Fest Mariä Mutterschaft
Vom Wirken Gottes bei der Berufung Mariens zur Gottesmutter
Geliebte Gottes!
Das Gebet ist die Schule des Glaubens. In den Gebeten zu Maria pflegt die hl. Kirche nach der Anrufung „hl. Maria“ sogleich den Ehrentitel „Mutter Gottes“ bzw. „Gottesgebärerin“ anzuschließen. Sie tut das nicht bloß beim Ave Maria, sondern auch bei der Lauretanischen Litanei und bei allen übrigen offiziellen Litaneien, in denen Maria erwähnt wird. Diesen Ehrentitel stellt die katholische Kirche allen anderen Titeln und Anrufungen voraus, weil in ihm die höchste Würde Mariens und die Quelle aller ihrer übrigen Gnadenvorzüge ausgesprochen ist.
Um den Titel „Theotokos“, also „Gottesgebärerin“, wurde im 5. Jahrhundert eine heftige Auseinandersetzung geführt. Im Kern handelte es sich dabei um keinen Streit über Maria, sondern um einen fundamentalen christologischen Streit über die beiden Naturen in Jesus Christus. Nestorius, der Patriarch von Konstantinopel, lehnte den Begriff „Gottesmutter“ ab, weil eine menschliche Frau seiner Ansicht nach keinen Gott gebären könne. Der Begriff „Gottesmutter“ sei falsch und irreführend. Er trennte die göttliche und menschliche Natur Christi strikt und behauptete: Weil Maria nur die Menschheit Christi geboren habe, unmöglich aber die Gottheit, deshalb sei Maria nur „Christusgebärerin“ zu nennen und dürfe nicht „Gottesgebärerin“ genannt werden. Ihm trat der hl. Cyrill von Alexandrien entgegen, der in Übereinstimmung mit der Lehre der Kirche die untrennbare Einheit der göttlichen und der menschlichen Natur in der Person Jesu Christi verteidigte. Maria hat nicht nur einen Leib geboren, sondern – wie jede Mutter – den Leib einer Person. Nun handelt es sich aber bei der Person jenes Kindes, das Maria in der hl. Weihnacht gebar, um die zweite göttliche Person. Insofern Maria also den Sohn Gottes dem Fleische nach geboren hat, ist sie folglich auch wahrhaft Gottesmutter. Der Streit wurde höchstrichterlich im Jahr 431 auf dem Konzil von Ephesus entschieden. Der Titel „Theotokos“, „Gottesgebärerin“, „Gottesmutter“ wurde offiziell zum Dogma erhoben, um zu bestätigen, daß Maria den menschgewordenen Gott und somit den wahren Gott und wahren Menschen zugleich geboren hat.
Es ist darum recht und billig, daß auch wir diesen herausragenden Vorzug Mariens ganz besonders erwägen. Um einen großen Gewinn für unsere Verehrung und Liebe zu Maria daraus zu schlagen, wollen wir uns zwei Dinge vor Augen führen:
- Wie die Berufung Mariens zur Gottesmutter eines der größten Werke Gottes ist und
- wie die Berufung Mariens zur Gottesmutter eines der vollkommensten Werke Gottes ist.
Eines der gewaltigsten Werke Gottes
Als Gott den ersten Menschen erschuf, ging gleichsam die ganze heiligste Dreifaltigkeit mit sich zu Rate und sprach: „Laßt Uns den Menschen machen nach Unserem Bild und Gleichnis.“ (Gen. 1,26). Und in der Tat ist die Seele das Ebenbild des dreieinigen Gottes. Wie Gott der Herr über allem steht, so wurde der Mensch geschaffen als der König der sichtbaren Welt. Vom ewigen Vater empfing er die Macht des freien Willens, vom wesensgleichen Sohne Verstand und Weisheit und vom Heiligen Geist das Feuer der Liebe, damit der Mensch alle Geschöpfe auf Erden genau in der Weise gebrauche, wie Gott es will, und auf diese Weise nach einer Zeit der Bewährung in liebendem Gehorsam zur ewigen Vereinigung mit seinem Schöpfer gelange, indem das himmlische Ziel erreicht wird, um dort in Ewigkeit die unendlichen Freuden, die der Dreifaltig-Eine genießt, mit Ihm zu teilen.
a) Ein Werk der heiligsten Dreifaltigkeit insgesamt
Wenn aber schon bei der Erschaffung des Menschen alle drei göttlichen Personen zusammengewirkt haben, so trifft das umso mehr auf die Berufung Mariens zu. Alle drei göttlichen Personen wetteiferten gewissermaßen im Wettstreit der Liebe, Maria sich ähnlich zu machen. Der ewige Vater sprach: „Ich nehme Maria an als Tochter; ähnlich wie Ich von Ewigkeit her Meinen geliebten Sohn zeuge. Auf diese Weise trägt sie in vollkommenster Weise Mein Bildnis. Sie soll Mir so gleichsehen, wie es bei einem bloßen Geschöpf nur immer sein kann.“ – Der Sohn Gottes, das ewige Wort, sprach: „Maria soll Meine Mutter werden, und Ich will ihr wahrer Sohn sein. So wundersam, wie Ich aus dem Schoß Meines himmlischen Vaters von Ewigkeit als wesensgleicher Gottessohn hervorgehe, ohne Ihm dabei etwas von Seiner göttlichen Majestät zu nehmen, so wundersam will Ich als wahrer Menschensohn aus dem Schoß Mariens hervortreten, ohne ihr dabei die Unversehrtheit der Jungfräulichkeit zu rauben. Ich will, daß sie Mir vollkommen gleichsieht, so vollkommen, daß jeder, der Mich sieht, auch an Meine Mutter denkt, und daß jeder, der Meine Mutter anblickt, an ihr Meine Züge entdeckt.“ – Der Heilige Geist aber sagte: „Ich wähle Maria zu Meiner Braut. Darum soll sie Mir so ähnlich werden, wie es nur immer möglich ist. Sie soll ganz einer Gesinnung, einer Liebe mit Mir sein. Ich will Mein ganzes Leben mit ihr teilen und sie innerlich ganz erfüllen mit all Meinen Gaben und Gütern. Ich werde ihr eine unermeßliche Fruchtbarkeit verleihen und sie vor jedem Makel und vor jedem Schaden und vor jedem Angriff ihrer Feinde in unverbrüchlicher Treue beschützen.“ – So sprach also der eine Gott: „Laßt Uns Maria bilden nach Unserem Gleichnis!“ Sie soll voll himmlischer Würde sein, ähnlich wie Gott der Vater. Sie soll erfüllt sein mit überirdischer Weisheit, ähnlich wie der Sohn Gottes, „in dem alle Schätze der Weisheit verborgen sind.“ (Kol. 2,3). Sie soll in solch unbegreiflichem Maß von übernatürlicher Liebe durchglüht sein, daß sie ein lebendiges Ebenbild des Heiligen Geistes wird, der die göttliche Liebe selbst ist.
Aber alle diese Auszeichnungen, ihre unvergleichliche Gottähnlichkeit, durch die Maria selbst die Engel übertraf, erhielt sie nur zu einem Zweck: wegen ihrer Würde als Mutter Gottes! Durch diese Würde trat sie in die Verwandtschaft Gottes ein. Wegen dieser Würde mußte die ganze heiligste Dreifaltigkeit Maria so sehr an Sich ziehen; mußte Maria von Ihr über alle anderen Geschöpfe erhoben und vor allen anderen ausgezeichnet werden. So war die Berufung Mariens ein Werk der heiligsten Dreifaltigkeit insgesamt.
b) Ein großes Werk der allerheiligsten Dreifaltigkeit
Aber es war auch ein großes Werk der einen Gottheit. Wenn ein irdischer Architekt ein Haus plant und den Plan dann zur Umsetzung bringt, indem er die Materialien auswählt und die Arbeiter anweist, dann wird er sich bei keinem Schritt Lässigkeit und Schludrigkeit erlauben, weil sein guter Ruf dabei auf dem Spiel steht. Jeder, der sein Bauwerk in Zukunft sieht, wird sagen: „Seht, wie der gebaut hat.“ Entweder wird es heißen: „Welch großartiger Architekt!“ Oder aber: „So ein Pfuscher!“ Die Erfahrung zeigt leider immer wieder, daß dort, wo sein Ruf nicht gerade in Gefahr kommt, auch so mancher große Meister es nicht so genau nimmt, besonders dann nicht, wenn er durch Einsparungen an der Qualität einen größeren Gewinn für sich selbst herausschlagen kann. Ja, immer wieder hört man von Architekten, deren Bauten verpfuscht sind oder in unverhältnismäßig kurzer Zeit beträchtliche Schäden aufweisen, sodaß sie schon nach wenigen Jahren einer Sanierung bedürfen. – Viel sorgfältiger arbeitet ein Architekt jedoch, wenn es darum geht, ein Gebäude nicht für andere, sondern für sich selbst zu bauen. Da sieht er viel aufmerksamer nach. Da greift er sofort ein, wenn die Handwerker seinen Plan mißverstehen. Da setzt er alle seine Fertigkeiten ein, damit alles so gebaut wird, als ob dieses Haus in alle Ewigkeit stehenbleiben sollte. Es wird die beste Lage als Baugrundstück ausgewählt. Alle Materialien müssen höchster oder doch wenigstens hoher Qualität sein: die Steine, der Mörtel, das Holz des Dachstuhls, die Ziegel, die Fenster, Türen und der Putz. Kurz: Der Architekt wendet bei seinem eigenen Haus den allergrößten Fleiß und die allergrößte Sorgfalt an, um etwas einzigartig Schönes, etwas Repräsentables, etwas Bequemes und Dauerhaftes zu schaffen.
Die Werke des Schöpfers lassen sich freilich nicht mit den Werken eines menschlichen Architekten vergleichen. Sie sind alle in jeglicher Hinsicht um ein Vielfaches vollkommener. Gott selbst sah bei der Schöpfung Seine Werke an und fand, daß sie „gut“; ja sogar „sehr gut“ waren (vgl. Gen. 1,25). Trotzdem läßt sich aber auch bei den Werken Gottes ein Unterschied feststellen. So schuf Gott beispielsweise den Himmel. Aber dazu setzte Er nicht Seine ganze Macht ein; Er bot dazu nicht all Seine Kräfte auf. Denn im 8. Psalm heißt es nur: „Ich sehe Deinen Himmel“, und der Sänger fährt fort: „das Werk Deiner Finger.“ (Ps. 8,4). Also bloß die Finger Gottes waren dabei tätig. Gott schuf die Erde. Aber auch dazu gebrauchte Er nicht alle Ihm zur Verfügung stehenden Kräfte. Der Prophet Isaias sagt nämlich: „Mit drei Fingern hebt Er das Gewicht der Erde.“ (Is. 40,12). Gott hat Seine Geschöpfe nicht nur erschaffen. Er erhält sie alle auch im Dasein und ernährt sie alle, wie der 144. Psalm hervorhebt: „Du öffnest Deine Hand und erfüllst alle Wesen mit Segen.“ (Ps. 144,16). Er braucht also, um das alles zu tun, bloß seine Hand zu öffnen. Die Heilige Schrift betont immer wieder, daß es für Gott nichts Schweres war, das alles zu tun und fortwährend zu tun. Was Gott in der genialen Konstruktion des gesamten Kosmos – der ganzen sichtbaren und unsichtbaren Welt – gebaut hat, das hat Er nicht für sich gebaut, sondern für uns. Das ganze Weltengebäude aufzurichten und zu erhalten, kostet Ihn weniger Mühe, als es ein Kind kostet, um ein Kartenhaus oder eine Sandburg zu bauen.
Als Gott aber Maria zur Mutter Gottes erwählte, da baute Er eine Wohnung für sich, wie wir dem Buch der Sprichwörter entnehmen können: „Die Weisheit baut Sich ein Haus.“ (Spr. 9,1), und da wendet Gott die ganze Kraft Seiner göttlichen Allmacht auf, dieses Haus Seiner würdig zu gestalten. Die allerseligste Jungfrau sagte es selber in dem Lobgesang des Magnifikat: „Großes hat an mir getan der Allmächtige, und heilig ist Sein Name. … Gewaltiges hat Er gewirkt mit Seinem Arm.“ (Lk. 1,49.51). Bei diesem Werk gebrauchte Gott also nicht bloß einen Finger, nicht bloß drei Finger, nicht bloß die hohle, stützende und austeilende Hand, sondern hier betätigte Er wirklich ganzen Arm Seiner göttlichen Allmacht, und zwar mit aller Ihm zur Verfügung stehenden Kraft und Gewalt. Maria sollte eben als Mutter Gottes die Wohnung Gottes Selber werden. Sie mußte darum ganz anders ausgerüstet werden als jeder andere Mensch. Und ihre Ähnlichkeit mit Gott sollte unvergleichlich größer werden als die irgendeines anderen Geschöpfes.
Die Berufung Mariens zur Würde der Gottesmutterschaft war also eines der gewaltigsten Werke der allerheiligsten Dreifaltigkeit. An ihr wollte Gott gewaltigere Macht aufbieten als für die ganze Schöpfung zusammen. An der Gottesmutterschaft Mariens wollte Er seine ganze schöpferische Meisterschaft für alle Zeiten sichtbar demonstrieren. Aber die Mutterschaft der allerseligsten Jungfrau war nicht nur eines der gewaltigsten, sondern auch eines der herausragendsten Werke Gottes.
Eines der vollkommensten Werke Gottes
Warum war die Berufung Mariens zur Würde der Gottesmutter ein so herausragendes Werk des Allerhöchsten? Wegen ihrer hohen Stellung und Auserwählung. Der hl. Apostel Paulus zählt im 1. Korintherbrief die verschiedenen Berufungen auf, wozu Gott Seine Geschöpfe, besonders aber die Menschen bestimmt hat. „Einige“, so sagt der Völkerapostel, „machte Er zu Aposteln, andere zu Propheten, wieder andere zu Hirten und Lehrern.“ (1. Kor. 12,28). So hält es Gott auf Erden, aber ganz ähnlich auch im Himmel. Auch in der Welt der reinen Geister sind nicht alle Engel gleich. Gott hat neun Chöre der hl. Engel erschaffen und ihnen jeweils verschiedene Ämter, verschiedene Aufgaben, verschiedene Begabungen und Ränge zugewiesen. Gleiches gilt für die Heiligen des Himmels. Da sind die Apostel, die Patriarchen und Propheten, die Märtyrer, Bekenner und Jungfrauen. Unter ihnen finden sich Greise und Männer und Frauen und Kinder. Da gibt es bekannte und unbekannte, große und kleine Heilige. Aber was sind sie all? Sie alle sind nichts anderes als der Hofstaat Gottes, nichts anderes als Diener des Allerhöchsten. Von den Engeln sagt der hl. Paulus: „Sie sind verwaltende Geister, den Auserwählten zum Dienste gesandt.“ (Heb. 1,14). Andernorts sagt er von den Aposteln, sie seien bestimmt „für die Vollendung der Heiligen zur Ausübung des Dienstes, zur Erbauung des Leibes Christi“ (Eph. 4,12). Dazu bemerkt der hl. Johannes Chrysostomus: „Warum also zürnst du, als ob du eine mindere Gabe erhalten hättest? Tu das Deine zur Vollendung der Heiligen. Hüte dich, zu Fall zu kommen, indem du andere beneidest. Hat ein anderer zur Erbauung der Gläubigen eine größere Gabe empfangen, so bedenke, daß er auch desto mehr arbeiten muß und seine Schuld größer ist, wenn er die Gnadengabe vernachlässigen sollte.“ Nicht jeder ist also von Gott gleich begabt und ausgestattet, weil Gott nicht von jedem dasselbe erwartet. Die Ausstattung, die Begabung eines Geschöpfes entspricht also exakt der Erwartungshaltung, die Gott an das jeweilige Geschöpf stellt.
a) Maria sollte Königin des Himmels sein
Die Patriarchen und Propheten waren die Verkünder des Willens Gottes. Entsprechend wurden sie in vielerlei Prüfungen, Entbehrungen und Leiden zur höchsten Selbstentsagung geführt, damit niemand ernsthaft annehmen konnte, sie sprächen nicht im Namen Gottes, sondern nur in ihrem eigenen; sie verkündeten nicht den Willen des Allerhöchsten, sondern lediglich ihre eigensinnige Auffassung davon. Der hl. Johannes der Täufer war Vorläufer und Herold des Gottmenschen. Die hl. Apostel waren Gottes Gesandte, die mit Seiner Stimme und in Seiner Autorität die himmlischen Geheimnisse verkündeten. Die Evangelisten und inspirierten Verfasser der Heiligen Schrift sind Seine Schreiber und Chronisten. Die hl. Märtyrer sind seine heldenhaften Ritter, die hl. Bekenner seine gehorsamen Diener, die hl. Frauen und Jungfrauen die Edeldamen Seines Hofes. Jeder Heilige des Himmels wurde seiner Berufung entsprechend von Gott ausgestattet und begabt.
Aber wie wenig und gering sind all diese himmlischen Hofämter, wenn wir sie mit Maria vergleichen. Maria ist zur Mutter Gottes berufen. – Sie ist unter allen Heiligen die Königin, wie uns jedes Mal beim Gebet der Lauretanischen Litanei in feierlicher Ausführlichkeit vor Augen gestellt wird. Sie herrscht und regiert an der Seite ihres göttlichen Sohnes, des Christkönigs. Ihr dient der ganze Himmel mit allen seinen Engeln und Heiligen. Maria wird von allen als Herrscherin und Königin nicht nur neidlos, sondern vor allem auch freudig anerkannt! Als zu solch erhabener Königinnenwürde Berufene mußte Maria auch ganz besonders von Gott ausgestattet werden. Der ewige Vater legte darum auf sie die Erhabenheit Seiner ehrwürdigen Majestät. Der Sohn Gottes bereicherte sie mit Seiner königlichen Weisheit. Der Heilige Geist stattete sie aus mit der Würde der höchsten Heiligkeit und Gnadenfülle; einer Gnadenfülle, die, wie es der höchsten Königin würdig ist, vor jedem Hauch eines sittlichen Makels unerschütterlich gefestigt ist.
Aber die Königinnenwürde Mariens ist kein Selbstzweck; sie ist nicht die letzte Quelle aller erhabenen Vorzüge Mariens. Ihre Berufung zur Königin des Himmels fließt selber wiederum aus ihrer Berufung zur Gottesmutter. All ihre überragenden Vorzüge konnten Maria nicht in geringerem Maße verliehen werden, weil Gott es nicht zulassen konnte, daß jene auserwählte Seele, die Gott Selbst empfangen, gebären und ernähren sollte, dieser hohen Bestimmung unwürdig wäre. Mit Recht sagt deshalb der hl. Bonaventura: „Einen größeren Himmel kann Gott erschaffen. Eine größere Erde, eine größere Welt kann Er bilden. Eine größere Mutter aber, als es die Mutter Gottes ist, kann Gott nicht mehr erschaffen.“ (Spec. c. 8). So groß und unendlich die göttliche Allmacht auch ist, hier stößt in gewisser Weise selbst die Allmacht Gottes an ihre Grenze, über die sie nicht mehr hinaus kann. Wohlgemerkt! Die Beschränkung liegt nicht auf Seiten der göttlichen Macht, sondern auf der Seite der Fassungskraft des geschaffenen Seins. In der Gottesmutter Maria sind die Kapazitäten der Vollkommenheit, die das rein geschaffene Sein in sich aufzunehmen in der Lage sind, bis zum Äußersten ausgereizt. Die Vollkommenheit einer geschaffenen Natur, wie die der Gottesmutter, konnte nur noch übertroffen werden durch deren Vereinigung derselben mit der zweiten göttlichen Person im Wunder der Menschwerdung. Wollte Gott also eine größere Mutter erschaffen, so müßte Er erst einen Sohn hervorbringen, der größer ist als Sein Eingeborener. Weil das aber unmöglich ist, so ist es auch unmöglich, daß irgendein anderes bloßes Geschöpf überhaupt gedacht werden kann, das Maria an Würde und Vollkommenheit gleichkomme, geschweige denn sie übertreffen könnte. Maria ist also nicht bloß eines der größten Werke Gottes, sondern auch – nach dem Werke der Menschwerdung des Gottessohnes – das hervorragendste.
b) Maria sollte die Wohnung Gottes sein
Als Mutter Gottes mußte Maria auch die Wohnung Gottes sein – und zwar eine würdige Wohnung. Das will viel heißen! – König David wollte Gott einen Tempel als dauerhafte Wohnstätte errichten, aber er wurde dessen, obwohl er von der Heiligen Schrift stets als bevorzugter Freund und Liebling Gottes und als Muster aller Könige des auserwählten Volkes gelobt wird, nicht für würdig erachtet. Er hatte viele Kriege geführt und war gezwungen, dabei viel Blut zu vergießen. Eines aber durfte David tun! Er durfte die Vorbereitungen zum Bau des Tempels treffen. Er tat es auch, indem er Geld und Baustoffe aufhäufte, so viel er nur konnte. Er selbst sagte zu Salomon, seinem Sohn und Erben: „Ich habe in meiner Armut die Auslagen für das Haus des Herrn vorbereitet, nämlich hunderttausend Talente an Gold und eine Million Talente an Silber. Was ich aber an Erz und Eisen vorbereitet habe, läßt sich gar nicht wägen.“ (1. Chr. 22,14). Also alles in allem ein unvorstellbar großes Vermögen, das David für Gott zur Seite gelegt hatte! Und dabei sagte der König von sich doch, er sei nur ein armer Mann, und all das reiche nicht aus, das geplante Werk auszuführen.
Aber war das nicht eine zu übertriebene Planung? Hätte sich denn mit diesem riesigen Vermögen – ja, sogar mit weniger Geld – ein ganz schöner, prächtiger Tempel erbauen lassen? Das möchte man doch meinen! „Aber nein!“, sagt David, „was ich plane, ist ein großes Werk“, denn „nicht für Menschen wird eine Wohnung gebaut, sondern für Gott.“ (1. Chr. 29,1). Er wollte sagen: „Handelte es sich nur um das Haus eines Königs oder Kaisers, um die Burg oder das Schloß eines weltlichen Fürsten, dann wäre ohne Zweifel schon mehr als genug Geld für einen repräsentativen Bau vorhanden. Aber es handelt sich um die Wohnung des einen Gottes; und dafür ist alles, was ich vorbereitet habe, unzulänglich und armselig.“ Das ist ja derselbe Gedanke, der die christlichen Baumeister antrieb, die Kathedralen und Kirchen und Kapellen so kunstvoll und mit so wertvollen Stoffen wie nur möglich auszustatten – weil es für Gott ist! Und für Gott ist nichts kostbar genug! – Bekanntlich führte der hl. Pfarrer von Ars ein armes und abgetötetes Leben. Er verzichtete nicht nur auf alles, was das Leben angenehm macht, sondern sogar auf das Notwendige, sodaß er für seine Zeitgenossen eine ärmliche Erscheinung bot. Entschieden verweigerte er sich jeder in seinen Augen überflüssigen Annehmlichkeit, sowohl in seinem Pfarrhaus, an seinem kargen Tisch und in seiner ärmlichen Kleidung. Bei der Feier der Heiligen Messe aber und der Ausstattung des Altares schätzte er Pracht und Schönheit. Als der Pfarrer von Ars in die feinen Geschäfte der Seidenhändler und Kirchenausstatter nach Lyon kam, reagierten die Kaufleute mit großem Erstaunen und Bewunderung über den extremen Gegensatz zwischen seinem Aussehen und seinen Ansprüchen. Wenn man ihm normale Meßgewänder oder Kelche zeigte, wies er diese entschieden zurück. Immer wieder hörten ihn die Händler sagen: „Nicht schön genug, es muß noch schöner sein als das!“ So prägten die Verkäufer untereinander den berühmten Satz: „Es gibt da einen kleinen Pfarrer in der Bresse, der ganz jämmerlich aussieht; aber er verlangt das Allerschönste und er bezahlt gut.“ Schließlich kaufte der arm lebende und jämmerlich aussehende Priester nur die prachtvollsten, mit Gold und Edelsteinen bestickten Meßgewänder und die edelsten, kunstvollsten Kelche. Wie schon für König David so galt auch für den hl. Pfarrer von Ars zeitlebens das Prinzip: Für sich selbst das Ärmlichste, aber für Gott und den Altar nur das absolut Beste. Für Gott kann man nicht genug Reichtum und Herrlichkeit und Prachtentfaltung aufwenden.
Und auch in der Heiligen Schrift heißt es nun nirgends, daß Gott David oder seinem Sohn Salomon in irgendeiner Weise Einhalt geboten hätte oder daß Er ihnen hätte sagen lassen, sie sollten den Tempelbau in bescheideneren Grenzen halten und dafür den reichen Überschuß an die Bedürftigen verteilen. Nein, Gott ließ sie alle diese ungeheuren Auslagen machen, ja, Er erfüllte Salomon noch eigens mit dem Geist der Weisheit (vgl. 3. Kön. 5,12) und verlieh auch einigen seiner Baumeister, die mit der Ausführung des prächtigen Tempelbaues betraut wurden, weise Einsicht (vgl. 3. Kön. 7,14), damit alles in der kostbarsten, kunstfertigsten und schönsten Weise umgesetzt werden konnte. Nun gilt aber selbst für die Prachtbauten des salomonischen Tempels in Jerusalem und später für die herrlichen Basiliken und Kathedralen der Christenheit das Wort des hl. Paulus: „Gott wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhänden erbaut sind“ (Apg. 17,24), und selbst König Salomon rief bei der Einweihung des ersten Tempels aus: „Wenn Dich, o Gott, die Himmel der Himmel nicht fassen können, um wie viel weniger dieses Haus, das ich erbaut habe.“ (2. Chr. 6,18).
Wenn aber Gott schon den jüdischen Tempel, worin Er nur verborgen wohnte und der bald zerstört werden sollte, mit solcher Pracht ausstatten ließ, wie wird Er erst Maria geschmückt und ausgezeichnet haben, die Er zu Seiner wahren Wohnung erwählte, die Er sogar dem Leibe nach vom Strafgesetz der Verwesung ausnahm und die Er nach kurzer Zeit mit Leib und Seele in Seinen Himmel aufgenommen hat! Gewiß, Maria war eines der vollkommensten Werke Gottes, weil sie Muttergottes sein sollte und damit berufen war, Wohnort des unfaßbar großen Gottes und das Zelt des Allerhöchsten unter den Menschen zu sein. Deshalb knüpft die Kirche ihr jubelndes Marienlob an das demütige Eingeständnis König Salomons, sein herrlicher Tempel könne den unermeßlichen Gott unmöglich fassen, an, indem sie Maria jubelnd mit den Worten preist: „Denjenigen, den die Himmel nicht zu fassen vermögen, hast du in deinem Schoß getragen.“ – Wenn wir also Maria „Mutter Gottes“ nennen, so sagen wir das Höchste und das Erhabenste, was man überhaupt von einem bloßen Geschöpf sagen kann. Der hl. Bernhardin von Siena sagt: „So groß ist das Lob, das wir Maria erteilen, wenn wir zu ihr ‚Muttergottes‘ sagen, daß sich diese unausdenkliche Würde weder in geschaffenen Wesen, wie in den Engeln und Menschen, noch auch im unerschaffenen Gott findet. Allein zwei Wesen haben Gott zum Sohne, nämlich Gottvater und Maria als Muttergottes.“ (serm. 52).
„Heilige Maria, Mutter Gottes!“
Wenn es aber so ist, wenn Maria eine solche herausragende Gunst bei Gott genießt, dann begreifen wir, warum die hl. Kirche gerade diese Würde im „Ave Maria“ nennt, wo sie ihre innigsten Bitten an Maria richtet. Maria kann als Mutter Gottes eben helfen, wo sonst niemand mehr helfen kann, und an diese Macht will uns die hl. Kirche erinnern. Lernen wir mit der hl. Kirche die staunenswerte Würde Mariens, der Gottesmutter, hochzuschätzen; voll Vertrauen zu ihr flehen und alles Gute von ihrer Fürsprache zu erwarten. Derjenigen, welcher der allmächtige Gott seinen Sohn anvertraut hat, hat damit auch alle Schätze der Gnade in sie hineingelegt. Und wie uns das zweite freudenreiche Rosenkranzgeheimnis lehrt, behält Maria diesen Reichtum der Gnade nicht für sich, sondern sie eilt sogleich hin, um ihren Gnadenschatz großzügig auszuteilen; so wie sie damals über das Gebirge eilte und ihre Base Elisabeth mit heiliger Einsicht erleuchtete und dem ungeborenen Johannes noch im Mutterschoß die Heiligung vermittelte. Und wie oft hat Maria ihre fürbittende Allmacht nicht schon im Laufe der Geschichte, aber auch in jedem Christen- und Menschenleben bewiesen!
Folgen wir daher dem Wunsch der Gottesmutter und dem Rat der Kirche und rufen wir Maria unter ihrer Würde als Gottesmutter im Rosenkranzgebet hundertfünfzigmal oder fünfzigmal am Tag; beim Angelusgebet dreimaldrei Mal; oder wenigstens beim abendlichen Gebet um eine gute Sterbestunde dreimal am Tag mit den Worten an: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes.“ Amen.