Vom Dasein Gottes – Gott hat sich geoffenbart

Geliebte Gottes!

Drei Wege sind es, die uns, wie wir bereits öfters gesagt haben, zur Erkenntnis des einen wahren Gottes führen. Der erste nimmt seinen Ausgang von der äußeren sichtbaren Welt, welche nicht existieren und bestehen könnte, wenn es keinen allmächtigen und allweisen Gott gäbe, der sie erdacht, geschaffen und geordnet hat und sie erhält und regiert.

Der zweite Weg nimmt seinen Ausgang von der inneren Welt der Menschenseele. Es ist die eigene Erfahrung, durch die wir zur Erkenntnis Gottes gelangen. Denn die Tatsache, daß jeder Mensch in seinem Innern die Stimme des Gewissens vernimmt, die ihm befiehlt, was zu tun und was zu lassen ist, kann nur das Werk des heiligsten und gerechtesten Gesetzgebers sein, der dem Menschen ins Herz geschrieben hat: „Tue das Gute! Meide das Böse!“

Diese beiden Wege haben wir auf der Spur verschiedener Gottesbeweise, deren Zahl sich noch hätte vermehren lassen, durchschritten und sind auf mittelbarem, indirektem Weg zu der sicheren, ja, zu der zwingenden Erkenntnis gelangt: „Es gibt einen Gott!“

Es gibt aber noch einen dritten Weg, der uns noch viel weiter in die Erkenntnis Gottes einführt. Dieser Weg besteht in der Tatsache, daß sich Gott nicht nur indirekt und mittelbar aus seinen Geschöpfen zu erkennen gibt, sondern daß Gott wiederholt auch direkt und unmittelbar und auf übernatürliche Weise in die Geschichte der Menschheit eingegriffen hat. Dieses direkte Eingreifen Gottes in die Geschicke der Menschen nennt man „übernatürliche Offenbarung“.

Gehen wir nun also auch diesen dritten Weg gemeinsam. Hierfür ist es nötig, folgende Fragen zu beantworten:

  1. Was versteht man unter dem Begriff „Offenbarung“?
  2. Auf welche Weise hat sich Gott geoffenbart?
  3. War die übernatürliche Offenbarung Gottes notwendig?

Begriff und Einteilung

Was versteht man unter „Offenbarung“? – Die deutsche Wortbedeutung ist zum Verständnis schon einmal sehr hilfreich: „offen-baren“. Wenn wir vor einer verschlossenen Tür stehen, wissen wir nicht, was sich dahinter verbirgt; ein Gang? Ein Raum? Eine Treppe? Ein gähnender Abgrund oder eine andere Gefahr? Oder vielleicht ein Schatz? Wenn einer diese verschlossene Tür aufschließt und sie uns öffnet, so können wir durch die Öffnung in den anderen Raum hineinschauen. Dann wurde die Tür offen gemacht. Dabei wurde uns offenbart, was bislang dahinter verborgen war. – Dieselbe Aussage hat auch das lateinische Wort für „offenbaren“. Es lautet „revelare“ und bedeutet wörtlich übersetzt „die Hülle zurückziehen“, „die Hülle wegnehmen“, „enthüllen“.

Eine Offenbarung ist also die Enthüllung einer bislang verborgenen, geheimen Sache, die nach ihrer äußeren Kundgabe den Anderen, die zuvor nichts davon wußten, bekanntgemacht worden ist.

a) natürliche Offenbarung

Es gibt nun verschiedene Arten der Offenbarung. – Wenn wir beispielsweise im frischgefallenen Schnee die Spuren, die Fußstapfen eines menschlichen Fußes, sehen, so kommen wir sofort auf den Gedanken: „Da ist ein Mensch gegangen.“ Bei näherer Betrachtung finden wir auch, ob er große oder kleine Schritte gemacht hat, ferner aus welcher Richtung er gekommen und in welche Richtung er gewandert ist. An der Größe der Fußstapfen sehen wir, ob es ein Kind oder ein Erwachsener gewesen ist. Geübte Fährtenleser können aus den Fußspuren, die ein Wanderer im Staub des Weges zurückläßt, auch mit ziemlicher Sicherheit erkennen, ob der Wanderer schnell oder langsam gegangen ist; ob er ermüdet war oder nicht; ob er eine Last trug oder nicht; ob er verletzt war oder nicht. Gewiß, aus der Fußspur eines Menschen läßt sich so manches erkennen über den, der sie hinterlassen hat. Manches, aber doch bei weitem nicht alles! Oder kann man etwa aus den Fußspuren auch den Namen, die Schicksale oder die Absichten des Wanderers herauslesen? Unmöglich!

Wie wäre es aber, wenn wir den Wanderer unterwegs einholten und er unser Reisegefährte würde? Dann könnte er uns vieles erzählen, was in seinen Fußspuren nicht zu finden war: seinen Namen, von seiner Heimat, seiner Familie, von seinen Erlebnissen und Erfahrungen, von seinen Schicksalen, von der Länge, dem Anfang, dem Ende und dem Zweck seiner Reise. Sein Wort würde uns besser aufklären als der Anblick seiner Fußstapfen. Die Spuren im Schnee sind nur eine indirekte und mittelbare Offenbarung des Wanderers, aus der wir zwar einiges erschließen können; vieles, ja das meiste von seiner Persönlichkeit bleibt uns dabei verborgen. Die Äußerungen des Wanderers in einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht hingegen brächten uns eine unvergleichlich größere Erkenntnis über seine Person und seine Geschichte. Was der Wanderer uns dabei von sich erzählt, wäre eine direkte, unmittelbare Offenbarung.

Die Anwendung auf Gott fällt von hier aus nicht mehr schwer. – Im theologischen Sinne ist die Offenbarung die Kundgabe und Mitteilung Gottes an den Menschen. Sowohl die äußere, sichtbare Welt als auch die geistige Welt, im Innern der Menschenseele, tragen im Ganzen wie in all ihren Teilen die Spuren der allmächtigen, allwissenden und gütigen Hand Gottes an sich. Die Schöpfung selbst ist also schon eine erste Offenbarung Gottes. Die ganze geschaffene Natur entstammt der Schöpferhand Gottes und spiegelt daher die Vollkommenheiten Gottes bis zu einem bestimmten Grad wider. Die äußere Welt und die innere Stimme des Gewissens werden deshalb auch die „natürliche Offenbarung“ Gottes genannt.

b) übernatürliche Offenbarung

Doch Gott hat uns nicht bloß Seine Werke vor Augen gestellt, aus denen wir Ihn erkennen können. Er hat viel mehr getan. Er hat auch selbst zu den Menschen geredet. Und in Seinem Wort hat Er uns den deutlichsten und vollständigsten Aufschluß über Sich selbst gegeben. Weil Gott einer höheren Seinsordnung angehört als die geschaffene Welt und sein unmittelbares Sprechen zu den Menschen nicht einfach nur zu der natürlichen Offenbarung hinzukommt, sie ergänzt und vollendet, sondern auch auf außerordentliche und übernatürliche Weise erfolgt, wird die unmittelbare Offenbarung Gottes an den Menschen auch „übernatürliche Offenbarung“ genannt.

Diese „übernatürliche Offenbarung“ meinen wir, wenn wir im Folgenden von der Selbstmitteilung Gottes in der Geschichte der Menschheit sprechen.

Die Art und Weise der göttlichen Offenbarung

Der hl. Apostel Paulus schreibt im Hebräerbrief: „Mehrmals und auf vielerlei Weise hat Gott zu den Vätern geredet.“ (Heb. 1,1). Das war im Alten Testament. „Zuletzt hat Er in diesen Tagen zu uns geredet durch Seinen Sohn.“ (1,2). Das war im Neuen Bund. Es gibt also eine alttestamentliche und eine neutestamentliche Offenbarung Gottes.

a) Die Tatsache der Offenbarung

„Mehrmals und auf vielerlei Weise hat Gott zu den Vätern geredet.“ Gott sprach nach dem Sündenfall zu den Stammeltern und gab ihnen die Verheißung eines kommenden Welterlösers, der den vorläufigen Sieg Satans zunichte machen wird. Gott sprach zu Noe und sandte ihn vor der Sintflut zu seinen Zeitgenossen. Zu Abraham kam Gott in der sichtbaren Gestalt dreier Engel. Zu Moses sprach Gott im brennenden Dornbusch. Zu den Israeliten am Berg Sinai bei der Gesetzgebung unter Blitz und Donner. In einer Wolkensäule, die tagsüber dunkel war und nachts leuchtete, begleitete Gott die Hebräer bei ihrem Zug aus Ägypten durch die Wüste ins gelobte Land. Ferner offenbarte Gott Seine besondere Gegenwart im Bundeszelt und später im Tempel von Jerusalem durch die Rauchwolke, die sich über dem Bundeszelt niederließ bzw. die den Tempel bei seiner Einweihung erfüllte. Und Gott sprach zu der langen, langen Reihe der Propheten. Dabei hat Er auch über Sich selbst gesprochen und dabei gegenüber den Israeliten in Abgrenzung zum Heidentum besonders betont, sowohl daß Er der wahre als auch daß Er der einzige Gott ist. „Höre, Israel, der Herr, dein Gott, ist nur einer.“ „So seht nun, daß Ich allein es bin und daß kein anderer Gott ist außer Mir.“ (Deut. 32,39), so sprach Gott zu Moses. Und später sagte Er zu Isaias: „Ich bin der Erste und Ich bin der Letzte, und außer Mir ist kein Gott.“ (Is. 44,6).

Man kann sagen, daß die Kenntnis, welche das israelitische Bundesvolk von Gott hatte, sich zu der Erkenntnis der heidnischen Philosophen so verhielt wie das Licht zum Schatten; wie das Sonnenlicht zum Mondlicht. Auch im Mondschein kann man eine Landschaft in ihren Umrissen sehen, aber wieviel deutlicher wird der Anblick, wenn die Flut des Sonnenlichtes sich über die ganze Landschaft ergießt und dabei nicht nur die Konturen und Formen sichtbar werden, sondern die Dinge in den vielfältigsten Farben schillern? Schon durch die alttestamentliche Offenbarung wurde den Menschen Mitteilung gemacht, nicht nur über die Existenz Gottes, sondern auch über die Eigenschaften und Ratschlüsse Gottes, über den Willen Gottes und über die Bestimmung des Menschen.

Das Licht der Gotteserkenntnis wurde aber noch heller im Neuen Bund. Als der Sohn Gottes Selber auf die Erde kam, um uns genaueste Nachricht über Gott zu geben, da stieg die Sonne der Gotteserkenntnis in den Zenit empor. So schreibt der hl. Apostel Johannes im Prolog seines Evangeliums: „Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene aber, der im Schoß des Vaters ist, Er hat uns Kunde gebracht.“ (Joh. 1,18). Christus hat die Offenbarung des Alten Bundes bestätigt und erweitert, insbesondere indem Er uns Geheimnisse über das göttliche Wesen bekannt gemacht hat, die der menschliche Geist weder erkunden, noch erforschen, noch verstehen, ja, sich nicht einmal ausdenken kann. Er brachte uns Kunde von den drei hl. Personen in der einen Gottheit: dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Von dem Ratschluß Seiner Barmherzigkeit. Von dem himmlischen Vaterland. Von der ewigen Vergeltung. Christus ist der „getreue Zeuge“ (Offb. 1,5) und ist deshalb in die Welt gekommen, um, wie Er vor Pilatus sagte, „von der Wahrheit Zeugnis zu geben“. (Joh. 18,37). Was der Heiland redete, das sagte Er genau so, wie es Ihm der Vater gesagt hat (vgl. Joh. 12,50). Weil Jesus Christus als der eingeborene Sohn Gottes im Schoß des ewigen Vaters IST, daher konnte Er wie kein anderer das Wesen Gottes sehen und erfassen und begreifen. Und folglich konnte kein anderer als Er getreuer und deutlicher über die Geheimnisse reden, welche „von ewigen Zeiten verborgen waren in Gott“. (Eph. 3,9).

Schließlich waren auch die Apostel Organe der göttlichen Offenbarung – gleichsam das Nachglühen der Christussonne –, wobei ihre Aufgabe vor allem darin bestand, Zeugen Jesu Christi zu sein, die Offenbarung Seines Evangeliums bis an die Grenzen der Erde zu tragen und erleuchtet vom Heiligen Geist die Lehre Jesu allen Völkern zu verkünden. Mit dem Tod des letzten Apostels ist die übernatürliche Offenbarung Gottes an die gesamte Menschheit, die zur Gründung der wahren Religion notwendig war, zum Abschluß gekommen.

Spätere Offenbarungen Gottes an einzelne Seelen, die sog. „Privatoffenbarungen“, sind keine Fortsetzung der göttlichen Offenbarung mehr, auf der unser Glaube beruht.

b) Formen der Offenbarung

Die angeführten Beispiele aus der Offenbarungsgeschichte zeigen uns, daß sich der offenbarende Gott in verschiedener Weise an die Anlagen und Verhältnisse des menschlichen Geistes wendet. Die Offenbarung tritt an den Menschen äußerlich heran; durch sinnenhafte Erscheinungen (etwa von Engeln oder im brennenden Dornbusch), durch vernehmbare Worte, aber auch rein innerlich; durch innere Bilder, wie Visionen und Träume, durch Einsprechungen oder durch die Inspiration der hl. Schriftsteller bei der Abfassung der Bücher der Heiligen Schrift. Die Propheten flehen Gott um Antwort an. Sie hören Gott in sich reden. Deshalb führten sie ständig die Formel im Munde: „So spricht Gott, der Herr!“ Sie fühlen die Einwirkung Gottes auf ihren Geist. Dabei kann Gott den Geist des Propheten so weit erheben, daß Er in ihn höhere, meist unaussprechliche Erkenntnisse einstrahlen oder ihn die Geheimnisse der göttlichen Vorsehung schauen läßt, womit oft eine Verzückung, eine Ekstase, verbunden ist.

c) Kriterien der Offenbarung

Was aber macht uns so sicher, daß es sich bei alledem tatsächlich um göttliche Offenbarungen handelt und nicht bloß um die Ranken mythischer Sagen und Legenden? Nicht bloß um das Gespinst einer allzu lebhaften Phantasie oder eines überhitzten Gemüts? Nicht bloß um das Erzeugnis eines krankhaften, vielleicht sogar böswillig-betrügerischen Geistes? Oder gar um das Blendwerk dämonischer Einflüsse? Gibt es also Kriterien, an denen die göttliche Offenbarung von all dem Genannten unterschieden werden kann? Ja, die gibt es! Hier sind vor allem die Wunderzeichen zu nennen.

Ein Wunder ist ein außergewöhnlicher, objektiv feststellbarer Vorgang, der von den Gesetzen der geschaffenen Natur abweicht und allein von Gott gewirkt werden kann. Als Wunder im strikten Sinn versteht man solche Zeichen, die allein Gott wirken kann und die ohne Mitwirkung einer geschaffenen Zweitursache vonstattengehen. – Die deutlichsten Wunder sind jene Wirkungen, welche die Natur unter gar keinen Umständen hervorbringen kann; kein Mensch, kein Engel, kein Dämon. Dazu zählen beispielsweise die Verklärung des Leibes, das Sehen mit einem zerstörten Auge, das Kreisen oder die Rückwärtsbewegung der Sonne, das Brennen des Dornbuschs, ohne daß er verbrennt, das Leben eines gekreuzigten Menschen mit einem von einer Lanze durchbohrten Herzen. All das sind „Wunder ersten Grades“. – „Wunder zweiten Grades“ sind solche, welche eine Wirkung hervorbringen, welche die Natur an und für sich hervorzubringen vermag, aber nicht in diesem konkreten Subjekt. Zu dieser Kategorie gehören die Wunder der Totenerweckung oder die Heilung eines Blinden. Im Allgemeinen vermag die Natur ja Leben hervorzubringen, aber nicht in einem Toten. Im Allgemeinen kann das Auge sehen, aber nicht das Auge eines Blinden. – Als Wunder dritten Grades werden schließlich jene Wirkungen bezeichnet, welche die Natur durchaus hervorbringen kann, aber nicht auf diese Art und Weise. So vermag die Natur sehr wohl Wein hervorzubringen, aber unmöglich auf die Art und Weise, wie Jesus auf der Hochzeit zu Kana das Wasser durch einen bloßen Akt Seines Willens in Wein verwandelte. Genauso vermehrt sich in der Natur das Getreide, damit die Menschen daraus immer und immer wieder ihr tägliches Brot zubereiten können. Aber die Natur vermag es niemals, das Brot zu vermehren, während es an die Menschen ausgeteilt wird, wie wir es soeben im Evangelium gehört haben.

Die Wunderzeichen sind das unverkennbare Siegel Gottes. Und wie das Siegel die Echtheit einer Urkunde bestätigt, so bestätigen die Wunder die Wahrhaftigkeit der Lehre. Die Wunder sind also die beglaubigende Unterschrift Gottes, die Seinen Gesandten und Sein Wort und Seine Offenbarung glaubwürdig machen vor den Menschen und vor der ganzen Welt. So erklärt der hl. Thomas von Aquin in seinem Kommentar zum Johannesevangelium: „Man muß jedoch wissen, daß jedes vollbrachte Wunder eine Art Zeugnis darstellt. Daher geschieht ein Wunder bisweilen als Zeugnis für die verkündete Wahrheit, bisweilen als Zeugnis für die Person, die es vollbringt. Es ist jedoch zu beachten, daß kein wahres Wunder anders als durch göttliche Kraft vollbracht wird und daß Gott niemals Zeuge einer Lüge ist. Ich sage daher: Wenn ein Wunder als Zeugnis für eine verkündete Lehre geschieht, so muß diese Lehre wahr sein, selbst wenn der Verkündende selber nicht gut ist. Geschieht es hingegen als Zeugnis für eine Person, so muß auch diese Person gut sein.“ (in Joh. 9, lect. 3).

Daran knüpfte der Heiland an, wenn Er Seinen Gegnern, die nicht an Seine Gottheit glauben wollen, Vorhaltungen machte: „Die [Wunder-]Werke, welche der Vater Mir übertragen hat, daß Ich sie vollbringe; eben diese Werke, welche Ich tue, geben Zeugnis von Mir, daß Mich der Vater gesandt hat.“ (Joh. 5,31.36). Und der hl. Johannes schließt sein Evangelium mit der Erklärung: „Noch viele andere [Wunder-]Zeichen hat Jesus vor den Augen Seiner Jünger getan, welche nicht in diesem Buche geschrieben sind; diese aber sind geschrieben“, Wozu? „damit ihr glaubt, daß Jesus Christus ist, der Sohn Gottes.“ (Joh. 20,30).

Und so lehrt auch das erste und bisher einzige Vatikanische Konzil: „Damit nichtsdestoweniger der Gehorsam unseres Glaubens mit der Vernunft übereinstimmend sei, wollte Gott, daß mit den inneren Hilfen des Heiligen Geistes äußere Beweise Seiner Offenbarung verbunden werden, nämlich göttliche Taten und vor allem Wunder und Weissagungen, die, da sie Gottes Allmacht und unendliches Wissen klar und deutlich zeigen, ganz sichere und dem Erkenntnisvermögen aller angepaßte Zeichen der göttlichen Offenbarung sind. Deshalb haben sowohl Moses und die Propheten als auch vor allem Christus, der Herr, selbst viele und ganz offensichtliche Wunder und Weissagungen getan; und von den Aposteln lesen wir: ‚Jene aber brachen auf und predigten überall; der Herr wirkte mit ihnen und bestätigte ihre Rede durch nachfolgende Wunderzeichen.‘ [Mk. 16,20]“ (DH 3009).

Gewiß muß eingeräumt werden, daß die Menschen, welche in den nachchristlichen Jahrhunderten lebten und bis heute leben, keine unmittelbaren Zeugen dieser Wunder Jesu und der Apostel sein konnten. Ferner auch, daß die Wunder, wenngleich sie in der Kirche nie ganz aufgehört haben, von Gott in den ersten Jahrhunderten ihrer Gründung doch häufiger und staunenswerter waren als später. Wunder sind heute vergleichsweise selten. Das hat verschiedene Gründe. Der Hauptgrund besteht in der Tatsache, daß die fortdauernde Existenz der römisch-katholischen Kirche selbst zu den größten Wundern zählt und gewissermaßen die wundersame Ausbreitung und das wunderbare Überdauern der Kirche, das ohne das Wirken Gottes völlig unerklärlich wäre, an die Stelle der auffälligen Wunderzeichen zur Zeit der Apostel getreten ist.

In der „Summa contra gentes“ (I, 6) macht der hl. Thomas von Aquin darauf aufmerksam, wie wunderbar es doch ist, daß die Apostel – einfältige Fischer und theologische Laien – erfüllt von der Gabe des Heiligen Geistes augenblicklich höchste Weisheit und Beredsamkeit erlangten und sich ihnen durch die folgenden Jahrhunderte nicht nur Einfältige, sondern die weisesten Menschen angeschlossen haben, ganz ohne Waffengewalt und nicht durch Verheißung von Genüssen getrieben. Ja, was noch wunderbarer ist: Unter der Tyrannei blutiger Verfolgungen wurden die Anhänger der katholischen Kirche nicht geringer, sondern immer mehr. Und das, obwohl von dieser Kirche Dinge gepredigt und eingefordert werden, die über jeden menschlichen Verstand hinausgehen, in denen die fleischliche Lust in Schranken gehalten und alles zu verachten gelehrt wird, was in der Welt als begehrenswert und erstrebenswert gilt. Der Aquinate stellt schließlich fest: „Daß die Herzen von Sterblichen dem beistimmen, ist das größte der Wunder und ein offenkundiges Werk der göttlichen Inspiration. … Diese so wunderbare Bekehrung der Welt zum christlichen Glauben ist aber die sicherste Bestätigung für die vorausgegangenen Wunderzeichen, so daß es nicht notwendig ist, sie fernerhin zu wiederholen, da sie [die Wunderzeichen] in ihrer Wirkung sichtbar [in Gestalt der katholischen Kirche] vor Augen stehen. Es wäre nämlich wunderbarer als alle Zeichen, wenn die Welt von einfältigen Menschen niederer Herkunft ohne wunderbare Zeichen dahin geführt worden wäre, so Unzugängliches zu glauben, so Schwieriges zu tun und so Hohes zu hoffen.“ (ebd.).

Der hl. Thomas sagt also hier zu denen, welche die Echtheit der Wunder in der katholischen Kirche anzweifeln: Nehmen wir einmal an, die Apostel und die Heiligen nach ihnen hätten tatsächlich keine echten Wunderzeichen im Namen Gottes gewirkt. Alles Wunderbare, was man aufgeschrieben hat und bis heute erzählt, wären bloß erfundene Erzählungen und Legenden. Was wäre dann? Ja, dann hätten wir, so sagt der Aquinate, ein noch viel größeres Wunder! Dann wäre es zwölf ungebildeten Fischern aus Galiläa ohne alle menschlichen Machtmittel, mit einer Glaubenslehre, welche die menschliche Vorstellungskraft übersteigt, mit einer Morallehre, welche höchste sittliche Anstrengungen abverlangt, das Heidentum in einem riesigen und mächtigen Weltreich, das von Spanien bis in den Nahen Osten und von England bis Nordafrika reicht, binnen weniger Jahrhunderte in die Knie zu zwingen und zum Christentum zu bekehren. Es wäre ein noch viel größeres Wunder, wenn eine dem Christentum durch und durch feindselige, heidnische Gesellschaft ohne auch nur ein einziges göttliches Wunderzeichen in eine christliche Gesellschaft umgewandelt worden wäre.

Sodann verweist der hl. Thomas auf die Ausbreitung anderer Religionen. Alle falschen Religionen und Irrlehrer sind den dem Christentum entgegengesetzten Weg gegangen. Mohammed hat die Völker verlockt durch Versprechung fleischlicher Genüsse, zu deren Verlangen die sinnliche Begierde im Menschen ohnehin anstachelt. Er hat Gebote gegeben, denen fleischliche Menschen leicht gehorchen können. Auch Beweise wie übernatürliche Wunderzeichen für die Wahrheit seiner Lehre hat er nie erbracht. Einzig die „Beweise von Feuer und Schwert“! Diese Zeichen fehlen aber weder den Räubern noch den Tyrannen. Auch haben sich ihm anfänglich auch keine gottesfürchtigen, weisen Menschen angeschlossen, sondern brutale Barbaren; tierische Menschen, die jeder göttlichen Lehre durchaus unkundig sind. Keine göttlichen Weissagungen und vorausgehenden Propheten legen für Mohammed und die Lehren des Islam Zeugnis ab.

In welchem Kontrast steht dazu die wundersame Ausbreitung und Fortdauer der katholischen Kirche, das größte und am leichtesten greifbare Wunderzeichen, welches die Tatsache der göttlichen Offenbarung bestätigt!

Die Notwendigkeit der göttlichen Offenbarung

War die übernatürliche Offenbarung Gottes notwendig, damit der Mensch zur Erkenntnis Gottes gelangen kann? – Die Antwort fällt unterschiedlich aus, je nach der Verfassung des Menschengeschlechtes.

Vor dem Sündenfall nämlich wäre es dem Menschen leicht möglich gewesen, sowohl Gott zu erkennen als auch das Naturgesetz zu erfüllen. Nach der Sünde aber traten Verhältnisse ein, die beides für den Menschen sehr schwer werden ließen. Vor dem Sündenfall wäre eine direkte und übernatürliche Offenbarung Gottes zur Erlangung der Gotteserkenntnis nicht notwendig gewesen.

Nach dem Sündenfall aber ist sie wenigstens moralisch notwendig geworden. D. h. prinzipiell wäre der Mensch auch nach dem Fall in die Sünde durchaus fähig, aus der äußeren Welt und aus der inneren Stimme des Gewissens auf das Dasein Gottes zu schließen. Aber nur wenigen würde es tatsächlich gelingen.

Der hl. Thomas zählt die Gründe dafür auf (vgl. S.c.G. I, 4): Einige sind intellektuell zu schwach veranlagt, als daß sie zu solchen Gedankengängen und Schlüssen selbständig in der Lage wären. Andere wiederum werden durch die Erfordernisse des Lebensunterhalts, der Arbeit und der Familienpflichten derart in Anspruch genommen, daß sie keine Muße für solche Überlegungen finden, selbst wenn sie daran Interesse hätten. Wieder andere werden durch ihre Faulheit daran gehindert. Ferner würden diejenigen, welche tatsächlich die Zeit und die Muße und den Fleiß für die Suche nach einem Beweis aufbringen, der ihnen die Frage nach der Existenz Gottes zwingend beantwortet, wenn überhaupt, so doch erst nach langer Zeit zu einem solchen gelangen. Und schließlich würden dem Ergebnis dieser Bemühungen, aufgrund der Gebrechlichkeit unseres Verstandes im Urteilen, zumeist Irrtümer beigemengt sein. Deshalb würde bei vielen die Existenz Gottes im Zweifel bleiben, allein, weil viele, die als weise und wissenschaftlich gebildet gelten, Gegensätzliches und Falsches behaupten.

Deshalb war es moralisch notwendig, daß die göttliche Güte Vorsorge getroffen hat und der erbsündlich geschwächten Menschennatur durch die übernatürliche Offenbarung und durch die Verkündigung der Kirche die grundsätzlichsten Wahrheiten, zu denen die Wahrheit von der Existenz Gottes zählt, leicht und ohne Zweifel und ohne Irrtum und mit unfehlbarer Sicherheit zugänglich gemacht hat. „Ja, es ist ein Gott! Er hat zu uns gesprochen durch die Patriarchen und Propheten. Durch Jesus Christus und die Apostel.“ Das bezeugt uns die römisch-katholische Kirche, welche uns Zeugin und Wunderzeichen zugleich ist.

Ursachen für die Leugnung Gottes

So stimmt denn letztlich alles überein in dem Zeugnis, daß ein allmächtiger, weiser und heiliger Gott wirklich existiert: die Welt außerhalb von uns – die Welt in uns – und das Wort Gottes über uns.

Und dennoch gibt es zahllose Menschen, die denken und sagen und schreiben und sogar beweisen wollen: Es gibt keinen Gott! Wie das? – In der Regel schützen die Gottesleugner die Ergebnisse der Wissenschaft vor, der Naturwissenschaft. Ist also die Naturwissenschaft für die Leugnung Gottes verantwortlich? Niemals! Man kann nicht sagen, daß die Wissenschaft zur Leugnung Gottes führt. Im Gegenteil! Je weiter man im Studium der Naturwissenschaft, und zwar im redlichen Studium der Naturwissenschaft – ohne Voreingenommenheit durch eine atheistische Ideologie – voranschreitet, umso mehr entdeckt man, umso klarer sieht man, daß die Welt nur das Werk Gottes sein kann. Nein, die Ursache der modernen Gottesleugnung ist nicht die fortgeschrittene Wissenschaft. Es ist die Sünde! Und zwar besonders die Sünde in doppelter Gestalt: die Sünde des Fleisches und die Sünde des Geistes.

Die Sünde des Fleisches im weiteren Sinne sind jene Leidenschaften, welche darauf gerichtet sind, den Leib und seine Lüste zu befriedigen: die Habsucht, die Unmäßigkeit, die Unkeuschheit. Im Buch der Weisheit liest man im ersten Kapitel: „Die Weisheit geht nicht ein in eine boshafte Seele und wohnt nicht in einem Leib, der Sünden und Lastern dient.“ (Weis. 1,4). Ein Auge voll Staub und Schmutz kann weder tief, noch weit, noch klar sehen. „Der fleischliche Mensch“, sagt der Völkerapostel, „faßt nicht, was des Geistes Gottes ist, und kann es nicht verstehen.“ (1. Kor. 2,14). Wenn ein lasterhafter Mensch es aber auch erfaßte und verstände, so wird er doch dieser Erkenntnis wiederstehen. Das kranke Auge kann das Licht nicht ertragen und wendet sich davon ab. Der lasterhafte Mensch kann die Wahrheit nicht ertragen. Der Gedanke an einen allwissenden Gott, der den Schmutz seiner Seele sieht, an den gerechten Gott, der das Laster mit ewiger Strafe verfolgt, ist ihm unerträglich. Also wird dieser Gedanke abgeschüttelt und ersetzt durch den Gedanken: „Es wird wohl keinen Gott geben. Es ist wahrscheinlich, daß es keinen Gott gibt. Es ist gewiß, daß es keinen Gott gibt!“ Diese Sünde führt zur Leugnung Gottes.

Ist es nicht wahr? Wo finden wir denn die Gottesleugner, wenn wir ihnen begegnen? Etwa in der Kapelle? In der Zurückgezogenheit? Beim Gebet? Bei der Abtötung? An Orten der Unschuld? Gewiß nicht. Aber an den Stätten der Unmäßigkeit, in den Winkeln der Sittenlosigkeit, vor den Flachbildschirmen der Unkeuschheit. Dort gedeiht auch die Gottesleugnung üppig und häufig, wie die Sumpfblume im Sumpf gedeiht.

Die andere Sünde, welche zur Gottesleugnung führt, ist die Sünde des Geistes, der Hochmut, der Eigensinn. Die Versuchung zu dieser Sünde, welche die Engel in die Hölle gestürzt hat, kommt jedem Menschenherzen nahe, besonders denen, die hochbegabt, vielerfahren, vielgeehrt oder vielgelobt sind. Sie kommen leicht dahin, daß sie niemandem dienen wollen als sich selbst; sich von niemandem beehren lassen wollen, außer von sich selbst; kein Gesetz und keine Regel anerkennen, wenn es nicht ihre Gutheißung findet; keine Wahrheit annehmen, die sie nicht selbst gefunden haben. Sie wollen sein wie Gott, darum verbirgt sich Gott vor ihnen. Darum entzieht ihnen Gott seine Gnade. Und was passiert? Unmerklich fallen sie von einem Irrtum in den nächsten. Und zwar mit voller Überzeugung; denn sie haben ja recht, sie haben ja immer recht gehabt und immer alles recht gemacht. Der finale Irrtum in dieser langen Kette ist schließlich die in der Verblendung des Geistes gewonnene Überzeugung: „Es gibt keinen Gott!“

Wir widersprechen solchen Behauptungen und bekennen: „Gott existiert! Es gibt einen Gott, der lebt in Ewigkeit.“ Dieser Satz ist leicht zu begründen, und dabei bleibt es doch auch leicht zu erklären, warum es so viele Gottesleugner gibt. Dieser Satz ist der Grundstein unseres ganzen geistigen und sittlichen Lebens. Danken wir Gott, daß diese Überzeugung trotz der heutigen Widrigkeiten noch in unserem Herzen lebt. Machen wir aber vor allem von diesem Satz die praktische Anwendung. Es ist ein Gott, der höchste Herr. Also muß ich Ihm dienen. Es ist ein Gott, der allwissende und allmächtige Gott. Also muß ich mich Seinen Vaterhänden ganz überlassen. Es ist ein gerechter Gott. Also arbeite ich nicht umsonst, bete ich nicht umsonst, leide ich nicht umsonst. Es ist ein unendlich vollkommener Gott, ein Abgrund aller Vollkommenheit. Was folgt daraus? Dieser Gott ist es, den ich mit der ganzen Kraft meines Herzens lieben soll. Er ist es wert!

Freuen wir uns, daß wir zu diesem Gott beten können: „Vater unser, der du bist im Himmel.“ Er ist unser Vater. „Geheiligt werde Dein Name.“ Das ist das Gesetz unseres Lebens: die Ehre Gottes. „Zukomme uns Dein Reich.“ Das ist unsere Hoffnung: Das himmlische Gottesreich. „Dein Wille geschehe.“ Das ist die liebende Ergebung in Seinen hl. Willen. „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Bitten wir nur und Er wird uns alles Notwendige geben: Die Verzeihung unserer Sünden und Fehler. „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben.“ Er wird uns schützen in der Versuchung und uns bewahren vor dem Übel für das ewige Leben. Amen.

Kategorie:

Veröffentlicht: