerung. Joseph sah im Traum, wie sich bei der Erntearbeit die Getreidegarbe, welche er gebunden hatte, aufrichtete und aufrecht stehenblieb, während sich die Garben seiner Brüder ringsherum vor der seinigen zur Erde neigten (vgl. Gen. 37, 7). Von einem anderen Traum berichtete er seinen Eltern und Geschwistern: „Ich sah im Traum, wie die Sonne und der Mond und elf Sterne sich vor mir zur Erde neigten“ (Gen. 37 ,9). Wie sich später herausstellen sollte, waren diese Träume nicht, wie wir es auch eigener Erfahrung kennen, Produkte der im Schlaf herumschweifenden Phantasie. Es waren Visionen zukünftiger Ereignisse, die Gott selbst in der Seele Josephs formte. Sie sollten die kommende Erhöhung Josephs in Ägypten ankündigen (vgl. Gen. 41). Dort würde er als Sklave in den Kerker geworfen bis zum Rang eines Vizekönigs, unmittelbar unter dem Pharao, aufsteigen. Er würde das Land am Nil in weiser Vorausschau regieren, indem er die Überschüsse von sieben reichen Erntejahre für die bevorstehende ebenso lang anhaltende Hungersnot aufspeichern lassen. Dann würde der Pharao, das hungernde Volk anweisen: „Geht, zu Joseph, und tut alles, was er euch sagt!“ (Gen. 41, 55). Und Joseph würde ihrer Not abhelfen. Schließlich würden selbst seine Brüder, die ihn zuvor aus Haß und Neid nach Ägypten verkauft hatten, vom Hunger vor seinen Thron getrieben. Im Namen ihres Vaters würden sie ihn, auf Knien liegend, um Korn anflehen. All das kündeten die Träume von den Garben bzw. von Sonne, Mond und Sternen dem ersten Joseph. Und wir können uns seine Freude vorstellen, als all das tatsächlich in Erfüllung ging; als er nicht nur seinen Vater, seine Mutter, seine Brüder, sondern ganz Ägypten zu seinen Füßen niedergeworfen sah. – Das alles war nur der Schatten eines noch größeren Mannes. Es war der lange Schatten, den der zweite Joseph, der Nährvater Jesu Christi, vorauswarf.

Mehr als die Sonne und der Mond liegen dem hl. Joseph zu Füßen. Ihm unterstehen Jesus und Maria. Jesus Christus, die Sonne der Gerechtigkeit und der Abglanz der ewigen Herrlichkeit Gottes. Und die unbefleckte Jungfrau und Gottesmutter Maria, die in ihrer makellosen Gnadenfülle sanft leuchtet wie der Mond. Der hl. Joseph besaß eine wahre, gottgegebene Autorität als Bräutigam Mariens und als gesetzlicher Vater auch über Jesus. Der menschgewordene Sohn Gottes nennt ihn „Vater“. Gottes Sohn ist ihm untertan. Der Eingeborene des ewigen Vaters scheut sich nicht, den hl. Joseph um seinen väterlichen Segen zu bitten, vor ihm hinzuknien und ihm zu dienen. Der himmlische Vater hat sich gleichsam Seiner Rechte über Seinen göttlichen Sohn entäußert und sie in die Hände des hl. Joseph gelegt. Darin besteht seine erhabene Würde. Wie mußten sich doch die Engel darüber verwundern, daß der hl. Joseph dem ewigen und allmächtigen Wort Gottes, durch welches die ganze Schöpfung überhaupt erst ins Dasein getreten ist ist, Befehle erteilt. Etwas, das kein Engel sich herausnehmen dürfte. Und daß der Sohn Gottes, dem die neun Chöre der Engel ununterbrochen die Huldigung ihrer Anbetung erweisen, dem einfachen Mann bereitwilligst gehorcht, obwohl dieser in der Schöpfungsordnung ja weit unter den Engel steht. – Außerdem sollte der hl. Joseph der Wächter und Beschützer der allerseligsten Jungfrau Maria sein. Seinen Händen vertraute Gott das reinste und vollkommenste Geschöpf an, das aus Seiner Schöpferhand hervorgegangen ist; das einzige, welches makellos und völlig unversehrt geblieben ist, damit Joseph darauf achtgebe. Er sollte der keuscher Gemahl Mariens sein, der ein wahres Recht auf ihre Liebe und auf ihre Unterordnung hat. Nährvater Jesu, des Sohnes Gottes und Bräutigam Mariens, der Königin der Engel! Das sind die beiden Tatsache, aus denen die große Würde des hl. Joseph erwächst.

Grund seiner Größe und Würde

Gott beruft niemanden zu einer derart hohen Würde, ohne daß der Betreffende auch die Voraussetzungen dazu mitbringt. Wenn Gott den hl. Joseph zum Haupt der hl. Familie bestellt hat, dann müssen wir notwendigerweise annehmen, daß seine Seele schon bevor er den Ehebund mit Maria einging, einen solchen Grad an Vollkommenheit erreicht haben mußte, wie er auf Erden zuvor nicht gekannt worden war. Er muß von gewaltiger Größe gewesen sein. Nicht allein von jener Größe, der Statur, des Namens, der Titel und der Herkunft, die den Ehrgeizigen stolz dazu veranlassen die Achtung und Bewunderung bei den Menschen auf sich zu ziehen. Zwar fehlte auch diese Parameter bei Joseph nicht. Er konnte sich rühmen, vierzehn Könige, zahlreiche Patriarchen und Stammesfürsten in seinem Stammbaum vorweisen zu können. Alle waren jedoch trotz ihrer Zepter und Kronen geringer als er. Sein Adel bestand zuallererst im Adel der Tugend und dann erst im Adel des Blutes. Um das zu unterstreichen, ließ Gott es zu, daß die davidische Königsfamilie, deren Sprößling der hl. Joseph war, damals längst in der Bedeutungslosigkeit versunken war, und daß der Nachfahre der König von Juda das tägliche Brot für sich und seine Familie als einfacher Handwerker verdienen sollte. Sein Beruf als Zimmermann war ihm ebenso teuer wie der Titel eines Prinzen, und das Zepter der König war ihm nicht mehr wert als der Hammer des Handwerkers. Die gesamte Seelengröße des hl. Joseph findet sich in dem einen Wort zusammengefaßt: „Weil nun Joseph gerecht war“ (Mt. 1, 19). Joseph war „der Gerechte“.

Die Gerechtigkeit des hl. Joseph

Der hl. Maximus Confessor fragt: „Wollt ihr wissen, warum Joseph gerecht genannt wird?“ Und er antwortet: „Weil er die Vollkommenheit aller Tugenden besaß!“ Was kann man mehr über einen Menschen sagen, als daß er alle Tugenden auf vollendete Weise besitzt? Das ist das höchste Lob, das einem Menschen spenden werden kann, daß er „ein Gerechter“ sei. Die Summe der Gerechtigkeit besteht darin „das Böse zu meiden und das Gute zu tun“. Nicht nur gelegentlich, oder die meiste Zeit, sondern beständig! Die Tugend der Gerechtigkeit besteht darin, beständig jedem das zu geben, was ihm zukommt. Dem Nächsten zu geben, worauf er Anspruch hat. „Dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist“ (Mt. 22, 15).

Joseph mied das Böse. Ja, er floh sogar jeden Anschein davon. Als Joseph erkannte, daß Maria „vom Heiligen Geiste empfangen hatte“ (Mt. 1, 18), da wurde er von großer Ehrfurcht ergriffen. Er durchschaute das Geheimnis noch nicht und meinte, daß mit der übernatürlichen Empfängnis offenbar Gott selbst Seinen Besitzanspruch auf Maria angemeldet habe. So war für ihn klar: Wenn der Allerhöchste Seine Hand auf Maria gelegt hatte, dann mußte ich, Joseph, zurücktreten. Man muß Gott geben, was Gottes ist. Seine Gerechtigkeit gegen Gott war von solcher Ehrfurcht geprägt, daß er niemals als Konkurrent oder Nebenbuhler Gottes in Erscheinung treten wollte. Lieber wollte Joseph auf seine geliebte Braut verzichten, als Maria gegen Gottes Willen besitzen. Also kam er zu dem Schluß dem göttlichen Willen gerade dadurch zu entsprechen, wenn er seine jungfräuliche Braut Gott überließ und sich heimlich von ihr zurückzog. – Joseph mühte sich nicht nur Gerechtigkeit gegen Gott, sondern auch darum gerecht gegenüber Maria zu sein. Er wollte ihren guten Ruf schützen. Dieser würde jedoch unweigerlich geschädigt werden, wenn Maria von ihm öffentlich verstoßen worden wäre. Alle Einwohner Nazareths und der Umgebung hätten berechtigterweise annehmen müssen, daß es irgendeinen Vorfall gegeben haben mußte, der Josephs Mißfallen erregt haben mußte. Daß Maria ihm gegenüber ungehorsam, respektlos, garstig oder sonstwie lästig gewesen sein mußte und für ihn deshalb ein Zusammenleben mit ihr ganz und gar unerträglich erschien. Bei einer öffentlichen Verstoßung hätten alle über Maria solches oder wohl noch schlimmeres gedacht. Joseph kannte und liebte Maria. Er liebte sie mehr als sein eigenes Leben. Deshalb hatte er auch keinen Augenblick die Möglichkeit in Erwägung gezogen, die allerseligste Jungfrau hätte womöglich in Folge eines Ehebruchs empfangen. Er ahnte ja, wie gesagt, den übernatürlichen Ursprung des Kindes. Denn von wessen Erkenntnis, als von der des hl. Joseph, hätte der Evangelisten schreiben können: Da „fand es sich, bevor sie zusammenkamen, daß sie vom Heiligen Geiste empfangen hatte“ (Mt. 1, 18). Niemals wollte Joseph zulassen, daß Schande über Maria komme. Lieber wollte er die Schande auf sich nehmen und nach außen hin den Eindruck erwecken, er sei der leibliche Vater des Kindes und habe die junge Mutter dann grundlos einfach sitzen gelassen indem er sie heimlich verließ. Lieber wollte Joseph selbst an seinem guten Ruf Schanden leiden, als sehen, wie Maria Unrecht getan wird. Ja, er war bereit die Liebe seines Lebens für Gott zu opfern. Und ebenso war er aus Liebe zu Maria bereit seinen guten Ruf zu opfern, indem er lieber in den Augen der Welt als ein verantwortungsloser Mensch gelten wollte, der seine junge Braut mit einem Kind einfach im Stich gelassen hat, als Maria irgendwelche Unannehmlichkeiten zu bereiten. 

Joseph mied nicht nur das Böse, sondern er tat auch beständig das Gute. Zum einen hat er seine Gerechtigkeit bewiesen, indem er seine Standespflichten getreu erfüllt hat. Zum anderen durch seinen Gehorsam gegen Gottes heiligen Willen, der ihm zumeist wie seinem alttestamentlichen Vorbild im Traum kundgemacht wurde. Er erfüllte den göttlichen Willen gleichgültig ob es ihm eine persönliche Freude war, wie etwa der Auftrag: „Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, dein Weib zu dir zu nehmen“ (Mt. 1, 20); oder ob ihm Gott ein schweres Opfer abverlangte: „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und fliehe nach Ägypten, und bleibe dort, bis ich es dir sage. Denn Herodes trachtet danach das Kind zu töten“ (Mt. 2, 13). Joseph gehorchte unbedingt, prompt, schnell und freudig. Er nahm Maria zu sich. Ohne Zaudern „tat Joseph, als er vom Schlafe aufstand, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm sein Weib zu sich“ (Mt. 1, 24). Ebenso entschieden handelte er, als die Häscher des Herodes ausgesandt worden waren. Da „stand er noch des Nachts auf, nahm das Kind und seine Mutter, und zog hinweg nach Ägypten“ (Mt. 2, 14). Ohne mit der Wimper zu zucken ließ Joseph alles zurück und floh unter schweren Entbehrungen durch die mörderische Wüste in das fremde, heidnische Land am Nil; nicht wissend, was ihn dort erwartet; einzig mit der Gewißheit und im Vertrauen darauf, den im Traum erhaltenen Befehl Gottes auszuführen.

Gerecht war Joseph auch im Reden. Von ihm ist kein einziger Satz in der hl. Schrift überliefert. Wir müssen daraus schließen, daß der hl. Joseph ein verschwiegener Mann gewesen sein muß. Ein Mann, der seine Zunge zu beherrschen wußte. Auch hierin bewies Joseph, daß er ein wahrhaft Großer gewesen ist. Der hl. Apostel Jakobus schreibt nämlich in seinem Brief: „Die Zunge aber vermag kein Mensch zu zähmen, das niemals ruhende Übel voll tödlichen Giftes“ (Jak. 3, 8). Es ist leichter zu schweigen, als sich im Reden nicht zu verfehlen. Der hl. Joseph wußte um die eigene Schwäche und daß es deshalb oft besser zu schweigen. Er wußte, daß jeder Mensch besser „schnell sei zum Hören, langsam aber zum Reden, und langsam zum Zürnen“ (Jak. 1, 19). – Um im Reden nicht gegen die Gerechtigkeit zu fehlen, muß man vorher wohl überlegen, die Worte gut abwägen und versuchen abzuschätzen welche Wirkung die eigenen Worte wohl haben werden. Und selbst nach reiflicher Überlegung wird man oft feststellen, daß es besser ist zu schweigen. Denn Worte sind sie wie Pfeile. Einmal losgelassen, kann man sie niemals wieder zurückholen. Man kann ungerechte, verleumderische, verletzende Worte zurücknehmen. Man kann sich entschuldigen, kann Sachverhalte im nachhinein richtig stellen. Aber was einmal ausgesprochen wurde, das wurde ausgesprochen und kann niemals ungeschehen gemacht werden. Aus dieser großen Schwierigkeit, die das rechte Reden für den Menschen darstellt, zieht der hl. Jakobus die vielleicht überraschende Konsequenz: „Wer sich aber im Reden nicht verfehlt, der ist ein vollkommener Mann, der fähig ist, auch den ganzen Leib in Zaum zu halten“ (Jak. 3, 2). Joseph war dieser vollkommene Mann. Und deshalb erübrigt es sich auch auf eine weitere seiner glänzendsten Tugenden näher einzugehen – seine Keuschheit. Er hatte sich im Reden nicht verfehlt. Das ist uns Beweis genug, daß er auch seinen restlichen Leib vollkommen beherrscht hat.

Und doch! Ein einziges Wort ist uns im hl. Evangelium überliefert worden, welches der hl. Joseph gesagt haben muß. Es lautet: „Jesus“. Er hatte von Gott den Auftrag: „Dem (Kind) sollst du den Namen Jesus geben, denn Er wird Sein Volk von seinen Sünden erlösen“ (Mt. 1, 21). „Jesus“ ist das einzige Wort, von dem aus der Heilige Schrift erfahren, daß es über dem hl. Joseph über die Lippen gegangen sein muß. „Jesus.“ Damit hatte Joseph alles gesagt und dabei die Gerechtigkeit bezeichnet. Der Name Jesus schafft Gerechtigkeit. Wie der Engel erklärt bedeutet der Name „denn er wir Sein Volk von seinen Sünden erlösen.“ Jesus wird die durch die Sünde verletzte Gerechtigkeitsordnung zwischen Gott und den Menschen wiederherstellen.

Durch das Aussprechen des Namens „Jesus“ wird der hl. Joseph gleichsam zum Ebenbild des himmlischen Vaters, der seit Ewigkeit nur ein einziges Wort spricht, nämlich das ewige Wort; den Logos, der aus dem Vater in der ewigen Zeugung hervorgeht. So wie der ewige Vater nur ein einziges Wort spricht, um den Gottessohn zu bezeichnen. Und genauso ist uns nur dieses eine Wort aus dem Mund des Nähr- und Pflegevaters bekannt, welches den Menschensohn vollkommen als das bezeichnet, was er ist. So hat Joseph wahrhaftig und recht gesprochen. Er ist eben der Gerechte.

Geht zu Joseph!

Wir konnten uns davon überzeugen, wie fein die Waage der Gerechtigkeit in der Seele des hl. Joseph ging. Seine Absichten, sein Tun und sein Reden waren gerecht. Und deshalb fand er nicht nur Wohlgefallen in den Augen des dreifaltigen Gottes, sondern er erwies sich auch als würdiger Sachwalter über das wertvollste Eigentum Gottes. Ihm wurde Jesus anvertraut. Wie der alttestamentliche Joseph so sollte er das himmlische Manna; das Brot, das vom Himmel herabgestiegen ist, um die Hunger der Menschen nach Gott zu stillen, nicht nur sieben Jahre sondern 30 Jahre lang in Nazareth aufspeichern, hüten und anreichern, damit es den Menschen in ihrer Sündennot gereicht werden konnte. In Form der Predigt Jesu sollte es den Hunger der Menschen nach der göttlichen Wahrheit stillen. In der Form des Tugendbeispiels Jesu sollte es dem ausgezehrten Willen des Menschen stärken. Und in der Form des Allerheiligsten Sakrament sollte dem hungernden Menschengeschlecht die Erfüllung der Seele mit Gott und damit ein kleiner Himmel auf Erden beschert werden.

Wer könnte sich in dieser Größe mit dem hl. Joseph messen? Schauen wir auf den Stammvater Adam mit den Tieren des Paradieses zu seinen Füßen; auf Moses, wie er mit seinem Stab das Volk der Israeliten führte; oder auf Abraham, den Vater der Gläubigen, mit seiner gesamten Nachkommenschaft. Erinnern wir uns an Josua, der auf sein Wort hin die Sonne anhielt, an Salomon, vor dessen Weisheit sich die Königin von Saba verneigt hat. Obwohl diese mit der Gnade Gottes Großes, ja Wunderbares gewirkt haben, kommt doch niemand von ihnen dem hl. Joseph gleich. Denn diese Privilegien und jene Tugenden, welche den einen Patriarchen und dem anderen Propheten zum Teil gegeben waren, sie hatte Joseph alle besessen, und zwar auf vollkommene Weise. Deshalb ruft der hl. Leonhard von Porto Maurizio: „Fallt also nieder zu seinen Füßen, ihr Propheten, Patriarchen, Apostel, Martyrer, Wundertäter, all ihr Großen des Himmels und der Erde, wie damals die Sonne, der Mond und die Sterne sich vor dem ersten Joseph verneigten, um ihn zu ehren.“

Auch wir wollen uns diesem Aufruf anschließen und uns vor der Größe und Würde des hl. Joseph tief verneigen. Wir wollen ihn anflehen, er möge jedem unserer Mängel abhelfen. Aus seiner gütigen Hand werden wir in jeder Not gewiß empfangen. Denn nicht Pharao, sondern der dreifaltige Gott selbst ist es, der den nach Gerechtigkeit hungernden und dürstenden Menschen (vgl. Mt. 5 ,6) befiehlt: „Geht zu Joseph! Was er euch sagt, das tut!“ Amen.

Vierter Fastensonntag

Jerusalem

Geliebte Gottes!

Man kann die heilige Fastenzeit mit einer 40-tägigen Wallfahrt vergleichen. Schon ganz am Anfang rief unser göttlicher Erlöser Seinen Jüngern zu: „Laßt uns hinaufziehen nach Jerusalem. Dort wird alles in Erfüllung gehen, was die Propheten über den Menschensohn geschrieben haben.“ Heute kommt das Reiseziel in Sicht – Jerusalem. Und wie es bei den jährlichen Tempelwallfahrten der Juden üblich gewesen ist, so legt uns auch unser Mutter, die hl. Kirche, beim ersten Anblick der Gottesstadt ein Freudenlied auf die Lippen. Es sind die Worte des Introitus: „Laetare – Freue dich Jerusalem! – Kommt alle zusammen, die ihr es liebt. Froh überlaßt euch der Freude, die ihr traurig wart. Frohlocken sollt ihr und satt euch trinken an der Tröstung Überfülle, die euch quillt.“

Jerusalem

Der Name der Gottesstadt verheißt Frieden. Jerusalem bedeutet übersetzt soviel wie „Erbteil des Friedens“. Aufgrund ihrer felsigen Lage auf dem Sionsberg galt die Stadt als uneinnehmbar und deshalb beständig befriedet. Wer dort sein Erbteil hatte und in ihren Mauern Wohnrecht anmelden konnte, der war des Friedens sicher. Jerusalem ist deshalb ein Bild für die Uneinnehmbarkeit und Unzerstörbarkeit der katholischen Kirche und natürlich auch für das allerletzte Wallfahrtsziel unserer gesamten irdischen Pilgerschaft, für die himmlische Gottesstadt, in deren Umfriedung der Mensch sein ewiges Erbteil, unendliches Glück und immerwährenden Frieden finden soll. 

Die Liturgie des vierten Fastensonntag stellt uns unser Wallfahrtsziel geistig vor Augen. Jerusalem kommt in Sicht. Und zwar insbesondere in der Epistel des hl. Apostels Paulus an die Galater. Dort ist von Jerusalem die Rede. Aber – und das ist Drama dieses Freudensonntags – der hl. Paulus spricht von zwei verschiedenen Jerusalem – einem irdischen und einem himmlischen. Eines wird durch Hagar und ihre Nachkommenschaft symbolisiert, das andere durch Sarah und ihre Kinder. Das eine gebiert zur Knechtschaft, das andere zur Freiheit. Das eine ist von dieser Welt, das andere von oben. Beide sind ganz unterschiedlich. Sie stehen für die beiden Testamente, das Alte und das Neue. Beide haben ihre Charakteristik. Beide haben ihre Früchte. Beide haben ihre Verheißung von Erlösung und Frieden. 

Das Jerusalem in der Knechtschaft

Der hl. Paulus spricht von einem „jetzigen Jerusalem, das mit seinen Kindern in der Knechtschaft ist“ (Gal. 4, 25). Der Alte Bund wurde auf dem Berg Sinai in der arabischen Wüste gestiftet und von den Hebräern in das irdische Jerusalem übertragen. Es ist der Gesetzesdienst des Fleisches, der keine übernatürliche Erlösung hervorbringen kann. Es ist die äußerliche Gesetzesfrömmigkeit, welche das Judentum bis heute prägt, die aber auch eine Gefahr für den Katholiken darstellt. Die fleischliche Gesinnung wird charakterisiert durch eine veräußerlichte Religiosität, durch den Eigennutz, durch die Bequemlichkeit, die stets den Weg des geringeren Widerstandes wählt. Sie besteht in der Selbstsicherheit und Selbstgerechtigkeit, die auf die eigenen Kräfte und Leistungen baut, alles zu rechtfertigen und zu entschuldigen weiß. Ihr Streben ist auf die Güter dieser Welt ausgerichtet. Der hl. Paulus benennt die Werke, welche aus der „Gesinnung des Fleisches“ hervorgehen, einige Verse später wie folgt: „Offenkundig sind die Werke des Fleisches, welche sind: Unzucht, Unlauterkeit, Unschamhaftigkeit, Unkeuschheit, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Streitigkeiten, Eifersucht, Zorn, Hader, Zerwürfnisse Spaltungen, Mißgunst, Mordtaten, Trunkenheit, Schwelgerei, und dergleichen, wovon ich euch voraussage, wie ich es schon ehedem gesagt habe, diejenigen, welche solches tun, werden das Reich Gottes nicht erlangen“ (Gal. 5, 19-21). Die fleischliche Gesinnung des irdischen Jerusalem, das zur Knechtschaft der Sünde gebiert, ist beherrscht von der Liebe zu sich selbst, bis hin zur Verachtung Gottes. Die Verachtung Gottes findet ihren Höhepunkt darin, daß der Mensch danach trachtet, sich selbst der Religion zu bemächtigen und sie für die eigenen Interessen zu „verzwecken“. Das heutige Evangelium von der wunderbaren Brotvermehrung stellt uns solche Menschen vor Augen, die nicht davor zurückschreckten Gott selbst für ihre rein innerweltlichen Ziele einspannen zu wollen. „Da nun die Leute das Wunder sahen, das Jesus gewirkt hatte, sprachen sie ‚Dieser ist wahrhaft der Prophet, der in die Welt kommen soll!‘ Jesus aber erkannte, daß sie kommen und Ihn mit Gewalt fortführen wollten, um Ihn zum König zu machen“ (Joh. 6, 14). Ihre Freude und Begeisterung bricht sich Bahn in dem Ausruf: „Dieser ist wahrhaft der Prophet!“ – Was ist damit gemeint? Wer ist dieser Prophet? – Das frenetisch jubelnde Volk hatte einen Ausspruch des Moses gegenwärtig, der den von Gott verheißenden Messias als „den Propheten“ ankündigte. Moses prophezeite vor seinem Tod über den kommenden Erlöser des Menschengeschlechtes: „Einen Propheten wie mich wird Gott aus der Mitte des Volkes erstehen lassen, auf ihn sollt ihr hören“ (Deut. 18, 15). Einen Propheten wie mich! Der verheißene Messias würde sich ausweisen, indem er die gleichen Zeichen wie Mose wirken würde. Moses ernährte bekanntlich das auserwählte Volk in der Wüste vierzig Jahre hindurch mit dem Manna, welches Gott täglich vom Himmel regnen ließ. Der Messias war als „Prophet wie Moses“ verheißen und würde an den Taten des Moses gemessen werden. Die wunderbare Speisung der Fünftausend wies unseren Herrn als den Verheißenen aus. Deshalb der begeisterte Jubel. Deshalb die Freudenrufe. Doch war es eine rein natürliche, fleischliche Freude. – Die Brotfrage war damals wie heute von zentraler Bedeutung. Heute nennt man sie die Sorge um die Welternährung und um die gerechte Güterverteilung. Die Verheißung eines Messias, der immer bleibt und der wie Moses Manna gibt, galt den Juden damals als Verheißung der Verheißungen. Es war die Behebung aller Nöte und Sorgen um den täglichen Broterwerb. Es war ihre Vorstellung von Erlösung. Sie meinten, mit dem Auftreten eines solchen Heilsbringers wäre ein für alle Mal das drängendste Problem des Menschengeschlechtes auf Erden gelöst – der Hunger. Endlich werde eine bessere Welt, ein Zeitalter des allgemeinen Wohlstandes und eine neue Weltordnung anbrechen. Gewaltsam wollten sie Jesus zum König machen. Sie wollten sich Seiner bemächtigen und Ihn zu ihrem „Brotmessias“ verzwecken. „Da sprachen sie zu Ihm: ‚Herr, immerdar gib uns dieses Brot!‘“ (Joh. 6, 34). Sie wollten ihm folgen, unter der Voraussetzung, daß Er die Welt in ihrem Sinne erlösen würde, indem Er ein irdisches Paradies schaffen würde. Darin spiegelt sich gleichsam die erste Versuchung Jesu durch den Satans in der Wüste wider. Der Teufel forderte Jesus heraus: „Wenn du der Sohn Gottes bist, dann befiehl, daß diese Steine Brot werden“ (Mt. 4, 3). Gerade die einleitenden Worte – „Wenn du der Sohn Gottes bist“ – gaben der Versuchung ihre ganze Schärfe. Denn was widerspricht mehr dem Glauben an Gott, der das Heil aller will, und dem Glauben an einen Erlöser als der Hunger und die materielle Not der Menschen? Wenn du also von uns als Gottessohn anerkannt werden willst; wenn du willst, daß wir an dich glauben, dann muß uns dieser Glaube auch etwas bringen! Dann mußt du dafür sorgen, daß das Leid, Hunger und Not aus der Welt geschafft werden und daß es uns gut geht. Nur dann kannst du unser Erlöser sein! – Ja, wie viele, selbst fromme Menschen denken auf diese Weise? Wie viele haben nicht schon die religiöse Praxis aufgegeben, weil sich Glaube, Gebet, sittliches Ringen und Sakramentenempfang in ihren Augen nicht ausgezahlt und damit als unnütz erwiesen haben? Wie viele verweigern trotzig den Glauben aus persönlicher Enttäuschung oder aus unverstandenem Leid heraus? – Doch haben die Menschen aller Zeiten nicht nur ihre Gefolgschaft an Bedingungen geknüpft, sondern immer wieder auch danach getrachtet, sich der göttlichen Religion selbst zu bemächtigen. Wie damals die Juden, so haben sich seit der Aufklärung die Freimaurer zum Ziel gesetzt, die katholische Kirche an sich zu reißen und für ihre Zwecke dienstbar zu machen. Das Ziel der liberalen Katholiken und Modernisten bestand genau darin, sich den Herausforderungen der modernen Welt zu stellen, auf die Welt von heute zuzugehen – und sich ihr anzupassen. Paul VI. gründete auf dem 2. Vatikanum die „Religion des Menschen“, deren Missionsarbeit in rein innerweltlicher Solidarität und humanitärer Entwicklungshilfe besteht. Nicht mehr die Menschen sollten erlöst werden, sondern ihre Lebensumstände. Der Ökumenismus des Konzils, den Wojtyla, Ratzinger und heute Bergoglio getreulich in die Tat umgesetzt haben, zielt auf eine rein innerweltliche Verbrüderung der Menschen über alle religiösen Unterschiede hinweg ab. Und zwar allein zu dem Zweck eines friedlichen, solidarischen und humanen Zusammenlebens hier auf Erden. Das verstehen die Konzilspäpste unter Erlösung. Daher ist es nicht verwunderlich, daß in ihren Predigten so gut wie nie die Rede von übernatürlichen Dingen ist. Sie predigen nicht den Himmel, sondern die bessere Welt. Das ist die neue Religion, die heute von den meisten Menschen immer noch mit der katholischen Religion verwechselt wird. Das irdische, fleischlich gesinnte Jerusalem verlangt nach dem Brotmessias. Über seine Nachkommenschaft fällt der hl. Paulus das vernichtende Urteil: „Ihr Ende ist Verderben, ihr Gott der Bauch, ihr Ruhm besteht in ihrer Schande, Irdisches haben sie im Sinn“ (Phil. 3, 19). Und deshalb ist zu erwarten, daß der Antichrist, wenn er eines Tages in Erscheinung treten wird, als starker Führer und Weltverbesserer auftritt und bei diesen Menschen breite Annahme finden wird.

Laßt uns hinaufziehen!

Doch auch wir müssen uns in acht nehmen. Auch wir sind versucht die Wallfahrt unseres Lebens auf diesen falschen Pfad und damit auf ein ganz abwegiges Ziel hinzulenken. Wir dürfen mitten in der Fastenzeit nicht stehen bleiben und uns umschauen nach den fleischlichen Freuden, sondern unseren Blick weiter auf die geistigen Güter gerichtet halten. Wir bedürfen der Mahnung des hl. Paulus: „Wandelt im Geiste, so werdet ihr die Gelüste des Fleisches nicht vollbringen. Denn das Fleisch begehrt wider den Geist, der Geist aber wider das Fleisch“ (Gal. 5, 16 f.). Deshalb fasten wir und tun Abbruch, um uns loszuschälen von allem, was nicht ewig ist; um die Begierden des Fleisches zu bezähmen und unter die Kontrolle des Geistes zu bringen. Der selbstsüchtigen Eigenliebe stellen wir die Gottesliebe entgegen. Die Gesinnung, mit den Weg des Geistes zu beschreiten ist nicht die des Fleisches, sondern die Opfergesinnung aus Liebe zu Gott. Sie ist die Grundvoraussetzung damit die Abtötung unserer Sinne und die Abtötung unseres Geistes vor Gott Wohlgefallen finden. Die im Opfer erprobte Gottesliebe macht uns würdig Seine übernatürliche Gnadenhilfe zu empfangen, ohne die es unmöglich ist, dem Aufruf Christi zu folgen: „Laßt uns hinaufziehen nach Jerusalem“ Ja, hinaufziehen müssen wir! Das himmlische Jerusalem ist uns zum Ziel bestimmt. „Jenes Jerusalem, das von oben stammt“ (Gal. 4, 26). Hierzu müssen wir uns über unsere Selbstsucht erheben und alles Vergänglich unter uns lassen. Auf diese Weise werden wir frei von der Knechtschaft des Fleisches. Durch die Gnade werden wir erlöst und Kinder „der Freien“ (Gal. 4, 31). Das himmlische Jerusalem „aber ist die Freie, und das ist unsere Mutter“ (Gal. 4, 26). Es ist das Reich der übernatürlichen Gnade, das himmlische Gottesreich, wo wir die wahre Freiheit im Willen Gottes finden und unser ewiges Erbteil besitzen sollen. Auf dem schmalen, einsamen Höhenpfad der Erlösung ist uns Christus Führer und Vorbild. 

Als die Juden Jesus ergreifen und zum König machen wollten, entzog Er sich ihnen. Er zog sich zurück auf den Berg, um dort allein zu beten (vgl. Joh. 6, 15). Durch Seinen Rückzug „nach oben“ und Seine Hinwendung in die geistige Welt Seines himmlischen Vaters gab Jesus dem Volk auf seine anmaßende Herausforderung dieselbe Antwort wie schon zuvor dem Satan in der Wüste: „Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt“ (Mt. 4, 4).

O heil’ge Seelenspeise!

Der göttliche Erlöser weiß es besser: Er weiß, den Menschen hungert in der Tiefe seiner Seele nach mehr. Nicht ein voller Bauch stellt ihn zufrieden. Den Menschen hungert nach „jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt.“ Nur davon wird er gänzlich gesättigt, d.h. vollends glückselig. – Und Jesus gibt diese Speise. Er weist sich tatsächlich als der wahre Moses, als „der Prophet“ aus. Christus gibt die geistige Speise Seines Evangeliums. Dazu ist Er in die Welt gekommen, um durch Sein Wort die göttliche Wahrheit zu verkünden, damit auch wir sagen können: „Meine Speise ist, daß ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat, damit ich Sein Werk vollbringe“ (Joh. 4, 34). Ja, mehr noch! Unser Herr Jesus Christus selbst ist das ewige Wort! Er ist das „Wort, das aus dem Munde Gottes kommt.“ Nicht nur die Kunde, die Er uns aus dem Herzen Seines Vaters gebracht und offenbart hat (vgl. Joh. 1, 18); nein, Er selbst ist es, der allein den Hunger jedes Menschenherzens stillen kann. – Unser göttlicher Erlöser ist jedoch nicht nur das ewige Wort Gottes. Er ist das fleischgewordene Wort Gottes. „Und das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh. 1, 14). Er ist das wahre Manna, das vom Himmel herabgestiegen ist, um der Welt das Leben der Unsterblichkeit zu geben. – Genau das erklärte Jesus am Tag nach dem Wunder der Brotvermehrung, in der Synagoge von Kapharnaum. Er weist dabei die fleischliche Gesinnung der Menschen zurück: „Bemüht euch nicht um vergängliche Speise, sondern um die Speise, die ins ewige Leben führt“ (Joh. 6, 27). Als die fleischlich gesinnten Juden nicht verstanden, erklärte Er ihnen den eigentlichen Sinn des Wunders der Brotvermehrung: „Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Ich bin das Brot, das vom Himmel herabgestiegen ist. Wer von diesem Brot ißt, wird leben in Ewigkeit“ (Joh. 6, 48.51) „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt“ (Joh. 6, 51) „Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben“ (Joh. 6, 54). „Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise“ (Joh. 6, 55). „Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm“ (Joh. 6, 56). Mit anderen Worten: Jesus ist tatsächlich gekommen, um den Hunger der Welt zu stillen. Nicht den Hunger des Magens oder das fleischliche Verlangen nach einem sorglosen, bequemen Leben in einem irdischen Schlaraffenland. Stattdessen Er ist gekommen, um den Hunger der Seele nach Gott zu stillen! Dazu gibt Er eine Speise, welche der Seele übernatürliche Kraft gibt, den steilen Pfad der Vollkommenheit zur Heiligkeit zu erklimmen. Christus selbst ist diese Speise im Allerheiligsten Altarsakrament! Das ewige Wort Gottes unter der Gestalt des Brotes! Durch dieses soll der Mensch in Christus hineingezogen und übernatürlich umgewandelt werden. „Unser Wandel aber ist im Himmel, von wo wir auch den Heiland erwarten, unseren Herrn Jesus Christus,“ – das wahre Manna – „welcher den Leib unserer Niedrigkeit umgestalten wird, aß er gleichgestaltet werde dem Leibe Seiner Herrlichkeit, vermöge der Kraft, durch welch Er sich auch alles unterwerfen kann“ (Phil. 3, 21). Auf diese Weise wird der Mensch zu einem Jünger Christi und Erben des himmlischen Jerusalem, zu einem Freien, „dem Geiste nach Geborenen“ (Gal. 4, 29). Im Genuß der „heil‘gen Seelenspeise auf dieser Pilgerreise“ findet der gläubige Mensch die Ruhe des Herzens sowie einen ersten Vorgeschmack für die endgültige Stillung seines geistigen Hungers und den Frieden der ewigen Gottesstadt. Wer die himmlische Speise würdig empfängt und in ihrer Kraft fortfährt in dieser hl. Fastenzeit und darüber hinaus die fleischliche Gesinnung in seinem Herzen zu bekämpfen; wer fortfährt, stetig weiter dem letzten Ziel, das uns im himmlischen Jerusalem erwartet, emporzusteigen, der wird auf diesem Weg die übernatürlichen Früchte des Geistes bringen: „Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Milde, Güte, Langmut, Sanftmut, Treue, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit, Keuschheit“ (Gal. 5, 22 f.).

In einer solchen Seele wird am Ende das empfangene göttliche Leben der heiligmachenden Gnade übergehen in das ewige unverlierbare Leben, welches nicht mehr vom Hunger oder sonst einem Mangel gefährdet sein wird; welches uns aber befähigt das ewige Erbteil in der himmlischen Gottesstadt Jerusalem in Besitz nehmen zu können. 

Freue dich, Jerusalem!

Eine Vorfreude darauf wird uns heute gewährt. Das Ziel ist noch nicht erreicht. Aber es ist in Sichtweite. Wir kennen die Gefahren, die auf dem verbleibenden Wegstück zu meiden sind. Wir wissen von dem dafür notwendigen Kampf, der in den kommenden Wochen der Fastenzeit und bis zu einem seligen Ende fortgesetzt werden muß. Wir kennen die selige Traurigkeit, welche die Reue und Zerknirschung über unsere Sünden enthält. Wir haben einen König, den wir nicht erst dazu machen müssen. Er gibt uns die Speise, deren Genuß unsere Seele um so mehr nährt, als dabei gleichzeitig der Leib fastet – Sein eigen Fleisch und Blut. So wollen wir einander freudig zurufen. „Laetare – Freue dich Jerusalem! Kommt alle zusammen, die ihr es liebt. Froh überlaßt euch der Freude, die ihr traurig wart. Frohlocken sollt ihr und euch sättigen an der Tröstung Überfülle. Friede sei in deiner Festung, Überfluß in deinen Türmen. Die Stämme, Gottes Stämme, wallen dort hinauf, zu preisen Deinen Namen, Herr.“ Amen.

Dritter Fastensonntag

Tempelreinigung

Geliebte Gottes!

Die Liturgie greift heute erneut, wie schon am ersten Fastensonntag, die Auseinandersetzung Christi mit dem Satan auf. Der Kampf zwischen dem Erlöser und dem Teufel ist derselbe, nur der Schauplatz ist ein anderer – nicht mehr die Wüste, sondern die Seele jedes einzelnen Menschen.

Im Zentrum der Auseinandersetzung Jesu mit den Pharisäern, von der uns das heutige Evangelium berichtet, steht ein Besessener, den Jesus von einem unreinen Geist befreite. –Was genau ist das – ein Besessener? Ein Besessener ist ein Mensch, der unter der tyrannischen Herrschaft des Teufels steht. Der Teufel konnte in den Leib des Menschen einfahren und die äußere Kontrolle über ihn an sich reißen, weil der Mensch entweder verflucht worden ist oder aber sich aus eigener Schuld, etwa durch abergläubische und spiritistische Praktiken oder durch ein schlechtes, lasterhaftes Leben dem Satan quasi freiwillig ausgeliefert hat. Durch die Sünde macht sich ja der Mensch freiwillig zum Diener – oder besser: zum Sklaven des Teufels. „Wer die Sünde tut, ist Sklave“ (Joh. 8, 34), sagt unser Herr Jesus Christus. Und der heilige Johannes schreibt in seinem ersten Brief: „Wer die Sünde tut, ist vom Teufel“ (1. Joh. 3, 8). Der Teufel hat einen Besitzanspruch auf den Todsünder. Die Besessenheit läßt diesen Aspekt der schweren Sünde ganz besonders deutlich hervortreten. Für den Menschen im Stande der Todsünde gilt nicht nur das Prädikat „für Gott gestorben“, sondern auch das andere: „dem Teufel gehörig“. Jede Todsünde ist gewissermaßen eine Einladung an den Satan, Besitz zu ergreifen, ist ein Schritt Richtung Besessenheit. Die Besessenheit wiederum ist nur ein kleiner Vorgeschmack des Ausgeliefertseins an den Teufel, welches den Menschen in der Hölle erwartet, wohin ihn die Todsünde unausweichlich führt, sofern der Mensch unbußfertig stirbt. Der böse Geist quält die Seele des Besessenen und beherrscht dessen Leib vollkommen. Die Seele ist nicht mehr Herr über den eigenen Leib, ist nicht mehr Herr im eigenen Haus, wie am Beispiel des Besessenen im heutigen Evangelium verdeutlicht wird. Er war deshalb stumm, weil der Dämon dem Besessenen das Reden unmöglich machte. Seine Seele war versklavt und eingekerkert im eigenen Leib. Genau an diesen Sachverhalt knüpft unser Herr Jesus Christus Seine Gleichnisrede vom „Starken“ an, der bewaffnet sein Haus bewacht. Der Starke ist der Teufel. Das Haus ist der Leib des Besessenen, den der Starke mit Gewalt an sich gerissen hat, und den er nicht gewillt ist, freiwillig zu verlassen. 

Tempel des Heiligen Geistes

Schon für sich betrachtet handelt es sich bei der Besessenheit um einen Zustand, wie er elender kaum sein könnte. Erst recht, wenn man bedenkt, was der Mensch doch eigentlich sein sollte. Nicht ein besetztes Haus des Teufels, sondern ein Tempel Gottes. Paulus ruft es uns im 1. Korintherbrief ist Gedächtnis: „Wißt ihr denn nicht, daß euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist?“ (1. Kor. 3, 16). In der heiligen Taufe sind wir zu einem Tempel Gottes konsekriert worden. Gott selbst hat durch die heiligmachende Gnade in unserer Seele Wohnung genommen. Der Heilige Geist wohnt in der Seele des Getauften. Und der hl. Paulus zieht die Schlußfolgerung, daß wir uns deshalb rein und untadelig bewahren müssen; rein von aller Sünde und untadelig in einem tugendhaften Lebenswandel. Die Auffassung der Seele als Tempel und Wohnort Gottes läßt den entarteten Zustand eines Sünders, selbst wenn der Teufel noch nicht in ihn eingefahren ist, erst so richtig offenbar werden. Der Sünder ist ein geschändeter Tempel, ein entweihtes Heiligtum. Gott ist daraus vertrieben, das ewige Licht der Gnade ist erloschen, das übernatürliche Leben der gnadenhaften Gotteskindschaft erstorben und der böse Feind kann ein Hausrecht geltend machen. Die Seele ist an sich „sein Haus“. Ein geistiger Verwesungsgeruch durchweht die mit dem Unrat der Sünde angefüllte Seele. Welch ein Greuel in den Augen Gottes!

Räuberhöhle und Markhalle

Ein anschauliches Bild für einen derart heruntergekommener Seelentempel erblickten die Kirchenväter in den Zuständen im Jerusalemer Tempel zur Zeit Jesu, so wie sie uns im Johannesevangelium dargestellt werden. Der hl. Evangelist berichtet uns was Jesus im Heiligtum Gottes zu Jerusalem vorfand: „Er fand im Tempel die Händler, welche Ochsen, Schafe und Tauben verkauften und die Geldwechsler, die dort saßen“ (Joh. 2, 14). Der hl. Priester Beda, der Ehrwürdige, macht die Anwendung auf unseren Seelentempel. Er sieht in den Tauben ein Bild für den Heiligen Geist, dessen unermeßlich kostbare Gnadengaben von uns oft um eines kurzen weltlichen Genusses oder Nutzens willen leichtfertig verschleudert und verschachert werden. Der Heilige Geist ist längst durch die zahlreichen freiwilligen läßlichen Sünden wie eine Taube in ihren Käfig eingesperrt und kann in der Seele nicht mehr viel wirken. Ein anderer Ausleger sieht in den Tauben ein Symbol für die Sünden unserer Flatterhaftigkeit, Launenhaftigkeit, Unzuverlässigkeit und Unbeständigkeit. – Genauso tummeln sich in der Seele des Sünders auch die blökenden und plärrenden Schafe. Nämlich unsere lieblosen, argwöhnischen, neidischen Gedanken und Reden, unsere Prahlerei, Ohrenbläserei und Angeberei. Auch unsere Unmäßigkeit im Essen und Trinken, die uns das Fasten und den Abbruch der Fastenzeit aufweichen läßt, aber auch unsere Faulheit in den guten Werken und in der Pflichterfüllung findet seine animalische Entsprechung in Gestalt der gefräßigen und behäbigen Ochsen. – Die aggressiven Widder unseres unnachgiebigen Starrsinnes, unserer Streitsucht und stolzen Rechthaberei, sind genauso zugegen, wie die Böcke der Wollust und der ungeordneten Triebhaftigkeit. – An den Tischen der Geldwechsler finden wir unsere Habsucht sitzen, welche sich neugierig und unersättlich nach den Gütern der Welt ausstreckt; nach dem Neusten, dem Schönsten, dem Besten, nach dem, was die anderen auch alle haben; oder noch besser, das, was die anderen noch nicht haben! – Und schließlich finden wir auch die Verkäufer, nämlich die lügnerischen und betrügerischen Gedanken; die Betrügerei, welche, wie der hl. Beda Venerabilis sagt, „ein den Händlern eigener Fehler zu sein scheint.“ (PL 94, 363 f.). – Ein neuzeitlicher Autor möchte in den Händlern Menschen mit einer entarteten Religiosität dargestellt sehen. Menschen, die mit Gott Handel treiben wollen. Darunter sind jene zu verstehen, welche die Frömmigkeit in den Dienst des Eigennutzens stellen. Ihr Pochen auf Gerechtigkeit Gott gegenüber hat etwas Geschäftliches, Händlermäßiges, Rechnerisches an sich: „Do, ut des.“ – „Ich gebe, damit du gibst.“ Ich gebe Gebet, Almosen, Opfer und Verzicht; ich zünde Kerzen an, mache Wallfahrten und lasse Messen lesen. Und dafür gibst Du mir und meinen Lieben allseitig Schutz und Wohlbehagen, sowie die Erfüllung meiner Wünsche. – Alles in allem ein buntes Treiben vielleicht auch im Heiligtum unserer Seele. Ein Greuel an heiliger Stätte, mit all den götzendienerischen Werken, welche der hl. Paulus in der heutigen Epistel aufgezählt hat: Unzucht, Unreinigkeit, Geiz, Schamlosigkeit, törichtes Gerede und Possen, die sich nicht schicken. Statt der Stille innerer Sammlung herrscht in unserem Herzen fast ununterbrochen der Höllenlärm der Welt und des Irdischen. Und über allem thront nicht der dreifaltige Gott sondern der Dämon unserer Eigenliebe mit seinen drei Köpfen: Ich, Ich und nochmals – Ich. Ja, ist es nicht so, daß unsere Seele eher einer Markthalle gleicht, als einem Heiligtum? Muß der Herr angesichts dieses Greuels an heiliger Stätte nicht genauso wie damals im Jerusalemer Tempel voll zornigem Abscheu rufen: „Mein Haus“ – deine Seele – „soll ein Bethaus sein; ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht“ (Lk. 19, 46)? Ja, ihr stellt sie dem Seelenräuber anheim.

Zeit der Tempelreinigung

Und weiter berichtet Johannes: „Da flocht Er aus Stricken eine Geißel und trieb alle aus dem Tempel hinaus: die Schafe und die Ochsen; den Wechslern schüttete Er das Geld aus und warf ihre Tische um, und zu den Taubenhändlern sagte Er: ‚Schafft das weg.‘“ (Joh. 2, 15 f.). Es ist die einzige Begebenheit im Evangelium, bei der wir unseren göttlichen Erlöser tätlich werden sehen. Wenn es um die Ehre des Heiligtums Gottes geht, hat Seine Güte, Langmut und Mild Grenzen. Da gibt es kein Pardon, kein Halten, kein Dulden mehr. Mit flammendem Eifer reinigt Christus das Heiligtum des Tempels, so daß Seine Jünger staunend danebenstehen, und sie sich angesichts des Zornes ihres Meistern des Prophetenwortes entsinnen: „Der Eifer für dein Haus verzehrt mich.“

Ja, müßten wir uns nicht ein Beispiel an unserem göttlichen Heiland nehmen? „Der Eifer für dein Haus verzehrt mich.“Müßten nicht auch wir, insbesondere in dieser hl. Fastenzeit, mit flammendem Eifer die Unordnung im Tempel unserer Seele beseitigen, den Unrat der Sünde, mit welchem der Teufel unser Heiligtum zugeramscht hat, um es für sich in Beschlag zu nehmen, mit aller Entschiedenheit hinausschaffen und fürderhin darauf achten, die nächste Gelegenheiten zur Sünde konsequent zu meiden? Müßten wir nicht den Dämon unserer Eigenliebe und Selbstsucht vom Sockel stürzen und den vornehmsten Platz in unserem Herzen wieder demjenigen zurückschenken, der allein Anspruch darauf hat? – Ja, liebe Gläubige, wir müßten es! Die Fastenzeit ist die Zeit der Tempelreinigung. Aus der Seele müssen die Rinder und Schafe unserer niederen Gesinnungen, der Geldgötze der Habsucht und die Tauben der Flatterhaftigkeit hinausgeworfen werden. „Der Eifer für dein Haus verzehrt mich“, so muß unser Motto lauten. Mit liebeglühendem Eifer für Gott sollen und wollen wir den Satan und seine Sklavenherrschaft in uns und über uns überwinden. 

Der „große Exorzismus“

Doch wie soll das geschehen? Welches exorzierende Mittel böte sich da an? – Der „große Exorzismus“ zur Tempelreinigung unserer Seele, liebe Gläubige, ist das Bußsakrament. Die Osterbeichte ist Tempelreinigung, so, wie sie der Heiland heute im Evangelium an dem Besessenen vorgenommen hat. – Bereits bei einer guten Gewissenserforschung rührt Christus „mit dem Finger Gottes“, dem Heiligen Geist, das Herz des Sünders an, sprengt die Verhärtung und macht es zerknirscht über seine Sünden. Aus dem zerknirschten Herzen sprudeln die Tränen der Reue hervor und wirken wie ein reinigendes Bad, das all den eingetrockneten Unrat und Gestank der Sünde vom Herzensgrund loslöst. – Vorher war der Sünder, wie der Besessene im Evangelium, stumm. Er wollte und konnte seine Lippen nicht zum Sündenbekenntnis öffnen, weil ihn der „Dämon“ der Eigenliebe und des Stolz gefangenhielt. Jetzt aber, vom Heiligen Geist zur Reue angetrieben, öffnen sich im Beichtstuhl seine Lippen. Da redet der Stumme. Und er redet recht! Denn er klagt sich seiner Sünden an. – Indem er aber im Bekenntnis seine Sünden ausspricht, scheidet er sie aus seiner Seele auch aus. Und wenn dann Christus durch die Lippen des Priester die Worte der Lossprechung spricht – „Ich spreche dich los von deinen Sünden“ – dann erfüllt sich das großartige, das Jesus die Pharisäer lehrt. „Der Stärkere“ – der göttliche Erlöser selbst – fällt über „den Starken“ – also über die Sünde und den Teufel – her und vertreibt ihn mit heiligem Zorn, unter Geißelhieben aus der Seele. Die Sünde wird vollständig ausgetilgt. Das Heiligtum der Seele strahlt wieder rein, im Schmuck der heiligmachenden Gnade, der übernatürlichen Tugenden und der Sieben Gaben des Hl. Geistes und Gott nimmt darin wieder Wohnung. Das ist die exorzistische Wirkung einer gut vorbereiteten heiligen Beichte. Wohlgemerkt: gut vorbereitet muß sie sein! Nicht oberflächlich, nach dem Motto: „Ich habe keine umgebracht. Die Ehe habe ich auch nicht gebrochen. Vielleicht ein bißchen gestritten und unandächtig gebetet. – Mein Jesus Barmherzigkeit.“ Mittels einer derart schlampigen Beichte, ohne tiefe Reue, werden wir den „Dämon“ unserer Eigenliebe nicht austreiben können. Eine wirksame Tempelreinigung muß mit gebührendem Ernst, mit der erforderlichen Zeit und mit dem Gewissenspiegel, gründlich und gewissenhaft vorbereitet werden.

Warnung vor dem Rückfall

Doch wir müssen die Gleichnisrede des Heilandes noch zu Ende lesen. Denn unheimlich liest sich die abschließende Mahnung des Herrn, in welcher Er das Schicksal so manch einer Menschenseele nach einer guten Beichte schildert: Ist der Satan ausgetrieben, dann sucht er Ruhe. „Weil er sie nicht findet, spricht er: Ich will in mein Haus zurückkehren, von wo ich ausgefahren bin. Wenn er nun kommt, findet er es mit Besen gereinigt und geschmückt.“ Der böse Geist gibt nicht auf. Er wird die verlorengegangene Herrschaft zurückzuerlangen suchen. Und siehe da: Er findet den Tempel der Seele gereinigt und geschmückt vor! Schön! – Aber! Und das ist das Verhängnisvolle! – Er findet ihn leer und verlassen vor. Der Herr warnt uns vor der Gefahr des Rückfalls in die alten Sünden. Und Er benennt die Ursache für den Rückfall: Wir verlassen allzu schnell wieder das Heiligtum der Seele, vergessen auf die Gegenwart Gottes darin, sind zu wenig dankbar dafür und wenden uns allzu schnell nach der hl. Beichte wieder den weltlichen Dingen zu, die uns wieder in das alte Fahrwasser schlechter Gewohnheiten zurückführen. Bei einem unbewachten, leeren Haus ist nicht viel Gegenwehr zu erwarten. Eine verlassene Burg kann im Handstreich zurückerobert werden. Ein leichter Sieg für den Feind ist vorprogrammiert! 

Achten wir also darauf, in dieser Fastenzeit nicht nur eine gründliche und konsequente Tempelreinigung durch unsere Bußübungen und durch eine gründlich vorbereitete Osterbeichte vorzunehmen, sondern auch treu in unseren Vorsätzen zu verharren, die Gelegenheiten zur Sünde, insbesondere die nächste Gelegenheit, zu meiden. Und all das auch über die Fastenzeit hinaus! Die Sünde ist zu meiden nicht nur bis Ostern – sondern für immer! Wir dürfen nicht mehr nachlassen, damit der erzielte Fortschritt, den wir machen durften, nicht in Wirklichkeit zu einem Rückschritt wird. Denn so sagt der Herr über den rückfälligen Sünder: „Dann geht der böse Geist hin, nimmt noch sieben andere Geister mit sich, die ärger sind als er … und die letzten Dinge dieses Menschen werden ärger sein als die ersten.“ Der Rückfällige kommt immer mehr in die Gewalt des Teufels, weil er sich mehr und mehr der Gnadenhilfe Gottes unwürdig macht. Hüten wir uns vor dem Rückfall in alte Sünden. Bewachen wir das Heiligtum unserer Seele, indem wir uns öfters am Tag innerlich sammeln, im Heiligtum unseres Herzens Gott anbeten, und aller Lockungen zur Sünde entschieden und unnachgiebig entsagen. 

Bitten wir schließlich den Herrn heute bei der heiligen Kommunion, gerade dann also, wenn er in unseren Seelentempel einzieht, Er möge uns alles zeigen, was Ihm darin mißfällt. Und sollten wir zu nachlässig sein, selbst alles hinauszuschaffen, was dort nicht hingehört, dann möge Er selbst Hand anlegen, wie damals im Tempel von Jerusalem. Er möge alles umstoßen und hinauswerfen, was in unserer Seele nichts zu suchen hat und sollten wir unter Seinen Geißelhieben auch noch so viel zu leiden haben. Sprechen wir zu Ihm wie der heilige Augustinus es getan hat: „Herr! Hier brenne, hier schneide, wie Du willst; doch schone meiner in der Ewigkeit.“ Denn ansonsten müßte ich fürchten, daß meine letzten Dinge ärger sein werden als die ersten. Amen.

Zweiter Fastensonntag

Die geistlichen Tröstungen

Geliebte Gottes!

Seht, wir ziehen hinauf nach Jerusalem, dort wird alles in Erfüllung gehen, was die Propheten über den Menschensohn geschrieben haben. Er wird den Heiden ausgeliefert, verspottet, mißhandelt und angespien werden; man wird Ihn geißeln und töten; aber am dritten Tage wird Er wieder auferstehen“ (Lk. 18, 31-33), so haben wir unseren Herrn Jesus Christus am Sonntag Quinquagesima zu Seinen Aposteln sagen hören. Diese konnten mit den Leidensankündigungen jedoch nichts anfangen. „Allein sie verstanden nichts davon; diese Rede war für sie dunkel, und sie begriffen nicht, was damit gemeint war“ (Lk. 18, 34). Gleich mit dreifacher Wiederholung (Repetitio) beschrieb der hl. Evangelist Lukas in diesem einen Satz die Verwirrung und das Unverständnis der Zwölf, um uns mit gesteigerter Eindringlichkeit die verstörende Wirkung der Rede Jesu auf die Apostel mitzuteilen. – Seitdem hatte Jesus Seine Jünger im Glauben zu festigen versucht, damit sie nicht an Ihm irre würden, wenn die Stunde Seiner Passion gekommen war. Er unterwies sie durch Vortrag der Lehre und durch Wunderzeichen, daß Christus als der eingeborene ewige Gottessohn und ebenso als leidensfähiger Menschensohn anerkannt werden muß. Das eine ohne das andere zu glauben nütze nichts für das Heil. Er sagte ihnen auch, daß der wahre Geist Seiner Jünger darin bestehen müsse, Ihm bereitwillig auf Seinem „Gang nach Jerusalem“ nachzufolgen: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Lk. 9, 23).

Damit die Jünger von den Härten dieses dornigen Weges jedoch nicht abgeschreckt würden, gewährte Er jenen drei Aposteln, die Ihn später in Trostlosigkeit auf dem Ölberg Blut schwitzen sehen würden, die Tröstung der Verklärung auf dem Berg Tabor. Damit die Apostel die Herrlichkeit der Verklärung als das Ziel der bevorstehenden Passion Christi ausmachen und auch als den Zweck für ihre eigenen Versuchungen und Leiden, welche sie in Seiner Nachfolge erwarteten, wenigstens ein kleinwenig erahnen zu konnten, durften sie Zeugen Schauspiels auf dem Berge Tabor sein. Der hl. Thomas von Aquin sagt: „Um den geraden Weg einzuhalten, muß man einigermaßen sein Ziel kennen; so wie ein Pfeilschütze nur dann den Pfeil richtig abschießen wird, wenn er zuvor den Punkt erspäht hat, auf den er schießen will. Das ist besonders dann erforderliche, wenn der Weg schwierig und steil ist und die Wanderung mühselig, das Ziel aber wonnevoll ist“ (S.th. III, q. 45, a. 1).

Die Tröstung der Taborstunden

Um die Mühsal zu lindern, um durch einen kleinen Vorgeschmack zum fortwährenden Kampf anzuspornen, schenkt der Herr sogenannte „Tröstungen“. Den drei Aposteln damals schenkte Er sie auf dem Berg der Verklärung. Und auch uns schenkt Er sie bisweilen, wenn auch nicht gleich in der Form einer Vision Seiner Herrlichkeit. – Tröstungen gehören zum geistlichen Leben, wie die Versuchung, die wir am letzten Sonntag genauer betrachtet haben. Was versteht man also darunter? Tröstungen sind entweder sinnlicher oder geistiger Natur. Die sinnlichen Tröstungen sind sanfte Regungen, die das Gefühl des Menschen ergreifen und tiefempfundene geistige Freude auslösen. Sie läßt uns mit Petrus ausrufen: „Herr, hier ist gut sein für uns“ (Mt. 17, 4). Es ist das Gefühl der Geborgenheit in Gott und des spürbaren Getragen-seins durch Seine Gnade. – Die geistigen Tröstungen sind höherer Art. Sie wirken entweder durch Erleuchtung auf den Verstand, d.h. durch plötzliche Einsicht in die Dinge des übernatürlichen Glaubens; oder sie wirken auf den Willen ein, der sich angetrieben sieht, sich vollkommener Gott hinzugeben. Er will für Gott tätig werden im Gebet, im Tugendstreben, im äußeren Tun für Gottes Verherrlichung. Meist treten sinnliche und geistige Tröstungen zusammen auf. D.h. daß beispielsweise eine tiefe geistige Einsicht in eine religiöse Frage oder ein aufflammender Eifer von einer fühlbaren Ergriffenheit begleitet wird. So war es auch bei den Aposteln. Der wonnevolle Augenblick ihrer Taborstunde gründete auf einer tiefen übernatürlichen Einsicht in das Geheimnis unsers Herrn Jesus Christus. Im Licht der Verklärung erkannten sie, wie innig Seine menschliche Natur mit der Person des göttlichen Wortes verbunden war. So innig, daß sich die Herrlichkeit Gottes über die menschliche Seele Christi auf Seinen Leib ergoß, so daß „Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und Seine Kleider weiß wurden wie Schnee“ (Mt. 17, 2). Seine leidensfähige Menschheit ist ganz und gar von der Gottheit durchflutet. Auch wurde den Aposteln durch das Erscheinen der beiden Propheten Moses und Elias ein tieferes Verständnis der messianischen Sendung Christi zuteil, daß Er dazu in die Welt gekommen war, um in Jerusalem zu leiden, zu sterben und wiederaufzuerstehen. Das konnten die Jünger aus dem Gespräch heraushören, das Jesus mit Moses und Elias führte. Der hl. Evangelist Lukas berichtet uns darüber folgendes: „Es waren Moses und Elias, die in Herrlichkeit erscheinen und von Seinem Ausgang redeten, den Er in Jerusalem vollenden sollte“ (Lk. 9, 30). Hierbei gebraucht er das griechische Wort „έξοδος“ „Exodos“ – „Ausgang“, „Auszug“, das in einem frommen Juden sofort den Exodus, den Auszugs des Gottesvolkes aus Ägypten, wachruft. Jenen Gedanken an die Erlösung aus der Gewalt und Sklaverei des Pharaos, die ja nur ein Schatten für die Knechtschaft des Satans über die gesamte Menschheit ist. Der Auszug Israels aus Ägypten war nur der vorbildliche Schatten, den jener bevorstehende Exodus Christi in Jerusalem in der Geschichte über Jahrtausende hinweg vorausgeworfen hatte. Den Aposteln wurde vielleicht für einen Augenblick klar, daß der bisher unverstandene Gang nach Jerusalem das entscheidendste Stück des Lebensweges ihres Herrn ist – die Erfüllung dessen, was die Nacht des Exodus aus Ägypten vorbildete. Er ist das Lamm, das geschlachtet werden muß, damit durch dessen makelloses Blut der todbringende Satansengel abgeschreckt werde. „Seht, das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt!“ (Joh. 1, 30). So wurden die Apostel ganz am Anfang durch Johannes den Täufer mit Christus bekannt gemacht (vgl. Joh. 1, 36). Christi „Ausgang“, Sein Heraustreten aus diesem Leben, Sein Hindurchgehen durch das Rote Meer der Passion und Sein Hinübergehen in das verheißene Land verklärter Herrlichkeit; darin besteht der Kern Seiner messianischen Sendung. Die Apostel erkannten ihren Meister als den neuen, den eigentlichen Moses, der, selbst bei Seiner Taufe aus dem Wasser des Jordan gezogen, der ganzen Menschheit einen Weg durch die unüberwindlichen Fluten der Sündenschuld bahnen werde. Mit Seinem Stab, nämlich mit dem hl. Kreuzstab, würde Er die Fluten der Schuld spalten und jenen, die Ihm treu nachfolgen, einen Weg der Erlösung bahnen. Hingegen werde Er die Nachstellungen der Sünde und die Verfolgungen der höllischen Mächte in den Strömen Seines Blutes ertränken. Von derlei und vielleicht noch tieferen Einsichten wurde der Verstand der Apostel erfüllt. Und ihr Herz wurde von einer derartig freudigen Verzückung erfaßt, daß sie diesen Augenblick als „gut für uns“ empfanden und für immer festhalten wollten. Auch der Wille der Apostel wurde zum Eifer für die Ehre Gottes entflammt. Sie wollten etwas für Gott tun. Sie wollten zu Seiner höheren Ehre ein Denkmal setzen: „Wenn Du willst, so werden wir hier drei Hütten bauen: Dir eine, dem Moses eine und dem Elias eine“ (Mt. 17, 4). Am Beispiel der Apostel sehen wir die Wirkungen der Tröstungen exemplarisch versammelt. – Die Tröstungen haben für das geistliche Leben einen gewissen Nutzen. Sie bergen aber auch Gefahren in sich. Deshalb ist es notwendig, über sie Bescheid zu wissen, um sich in den Tröstungen richtig zu verhalten.

Ursachen der Tröstungen

Das erste, was man wissen muß, ist, daß Tröstungen aus drei ganz unterschiedlichen Quellen herstammen können. Es gibt Tröstungen und Tröstungen. Einmal können sie natürlich von Gott geschenkt werden. Er verfährt dabei mit uns wie eine Mutter mit ihrem Kind. Er belohnt uns für einen Dienst mit geistigen Süßigkeiten, um den Dienst Gottes für uns anziehend und freudig zu machen, um uns leichter von den falschen Freuden der Welt loszulösen. – Doch außer Gott kann auch der Teufel Tröstungen in der Seele wecken; und zwar vor allem Tröstungen sinnlicher Art; also solche, die aus fühlbaren Empfindungen bestehen. Der Teufel hat es seit dem Sündenfall leicht, auf die Phantasie, auf die Emotionen und Leidenschaften des Menschen einzuwirken. Er kann fühlbare Rührung hervorrufen. Das tut er meist zu dem Zweck, uns in den mit dem Geistesstolz verbundenen Lastern zu bestärken. Etwa in unkluger Strenge, in Eitelkeit oder Vermessenheit. Der im 12. Jahrhundert lebende, berühmte Pariser Theologe Richard von St. Victor sagt: „Der Satan will damit der Seele ein stolzes Wohlgefallen einflößen, damit sie sich selbst für vollkommen halte und deswegen alle Sorge ablegte, auf dem Tugendweg fortzuschreiten oder die täglichen Fehler zu verbessern.“ Und der hl. Cyprian fügt hinzu: „Wenn der Satan eine Seele dem Stolze, dem Eigensinn, der Liebe zum Abenteuer etc. ergeben sieht, da beeilt er sich gleich, entsprechende Gefühle zu erregen, um sie noch tiefer in Abwege zu verstricken, denn er greift uns immer dort an, wo wir am schwächsten sind.“ Die Pharisäer beispielsweise fühlten sich um so besser, je weiter sie auf einen Sünder herabblicken konnten. Sie wähnten sich als Heilige und übersahen völlig ihren eigenen tiefen Fall. Es ist nicht die Gnade, sondern der verhängnisvolle Genuß an der tatsächlichen oder vermeidlichen eigenen Vorzüglichkeit und Überlegenheit anderen gegenüber, der die Seele „trägt“ und „bestärkt“. – Die dritte Quelle der Tröstungen kann schließlich unsere eigene Gefühlswelt sein. Es gibt Menschen, deren Temperament von Natur aus optimistisch, begeisterungsfähig und euphorisch gestimmt ist. Sie sind entweder schnell für eine Sache Feuer und Flamme oder einfach sentimental und rührselig veranlagt. „Nahe am Wasser gebaut“, halten sie zu jeder Gelegenheit ein „Tränchen“ bereit. Doch sind es eher Launen und Gefühlsschauer, die teils in übertriebener Heftigkeit aufflammen und, wie ein Strohfeuer, genauso schnell wieder verpuffen. Wie gerührt war doch König Saul, der seinen treuen Diener David aus Eifersucht jagte und ihm nach dem Leben trachtete, als David das Leben des mißgünstigen Königs edelmütig schonte und diesen nicht im Schlaf tötete? Welch heilige Versprechen machte der König hierauf dem David? Und doch trachtete er ihm wenig später erneut nach dem Leben (vgl. 1.Kg. 24, 17 ff.).

Der Wert und Nutzen der Tröstungen

Die Woge der Tröstung, wie sie gewiß jedem von uns – etwa beim betrachtenden Gebet, oder bei der Lesung eines geistlichen Buches, beim Beten der hl. Messe oder des Rosenkranzes – erfaßt und emporgehoben hat, hat, an sich betrachtet, keinen sittlichen Wert. Sie ist weder gut noch schlecht. Sie ist weder geboten noch verboten. Sie kommt ungerufen und ungewollt über uns. Sie liegt nicht in der Macht unseres Willens. Wie wir gesehen haben, ist sie vereinbar mit dem Guten wie mit dem Bösen. Je nachdem können die Tröstungen somit, so sie von Gott stammen, für die Seele von gewissem Nutzen sein, sofern sie jedoch aus den anderen beiden Quellen hervorgehen, Gefahren in sich bergen.

Nützlich sind uns die Tröstungen, sofern sie die Seele erstens gegen die ihr natürliche Schwäche und Unlust an geistlicher Betätigung stärken. Sie machen den Kampf gegen die Versuchungen leichter, vermehren den Abscheu vor der Sünde und bewahren vor Rückfall. In ihrer leichtfüßigen Beschwingtheit vermag sich die Seele im Trost leichter tugendhafte Gewohnheiten anzueignen. Die dafür erforderliche tägliche Wiederholung der Tugendwerke – die innere Sammlung, das Gebet, der Gehorsam und alle anderen Werke der Gottesliebe – fällt leicht, so daß sie leicht und gut in der Seele Wurzeln schlagen und befestigt werden. – Der zweite Nutzen besteht darin, daß die Tröstungen das Leben des Frommen auch nach außen gleichsam verklären, da durch die beigemischte innere Freude die Tugend auch anderen Menschen anziehend und nachahmenswert erscheint. Gerade die Heiligen strahlten eine innere Freude aus, welche andere Menschen anspornte, ihrem Beispiel, ein strenges, abgetötetes Leben zu führen, Folge zu leisten und so werden zu wollen, wie sie. – Der dritte Nutzen wurde bereits erwähnt: Die Tröstungen geben einen kleinen Vorgeschmack auf die ewigen Freuden und locken dadurch zu noch größerer Hingabe, zu höchster Entschiedenheit und Opferwilligkeit. Oft gehen Tröstungen einer schweren Prüfungen unmittelbar voraus. Sie kündigen das Kreuz, das Leiden, die Versuchung an. Sie werden von Gott um der Prüfung willen gegeben. Daß wir sie tragen können, daß wir, durch sie erfrischt, mutig in den Kampf ziehen. So ermutigt Gott seine Kämpfer, gleichwie Hannibal und seine Krieger durch den Ausblick von den Höhen der unwirtlichen Alpen herab auf die Gefilde Italiens alle Beschwerden und Strapazen vergaßen und zur Eroberung angespornt wurden.

Gefahren der Tröstungen

Sofern die Tröstungen jedoch entweder nicht Gott herstammen oder von der Seele um ihrer selbst willen gesucht werden, stellen sie eine Gefahr für das geistliche Leben dar. Sie können eine gefährliche Sucht, eine Art geistliche Naschhaftigkeit erregen, so daß man mehr an den Tröstungen Gottes als am Gott allen Trostes hängt. Das zeigt sich stets dann, wenn die Tröstung vorüber ist. Ist sie vergangen und man beginnt wieder nachlässig zu werden – in den geistlichen Übungen und in der Erfüllung der Standespflichten – so war es die Süßigkeit, für die wir uns begeisterten, nicht Gott, der Geber der Freude. Die Anhänglichkeit an die Tröstung hält uns verhängnisvoller Weise in einer geistlichen Infantilität gefangen. Die Mutter gibt dem kleinen Kind Süßes, um es ihm leichter zu machen, seine Pflichten zu erfüllen. Wird das Kind größer und reifer, so beginnt es einzusehen, daß der Dienst in der Familie zu seinen Pflichten gehört, der erledigt werden muß, auch wenn es dafür keine Belohnung mehr gibt. Diese Einsicht will Gottes Güte auch bei uns bezwecken, indem Er am Beginn des geistlichen Lebens, etwa nach einer Bekehrung, viel süße Freuden am Gebet, an der Lesung, an der Tugendübung gibt, später diese Tröstungen jedoch zurückhält. Es ist kein Anzeichen der Lauheit oder des Mißfallens Gottes, sondern ganz normal, wenn die Tröstungen, insbesondere die sinnlichen, weniger werden oder eine Zeitlang ganz verschwinden. Denn als zum „Vollalter Christi“ (Eph. 4, 13) Heranwachsende sollen wir Gott um Seiner selbst willen dienen und nicht wie ein kleines Kind, damit es Süßigkeiten bekommt. Es ist traurig, daß nicht wenige Katholiken ihr Leben lang in geistlichen Strampelhöschen bleiben. Daß wir im geistlichen Leben über den Laufstall noch nicht hinausgekommen sind, würde dadurch offenbar, daß wir über das Leiden Christi Tränen vergießen, Ihm aber doch das Opfer einer weltlichen Freude, einen notwendigen Verzicht oder eine Abtötung verweigern. Echte Tugend kann nur da sein, wo die Liebe zu Gott vorhanden ist. Und dabei ist nicht, wie viele sich täuschen, das Vorhandensein oder die Intensität der Tröstungen ein Gradmesser für die Gottesliebe! Wie schon öfters gesagt, besteht die Liebe in der Vereinigung der Willen! Dasselbe wollen und dasselbe nicht wollen wie der Geliebte. Die Liebe zu Gott läßt uns unseren Willen an den Seinigen anpassen. Wenn wir Gott lieben, machen wir uns Seinem Willen gleichförmig. D.h. wir geben den unseren auf! Wir opfern ihn hin! Deswegen beweist sich die Wahrhaftigkeit der Liebe stets im Opfer – nicht in den Tröstungen. Der hl. Franz von Sales sagt: „Viele Seelen haben derartig zarte Gefühle und Tröstungen. Nichtsdestoweniger hören sie nicht auf sehr lasterhaft[d.h. gewohnheitsmäßig läßlich oder schwer zu sündigen] zu sein. Folglich haben sie keine wahre Liebe zu Gott und noch viel weniger wahre Frömmigkeit.“ – Die zweite Gefahr, zu der die Tröstung im geistlichen Leben werden kann, ist am Beispiel der Pharisäer bereits angeklungen; es ist der Hochmut; und zwar in dreifacher Ausprägung. Erstens kann er sich äußern in eitlem Wohlgefallen an sich selbst. Empfindet man Trost, fällt das beten leicht, so hält man sich gern für heilig, oder wenigstens doch für einen Fortgeschrittenen und wähnt sich des Heiles, wenn nicht gewiß, so doch sicher zu sein. Die Selbstgefälligkeit liegt den folgenden beiden Ausprägungen des Hochmuts zugrunde. – Zweitens zeigt er sich im Vergleich mit anderen. Der selbstgefällige Hochmut bildet einen mehr oder weniger starken Dünkel aus. Man möchte mit anderen über geistliche Themen sprechen, um sich hervorzutun; um mit seinem Wissen über derlei Dinge zu glänzen und anhand der eigenen „tiefen Gebetserfahrungen“ anzugeben und „gute Ratschläge“ zu erteilen. – Die dritte Form des Hochmuts, die aus dem geistlichen Trost erwachsen kann, ist die feste Überzeugung, unbesiegbar zu sein. Man fühlt sich stark und glaubt, allen Versuchungen gewachsen zu sein, und setzt sich entweder leichtfertig der Gelegenheit zur Sünde aus oder man beginnt in den Ruhemodus zu schalten, gerade wenn man eigentlich seine Wachsamkeit und die sittliche Anstrengung verdoppeln müßte, um weiter Fortschritte zu machen.

Christus sagt: „Man erkennt den Baum an seinen Früchten“ (Mt. 12, 33). Alle Tröstungen und deren Gebrauch sind gut, wenn sie gottwohlgefällige Wirkungen an uns hervorbringen; wenn man durch sie demütiger, geduldiger, gehorsamer, bußfertiger wird. Hingegen sind sie schlecht oder werden falsch gebraucht, wenn sie diese Wirkungen nicht zeitigen oder gar das Gegenteil von ihnen heraufbeschworen wird; wenn man also überheblicher, gereizter, eigenwilliger und selbstgefälliger wird.

Verhalten im Troste

Um letzteres zu verhindern gibt uns der hl. Franz von Sales einige nützliche Hinweise, wie wir uns bei geistlichen Tröstungen verhalten sollen, daß sie ihre segensreichen Wirkungen in unserer Seele entfalten können.

Wir sollen sie in Demut und Dankbarkeit annehmen und bedenken, daß sie übernatürliche Gaben sind, die wir nicht verdienen, ja derer wir eigentlich im Grund unwürdig sind. Gott gibt und nimmt sie, wie es Ihm gefällt. Diese Erfahrung schildert uns König David im Psalm 29: „Ich sprach in meinem Überfluß [in der Tröstung]: Ich wanke nicht in Ewigkeit … Aber Du wandtest ab von mir Dein Angesicht [entzogst mir den Trost], da ward ich verwirrt“ (Ps. 29, 7 f.). Deshalb müssen wir uns im Trost unserer Schwäche bewußt bleiben und uns vor Gott demütigen. Sagen wir in der Liebesglut der Tröstung also nie: „O wie fromm bin ist doch! Wie heilig! Wie gut muß es um mich stehen. Das ist gewiß ein Zeichen, daß ich auf dem rechten Weg bin.“ Sondern statt dessen: „Wie gut ist Gott! Und wie schwach muß ich doch sein, daß Gott mir Zucker in den Mund legt, damit ich nicht wieder nachlässig und rückfällig werde.“ Gott spricht durch die Tröstung zu uns wie der hl. Paulus: „Als Unmündige in Christo gab ich euch Milch zu trinken, nicht Speise; denn ihr wart noch nicht stark genug. Ja, auch jetzt seid ihr es noch nicht, denn noch seid ihr fleischlich gesinnt“ (1. Kor. 3, 1 f.). Der Gedanke, daß die Tröstungen vor allem zu dem Zweck gegeben werden, um uns für bevorstehende Prüfungen zu stärken, sollte uns ebenfalls in der Demut befestigen, damit wir sanft gegen den Nächsten werden und voll wahrer Liebe zu Gott.

Des weiteren rät der hl. Franz von Sales, die Tröstungen mit Vorsicht zu bewahren. Was Gott im Verborgenen gegeben hat, um uns in süßer Vertraulichkeit an sich zu ziehen, soll anderen verborgen bleiben. Die Gottesmutter redete mit niemanden über die Botschaft Gabriels. Und der hl. Erzengel Raphael mahnte schon im Alten Bund: „Das Geheimnis eines Königs verbergen, ist gut“ (Tob. 12, 7). So forderte auch Jesus die drei Apostel nach der Verklärung dazu auf: „Saget niemand etwas von der Erscheinung“ (Mt. 17, 9). – Wenn wir die uns zuteil werdenden Tröstungen vor anderen Menschen verbergen sollen, so sollen wir sie doch dem Beichtvater oder Seelenführer offenbaren, um Ratschläge und Anweisungen einzuholen, damit wir zu unserem Nutzen von ihnen Gebrauch machen und nicht gefährlichen Täuschungen erliegen.

Abstieg vom Tabor

Schließlich und endlich muß man davon überzeugt sein, daß es uns genauso ergehen muß wie den Aposteln auf dem Berge Tabor. Die freudvollen Augenblicke der Tröstung und die lichten Stunden der fühlbaren Gottesnähe werden nicht für immer dauern. „Als sie aber ihre Augen erhoben, sahen sie niemand mehr als Jesus allein“ (Mt. 17, 8). Sie sahen Jesus, wie sie ihn kannten. Keine Spur mehr vom Glanz Seines Angesichtes. Sein Gewand hatte zu leuchten aufgehört. „Steht auf! Fürchtet euch nicht!“ (Mt. 17, 7). Die auf den Trost folgende Trockenheit verlangt wieder mühsame Selbstüberwindung, jeden Tag erneut seine Pflicht zu tun. Auch altbekannte Ängste kehren vielleicht zurück. „Steht auf! Fürchtet euch nicht!“ (Mt. 17, 7). Deshalb müssen wir Gott in der Tröstung bitten, daß wir Ihm in der Trockenheit, in der Prüfung, in der Versuchung zu Seinem Wohlgefallen dienen können. Die Taborstunden sind kein Selbstzweck. Nicht für den Herrn, nicht für die Apostel und auch nicht für uns. Die Taborstunden stärken und bereiten uns vor auf die Ölbergstunden. Wir sollen uns also nicht durch Geistesanstrengungen an den Tröstungen festklammern; nicht, gleich einer Zitronenpresse, künstliche Gefühle aus unserm Innern herauspressen, sondern die Tröstungen, so bereitwillig wie wir sie angenommen haben, auch wieder loslassen. Genauso wie Petrus, Jakobus und Johannes dem Herrn bereitwillig gefolgt sind, als Er sie dazu aufgefordert hatte, mit Ihm zusammen wieder vom Berg der Verklärung ins Tal der Tränen hinabzusteigen; um wieder gestärkt, mutig und tapfer den „Gang nach Jerusalem“, den königlichen Weg des heiligen Kreuzes, fortzusetzen. Die Erinnerungen an die verklärten Taborstunden bleiben! Ihr Licht läßt uns den unendlichen Wert des vorher unverstandenen Kreuzes ein klein wenig deutlicher erkennen und in diesen Tagen der hl. Fastenzeit Ihm, dem wahren Moses, in Seinem Exodus nachfolgen, wenn Er uns zuruft: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Amen.

Erster Fastensonntag

Wir müssen durch viele Bedrängnisse hindurch in das Reich Gottes eingehen.

Geliebte Gottes!

Es ist doch bemerkenswert, was uns der hl. Matthäus über den Zweck berichtet, warum unser Herr Jesus Christus unmittelbar nach Seiner Taufe im Jordan, vom Heiligen Geist in die Wüste geführt, bzw. nach dem Markusevangelium sogar „in die Wüste hinausgetrieben“ (Mk. 1, 12) wurde. Der Zweck ist der: „Um vom Teufel versucht zu werden“ (Mt. 4, 1). Ja, ist es nicht seltsam, daß unser göttlicher Erlöser dem entgegeneilt, wovor wir ängstlich fliehen? – Der Sohn Gottes fastet und läßt den Versucher an sich herantreten, um, wie der hl. Papst Gregor sagt, „in Seiner Versuchung auch unsere Versuchung zu überwinden.“ Die Versuchung ist auch in unserem geistlichen Leben ein alltägliches Phänomen. Lassen sie uns dieses Thema deshalb genauer in Augenschein nehmen, damit wir besonders in den Tagen der Fastenzeit dafür gewappnet sind.

Das Wesen der Versuchung

Im allgemeinen versteht man unter einer Versuchung jede Art von Antrieb, Anreiz oder Anziehung zur Sünde. Jeden Reiz etwas Sündhaftes zu denken, zu reden oder zu tun. Nicht jeder Anlaß zur Sünde ist schon Versuchung. Innere Gedanken und Vorstellungen, äußere Dinge wie Bilder, Bücher, Gespräche bieten die Möglichkeit zur Sünde, ohne aber schon notwendigerweise einen anziehenden Reiz zur Sünde auf uns auszuüben. Eine Versuchung ist erst dann vorhanden, wenn derlei Dinge einen fühlbaren Anreiz zum Bösen in der Seele wecken. Das ist z.B. der Fall, wenn die eigene Phantasie ein Begehren nach etwas Unerlaubtem wachruft; wenn ein Mensch durch herausfordernde Worte zum unmäßigen Trinken reizt und auffordert; wenn eine Filmszene unkeusche Lust erregt. – Die Versuchung als solche ist noch keine Sünde, sonst hätte sie Christus gar nicht an sich heranlassen können. Sie ist nur der Anlaß, der Anreiz, der zur Sünde treibt.

Die drei Phasen der Versuchung

Mit dem hl. Augustinus und dem hl. Gregor unterscheidet man in der Versuchung drei Phasen: 1. die Einflüsterung, 2. das wohlgefällige Verweilen und 3. die Einwilligung. Die erste Phase besteht in der Einflüsterung, also in einem unfreiwilligen Gedanken oder Gefühl, das uns in den Sinn kommt. Phantasie oder Verstand stellen sich die Reize der verbotenen Sache mehr oder minder lebhaft vor. Zuweilen ist diese Vorstellung sehr verführerisch und drängt sich hartnäckig auf. Wie gefährlich diese Einflüsterung auch sein mag, sie ist nicht Sünde, es sei denn, man hätte sie freiwillig heraufbeschworen.

Die zweite Phase ist das sinnlich spürbare, oder geistige Wohlgefallen an dem, was die Einflüsterung uns vorschlägt. Der hl. Franz von Sales sagt: „Es geschieht oft, daß die niederen Triebe und Instinkte ohne Einwilligung, ja sogar gegen den Willen der höheren Seelenkräfte, Wohlgefallen an der Versuchung finden.“ Solange unser Wille nicht mit seiner Zustimmung in das Wohlgefallen einwilligt, ist auch das Wohlgefallen der niederen Triebe und Instinkte noch keine Sünde. Verweigert der Wille seine Zustimmung, ist er unzufrieden über die Belästigung durch die Versuchung, kämpft er gegen das Wohlgefallen an und stößt es voll Abscheu zurück, so bleibt er Sieger über die Versuchung und handelt in verdienstlicher Weise. Sobald er aber bei dem Wohlgefallen verweilt und schwankend in Erwägung zieht, seine Zustimmung zu geben, nimmt er durch seine bereits halb erfolgte Einwilligung an dem sündhaften Wohlgefallen Anteil. Halber Widerstand ist aber schon halbe Einwilligung, also läßliche Sünde.

In der dritten Phase gibt der Wille dem Reiz nach, macht ihn sich durch seine volle Zustimmung zu eigen und folgt ihm. Der Wille läßt sich dazu hinreißen, die böse Lust freiwillig zu wünschen oder zu genießen. In diesem Augenblick hört die Versuchung auf und wird zur Sünde, wie der hl. Jakobus anschaulich sagt: „Ein jeder wird versucht, indem er von seiner eigenen Lust gereizt und gelockt wird. Alsdann, wenn die Lust empfangen hat [nämlich die Zustimmung des Willens], gebiert sie die Sünde, die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod“ (Jak. 1, 14 f.).

Ein Beispiel. Jemand ist beleidigt worden. In ihm flammt der Gedanke auf, sich zu rächen. Eine Einflüsterung. Bei diesem Gedanken stellt sich von selbst eine unfreiwillige Lust ein, sich zu rächen; ein Wohlgefallen, das lockt und reizt. Jetzt meldet sich das Gewissen und sagt: „Wenn du Rache nimmst, begehst du eine Sünde.“ Es folgt ein längerer oder kürzerer innerer Kampf zwischen dem Verlangen, sich zu rächen, und dem Einspruch des Gewissens. Der freie Wille muß sich jetzt entscheiden. Er verweilt dabei, schwankt eine Zeitlang. Er zögert zwar, dem Rachegedanken ganz zuzustimmen, doch kann er sich nicht dazu entschließen, die Versuchung entschieden abzuweisen. Das ist eine halbe Einwilligung, denn wer das Böse nur halbherzig zurückweist, will es irgendwie doch. Schließlich sucht der Mensch das Gewissen durch eine Ausrede zu beschwichtigen: „Das darfst du dir nicht gefallen lassen!“ und faßt den Entschluß, Rache zu nehmen. Das ist die volle Einwilligung. Damit ist die Sünde innerlich bereits vollbracht, selbst wenn die Ausführung der Rache eventuell noch verschoben wird oder nachher vielleicht sogar doch unterbleibt. Die Sünde ist da, weil die Einwilligung in den Rachegedanken erfolgt ist. Die Schwere der Sünde hängt davon ab, ob das Beabsichtigte schwer oder läßlich sündhaft ist.

Aus dem Gesagten wir deutlich, daß ein plötzlich auftauchender böser Gedanke, solange wir ihn nicht wollen oder uns nicht freiwillig daran erfreuen, keine Sünde ist. Noch viel weniger liegt eine Sünde vor bei jemandem, der von penetranten Gedanken und Vorstellungen geplagt wird, die er nicht will und verabscheut. Wer jedoch freiwillig der bösen Lust nachgibt, begeht eine schwere oder läßliche Sünde, je nachdem ob das Gewollte oder Ersehnte schwer sündhaft ist oder nicht.

Ursachen der Versuchungen

Nachdem wir die Grenze zwischen Versuchung und Sünde abgesteckt haben, wollen wir uns fragen, wo die Versuchungen herstammen. Was sind ihre Ursachen? Aus dem Katechismus wissen wir, daß jede Versuchung aus mindestens einer von drei Quellen hervorgehen kann: Entweder stammt sie, wie im heutigen Evangelium, unmittelbar vom Teufel selbst; oder aber 2. sie stammt von dem, was man „böse Welt“ nennt, also von äußeren Einflüssen, von schlechten Menschen oder zur Sünde reizenden Dingen und Gelegenheiten. Die dritte Quelle der Versuchung ist schließlich eine innerliche, nämlich unsere ungeordnete Eigenliebe, die sich im Begehren der Leidenschaften Bahn bricht. – Jede Versuchung stammt entweder vom Teufel, von der bösen Welt, oder von der ungeordneten Selbstliebe. Die Ursachen können auch zusammenwirken. Meist bedient sich der Satan der übrigen Ursachen.

Der hl. Paulus warnt uns: „Wir haben den Kampf nicht wider Fleisch und Blut zu führen, sondern wider die Mächte und Gewalten, wider die Weltbeherrscher dieser Finsternis, wider die Geister der Bosheit unter dem Himmel“ (Eph. 6, 12). Es ist gut, dies stets im Gedächtnis zu behalten. Sinnlichkeit, Lügen, glänzende Versprechungen, Argwohn, Drohungen, Verblendung, Wut, Grausamkeit, Stolz, Bosheit; all das sind Waffen des Teufel, um die gläubige Seele anzugreifen. Die Seele des Todsünders hingegen wird vom Teufel meist in Ruhe gelassen, solange er keine ernsthaften Anstalten macht, sich zu bekehren. Der hl. Johannes Chrysostomus erklärt dies wie folgt: „Gleichwie diejenigen auf der See, deren Schiff leer ist, sich nicht vor dem Angriff der Seeräuber fürchten müssen, ebenso greift auch der Satan nicht so leicht einen Sünder an als einen Gerechten, der einen großen Reichtum an Tugenden [als Ladung] besitzt.“ Deswegen wurde den Heiligen unheimlich zumute, wenn sie über längere Zeit keine Versuchungen erleiden mußten, wenn alles glatt lief und keine Schwierigkeiten vorlagen. Wir würden meinen, das sei ein Anzeichen des Segens Gottes, wenn alles problemlos läuft. Die Heiligen nicht. Man sagt vom hl. Ignatius, daß er eine Phase ohne Versuchungen stets als ein Anzeichen des nahenden Zusammenbruchs einstufte. Solange wir leben, werden wir versucht. Die Versuchungen folgen wie die Wellen auf dem Meer, wie die Glieder einer Kette. Wenn der Teufel auf die eine Weise erfolglos bleibt, wird er es auf eine andere Weise versuchen. – Wenn er selbst erfolglos bleibt, ruft der böse Geist seine Helfer im Fleische herbei, nämlich Menschen, die dem Teufel – meist unbewußt – dienen. Das sind entweder die Sünder in unserem unmittelbaren Bekanntenkreis, die durch ihr gottloses Leben und durch ihren schlechten Einfluß als schlechte Vorbilder zum Sündigen verleiten. Oder es sind „Menschen des öffentlichen Lebens“, welche offen die guten Sitten verderben. – Schließlich kann der Teufel leicht Einfluß auf den sinnlichen Bereich unserer Seele nehmen, indem er die dreifache Begierlichkeit aufstachelt, nämlich „die Augenlust, die Fleischeslust und die Hoffart des Lebens.“ Also all das, was unserer ungeordnete Eigenliebe schmeichelt: Besitz, Genuß und Anerkennung.

Notwendigkeit des Kampfes

Doch haben die Versuchungen im Heilswillen Gottes Sinn und Zweck. Sie sind durchaus notwendig. Christus sagt nämlich: „Von den Tagen Johannes des Täufers an, bis jetzt leidet das Himmelreich Gewalt und diejenigen, welche Gewalt brauchen, reißen es an sich“ (Mt. 11, 12). Der hl. Paulus weist in der Apostelgeschichte darauf hin: „Daß wir durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen müssen“ (Apg. 14, 21). Es führt demnach kein breiter und bequemer Weg in den Himmel. Wir müssen uns das Heil erkämpfen. Das ist eine Setzung Gottes. Und deshalb ruft und der hl. Ambrosius zu Beginn der Fastenzeit zu: „Allein jener Sieg bringt Ruhm ein, der durch einen vorangegangenen Kampf errungen worden ist. Und der Siegespreis wird nur dem verliehen, der mit Tapferkeit gekämpft hat. – Wie kannst du also die Siegeskrone einfordern, bevor du siegreich warst? Wie kannst Ruhe begehren, ehe du den Lauf vollendet hast? Erst wenn du den Sieg errungen hast, dann hast du Anspruch auf Ruhm und Ehre.“ Und der hl. Johannes Chrysostomus fügt hinzu: „Du wärest einfältig, o Soldat Christi, wenn du meintest siegen zu können, ohne einen Kampf; wenn du glaubtest den Triumph davontragen zu können, ohne eine Schlacht.“ – Nun, warum ist das so? Der hl. Erzengel Raphael klärt uns darüber auf. Er sagte damals zu Tobias: „Weil du vor Gott wohlgefällig warst, mußte die Versuchung dich bewähren“ (Tob. 12, 13). Gerade weil du gut bist, muß die Versuchung über dich kommen, um deine Tugend zu prüfen, um deine Tugenden ans Tageslicht zu fördern. Das ist aber nur möglich, indem deine Tugend angefochten wird. Die Sterne werden nur in finsterer Nacht sichtbar. In der Versuchung erst trennt sich die Spreu vom Weizen und es wird sichtbar, was wirklich in einem Menschen steckt. Deshalb müssen Versuchungen sein. Sie sind notwendig im geistlichen Leben und haben sogar einen großen Wert.

Die Wert der Selbstüberwindung

Eine Versuchung zu überwinden heißt, sich selbst zu besiegen. Darin besteht der glänzendste Sieg, den ein Mensch erringen kann. Der größte aller Siege, ist der Sieg über sich selbst. Der hl. Cyprian von Karthago sagt: „Es gibt nichts, was die Seele des Gerechten mehr erfreut, als die Bewahrung der Reinheit und der anderen Tugenden in der Anfechtung durch die Versuchung. Die Versuchung zu überwinden ist der größte Genuß, den die Seele verkosten kann. Es gibt keinen größeren Sieg, als den über die eigenen Leidenschaften.“ – Demnach bedeutet es die größte Schande und ist nichts anderes als Feigheit, wenn man sich den Versuchungen kampflos ergibt und sich von seinen Leidenschaften treiben läßt. Der hl. Patriarch von Venedig, Laurentius Justiniani, sagte: „Die gesamte Weisheit und Macht der christlichen Religion besteht nicht darin Wunder zu wirken, die Zukunft vorherzusagen, nicht in geistreicher Beredsamkeit und auch nicht in tiefsinnigen Erkenntnissen, sondern im Triumph über Versuchungen. Wer Gott in seinem Herzen liebt, zeigt seine Liebe nach außen in der Gewalt, die er zur Anwendung bringt, um die Feinde, die ihn versuchen, zu besiegen.“ Mit anderen Worten: Die Intensität des Widerstandes, den wir bei Versuchungen an den Tag legen, ist Gradmesser für die Temperatur unserer Gottesliebe. Der hl. Benedikt von Nursia wälzte sich in einem Dornengestrüpp, zerstach sich den ganzen Leib vom Scheitel bis zur Sohle, um Versuchungen der Fleischeslust zu unterdrücken. In diesem rücksichtslosen Vorgehen gegen sich selbst ttrat die immense Liebe zu Gott in seinem Herzen nach außen in Erscheinung! All die erstaunlichen Abtötungen, die wir an den Heiligen bewundern, sind äußere Zeichen für die Intensität und Stärke ihrer Gottesliebe. Sie waren aus Liebe zu Gott eher dazu bereit zu leiden, als in die Sünde einzuwilligen. Zum eifrigen Kampf in der Versuchung versucht uns auch der hl. Augustinus zu ermuntern, wenn er sagt: „Die unsichtbaren Mächte werden besiegt, wenn wir die sichtbaren Lockungen überwinden; wenn wir hinsichtlich unserer Leidenschaften über uns selbst triumphieren. Es ist notwendig, daß wir denjenigen [nämlich den Teufel], der den Menschen durch die Leidenschaften beherrscht, in uns besiegen. Gott sprach zur Schlange: ‚Staub sollst du fressen, dein Leben lang‘ (Gen. 3, 14). Zum Sünder spricht Gott: ‚Staub bist du, und zum Staube sollst du zurückkehren‘ (Gen. 3, 19). Damit wird der Sünder als Fraß für den Teufel bezeichnet. Laßt uns also zu unserem eigenen Wohl nicht staubiger Sündenschmutz sein, damit wir nicht von der Schlange verschlungen werden.“

Gottes Beistand in der Versuchung

Die Versuchungen können an sich leicht überwunden werden – wenn Gott uns dabei hilft. Gott verlangt nichts Unmögliches von uns. Niemand wird über seine Kräfte versucht (vgl. 1. Kor. 10, 13). Wenn wir also von schweren Versuchungen heimgesucht werden, so will Gott, daß wir tun, was in unseren Kräften steht, um zu widerstehen. Und Er will, daß wir Ihn im Gebet um das anflehen, was wir aus eigener Kraft nicht vermögen. Etliche Heilige geben den uns denselben Rat: „Handle stets so, als ob alles Gelingen allein von deiner Anstrengung abhinge. Und gleichzeitig vertraue und bete so, daß du alles Gelingen allein von Gottes Hilfe erwartest.“ Gott verspricht uns Hilfe, um in jeder Versuchung zu bestehen. Deshalb sagt Christus mit voller Berechtigung: „Mein Joch ist süß und meine Bürde leicht“ (Mt. 11, 30). Der hl. Jakobus versichert uns, daß der Teufel von uns Reißaus nehmen wird, wenn wir uns in der Versuchung Gott zuwenden. „Unterwerft euch also Gott; widersteht dagegen dem Teufel, so wird er von euch fliehen“ (Jak. 4, 7). – Wir brauchen keine Angst vor dem Teufel zu haben. Durchaus jedoch einen ernsthaften Respekt. Der hl. Augustinus vergleicht den Satan mit einem wilden Hund, der jedoch von Christus an die Kette gelegt worden ist: „Vielleicht entgegnet einer: Wenn er [der Teufel] gefesselt ist, warum ist er dann noch so mächtig? Geliebteste Brüder! Es ist wahr, er ist noch sehr mächtig, aber nur Lauen und Lässigen gegenüber. Er hat nur Gewalt über diejenigen, welche Gott nicht wahrhaft fürchten. Er ist gefesselt wie ein angeketteter Hund. Er kann keinen beißen außer den, der sich in wahnwitziger Selbstsicherheit selbst in seine Nähe begibt. Ihr wißt doch, Brüder, wie töricht ein Mensch ist, der sich von einem angeketteten Hund beißen läßt. Geh also nie, dadurch daß du irdischen Wünschen und Begierden nachgibst, in seine Nähe, und er wird dir nichts anhaben können. Er kann bellen, er kann locken, aber beißen kann er dich nicht, außer wenn du selbst gebissen werden willst.“ Wie dem Propheten Jeremias, so sichert uns Gott im Kampf gegen die Versuchungen zu: „Ich will dich deinem Volke [deinen Feinden] gegenüber zu einer ehernen, festen Mauer machen. Kämpfen sie wider dich, so werden sie nichts über dich vermögen. Denn Ich bin mit dir, um dir zu helfen und dich zu erretten, spricht der Herr. Und Ich will dich aus der Hand der Bösen befreien und dich aus der Hand der Gewalttätigen erlösen“ (Jer. 15, 20 f.). Da dürfen auch wir mit dem hl. Paulus die logische Schlußfolgerung ziehen: „Was werden wir also hierzu sagten? Wenn Gott für uns ist, wer ist wider uns?“ (Röm. 8, 31).

Der Nutzen der Versuchung

Die Versuchungen haben, außer daß sie uns Gelegenheit bieten unsere Gottesliebe unter Beweis zu stellen auch noch zahlreiche andere wertvolle und sehr nützliche Wirkungen. Zählen wir einige davon auf:

Erstens: Es ist eine wirkungsvolle Buße, in der Versuchung geduldig auszuharren. Viele Sündenstrafen können damit schon in diesem Leben getilgt werden.

Zweitens: Die Versuchung demütigt uns. Gottwohlgefällige Seelen erlangen mit der Gnadenhilfe des Heiligen Geistes die höchsten Tugendgrade und die vollkommensten übernatürlichen Gaben. Damit sie sich darin nicht überheben, ist es für sie von großem Nutzen, daß sie durch Versuchungen gedemütigt werden. So haben wir vor zwei Wochen den hl. Paulus sagen hören: „Damit ich mich nicht wegen der Größe der Offenbarungen überhebe, wurde mir ein Stachel in mein Fleisch gegeben, ein Engel des Satans, daß er mich mit Fäusten schlage“ (2. Kor. 12, 7). Die Versuchung hält uns in der Demut, ohne deren Fundament das Bauwerk der göttlichen Gnade in unserer Seele notwendigerweise zum Einsturz gebracht werden würde.

Drittens: Die Versuchung reinigt uns wie das Feuer. „Wie Gold im Ofen hat Er sie erprobt, und wie ein Brandopfer hat Er sie angenommen, zu seiner Zeit wird Er sie heimsuchen. Die Gerechten werden glänzen und wie Funken, die sich im Stoppelfeld sich ausbreiten“ (Weis. 3, 5-7). Die Versuchung wird oft mit dem Feuer verglichen, welches das Gold im Schmelztiegel von der Schlacke reinigt. „Denn Gold und Silber wird durch Feuer bewährt, die aber Gott angenehm sind, im Feuerofen der Demütigung“ (Sir. 2, 5). Die Versuchung reinigt die Seele, den Leib, das Herz, die Absicht, die Werke und die Gedanken von den Schlacken der Selbstsicherheit und Selbstgefälligkeit, was nichts anderes ist, als ungeordnete Eigenliebe. Der hl. Augustinus ruft uns deshalb auf seinem Beispiel zu folgen: „Ertrage den Feuerofen, gläubige Seele, damit du gereinigt werdest vom Schmutz und du vor Gott fleckenlos erscheinest. Im Feuerofen befindet sich Stroh, Gold und Feuer. Wenn das Feuer angelegt wird, so brennt das Feuer und das Gold wird gereinigt. Das Stroh wird aufgezehrt. Von ihm bleibt nur Asche zurück. Das Gold wird gereinigt von allen Schlacken. Der Feuerofen ist die Welt. Die Bösen sind das Stroh. Die Guten sind das Gold. Das Feuer sind die Versuchungen. Und Gott ist der Goldschmied. Ich mache das, was der Goldschmied will. Er legt mich in den Schmelztiegel und ich mache mich Seinem Willen gleichförmig. Er fordert von mir geduldiges Ertragen. Dadurch macht Er mich glänzend und reinigt mich.“

Ein vierter Nutzen besteht darin, daß uns die Versuchung wachsam und kampfbereit hält. Solange der Feind weit entfernt ist, legt der Soldat seine Waffen nieder und macht ein Schläfchen. Wenn hingegen der Feind in unmittelbarer Nähe ist, so bleibt er wachsam und hält die Waffen kampfbereit in der Hand. Die Versuchungen erinnern uns daran, daß wir uns in diesem Leben nie sicher fühlen können. Der Feind lauert stets vor der Tür unserer Seele. Deshalb müssen wir wachsam bleiben.

Schließlich noch ein fünfter Nutzen. Die Versuchung befestigt und vermehrt in uns die Tugenden. Der hl. Gregor sagt: „Der beste Schutz der Tugend ist die Schwäche, entweder durch Trübsale oder Versuchungen. Der Auserwählte macht nur Fortschritte in der Versuchung. Und was der Teufel zu seinem Verderben ausgelegt hat, das wandelt Gott um zu seinem Ruhm.“ Gott sorgt also dafür, daß die Versuchung uns nicht wirklich schadet, sondern uns zum inneren Wachstum in der Tugend anregt, was uns wiederum an Gnade und Verdiensten zunehmen läßt. Gott läßt eine Versuchung nur zu dem Zweck zu, um in der Seele die entgegengesetzte Tugend wachsen zu lassen. Alle Versuchungen zur Unkeuschheit, zur Maßlosigkeit, zum Stolz, zur Habsucht, zum Neid, zum Argwohn oder zu anderen Sünden, vermehren die Tugenden der Reinheit, der Mäßigkeit, der Demut und der Liebe.

Christus kämpft in uns

Unser Herr Jesus Christus hat die Versuchungen Satans in der Wüste überwunden. Er ist der unüberwindliche Sieger über alle Versuchungen. Er führt uns als Feldherr auf das Schlachtfeld dieser Fastenzeit. Er ist mit uns. Er kämpft in unserer Seele, wenn wir Ihm mutig und opferbereit nachfolgen, wozu uns auch der hl. Cyprian insbesondere für die kommenden Tage und Wochen anspornen will, wenn er sagt: „Der Herr führt uns in die Schlacht. Er ist es der kämpft. Er ist es der siegt. Und es kommt dir zu, daß er den Verdienst des Sieges [in deiner Seele] davontragen kann. Dein Krieg [hier auf Erden] ist der Krieg Gottes. Dein Kampf ist ein Kampf Jesu Christi. Warum fürchtest du dich? Etwa weil du meinst aus eigener Kraft siegreich sein zu müssen? Ergreife die Waffen! Stelle dich dem Kampf! Kämpfe wie ein Mann. Und es wird derjenige, welcher niemals besiegt worden ist, mit dir sein“ (Ep. ad Mart.). Amen.

Sonntag Quinquagesima

Und hätte ich die Liebe nicht, es nützte mir nichts.“ (1. Kor. 13, 3) 

Geliebte Gottes!

Die Lesung des heutigen Sonntags Quinquagesima ist allgemein bekannt als das „Hohelied der Liebe“. Es ist eine der bekanntesten Abschnitte der Heiligen Schrift; inhaltlich reich und voll bedeutsamer Lehren.

Was ist Liebe?

Bevor wir uns dem Text des Hoheliedes der Liebe genauer zuwenden, müssen wir zuerst definieren, was mit „Liebe“ hier überhaupt gemeint ist. Das Wort Liebe ist ja heute bekanntlich eines der am meisten mißverstandenen Worte. „Liebe“ oder „Caritas“ bezeichnet im Sprachgebrauch der Heiligen Schrift zuallererst die „Liebe zu Gott“. – Heute wird die Liebe meist mit „lieb sein“ verwechselt, also mit einem netten, gefälligen und freundlichen Auftreten anderen gegenüber. Das ist eine äußerst mangelhafte Vorstellung von der Liebe. In Wirklichkeit heiß jemand lieben, einem anderen Gutes wollen, ihm Gutes wünschen und ihm nach Kräften Gutes tun, um auf diese Weise zu seiner Vervollkommnung beizutragen. Das ist die Definition der Liebe. – Nun stellt sich natürlich im Hinblick auf die Caritas des hl. Paulus gleich die Frage: Wie können wir Gott denn überhaupt noch Gutes wollen oder wünschen? Wie können wir Ihm Gutes tun? Auf welche Weise könnten wir zu Seiner Vervollkommnung beitragen? Gott ist doch der unendlich Vollkommene! Offensichtlich braucht Er von uns kein Gut und keine Hilfe, weil Er doch alles hat und alles kann! – Wir müssen also noch genauer hinschauen und erkennen, worin die Liebe in ihrem Wesenskern besteht. Die Liebe besteht wesentlich in der Vereinigung des Willens der Liebenden. Dasselbe wollen und dasselbe nicht wollen wie der Geliebte. Obwohl wir natürlich Gott strenggenommen nichts Gutes tun und nichts zu Seiner unendlichen Vollkommenheit beitragen können, so bezeigen wir Gott unsere Liebe, indem wir Seinen Willen erfüllen. Wenn wir Gottes Gebote einhalten so vereinigen wir unseren Willen mit dem Seinen. Wir sagen Ihm: „Ich will das, was Du willst, mein Gott! Ich finde es gut, was Du, mein Schöpfer und Herr angeordnet hast. Ich bin mit Dir eines Willens.“ Darin besteht die Caritas, die übernatürliche Gottesliebe.

Daran anknüpfend ruft uns der hl. Paulus an anderer Stelle zu: „Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung“ (1. Thess. 4, 3). Indem wir unsere Seelen retten, indem wir sie heiligen und auch anderen dabei helfen, ihre Seele zu heiligen und zu retten, erfüllen wir den Willen Gottes. Wir tun gewissermaßen Gott damit etwas Gutes und beweisen unsere Liebe zu Ihm. Zur Gottesliebe gehört deshalb alles, was zur Heiligung und Rettung der Seele notwendig ist: die Verteidigung der Ehre Gottes; das Bekenntnis des wahren Glaubens; der Gnadenstand; kurz die Erfüllung aller Seiner Gebote.

Gott ist der erste und unmittelbare Gegenstand der Caritas. Der zweite Gegenstand der Caritas ist der Nächste. Wir sollen unsere Mitmenschen lieben – und das ist entscheidend – um Gottes Willen! Wir müssen den Nächsten lieben um Gottes willen! Man kann bekanntlich andere Menschen auf eine rein natürlich Weise lieben, etwa weil sie so sympathisch sind, weil man sie bewundert, aus Dankbarkeit, oder weil man Mitleid mit ihnen hat. Diese Form der rein natürlichen Nächstenliebe ist uns sehr naheliegend. Es ist aber nur eine rein menschliche Nächstenliebe, so wie sie etwa die Freimaurer predigen und wie sie heute die meisten Menschen verstehen. Sie ist überhaupt nicht übernatürlich. Das soll nicht heißen, daß die rein natürliche Nächstenliebe falsch wäre. Aber man muß doch sagen, daß sie im Hinblick auf die Heiligung und Rettung der Seelen keinen Wert hat. Die rein natürliche Nächstenliebe hat keinen übernatürlichen Wert und deshalb auch kein übernatürliches Verdienst bei Gott. – Die übernatürliche Nächstenliebe hingegen ist für die Ewigkeit verdienstlich. Damit die Nächstenliebe übernatürlich ist, muß sie aus der Gottesliebe hervorgehen. Wir müssen den Nächsten lieben um Gottes willen. Wir müssen alle Menschen lieben, weil Gott sie liebt. Und weil Gott alle Menschen liebt, deshalb erwartet Er von uns, daß auch wir sie lieben. Zur Veranschaulichung denke man an die Liebe des Schwiegersohnes zu seiner Schwiegermutter. Der Schwiegersohn liebt seine Schwiegermutter in der Regel nicht übermäßig. Aber er liebt seine Schwiegermutter um seiner Frau willen. Das Motiv seiner Liebe ist der Gedanke: „Es ist die Mutter meiner Frau. Meine Frau liebt sie. Deshalb will auch ich, daß es meiner Schwiegermutter gut geht. Deshalb helfe ich ihr, wenn sie meiner Hilfe bedarf.“ – Übertragen auf die Nächstenliebe bedeutet das, daß das Motiv für die übernatürliche Nächstenliebe der Gedanke an Gott sein muß. Wir wünschen dem Nächsten Gutes und tun ihm Gutes – und zwar in erster Linie übernatürlich Gutes –, weil Gott ihn liebt, egal wie schrecklich und unmöglich der Nächste uns gegenüber auch sein mag. Gott liebt ihn. Er hat ihn für den Himmel erschaffen. Christus hat die Seele des Nächsten durch Sein Leiden am Kreuz und durch die Vergießung Seines kostbaren Blutes erlöst. So teuer ist Gott die Seele des Nächsten, also muß sie auch mir teuer sein. Soweit die Erklärung, was mit der übernatürlichen Caritas gemeint ist. Erst jetzt können wir verstehen, was uns der hl. Paulus in dem „Hohelied der Liebe“ eigentlich genau sagen will.

Es nützte mir nichts.“

In der Gemeinde von Korinth, an welche der hl. Paulus seinen Brief richtete, war damals die irrige Meinung vorherrschend, als wäre die „Gabe des Zungenredens“ die höchste und vorrangigste aller übernatürlichen Gnaden und Gaben. Dem widerspricht der hl. Paulus, indem er den Korinthern klar macht, daß die übernatürliche Caritas von viel größerer Bedeutung ist als das Zungenreden; daß das Zungenreden eines Tages vielleicht verschwinden werde (vgl. 1. Kor. 13, 8) – und genau so kam es später auch. Die Liebe hingegen ist etwas, das ewig währt.

Der Völkerapostel betont außerdem, daß die Liebe die erste und wichtigste aller Tugenden ist. Denn nichts von alledem, was wir Gutes denken, reden und tun, spielt letztlich für die Heiligung und Rettung unserer Seelen eine Rolle, wenn es nicht aus der übernatürlichen Liebe zu Gott hervorgeht. Wir können unseren ganzen Besitz zur Speisung der Armen austeilen (vgl. 1. Kor. 13, 3). Wir könnten sogar unseren Leib zum Verbrennen hingeben, also unser Leben opfern. Und wenn all unsere guten Werke, ein bergeversetzender Glaube, eine engelgleiche Rednergabe, ja selbst die heldenhaftesten Opfer ohne die Gottesliebe gewirkt wären, so hätten sie keinen Wert für unsere Erlösung. Deshalb der wiederkehrende Zusatz: „Und hätte ich die Liebe nicht, … so nützte es mir nichts“ (1. Kor. 13, 3).

Die übernatürliche Liebe ist deshalb die wichtigste aller Tugenden, weil sie alle anderen Tugenden belebt. Klugheit, Gerechtigkeit, Starkmut, Mäßigkeit, Keuschheit, einfach alle Tugenden müssen von der übernatürlichen Liebe durchformt seien, damit sie Früchte für die Ewigkeit bringen können. Es verhält sich dabei genauso wie mit dem Saft in einem Baum. Der Saft, beispielsweise in einem Apfelbaum, zirkuliert überall; in den Wurzeln, im Stamm, in den Ästen und in den Zweigen. Nur die Teile des Baumes sind lebendig, die vom Saft durchströmt werden. Auch können nur an den Zweigen Äpfel wachsen, die vom Saft des Baumes belebt werden. Genauso können die sittlichen Tugenden für die Ewigkeit nur fruchtbar werden, wenn sie von dem Saft der übernatürlichen Liebe durchdrungen sind. Die übernatürliche Liebe ist die Seele all unserer verdienstlichen Werke. Sie ist wie die Seele, welche einen Leib lebendig macht. Die sittlichen Tugenden allein sind nur wie der Leib. Wenn ihnen die Caritas fehlt, sind sie zwar da, aber für die Ewigkeit wie tot, ein Leichnam, eine entseelte Hülle, ein Zombie. Die Liebe ist der Motor, der alles sittlich Gute auf Gott hin bewegt. Die äußeren tugendhaften Werke sind nur die äußeren Erscheinungsweisen der in ihnen wohnenden übernatürlichen Liebe. Wenn nun also, was Gott verhüten möge, unsere sittlichen Tugenden durch eine Todsünde von der übernatürlichen Liebe losgerissen werden, dann verdorren diese guten Werke wie der Baum, in dem kein Saft mehr fließt. Eine einzige Todsünde tötet die übernatürliche Liebe. Sobald das der Fall ist und noch nicht durch das Bußsakrament wieder geheilt wurde, nützen alle guten, tugendhaften Werke nichts mehr im Hinblick auf den ewigen Lohn. Gott vergilt unsere guten Taten dann nur mit helfenden Gnaden, die uns zur Buße antreiben. Aber sie werden nicht belohnt im Himmel. Wenn wir eine Todsünde begehen, dann behalten wir zwar weiterhin gewisse tugendhafte Eigenschaften. Etwa die Höflichkeit, die freundliche Bescheidenheit, die bereitwillige Hilfsbereitschaft, die Tapferkeit oder die Mäßigkeit. Unsere guten Gewohnheiten gehen mit einer einzigen Todsünde nicht plötzlich alle verloren, genauso wie umgekehrt ja auch unsere schlechten Gewohnheiten, unsere Laster, nicht auf einmal verschwinden, sobald wir ihnen einmal widerstanden haben. Gute Gewohnheiten verschwinden nicht einfach so. Weil ihnen aber die übernatürliche Liebe fehlt, haben die im Stande der Todsünde gewirkten guten Werke keinen verdienstlichen Wert mehr in der Ewigkeit.

Wir sollten aufgrund dieser Ermahnung also nicht naiv sein, indem wir unsere Hoffnung auf das Ewige Leben auf unsere natürlichen Tugenden, Vorzüge und auf unsere guten Gewohnheiten bauen, als ob es, um in den Himmel einzugehen, im großen und ganzen genügen würde, ein guter Mensch zu sein. Wir sollten nicht meinen, allein die Tatsache hilfsbereit und großzügig zu sein – etwa durch Spenden zu caritativen Zwecken oder durch andere tugendhafte Werke – wäre schon hinreichend, um ein Freund Gottes zu sein. Ohne übernatürliche Gottesliebe helfen derlei Dinge nichts. Ein Mitglied der Mafia kann der Kirche noch so viel Geld spenden oder eine noch so schöne Heiligenstatue stiften. Es nützt ihm nichts, wenn er fortfährt, ein Verbrecherleben zu führen. Man kann sich nicht in den Himmel einkaufen, indem man manchmal etwas Gutes für Gott tut. Solche Menschen fahren genauso in die Hölle, wenn sie im Tod nicht mit der wahren Gottesliebe erfüllt sind, welche sie zur Bekehrung und zur Buße antreibt.

Die Wirkweise der Caritas

Die übernatürliche Liebe ist die Königin aller Tugenden. Denn sie läßt den Menschen solche Werke tun, zu denen er von Natur aus keine Neigung in sich verspürt. Wir sind alle von Natur aus nicht dazu geneigt, unseren Feinden zu vergeben. Im Gegenteil! Wir sind auch ganz und gar nicht dazu geneigt, denjenigen Gutes zu tun, die uns Böses zufügt haben. Das Gebot der Feindesliebe, das uns Christus vorschreibt, ist für den erbsündlich geschwächten Menschen sehr, sehr schwer zu erfüllen. Es widerstreitet unserer Natur, die nach gerechter Vergeltung verlangt.

Wie wir sagten, stellt die Liebe eine Einheit mit Gott her. Die Vereinigung der Seele mit Gott hat ihren Bestand in der heiligmachenden Gnade. Die heiligmachende Gnade zielt darauf ab, die menschliche Seele durch die Liebe in Gott umzugestalten. Das meinte der hl. Augustinus, wenn er in seinen Weihnachtensansprachen den absonderlich klingenden Satz aussprach: „Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werde.“ Er meinte damit natürlich nicht, daß der Mensch im eigentlichen Sinne zu Gott wird. Aber die heiligmachende Gnade arbeitet darauf hin, den Menschen umzuformen und ihn Gott ähnlich zu gestalten. – Ein Protestant, der im 19. Jahrhundert in das französische Dörfchen Ars kam, um sich den dortigen Pfarrer persönlich anzuschauen, wurde hinterher gefragt. „Und welchen Eindruck haben Sie von diesem Pfarrer gewonnen?“ Und der Protestant antwortete: „Ich habe Gott in einem Menschen gesehen.“ Das ist es, was die heiligmachende Gnade in jedem von uns zu verwirklichen versucht. Und die allererste Wirkung der heiligmachenden Gnade, womit sie unsere Seele umgestaltet, ist die übernatürliche Tugend der Liebe zu Gott. Die Gottesliebe arbeitet in einer Seele und formt sie um, soweit wir sie nicht durch die Anhänglichkeit geschaffene Dinge und Personen behindern. Wir sehen die Wirktätigkeit der Caritas ganz besonders deutlich im Leben der Heiligen. Etwa an den Heiligen, die, obwohl sie aus wohlhabenden, adligen Geschlechtern stammten, alles für die Armen und Notleidenden aufgeopfert haben. So beispielsweise der hl. Karl Borromäus. Er stammte aus einer der damals reichsten und mächtigsten Familien auf dem Gebiet des heutigen Italien. Er gab seinen ganzen Besitz den Armen und wurde Priester. Und er blieb stets sehr aufmerksam für die Bedürfnisse ins Elend geratener Menschen. Auch dann noch, als er später der Kardinal-Erzbischof von Mailand geworden war. Als Mailand von der Pest heimsucht wurde, floh der weltliche Statthalter. Der Erzbischof, der sich damals außerhalb der Stadt aufhielt, kehrte hingegen in die Stadt zurück und blieb dort unter Lebensgefahr. Er organisierte Maßnahmen zur Bekämpfung der Seuche und zog selbst durch die Straßen, um den Sterbenden persönlich die Letzte Ölung zu spenden. Er war bereit, sein Leben hinzuopfern für das Seelenheil der Sterbenden. Daran wurde die übernatürliche Liebe auf vollkommene Weise sichtbar. Die Gottesliebe gestaltet einen Menschen um in Christus. Christus hat am Kreuz Sein Leben hingegeben zu unserer Erlösung. Und die Gottesliebe arbeitet auch in unserer Seele darauf hin, daß wir dem göttlichen Erlöser in allem gleichförmig werden. Sie tut es unter der Voraussetzung, daß wir sie nicht durch unsere Anhänglichkeit an geschaffene Güter, durch die freiwillige läßliche Sünde behindern oder sie gar durch die Todsünde komplett zerstört. Eine einzige Todsünde löscht die Liebe gänzlich aus. 

Eigenschaften der übernatürlichen Liebe

Der hl. Paulus fährt sodann fort, uns über die Eigenschaften der Liebe zu belehren. Er sagt: „Die Liebe beneidet nicht“ (1. Kor. 13, 4). D.h. der von der Gottesliebe erfüllte Mensch ist nicht auf die Güter, Begabungen und Erfolge eines anderen eifersüchtig. Hingegen freut er sich mit dem Nächsten und für ihn. Die übernatürliche Liebe gibt eine Freude am Glück des anderen, als wäre es das eigene Glück. Die brüderliche Liebe verbindet uns mit unserem Nächsten, so daß wir uns mit ihm freuen über das Gute, das ihm widerfährt; aber auch, daß wir uns mit ihm betrüben, über seine Verluste und Mißerfolge. Bis zum Erscheinen Christi auf Erden und bis zur Predigt der Apostel hat die Welt derlei Dinge nie zu hören bekommen. Die heidnische Welt war getrieben von Ehrgeiz, Stolz und Rachsucht. Die christliche Lehre von der Liebe war für die Heiden wie von einer anderen Welt. Und in der Tat, sie stammt von einer anderen Welt, nämlich aus der übernatürlichen Welt der Gnade. 

Paulus sagt weiter: „Die Liebe handelt nicht prahlerisch“ (ebd.). Das bedeutet, sie stellt ihre Taten nicht zur Schau. „Sie bläht sich nicht auf“ (ebd.). Sie vergrößert ihre Verdienste nicht großsprecherisch und stellt sie nicht in ein besseres Licht. „Sie ist nicht ehrgeizig, nicht selbstsüchtig“ (1. Kor. 13, 5). Sie ist in allem demütig und bescheiden. Die Liebe strebt nicht nach Karriere, Ehre oder Macht. Sie strebt nach dem, was angemessen ist. Also nach dem, was in Übereinstimmung mit den Geboten Gottes steht und nach dem, was dem Gemeinwohl – nicht zuerst dem eigenen Nutzen – dienlich ist. Es ist damit keineswegs gesagt, es werde die Liebe verletzt, wenn jemand etwa eine höhere Position in der Firma, im Geschäft, in der Politik oder sonstwo anstrebt. Es handelt sich dabei um ein ehrenwertes Streben, insofern man für den höheren Posten tatsächlich qualifiziert ist. Wenn jemand die Fähigkeiten besitzt, hat es nichts mit Ehrgeiz zu tun, ein höheres Ziel anzustreben. Der Ehrgeiz im negativen Sinn besteht darin, daß jemand nach Ämtern, Führungspositionen oder Privilegien strebt, obwohl dieselben seine Fähigkeiten übersteigen oder über den eigenen Verdiensten liegen.

Die Liebe läßt sich nicht erbittern“ (ebd.). D.h. sie beschwört nicht Wut und Zorn in der Seele herauf. Die übernatürliche Liebe überwindet den starken natürlichen Drang in uns zurückzuschlagen; jenen wehzutun, die uns verletzt haben. Sobald uns jemand verletzt, spüren wir ganz natürlich, wie die Wut in uns aufsteigt. Die übernatürliche Liebe überwindet dieses natürliche Verlangen nach bitterer und unerbittlicher Rache.

Die Liebe denkt nichts Arges“ (ebd.). Sie geht zunächst immer davon aus, daß der andere in guter Absicht handelt. So kann sie schnell vergeben und vergessen. – Wohlgemerkt! Die übernatürliche Liebe macht uns geneigt dazu! Denn es gibt nun einmal bedauerlicherweise Menschen, die sehr wohl in böser Absicht handeln und uns absichtlich Schaden zufügen wollen. Die Lehre von der Caritas will uns keine naive Traumwelt vorspiegeln, in der es nichts Böses gäbe, vor dem man sich hüten müsse, daß man jedermann naiv vertrauen müsse und alle Fehler mit Unvermögen zu entschuldigen seien. Die wahre Liebe ist klug und sehr realistisch. Aber sie macht uns geneigt, zu vergeben, selbst wenn uns absichtlich Böses zugefügt worden ist. Die Liebe überwindet das Böse durch das Gute. Darin besteht ihre große Schönheit und ihre gewaltige Kraft. Darin tritt ihr göttlicher Ursprung hervor. Daran erkennt man vielleicht am meisten, daß sie eine göttliche Tugend ist. Sie verähnlicht uns mit Christus, der am Kreuz betete: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“ (Lk. 23, 34).

Die Liebe freut sich nicht am Unrecht, sondern hat Freude an der Wahrheit“ (1. Kor. 13, 6). Die Caritas empfindet keine Genugtuung darin, wenn einen Feind ein Unglück trifft, außer er würde dadurch aufhören zu sündigen. Bisweilen ist es gut, daß Sünder krank werden oder sonstwie Schaden erleiden. Insofern sie dadurch gezwungen werden mit dem Sündigen aufzuhören, in sich zu gehen und zu bereuen, freut sich die wahre Liebe darüber. Sie freut sich, weil sie für den Sünder das Beste will. Das Beste ist das ewige Heil. Das ewige Leben kann der Sünder jedoch nur erreichen, wenn er sich bekehrt und Buße tut. Wir dürfen nicht meinen, daß unser Gebet um die Rettung der Sünder etwa bezwecken würde, daß Gott es mit jenen Sündern im Gericht nicht so genau nehmen werde wie mit anderen; oder daß Er bei ihnen eine Ausnahme machen werde und jenen Sündern auch im Stande der Todsünde die Himmelspforten öffnen würde. Nein. Wenn wir um die Rettung der Sünder beten, dann beten wir um ihre Bekehrung. Der Sünder bekehrt sich in der Regel jedoch erst, wenn er erkannt hat, daß sich seine Hoffnungen auf die Genüsse und Lüste dieser Welt als nicht tragfähig erwiesen haben. Das ist sehr schmerzhaft für den Sünder. Aber es ist ein heilsamer Schmerz. Und insofern dieser Schmerz zum Besten des Sünders gereicht, nämlich zu seiner Bekehrung, oder wenigstens dazu, daß er aufhört, weitere Schuld auf sich zu häufen, freut sich die wahre Liebe darüber. – Es ist also besonders wichtig zu begreifen: Jemanden lieben heißt nicht immer einfach nur lieb und nett zu sein. Lieben heißt das Beste für den anderen zu wollen – das übernatürlich Beste – und ihm auch dazu zu verhelfen. Das ist von großer Bedeutung auch für die Eltern. Die wahre Liebe in der Erziehung ihrer Kindern äußert sich darin, daß sie ihre Kinder befähigen, Gott zu lieben, Seinen Willen zu tun, den Versuchungen zu entsagen. Das verlangt, daß sie ihren Kindern eine gewisse Disziplin abverlangen und eventuelles Fehlverhalten in angemessener Weise kritisieren und sanktionieren. 

Die Liebe trägt alles“ (1. Kor. 13, 7). Das bedeutet, sie ist dazu bereit Gott oder dem Nächsten gerne einen Dienst zu erweisen. Insbesondere den Dienst der Geduld mit seinen Schwächen. „Einer trage des andere Last, so werdet ihr das Gesetz Christi [das Gesetz der Liebe] erfüllen“ (Gal. 6, 2). Dazu muß die Liebe tapfer und stark sein. Denn die Fehler und Schwächen des Nächsten zu ertragen, verlangt mehr Stärke als wütend dagegen vorzugehen. Die Caritas befähigt uns dazu, die Fehler anderer zu ertragen ohne darüber zu klagen und ohne sie anderen Personen gegenüber in Gesprächen zu offenbaren. Die Caritas ist sehr diskret was die Fehler anderer Menschen angeht.

Die Liebe glaubt alles“ (ebd.). Das will heißen, daß sie zunächst stets davon ausgeht, daß der Nächste die Wahrheit sagt. Erst dann läßt sie sich zur gegenteiligen Annahme bewegen, wenn es dafür nachvollziehbare Gründe gibt und sich diese Gründe nach erfolgter Nachforschung erhärten. Die Liebe ist also nicht mißtrauisch. – „Sie hofft alles“ (ebd.). D.h. sie hofft vom und für den Nächsten das Beste, auch wenn sie ihn bisweilen straucheln sieht, gibt nie die Hoffnung auf seine Bekehrung auf und hilft ihm aufzustehen. – „Sie duldet alles“ (ebd.). Die Liebe macht den Rücken breit, nimmt alle Ungerechtigkeit, alles Leid und jeden Schmerz geduldig an, um den Sünder auf den Weg zu Gott zurückzuführen. 

Die größte unter ihnen ist die Liebe.“

Nachdem der hl. Paulus die übernatürliche Liebe beschrieben hat, begründet er ihren Vorrang unter den drei göttlichen Tugenden – Glaube, Hoffnung und Liebe. „Die größte unter ihnen ist die Liebe“ (1. Kor. 13, 13). Der Glaube ist die Tugend, wodurch wir für wahr halten, was Gott gesagt hat. Wir nehmen die Offenbarung Gottes an. Wir bejahen die Glaubenslehre, so wie sie uns von der katholischen Kirche vorgelegt und erklärt wird. Die Tugend des Glaubens unterscheidet sich wesentlich von der protestantischen Vorstellung vom Glauben. Für den Protestanten besteht der Glaube in einem Vertrauen auf Gott. Der Protestant vertraut, daß ihn Gott retten wird, weil ihn der Protestant als seinen Erlöser anerkannt hat. Für die Protestanten besteht der Glaube in einem Akt des Vertrauens. Für den Katholiken besteht der Glaube in einem Akt der Zustimmung des Verstandes zu den Wahrheiten, die Gott geoffenbart hat und die durch die katholische Kirche gelehrt werden. Das ist der übernatürliche Glaube. Er ist eine göttliche Tugend, weil er sich auf die Wahrhaftigkeit Gottes ausrichtet. Er hält alles für wahr, was Gott sagt und weil es Gott gesagt hat.

Die Tugend der übernatürliche Hoffnung läßt uns zuversichtlich darauf vertrauen, daß Gott seine gegebenen Versprechen einhalten wird. Wenn wir die Gebote halten, wird uns Gott das ewige Leben schenken. Wenn wir in der heiligmachenden Gnade sterben, wird Gott uns in den Himmel aufnehmen. Darauf richtet sich unsere Hoffnung. Sie liefert uns den Antrieb, das Gute zu tun und im Guten auszuharren, koste es, was es wolle. Auch die Hoffnung ist eine göttliche Tugend, weil sie sich auf die Treue Gottes ausrichtet. Sie erwartet, daß Gott alles einhält, was Er versprochen hat.

Die Caritas ist schließlich die Tugend, wodurch wir Gott lieben und unseren Nächsten um Gottes willen, so wie wir es ausführlich erklärt haben. – Das sind die Definitionen der drei göttlichen Tugenden. Sie sind das Fundament des gesamten geistlichen Lebens. Unter ihnen ragt jedoch die Liebe auf besondere Weise hervor. Denn Glaube und Hoffnung werden aufhören, die Liebe hingegen bleibt ewig. „Die Liebe hört nie auf“ (1. Kor. 13, 8). Wenn wir einst in den Himmel kommen, wird der Glaube nicht mehr notwendig sein, denn dann schauen wir Gott von Angesicht zu Angesicht (vgl. 1 Kor. 13, 12). Deshalb wird der Glaube überflüssig sein. – Und natürlich wird auch die Hoffnung aufhören. Wenn wir Gott einst im Himmel besitzen, dann brauchen wir auf die Gemeinschaft mit Gott nicht mehr zu hoffen. Man kann nicht mehr auf etwas hoffen, was man bereits erhalten hat. Die Hoffnung wird im Himmel enden, weil sie erfüllt sein wird. Allein die Liebe wird ewig bleiben. Denn im Himmel werden wir die gesamte Ewigkeit hindurch im Wesentlichen nichts anderes tun als Gott zu lieben. 

Der Ökumenismus tötet die übernatürliche Liebe

Es ist nach dem hl. Papst Pius X. vielleicht der ungeheuerlichste Irrtum der modernen Zeit, daß die Menschen meinen, es könne eine wahre Liebe geben ohne den wahren Glauben; als könne man Gott lieben, ohne den katholischen Glauben zu haben. Gerade in dieser Wahnvorstellung besteht die ungeheuerliche Transformation der katholischen Religion seit dem 2. Vatikanum. Die Absicht der Modernisten bestand und besteht darin, die katholische Religion in einen dogmenfreien Humanismus umzuformen. Die Glaubenslehre ist in der Konzilskirche sekundär. Primäres Ziel ist es, die Menschen in einer rein innerweltlichen, humanen Nächstenliebe und Solidarität zusammenzuführen und zu einen, egal, was sie glauben. Und genau das ist es, was wir seit 60 Jahren immer deutlicher und immer unverhohlener aus Rom zu hören bekommen. Der Ökumenismus, welchen uns das sog. 2. Vatikanum beschert hat, besagt, daß alle Religionen auf der Suche nach der Wahrheit seien; daß keine Religion sich über die andere erheben dürfe, indem sie für sich in Anspruch nimmt, die Wahrheit zu besitzen; die Wahrheit, zu der sich alle anderen Menschen bekehren müßten. Darin besteht jedoch gerade der Anspruch der katholischen Religion. Deswegen findet sich in den Predigten der Novus-Ordo-Kirche kaum katholische Doktrin, sondern eine weichgespülte, abgedroschene Menschenfreundlichkeit nach dem Motto: „Seid nett zueinander, dann wird alles gut.“ Es sind leere Phrasen, die vielleicht das Gefühl ansprechen, aber nicht den Verstand, weil sie dessen, was die Vernunft anspricht, entbehren – der Wahrheit. Es gibt keine Liebe ohne die Wahrheit! Es ist auch keine Liebe, die Wahrheit zu verschweigen. Im Gegenteil! Denn die Wahrheit des katholischen Glaubens ist die Grundvoraussetzung zur Erlangung dessen, was das Beste für jeden Menschen ist. Und das dem anderen vorzuenthalten, ihn in seinem Irrtum freundlich und nett zu beschwichtigen, ist alles andere, bloß keine Liebe. Die ökumenistische Liebes-Botschaft der Konzilskirche hat also nichts mit der katholischen Religion zu tun. Die katholische Religion ist allein die Religion der Liebe, weil sie die Religion der Wahrheit ist. In der Konzilsideologie ist keine Idee mehr von übernatürlicher Liebe enthalten. Deshalb kann sie die Menschen nicht zur übernatürlichen Liebe führen, aber damit auch nicht in den Himmel.

Ein Frühling für die Gottesliebe

Unsere Fastenzeit muß deshalb um so mehr ein wahrer Frühling, d. h. ein Wachstumsschub für unsere übernatürliche Gottesliebe sein. Die Übung des Fastens ist kein Selbstzweck. Wir fasten in erster Linie, um unsere Gottesliebe zu vermehren; um Hindernisse, welche dem Wachstum der Gottesliebe in unserer Seele entgegenstehen, zu entfernen oder wenigstens zu unterdrücken. Die freiwillige läßliche Sünde behindert die Liebe in ihrer Ausübung. Sie ist wie ein lähmender Kälteschock, der alle Tätigkeiten der Liebe verringert und verlangsamt. Die läßliche Sünde zerstört die übernatürliche Liebe nicht. Die Liebe bleibt in der Seele. Aber die Liebe wird durch die läßliche Sünde blockiert. Die Wirkkraft der Liebe wird verringert. – Die Fastenzeit ist uns deshalb geschenkt, nicht nur um die Todsünde auszuschalten, sondern auch um die läßlichen Sünden zu bekämpfen, um mit schlechten Gewohnheiten zu brechen, damit sich die Gottesliebe in unserer Seele weiter entfalten kann. Das ist der hauptsächliche Zweck der Bußübungen. Und selbst wenn der eine oder andere unter uns nicht mehr durch die Kirche zum Fasten verpflichtet ist, so sollte trotzdem jeder eine gewisse Abtötung auf sich nehmen, um sich von den zur Gewohnheit gewordenen läßlichen Sünden losreißen zu können.

Wenn also jemand sein Gebetsleben vernachlässigt hat, so bemühe er sich aus Liebe zu Gott um Gewissenhaftigkeit im Gebet. Wenn einer unkeusch war, so sei er jetzt keusch. Wenn einer ungeduldig war, so über er sich fortan in Geduld und ertrage die Fehler des anderen. Wenn jemand von Rachsucht getrieben ist, so verzeihe er das erlittene Unrecht, um Gottes willen. Wer getratscht hat, der lerne zu schweigen, aus Liebe zu Gott. Wer herzlos war gegen das Leid des Nächsten, der sei jetzt mitfühlend. Wer überheblich war, der sei fortan demütig. Wer Zwietracht gesät hat, bemühe sich die Eintracht wiederherzustellen. Wer gelogen hat, der rede nur noch wahrhaftig. Alles aus Liebe zu Gott! Und wer Gott beleidigt hat durch Selbstsucht und Eigenliebe, der ehre Ihn nun durch die Caritas. Amen.

Sonntag Sexagesima

Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt.“ (Offb. 3, 15)

Geliebte Gottes!

Der Herr kommt im heutigen Gleichnis vom Sämann auf vier verschiedene Bodenarten zu sprechen, deren unterschiedliche Beschaffenheit einen sehr großen Einfluß auf die jeweilige Fruchtbarkeit hat: Es ist die Rede vom Weg, dem felsigen Grund, von dem mit Unkrautsamen verunreinigten Boden und vom guten Erdreich. Während das „gute Erdreich“ ein Bild für die Seele ist, welche ganz aufgelockert, d.h. losgelöst von sich selbst, empfänglich für Gottes Wille und von der Gottesliebe durchdrungen ist, steht im Gegensatz dazu „der Weg“ als ein Bild für die Seele des Todsünders, der in seiner ungeordneten Eigenliebe ganz verdichtet, verhärtet und unzugänglich für Gottes Gnadenwirken geworden ist. Dazwischen steht sowohl der steinige Boden als auch die mit Unkrautsamen kontaminierte Erde. Beide sind ein Bild für die Seele des lauen Christen. Der laue Christi ist nicht heiß und ist nicht kalt (vgl. Offb. 3, 15). Er entbrennt nicht in selbstloser Gottesliebe, doch ist sein Herz auch noch nicht gänzlich in der Kälte der Todsünde erstarrt. Wie wir am vergangenen Sonntag gesehen haben, besteht die Lauheit ihrem Wesen nach in der Hemmung der Gottesliebe aufgrund einer ungeordneten Anhänglichkeit an geschaffene Güter, welche jedoch nicht so schwer wiegt, daß sie eine Todsünde wäre. Die Anhänglichkeit an geschaffene Güter findet sich im heutigen Gleichnis in dem steinigen Boden und in den Unkrautsamen veranschaulicht. Die dünne Ackerkrume, die dünne Schicht religiösen Wissens und religiöser Praxis einerseits, sowie die ins Kraut schießenden Sorgen, Reichtümer und Genüsse der Welt andererseits halten das Wachstum der Gottesliebe auf Sparflamme und ersticken es leicht.

Als Ursache für die Lauheit im religiösen Leben haben wir vergangenen Sonntag eine Art „geistliche Unterernährung“ ausgemacht. Jedes Leben, auch das übernatürliche Leben der Gottesliebe, braucht Nahrung: Gebet – Lesung – Gewissenserforschung. Wer zu wenig geistliche Kost zu sich nimmt, wird schwach und krank. Lassen Sie uns heute eingehender die Anzeichen der Lauheit ins Auge fassen sowie ihre gefährlichen Folgen, um schließlich noch kurz auf die Mittel zu ihrer Bekämpfung zu sprechen zu kommen. Jeder prüfe sich dabei selbst. Bevor wir die Anzeichen der erkaltenden Gottesliebe nennen, sei vorausgeschickt, daß nicht jedes der genannten Anzeichen für sich allein genommen schon ein eindeutiges Indiz für eine vorliegende Lauheit gelten kann. Es ist eher das Zusammentreffen mehrerer Anzeichen bzw. deren anhaltende Dauer, welche auf die Krankheit der religiösen Trägheit bzw. Lauheit der Gottesliebe hinweisen. Welche Zeichen sind dies nun konkret?

Die Erkä(a)ltung

Für gewöhnlich ist der laue Katholik ziemlich sorglos im Hinblick auf seine Frömmigkeit. Er bemüht sich nicht, um im Gebet Zerstreuungen zu vertreiben. Er strengt sich zu wenig an, die innere Sammlung beim Gebet zu bewahren. Er betet vielleicht, aber sein Gebet ist voll „freiwilliger“ Zerstreuung. Wohlgemerkt! Die Zerstreuung an sich vermindert nicht den Wert des Gebetes – solange die Zerstreuung nicht „freiwillig“ ist! „Freiwillig“ ist die Zerstreuung, wenn sie einfach zugelassen und nicht bekämpft wird. Wenn wir etwa beim Beten plötzlich bemerken, daß nur noch der Mund betet, die Gedanken aber gar nicht bei der Sache sind, und es trotz dieses Bewußtseins weiterhin zulassen, daß die Gedanken umherschweifen, dann ist die Zerstreuung zu einer „freiwilligen“ geworden. – Wenn wir hingegen das Gebet mit guter Absicht beginnen und uns unbeabsichtigter Weise zerstreuen, dann leidet der Wert unseres Gebetes aufgrund der guten Absicht nicht darunter. Wenn wir uns bemühen, sobald wir eine Zerstreuung bemerken, wieder konzentriert weiter zu beten, dann war die Zerstreuung unbeabsichtigt. Alles, was ohne Absicht geschieht, ist keine Sünde. Ein Zeichen des Eifers der wahren Gottesliebe besteht eben aber darin, daß wir uns von der Zerstreuung losreißen, sobald wir das Abschweifen der Gedanken bemerken. Für den lauen Beter hingegen wird das Gebet, und erst recht das betrachtende, innerliche Gebet, mehr und mehr zu einer einzigen, andauernden Zerstreuung.

Ein weiteres sehr deutliches Anzeichen für das Erkalten der Gottesliebe besteht in der Abkürzung der Gebetszeit. Man betet weniger als früher. Oder aber man betet schneller, ja fast schon hastig. Man betet so schnell wie möglich. Warum? Um das Gebet so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, um dann wieder frei zu sein für die „interessanteren Dinge des Lebens“, also für all das, was der Eigenliebe mehr zusagt. Es gab vor dem 2. Vatikanum Priester – und man findet sie auch heute im traditionalistischen Klerus –, die sich anstrengen die hl. Messe so schnell wie möglich zu lesen. Man hat fast den Eindruck, sie wollten die Zelebration der hl. Messe wie eine lästige Pflicht so schnell wie möglich hinter sich bringen. Das war der Grund, warum nach dem Konzil die „Neue Messe Pauls VI.“ so freudige Aufnahme fand. Es geht viel schneller. Man kann die Neue Messe auf 15 Minuten „schaffen“. Und dann ist man frei für viel „aufregendere“ Dinge wie Einkaufen, Leute besuchen, mit den Menschen Gespräche führen, planen, organisieren oder – sich ausruhen. Das sind alles Dinge, die nicht notwendigerweise schlecht und in sich sündhaft wären – aber sie sind eben doch weltlich. Das Problem ist nicht die einzelne Sache, sondern die Anziehungskraft, die sie auf uns ausübt bzw. die übersteigerte Bedeutung, die wir den weltlichen Beschäftigungen auf Kosten der Verehrung Gottes bemessen. So vereinnahmt, wird das persönliche Gebet auch bei Laien immer kürzer und kümmerlicher. Es kommt soweit, daß man alleine so gut wie gar nicht mehr betet, sondern höchstens noch in Gemeinschaft. Also nur noch, wenn andere einen zum Gebet animieren oder anschieben. Für einen lauen Katholiken ist das absolute Minimum an Gottesverehrung die „tägliche Norm“. Das Nachlassen des Gebetseifers ist zweifelsohne ein deutliches Anzeichen der einsetzenden Lauheit.

Ein anderes Merkmal dafür könnte sein, daß jeder religiöse Akt für eine von der Lauheit erfaßte Person eine unerträgliche Last darstellt und deshalb nach jeder sich bietenden Gelegenheit Ausschau gehalten wird, um sich davon zu entschuldigen. – Freilich gibt es berechtigte Entschuldigungen von religiösen Übungen. Notwendige Werke der Nächstenliebe oder die Erfüllung der Standespflichten erlauben, ja gebieten es sogar, das Gebet abzukürzen oder für den Augenblick zu unterbrechen. Eine Mutter kann nicht gleichzeitig beten und ihr weinendes Kind trösten. Insofern Standespflichten oder Werke der Nächstenliebe keinen Aufschub dulden, entschuldigen sie vom Gebet. In diesem Fall haben die Standespflichten Vorrang, weil Gott in diesem Augenblick offensichtlich mehr durch den Dienst am Nächsten verherrlicht werden will, und auch tatsächlich mehr verherrlicht wird als durch das Gebet. Das wäre also eine vollkommen legitime Entschuldigung. – Hingegen liegt keine hinreichende Entschuldigung vor, wann immer man selbst nach einer Ausflucht sucht. D.h. wenn man nach irgendeinen Grund Ausschau hält oder ihn selbst verursacht, um den Werken der Frömmigkeit oder irgendeiner Form geistlicher Betätigung entfliehen zu können. 

Der Krankheitsausbruch

Das Erkalten des religiösen Eifers zeigt sich auch sehr deutlich darin, daß man sich keine Mühe mehr gibt, die eigenen Fehler zu erkennen geschweige denn dieselben zu bekämpfen. Wenn einer, obwohl er selten beichtet, nie weiß, was er eigentlich beichten soll, dann ist das ein Anzeichen dafür, daß er sich seiner Fehler kaum bewußt ist. Und wie sollte er dann auch in der Lage sein, sie hinreichend zu bekämpfen? Nicht zu wissen, was man eigentlich beichten soll, ist eine eindeutiges Indiz für „geistliche Unterernährung“. Es mangelt an der täglichen Ration „Gewissenserforschung“. Deshalb ist das geistliche Immunsystem schwach und baut immer weiter ab. – Wie nun eine übertriebene Diät zum Ausbruch schwerer Krankheiten führen kann, genauso ist es bei der geistlichen Unterernährung. – Welche schweren Krankheiten brechen früher oder später aus? Jene, die durch die dreifache Begierlichkeit grundgelegt sind: durch die Augenlust, die Fleischeslust und die Hoffart des Lebens. Die Augenlust, das ist die Habsucht, die Lust an Besitz und Reichtümern. Die Fleischeslust ist das Verlangen nach sexuellen und/oder kulinarischen Genüsse. Und schließlich die Hoffart des Lebens. Darunter versteht man die Ergötzung am eigenen Ich durch Stolz, Ehrsucht und Ehrgeiz. Sie macht sich bemerkbar im ständigen „sich vergleichen“ mit anderen und in der Sorge, was andere Menschen von meiner Person denken. Das sind die drei Begierlichkeiten, die wie ein Virus in jedem von uns schlummern und nur darauf warten, bis unser geistliches Immunsystem soweit geschwächt ist, daß das Virus zum Ausbruch kommen kann. – Die Fleischeslust findet ihren Nährboden im Anschauen von unsauberen oder grenzwertigen Filmen, Bildern oder sonstigen Medien – ohne sich dabei etwas zu denken. Nicht wirklich harte Pornographie natürlich, aber doch Dinge, die als schmutzig oder seicht zu bezeichnen sind. „Das macht mir nichts aus“, sagen Sie. Selbst wenn es so wäre, Gott macht es schon etwas aus! – Auf diese Weise wird die Seele vereinnahmt von ungeheuerlichen Gedanken sexueller Art oder von gesteigerter Neugier gegen derlei Dinge. Der Widerstand des Willens gegen solche Versuchung ist schwach, erfolgt nur langsam und halbherzig.

Mit der Schwächung des Willens geht aber auch die verhängnisvolle Verdunklung des Verstandes einher. Es geschehen Unklugheiten dergestalt, daß man statt die Gelegenheiten zur Sünde zu fliehen, diese Gelegenheiten leichtsinnigerweise aufsucht. Man wird blind für die Gefahr, welche diese Gelegenheiten bergen. Die Zahl der läßlichen Sünde nimmt in einem alarmierenden Ausmaß mehr und mehr zu. Doch das verursacht bei dem von der Lauheit ergriffenen Menschen nur wenige oder schon gar keine Gewissensbisse mehr. „Es ist ja keine Todsünde“, sagt er sich. Sein Verstand ist bereits derart verblendet, daß er dem Trugschluß aufgesessen ist, als wäre alles was nicht Todsünde ist, gleichzeitig schon erlaubt sei.

Eine verblendete Seele wird in der Regel vom Stolz erfaßt. Wer die eigenen Fehler nicht mehr sieht, ist davon überzeugt, keine nennenswerten Fehler zu haben und im Großen und Ganzen alles richtig zu machen. Man vergleicht sich mit anderen Menschen, die noch nachlässiger, noch weltlicher gesinnt sind, die noch schwerere Fehler haben oder noch gravierendere Sünden begehen. Selbstzufrieden sagt sich der laue Christ: „Diese Todsünde begehe ich nicht wie jener. Ich habe keinen so unerträglichen Charakter. Im Vergleich zu diesem bin ich wirklich ein Unschuldsknabe, ja fast schon ein Heiliger.“ Angesichts der Fehler der anderen gibt die Selbstzufriedenheit mit der Zeit ein Gefühl der sittlichen Überlegenheit, woraus schließlich die Selbstgefälligkeit erwächst. Nicht Gott, sondern sich selbst wohlzugefallen – das ist ausgewachsener Stolz! – Gleichzeitig ergreift aber schon die Sorge von der stolzen Seele Besitz. Sie sorgt sich um äußere Erfolge und um ihr Ansehen bei anderen Menschen. Der Stolze ist innerlich unruhig. Ehrgeiz treibt in ihm um. Ehrsucht, Eifersucht, Neid, Kritiksucht, Besserwisserei, Großtuerei, Zorn und ein kalter, harter Umgang mit anderen Personen prägen sein Verhalten.

Schließlich kommt auch die Habgier in irgendeiner Weise zum Tragen, weil die lau gewordene Seele an weltlichen, materiellen Dingen übermäßiges Interesse zeigt. Auch hier kommt wieder eines der „Naturgesetze“ des geistlichen Lebens zum tragen: Im Menschenherzen kann es kein Vakuum geben. Eine steigende Gleichgültigkeit gegen Gott läßt notwendigerweise das Interesse an materiellen Dingen steigen, d.h. an Geld und an dem was man mit Geld kaufen kann. Ein schwindendes Interesse an Gott und geistlichen Dingen läßt notwendigerweise das Interesse an materiellen Dingen ansteigen, d.h. das Interesse an Geld und an allem, was man für Geld kaufen kann. Eine vom Materialismus erfaßte Person wird vielleicht nicht gleich versuchen, mit ihrem Besitz zu protzen oder anzugeben. Jedoch wird sie andere beeindrucken oder sogar übertrumpfen wollen mit dem, was sie hat, oder mit dem, was sie sich leisten kann. Soviel zu den Anzeichen der Lauheit.

Die schädlichen Folgen

Was sind die schädlichen Folgen der Lauheit? – 1. Gott zieht sich zurück. Gott speit den Gleichgültigen aus, wie er in der „Geheimen Offenbarung“ sagt: „Ich kenne deine Werke. Du bist weder kalt noch warm. Wärest du doch kalt oder warm! So aber, weil du lau bist und weder warm noch kalt, bin ich daran, dich auszuspeien aus meinem Mund“ (Offb. 3, 15 f.).

Die 2. Folge ist das Abstumpfen des Gewissens. Der Laue hat sich die Fertigkeit erworben, d.h. sich das Laster angewöhnt, seine eigenen Sünden zu entschuldigen und sie vor sich mittels Persilschein zu rechtfertigen. – Hier kommt in verhängnisvoller Weise der Sinnspruch zum Tragen, daß man in eigener Sache ein schlechter Richter ist. Wir haben nun einmal alle im allgemeinen die Tendenz dazu, unsere Fehler zu entschuldigen. Freilich gibt es auch Menschen mit einem feinen Gewissen. Aber weil die meisten die Gebote Gottes und die Morallehre der Kirche entweder gar nicht oder nur sehr lückenhaft kennen, ist es die logische Folge, daß ihr Gewissen ungebildet oder gar verbildet ist. Sie haben ein Gewissen, das man ein „laxes Gewissen“ nennt. D.h. sie können gar nicht mehr wahrnehmen, wie schwer ihre Handlungen eigentlich wiegen.

Man unterscheidet bekanntlich drei Arten von Gewissen: Einmal die Fehlbildung des „skrupulösen“, ängstlichen Gewissens. Dieses sieht Sünde dort, wo in Wirklichkeit gar keine Sünde ist. Der Gegensatz dazu besteht im „laxen“, abgestumpften Gewissen. Dieses sieht keine Sünde, obwohl in Wirklichkeit sehr wohl Sündhaftes vorliegt. Zwischen diesen beiden Fehlformen steht das „ausgewogene“, das gebildete Gewissen. Also ein Gewissen, das die Sünde dort sieht, wo sie tatsächlich ist, und keine Sünde sieht, wo auch wirklich keine Sünde vorliegt. Es ist übrigens möglich, daß das Gewissen in einigen sittlichen Fragen skrupulös, also überängstlich ist und gleichzeitig in anderen Bereichen lax und abgestumpft. Das ist der Fall gewesen bei den Pharisäern. Ihnen rief Christus zu: „Ihr siebt die Mücken aus und verschluckt die Kamele“ (Mt. 23, 24). D.h. ihr schreckt vor Unzulänglichkeiten zurück und nehmt es mit geringfügigen Kleinigkeiten übergenau, verübt aber bedenkenlos gravierende Sünden. Auch ein lauer Katholik kann sehr wohl in manchen Dingen übertrieben genau sein. In der Regel wird sein Gewissen im fortschreitenden Krankheitsverlauf, insbesondere auf dem jeweiligen Betätigungsfeld seiner ausufernden Eigenliebe, zu weitmaschig werden und zuviel durchgehen lassen, ohne sich noch anklagend zu melden. Das laxe Gewissen ist ein großer Feind im Kampf um die christliche Vollkommenheit. Ein vom laxen Gewissen geleiteter Christ hat längst das Ideal der Heiligkeit aus dem Blickfeld verloren. Seine Absicht begnügt sich damit, lediglich nicht in die Hölle zu kommen. Das laxe Gewissen zeigt sich außerdem im Sündenbekenntnis. Laue Katholiken gehen meist selten zur Beichte. Vielleicht sogar nur einmal pro Jahr. Denn das ist das Minimum, welches das Kirchengebot unter Todsünde vorschreibt. Und sie rechtfertigen diese Praxis natürlich auch gekonnt mit der Begründung: „Man muß doch nur beichten, wenn man in Todsünde ist. Die Todsünde weise ich ab. Soweit würde ich nie gehen.“ So denken sie sich wenigstens. Wenn sie aber dann vielleicht alle heiligen Zeiten zur hl. Beichte gehen, dann ist ihr Sündenbekenntnis doch auffallend kurz. Das liegt aber nicht etwa daran, daß sie nicht viele Sünden zu beichten hätten. Aber ihr laxes Gewissen erkennt die vielen Sünden, die sie begangen haben, längst nicht mehr.

Die 3. Folge ist die Schwäche des Willens. Wenn man sich in den kleinen Dingen nichts abverlangt, so ist es klar, daß man nicht in der Lage sein wird zu widerstehen, sobald die Versuchungen heftig anstürmen. Die Opferscheu und die Nachlässigkeit in den kleinen, alltäglichen Dingen führen notwendigerweise zu Nachlässigkeiten in großen, bedeutenderen. Kleine Sünden, die nicht bekämpft werden, führen zu größeren. „Wer mit dem Feuer spielt, kommt darin um“ (Spr. 6, 28).

4. Diese Willensschwäche führt zu einem verweltlichten Lebensstil. Wenn im Menschen der Wille nicht über die Leidenschaften herrscht, verselbständigen sich dieselben. Der Laue wird zunehmend von seinen Begierden und Launen getrieben. Die Macht des natürlichen Begehrens und der Neigung zur Bequemlichkeit steigt. Der laue Katholik ist schnell bereit, Zugeständnisse an die Bedürfnisse seine Leibes zu machen, solange es nur keine Todsünde ist. Durch die Opferscheu beraubt sich der laue Christ der guten Anregungen und Einsprechungen des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist wirkt ja den ganzen Tag mittels der helfenden Gnade und durch die sieben Gaben auf unsere Seele ein. Nicht, daß Er uns ins Ohr flüstert, aber Er ist die erste Ursache aller Ideen, die uns anregen, Gutes zu tun und Böses zu meiden, unsere Pflichten zu tun und uns selbst zu überwinden. Auch dem lauen Katholiken kommen diese guten Ideen. Deshalb weiß auch der von der Lauheit erfaßte Christ sehr wohl, was eigentlich zu tun wäre. Jedoch leistet er dem Wirken des Heiligen Geistes durch seine Nachlässigkeit Widerstand. Immer wieder sagt er „Nein“„Das ist zu streng“, oder „Dieses Opfer werde ich später bringen.“ Damit widersetzt sich die laue Seele den Anregungen des Heiligen Geistes. Statt durch die getreue Mitwirkung der Gnade des Heiligen Geistes eine Fertigkeit zu entwickeln, d.h. in einer übernatürlichen Tugend zu wachsen, wird eine Gewohnheit daraus, derlei Anregungen auszuschlagen. Die Folge davon ist verheerend: Die Seele verdichtet sich nach und nach zum Weg. Die Anregungen des Heiligen Geistes werden immer spärlicher. Das zeigt sich auch darin, daß das einzige, was in dieser Lage helfen könnte, nämlich Beschäftigung mit geistlichen Themen, zur Plage wird. Predigten erscheinen langweilig. Die geistliche Lesung als schal. – Freilich: Es gibt langweilige Predigten. Es gibt geistliche Bücher, die sich zäh lesen lassen. Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, daß man derlei Dinge, die durchaus Mühe vom Hörer bzw. Leser verlangen, weil sie die Seele nähren, mit einer Art Unterhaltung verwechselt bzw. den „Genuß“ dabei sucht. Als müsse die geistliche Nahrungsaufnahme stets kurzweilig sein und Spaß machen. Die heiklen „Genießer“ verwechseln den Hauptgang mit der Nachspeise. Sie wollen, wenn überhaupt, nur Dessert essen. Dieses muß klein sein, damit man schnell fertig ist. Es muß so zubereitet sein, daß man nicht mehr zu kauten, d.h. nicht mitdenken braucht. Es darf nicht schwer im Magen liegen, also nicht das Gewissen ritzen. Aber es muß schon süß, nämlich „erbaulich“ sein. Das Wichtigste für den „Genießer“ ist: Es darf nichts kosten – weder Zeit noch geistige oder gar sittliche Anstrengung.

Die Ansteckungsgefahr

Die Lauheit ist im übrigen eine ansteckende Krankheit. Ein lauer Priester erzeugt eine noch nachlässigere Gemeinde. Wir alle kennen die Aufzählung: Heiligmäßiger Priester – eifrige Gemeinde. Eifriger Priester – gewissenhafte Gemeinde; gewissenhafter Priester – laue Gemeinde, lauer Priester – abgefallene Gemeinde. Abgefallener Priester – vertierte Gemeinde. Was man vom Klerus sagt, das gilt auch von Eltern und Einzelpersonen. Die Kinder lauer Eltern werden in der Regel noch gleichgültiger sein als diese. Wenn die Eltern kaum beten oder zur Beichte gehen, woher sollen es dann die Kinder lernen? Zurecht sagt man: Man rettet sich nicht allein. Und man geht auch nicht allein verloren. Man kann nur die Glut der Gottesliebe weitergeben, die man selber hat. Und dabei gibt es wie bei einem Ofen stets einen Wärmeverlust. Der Ofen ist heiß. Er strahlt die Wärme ab in den Raum. Aber die Luft um den Ofen nimmt viel weniger Wärme auf, als sie der Ofen in sich trägt. Jeder von uns muß selbst ein Ofen der Gottesliebe werden, um die anderen in seinem Verwandten- und Bekanntenkreis nach Kräften zu erwärmen. Was ist dazu notwendig zu tun? Welche Mittel gibt es, um der Lauheit vorzubeugen bzw. um sie zu bekämpfen?

Die Heilmittel

Sie wurden eigentlich schon genannt, sollen aber noch einmal kurz aufgezählt werden, weil wir sie gerade in der Vorfasten- und dann erst recht der Fastenzeit zur Anwendung bringen müssen. Als Mittel zur Entfachung der Gottesliebe dienen uns: 1. die häufige Gewissenserforschung und die öftere Beichte. 2. Die Werke der Frömmigkeit: das Gebet, die geistliche Lesung, die Betrachtung, die Vertiefung des Glaubenswissens durch den Katechismus und die wiederholte Weckung der „guten Absicht“, alles für Gott und aus Liebe zu Gott tun und leiden zu wollen. 3. Strenge gegen sich selbst. D.h. der freiwillige Verzicht auf weltliche Einflüsse und auf erlaubte Genüsse, damit unser Wille so gestärkt auch in der Versuchung zum Unerlaubten standhalten kann.

Insbesondere die geistliche Lesung, etwa der „Nachfolge Christ“, der „Philothea“ des hl. Franz von Sales oder vergleichbarer Bücher, sei jedem besonders ans Herz gelegt. Die Lesung geistlicher Schriften hilft sehr, sehr viel, um unser Gewissen in der rechten Weise zu bilden und uns in der Gottesliebe zu erhalten und anzueifern. Sie beinhaltet die tägliche Vitamindosis, die uns an die höchsten Realitäten des Lebens erinnert. Sie nährt unsere Gedanken, macht unsere Seele geneigt zum innerlichen Gebet. Einige geistliche Lehrer gehen soweit zu behaupten, man könne ohne geistliche Lesung gar nicht wirklich betrachtend beten.

Schließlich noch ein letztes Mittel, um den Ackerboden unsere Seele zu entsteinen und das Unkraut niedrig zu halten. Es ist die Pünktlichkeit und Genauigkeit, mit welcher wir die Pflichten unseres jeweiligen Standes verrichten; als Priester, als Eheleute, Kinder, Vorgesetzte, Angestellte, usw. Der hl. Franz von Sales sagt, daß der Weg zur christlichen Vollkommenheit vor allem in der treuen Erfüllung unserer Pflichten besteht. Je mehr wir dabei Gott wohlzugefallen suchen, um so weniger werden wir lau werden. Unsere Seele wird ein fruchtbarer guter Ackerboden für alles, was Gott darauf säen will: ob Glück oder Unglück, ob Freude oder Schmerz, Heiterkeit oder Traurigkeit, Leichtigkeit oder Mühe. Alles wird dann dazu gereichen, Gott „bis zu dreißigfach und sechzigfach und hundertfach“ (Mk. 4, 8) mehr zu lieben, indem wir „Frucht bringen in Geduld“ (Lk. 8, 15). Amen.